ADB:Rumsland von Sachsen

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Artikel „Rumsland, Meister“ von Gustav Roethe in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 30 (1890), S. 97–100, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Rumsland_von_Sachsen&oldid=- (Version vom 15. Juni 2019, 21:29 Uhr UTC)
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Rumsland *): Meister R., ein sächsischer Spruchdichter und Lyriker, wird als Fahrender schon durch seinen Namen, oder vielmehr Spitznamen, gekennzeichnet; dieser Name, den der Dichter mit einem oberdeutschen Collegen theilt, ist noch im 15. Jahrh., ebenso wie Suchenwirt, als Schelte geläufig (Fastn. I, 254. J. Grimm, Rechtsalt. S. 733). Seine sächsische Herkunft betont R. ausdrücklich; er kehrt sie nicht ohne Selbstbewußtsein vor seinem hochdeutschen Nebenbuhler, dem Marner, heraus; aber auch er beugt sich der Alleinherrschaft der hochdeutschen Dichtersprache widerstandslos; nur kümmerlich verlorene Spuren des niederdeutschen Wortschatzes und Lautstandes schimmern in seinen mitteldeutschen Versen durch, obgleich es niederdeutsche Höfe waren, an denen er sein Publicum zumeist suchte und fand; seine Hörer selbst wollten es nicht anders. Wo und wann R. gesungen hat, davon geben uns seine Lobsprüche auf lebende und todte Gönner eine ungefähre Andeutung; genaue chronologische Bestimmung ist schon darum erschwert, da der Dichter zu den verschiedensten Zeiten dieselben Formen und verschiedene Formen zur selben Zeit benutzt hat, anders als Walther v. d. Vogelweide. [98] Sein Lieblingsaufenthalt war wol Braunschweig: dort leuchtete ihm der segenspendende Stern Mercurius, und auch trübe Wolken (der Neid der Mißgönner) konnten den Glanz des Gestirns nicht dauernd verdunkeln; Herzog Albrecht der Große war ihm hold bis zu seinem Tode (1279), den R. beklagt hat; vielleicht deutet ein unsicheres Wortspiel darauf hin, daß auch Albrecht’s jüngerer Bruder, Johann, der 1267 Herzog von Lüneburg wurde, vor diesem Zeitpunkt zu Rumsland’s Gönnern zählte. Politische Skrupel hinderten den Dichter nicht, auch einem Gegner der braunschweigischen Brüder, dem Grafen Günzel von Schwerin, nachzutrauern; tiefer noch ergriff ihn der Tod Barnim’s des Guten von Stettin, des besten Wohlthäters aller Armen und Gehrenden (1278). Auch am dänischen Hofe galt deutsche Dichtung: R. begrüßt dort die Thronbesteigung des jungen Königs Erich Menved und mahnt in zornig ironischen Sprüchen alle ehrliebenden Dänen zur Rache an den Mördern Erich Glipping’s: möglich, daß diese Gedichte auf dem Reichstag zu Nyborg vorgetragen wurden (Pfingsten 1287), der dem jungen Fürsten die Ritterwürde brachte und zugleich ein Gericht einsetzte zur Untersuchung des Königsmordes. All diesen niederdeutschen Wohlthätern, zu denen sich noch ein paar Edle mindern Ranges gesellen, steht nur ein einziger hochdeutscher Fürst gegenüber, Herzog Ludwig von Baiern, den R. wol bei der Wahl Rudolf’s von Habsburg (Oct. 1273) in Aachen als ersten Kieser bei der Kur kennen gelernt hatte: so schön der Dichter Baierland glücklich zu preisen weiß um dieses Fürsten willen, so zweifelhaft ist es, ob er selbst jenes Land je geschaut hat.

R. war norddeutscher Dichter vom Wirbel bis zur Zeh. Es gibt keinen andern unter den md. Lyrikern, der in so ausgeprägtem Gegensatz zur süddeutschen Art stünde. Nüchtern und phantasielos, von gemüthlichen Regungen nicht leicht bewältigt, zu straffer stilistischer und metrischer Formgebung ganz unfähig, von höfischem und gelehrtem Stolz gleichmäßig frei, vereint er mit biblischer und volksthümlicher Weisheit tüchtigen gesunden Menschenverstand und einen richtigen, wenn auch beschränkten Blick für das umgebende Leben, der gelegentlich mit drastischem Realismus zum Ausdruck kommt. Die norddeutsche Neigung zur Lehre hat ihn nicht gehindert, auch im Minnesang nach heimischen Vorbildern sich zu versuchen. Aber was ist daraus geworden! In schwerfälligen Strophenformen ein wunderlich Gemisch von didaktischer Pedanterie und philiströser Sinnlichkeit: in die Freude an Frühlings Erwachen mischt sich der Groll gegen die Zweifler, die sich nicht zu freuen wissen; der sittliche Werth der Minne blendet ihm den Sinn nicht für die Reize weiblicher Leibesschönheit, in deren Details sich der norddeutsche Minnesang durchweg gerne vertieft; das dritte der 3 Lieder ist im Grundgedanken ein humorloser Vorläufer der Uhland’schen Bauernregel.

Aber das wahre Feld des Rumsland’schen Dichtens war der Spruch. In seinen 10 Tönen, deren Melodien großentheils erhalten sind und in ihrer Mehrzahl bereits der Technik des dritten Stollens angehören oder sich doch nähern, in diesen 10 Tönen hat er mehr als 100 Sprüche verfaßt: nicht selten schließen sich zwei und drei, auch vier und fünf zu mehrstrophigen Gedichten zusammen. Den ersten Spruch in jedem neu erfundenen Ton pflegt R. Gott zu weihen; seine überaus zahlreichen religiösen Sprüche zeigen bei schlichter Frömmigkeit mehr originell entwickelte Gedanken, als das sonst in mhd. geistlicher Poesie die Regel ist. Maria muß sich sagen lassen, daß sie ihre Stellung als Gottesmutter den armen Sündern verdanke; Gott hat Engel und Menschen erschaffen, um von ihnen gelobt zu werden; der Dichter möchte kein anderes Herz lieber in der Brust tragen, als das ihm Gott verlieh. Wortspielend besingt er Charfreitag und Weihnacht; das Krähen des Hahns erinnert ihn an den Crucifixus. Die Dreieinigkeit vergleicht er mit Zirkel, Linie und Winkel, Christus mit dem Einhorn [99] und in ausführlichem Gleichniß in der technischen Sprache des Handwerks mit den vier Elementen. Wenn er den Traum Nebukadnezar’s nicht auf die vier Weltalter, sondern auf die vier Alter des Menschen bezieht, sonst der Deutung des Hieronymus folgend, so ist das nicht bloße Unwissenheit: es muß eine derartige Tradition existirt haben, der auch Heinrich v. d. Neustadt im Eingang seines Apollonius sich anschloß und mit der sich noch moderne Forscher unabhängig berührt haben. Mit dem Dichter des Antichristspiels stimmt er darin überein, daß die Hypocritae die schlimmsten Gottesfeinde sind. Mit Befriedigung erzählt er die viel variirte Legende (Germ. 28, 186), daß Gott trotz Petri Bitten einem Ertrinkenden nicht half, der selbst für seine Rettung kein Glied rührte. Kurz, R. hat allerlei gehört, in sich aufgenommen und, wie es ihm zusagte, verarbeitet; eine meisterliche, eine theologisch gelehrte Bildung hat er nie genossen.

Daran ist kein Zweifel. Freilich weiß er zwölf weise Meister des Alterthums herzuzählen, freilich beruft er sich auf Cato und die Glosse, freilich hat er eine leise Ahnung von Astrologie und Mathematik; aber all das rein laienhaft. Er kannte kein Latein, besaß nicht die musiktheoretische Bildung, die in den Clerikerschulen mit Hülfe der Guidonischen Hand gelehrt wurde. Er war sich des Mangels bewußt; aber wenn ihn auch sein Stolz abhält, den Mangel als solchen zuzugeben, in den Stolz des Laien mischt sich doch etwas wie Neid auf die besser geschulten. Rumsland’s des Sachsen polemische Strophen gegen den musikkundigen Lateiner, den Schwaben Marner, sind typisch: Schulweisheit war dem süddeutschen Meister zur rechten meisterlichen Kunst früher unentbehrlich als dem schlichteren norddeutschen. Es scheint, als habe der Marner seinen sächsischen Genossen nicht recht für voll angesehen: „Verachte die Laien nicht zu sehr!“ ruft dieser ihm zu und rächt sich in maßlos schimpfenden Wortspielen: doch hat er nach dem gewaltsamen Tode des greisen Gegners rührende und ehrliche Töne der Klage gefunden. Das Gefühl der Unbildung war ihm nicht ganz ohne Stachel; selbst dem Marner gibt er das halb unbewußt zu, wenn er sagt: „Verstünde ich Latein wie Du, mein Sang wäre stärker“, und von Konrad v. Würzburg, auch einem Oberdeutschen, rühmt er, daß er der Schrift in Büchern Kunde hat. Doch der abstruse Gelehrtendünkel, der spitzfindig und dunkel sein will, um gelehrt zu scheinen, der ist ihm lächerlich und verächtlich. Ungerechtfertigte Prahlerei widert ihn an. Dem arroganten Singauf stellt er den Meißner und drei andere Sänger entgegen, die ihn kleiner machen würden als einen Finger; er corrigirt ihm ein unverständliches und unverständiges Räthsel. Im Sängerstreit zwischen Frauenlob und Regenbogen legt ihm die freilich unzuverlässige Tradition den vernünftig nüchternen Gedanken in den Mund, es sei doch ganz gleichgültig, ob man Frau oder Weib sage. Und die Gelehrten, die von allen Geheimnissen zwischen Himmel und Erde zu erzählen lieben, die verabscheut er als Wahnpropheten.

Gewiß, solche Grundsätze sind Ausfluß derselben eng verständigen Gesinnung, die sich dagegen sträubt, zum Lobe von Menschen, von Fürsten gar, Bilder aus dem Thierreich, wie Aar und Löwe, zu gebrauchen. Aber auch der Groll über störende Concurrenz bei den immer karger werdenden Gönnern redet da mit. Das ist ja nun einmal das ewige Ach und Weh bei diesen verschämt oder unverschämt bettelnden Fahrenden. Auch bei Rumsland. Um den Freigebigen schlingt sich nach dem Tode als schützender Mantel das Lob der Beschenkten; ein freundlicher Herrengruß freut wie Sonne und Firmament; den Kargen rühmt der ironische Heraldston; traurig, daß die Herren Kupfer dem Golde vorziehen, daß ihre Huld unsicher ist wie Eis! R. wünscht sich, er könnte in der Herren Brust lesen, wann sie in Gebelaune seien; er appellirt an ihre Klugheit, [100] die sie lehren müsse, daß Freigebigkeit ihnen gute Fechter sichere, die sie in der Gefahr schützen würden; ja er lügt selbst schmeichelnd um des Leibes Not: alles umsonst, böse Leute suchen das Schifflein seines Heils auf den Grund zu bohren, Schlechtere werden ihm vorgezogen; der „Lotterritter“, gegen den er eine ausführliche, höchst volksthümliche Fluchformel schleudert, wird einer seiner höfischen Gegner gewesen sein.

Es liegt nichts Vornehmes in Rumsland’s Art. Sein Standpunkt ist nicht hoch. Auch seine politischen Sprüche, die wahrscheinlich zumeist den ersten Jahren Rudolf’s v. Habsburg angehören, bitten nur um Ruhe und Frieden, um inneren und äußeren Frieden, um Züchtigung der Raubritter und Raubbauern. Selbst seine Lebensmoral hat etwas Enges und störend Verständiges: lehrt er doch, man soll den Thoren Gold verheißen und Steine leisten. Aber er ist klar, erfahren und meist maßvoll. Während er die Thierfabel aus purem Rationalismus nicht mag – die zwei Gleichnisse aus dem Physiologus, Einhorn und Löwin, gehören auf ein anderes Blatt, – weiß er kleine parabolische Erzählungen, deren Quellen meist noch nicht nachgewiesen sind, gut vorzutragen. Namentlich handhabt er den Dialog mit großem Geschick. Die Natur kümmert ihn wenig: doch hat er Bilder des nächtlichen Himmels in zwei Stropheneingängen überraschend gut gezeichnet. Mit der Sprache des Handwerks und der bildenden Künste, über deren Unterschiede er sich einmal ausläßt, ist er auffallend vertraut: man möchte seine Herkunft in Handwerkskreisen suchen wie bei Regenbogen, mit dem er den Gegensatz gegen die Gelehrten teilt. Seine formlose mitteldeutsche Art bewährt sich auch stilistisch und metrisch: Auftact, Betonung und Reim sind nachlässig behandelt; für die Harmonie zwischen Satz- und Strophenbau fehlt ihm jedes Verständniß; so sehr er es liebt, dieselben Worte und Stämme um der nachdrücklichen Wirkung willen zu häufen, so sehr er diese Häufung ins Geschmacklose steigert, so wenig weiß er den Effect zu heben durch symmetrische Anordnung dieser Gleichklänge. Und echt norddeutsch ist seine Vorliebe für das Wortspiel: zumeist bei Namen, in Lob- und Scheltstrophen; aber auch z. B. in einem Spruch auf die schlimmen Spötter, die seine Waare (merces und veritas) mit ihrem Falsche (falsches Geld und Falschheit) kaufen.

R. ist für uns der bemerkenswertheste Vertreter der mitteldeutschen Spruchdichtung, die sich noch verhältnißmäßig frei hielt von dem Eindringen gelehrter und höfischer Elemente aus dem Süden. Er ist volksthümlich, nicht immer im Ton, aber stets im Gehalt. Mit seiner Lebensklugheit und -kenntniß, seiner hausbackenen, aber ehrlichen und klaren Verständigkeit, die der verstiegenen Phrase so ganz abhold ist, wäre er vielleicht ein ganz erträglicher Prosaiker geworden; dem Dichter frommt seine für’s 13. Jahrhundert recht anerkennenswerthe Logik doch weniger, als der absolute Mangel an Phantasie und Form ihm schadet. Es gibt aber unter den Spruchdichtern des 13. Jahrhunderts wol keinen zweiten, der die Art der besseren Meistersinger des 15. und 16. so deutlich vorbereitet wie R., dem diese ein schlechtes Gedächtniß bewahrten; auch in der Vorliebe für die Erzählung berührt er sich mit ihnen; zwischen R. und Hans Sachs erscheinen Frauenlob und die Nachsprecher seines gelehrten Wustes wie eine große Episode.

Minnesinger, herausg. von v. d. Hagen, I, 267 fg., II, 346, 367–371, III, 49, 52–69, IV, 671–685. – K. Müllenhoff, Nordalbingische Studien III, 95 ff. – R. Köhler, Germania 28, 185 ff. – Burdach, Reinmar der Alte und Walther v. d. Vogelweide, S. 138 fg. – Die Gedichte Reinmars v. Zweter, herausg. von Roethe, S. 188, 308, 316 u. ö.

[97] *) Zu Bd. XXIX, S. 674.