Vollmondzauber/Achtes Kapitel

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aus: Vollmondzauber
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[27]
Achtes Kapitel.

Wochen waren vergangen. Gina Ginori lag in ihrem Bett, elend, blaß, mit tief eingesunkenen Augen. Man hätte gewähnt, einen Totenkopf in den Kissen ruhen zu sehen.

Der Arzt war da gewesen und hatte eine rasche Abnahme der Kräfte festgestellt. Alle seine Mittel schlugen fehl, es war nichts zu machen. Nahrung vertrug die Kranke nicht, auch litt sie an gänzlicher Schlaflosigkeit, sie, deren Lebensfähigkeiten sich sonst immer während des tiefen magnetischen Schlafes, in den ihr Wesen von Zeit zu Zeit versank, erneut hatten.

Am Fußende des Bettes saß Emma mit ihrer häßlich bunten Stickerei beschäftigt. Mechanisch zog sie den Faden. Von Zeit zu Zeit heftete sie den Blick auf das blasse Gesicht der Schwester, das selbst in seiner Verfallenheit noch Spuren eines seltsamen Liebreizes zeigte. Ihr Herz war voll zum Zerspringen.

[28] Ihre Gedanken, die sich sorgenmüde von der traurigen Gegenwart, der drohenden Zukunft abkehrten, irrten in die Vergangenheit zurück, aber sie fanden keinen sonnigen, heiteren Punkt, an dem sie sich hätten festnisten mögen. Überall schaurige Rätsel, drückendes Dunkel, unheilbares Leid.

Alles, was mit Gina zusammenhing, war traurig gewesen vom ersten Augenblick an, und selbst vor ihrer Geburt. Und doch liebte die ältere Schwester Gina. Sie hatte während ihres ganzen Lebens nichts andres zu lieben gehabt als Gina.

Ganz undeutlich, dämmerig schimmerte es in ihrer Seele auf, daß es einmal anders gewesen war, eine kurze Zeit hindurch, während ihrer ersten Kindheit. Sie erinnerte sich, wie sie an der Hand einer stillen, freundlichen Frau durch einen sonnenbeschienenen, blühenden Garten gewandelt war, in dem Vögel sangen. Aber das war so lange her, und es lag so vieles dazwischen, daß ihr diese Erinnerung vorkam wie ein schöner, unwahrscheinlicher Traum.

Das erste, woran sie sich ganz deutlich entsinnen konnte, war ein Tag, an dem man alle Fenster des römischen Palastes, in dem sie damals gewohnt, dunkel gemacht hatte, und besonders die Fenster des Gemachs, in dem ihre Mutter lag mit geschlossenen Augen, ein Kruzifix in der Hand. Nicht nur, daß die Fenster verdunkelt worden waren, die ganzen Wände hatte [29] man schwarz gemacht, selbst den Fußboden. Der Sonnenschein war hinausgesperrt, das bißchen Licht in dem großen Saal war künstlich und strömte von den Wachskerzen aus, die den Sarg umstanden. Emma war zu Mute, als hätte von da an der Sonnenschein nie mehr den Weg zu ihr gefunden, und als wäre alles Licht, das noch manchmal ihr Leben aufgehellt hatte, künstliches Licht gewesen.

Man hatte ihr ein schwarzes Kleid angezogen, vor dem sie sich gefürchtet, gegen das sie sich gewehrt hatte. Es hatte sich um ihre Glieder gelegt wie eine drückende, einengende, hemmende Last. Das schwarze Kleid hatte sie abgelegt, die Last trug sie noch heute. Nur war sie schwerer geworden mit den Jahren.

Dann kam das Leben in San Vitale, das Heranwachsen des von Natur aus verschlossenen, in sich gekehrten Kindes, voll uneingestandener Sehnsucht nach Zärtlichkeit und Teilnahme zwischen einem in seinen Sorgen vertieften Vater und einer bezahlten Erzieherin.

Das Leben in San Vitale, dem finsteren Schloß, das sich, eine Art Festung, auf einem Felsen an der Küste von Kalabrien erhob, aus Marmor und Granit zusammengetürmt, des künstlerischen Schmuckes weder äußerlich noch innerlich entbehrend, aber kahl, traurig, mit alten römischen Kaiserbüsten in den Gängen und mit sich über den verblaßten Fresken der Wände niederwölbenden, [30] zeitgeschwärzten Stuckplafonds. Überall Sprünge und Risse, durch die der Wind hineindrang.

Ein Wunder war es nicht, daß der Marchese sich nach etwas sehnte, seine Existenz aufzuhellen.

An einem schönen Wintertag, Anfang Januar, brachte er der damals zwölfjährigen Emma eine Stiefmutter nach San Vitale, eine junge Römerin, die Ginas Mutter werden sollte. Sie war hoch und schlank von Gestalt, etwas größer als Gina; ihr Gesicht, von dunklen Haaren umrahmt, war wunderbar schön, wie aus Alabaster geschnitten und von zwei großen, schwarzen Augen durchleuchtet.

Aber so schön die Augen auch waren, sie waren doch nicht danach geschaffen, irgend jemand wohl zu thun, irgend jemand zu erfreuen. Es war ein gespannter, unruhig aufhorchender Blick in ihnen, als fürchte sich die Marchesa vor einer Gefahr, die ihr aus weiter Ferne drohte.

Das Meer feierte die Ankunft der jungen Frau mit wilder Musik, niemand hatte es noch so toben hören. Und die Marchesa konnte den Lärm nicht aushalten und suchte im ganzen Schloß ein Zimmer, in welchem sie das Meer nicht hören würde. Aber je fester sie ihre Fenster schloß und verhängte, je tiefer landeinwärts sie in dem weitläufigen Kastell sich eine Zufluchtsstätte suchte, um so lauter tobten die Wellen.

Gegen Ende Januar mußte der Marchese verreisen.

[31] Da kam eine Nacht, in der die Flut fast bis an den Fuß des alten Kastells stieg, das in seinen Grundfesten erzitterte, und das Meer schrie wie ein Ungeheuer, das seine Beute fordert. Und den nächsten Tag wandelte die Marchesa durch die Gänge mit offenem Haar und mit einem geheimnisvollen Lächeln auf den Lippen, immerfort eine eigentümliche, unheimliche Melodie vor sich hin summend, dieselbe, die Gina jetzt manchmal sang.

Tage vergingen, Wochen, Monate. Die englische Erzieherin war davongelaufen, der Marchese in Trübsinn verfallen. Über dem ganzen Schloß schwebte eine dumpfe Aufregung, als poche ein wühlendes Fieber in den alten Steinwänden. Es war ein ewiges Zittern und Schaudern. Die kleine Emma fürchtete sich, und wenn sie ihre alte Wärterin, die ehemals ihre Kinderfrau gewesen war, fragte, was der böse, unklare Lärm bedeute, so antwortete die Wärterin jedesmal, es sei der Wind.

Manches Mal mischte sich in das Zittern und Schaudern ein wildes Toben und Schreien, – da erklärte die Wärterin, das seien die Raubvögel, die draußen krächzten. Aber Emma wußte, daß es nicht die Vögel waren, und daß der Lärm nicht von draußen kam.

Die Stiefmutter sah sie fast nicht mehr. Sie galt für unwohl und hielt sich meist auf ihrem Zimmer. [32] Einmal erblickte Emma sie zufällig im Garten, einen statuenbesetzten, von Olivenbäumen umschatteten Weg einherschreitend, zwischen zwei Nonnen. Sie hatte die Haare kurz abgeschnitten, ihre Hände waren auf dem Rücken zusammengebunden.

*      *      *

Das Ärgste waren die Nächte. Unten das tosende Meer und im Schloß das Toben und Schreien und das geheimnisvolle Pochen und Zittern, das das Unheimlichste war von allem.

Und wenn Emma sich gar zu sehr fürchtete, so setzte sich die Wärterin, eine schöne, alte italienische Bauersfrau mit großen goldenen Ringen in den Ohren, an ihr Bett und fing an, bald lustige, bald wehmütige Stornelli zu singen, so laut sie mit ihrer alten Stimme konnte, damit Emma die bösen Geräusche nicht hören möge, die sie ängstigten.

Der trockene, durstige Sommer ging vorüber, der Herbst kam. Die Nächte wurden lang. Immer schrecklicher wurden sie. Und einmal saß die alte „Nana“ bis in die Morgenstunden neben Emmas Bett und sang, bis sie heiser wurde, und als sie heiser war, sang sie noch. Und wenn sie abbrach, um Atem zu holen, da hörte Emma erschreckte Ausrufe und flüsterndes Reden und ein unruhiges Hin- und Herhuschen draußen im Gang.

[33] Und endlich versagte die Stimme der treuen Wärterin.

Emma mußte wieder horchen und sich fürchten.

Die Unruhe in den Gängen hatte aufgehört, aber aus dem Meer erhoben sich grausige Laute, immer derselbe gellende Aufschrei, der sich in ein leises Kichern verlief. Es war, als schleudere der Ozean höhnende Verwünschungen gegen den Felsen, den das Kastell San Vitale krönte.

Endlich schlief Emma ein. Als sie aufwachte, stand die Wärterin neben ihr. Auf ihrem feierlichen Gesicht war zu lesen, daß sich etwas Wichtiges ereignet hatte.

„Was ist’s,“ fragte Emma ängstlich, „was ist geschehen?“ Da sagte die Alte mit bebender Stimme: „Über Nacht hat Gott die Frau Marchesa zu sich genommen und dir ein Schwesterchen geschenkt!“

„Ein Schwesterchen!“ jauchzte Emma. „Und wo ist das Schwesterchen hergekommen? Hat es das Meer an das Land gespült?“

Da fuhr die Alte zusammen, als habe Emma unvorsichtig an ein großes Geheimnis gerührt. „Vielleicht,“ murmelte sie und bekreuzte sich.

Schon den nächsten Tag senkten sie die verstorbene Marchesa in die Gruft der Ginoris – ein altväterisches Mausoleum von vier hohen Cypressen umstanden – eine an jeder Ecke, und hinter jeder Cypresse [34] eine große Granitkugel, die mit der Kugel an der nächsten Ecke durch eine schwere Kette verbunden war, ringsherum dunkle Reihen von niedrigem, künstlich zugestutztem Buchsbaum.

Dahin trugen sie die Tote. Und während sie sie hintrugen, hörte Emma die Leute flüstern: es ginge irgend etwas nicht mit rechten Dingen zu, ein böses Geheimnis schwebe über der Geburt des kleinen Mädchens; noch im Sterben, und als der Priester mit dem Allerheiligsten an ihr Bett getreten war, habe die Marchesa geschrieen, man solle das kleine Balg in das Meer werfen, das sei das Beste, und dann wäre endlich wieder Friede.

„Freilich … die Worte einer Irrsinnigen …“

So hörte es Emma zum erstenmal, daß ihre Stiefmutter irrsinnig gewesen war.

Der Tag war schön, die Luft war warm und duftete, wie sie nur an schönen Herbsttagen in Italien duftet, wenn sich in den Atem der blühenden Rosen der Geruch des Buchsbaums und des Lorbeers mischt.

Und die Welt war schön mit einer verklärten Schönheit, die ihr nur eigen ist, wenn der Sonnenschein von heute in den Regen von gestern hineinscheint. Die immergrünen Steineichen, die Rosen, die sich an ihren Ästen hinaufrankten, die Pinien und Cypressen und die Kastanienbäume in ihrem gelichteten, [35] goldfarbigen Laub, alles triefte von Nässe und flimmerte von Licht. Die regenbespülten Felsen, in deren Rissen sich stachlige, blaugrüne Kakteen festgenistet hatten, glitzerten, wie mit Diamanten bestreut. Große Weihrauchwolken hingen in der Luft, und die Wachskerzen qualmten.

Tief unten brauste das Meer, und von oben antworteten ihm die Totenglocken.

*      *      *

Als Emma von der Trauerzeremonie heimkam, verlangte sie, sofort zu dem Schwesterchen geführt zu werden. Das Kind, fest von weißen Laken umwunden, schlief, die Fäustchen unter Kinn.

Und Emma dachte schaudernd an das Gerede der Leute, daran, daß die Verstorbene das kleine Geschöpfchen hatte ins Meer werfen lassen wollen. Da nahm sie das zarte, winzige Wesen in die Arme und küßte es und weinte. Von jenem Tag an liebte sie die Schwester.

Sie liebte das Schwesterchen alle Tage inniger.

Gina wuchs auf, schön, ungewöhnlich und unheimlich. Einmal war sie in einer Vollmondnacht aus dem Schloß gelaufen und Emma hatte sie gefunden, wie sie mit ihren Nägeln an der Thür der Gruft kratzte, hinter der ihre Mutter den letzten Schlaf schlief; ein andermal auf dem Friedhof in dem [36] elenden Dorf, das sich hinter Kastell San Vitale erhob. In einem halb zugeschaufelten Grab hatte sie sie gefunden, in der Erde wühlend.

Seither hatte sie immer in derselben Stube geschlafen mit Gina. Sie hatte die Fenster vergittern lassen und am Abend die Thür zugesperrt und den Schlüssel unter ihr Kopfkissen gesteckt. Und von da an war Ruhe, und Emma vergaß ihren Schrecken und dachte, daß es sich um etwas Vorübergehendes gehandelt habe, aus dem sich das Kind herauswachsen würde.

Aber sie hatte sich geirrt. Das Ärgste, das Grausigste kam, als Gina zwischen dreizehn und vierzehn Jahre zählte, und wieder in einer Vollmondnacht kam’s.

Emma fragte sich, ob sie den Verstand verloren habe. Sie wußte nicht, was sie anfangen solle, sie wagte es nicht, das Geheimnis der Schwester einem Arzt preiszugeben. Endlich begab sie sich heimlich zu einer weisen Frau, die in einer Art Höhle am Felsenabhang wohnte und seit mehr als vierzig Jahren in der ganzen Umgebung Rat erteilte und ihre Hexenkünste betrieb.

Als Emma die Schilderung der geheimnisvollen Krankheit ihrer Schwester beendet hatte, schüttelte die Alte den Kopf, seufzte und meinte endlich: das sei alles nicht so merkwürdig und in Anbetracht der Umstände, [37] die Ginas Geburt begleitet hatten, nicht weiter wunderbar. Als aber Emma über diese Umstände etwas Näheres erfahren wollte, hatte die Alte erwidert: „Fragt das Meer, das Meer weiß es besser als ich!“ Andres war nicht aus ihr herauszubekommen.

Ratschläge zu erteilen war sie hingegen bereit. Das dreiundzwanzigste Jahr würde ihrer Schwester verhängnisvoll werden und bei ihr über Glück und Unglück entscheiden. Emma solle die Schwester besonders hüten bei Vollmondschein, Vollmondnächte wären gefährlich. Das Beste in solchen Nächten wäre, die Schwester in einen tiefen Schlaf zu versenken, einen Schlaf, der dauerte, solange der Vollmond schien. Und sie lehrte Emma, wie man es machen müsse, den totenähnlichen Schlaf zu erzwingen.

Und dann hatte Emma gefragt, ob es kein Mittel gebe, die Schwester gänzlich zu heilen. Da hatte die Alte in den Räucherkessel geblickt, der immer vor ihr stand, wenn sie um Rat befragt wurde, und aus dem ein seltsamer Dunst in feinen bläulichen Gewinden emporstieg.

„Ein Mittel,“ wiederholte sie, „ein Mittel, die Schwester zu heilen? Wer weiß! Sie hat nicht Leben genug in sich, sie braucht eine Flamme, eine große, starke Flamme, die sie ganz durchglüht, so durchglüht, daß ihr Blut nie mehr erkalten kann.“ Dann sich weit vorbeugend durch die feinen Rauchwölkchen, [38] die sie von Emma trennten, fuhr sie fort: „Die Liebe braucht sie!“ Damit stellte die weise Frau den Räucherkessel weg, was anzeigte, daß sie die Sitzung für beendigt hielt.

Emma erhob sich. „Noch eine Frage,“ bat sie, an die Wahrsagerin herantretend: „Ist es überhaupt ratsam für meine Schwester, zu heiraten? Könnte sie einen Mann glücklich machen?“

Die Wahrsagerin maß sie mit einem spöttischen Blick von oben bis unten, dann die Marchesina duzend, wie sie jede Bauernmagd duzte: „Ma che ti fa!“ rief sie heiser, „und wenn er stirbt, sie wird leben!“

Daran dachte Emma an diesem kalten Junitag, während Gina sterbend in ihren Kissen lag und die Bäume draußen wie im Spätherbst fröstelten.

Sie trat an das Bett der Schwester.

Sorella mia, wie geht’s?“

Die Leidende bewegte nur leise stöhnend den Kopf.

„Hast du einen Wunsch, Ginetta, sorella mia?“ Die kalte, gemessene Emma beugte sich über die Schwester und streichelte ihr volles Haar.

„Mach das Fenster auf,“ stöhnte Gina.

Emma that’s.

„Die Luft riecht feucht und modrig,“ murmelte Gina, dann setzte sie hinzu: „Wie ein offenes Grab!“

„Ach, Gina, Ginetta, wer wird an so traurige Dinge denken!“

[39] „Traurig?“ Ginas Augen blickten höhnisch und finster. „Mir sind sie nicht traurig, ich habe mich nie vor Gräbern gefürchtet. Ah! du glaubtest immer, daß du alles wüßtest, wenn ich fortschlich –, aber du weiß nichts … Einmal … in San Vitale, du schliefst so fest, da zog ich den Schüssel unter deinem Kissen heraus, und dann schlich ich mich wieder hinaus in den Kirchhof. Es zog mich hin wie noch nie, und dort fand ich ein offenes Grab, das auf eine Leiche wartete. Und da legte ich mich hinein, ganz lang streckte ich mich aus. Ach, das that wohl, und ich fühlte, wie die große Kälte über mich kam, der tiefe Schlaf, und ich freute mich, da … plötzlich durchzog mich eine Unruhe, ein Fieber. Über die Erde schlich ein linder Wind, und der sang. O, wie der sang … die Liebeslieder sang er, mit denen der Frühling die schlafende Erde weckt. Und die ganze Erde fing an zu duften bis in das Grab, und die Blätter und Bäume dufteten, und die Knospen sprangen auf, die Knospen der Orangenbäume, die Knospen wurden Blüten, und die Blüten dufteten – ach, wie sie dufteten – und sie küßten sich, ich hörte es ganz deutlich, wie sie sich im Mondschein küßten, leise, leise! Da setzte ich mich auf in meinem Grab und horchte, und da kam eine Sehnsucht über mich, so eine Sehnsucht nach allem, was heiß und schön ist, nach allem, was Blüten treibt und im Rausch des [40] Lebens den Tod vergißt. Und seither suchte ich’s, den großen beglückenden Schmerz, er war mir ganz nah, ganz nah … und nun ist er fort. O Emma, das ist es ja, woran ich zu Grunde gehe, daß er mir so nah war und nun entschwunden ist, entschwunden auf ewig … ewig!“

*      *      *

Swoyschins kleiner roter Reisekoffer lag gepackt in seinem Zimmer; der Diener beschäftigte sich jetzt noch mit dem Füllen und Zuschrauben der verschiedenen Flaschen und Büchsen des Reisenecessaires. Denn Swoyschin sollte noch selbigen Tages abreisen. Die Unzufriedenheit des Obersten mit seinem Adjutanten hatte sich längst wieder in Sorgen und Mitleid aufgelöst. Der Oberst hatte sich den Kopf zerbrochen, auf welche Art sein junger Freund am rationellsten zu zerstreuen und auf andre Gedanken zu bringen wäre.

Vorläufig schickte er ihn in dienstlichen Angelegenheiten nach Polen, um Pferdekäufe zu inspizieren.

Auf dem Rückweg konnte sich der Adjutant zu Hause aufhalten, gar zu genau war ihm die Zeit nicht bemessen. Ein Oberlieutenant von Rank, ein freundlicher, gewandter und begabter Offizier, würde indessen seine Stelle vertreten.

„Sobald er fort ist, werden diese Ginoris auch keinen Grund mehr haben, die Gegend unsicher zu [41] machen, sie werden ihrer Wege ziehen, und wir fangen alle ein neues Leben an.“

So die Berechnung des Obersten.

Während sich Swoyschins Diener mit den Reisenecessaire beschäftigte, saß Zdenko mit seinem Vorgesetzten in dem Rauchzimmer des letzteren und stärkte sich für die Reise mit einer Tasse Thee.

Da trat der Diener herein und meldete, daß jemand den Herrn Grafen Swoyschin zu sprechen wünsche.

„Wer ist’s?“ fragte zusammenfahrend Zdenko.

„Ich weiß nicht,“ erwiderte der Diener. „Es ist eine Dame, und sie ist verschleiert.“

Swoyschin fuhr mit einer Verwünschung halb aus seinem Sessel heraus, dann die Faust ballend, rief er: „Sagen Sie ihr, ich empfange keine verschleierten Damen, die ihren Namen nicht nennen wollen.“

In dem Moment öffnete sich die Thür. „Ich bin’s,“ murmelte eine gedämpfte Stimme, und eine schmale, aber ziemlich große Hand in einem dunklen Handschuh streckte Swoyschin durch die halb geöffnete Thür einen Zettel zu, ohne daß die Person, der die Hand gehörte, sichtbar geworden wäre.

In aller Eile öffnete Swoyschin den Zettel. Kaum daß er ihn gelesen hatte, reichte er ihn dem Obersten, worauf er sofort verschwand.

[42] Der Zettel enthielt die Worte:

„Kann ich Sie sprechen? Nur einen Augenblick!
 Emma Ginori.“

*      *      *

Sie standen einander gegenüber, Emma und der junge Offizier. Seine Haltung hatte etwas Schroffes, Abweisendes, fast Drohendes, wie die eines Menschen, der sich im Bewußtsein ungenügender Kräfte zu einem Kampf vorbereitet, ihre Haltung hingegen war sehr ruhig und von einer geradezu entwaffnenden Bescheidenheit.

„Sehen Sie mich nicht so finster an,“ sagte sie in ihrer gedämpften gleichmäßigen Stimme, „es ist mir schwer genug gefallen, herzukommen.“

Bis dahin hatte sie mit gesenkten Augen gesprochen, jetzt hob sie den Kopf, betrachtete ihn aufmerksam mit dem Blick, mit dem ein kundiges Auge eine schwierige Handschrift liest.

„Sie wünschen?“ fragte er nach einer Weile fast herausfordernd. Das unheimliche Schweigen dauerte ihm zu lange.

„Um das, was ich wünsche, handelt es sich gar nicht,“ entgegnete sie ihm bitter, „es handelt sich darum, einer Sterbenden den Todeskampf zu erleichtern.“

Er erwiderte nichts und starrte zu Boden.

„Einer Sterbenden, der Sie das Herz gebrochen haben,“ sagte Emma sehr leise.

[43] Diesmal fuhr er auf. „Gräfin!“ rief er.

„Werden Sie nicht heftig,“ entgegnete sie immer in derselben aufreizenden, gemessenen Art. „Sie wissen es ja, daß ich recht habe. Jeder, der Sie mit ihr zusammen gesehen hat, weiß es. Meine Schwester hat Ihnen gefallen, sie gefällt einem jeden, sie muß jedem gefallen. Aber ihr Herz war bisher fest verschlossen. Da sind Sie gekommen. Sie hat Ihnen gehört vom ersten Augenblick, und Sie haben sich gebärdet, als ob Sie das Ihnen bescherte Glück zu schätzen wüßten. Da, in einer Sekunde war alles vorüber! Sie haben sie von sich gestoßen, ohne Rücksicht, und der Scham und Verzweiflung preisgegeben.“

Eine lange Pause folgte. Sie schien zu warten, daß er etwas erwidere, sich verteidigen werde. Aber was hätte er erwidern, wie sich verteidigen sollen?

Er schloß die Lippen fest aufeinander und runzelte die Stirn. Da trat Emma ganz nahe an ihn heran, und ihm mit ihrem geraden Blick fest in die Augen sehend, rief sie: „Meine Schwester liegt im Sterben! Hören Sie, im Sterben, und das haben Sie gethan!“

„Gräfin, ich bedaure unendlich, was geschehen ist,“ erwiderte er mit zugeschnürter Kehle, „aber zu ändern ist daran nichts mehr. Ihre Schwester wird diese Episode vergessen, wie ich sie zu vergessen hoffe, und das Leben wird von neuem für sie beginnen.“

„Für meine Schwester wird kein neues Leben [44] beginnen, meine Schwester muß sterben. Der Arzt gibt ihr unter besonders günstigen Witterungsverhältnissen und Gemütsumständen einen Monat. Ein Monat, dann muß sie sterben. Und das ist Ihr Werk, Graf Swoyschin! Aber auch mit Ihrem Leben wird’s zu Ende sein, wenn Sie sich in diesem Fall so unbeschreiblich grausam zeigen.“

Dann noch näher an ihn herantretend, rief sie: „Erinnern Sie sich ich noch an die heiße Sommernacht in Wien auf der Roßau? Erinnern Sie sich an die zwei Mädchenleichen, die unter Blumen aufgebahrt lagen? Und – erinnern Sie sich an den kalten Märztag, an jenem Weiher, auf dem das Eis zu schmelzen anfing?“

„Um Gottes willen, Gräfin, wer gibt Ihnen das Recht, in meiner Vergangenheit zu wühlen?“ schrie er.

„Wer mir das Recht gibt?“ wiederholte sie schneidend, sehr langsam, „ich hab’s Ihnen ja schon gesagt, meine Schwester liegt im Sterben. Sie weiß, daß ich hier bin, ich habe ihr vorgelogen, daß ein Mißverständnis allein Sie von ihr getrennt haben könne, habe ihr versprochen, eine Versöhnung zu vermitteln. Und wenn ich unverrichteter Dinge zurückkehre, so kann ich Ihnen das eine schwören, daß meine Schwester die Nachricht nicht überlebt, nicht vierundzwanzig Stunden.“

Er stand noch immer regungslos mit gerunzelten Brauen, die Fäuste krampfhaft geballt, da.

[45] „Ruhe werden Sie nicht finden, die neue Reue wird die alte wecken, Sie werden sich elend durchs Leben schleppen und sich vor dem Jenseits scheuen!“ fuhr sie immer mit ihrer eintönigen, eindringlichen Stimme fort, einer Stimme, die ihm wie ein eiserner Nagel in die Seele drang. „Während so …“ sie brach ab.

„Während so …“ wiederholte er tonlos.

„So, wenn Sie die paar elenden Wochen hindurch meine Schwester mit ein paar barmherzigen Lügen beruhigt, ihr das Sterben erleichtert haben, wird Ihnen von dieser Episode nichts übrig bleiben als die Erinnerung an eine großmütige That und das Gefühl einer großen Befreiung. Wählen Sie.“

*      *      *

Zwei Minuten später kehrte der Adjutant zu seinem Obersten zurück.

„Na, Swoyschin, das wäre überstanden,“ sagte der Oberst aufmunternd, „aber Sie haben die höchste Zeit zur Eisenbahn. Ein Glas Cognac auf die Reise?“

„Ich reise nicht,“ murmelte Zdenko dumpf.

„Wieso … warum?“

„Weil ich mich morgen früh mit Gina Ginori verloben muß,“ erwiderte er mit einem bösen Blick.

Der Oberst fuhr auf. „Sie wollen sich verloben, morgen, mit Gina Ginori?“

[46] „Ja, ich habe ihrer Schwester mein Ehrenwort darauf geben müssen,“ sagte er hart.

„Aber, Mensch, das ist ja der reinste Aberwitz! Sie erklärten mir ja immer, lieber eine Kugel vor den Kopf, als Gina Ginori heiraten.“

„Von Heiraten ist gar keine Rede,“ entgegnete hastig und aufgeregt Swoyschin. „Emma beteuerte mir, davon könne keine Rede sein. Gina Ginori liegt im Sterben, und ich soll ihr Liebe vorlügen aus Barmherzigkeit, um ihr den Todeskampf zu erleichtern. Verstehen Sie, Herr Oberst, verstehen Sie?“

„Herr Gott!“ entfuhr’s dem Obersten unwillkürlich, „und Annie?“

Swoyschin hielt sich die Hand über die Augen.

„Sie kann nicht länger leben als vier Wochen, das ist mein Trost, einen andern weiß ich nicht,“ sagte er schaudern.

*      *      *

Die Uhr neben Ginas Bett tickt eintönig, gleichmäßig, immer im selben Takt, aber das Herz Ginas pocht immer ungleicher, manchmal so rasch, daß man die Schläge kaum zu zählen vermag, dann wieder schleppend, mit langen Pausen zwischen den Schlägen, wie todmüde, – man möchte denken, es bleibt stehen.

Aber nein, Gina hält es nur zurück, hemmt seinen Schlag, um aufmerksam zu horchen: „Kommt Emma noch nicht?“

[47] Sie richtet sich mühsam in den Kissen auf, mühsam und keuchend, um nach der Uhr zu sehen. Halb acht Uhr, – jetzt muß sie kommen. Horch, ein Wagen auf der Straße unten – nein, er fährt vorüber … nichts.

O Gott, wie sind die Stunden lang! Eine Krankenpflegerin sitzt strickend neben Ginas Bett. Die stählernen Nadeln klappern aneinander. Ärgerlich über das Geräusch gebietet ihr Gina, sich still zu verhalten. Die Pflegerin steckt die Strickerei in einen großen Beutel aus buntgeblümtem Kattun. Dann faltet sie die Hände, seufzt, langweilt sich. Gina schließt die Augen, thut, als ob sie schliefe. Die Pflegerin mustert sie aufmerksam. Der Schlief sieht täuschend echt aus. Ein letztes Mal überlegt sich’s die Wärterin, dann steht sie auf, verläßt das Zimmer.

Mit einem listigen Lächeln, leise wie eine Katze, kriecht Gina aus ihrem Bett, geht auf das Fenster zu, das die Pflegerin sorgfältig geschlossen hat, und öffnet es. Gierig atmet sie die kühle, feuchte Luft. Sie sagen alle, daß sie sich hüten muß vor erneuter Erkältung, daß ihr ein einziger kalter Luftzug verderblich werden kann.

Thorheiten!

Es ist nicht der kalte Luftzug, der sie töten wird. Was an ihr zehrt, was ihr am Leben frißt, das ist die Sehnsucht nach Zdenko Swoyschin. Sie blickt hinaus. Über den smaragdgrünen, nassen Rasenplätzen [48] strecken sich die Schatten lang und schwarz. Unten gegen den Boden zu ist die Luft still, kein Grashalm regt sich. Nur hoch oben ist eine leise Bewegung. Die Wipfel der alten Bäume wehen hin und her und singen ein trauriges Lied.

Dort unten liegt der Kirchhof. Die goldenen Aufschriften der Kreuze blinken und blitzen im Licht der tiefstehenden Sonne.

Wie spät es geworden ist! Kommt Emma noch immer nicht? Da … ein Wagen, ein herrschaftlicher, rasches Rollen, und diesmal zieht’s nicht vorbei, nein, den Schloßberg herauf kommt’s.

Hastig schlüpft Gina in ihr Bett zurück.

Jetzt hört sie Emmas Schritt im Korridor: wie langsam sie geht, sie muß traurige Nachrichten bringen! Menschen, die Gutes zu berichten haben, gehen schnell. Ginas Herz hört auf zu schlagen, ihr ganzes Sein ist nur noch ein aufgeregtes Horchen.

Jetzt öffnet sich die Thür, Emma tritt ein, totenbleich, mit Regentropfen auf dem Hut und auf ihrer Jacke.

„Nun?“ Gina richtet sich in ihrem Bett auf. „Nun, Emma, was gibt’s?“

Am Fußende des Bettes ist Emma stehen geblieben, schweigend und mit einem starren, in sich gekehrten Blick.

„Du hast nichts erreicht?“ murmelt Gina.

[49] „Er kommt morgen,“ erwidert Emma tonlos.

„Morgen?“

„Er hat mir sein Ehrenwort darauf gegeben.“

„Ach, Emma, sorellina mia!“

Gina will die Hände der Schwester fassen und sie mit Küssen bedecken. Aber zum erstenmal in ihrem Leben wehrt Emma die Hände der Schwester von sich ab. „Laß mich,“ murmelt sie, dann geht sie auf ihr Zimmer zu, das an Ginas Schlafgemach stößt.

„Emma, wo gehst du hin? Erzähl’ mir doch!“

„Ich will mein nasses Zeug ablegen.“

Emma verschwindet.

Ginas Augen blitzen zornig, aber ihre Lippen verzerren sich vor wilder Freude. „Morgen,“ haucht sie vor sich hin, „morgen.“

Emma ist indes auf einen Sitz niedergesunken, sie denkt nicht daran, sich auszukleiden. Die Ellbogen an die Rippen gepreßt, die Hände ineinander gelegt, blickt sie vor sich hin. „Gott helfe mir,“ murmelt sie, „ich bin eine Verbrecherin, eine Mörderin, das bin ich,“ dann sich aufraffend wie aus einer dumpfen Erinnerung heraus: „Ma che ti fa! sie wird leben!“