ADB:Mandel, Eduard

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Artikel „Mandel, Eduard“ von Lionel von Donop in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 20 (1884), S. 166–170, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Mandel,_Eduard&oldid=- (Version vom 21. August 2019, 16:14 Uhr UTC)
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Mandel: Johann August Eduard M. als Hauptmeister der modernen Kupferstecherkunst und Vertreter des strengen Linienstiches von epochemachender Bedeutung. Die Jugend des am 15. Februar 1810 zu Berlin geborenen Knaben [167] überwachte der kunstsinnige Vater. Im weiteren Verlauf begünstigte das Geschick ein ruhiges, mit Selbstverleugnung der künstlerischen Arbeit gewidmetes Leben. Die ersten Versuche, Federzeichnungen nach Stichen, ließen in der sorglichen Nachbildung der Vorlagen eine entschiedene Beanlagung für die Technik des Kupferstechers erkennen. Friedrich Wilhelm III. gewährte dem talentvollen und strebsamen Jünglinge zur weiteren Ausbildung seinen Schutz. Anfänglich in der Lehre des Schrift- und Kartenstechers Maré, gelangte M. seit 1826 unter der Leitung Ludwig Buchhorn’s, welcher als Anhänger der althergebrachten Grabstichelmanier tüchtige Zeichner heranbildete, nach vierjähriger akademischer Vorübung zur Selbständigkeit. Der damals schwungvoll betriebenen Lithographie wie späterhin den blendenden mechanischen Reproductionsmitteln gegenüber verstand der junge Meister, welcher 27jährig zum Mitglied der Akademie seiner Vaterstadt ernannt wurde, selbst die Ungläubigsten von der Existenzberechtigung und dauernden Lebensfähigkeit seiner Kunst durch beweisgültige Proben von eigener Hand zu überzeugen. Unter dem Eindrucke französischer Meisterwerke strebte M. ein höheres Ziel an und begab sich 1839 nach Paris, wo die Grabstichelkunst rühmendere Anerkennung und Pflege als in Deutschland fand. Von dem namhaften Stecher Henriquel Dupont beeinflußt, erwarb er sich hier nach zweijährigem Studium eine freiere Technik, so daß er mit gesteigerten Ausdrucksmitteln die Meister des Colorits wie der Zeichnung zu interpretiren vermochte. In lebhaftem Verkehr mit hervorragenden Genossen gewann er an allgemeiner Geistesbildung und Welterfahrung und wurde sich selber endgültig klar über das Wesen und die Aufgaben seines Berufes. Zurückgekehrt wurde M. 1842 Professor und Lehrer an der mit der Akademie der Künste verbundenen Kupferstichschule, deren Leitung ihm als Nachfolger seines früheren Lehrers Buchhorn seit 1857 übertragen wurde. Durch Heranbildung ausgezeichneter Schüler und Kräfte wie L. Jacoby, H. Meyer, H. Sachs, Trossin, C. Becker u. A. erwarb er sich in dieser Stellung namhafte Verdienste. – Sämmtlichen Stichen des Meisters ist eine vornehme künstlerische Eleganz eigen und die Taillenführung der Platten klar und durchsichtig. Durch gewissenhafte Beobachtung der feineren Uebergänge von Licht- und Schattenpartieen gelang ihm vorzugsweise die nüancenreiche Modellirung der Formen. Die Inkarnation wie die Unterschiedenheit des Stofflichen beharren überall in treuer Uebereinstimmung mit dem Originalwerke. – Im Beginn seiner mühevollen Laufbahn vom Kunsthandel und den Aufgaben der Kunstvereine abhängig, lieferte M. von 1830–34 eine Reihe von Umrißstichen nach Kloeber, Daege, Henning, K. Sohn, J. Hübner u. A. Der aufblühenden Düsseldorfer Schule mit ihrer Romantik huldigte er im J. 1835 durch seine erste hervorragende Leistung, den Linienstich nach Th. Hildebrand’s „Der Krieger und sein Kind“, während er einige Jahre später den damaligen Hauptmeister der Berliner Malerei, K. Begas, durch die äußerst wirkungsvolle Reproduktion der „Loreley“ feierte. In einer feinfühligen, vielleicht etwas ins Glatte gerathenen Technik ist „Der italienische Hirtenknabe“ nach L. Pollack vom Jahre 1840 behandelt. Als mustergültiges Beispiel der Uebertragung malerischer Lichteffekte auf den Kupferstich ist das im J. 1848 beendigte Blatt „Die mit Blumen spielenden Kinder“ nach E. Magnus zu betonen. Die letzten Genrebilder, welche M. gestochen, sind „Die trauernde Wittwe“ nach L. Robert, 1845 im Geschmack der französischen Kupferstichmanier durchgeführt, ferner „Gretchen zur Kirche gehend“ und „Gretchen vor dem Muttergottesbilde“ 1861 nach W. v. Kaulbach. – Die schöpferische Kraft wie das psychologische Interesse an der Arbeit steigerte sich zusehends in seinen zahlreichen, durch Lebendigkeit und Wahrheit der Charakteristik glänzenden Porträtstichen. Das nach eigener Zeichnung gestochene Bildniß seines königlichen Beschützers, Friedrich Wilhelm III., datirt vom Jahre 1830, übertraf M. durch den [168] späteren Porträtstich „Friedrich Wilhelm IV.“ nach J. Otto (1854). Dem Ersteren reiht sich chronologisch und in markiger Zeichnung das Brustbild des Kaufmanns Augustin Weichsel aus Magdeburg nach Sieg (1832) an. Doch eine geistvollere, durch den Pariser Aufenthalt gereifte Linienführung ist in dem Stich nach van Dyck’s Selbstporträt im Louvre (1840) und in dem herrlichen Bildniß Karls I. von England nach demselben Meister in der Dresdener Galerie (1850) entfaltet, rühmenswerthe Leistungen, welche ihrem Schöpfer Ehren und einen bedeutenden Namen eintrugen. Als Pendant zum „van Dyck“ entstand mit Auslassung der charakteristisch skizzirten Hand 1842 der Stich nach Tizian’s Selbstbildniß im Berliner Museum. Der kühnen und rapiden Vortragsweise des Gemäldes ist M. durch eine selbständige, dem Charakter seiner Kunst entsprechende Umarbeitung des Originals gerecht geworden. Unübertrefflich an minutiöser Durcharbeitung ist dem Künstler „Der große Kurfürst“ nach Nason (1846) gelungen. Von gelegentlichen Arbeiten sei die Facsimileradirung nach einer interessanten Federzeichnung von Chodowiecki, das Profilporträt Friedrichs des Großen (1850) und „Mozart“ (1853) nach einer Zeichnung von Doris Stock erwähnt; ferner der kleine Facsimilestich „Beethoven“ radirt nach Leyser, die schönen Porträts Fr. Eggers’ (1872) und des Bildhauers Christian Rauch nach einer Vorlage von G. Schadow aus dem Jahre 1812, gestochen 1873. „Franz Kugler“ auf Grund einer geistreichen Zeichnung von Menzel 1854 vollendet, fesselt nicht minder nachhaltig als die Reproduktion einer Skizze von Kugler selbst mit dem Vermerk des Dargestellten: „So sah ich aus am Morgen des 6. April 1829, Heinrich Heine“. Von Männern der Wissenschaft hat M. noch den genialen Astronomen Friedrich Bessel 1851 nach dem Gemälde von Johann Wolf verewigt. – Der Gemüthsneigung des Künstlers entsprach die Nachbildung anmuthiger Frauenbildnisse, wie das der Königin Elisabeth von Preußen nach J. Stieler (1846) und der Schwester des Tondichters Felix Mendelssohn-Bartholdy, Fanny Hensel, im Charakter der Originalzeichnung von W. Hensel, 1847. – Mit Ausnahme mehrerer bereits erwähnter Porträts, der Stiche nach Ary Scheffer’s „Christus über Jerusalem weinend“ (1854) und nach A. Henning’s „Anbetender Engel im Crucifix des Altars der Berliner Schloßkapelle“ (1856) wandte sich M. auf der Höhe seines Künstlerlebens mit begeisterter Hingabe den Meistern der italienischen Renaissance und ihrer Nachblüthe zu, deren Gemälde ihm für den klassischen Linienstich die paßlichsten Vorwürfe lieferten. – Zu denjenigen Werken, durch welche M. in weitesten Kreisen Aufsehen erregte, gehört der dem Reiz des Colorits nacheifernde Stich nach Tizian’s la Bella in der Gallerie Pitti zu Florenz (1868), jenem blühend lebensvollen Frauenporträt im prächtigen Kostümschmuck. Während er sonst auf eigenhändige Zeichnung, wo ihm die unmittelbare Benutzung des Originals nicht zu Gebote stand, bedacht war, legte M. dieser brillanten Arbeit eine Zeichnung seines einzigen Sohnes Reinhold zu Grunde, der in jugendkräftigem Alter dem Vater 1865 durch den Tod entrissen wurde. Eher der fremden als eigenen Wahl des Künstlers, der jedoch stets seinen Aufgaben die nämliche solide Technik zuwandte, verdanken wir die Stiche nach der „Madonna colle stelle“ in der Galerie zu Blenheim (1848) und der „Mater dolorosa“ in der Kirche zu Außig bei Dresden nach einer Zeichnung Schurig’s (1858), beide nach Carlo Dolce und dem „Ecce homo“ nach Guido Reni in der Dresdener Gallerie (1858). – Doch ein wahrhaft inneres Genüge empfand der Meister selbst, so oft er seinem künstlerischen Glauben folgsam an Raffael’s Werken sich erheben und dem Weltruhme des Urbinaten durch seine Kunstfertigkeit mit dem geübtesten Grabstichel dienen konnte. Jahre lang studirte er die reine und edle Formensprache Raffael’s, vertiefte sich in die Empfindungsweise und das durchgeistigte Colorit desselben, um durch die bescheidenere Sprache seiner Kunst den Höchsten würdig zu übertragen. – Dem schönen, sich aufstützenden [169] Knaben im Louvre, irrthümlich für Raffael’s Jugendporträt gehalten, welches M. 1860 reproducirte, ging der Stich nach der Madonna Colonna in der Berliner Gemäldegalerie 1855 voraus, aus welchem das hellleuchtende Colorit in der adäquaten Behandlung des Grabstichels wol ersichtlich ist. Die Scharfsichtigkeit, mit welcher Mandel’s Blick seinem Vorbilde nachgeeifert, ist aus der treuen Nachfolge der Contouren zu ersehen, welche Raffael bei der Untermalung anzuwenden liebte, um die Reinheit und Sicherheit der Zeichnung bestimmter hervortreten zu lassen. – Eine Perle unter den Arbeiten Mandel’s ist die vielbewunderte Platte nach der Madonna della Sedia (1865), mit welcher er seine Vorgänger weit überflügelte; auch die sogenannte „Madonna Panshanger“ (1871) im Besitz des Lord Cowper ist mit allen Vorzügen seiner trefflichen Linienzeichnung ausgestattet. – Seitdem M. in seinem Specialfache den Wetteifer keines Genossen zu scheuen brauchte, behielt er unablässig den Gedanken im Auge, das schönste aller Bilder, die Dresdener Madonna di San Sisto zu stechen. Doch erst im letzten Jahrzehnt seines Lebens war ihm die Ausführung seines lang gehegten Wunsches vergönnt. Das Werk wurde die Krone seines Künstlerlebens; seine bisherigen Schöpfungen konnten keinen würdigeren Abschluß finden. Dem Umfange nach der größte Stich ist er auch in der geistigen Erfassung und Vertiefung und namentlich in der detaillirtesten Modellirung und Feinfühligkeit der Ausarbeitung im Einzelnen, vor Allem in der sorgfältigen Charakteristik jeder Partie die bedeutendste Leistung Mandel’s. Nach der im Sommer 1873 mit großem Eifer angefertigten Zeichnung führte er während einer zehnjährigen angestrengten Thätigkeit das Hauptwerk der christlichen Malerei im Vollwerthe der Kupferstecherkunst bei genauer Wahrung des Idealcharakters zu Ende. Kein Stecher vor ihm hat das hohe Ziel in gleichem Maße wie M. erreicht. Wenn auch bereits Fr. Müller im J. 1815 nach einer Zeichnung der Madame Seydelmann auf Kosten der Treue eine bewundernswerthe markige Kraft und Geschlossenheit im Gesammteindruck erzielt hat, so übertrifft ihn doch M. durch seine veredelte, intimere Auffassung, durch die zuverlässigere Zeichnung und Modellirung. Steinla’s und Keller’s Stiche der Sixtina können in ihrer völlig unzureichenden Technik beim Vergleich nicht Stand halten. Sobald man den nothwendig bedingten Unterschied zwischen Original und Kupferstich nicht außer Acht läßt, wird man Mandel’s Platte, die sich nach den kürzlich hergestellten Probedrucken als vollendet erwiesen hat, als die erste Leistung der Kupferstecherkunst unserer Zeit ansehen. Den Verdiensten unseres Meisters um die Kunst, als deren congenialer Dollmetscher er sein Leben mit Weisheit und hohem Sinne ausgenutzt hat, entsprechen die zahlreichen Auszeichnungen und Ehrenbezeugungen, die ihm zu Theil wurden. Er war Mitglied fast aller hervorragenden Kunstakademien des In- und Auslandes, Ritter des Ordens pour le mérite, besaß den baierischen St. Michaelsorden, das Kreuz der französischen Ehrenlegion, Orden von Oesterreich, Belgien und anderen Staaten und erwarb sich mehrere goldene Medaillen in Deutschland wie in Paris. – In seiner glücklichen, durch die Musik und die bildenden Künste verschönerten Häuslichkeit feierte M., von zahlreichen Verehrern und Freunden hochgeschätzt, am 15. Februar 1880 an seinem Geburtstage zugleich das 50jährige Jubiläum seines künstlerischen Wirkens. Leider war ihm die Freude der Veröffentlichung seiner Sixtina nicht mehr vergönnt. Rüstig und arbeitsam bis zum letzten Tage entschlief er plötzlich am 20. October 1882 in Folge eines Herzkrampfes in seiner Vaterstadt. Ein zuverlässiges, nur im Ausdruck der Augen allzu strenges Bildniß, gestochen von V. Jasper, findet sich in den Graphischen Künsten, 2. Jahrgang.

Vgl. Handbuch für Kupferstichsammler von Dr. A. Andresen. Leipzig 1873. II. S. 108. – Handbuch für Kupferstichsammler oder Lexikon der vorzüglichsten [170] Kupferstecher des 19. Jahrhunderts von Aloys Apell. Leipzig 1880. S. 257. – Die graphischen Künste. Redigirt von Dr. Oscar Berggruen. Wien 1880. S. 57–59. – Beilage zur Allgemeinen Zeitung. 1882. Nr. 313. – Beiblatt zur Zeitschrift für bildende Kunst. 1882. S. 55 bis 57. – Illustrirte Zeitung. 1882. Nr. 2054. – Eduard Mandel und seine Werke dargestellt von Ludwig Pietsch nebst dem von V. Jasper radirten Porträt des Meisters. Berlin 1883.