Warum sind unsere Kirchen nie leerer, als an den Geburts- und Namensfesten unserer Landesherrschaft

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Autor: Christian Philipp Heinrich Brandt
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Titel: Warum sind unsere Kirchen nie leerer, als an den Geburts- und Namensfesten unserer Landesherrschaft?
Untertitel: Eine Predigt am 15. October 1829, als am Namensfeste Ihrer Majestät der Königinn Theresia von Bayern
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Erscheinungsdatum: 1829
Verlag: Raw’sche Buchhandlung
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Erscheinungsort: Nürnberg
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Warum sind unsere Kirchen nie leerer, als an den Geburts- und Namensfesten unserer Landesherrschaft?




Eine
Predigt
am 15. October 1829,
als


am Namensfeste
Ihrer Majestät der Königinn
Theresia von Bayern,
gehalten


von


Christian Philipp Heinrich Brandt,
zweitem Pfarrer zu Roth.



[...] Stiftung für das Schullehrer-Seminar
[...] Altdorf. (Preis 6 kr.)

[... Verlag de]r Raw’schen Buchhandlung zu Nürnberg und
bei dem Verfasser.

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Vorwort.




In einer Zeit, in der sich so viele öffentliche Blätter nicht scheuen, zum Ärger und Eckel für alle wahrhaft christlich gesinnten Unterthanen, von angebeteten Königen und Königinnen zu schwätzen; in welcher die wahrhaft christliche Liebe gegen die Obrigkeit immer nur bei den allerwenigsten Unterthanen sich findet und die Kirchen nie leerer sind, als an den Geburts- und Namensfesten der Landesherrschaft, ist wohl dieser kurze Vortrag ein Wort zu seiner Zeit, und vielleicht manchem Leser nicht unwillkommen, der mit dem Verfasser Überzeugung ist, daß nicht das äussere Gepränge und das laute Lobpreißen der beßte Beweis der wahren Liebe zur Obrigkeit sey, sondern vielmehr der christliche Gehorsam, die christliche Bitte, Fürbitte und Danksagung für die Obrigkeit.


|  Daß diese, neben mehreren anderen Amtsgeschäften niedergeschriebene Predigt auf Kunst und Gelehrsamkeit nicht den geringsten Anspruch machen will, lehrt der erste Blick in dieselbe. Ihr Zweck ist erreicht, wenn das einfache Wort auf einen Übelstand aufmerksam macht, der von größerer Bedeutung ist, als viele Zeitgenossen zu bedenken scheinen.


 Zu ihrer öffentlichen Bekanntmachung durch den Druck hat den Verfasser ein Mann aufgefordert, dem die, an Abgötterei gränzenden, Schmeicheleien, mit welchen man heutzutage die fürstlichen Personen mehr zu kränken, als zu ehren pflegt, längst ein Greuel sind, weil er aus vieljähriger Erfahrung die nichtswürdigen Absichten kennen gelernt hat, in welchen jene ihren Grund haben.


Der Verfasser. 




| Mannichfaltig und groß sind die Wohlthaten, welche Du, o allgütiger Gott! auch über unser Vaterland ausgießest. O daß sie von allen, die ihrer theilhaftig werden, recht erkannt und Dir dafür von allen der Dank dargebracht werden möchte, der Dir gebührt! Nimm ihn hin von unsern Herzen, und verschmähe die Bitte nicht, über unser königliches Haus und unser ganzes Vaterland noch ferner den Reichthum Deiner Barmherzigkeit und Treue auszugießen. Vornämlich bitten wir Dich heute um Wohlseyn und Segen für unsere geliebte Königinn, die Du auch zu unserm Besten dem Könige zur Seite gegeben hast. Sey Du ihr Beystand auf allen ihren Wegen, lenke ihr Herz immerhin auf das, was Dir wohlgefällt; erhöre ihr Gebet, wenn sie in der Stille des Herzens für die Ihrigen, für ihren königlichen Gemahl, für ihre Kinder und für das Vaterland zu Dir steht. Erfreue sie hier mit dem höchsten Gute, dem Frieden einer von Dir begnadigten Seele, und schmücke sie dort mit der Krone des ewigen Lebens, um Jesu Christi, unsers Herrn willen, in dessen Namen wir noch andächtig also beten: Vater Unser etc.

 Text: Ebräer 10, 25.

Lasset uns nicht verlassen unsere Versammlungen, wie etliche pflegen; sondern unter einander ermahnen, und das so vielmehr, so ihr sehet, daß sich der Tag nahet.

|  Mit Freuden treten wir Diener des Evangeliums in der hiesigen Gemeine an jedem Sonntage auf dieser heiligen Stätte auf, weil wir da den Namen des Herrn Jesu Christi, den, der der Weg, die Wahrheit und das Leben ist, immer einer vollen Versammlung verkündigen können, und deren nur wenige sind, welche diese unsere Versammlungen verlassen. Mit Trauer im Herzen aber betreten wir diese heilige Stätte an den Tagen, welche die Kirche zur Feyer der Geburts- und Namensfeste unseres Königes und unserer Königinn verordnet hat, weil wir da nur hie und da eine Seele gewahr werden, die der heiligen Pflicht, für die Obrigkeit zu beten, nachkommt. Wo sind da die Vorsteher, Rathsleute, und Ältesten unserer Gemeinen, die doch auch im gemeinschaftlichen Gebete für die Obrigkeit den Übrigen mit gutem Beyspiele vorangehen sollten? Warum sucht da unser Auge vergebens diejenigen Bürger, die mit ihrem Waffenglanze vor den Kirchen ihre Liebe zu der Obrigkeit an den Tag zu legen suchten? Warum sind da die Stühle der allermeisten Hausväter und Hausmütter leer, die doch so hoch verpflichtet sind, ihren Kindern das Gebet, „fürchtet Gott und ehret den König,“ „thut Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Obrigkeit“, besonders auch durch ihr eigenes Beispiel einzuprägen? Was ist Schuld daran,

daß unsere Kirchen nie leerer sind, als an den Geburts- und Namenstagen unserer Landesherrschaft?

 Diese Frage will ich euch jetzt unter dem Beystande Gottes zu beantworten suchen. Erwartet nicht, meine Geliebten, daß ich euch alle Ursachen hievon in dieser einzigen Stunde aufzähle – denn ihrer sind zu viele – sondern vernehmet nur die hauptsächlichen derselben. Daß unsere Kirchen nie leerer sind, als an diesen Tagen, kommt daher:


| I. weil so viele Menschen die hohe Wichtigkeit einer von Gott verordneten Obrigkeit nicht genug bedenken;

II. weil so vielen, wie überhaupt aller Glaube, so auch besonders der Glaube an die Kraft und den Segen einer ernstlichen Fürbitte für die Obrigkeit fehlt; und endlich

III. weil so viele von den verkehrten und lieblosen Urtheilen, die sie heutzutage über alle Obrigkeiten hören, zu gleicher Verkehrtheit und Lieblosigkeit sich hinreißen lassen.


 Herr aller Herren und König aller Könige, der Du willst, daß wir Dir unter unserer lieben Obrigkeit im stillen Frieden dienen und sie als Deine Ordnung in rechten Ehren halten, laß das Wort der Wahrheit auch jetzt zu unsern Herzen dringen, daß es bey uns Frucht schaffe. Amen.


I.

 Als den ersten Grund, warum unsere Kirchen nie leerer sind, als an den Geburts- und Namensfesten unsrer Landesherrschaft, haben wir angegeben: weil so viele Menschen die hohe Wichtigkeit einer von Gott verordneten Obrigkeit nicht genug bedenken.

 Es ist bekanntlich kein Stand in der Welt, den das Wort Gottes so geehrt wissen will, als der Stand der geistlichen und weltlichen Obrigkeit. Jesus und die Apostel ermahnen dazu aufs Ernstlichste und legen diesem Stande eine sehr große Wichtigkeit bey. Das Wort Gottes nennt die Könige und Fürsten Knechte des Allerhöchsten, Hirten der Völker; nennt sie Engel Gottes und| Söhne Gottes; nennt die Obrigkeit Gottes Ordnung, Gottes Dienerin, Gottes Rächerin, Gottes Stellvertreterin. Das Wort Gottes zeigt, daß die Obrigkeit nicht von Menschen eingesetzt sey, sondern von Gott, von dem jede gute Gabe kommt, und daß sie ihre Macht nicht Menschen, sondern dem Allmächtigen verdanke. Das Wort Gottes will, daß wir der Obrigkeit nicht bloß um der Noth, sondern auch um des Gewissens, ja um Christi willen gehorchen sollen. Und was sagt Gottes Wort von der Wohlthat einer guten Obrigkeit? „Jedermann sey unterthan der Obrigkeit, die von Gott ist, denn sie ist Gottes Dienerin, den Frommen zu Gute, und eine Rächerin, zur Strafe über den, der Böses thut.“ „Die Könige, lesen wir im Buche des Propheten Jesajas, sollen deine Pfleger, und ihre Fürsten deine Säugammen seyn.“ „Wohl dir Land, deß König edel ist!“ ruft Salomo. „Ein kluger König ist des Volkes Glück,“ heißt es im Buche der Weisheit. „Wo eine verständige Obrigkeit ist, da gehet es ordentlich zu“, sagt Sirach.
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 Und was das Wort Gottes von der Wohlthat einer guten Obrigkeit sagt, wie leicht kann sich davon ein jeder Mensch durch die tägliche Erfahrung überzeugen, wenn er darüber nachdenken will. Was können wir bey dem natürlichen Verderben, bey der uns angebornen Neigung zum Eigensinn, zur Rechthaberey, zur Herrschsucht, zur Wollust und allen andern, die öffentliche Ruhe und Wohlfahrt störenden, Sünden weniger entbehren, als diese Ordnung Gottes? Was würde, da immer nur der kleinste Theil der Menschen aus solchen besteht, die durch den Geist Gottes wiedergeboren sind und vom Geiste Gottes getrieben werden, bey diesem Hange zur Ungebundenheit aus der menschlichen Gesellschaft werden, wenn jeder seinen Neigungen ungestört nachhängen könnte? Würden da nicht Ruhe und| Wohlfahrt nur dem Namen nach bekannt seyn? Wäre da nicht allen Verbrechen und allen Greueln Thür und Thor geöffnet? Haben wir doch schon oft aus einem großen Lande her gehört, was aus dem Familienleben, was aus einem ganzen Lande in kürzester Zeitfrist werden kann, wenn die Ordnung der Obrigkeit aufhört. Wie da die Lasterhaften und Grausamen die größten Verbrechen so ungestraft an den Stillen und Gottesfürchtigen im Lande ausübten! Wie da das Blut der Unschuldigen in Strömen floß! Wie da Zucht und Ehrbarkeit so frech verhöhnt und mit den heiligsten Gebräuchen so freventliches Spiel getrieben wurde! Und läßt sich für ein Land ein größeres Unglück denken, als wenn des Herrn Drohung an demselben in Erfüllung geht: „Ich will dir einen König in meinem Zorn geben; ich will ihnen Jünglinge zu Fürsten geben und Kindische sollen über sie herrschen.“ Was ist schrecklicher, als wenn ein gottvergeßener Wütherich einen Thron einnimmt, der ihm nicht gebührt, wie wir jetzt in einem entfernten Lande ein Beyspiel haben? Wie schnell wird da ein ganzes Land auf Jahrzehnde hinaus verwüstet! Wie viele hundert Familien werden da ins tiefste Elend gestürzt! Wie viel tausend einzelne Menschen dem Verderben Preiß gegeben! Wie wird da mit dem Eigenthum, ja mit dem Leben der Menschen selbst auf die empörendste Weise umgegangen! Wie zeigt sichs da zum Schrecken für Tausende an jedem Tage, „daß die Ungnade des Königs ist, wie das Brüllen eines jungen Löwen!“ Nein, ärger kann Gott ein Land nicht heimsuchen, empfindlicher ein Volk nicht strafen, als wenn er zuläßt, daß die Ordnung der Obrigkeit unterbrochen wird. Glücklich aber ist das Land, welches wahrhaft christliche Obrigkeiten hat, wo weise Gesetze mit frommer Gottesfurcht gehandhabt werden und väterliche| Liebe vom Throne über das Volk ausgeht. Wie da die Unterthanen ein so ruhiges und stilles Leben in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit führen können!
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 Wer nun diese hohe, der Obrigkeit von Gott selbst verliehene, Wichtigkeit recht bedenkt, recht zu Herzen nimmt, dem sind immer auch die Geburts- und Namens-Feste seiner Landesherrschaft wichtige Tage; Tage, an denen er es besonders für seine Unterthanen- und Christenpflicht hält, die gottesdienstlichen Versammlungen nicht zu verlassen, sondern da in gemeinschaftlicher Andacht dem himmlischen Vater für diese wohlthätige Anordnung seine Gebete, seine Danksagung, seine Fürbitten darzubringen, und neuen Segen auf das königliche Haus herabzuflehen. Wer aber die Obrigkeit nur so obenhin ansieht, und ihre hohe Wichtigkeit und die, nicht zu berechnenden, von Gott und durch sie zu Theil werdenden, Wohlthaten nicht beherziget, wie natürlich dann, daß ein solcher Mensch an den Geburts- und Namens-Festen seiner Obrigkeit gleichgültig bleibt, und an den für sie verordneten gottesdienstlichen Versammlungen keinen Antheil nimmt. Und das gilt heutzutage von so vielen Menschen, deren ganzes Thun und Lassen, deren ganzes Verhalten gegen die Obrigkeit zur Genüge dafür spricht, daß sie sich von dieser nicht die rechte Vorstellung machen, daß sie sie nicht als Gottes Ordnung ansehen und im Herzen ehren; daß sie, wenn sie ja zuweilen der Obrigkeit etwas zu Ehren thun, dieß nur dann thun, wenn sie ihr damit schmeicheln, oder Aufsehen damit machen, und Andere in äußern Ehrenbezeigungen übertreffen, also ihrem eigenen Ehrgeitze einen Dienst damit erweisen können. Wie sollten solche Menschen sich dann gerne in der Kirche einfinden, um Gott für die Ordnung der Obrigkeit zu danken, da sie nur eine geringe Meinung von ihr haben; wie| sollten sie bei den Versammlungen sich einfinden, wo es nicht auf äußern Glanz und Prunk, nicht auf Essen und Trinken, sondern auf ein herzliches Gebet, auf ein andächtiges Flehen um Gnade und Segen von dem Unsichtbaren abgesehen ist! Trauriger Grund, der nicht Etliche, sondern so Viele veranlaßt, an solchen Tagen unsere Versammlungen zu verlassen! Nicht minder traurig ist aber auch der zweyte, nämlich der,


II.

 weil so Vielen, wie aller Glaube überhaupt, so auch besonders der Glaube an die Nothwendigkeit, die Kraft und den Segen einer gemeinschaftlichen ernstlichen Fürbitte für die Obrigkeit fehlt.

 Es ist ein besonderes, vorzüglich ernstes Gebot des Christenthums, daß alle Christen für ihre Obrigkeit beten sollen, und es ist mit diesem Gebote auch eine große Verheißung verbunden: „So ermahne ich nun, heißt es, daß man vor allen Dingen zuerst thue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen, für die Könige und für alle Obrigkeit, auf daß wir unter ihnen ein geruhiges und stilles Leben führen können, in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit, denn das ist gut, dazu auch angenehm vor Gott unserm Heilande.“ Was bedarf es mehr, meine Geliebten, um uns von der Pflicht, von der Kraft und dem Segen der Fürbitte für die Obrigkeit zu überzeugen und zur Erfüllung dieser Pflicht zu ermuntern, als dieses Gebot und diese Verheißung des Christenthums? Und wer bedarf mehr der vereinten Fürbitte, als die Obrigkeit, als Fürsten und Könige? Auf wem liegt denn eine größere Last? Wer trägt eine schwerere Sorgenbürde,| als sie? Von wem fordert Gott und die Menschheit mehr, als von ihnen? Auf wen wartet eine so große Verantwortung und eine so schwere Rechenschaft, als auf sie? Und bey allen dem, wer ist mehreren und größeren Versuchungen, statt eines Segens, ein Fluch für ein ganzes Land zu werden, ausgesetzt, wem wird mehr mit ermüdendem Undanke gelohnt, wem werden beym besten Willen so viele Hindernisse in den Weg gelegt, mit Einem Worte, wem wird sein Amt von so vielen Seiten so sehr erschwert, als treuen Fürsten und Königen? Wer wäre also mehr der Danksagung aller Unterthanen gegen Gott würdig, wer mehr der Fürbitte aller Unterthanen bedürftig, als eben sie? der Fürbitte, daß Gottes Gnade sich an ihnen verherrlichen und zur Handhabung des Rechts und der Gerechtigkeit ihnen Kraft geben, und der Herr sie durch seinen Geist erleuchten wolle, ihn zu fürchten, als den Allerhöchsten, und ihr Volk zu regieren zu seinem Preiße?

 Dieses Gebotes der Fürbitte und der diesem Gebote beygefügten Verheißung ist auch der wahre Christ allzeit eingedenk. Täglich betet er daher für seinen König und für sein königliches Haus; vorzüglich aber thut er für die Obrigkeit Bitte, Fürbitte und Danksagung an solchen Tagen, an welchen die Kirche zum gemeinschaftlichen Gebete für die Obrigkeit auffordert; und dieß thut er nicht um des Zwangs und des Scheins, sondern um des Gewissens willen; aus Antrieb seines Herzens findet er sich da im Hause des Herrn ein, fern von dem kindischen Wahne, als erfülle er seine Unterthanenpflicht an solchen Tagen schon, wenn er nur auf das Wohl seiner Obrigkeit sich festlich ankleidet, auf das Wohl derselben ißt und trinkt.

 Wie viele Christen giebt es aber heutzutage, die nicht einmal mehr für sich selbst beten mögen und können,| geschweige denn für Andere und für die Obrigkeit, weil sie, wie allen Glauben überhaupt, so auch den Glauben, daß das Gebet und die Fürbitte erhört werde, verloren haben. Die armen Menschen, wie könnten sie dann ohne Zwang diesen gottesdienstlichen Versammlungen beywohnen, oder wie könnten sie solche anders als lästige Frohndienste betrachten! Ach, wüßte unser geliebter König, unsere geliebte Königinn, die man allenthalben äußerlich so ehrt, für die man, um ihnen zu schmeicheln, nicht schöne Worte genug finden kann, wie wenig derer sind, die auch wahrhaft ernstlich für sie beten; wie arm an Worten zur Fürbitte die meisten von denen sind, welche so reich an schönen, schmeichlerischen Redensarten sind, wenn sie vor ihrem Angesichte stehen; und könnten sie an ihren Geburts- und Namensfesten in die leeren Kirchen ihres Landes sehen: welchen Abstand würden sie finden von jenem Zulaufe und Gedränge, mit welchem sie die Neugierde Schaulustiger so oft auf ihren Reisen belästiget!

 Es ist aber noch ein dritter Hauptgrund, warum gerade an den Geburts- und Namensfesten unsere Kirchen am leersten sind, zu betrachten übrig, nämlich


III.
der, weil so viele von den verkehrten und lieblosen Urtheilen, die sie heutzutage über alle Obrigkeiten hören, zu gleicher Verkehrtheit sich hinreißen lassen. Unleugbar und schmerzlich ist nämlich die Erfahrung, m. G., daß kaum je so viele verkehrte und lieblose Urtheile über die Obrigkeiten laut geworden sind, als in unsern Tagen, und diese namentlich auch an den Tagen laut werden, an welchen sich die Unterthanen im Hause des Herrn zum gemeinschaftlichen Gebete| versammeln sollten. Ach, wie viele Leidenschaften werden besonders an solchen Tagen rege! Wer sich etwas auf seine Klugheit einbildet, meynt diese Tage nicht besser feyern zu können, als wenn er laut die Gesetze, Anordnungen und Einrichtungen seiner Obrigkeit tadelt! Wer bei übelverstandenem Freiheitssinn nicht genug Freiheiten zu genießen meynt, glaubt sich berufen, mit unbescheidenem und lieblosem Gerede über die Obrigkeit auch Andere zur Unzufriedenheit reitzen zu müssen. Wer bei überspannten Forderungen an die Obrigkeit in seinem Stande und Berufe nicht so viel, als sein gewinnsüchtiges Herz sich wünscht, gewinnen, nicht so viel Vortheile, als sein eigennütziges Herz begehrt, erjagen kann, der scheut sich nicht, an solchen Tagen die unverständigsten Beschwerden, die ungegründetesten Klagen über die Obrigkeit zu führen, und dadurch auch Andere zu gleicher Verkehrtheit und zu gleicher Lieblosigkeit zu verleiten. Und wie sehr ihm das gelingt, ach! das lehrt die Erfahrung zur Genüge.

 Ja, es kann nicht geläugnet werden, daß es kaum je eine Zeit gegeben hat, in welcher eine so hochmüthige Einbildung auf eigene Klugheit, ein so übel verstandener Freyheitssinn, und so überspannte Forderungen an die Obrigkeit so viele Unterthanen eingenommen hätten, als heutzutage. Wie sollten nun die, denen bei ihrer Einbildung, bei ihrem Freyheitsschwindel und bey ihrem Undanke die Obrigkeit nicht genug thun, nichts recht machen kann, die sich einbilden, alle Obrigkeit meistern zu können und meistern zu müssen, – an den Geburts- und Namensfesten ihrer Landesherrschaft in ihrem Herzen sich gedrungen fühlen, ihr zu Ehren in der Kirche sich einzufinden, ihr zu lieb eine Stunde ihren Geschäften, oder ihrer Gemächlichkeit oder ihrem Vergnügen zu entziehen und diese in der Kirche zuzubringen!?

|  Das sind denn, meine Geliebten, einige der vielen Gründe, warum gerade an den Geburts- und Namensfesten unsrer Landesherrschaft unsere Kirchen am leersten sind. Daß sie denen, welche, durch sie bewogen, unsere Versammlungen verlassen, zur großen Schande gereichen; daß sie von großem Mangel an christlichem Glauben und christlicher Gesinnung zeugen, daß sie endlich großen Undank gegen Gott, von dem alle gute Gabe kommt, verrathen, wer wollte das in Abrede stellen? Liest man in den öffentlichen Blättern von den Festlichkeiten, die heutzutage der Obrigkeiten wegen veranstaltet werden, so möchte man glauben, daß in keiner Zeit noch die hohe Wichtigkeit und Wohlthat einer guten Obrigkeit so dankbar anerkannt worden sey, als in der unsrigen. Sieht man aber an den, für die Unterthanen so wichtigen Tagen in die leeren Kirchen; so wird man zu der traurigen Überzeugung gebracht, daß der allergrößte Theil unsres Geschlechtes nichts weniger weiß, als das, worin die wahre Ehrfurcht gegen die Obrigkeit bestehe und wodurch sich die wahre Liebe gegen dieselbe zu äußern pflege. Ja, wie es in unsrer Zeit bey den allermeisten Menschen in allen Dingen nur auf den äußern Schein, nur auf das Großthun, auf das Prahlen, Schmeicheln, Lügen und Trügen abgesehen ist, so auch leider in Hinsicht auf das Verhalten gegen die Obrigkeit.
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 Sey das ferne von uns, m. Gel., die wir uns heute hier versammelt haben, um miteinander auf christliche Weise das Namensfest unsrer Königinn zu feyern! Lasset uns die hohe Wichtigkeit unsrer Obrigkeit recht bedenken und sie als eine Ordnung Gottes zu unserm Besten jederzeit ansehen; lasset uns die vielen Wohlthaten oft erwägen, die der Herr uns unter ihrem Regimente zu Theil werden läßt; lasset uns die christliche Fürbitte für die Obrigkeit als eine der heiligsten| Pflichten stets mit Freuden üben, und auch heute dankbare Herzen für unsere Obrigkeit zu dem erheben, „durch den die Könige regieren und die Rathsherren das Recht setzen;“ lasset uns, während andere um uns her die unbesonnensten Reden und die lieblosesten Urtheile sich erlauben, unser Gewissen vor Undank verwahren, und während andere mit Unverstand lästern, lasset uns segnen! So werden wir unter unserer lieben Obrigkeit Gott im stillen Frieden dienen, auch um unsres Verhaltens willen gegen die Obrigkeit von Gott gesegnet werden, werden auch in diesem Stücke als Christen unsere Lehre durch unseren Wandel zieren und zeigen, daß die wahren Christen auch die besten Unterthanen sind. Dazu helfe uns Gott um dessen willen, durch den wir alle Dinge vermögen, um Jesu Christi, unseres Herrn willen, Amen!
(Gebet.)