ADB:Reinwald, Wilhelm

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Artikel „Reinwald, Wilhelm Friedrich Hermann“ von Max Löwisch in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 28 (1889), S. 104–111, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Reinwald,_Wilhelm&oldid=- (Version vom 15. Oktober 2019, 09:20 Uhr UTC)
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Band 28 (1889), S. 104–111 (Quelle).
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Reinwald: Wilhelm Friedrich Hermann R., in der Geschichte deutscher Sprachforschung unvergessen, weiteren Kreisen seiner Beziehungen zu Schiller wegen bekannt, wurde am 11. August 1737 zu Wasungen geboren. Sein Vater Johann Ernst R., der daselbst die Stelle eines Amtmanns mit dem Titel Regierungsrath inne hatte, war der erste Instructor des Herzogs Anton Ulrich von Meiningen gewesen. Nach seinem frühen Tode (1750) nahm sich jener edle Fürst der verwaisten Familie an, als die Mutter im Anfang des siebenjährigen Krieges bei einer Plünderung ihr Vermögen verlor. Durch häuslichen Unterricht und durch den Besuch des Meininger Gymnasiums wohl vorbereitet, studirte R. 1753–56 in Jena die Rechte. Schon da begannen seine poetischen Versuche und litterarischen Studien, denen er sein ganzes Leben hindurch treu blieb. Seit 1758, dem Todesjahre der Mutter, wohnte er bei seinem Oheim Stieler, dem nachmaligen Schwiegervater Gotter’s in Gotha, wo er bei George Benda Musikunterricht genoß und im Umgang mit dem Idyllendichter Jac. Fr. Schmidt seiner Neigung für Litteratur und Kunst lebte. 1762 schickte ihn sein Gönner, der kunstsinnige Herzog Anton Ulrich, als geheimen Kanzlisten nach Wien, um sich von ihm Berichte über Staatsangelegenheiten und litterarische Gegenstände erstatten zu lassen. In ziemlich unabhängiger Lage, mitten in das Getriebe der Kaiserstadt hineingestellt, erfuhr er, an gegenständlicher Anregung sonst so arm, hier zum ersten Mal die fördernde Wirkung äußerer Einflüsse, die, veredelt durch den Verkehr mit geistig bedeutenden Männern, z. B. Jos. Ant. v. Riegger, den Wiener Aufenthalt zum Höhepunkt seines Lebens machten. Leider starb sein Gönner ein Jahr darauf. Unter dem Vorwand einer besseren Versorgung zurückberufen, erhielt R. von der Herzogin-Regentin Charlotte Amalie die armselige Stelle eines Consistorialkanzlisten in [105] Meiningen, was ihm um so drückender und unerträglicher erscheinen mußte, als sich in Wien bedeutende Aussichten für seine Zukunft eröffnet hatten. Nur der Gedanke, dem engeren Vaterlande seine Kräfte zu widmen, veranlaßte seine Rückkehr, die mit der ersten bittern Enttäuschung einen verhängnißvollen dauernden Umschwung in seiner ganzen sich bis dahin so günstig anlassenden inneren und äußern Entwicklung herbeiführte. Die ihm aufgezwungene Stelle vermochte in keiner Hinsicht weder seinen geistigen noch materiellen Bedürfnissen Rechnung zu tragen. Wie er in seinen Gedichten sich mehrfach klagend äußert, daß die drückende Last mechanischer Arbeit jeden höheren Flug seines Geistes lähme, so stellte sich, für den Augenblick noch verhängnißvoller, als unmittelbare physische Folge der Ueberanstrengung eine dreijährige Augenschwäche ein, die auch später wiederkehrte. Erst mit der Mündigkeit des Herzogs Karl August (1776) besserte sich seine Lage. Der junge Fürst wünschte die von seinem Vater gesammelten Kunst- und Litteraturschätze geordnet zu sehen, und betraute deshalb R. mit der Stelle eines Gehülfen an der Bibliothek. Fast 40 Jahre blieb die Sammlung unter seiner Obhut. Sie bot ihm zu unmittelbarem praktischen und wissenschaftlichen Wirken reichen Anlaß. Weit über den engen Kreis eigener Thätigkeit hinausgehend aber vermochte R. von hier aus sogar anregend in den Gang unserer großen Litteratur einzugreifen. Am 7. December 1782 sah er Schiller zum ersten Mal. Er allein wußte damals um die wahren Verhältnisse des Bauerbacher Fremdlings, den Frau v. Wolzogen an ihn gewiesen hatte, und dem er während seiner 8½ monatlichen Verbannung der einzige, unentbehrlichste Freund war. Wie er von vornherein mit scharfem Blick den hohen Genius und die eigenste Begabung des unglücklichen Flüchtlings erkannte, so fühlte sich auch dieser durch die ungewöhnliche Gelehrsamkeit und durch die klaren verständigen Lebensanschauungen zu dem Freunde hingezogen. Ohne Zweifel hatte R. damals einen nicht unbedeutenden Einfluß auf Schiller’s Lebensführung und Gedankenwelt. An ihn wendet sich der nachmalige Schwager um Urtheil und Begutachten seiner Geistesproducte, von ihm verlangt er Stoff zu neuen Tragödien, bei ihm findet er damals und später Anregung und Vorschub in seinen historischen Studien, durch ihn endlich bekommt der junge Dichter die Bücher in die Hand, die den Plan zum Don Carlos reifen lassen. So ganz ungerechtfertigt ist es daher wol nicht, wenn Schiller selbst dem Freunde die Hälfte seiner damaligen Wirksamkeit zuschreibt.

Ein vom Herzog gegründetes Liebhabertheater, auf dem 1776 seine Operette: „Milton und Elmire“, Frankfurt 1775, aufgeführt wurde, brachte R. in nähere Beziehung zum Hofe und veranlaßte einen vorübergehenden Briefwechsel mit Leisewitz, dessen Julius von Tarent vom Hofe 1780 gespielt ward. 1784 wurde er herzoglich meiningischer Rath. In den Sommer desselben Jahres fällt seine erste Reise zu Schiller’s Eltern, auf der er Uz in Anspach, Schubart auf Hohenasperg, den Pfarrer und Sprachforscher Fulda in Mühlhausen und Schiller’s Stuttgarter Freunde kennen lernte. Auf der Rückreise besuchte er mit Christophine, Schiller’s ältester Schwester, den Dichter in Mannheim. Dieser, damals von der äußersten Geldverlegenheit bedrängt, war den Absichten Reinwald’s auf die Hand Christophinens nicht günstig gestimmt. Er wollte die zärtlich geliebte Schwester, für die er hochfliegende Pläne hegte, nicht an der Seite des kränklichen und hypochondrischen Freundes verkümmern sehen. In Gemeinschaft mit ihm suchte Frau v. Kalb die Verbindung beider zu hindern. Anders dachten die Eltern, besonders der praktisch calculirende Vater. Christophine selbst war R. nicht abgeneigt. Die Warnungen des Bruders aber bestimmten sie, den Meininger Hofprediger Pfranger (s. A. D. B. XXV, 704), Reinwald’s besten Freund, in einem Briefe vertrauensvoll um Rath zu fragen. Seine Antwort [106] gab den Ausschlag. Im Sommer 1785 erfolgte die Verlobung, ein Jahr darauf, am 22. Juni 1786 in Gerlingen bei der Solitude die Hochzeit.

Elisabetha Christophine Friederike war das älteste Kind der Schiller’schen Familie, zwei Jahre vor dem Dichter am 4. Sept. 1757 in Marbach geboren. In der frühesten Kindheit schon schlossen sich Schwester und Bruder eng aneinander, und was unbewußt die Kinder sich so innig geneigt machte, kettete später mit um so größerer Stärke die Erwachsenen in unzerreißbaren Banden zusammen. Die gleichgestimmte Seele, die lebhafte Empfänglichkeit für alles Wahre, Schöne und Gute, das begeisterungsfähige, frühzeitig und vorzugsweise dem Erhabenen zugewendete Gemüth, das spätere Beurtheiler auch der Schwester nachgerühmt haben, geben der Behauptung Recht, daß Christophine in der ganzen Familie dem gewaltigen Geist und dem reichen Herzen des Bruders am nächsten stand. In der Zeit seines Leidens und seiner Kämpfe war sie seine Vertraute gewesen; als Genossin seiner dichterischen Träume und Erstlingsversuche hatte sie die sonnigeren Stunden des jungen Dichterdaseins mit durchgelebt. Wenige haben wie sie mit so hingebender Begeisterung sich in die Schriften des Bruders versenkt, in denen sie ihre eigene hohe Sittlichkeit wiederfand, an und nach denen sie vorzugsweise ihr geistiges Leben bildete. Ihr Briefwechsel zeigt, mit welch unbeschreiblicher Innigkeit sie bis an ihr Lebensende das Andenken des früh Verlorenen bewahrt hat.

Das erste Drittheil ihres Lebens war ihr einfach und still im elterlichen Hause dahingeflossen; der harte Gegensatz zwischen Vater und Sohn hatte in ihr wie in der Mutter stets eine versöhnende Vermittlerin gefunden; jetzt führte sie ihre Vermählung zum ersten Mal in völlig andere Verhältnisse, in Verhältnisse, die ihr in mancher Beziehung den Tausch nicht vortheilhaft erscheinen lassen konnten. Gleich im Anfang schlug Reinwald’s Hoffnung auf Gehaltserhöhung fehl. Um sein kleines Einkommen aufzubessern, sah er sich genöthigt, nach litterarischen Erwerbsquellen zu suchen. Seit 1779 schrieb er Recensionen für Nicolai’s Allgem. Deutsche Bibliothek; jetzt gelang es ihm auch, an Weiße’s N. Bibl. der schönen Wissensch. eine Mitarbeiterstelle zu erhalten. Sein Schwager, selbst der alte Schiller, gaben sich Mühe, ihm ein Feld regelmäßiger schriftstellerischer Thätigkeit zu eröffnen. Von Uebersetzungen, zu denen jener rieth, erschien 1788 „Lottens Briefe während ihrer Bekanntschafft mit Werthern“ nach einem zwei Jahre vorher zu London anonym erschienenen englischen Original. Für Schiller’s eigene periodische Werke verfaßte er Aufsätze historischen Inhalts, von denen die „Verschwörung der Pazzi“ in der „Geschichte der Verschwörungen“, Bd. I, die „Pulververschwörung“, die selbst Goethe’s Beifall fand, 1796 in den Horen veröffentlicht wurden. Seine Theilnahme an den Memoires dagegen zerschlug sich. Ein gleiches Schicksal hatten die zahlreichen, von Schiller angeregten Projecte zu Aufsätzen humoristisch-satirischen Inhalts, obwol vielleicht gerade auf diesem Felde R. am meisten geleistet haben würde; denn sein Prosastil ist fließend und geschmackvoll, ein humoristischer Zug und gelegentlich epigrammatische Schärfe fehlen seinen Briefen und Gedichten nicht. So floß also auch diese Einnahmequelle spärlich, und Christophine mußte eine Zeitlang sogar durch Zeichenunterricht das Geld für die Wirthschaft selbst mit verdienen helfen. Die Ehe blieb kinderlos. Erst 1815 kurz vor Reinwald’s Tode wurde dessen 14jährige verwaiste Nichte Therese von den Gatten aufgenommen, und so bildeten Besuche und Reisen die einzige Unterbrechung ihres einförmigen Familienlebens. Das für die Schiller’sche Familie so verhängnißvolle Jahr 1796 rief Christophine zum ersten Mal für längere Zeit in die Heimath. Sie blieb fünf Monate und war ihren Angehörigen bei der französischen Plünderung, der Krankheit der Schwester und dem Tode des Vaters eine [107] unentbehrliche Stütze. Schiller war zweimal, zuletzt auf der Rückreise von Schwaben nach Meiningen gekommen. Reinwald’s eigene Reisen verschafften ihm die Bekanntschaft mancher berühmter Männer, die es dann ihrerseits nicht versäumten, bei ihrer Anwesenheit in Meiningen den Schwager Schiller’s zu besuchen. Mit den einheimischen Dichtergrößen und Künstlern stand die Familie, soweit es Reinwald’s ungeselliges Wesen zuließ, in freundschaftlichem Verkehr. Auch Hof- und Adelskreise blieben ihnen nicht verschlossen; Christophine, der erklärte Liebling der Herzogin Luise Eleonore, fand in jenem geistvollen Umgang ihre liebsten Freunde, vor allem die Fürstin Marie Louise Wilhelmine von Wied-Neuwied, die sich 1796–99 in Meiningen aufhielt. 1802 wurde R. erster Bibliothekar; 1804 wählte ihn die deutsche Gesellschaft in Leipzig zu ihrem Mitglied, und im nächsten Jahre erhielt er von der Herzogin-Regentin den langersehnten Titel eines Hofraths.

In diesen wenigen Daten einer an äußeren Ergebnissen so armen Geschichte spielt sich eine Ehe ab, die in den ersten zwei Jahrzehnten ihres Bestehens auch rücksichtlich des inneren Verhältnisses der Gatten ein wenig erfreuliches Bild zeigt. Immer in kleinstädtischer Enge an die Verdrießlichkeiten eines armseligen Dienstes gebunden, aller äußeren Vorzüge bar, aber beständige Sehnsucht nach einem höheren Lebensideal im Herzen tragend, war R. frühe zum Hypochonder und Pessimisten geworden. Fortwährende Kränklichkeit hatte ihn launisch und reizbar, ein langes Alleinstehen verschlossen, egoistisch, mißtrauisch und zum ungeselligen Büchergelehrten gemacht; drückende Nahrungsnoth lehrte ihn den Wert des Geldes übermäßig schätzen. Christophine, um so viel jünger, lebhaften Temperamentes und an freundschaftlichen Verkehr gewöhnt, konnte sich nur mit Mühe in die Eigenart ihres Gatten schicken, so sehr Anspruchslosigkeit und Pflichtgefühl, verbunden mit einer halb fatalistisch, halb optimistischen Lebensauffassung es ihr erleichterten. Zum ersten Mal nach zehnjährigem schweigendem Dulden schüttete sie in der schwäbischen Heimath den Angehörigen gegenüber ihr Herz aus. Man kann sie darum nicht tadeln – aber zu der womöglich noch größeren Entfremdung der Gatten im zweiten Jahrzehnt der Ehe hat es sicher beigetragen. Jetzt traten Mutter und Bruder zwischen sie; heimliche Geldsendungen, eine nach dem Tode jener ohne Vorwissen Reinwald’s entstandene Correspondenz mit Schiller waren die Folge. Die Briefe sind theilweise auf uns gekommen; sie enthalten manche bittere Anklage gegen R. – Gerade in diese Zeit fällt Schiller’s Tod. Es war ein überaus harter Schlag besonders für Christophine, die mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit an dem Bruder hing. Aber es ist nicht zu leugnen, daß er gleichzeitig einen Wendepunkt zum Besseren in dem ehelichen Leben der beiden Gatten bezeichnet. Erst als die Aussicht, den Abend ihres Lebens beim Bruder zubringen zu können, schwand, war für Christophine eine aufrichtige innere Annäherung möglich. Pecuniäre Verbesserungen kamen hinzu. Sie erlaubten von dem strengen, oft erniedrigenden Sparsamkeitssystem etwas abzugehen und brachten, unterstützt durch die Milde und Weichheit von Reinwald’s Alter, nach und nach ein wirklich zärtliches, auf gegenseitige Achtung und Unentbehrlichkeit gegründetes Verhältniß zustande. Der neue frivole Ton der Revolution trieb beide Gatten ganz in ihre Häuslichkeit und auf sich selbst zurück. Reinwald’s letzte Jahre waren zwischen amtlicher Thätigkeit und sprachwissenschaftlichen Arbeiten getheilt. Er starb am 6. August 1815. – So sehr man im Allgemeinen geneigt ist, Christophinens entsagungsvolles Loos zu bedauern, so läßt sich doch Manches zu Gunsten ihres Gatten anführen. An geistigen Genüssen stand jedenfalls ihr Leben an seiner Seite dem im elterlichen Hause nicht nach. Wenn Christophine klagt, daß sie ihrem Manne auf dessen Lieblingsgebiet, seine sprachwissenschaftlichen Studien nicht folgen könne, so wurde ihr [108] doch, wie ihre eigenen poetischen Versuche und Briefe beweisen, dessen litterarische und musikalische Bildung eine Quelle vielfacher Belehrung, Anregung und edlen Vergnügens. Durch ihn erst lernt sie Französisch und Englisch; er lehrt sie Abends bei gemeinschaftlicher Lectüre die Schönheit Shakespeare’s und Milton’s verstehen. Auch ihr Zeichentalent konnte sie im Verkehr mit Meininger Künstlern vielseitiger ausbilden. – Das letzte Drittel ihres Lebens brachte Christophine erst in Schwaben, dann in Meiningen in ereignißloser, glücklich-sorgenfreier Zufriedenheit hin. Sie starb von der Mitwelt pietätvoll verehrt, Gemüth und Körper bis zuletzt von den Gebrechen des Alters verschont, am 31. August 1847, nahezu 90 Jahre alt.

Als Dichter ist R. unbedeutend. Wenn er schon von den Zeitgenossen wenig beachtet wurde, so findet man heute in den größten Sammelwerken kaum seinen Namen. Ein großer Theil seiner poetischen Versuche ist Gelegenheitsdichtung lyrisch-didaktischer Natur, anfänglich in der Form der alten Alexandrinerpoesie. Die Einflüsse der Zeit lassen sich nicht verkennen; bald wird die Weise Uzens, bald auch die Hagedorn’s leise angeschlagen; moralisirende Tendenzen nach der Art seines Lieblingsdichters Gellert machen sich überall breit. Am besten gelingt ihm auch hier der komische und satyrische Ton. Formgefühl, vortreffliche, gesinnungstüchtige Gedanken und gelegentliche Empfindungstöne, aber ohne höheren Schwung unter nüchterner Alltäglichkeit versteckt, lassen sich ihnen nicht absprechen. So sehr er mit dem Geschmacke der Zeit fortzuschreiten sucht, mit einem Fuß bleibt er immer im alten Rationalismus stecken. Schon frühe veranlaßte ihn seine Beschäftigung mit französischer, italienischer und lateinischer Litteratur zu Nachbildungen und Uebersetzungen, später zeigt er für Hans Sachs, dem er nicht unglücklich nachahmt, eine merkenswerthe Vorliebe; auch im Ton der Volks- und selbst in Dialektdichtung versucht er sich. – Von seinen Gedichten erschienen zwei Sammlungen: „Poetische Briefe und kleine Gedichte.“ Meiningen 1769. und „Poetische Launen“. Dessau 1782. Zu einer dritten konnte er trotz Schiller’s Vermittlung keinen Verleger finden, und so entschloß er sich, auf den Rath des Schwagers sie einzeln herauszugeben. Mit dem zweifelhaften Glück, sie zu veröffentlichen, wurden folgende Zeitschriften bedacht: 1785/86 Fränkischer Musenalmanach; 1787 Schiller’s Thalia; 1796 Schiller’s Musenalmanach; 1803/5 Bergisches Taschenbuch; 1806 Niederrheinisches Taschenbuch u. s. w. Nach Pfranger’s Tode 1790 gab R. das von Beiden gemeinsam bearbeitete Sachsen-Koburg-Meiningische Gesangbuch mit 15 eigenen Liedern heraus.

Zu sprachwissenschaftlichen Arbeiten wurde R. durch Fulda’s Anregungen geführt, die ihn auf deutsche Wurzelforschung, zunächst in der Form dialektischer und dialektologischer Studien hinwiesen. Sein Erstlingswerk, die „Briefe über die Elemente (= Fulda’s Wurzeln) der germanischen Sprache“, von denen nur einer 1776 ohne Namen erschien, schließt sich äußerlich und sachlich an die Göttinger Preisschrift Fulda’s an, dessen Wurzelsystem den Verfasser zu manchen Mißgriffen verleitet. Allmähliche Erkenntniß derselben bringt ihn in eine freiere Stellung, ohne den einmal gelegten Trieb zu etymologischer Forschung in ihm zu zerstören. Schon das „Hennebergische Idiotikon“ – sein verbreitetstes und bekanntestes Werk, der erste Theil 1793, der zweite mit Berichtigungen und Ergänzungen 1801 erschienen – hält sich übertriebenen Phantastereien fern. Der Stoffvorrath, zwar nicht vollständig, aber eine gute Grundlage für die Weiterforschung, ist theils Reinwald’s eigenem Sammelfleiß, theils einer Vorarbeit seines Wasunger Landsmannes Schenk zu danken. Die Ansätze zu lautlicher und grammatischer Behandlung sind dürftig, die etymologische Seite dagegen dem Autor besondere Herzenssache gewesen. Gewissenhafte Ausnutzung der Hülfsmittel und gründliche Kenntniß aller Zweige des deutschen Sprachstammes [109] rechtfertigen die günstige Aufnahme der Kritik. Ihren Mittelpunkt findet Reinwald’s Thätigkeit in seinen glossologischen Studien. Seit Ausgang der siebziger Jahre beschäftigt ihn der Plan zu einem karolingischen Glossar, das aus den frühesten Sprachresten des fränkisch-alemannischen Dialektes gezogen, die Mängel des unzureichenden Schilter’schen verbessern sollte. Daneben legt er sich eine angelsächsische Chrestomathie mit Wörterbuch an und macht aus altnordischen Denkmalen umfassende Auszüge. Nichts ist von dem Allen veröffentlicht worden, aber mittelbare Früchte dieser Studien sind seine sprachwissenschaftlichen Recensionen und Aufsätze. 1795 war ihm vom Bureau der Allgemeinen Literatur-Zeitung eine Mitarbeiterstelle angewiesen worden; seine ersten Recensionen behandeln Bd. IV und V des Bragur. Als Schütz 1803 nach Halle ging, und in Jena besonders durch Goethe’s Bemühungen eine selbständige Jenaische Literatur-Ztg. gegründet wurde, schrieb R. für die Hallische weiter. Zwischen 1797 und 1808 fallen seine Beiträge zu den drei unter sich zusammenhängenden: Roch’schen Allgemeinen Literarischen Anzeiger, den Literarischen Blättern und dem Cotta’schen Neuen Literarischen Anzeiger, welche drei Zeitschriften in der Geschichte deutscher Sprachforschung überhaupt eine nicht unbedeutende Rolle spielen. Es sind meist Mittheilungen bibliograpisch-litterarischer Natur, zu denen ihm dort angeregte Fragen Veranlassung, die ihm unterstehende Bibliothek oder der reiche Schatz eigener Bücher- und Litteraturkenntniß das Material boten. In ähnlicher Weise beschrieb er für Panzer’s Annalen der älteren deutschen Litteratur eine Anzahl von Incunabelschätzen der herzogl. Bibliothek.

Leider gelangten seine Privatstudien nur dann an die Oeffentlichkeit, wenn sich ein äußerer Anlaß bot. Besondere Beachtung verdienen seine Nachrichten über das Wessobrunner Gebet und das Hildebrandslied, von denen die Brüder Grimm in ihrer Ausgabe beider Gedichte vom Jahre 1812 ausführlich berichten. Von ersterem, das den Gelehrten damals nicht wenig Schwierigkeiten machte, liefert er in der Allg. Lit.-Ztg. 1797 (Rec. des Bragur), in den Lit. Bl. 1805 S. 105, und in Docen’s Miscell. II. 291, Uebersetzungen und Commentare, deckt den Irrthum über den vermeintlichen Dichter Kazungali auf und weist Docen’s Vermuthung über die Zusammengehörigkeit mit der Cotton’schen Evangelienharmonie aus innern Gründen zurück. Das andere veröffentlicht er als „Fabula Romantica“ im N. Lit. Anz. 1808 zum ersten Mal seit 80 Jahren. Der Text ist nach Eckhart mit gegenüberstehender deutscher Uebersetzung gegeben, wobei der Verfasser allerdings oft das richtige trifft, daneben aber auch alte Irrthümer beibehält oder an ihre Stelle neue setzt. Wichtiger sind 2 größere Arbeiten Reinwald’s, die auch zunächst glossologischer Natur sind: seine Bemühungen um Ulfilas und die Evangelienharmonie.

Nach einer langjährigen Beschäftigung mit dem Gothischen erhielt er durch die vom Prediger Zahn seit 1801 besorgte Ausgabe des Fulda’schen Ulfilas Gelegenheit, seine Kenntnisse auch praktisch zu verwerthen. Er hatte das nach dem Wurzelsystem jenes Gelehrten angeordnete Glossar zu revidiren und praktischen Anforderungen gerecht zu machen. Die Arbeit nahm ein Jahr (1802–1803) in Anspruch. Es sind ihr hauptsächlich Berichtigungen und Nachträge zu danken. Das Hauptverdienst, die zum ersten Mal eingeschlagene grammatische und kritische Behandlung gebührt den Vorarbeiten Fulda’s. Seine Stellung zur Ausgabe im Allgemeinen charakterisirt R. im Vorbericht und in zwei von ihm verfaßten Anzeigen (Allg. D. Bibl. 1805 und N. Lit. Anz. 1807). Das Werk – für uns schon wegen des unberücksichtigten neuen Stoffes nicht mehr brauchbar – erfuhr auch von den Zeitgenossen, Docen und Aretin, manchen Tadel. Jac. Grimm beurtheilt 1836 (Gött. gel. Anz. S. 180) das Glossar, dessen häufig falsch angesetzte Formen er tadelt, ziemlich rücksichtslos. In der That hat keiner [110] von den Herausgebern auch nur eine Ahnung des großen Gewinnes gehabt, der für Wortforschung und Grammatik aus dem Gothischen gezogen werden konnte.

Wie Ulfilas, einzig in der Sprache und Litteratur seiner Mundart dastehend, hat auch ein anderes germanisches Denkmal, die sogenannte altsächsische Evangelienharmonie, das Interesse Reinwald’s gefesselt und seinen Fleiß in strenger ausdauernder Arbeit beschäftigt. Seine Bemühungen sind hier um so mehr anzuerkennen, als gerade für diesen Dialekt sämmtliche Vorarbeiten und Hülfsmittel mangelten. In der That ist für die damalige Zeit in jenen Schriften Reinwald’s eine Fülle von Gelehrsamkeit niedergelegt. Von vornherein hatten bei seiner Arbeit am karolingischen Glossar die in Hickes’ Thesaurus 1705 und in Suhm-Nyerup’s Symbolae 1787 veröffentlichten Bruchstücke des Codex Cottonianus der sogenannten Evangelienharmonie Reinwald’s Aufmerksamkeit erregt. Er rechnet sie indeß mit Hickes zunächst noch zur franktheotischen Litteratur. Eine Notiz in Eckhart’s Comment. de reb. Fr. orient. 324 veranlaßte ihn 1797 in Würzburg Nachforschungen nach einer daselbst vermutheten zweiten Handschrift anstellen zu lassen, die inzwischen 1794 vom französischen Lector Gley auf der ehemaligen Domstiftsbibliothek zu Bamberg gefunden worden war. Als dieser 1799 von seinem Funde öffentlich Nachricht und Proben gab, veranlaßten ihn die von gründlichen Vorstudien zeugenden Berichtigungen Reinwald’s, den angebotenen Beistand bei der Erklärung der Handschrift anzunehmen. R. übernahm die Arbeit zunächst nur, um Wörter für sein Glossar daraus zu ziehen. Bald aber ließ die Erkenntniß von der Wichtigkeit derselben den ersten Plan gänzlich zurücktreten; eine, zunächst mit Gley gemeinschaftlich zu veranstaltende Herausgabe der Evangelienharmonie beschäftigte ihn fortan unausgesetzt bis zu seinem Tode.

Die ganze Angelegenheit zog von vornherein die öffentliche Theilnahme auf sich. Nachdem 1801 die Erlaubniß zum Druck der Handschrift vom Bamberger Capitel verweigert worden war, schickte Gley 1805, durch ein Anerbieten der bairischen Regierung veranlaßt, seine und Reinwald’s Arbeiten nach München, wohin auch der Codex inzwischen gekommen war. Trotz der Bemühungen Aretin’s, Docen’s, Schlichtegroll’s und besonders Scherer’s verzögerte sich indeß die Veröffentlichung bis zu Schmeller’s Eingreifen 1830. Wäre Gley länger in Deutschland geblieben, so hätte man ohne Zweifel seiner Initiative die erste Herausgabe zu danken gehabt. Bei R. ließ ein ängstliches Streben nach Gründlichkeit es nie zu einer Veröffentlichung kommen. Es ist begreiflich, daß er Jac. Grimm’s Unwillen dadurch in hohem Maße erregte, weil gerade dieser bei Abfassung seiner Grammatik die Verzögerung am schwersten empfinden mußte. Unter Reinwald’s Händen zog sich die Angelegenheit in litterarischen Blättern hin; direct oder indirect auf seinen Arbeiten beruhende Veröffentlichungen finden sich in der Bamberger Ztg.; Allg. Lit. Anz. 1799 (Sievers, Heliand, Monac. V. 174–227) 1801 (Siev. Monac. 537–641); Allg. Lit.-Ztg., Intelligenzbl. 1805 (S. 465–468); Aretin’s Beiträge 1806, Bd. VII S. 3–30 und Docen’s Misc. II. 3–30 (S. M. 4270–4451); Vulpius, Curiositäten 1811 (S. 246–251; s. Cott. 5427–5478). Nach Reinwald’s Tode verkaufte Chr. alle Arbeiten ihres Mannes nach München, wo sie sich unter den Handschriften der Staatsbibliothek noch finden. Verdienstlich ist darunter die vollständige Abschrift des Cottonschen Codex, die R. um 1810 nach langer Mühe sich zu verschaffen gewußt hatte, und die Schmeller benutzte; weniger brauchbar sind nach dessen Urtheil Grammatik und Wörterbuch.

Ueberhaupt hat R. grammatischen Studien nicht die Aufmerksamkeit zugewandt, die ihn zum wirklichen Nachfolger Fulda’s gemacht hätte. Er betont zwar überall die Nothwendigkeit grammatischer Forschung, aber nur in [111] exegetischem Interesse, ohne die Grammatik als selbständige Wissenschaft zu würdigen. Von etymologischem Interesse ausgehend, sind seine Studien vorwiegend lexikographisch, sein Stoffgebiet die für solche Zwecke ergiebigsten ältesten Epochen unserer Sprachgeschichte. Fulda hat einen umfassenden intuitiven Blick für die Gesammtheit der Wissenschaft; Reinwald’s Gesichtskreis ist viel beschränkter, dagegen gibt ihm Gründlichkeit und Schärfe der Beobachtung selbst bei dilettantischer Gesammtauffassung ein Streben nach tieferer Wissenschaftlichkeit in der Methode. Darin hat er überall mit selbständigem Urtheil das beste seiner Vorgänger sich zu eigen gemacht, ohne freilich selbstthätig seine Wissenschaft einen Schritt höher zu führen. Sein etymologisches Verfahren, Herstellung der ältesten Wortform, strenge Berücksichtigung der Analogien in Laut- und Bedeutungswandel, seine vorsichtig-kritischen Grundsätze der Textbehandlung und Exegese finden um die Wende des Jahrhunderts in Deutschland wenig ihres Gleichen. Dagegen freilich steht er in allen nicht reinsprachlichen Fragen seinen Mitforschern bedeutend nach. Rationalistische Beschränktheit, die ihn zu den geschmacklosesten Urtheilen über altnordische und mittelhochdeutsche Dichtkunst verleitet, läßt ihn sich weder um Inhalt – das historisch interessante ausgenommen – noch um äußere poetische Form unsrer Denkmale kümmern. Fragen nach Quellen und Autor beschäftigen ihn nicht; vom Wessobrunner Gebet mußte Gräter 1807 und Docen 1811, vom Hildebrandslied Grimm 1812 und selbst vom Heliand v. d. Hagen 1809 die Alliteration nachweisen. So sind seine praktischen Verdienste außer auf dem Felde der Dialektforschung – auch über die früheren Dialekte, über Alter und Heimath der Denkmale, sucht er auf Grund sprachlicher Kriterien bestimmtere Begriffe zu geben – vor allen in dem zu suchen, was er als Glossolog und Interpret zum Verständniß unsrer alten Litteratur beigetragen hat. –

Meusel, Gelehrtes Teutschland VI. X. XI. XV. XIX. – Raumer, Gesch. der germ. Philologie. – Schiller’s Briefwechsel mit seiner Schwester Christophine und seinem Schwager Reinwald, hrsg. von Maltzahn 1875 mit bibliographischen Nachweisen. – Ludwig Bechstein, Mittheilungen aus dem Leben der Herzoge zu Sachsen-Meiningen. 1856. S. 68–79, 179 ff., 196–233. – Festschrift der Badischen Gymnasien. Gewidmet der Universität Heidelberg zur Feier ihres 500jährigen Jubiläums. Karlsruhe 1886. – Ueber Chr. besonders: Schillers Beziehungen zu Eltern, Geschwistern und der Familie von Wolzogen. 1859. – Charlotte von Schiller und ihre Freunde (hrsg. von Urlichs). 1860. Bd. I. S. 335 ff. – Saupe, Schiller und sein väterliches Haus. 1851. S. 106–135.