ADB:Solis, Virgil

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Artikel „Solis, Virgil“ von Paul Johannes Rée in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 34 (1892), S. 567–570, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Solis,_Virgil&oldid=- (Version vom 19. November 2019, 09:48 Uhr UTC)
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Solis: Virgil S., Zeichner, Kupferstecher, Holzschneider, Illuminirer und Maler in Nürnberg, geboren daselbst (?) 1514, † am 1. August 1562. Da die Angabe des Todtengeläutbuches zu St. Sebald in Nürnberg, welche S. unter den zwischen dem 17. Mai und 14. September 1562 Verstorbenen aufführt, dem von Doppelmayr mitgetheilten Datum seines Todes nicht widerspricht, so ist kein Grund vorhanden, den 1. August als Todesdatum aufzugeben. – Ueber die Jugendentwicklung des S. ist nichts bekannt, der Einflüsse, die seinen Kunstcharakter bestimmt haben, sind so viele, daß ein bestimmtes Schulverhältniß nicht nachgewiesen werden kann. Zwingende Gründe an seiner Nürnberger Herkunft zu zweifeln, sind nicht vorhanden. Was seinen für das Jahr 1530 nachgewiesenen Aufenthalt in Zürich veranlaßt hat, wissen wir nicht. In Nürnberg, wo er seit 1540 nachgewiesen werden kann, entfaltete er eine ungemein rührige und vielseitige Thätigkeit. Die Zahl seiner Arbeiten, die fast durchweg mit seinem Monogramm versehen sind, das aus einem V besteht, um dessen nach rechts aufsteigenden Balken sich ein S schlingt, beläuft sich auf etwa 800. Die Ungleichmäßigkeit in der Ausführung läßt darauf schließen, daß vieles von Gesellen, die der Meister in einer großen Werkstatt beschäftigte, ausgeführt worden ist. Das Monogramm ist daher wie so häufig als eine Art Fabrikmarke zu betrachten. Von seiner angesehenen Stellung, sowie von seiner Vielseitigkeit und Geschäftigkeit zeigen die nachfolgenden Verse aus dem Gedichte, welches der Kupferstecher Balthasar Jennichen unter das von ihm gestochene Solisbildniß setzte (Abb. s. Hirth, Kulturhistor. Bilderbuch II, 1066): die • künstler • mich • vater • hissen • in • zu • dienen • war • ich • gflissen • mit • moln • stechn • illuminirē • mit • reissē • eczn • vnd • viesiren • es • thet • mirs • keiner • gleich • mit • arbt • drū • his • ich • billich • solis • alleī.

Der Schwerpunkt seiner Thätigkeit liegt auf dem Gebiete der Buchillustration und des Ornamentstichs. Als Ornamentist gebot er über die ganze Fülle der zu seiner Zeit gebräuchlichen Motive. Die aus Italien eingeführte, schon früh in Deutschland heimische Groteske, die kunstvoll verschlungene Maureske, das seit Mitte des Jahrhunderts sich immer kräftiger entfaltende Motiv des Rollwerks nehmen unter seiner Hand die verschiedensten Gestalten an. Vielfach benutzte er dabei gute Vorbilder. Daneben aber macht sich ein frühes Erfassen, Darstellen und Verwerthen der Natur, zumal der Thier- und Pflanzenwelt bemerkbar und offenbart sich in der Ausnutzung und Verbindung der verschiedenen von ihm vereinigten Elemente ein edler, vor jeder Uebertreibung und Ueberladung zurückscheuender Geschmack. Hat S. auch fleißig aus Quellen wie Pencz, Beham, Aldegrever, Flötner, Hirschvogel, Ducerceau, Enea Vico und anderen geschöpft und viele Motive durch geschickte Compilation gewonnen, so hat er es doch auch verstanden, die Mannichfaltigkeit der fremden Elemente mit seinem Geiste zu durchdringen und zur Einheit einer ihm eigenthümlichen künstlerischen [568] Ausdrucksweise zu verschmelzen, der in besonderem Maße Zartheit und Anmuth, oft mit leisem Anfluge von Manierirtheit eigen sind.

Bei seinen in Holzschnitt ausgeführten Illustrationen, unter denen die biblischen Compositionen, deren er verschiedene Serien schuf, in erster Linie zu nennen sind, lehnte er sich vornehmlich an Schongauer, Dürer und Holbein, sowie an französische Meister an, ohne jedoch die Kraft und Tiefe seiner Vorbilder zu erreichen. Hier erscheint er als ein äußerlich nachbildender Eklektiker. Seine beiden ältesten Bibelillustrationen, welche zwei Züricher Bibeln aus den Jahren 1531 und 1536 schmücken, zeigen ihn in starker Abhängigkeit von Holbein, in den Passionsdarstellungen eines 1553 in Nürnberg erschienenen Passionals copirt er Dürer, während die Apostel eines in demselben Jahre erschienenen Symbolums der Apostel Schongauer’sche Gestalten sind. Wesentlich erweitert erscheint der Kreis seiner Vorbilder, viel freier aber auch die Verwerthung derselben in den 147 biblischen Darstellungen, die 1560 der Frankfurter Verleger und fleißige Holzschneider Sigmund Feyerabend in zwei Ausgaben, nämlich mit und ohne Text herausgab. In der Textausgabe umgab S. die einzelnen Bilder mit 18 verschiedenen Rahmen, in denen sich reizvolle Architektur- und Groteskenmotive finden, in denen aber das energisch und phantasiereich ausgebildete Rollwerk vorherrscht. Ebenso stattete er das Werk mit reichverzierten Titeln und Widmungsblättern aus. Schon 1561 war von der Textbibel und 1562 von den „Biblischen Figuren“, wie die textlose Ausgabe hieß, eine neue Ausgabe nöthig. Die Zahl der Bilder ist hier um 72 vermehrt, die der Rahmenleisten, die nun beide Ausgaben zierten, auf 34 angewachsen. Der Erfolg war ein so großer, daß im Laufe von sieben Jahren sechs Auflagen nöthig waren. Von den verschiedensten Verlegern wurden die Illustrationen verwerthet, nachgeschnitten und später auch in Kupfer gestochen. – Auch die von ihm illustrirten Werke profanen Inhalts erfreuten sich einer großen Beliebtheit. Zu erwähnen sind Lienhart Fronsperger’s Kriegsregiment und Ordnung (1555), Virgil’s Aeneïde (1562), sowie die nach seinem Tode erschienenen Werke, wie Ovid’s Metamorphosen (1563) und die Fabeln des Aesop (1566). – Nur in einzelnen Fällen versah der vielbeschäftigte Meister selbst den Schnitt der Holzstöcke, eine größere durch Monogramm bezeichnete Reihe rührt von Feyerabend her, während andere den Stempel der Gesellenarbeit an sich tragen. – Der Reiz seiner Compositionen wird durch Bemalung, für die sie berechnet waren, wesentlich gehoben. Wie Solis’ durchweg farbig behandelte Handzeichnungen erkennen lassen, war er ein stark coloristisches Talent. Davon zeugen auch die von ihm selbst colorirten Blätter und Illustrationswerke. Neudörfer gedenkt dieser seiner Thätigkeit als Illuminirers in erster Linie. „Dieser Virgilius ist nicht allein ein Illuminist, sondern auch für einen guten Kupferstecher berühmt … Deß Gamalierens ist er also frei und künstlich, daß ich nicht weiß, ob darin seines gleichen gefunden wird.“ Ob er auch Gemälde geschaffen hat, ist nicht erweislich.

Die Mehrzahl seiner Blätter ist in Kupfer gestochen oder radirt. Hierbei erging sich seine Phantasie am freiesten. Das Stoffgebiet, aus dem er schöpfte, war außerordentlich umfangreich. Ansprechender als seine biblischen Darstellungen, deren er auch eine Reihe in Kupfer stach, sind die der Profangeschichte, der Mythologie und Allegorie angehörenden Gestalten, die er entweder einzeln oder in Folgen schuf. Von den letzteren sind hervorzuheben die Folge der berühmten Helden und Heldinnen, die zwölf römischen Kaiser, die Musen, Planeten, Jahreszeiten, Monate, Temperamente, die sieben freien Künste, die zehn europäischen Hauptstaaten u. dgl. mehr. Ferner sind bemerkenswerth seine sittenbildlichen, zuweilen humoristischen (Hasen, die den Jäger braten) Schilderungen, darunter eine nach Aldegrever copirte Badestube, die im Gegensatz zu seinen durchweg [569] kleinen Blättern ein großes Format hat, sowie Darstellungen aus dem Soldaten- und Kriegsleben. Unter den Soldatenbildern ragen die durch Fahnen tragende Landsknechte gekennzeichneten Schweizer-Kantone in schönen Kartuschrahmen hervor. Wichtig sind auch seine Bildnisse. Sein Hauptwerk auf diesem Gebiete ist die im Verein mit Jost Amman geschaffene Folge von Bildnissen französischer Könige (Effigies regum Francorum omnium), die in kurzer Zeit drei Auflagen erlebte. Eine besondere Vorliebe zeigte er für zierlich umrahmte Porträtmedaillons und Büsten, die er mehrfach gruppenweise zu einem anmuthigen Fries vereinigte. Charakteristisch für ihn sind noch die überaus flott gezeichneten Jagd- und Thierfriese, durch die er ein im 15. Jahrhundert allgemein beliebtes Ornamentmotiv wieder in den Kreis der deutschen Ornamentik einführte. – Unter seinen Ornamentstichen nehmen die Entwürfe für die Goldschmiede die erste Stelle ein. Eignen sich seine Laubwerkornamente, welche er 1553 in einem Werkchen: „Etlicher gutter Conterfektischer Laubwerck etc. etc.“ vereinigte für Treib- und Punzenarbeit, so lieferte er in seinen Mauresken, die mit wechselndem Titel als „Moriskher und Türckischer Einfacher und duppelter art Züglein“ und später als „Außgetailt spiezen“ in Buchform erschienen, den Graveuren, Ciseleuren, Nielleuren und Tauschierern eine Fülle der anmuthigsten, trefflich verwerthbaren Motive. Von besonderer Schönheit sind mehrere überaus zierliche Entwürfe zu Gravirungen auf kreisrunden Pulverhörnern aus Elfenbein. – Eine größere Reihe von Entwürfen zu Goldschmiedearbeiten, darunter in erster Linie edelgeformte Gefäße, wie Vasen, Schalen, Becher, Pocale, Kannen etc., die sich durch Mannichfaltigkeit der Grund- und Zierformen auszeichnen, läßt auf innige Beziehungen des Meisters zur Goldschmiedekunst schließen. Hierin unterscheidet er sich von Flötner, dessen Entwürfe durchweg den gewandten Holzschnitzer verrathen. In der naturalistischen Behandlung des Details berührt er sich vielfach mit Jamnitzer. – Große Gewandtheit bekundete er auch in der Darstellung von Wappen. Ein 1555 von ihm herausgegebenes Wappenbüchlein erschien 1882 in der Hirth’schen Liebhaberbibliothek in neuer Ausgabe. – Wie Jost Amman, der wahrscheinlich sein Schüler war, so schuf er auch eine originelle Spielkarte. – Durch zwei Urkunden aus den Jahren 1548 und 1578 erfahren wir, daß er verheirathet war und sechs Kinder hatte. Von den vier Söhnen wird Endres als Maler, Hans als Formschneider, Virgil ohne Zusatz und Niklas als Bürger in Augsburg angeführt. Die Identität des letzteren mit dem künstlerisch bedeutungslosen Nikolaus S., der im J. 1568 in einer Folge von fünfzehn Querfolioblättern die Vermählungsfeierlichkeiten Herzogs Wilhelm V. von Baiern mit Renata von Lothringen radirte (ein Blatt abgeb. bei Hirth, Kulturh. Bilderb. II, 1089), ist nicht anzunehmen, wahrscheinlicher ist, daß dieser ein jüngerer Bruder des berühmten Virgil S. war.

Litteratur: J. Neudörfer, Nachrichten von Künstlern und Werkleuten daselbst 1547. Ausgabe Lochner’s 1875. – J. G. Doppelmayr, Histor. Nachricht von den Nürnberg. Mathematicis und Künstlern 1730. – J. G. Nagler, Neues Allgem. Künstlerlexikon, Bd. 17 (1847). – Kunst und Gewerbe, Jahrg. 1885, S. 2 ff. – A. Lichtwark, Der Ornamentstich der deutschen Frührenaissance. 1888. – E. v. Ubisch, Virgil Solis und seine biblischen Illustrationen für den Holzschnitt. 1889. – Th. Distel, Wann ist Meister Virgil Solis aus Nürnberg gestorben? in den Blättern für Architektur und Kunsthandwerk 1891, Nr. 2.
Reproductionen seiner Werke in: R. Bergau, Wenzel Jamnitzers Entwürfe zu Prachtgefäßen, o. J. – A. F. Butsch. Die Bücherornamentik der Renaissance II. 1881. – G. Hirth, Formenschatz der Renaissance. 1877. – G. Hirth, Kulturhistorisches Bilderbuch aus drei Jahrhunderten II. – [570] H. Knackfuß, Deutsche Kunstgeschichte II. 1888. – J. E. Wessely, Das Ornament und die Kunstindustrie in ihrer geschichtlichen Entwicklung auf dem Gebiete des Kunstdrucks. 1877.