ADB:Ilow, Christian Freiherr von

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Empfohlene Zitierweise:

Artikel „Ilow, Christian Freiherr v.“ von Hermann Hallwich in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 14 (1881), S. 27–33, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Ilow,_Christian_Freiherr_von&oldid=- (Version vom 19. Oktober 2019, 20:38 Uhr UTC)
Allgemeine Deutsche Biographie
>>>enthalten in<<<
[[ADB:{{{VERWEIS}}}|{{{VERWEIS}}}]]
Nächster>>>
Ilstan, Martin
Band 14 (1881), S. 27–33 (Quelle).
Wikisource-logo.png [[| bei Wikisource]]
Wikipedia-logo-v2.svg Christian von Ilow in der Wikipedia
GND-Nummer 117129445
Datensatz, Rohdaten, Werke, Deutsche Biographie, weitere Angebote
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Kopiervorlage  
* {{ADB|14|27|33|Ilow, Christian Freiherr v.|Hermann Hallwich|ADB:Ilow, Christian Freiherr von}}    

{{Normdaten|TYP=p|GND=117129445}}    

Ilow: Christian Freiherr v. I., kaiserlicher Feldmarschall. Geboren um das Jahr 1585 in der Neumark Brandenburg, angeblich aus „uralt-adlicher“ Familie, trat I. frühzeitig in den Kriegsdienst, zu welchem ihn viele persönliche Vorzüge ohne Zweifel in hohem Grade befähigten. Von natürlichem, hellem Verstande und seltener Beweglichkeit des Geistes, dabei von zähester Ausdauer und größter Energie und Tapferkeit, war er wie zum Soldaten geschaffen. Doch entstellten seinen Charakter auch mannichfache Eigenschaften der bedenklichsten [28] Art. Absprechend nach unten, aufdringlich nach oben, hochfahrend und rücksichtslos nach allen Richtungen, erwies er sich frühzeitig als einer der ränkesüchtigsten Egoisten. Schon unter Kaiser Mathias II. focht er mit Auszeichnung im „böhmischen Kriege“ und erstieg er rasch die untersten Stufen militärischer Carrière. Im J. 1620 Hauptmann im Regimente Hans Philipp Fuchs, gerieth er aber bei Langenlois (10. Febr.) in Gefangenschaft, um erst nach fünf Monaten ausgeliefert zu werden. Als Ferdinand II. am 11. December 1621 dem jugendlichen Herzog Adolf von Holstein-Gottorp, „postulirten Coadjutor des Stiftes Lübeck“ (Bd. I S. 113), die Bestallung zum Obersten über ein Regiment von 1000 „wohlgerüsteten Kürassierpferden“ ertheilte, erschien I. in der Charge eines Oberstlieutenants als der eigentliche Commandant dieses Regimentes, an dessen Spitze er sich mehr und mehr hervorzuthun wußte. Bekanntlich waren es die Holstein’schen Reiter, welche in der Schlacht bei Stadtlohn am 6. August 1623 zum Siege Tilly’s über Christian von Braunschweig, den Administrator von Halberstadt, in entscheidender Weise beitrugen. Ein Lieutenant Ilow’s nahm den Herzog Wilhelm von Sachsen-Weimar gefangen, trat ihn aber gegen gute Bezahlung an I. ab, der dafür die Ehre und den Vortheil genoß, mit seinem Regimente den Gefangenen nebst anderen Schicksalsgenossen im Triumphe nach Wien zu führen und sich daselbst reichlich entschädigen zu lassen. Durch allerhand Gewaltthätigkeiten und Erpressungen im „Feindeslande“ hatte er schon damals ein solches Vermögen erworben, daß es ihm möglich war, dem geldbedürftigen Kaiser eine Summe von 70,000 Gulden vorzustrecken und an die böhmische Rentkammer abzuführen, wogegen ihm die confiscirte Herrschaft Mies in Böhmen pfandweise eingeräumt werden sollte. Noch ehe er deren Besitz wirklich antreten konnte, erwarb er durch directen Kauf die böhmischen Güter Popowitz, Bukow und Ladowetz, sowie ein Haus in den Prager Städten. Seine Heirath mit der Wittwe Anna Albertine v. Rziczan, gebornen Gräfin von Fürstenberg auf Olbramowitz und Drazkow, brachte ihn mit den besten böhmischen Familien, so insbesondere mit den reich begüterten Herren von Trczka und Kinsky, in nahe Verbindung und gab ihm weitere Mittel zur Verfolgung seiner Pläne. Bei Schaffung einer selbständigen großen kaiserlichen Armee durch Wallenstein im Frühjahre 1625 übernahm I. wieder unter Herzog Adolf von Holstein, doch schon als Oberst, den Befehl eines Regimentes, ohne sich aber zunächst die Geneigtheit des neuen Generalissimus zu verdienen, dem das geschwätzige, excessive Wesen Ilow’s ein Gräuel war. In Hessen und Nassau, wohin I. mit seinen Reitern kam, wehklagte die arme, geplünderte und gepeinigte Bevölkerung wie sonst nirgends. Als Wallenstein nach dem Siege an der Dessauer Brücke in Verfolgung Mansfeld’s gegen Schlesien marschirte und dann bis Ungarn vordrang, ließ er I. in Schmalkalden zurück und war er, aller Bemühungen Ilow’s ungeachtet, nicht zu bewegen, ihn an sich zu ziehen. Psychologisch von hohem Interesse ist ein hierher gehöriges Schreiben Wallenstein’s an Karl v. Harrach (Bd. X S. 637) aus dem Lager von Freistadtel im Neutraer Comitate, vom September 1626. Es lautet wörtlich: „Der Ilow ist nur etlich wenig Tag hiergewest; hat mir viel Wascherei zwischen den Befehlshabern angericht. Ich vernehme, daß er gern seine Reiterei herausbringen thäte. Wird deswegen was angebracht werden, ich bitt, mein Herr lasse es nicht zu, denn ich mag seiner wegen vieler Ursachen nicht: erstlich, daß er ein stolzer, aufgeblasener Kerl ist; das andere, daß er viel Verhetzungen unter den Befehlshabern gern macht und dahin albereit ganz fleißig sich darum bearbeitet hat; zum dritten, so kann ich’s auf mein Gewissen sagen, daß unter den Holstein’schen Befehlshabern keiner solche extorsiones wie er gemacht hat. Drum mag ich seiner ganz und gar nicht.“ – Wie verstand es doch I. trotz dieses ausgesprochenen Widerwillens die Gunst seines Oberfeldherrn zu gewinnen – zum Unglück Beider!

[29] Als im October 1627, zum ersten Male nach der Schlacht auf dem Weißen Berge, Kaiser Ferdinand II. mit dem glänzendsten Hofstaat nach Prag kam, um seiner Gemahlin, wie seinem Sohne die königliche Krone von Böhmen auf’s Haupt zu setzen, erschien auch I. im Gefolge des Monarchen. Von Prag, 3. November des genannten Jahres, datirt ein kaiserliches Diplom, das ihm, der schon vorher die Würde eines k. k. Kämmerers erhalten hatte, den erblichen Rang eines Reichsfreiherrn verlieh. Mit bezeichnender Unverfrorenheit begründete I. seinen Anspruch auf diese Standeserhöhung durch den Hinweis auf „das uralte, adliche, rittermäßige Geschlecht derer von Ilow etc., so ihre Ankunft aus Griechenland (!) von hoch-adlichen Standespersonen her haben und bei Zeiten Kaisers Henrici Aucupis in dieses unser geliebtes Vaterland deutscher Nation kommen und sich in denen damals geführten Kriegen in unterschiedlichen ansehnlichen Schlachten gegen den Hungarn, den Böhmen, Mährer und Wenden unter wohlgedachtem Kaiser Heinrich gebrauchen lassen, ganz ritterlich und wohl gehalten, daß ihnen auch bei unterschiedlich damals vorgelaufenen Occasionen die kaiserlichen Insignia zu führen anvertrauet, maßen dann gedachtes Geschlecht deren von Ilow etc. damals um ihrer ritterlichen Tugenden und Thaten willen von gemeldetem Kaiser Heinrich den Herrenstand zu führen gewürdigt und in ihrem adlichen Wappen einen kaiserlichen Lorbeerkranz zu gebrauchen erlaubt worden“ etc. Und das Alles wurde seitens des kaiserlichen Adelsamtes und des Kaisers selbst nicht nur wortwörtlich bestätigt; das „anererbte, alt-adliche, rittermäßige Wappen und Kleinod derer von Ilow etc.“ wurde auch noch „gezieret, gemehret und gebessert“. Wenige Tage nach Empfang dieses Wappenbriefes hatte der neue Reichsfreiherr das Glück, in einem der aus Anlaß der Krönung Ferdinands III. zum böhmischen Könige mit großem Gepränge abgehaltenen Turniere auf dem Prager Schlosse neben den Fürsten und Grafen von Dietrichstein, Fürstenberg, Khevenhüller und Waldstein aus der Hand der Kaiserin Eleonore den Ehrenpreis zu erlangen (25. November 1627). Zu Beginn des folgenden Jahres überließ ihm Graf Joh. Philipp Cratz von Scharfenstein mit Zustimmung des Generalissimus eines seiner Regimenter von 500–600 Pferden, dessen selbständige Führung er im Mai 1628 übernahm. Doch scheint seine Thätigkeit in nächster Zeit mehr diplomatischer Natur gewesen zu sein, wie er denn von Wallenstein, Tilly, Collalto u. a. m. mit den verschiedensten Missionen betraut wurde. Im April 1631 mit Adam Erdmann Trczka zur Werbung neuer Truppen in Böhmen verwendet, führte er Tilly eine ziemliche Zahl Rekruten zu, um alsdann an Pappenheim’s Seite der Breitenfelder Schlacht im September dieses Jahres, in welcher bekanntlich Herzog Adolf von Holstein tödtlich verwundet wurde, mit gewohnter Tapferkeit persönlich beizuwohnen. Schon in den ersten Tagen des Octobers desselben Jahres stand er unter Tiefenbach in der Oberlausitz, wo er Zittau besetzte, das aber noch vor dem Einfalle der Sachsen in Böhmen im November darauf wieder verlassen werden mußte. Er ging mit Tiefenbach nach Trautenau, Königgrätz und Chlumetz zurück, wiederholt an Wallenstein entsendet, um von demselben in der allgemeinen Verwirrung, welcher das kaiserliche Heerwesen nach dessen Entfernung vom Obercommando allgemach verfallen war, Rath und Beistand zu erbitten. Von nun an steht I. in fast ununterbrochenem Verkehr mit Wallenstein, der, wie bekannt, am 15. December 1631, vorerst provisorisch, das Generalat auf’s Neue übernahm. „Was Eurer fürstl. Gnaden Resolution“, schrieb I. aus diesem Anlaß, „allbereits bei diesem (kaiserl.) Volk für Nutzen geschafft, ist groß.“ Zwei Wochen später, am letzten Tage des genannten Jahres, wurde I., damals schon Inhaber zweier Regimenter, zum Oberst-Feldwachtmeister (Generalmajor) befördert, um unter Hannibal von Schauenburg nach Schlesien zurückzukehren, wo ihm eine Zeit lang das Commando [30] in Großglogau anvertraut wurde, welches Fürstenthum Wallenstein als theilweise Entschädigung für den Verlust von Mecklenburg vom Kaiser eben erst zum Geschenk erhalten hatte und dessen größtmögliche Schonung dem Befehlshaber mit aller Dringlichkeit eingeschärft wurde, was um so nöthiger schien, als auch die königlichen Statthalter in Böhmen über die unerträglichen Ausschreitungen just der Ilow’schen Reiter bittere Klage führten. „Es wird ja in Wahrheit übel gehaust“, gestand I. eigenhändig zu – womit er freilich alle seine Gefährten, nur nicht sich selber meinte. Schon am 8. April 1632 avancirte er zum Range eines Feldmarschall-Lieutenants, einer, wie es scheint, in den deutschen Heeren bis dahin nicht verliehenen Charge. Noch im April dieses Jahres in Sagan, dann wieder in die Oberlausitz vorgedrungen, nahm I. im Juni abermals Zittau, Löbau und Görlitz ein und behauptete er die erstere Stadt gegen den von Wallenstein aus Böhmen verjagten und nun nach Schlesien marschirenden Arnim (Bd. I S. 568 ff.), gegen welchen der an Schauenburg’s Stelle dahin beorderte, sehr schwache Generallieutenant Marradas im Sommer 1632 mit vielem Nachtheil kämpfte, so daß ihn Wallenstein im Herbst durch Gallas (Bd. VIII S. 320 ff.) ersetzen mußte.

Die Schlacht bei Lützen focht I. nicht mit. Er zog damals von Glatz her, im Vorbeimarsch die sächsische Besatzung von Braunau i. B. zur Uebergabe zwingend (11. November), dem eben nach Schlesien commandirten Gallas über Jaromierz und Neu-Bidschow entgegen. Gallas, der sein Hauptquartier in Neiße nahm, betraute ihn im Winter 1632–33 mit der Aufgabe, die böhmische Nordgrenze gegen neue Streifzüge der Sachsen zu decken, was ihm auch vollständig gelang. Anfang Februars 1633 erstürmte er die Stadt Reichenbach zwischen Schweidnitz und Frankenstein und schleifte deren Festungswerke. Bald darauf ist er in Prag, in unmittelbarer Nähe Wallenstein’s, der ihn sodann wiederholt an Gallas sendet. In den ersten Tagen des Mai steht er mit mehr als 4000 Mann bei Königgrätz, der Ankunft des Generalissimus gewärtig, der ihn jedoch zu sich nach Gitschin beruft, um ihn gleich darauf wieder an Gallas zu verschicken, demselben mündlich den festgestellten Feldzugsplan auseinanderzusetzen. Solche Zeichen besonderen Vertrauens mehrten sich von dem Tage, da Wallenstein den Kriegsschauplatz neuerdings betrat. Während der General-Herzog in der Nähe von Münsterberg mit Arnim zu verhandeln begann, wurde I. mit einer Heeresabtheilung in den Rücken des Feindes zur Eroberung der Stadt Nimptsch commandirt, die denn auch nach wenigen Stunden fiel und fast gänzlich in Flammen aufging, während die Besatzung schonungslos niedergehauen wurde (4. Juni). Durch drei Monate kam I. kaum von Wallenstein’s Seite. Da die vom Kaiser ihm, wie bemerkt, vorlängst versprochene Herrschaft Mies ihm formell noch immer nicht übergeben war, verwendete sich der Oberfeldherr mit sehr warmen Worten bei Ferdinand II. um die endliche Durchführung des betreffenden Befehles (29. Juli), und zwar mit bestem Erfolge. Anfang Septembers durfte I. nach Böhmen reisen, um in Person das genannte Besitzthum zu übernehmen. Eben damals trat aber in den von Wallenstein mit Vorwissen des Kaisers gepflogenen Friedensunterhandlungen eine kritische Wendung ein; sofort berief Jener durch verschiedene Noten I. zu sich mit dem Befehle, er wolle sich „durch keinerlei Ursache auf der Welt aufhalten lassen.“ Schon war I. dem kaiserlichen Generalissimus unentbehrlich geworden. Auf Befürwortung Wallenstein’s wurde er bereits mit kaiserlichem Patent vom 19. October 1633 zum Feldmarschall erhoben, ohne vorher Feldzeugmeister gewesen zu sein; Grund genug, ihm den Neid vieler „Waffenbrüder“ zuzuziehen. Indessen machte er der ihm zu Theil gewordenen Empfehlung nach einer Richtung alle Ehre. Bei dem Ueberfalle von Steinau wirkte er kräftig mit; wenige Tage später zog er [31] in Großglogau ein. Er begleitete Wallenstein in Verfolgung Arnim’s bis Forst an der Neiße und wurde, als jener in Sagan erkrankte, mit der kaiserlichen Hauptmacht wieder nach der Lausitz gesendet, wo er am 30. October zum zweiten Male Görlitz im Sturm eroberte, doch abermals unter vielem Blutvergießen. Mit Wallenstein neuerdings vereinigt, zog er vor Bautzen, während ein Streifcorps an die Warthe dirigirt und durch dasselbe Landsberg zur Uebergabe gezwungen wurde. Auch Bautzen mußte sich ergeben, von I., gegen sein gegebenes Wort, zur Erlegung einer größeren Summe Geldes genöthigt. So war das Auftreten dieses „Apostels“ Wallenstein’s, wie er sich gern nannte, allerdings geeignet, wo er sich zeigte, Angst und Schrecken zu verbreiten, nicht aber Freunde zu erwerben.

Man weiß, welche gewichtigen Ereignisse Wallenstein bestimmten, alle seine Eroberungen in Schlesien, Lausitz und Brandenburg aufzugeben und Mitte Novembers 1633 sich nach Böhmen zu wenden. I. marschirte mit dem Feldherrn über Leitmeritz und Laun bis Pilsen, wo er mit 25 Compagnien Reiter und dem größten Theil der Artillerie verblieb, während Wallenstein, dem ausdrücklichen Wunsche des Kaisers nachgebend, den Böhmerwald überschritt, um Bernhard von Weimar, dem Eroberer von Regensburg, entgegen zu gehen – wie bekannt und wie vorauszusehen, ohne Erfolg. Schwer krank, durch Nachrichten vom Hofe tief verstimmt, führte der kaiserliche Feldherr seine durch unerträgliche Strapazen decimirte Armee über Neumark nach Pilsen zurück, entgegen des Kaisers „ernstlichem, kategorischem Befehl“, welchen die übertriebene Sorge Maximilians von Baiern um sein Land soeben erwirkt hatte. Auf jede Gefahr hin – so war Wallenstein entschlossen – sollte jene Armee, die einzige Stütze Ferdinands II., vor der im Falle eines Winterfeldzuges unvermeidlichen Vernichtung bewahrt werden. Ein unseliger Conflict drängte bereits zur Katastrophe. – Es war Wallenstein’s beklagenswerthes Loos, in dem Momente, da dieser gewaltige Conflict acut zu werden drohte, keinen Freund bei sich zu haben. Ohne ehrlichen, selbstlosen Berather, war er überdies, durch einen siechen Körper verhindert für sich selbst zu handeln, gezwungen, die Ausführung seiner unter dem Einfluß eigensüchtiger Ränkeschmiede gefaßten Entschlüsse den ungeeigneten Händen derselben Ränkeschmiede zu vertrauen. Es ist hier nicht der Raum, um nachzuweisen, was die bedeutendsten Generale im kaiserlichen Heere, Aldringen, Gallas u. A. m., damals bewog, von Pilsen fern zu bleiben. Pappenheim, Holk, Montecuculi, die besten, intimsten Freunde des Generalissimus, waren todt. Der Höchstcommandirende im Lager zu Pilsen war nächst Wallenstein I., der da ein reiches Feld zu gewohnter „Wascherei“ und „Verhetzung“ fand, das er nur allzu eifrig bebaute. Sein Gesinnungsgenosse Trczka secundirte nach Kräften. Ohne Frage war es die Absicht dieser Männer, einen Bruch herbeizuführen, bei dem sie zu profitiren dachten. Die Vertheilung der Winterquartiere in den kaiserlichen Erbländern, ein sehr heikles Geschäft, mußte I. überlassen werden; er nahm sie in einer Weise vor, daß namentlich die Statthalter in Böhmen vielfach gerechten Anstoß daran nahmen. Wie wenig verschämt sein Trachten war, beweist schon der Umstand, daß er just damals auf die Befriedigung seiner Ansprüche an den Kaiser drang und den Feldherrn bestimmte, ihm „in Abschlag seiner bei Ihrer Majestät habenden Kriegsprätensionen wegen Werbung zweier Regimenter“ die Summe von 50,000 Gulden anweisen zu lassen. Als Wallenstein, der die Verantwortung, die kaiserlichen Ordonnanzen nicht auszuführen, nicht allein auf sich nehmen wollte, einen Kriegsrath berief, dem die den Winterfeldzug heischenden Instructionen der beiden Abgesandten Ferdinands II., Trautmannsdorf und Questenberg, zur Beschlußfassung vorgelegt wurden, präsidirte I. dieser Versammlung, deren nach Form und Inhalt ziemlich scharf ablehnendes Votum gewiß [32] nicht ohne Zuthun des Präsidenten zu Stande kam. Noch hielt diesen die Gegenwart des redlichen Questenberg von dem äußersten Schritte zurück. Dessen Abreise und die fast gleichzeitige Ankunft Wilhelm Kinsky’s, eines erbitterten Gegners Ferdinands II. und des ganzen kaiserlichen Hauses, spornten zu rascher That. Der erste verhängnißvolle „Pilsener Schluß“ vom 12. Januar 1634 war Ilow’s eigenstes Werk. Er führte die Obersten Mohr vom Wald, Bredaw, Losy und Henderson an das Bett des leidenden Feldherrn, ihn zu beschwören, nicht, wie er gewillt war, zu resigniren, „sondern weiters mit seiner Gnade, Protection und väterlichen Fürsorge ihnen beizuwohnen.“ Sein „unnachlässiges, sehnliches Flehen und Bitten“ erwirkte die Rücknahme der Resignation – gegen das eidliche Gelöbniß sämmtlicher Regimentscommandanten, „bei Ihrer fürstl. Gnaden diesfalls ehrbar und getreu zu halten, auf keinerlei Weise von denselben sich zu separiren, zu trennen noch trennen zu lassen … und für dieselbe Alles, bis zum letzten Blutstropfen, ungespart aufzusetzen.“ … Der „Schluß“ trägt in erster Reihe Ilow’s Unterschrift und „größeres Insiegel“. Der Stein war im Rollen. Es folgte das kaiserliche Patent vom 24. Januar, das die Armee vom Gehorsam gegen den Herzog entband und allen seinen „Adhärenten“ Pardon gab, mit Ausnahme zweier Personen. Es folgte ein zweites kaiserliches Patent, vom 18. Februar, das den „gewesten General-Obersten-Feldhauptmann“ geradezu „meineidiger Treulosigkeit“ und „barbarischer Tyrannei“ beschuldigte und, da er „Krone und Scepter sich selbst eidbrüchiger Weise zuzueignen Vorhabens gewesen“, mitsammt den Generalen I. und Trczka in die Acht erklärte. Zu spät erklärte nun Wallenstein seinerseits auf’s Feierlichste in einem zweiten „Pilsener Schlusse“ (20. Februar), Jedweden von der eingegangenen Verpflichtung loszusprechen, falls durch jenen ersten „Schluß“ auch nur „das Geringste wider Ihre kaiserliche Majestät und dero Hoheit, sowol die Religion, attentirt werden sollte.“ Er war nicht mehr Herr der Situation. Es liegen zwei Briefe Ilow’s vor, vom 21. und 22. Februar, an Franz Albrecht von Sachsen-Lauenburg (Bd. VII S. 293 ff.) und Oberst Uhlfeld, welche dies unwiderleglich beweisen. I. wollte den Verrath und war Verräther an seinem obersten Kriegsherrn und sprach es in üblich frivoler Weise unumwunden aus, während Wallenstein Boten über Boten an Ferdinand und seine vornehmsten Räthe sandte, mit dem Erbieten: „erlaube es der Kaiser, sich zurückzuziehen, demselben die Armee zu überlassen“ – bis zum letzten Athemzuge betheuernd, „nichts als Ihrer kaiserlichen Majestät Dienst und dero Erbkönigreiche und Lande Conservation zu suchen.“ Und noch ist das Blatt nicht gefunden, das diese Betheuerungen Lügen strafen könnte. Hat das Verdict über ihn, den „gewesten“ Generalissimus, bisher nothwendig auf „Nichtschuldig“ lauten müssen, so gilt dies doch nicht in gleichem Maße auch von allen seinen „Adhärenten“ – am allerwenigsten von I. Man kann dem Letzteren die Anerkennung nicht versagen, im Gegensatz zu fast sämmtlichen Unterzeichnern der Pilsener „Schlüsse“ sein verpfändetes Wort auch eingelöst und bei dem Führer „bis zum letzten Blutstropfen“ treulich ausgeharrt zu haben. Die Tugend dieser Treue war aber keine völlig lautere. Die noch bei Lebzeiten Wallenstein’s von dessen notorischen Feinden propagirte Fabel – von allen Späteren, so namentlich von Schiller, in eigenthümlicher Weise ausgenützt – als habe Jener die Erhebung Ilow’s in den Grafenstand absichtlich verhindert, um ihn zum Hasse gegen den Kaiser aufzustacheln, darf als von der neuesten Forschung beseitigt angesehen werden. Es hat diese Forschung zugleich festgestellt, daß die „Execution“, die in der Nacht des 25. Februar 1634 zu Eger vollzogen wurde, allerdings nicht aus eigenster Initiative der Exequirenden hervorgegangen, daß sie vielmehr befohlen war; daß also die activen Helden jener Blutnacht, ein Butler, Gordon, Deveroux etc., nicht sowol als „Mörder“ denn als „Henker“ [33] zu betrachten sind. Einer der Ersten, an dem sie ihr Amt geübt, war I. Tapfer wie immer, sprang er beim ersten Tumult nach seinem Degen, Gordon zum Zweikampf herausfordernd. Kaum hatte er den Degen erfaßt, als er, rücklings durchbohrt und zu Boden geworfen, unter den Händen der Butler’schen Dragoner das Leben endete. Wenige Tage vor seinem Tode war ihm eine Tochter geboren worden. Ihr rettete die Mutter nur mit größter Mühe einen geringen Rest des einstigen Familienbesitzes.

Nach Urkunden der kaiserl. Archive zu Wien und einzelner Privatarchive zu Prag, Friedland, Teplitz etc., zum Theil benutzt bei Hallwich, „Wallenstein’s Ende“ (Leipzig, Duncker & Humblot, 1879).