ADB:Winkelmann, Eduard

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Artikel „Winkelmann, Eduard“ von Alfred Winkelmann in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 43 (1898), S. 435–442, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Winkelmann,_Eduard&oldid=3006354 (Version vom 18. November 2018, 08:28 Uhr UTC)
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Band 43 (1898), S. 435–442 (Quelle).
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Winkelmann: Eduard W. wurde am 25. Juni 1838 zu Danzig geboren.[1] Sein Vater, ein Goldarbeiter nicht ohne künstlerische Beanlagung – viele Zeichnungen und Skizzen legen hiervon Zeugniß ab – hatte in seinen Lehrjahren große Reisen gemacht, die ihn auch nach Italien führten. Die Schilderungen, die er von diesem Lande im Familienkreise machte, übten auf den ältesten Sohn Eduard einen mächtigen Einfluß aus. Schon als Knabe war sein sehnlichster Wunsch, jenes Südland durchstreifen zu können. Mit dem zehnten Lebensjahre trat er in das Gymnasium seiner Vaterstadt ein. Da traf 1850 die Familie ein schwerer Schlag: der Vater erlag einer in seinem Berufe zugezogenen Vergiftung und hinterließ seiner Gattin nichts als ein kleines, ziemlich armseliges Häuschen. Nur unter großen Entbehrungen konnte die Wittwe ihren Kindern die nöthige Erziehung geben; aber nur dem ältesten Sohn Eduard war es beschieden, das Gymnasium ganz durchmachen zu können, um eine Gelehrtenlaufbahn zu ergreifen. Schon als Knabe zeigte W. eine besondere Vorliebe für Geschichte, und es war ihm eine große Freude, als Theodor Hirsch, der Vorstand des städtischen Archivs zu Danzig ihn, der noch nicht 14 Jahre alt war, zur Ordnung des Archivs, zu Abschriften und ähnlichen Arbeiten heranzog. Auch durch Darbietung historischer Werke erweckte er das Interesse seines Schützlings, und keines machte auf ihn einen größeren Eindruck als Raumer’s großartiges Werk „Geschichte der Hohenstaufen“ und unter den Gestalten dieses Herrscherhauses besonders die Friedrich’s II.. Dort in den Arbeitsräumen des Archivs zu sitzen, bei trübem Kerzenlichte Handschriften und Bücher zu durchstöbern, war ihm die größte Freude des Tages, der neben dem Schulunterricht auch durch zahlreiche Privatstunden in Anspruch genommen war, durch deren Erlös und den der Archivarbeit er es möglich machen konnte, von seinem 14. Lebensjahre an seiner Mutter finanziell nicht mehr zur Last zu fallen, ihr und seinen Geschwistern manch kleine Freude zu bereiten. Eine Jugendschwärmerei war ihm ein neuer Sporn, rasch vorwärts zu kommen, und gab ihm zu zahlreichen, tiefempfundenen Gedichten die Feder in die Hand. Schwer hatte es W. in seiner Jugend, aber er wußte das Schwere leicht zu ertragen in der felsenfesten Ueberzeugung von der eigenen Zukunft.

„Ein froher Muth, ein fester Sinn,
Das führt durch alle Uebel hin!“

Und recht häufige Notizen in seinen peinlich genau geführten Ausgabebüchern lassen uns erkennen, daß er auch dem Gotte Gambrinus nicht abhold war und gern ein Fröhlicher unter Fröhlichen weilte. So vollendete er im J. 1856 die Gymnasiallaufbahn, fest entschlossen, dem Studium der Geschichte sich zu widmen [436] und sich die erforderlichen Kenntnisse zu erwerben, um vor allem eine Geschichte Kaiser Friedrich’s II. schreiben zu können, dessen Plan ihm, dem Abiturienten, nach eigenen Aeußerungen bis in die kleinsten Details vorschwebte. Aber wie die Mittel zum Studentenleben aufbringen! Bange Zweifel erwachten in seiner Brust, aber

„Nicht zittern und nicht zagen,
Das Höchste will ich wagen.“

Zahlreiche Gönner, unter ihnen besonders Theodor Hirsch und Lotzin, ein Danziger Bürger, traten für den strebsamen Jüngling ein und verschafften ihm die zum Studium nöthigen Mittel, allerdings in sehr bescheidenem Maßstabe. Im Sommer 1856 wandte sich W. nach Berlin; dorthin zog ihn vor allem Leopold v. Ranke, „da er der erste Historiker ist, der jetzt existirt“. War Ranke auch weniger Lehrer, als Gelehrter, so begeisterte doch sein Vortrag „voll Leben und Feuer“ den jungen Studenten und gab ihm die Richtschnur für sein historisches Schaffen. „Reine Anschauung des Objectiven, wahre Unparteilichkeit ist die reifste Frucht des historisch gebildeten Geistes“ lehrte ihn jener, und wie wenige ist er diesem Ziel nahe gekommen. Schon um Weihnachten 1856 ist eine Arbeit über Friedrich II. beendigt, um sie Ranke zur Beurtheilung vorzulegen; „findet er sie gut, so ist das sehr wichtig für meine Zukunft. Nun, wir wollen hoffen, denn ich habe mit Leib und Seele daran gearbeitet“. Wol zu sehr, denn bald stellte sich infolge der Nachtarbeit ein empfindliches Augenleiden ein, das ihn sehr behinderte. Bei alledem hielt er auch das zeitgenössische Leben im Auge. Als Ende 1856 die Streitigkeiten mit der Schweiz wegen Neuenburg zu einem Krieg zwischen Preußen und der Eidgenossenschaft zu führen schienen, und auch ihm die Einberufung zu den Waffen drohte, da freute er sich darauf: „ich mache so eine billige Schweizerreise“, und seiner Mutter sprach er in dieser Zeit für den Fall seines Todes in dem Feldzuge mit den Worten Trost zu, „daß der Sohn als braver Preuße auf dem Felde der Ehre gefallen ist“. Die gleiche echte preußische Gesinnung zeigte er auch 1859 bei dem drohenden Kriege mit Napoleon III.; die schwächliche Haltung Preußens bis hierher war ihm zuwider. „Das alte Preußen der Befreiungskriege ist erwacht“, und auch er will seiner Mutter nicht die Schande bereiten, „einen feigen Sohn“ zu besitzen, sondern freudig einstehen für das Vaterland.

Inzwischen ging seine Arbeit am Friedrich rüstig weiter; sie fand, wie gehofft, Ranke’s Beifall, und verschaffte ihm, wie manche andere ähnliche, den Fortbezug eines ansehnlichen Stipendiums. Vier Semester blieb er in Berlin. Sein Ehrgeiz und Streben ließ ihn das Schwere des täglichen Lebens leichter ertragen; Träume von künftigem Glück entschädigten ihn:

„Ich träumte oft, daß ich in heißem Streben
Den Weg mir bahnte zu Ehre, Ruhm und Glück!
Doch wachend sah ich diesen Traum entgleiten
Und schwinden in ein unbestimmt’ Geschick!“

Und als ihn die Treulosigkeit seiner Jugendliebe schwer traf, da flüchtete er sich mit seinem Schmerze zur Geschichte: „Ach, die Geschichte ist so schön und trostreich!“ und „zu ihr fühle ich mich mit unerschütterlichem Drange gezogen“. Doch war ihm der Berliner Aufenthalt verleidet; er sehnte sich nach einem Luftwechsel. Nach Heidelberg wollte er im Sommer 1858 seine Schritte lenken; „o, wird das ein schönes Frühjahr werden“, jubelte er laut. Indessen gab er diesen Plan wieder auf: das Heidelberger Pflaster schien ihm zu theuer, und er wandte sich nach Göttingen, weil er dort „für sein Fach mehr zu gewinnen hoffte“. Hier wurde er nun ein eifriger Schüler des Historikers Georg Waitz, dessen strenger Schulung im Seminar er stets mit größter Dankbarkeit gedachte. Durch seinen Fleiß verstand W. es, sich bald die Anerkennung des Meisters zu [437] gewinnen, und schon nach wenigen Wochen konnte er seiner Mutter freudig mittheilen, „daß Waitz allmählich anfange ihn zu protegiren“. Kein Wunder, daß sich bei solcher Anleitung in ihm der Wunsch regte, „an der Universität als Docent künftig zu bleiben“; doch schien es ihm aus finanziellen Rücksichten ein frommer Wunsch bleiben zu müssen, er hoffte aber auch im Lehrerberufe nützlich „und, was noch mehr ist, zufrieden zu sein“. Zwei Semester bis Ostern 1859 blieb er in der schönen Leinestadt, wo er zum ersten Male und in vollen Zügen ein frisches Burschenleben im Kreise der damaligen Verbindung, jetzigen Burschenschaft Brunswiga verlebte. Dann kehrte er nach Berlin zurück. Das war eine schlimme Zeit für ihn, da die Stipendien kärglicher denn je einliefen: „nicht selten habe ich mich im Sommer 1859 mit 1 Strippe und 2 harten Eiern zu Mittag begnügen müssen, die ich auf einer stillen Bank des Thiergartens verzehrte“. Und doch gab er von dem eigenen Wenig noch häufig Bettlern und Armen: „wenn ich könnte, wie gerne möchte ich überall helfen“. Kein Wunder, daß auch er manchmal recht verstimmt war: „Der Teufel hole das Hundeleben“. Doch die Arbeit half ihm wieder über diese Stimmung hinweg. Unterricht an zwei Töchterinstituten und an Schüler trugen ein Kleines zum Lebensunterhalt bei, daß er sich schon mit der Hoffnung trug auch seiner Mutter helfen zu können, „was mein höchster Wunsch ist“, dann auch über die Mittelmäßigkeit hinauszukommmen: denn „wahres Studium kann nur da sein, wo keine Sorgen sind“. Inzwischen gelang es ihm, seine Danziger Gönner noch einmal zu einer Unterstützung zu gewinnen; sie stellten ihm das für das Doctorexamen nöthige Geld zur Verfügung. Er entschloß sich dieses in Berlin zu machen, da „der hiesige Titel fast allein in Achtung steht, weil er hier am schwersten zu erlangen ist“. Die lateinisch geschriebene Dissertation führte den Titel „De regni Siculi administratione“ und fand speciell bei Ranke unbeschränktes Lob „als Beweis ausgezeichneten Wissens“. Am 17. Nov. 1859 folgte das mündliche Examen, aus dem er mit dem Prädicat cum laude hervorging. Eine der zu vertheidigenden Thesen – als adversator trat Theodor Toeche auf, mit dem ihn von dieser Berliner Zeit her eine rührende Freundschaft für das Leben verband – befaßte sich mit den Augustalen Friedrich’s II.; eine seiner letzten Arbeiten hatte dasselbe Thema!

Gleich nach dem Examen fand W. durch Pertz Beschäftigung an den Monumenta Germaniae, die ihm Befriedigung gewährt hätte, wenn nur nicht die Arbeit am Friedrich II. hätte ruhen müssen. Auch nahm ihn die Vorbereitung zum Oberlehrerexamen, das er im Sommer 1860 bestand, recht in Anspruch. Da stand er vor der wichtigen Frage: „Universität oder Schule“; er beantwortete sie zu Gunsten der Schule, da sie ihm früher eine vollkommen feste Stellung biete, und er auch „mit Lust und Liebe“ dabei sei. So zögerte er auch nicht lange, als ihm eine Oberlehrerstelle an der Ritter- und Domschule in Reval angeboten wurde. Im Vertrauen auf das „Winkelmann’sche Glück“ nimmt er sie an; im schlimmsten Falle konnte er ja nach einem Jahre zurückkehren; „dann habe ich wenigstens meinen Gesichtskreis erweitert“. Nach stürmischer gefahrvoller Ueberfahrt traf er im October 1860 an der neuen Wirkungsstätte ein und fühlte sich bald recht heimisch, namentlich in dem Hause eines Collegen, „welches anfängt wie mein eigenes Heim zu werden“. Nicht zu verwundern, denn schon im December verlobte er sich mit Mathilde geb. Christoph, der Tochter jenes Collegen, „einem herzensguthen, lieben, frommen, gebildeten, wirthschaftlichen Mädchen“, „recht so dem launigen Eduard die Mucken zu vertreiben“. Im Sommer wurde der Lebensbund geschlossen, ohne Vermögen, aber im Vertrauen auf Gott, auf die Zukunft, und fest entschlossen, sich gegenseitig im Lebenskampfe zu stützen! Und wie hielten sie ihr Wort! Nach einer längeren Hochzeitsreise nach Deutschland und Tirol machte er sich wieder an [438] seine regelmaßige Berufsthätigkeit. „Verstummt sind all die quälenden Stimmen des Ehrgeizes“, konnte er jetzt schreiben. In dieser ruhigen Zeit konnte er jetzt den ersten Band seines Friedrich II. veröffentlichen und er empfand freudige Genugthuung über die vielseitige Anerkennung, die dieses, sein erstes größeres Werk, fand; auch äußeren Lohn, nicht unwillkommen, hatte es, indem W. zugleich mit Schirrmacher der Wedekind’sche Preis zugesprochen wurde. Von einer Rückkehr nach Deutschland war zunächst nicht die Rede: er wurde nach Ueberwindung mancher Schwierigkeiten russischer Unterthan und bewies den Dank für die Aufnahme, die er in der neuen Heimath gefunden, durch mancherlei Schriften, die die Geschichte Rußlands und besonders die der Ostseeprovinzen behandelten. Nach und nach gehörte er fast allen historischen Gesellschaften dieser Länder als Ehrenmitglied oder in sonstiger Stellung an. Im Sommer verlegte er seinen Wohnsitz nach der Universitätsstadt Dorpat, fest entschlossen „die Laufbahn, die mir ursprünglich vorgeschwebt hat, und zu der ich einigen Beruf zu haben glaube, rücksichtslos zu ergreifen“. Nach bestandenem Magisterexamen habilitirte er sich trotz vieler Hindernisse, die „Neid und Chicane“ ihm in den Weg legten. Im ersten Semester las er über „Geschichte des 18. Jahrhunderts“ und „Encyklopädie der Geschichte“, mit der immerhin recht stattlichen Zahl von 35 Zuhörern im Hauptcolleg. Nach einer schwierigen Disputation gegen „z. Th. recht gefährliche Gegner“ wurde er März 1866 zum etatsmäßigen Privatdocenten mit 900 Rubel Gehalt gewählt und konnte so auch hoffen, demnächst Professor zu werden. Allein in dieser Hoffnung wurde er getäuscht: der bisherige Professor wurde trotz seiner 25jährigen Dienstzeit „aus Erbarmen mit seiner zahlreichen Familie“ auf weitere fünf Jahre gewählt. Bitterer war es für ihn, als im December 1866 für eine außerordentliche Professur nicht er, sondern Maurenbrecher gewählt wurde, „da eine sehr einflußreiche Clique kürzlich hierher berufener Ausländer sich zu verstärken sucht“, und W. schon als Einheimischer betrachtet wurde. Darüber war er sich nun im Klaren, „daß, wenn ich vorwärts will dies nur in Deutschland sein kann“. Die Arbeiten für die Geschichte des Landes will er abschließen; sein ganzes Streben richtete sich von jetzt an darauf, „aus der schiefen Stellung herauszukommen“. Im April 1868 schien sich eine Gelegenheit zu bieten: er war in Greifswald vorgeschlagen, aber das Ministerium nahm einen anderen. Kein Wunder „daß mir allmählich unter diesem fortgesetzten Mißlingen Muth und Lust am Arbeiten abhanden kommt“. Auch finanziell war seine Lage fast unerträglich: die Familie wuchs an, aber nicht die Einnahmen! Doch Gottvertrauen und der Muth seiner Gattin hielten ihn aufrecht. Da kam endlich nach so vieler Enttäuschung die Erlösung. Er erhielt 1869 einen Ruf als außerordentlicher Professor nach Bern und nahm ihn an, trotzdem die Bedingungen keineswegs glänzende waren. Dort boten sich wenigstens Aussichten, hier kein Fortkommen! Nicht wenig wirkte mit die Liebe zum Vaterlande: „die Kinder sollen Deutsche bleiben“, was bei den jetzt beginnenden Russificirungsversuchen zweifelhaft zu sein schien, dann das wärmere Klima, das seinem häufig sehr angegriffenen Halse zu gute kommen mußte, die Schönheit der Natur, für die er stets empfänglich war, und vor allem hoffte er in „Kurs“ zu kommen, wenn man einmal gesucht wird. So siedelte er denn vom äußersten Nordosten deutscher Cultur nach dem Südwesten, wo er sich bald, obwol er wenig persönlichen Verkehr fand, auch wol nicht suchte, „unendlich still glücklich“ fühlte. Häufige Ausflüge ins nahe Hochgebirge stärkten ihn zu neuer Arbeit. Die „Bibliotheca Livoniae“ wird fertiggestellt und mit frischer Lust macht er sich an die ihm von der Histor. Commission bei der Münchener Akademie zu theil gewordene Aufgabe, die Geschichte Kaiser Otto’s IV. und Philipp’s von Schwaben für die „Jahrbücher der deutschen Geschichte“ zu schreiben. Ende 1869 erhielt er die Stellung eines [439] ordentlichen Professors an der dortigen Universität. Daneben lehrte er Geschichte an der Kantonsschule, dem Gymnasium, hielt häufig Vorträge in Vereinen und publicirte einige Aufsätze zur schweizerischen Geschichte. Endlich im J. 1872 wurde sein Jugendtraum erfüllt: er konnte eine Reise nach Italien machen, die ihn diesmal nur bis Rom führte. Seine Briefe, die er auf allen seinen Wanderungen an seine Gattin schrieb, und die die Stelle von Tagebüchern vertreten sollten, lassen uns erkennen, mit welchem Genuß er sich den Schönheiten jenes Landes hingab, wie er es verstand, sich in der Fremde mit den Landesgewohnheiten zurechtzufinden, niemals auch vergaß, Archive, Bibliotheken und Sammlungen auf- und durchzusuchen, so daß er viel Wichtiges zur Geschichte Italiens auffand. Noch mehrmals konnte er seinen Wanderstab in jenes Land tragen, so daß er dort bald gänzlich heimisch wurde und häufig und gern seine Erfahrungen Bekannten mittheilte, so auch 1877, wo er bis nach Sicilien kam. Mit Dankbarkeit zu Gott betrat er den Dom in Palermo, in dem sich die Gräber eines Heinrich’s VII.[2] und Friedrich’s II. befinden, „diese Stätte, die jedem Deutschen heilig sein muß.“ Seine Gedanken führten ihn zu einem Vergleiche zwischen Gegenwart und Vergangenheit; „ich war tief bewegt“: „stehen wir Deutschen noch nach 600 Jahren in wenig veränderter Form in demselben Kampfe gegen die Knechtschaft Roms“. Von allen Kunstdenkmälern jener Stadt entzückte ihn die capella Palatina am meisten, in der auch „Friedrich II. viele Jahre hindurch gebetet, ehe er das Beten verlernte und in Wissenschaft und Philosophie Befriedigung für das suchte, was ihm die römische Kirche nicht gewähren konnte“. Dort möchte er gerne mit seinen Lieben ein paar Jahre leben und eine neue Geschichte des Kaisers schreiben: „das müßte eine werden“. Aber dieser Wunsch blieb ein frommer, und auch der, noch einmal diese Stätten aufzusuchen, sollte nie in Erfüllung gehen!

Bald nach seiner Rückkehr von der ersten Italienfahrt, im Frühjahr 1873, erfuhr W., daß er in Marburg als Einziger für einen erledigten Lehrstuhl in Vorschlag gebracht war. Noch waren die Verhandlungen nicht zu Ende geführt, als „schon von anderer Seite Schritte zu Gunsten einer anderen Universität (d. h. Heidelberg, wo Wattenbach’s Lehrstuhl durch dessen Berufung nach Berlin freigeworden war) gethan werden“. Die Anstellung in Marburg erfolgte; er selbst will für die Verwirklichung des anderen Rufes nichts thun. Und als nun doch ein Ruf nach Heidelberg erfolgte und er ihn annahm, da will er doch wenigstens für ein Semester nach der Lahnstadt, auf keinen Fall aber „seinen Verpflichtungen untreu werden“. Unter diesen Umständen verzichtete man in Berlin auf seine Berufung, und so siedelte W. im Herbste 1873 nach Heidelberg über als ordentlicher Professor mit dem Titel eines badischen Hofraths. Hier blieb er nun bis an seinen Tod, beliebt und erfolgreich thätig als Lehrer, emsig arbeitend auf geschichtlichem Gebiete und pflichtgetreu in der Stellung eines Vorstandes der badischen historischen Commission, die ihm bei der Schaffung erstmalig übertragen wurde und die er, bis zu seinem Scheiden aus dem leidenerfüllten Dasein, innehatte. Denn schon seit dem Jahre 1888 stellte sich ein schlimmer Rheumatismus ein, neben dem ganz allmählich eine unheilbare Krankheit auftrat, die er mit Geduld bei der sorgsamen, aufopfernden Pflege seiner Gattin ertrug. Als das Leiden ihm die Bewegungsfähigkeit benahm, da ließ er es sich doch nicht nehmen, in einem Rollstuhle sich in die Universität führen zu lassen. So konnte er noch bis Weihnachten 1895 seine Lehrthätigkeit ausüben; am schmerzlichsten war es ihm, daß seine häusliche Arbeit unter den fortgesetzten Qualen immer mehr eingeschränkt werden mußte. Nur für fünf Jahre wollte er vom Schicksal seine frühere Arbeitskraft haben; dann hoffte er seinen Friedrich II. beendigt, seine Lebensaufgabe erfüllt zu haben.

[440] „Wie denk ich dein (Prometheus), wenn in des Lebens Pein,
indeß des Lebens Pulse kräftig schlagen,
verflackert selbst der schwächsten Hoffnung Schein –

Wenns Thorheit wird mit Plänen sich zu tragen,
da doch für immer gilt der Satz allein:
du kannst wohl knirschen, aber mußt entsagen.“
 (1894.)

In einem merkwürdigen Kreislauf und doch immer auf denselben Gegenstand gerichtet, bewegte sich Winkelmann’s litterarische Thätigkeit. Waren doch die Pläne, mit denen er sich noch in seinen letzten Lebenstagen beschäftigte, dieselben, die er in seiner Jugend in sich trug, dieselben, zu deren Erfüllung er sich in seinem Mannesalter einzuarbeiten suchte: eine erschöpfende, auf strengster historischer Grundlage beruhende Darstellung der Regierung und der Persönlichkeit Friedrich’s II. Mit der schon erwähnten Dissertation de regni Siculi administratione führte er sich trefflichst als Historiker mit scharfer, kritischer Beobachtungsgabe ein. Als Mitarbeiter an den Monumenta Germaniae beschäftigt, findet er zugleich Zeit, einzelne Chroniken für die Geschichtschreiber der deutschen Vorzeit zu übersetzen, die im einzelnen auszuführen hier zu weit führen würde. Trotz seiner Uebersiedlung nach den Ostseeprovinzen beendigte er 1863 den ersten Band seiner preisgekrönten „Geschichte Friedrich’s II. und seiner Reiche“ (1212 bis 1235), dem er dann 1865 eine Fortsetzung folgen lassen konnte, ohne damit die ganze Regierungszeit behandelt zu haben: bei den geringen Hülfsmitteln, die ihm dort zu Gebote standen, mußte er zunächst auf eine Beendigung dieses Werkes verzichten und zeigte durch eine ganze Reihe größerer und kleinerer Abhandlungen, wie rasch es ihm gelang, auch in der Geschichte Rußlands und der Ostseeländer heimisch zu werden. Das bedeutendste Werk dieses Schriftenkreises ist die 1869–70 erschienene „Bibliotheca Livoniae historica“, die dann, von ihm selbst als sehr der Verbesserung und Vermehrung bedürftig erkannt, eine zweite Auflage (1878) erlebte und in dieser Form ein Handbuch ersten Ranges für jeden ist, der sich mit der Geschichte jener Landschaften befassen will. Im Anzeiger für schweizerische Geschichte gab er Beiträge zur Geschichte der Schweiz, um sich dann aber wieder mit voller Kraft auf die staufische Geschichte – zu der fast unausgesetzt in den Forschungen zur deutschen Geschichte von 1866 Aufsätze erschienen – zu werfen. Im Auftrage der historischen Commission bei der bairischen Akademie der Wissenschaften behandelte er in zwei Bänden die Geschichte Königs Philipp’s von Schwaben (1872) und Kaiser Otto’s IV. von Braunschweig (1878), ihm selbst eine willkommene Vorarbeit für eine Neubearbeitung des Friedrich’s II. Fortgesetzt wurde gesammelt; die Reise nach Italien 1877 brachte werthvolle Ergebnisse (vgl. „Reiseberichte“ im Neuen Archiv für ältere deutsche Geschichtskunde 1877–78), deren ungedrucktes oder nur schwer zugängliches Material er in den Acta imperii inedita saeculi XIII et XIV (2 Bde.) in wol mustergiltiger Form publicirte (1880–85). In Heidelberg bietet ihm das Amt eines Prorectors Gelegenheit, in einer Rede „über die ersten Staatsuniversitäten“ auch dieses Gebiet zu behandeln; zur Geschichte der Universität Heidelberg selbst gab er zum Jubiläum im Auftrage der Universität in zwei Bänden ein „Urkundenbuch der Universität Heidelberg“ heraus. In der Allgemeinen Geschichte von Oncken sollte W. die Geschichte des Mittelalters geben; er verzichtete doch schließlich darauf, da ihn diese Aufgabe zu sehr von seinem bisherigen Thema auf viele Jahre hinaus abgelenkt hätte, wenn er etwas Gründliches, auf eingehendem Quellenstudium Beruhendes liefern wollte: so beschränkte er sich auf die „Geschichte der Angelsachsen bis zum Tode König Aelfreds“, in knapper, aber lebensvoller Form geschrieben. Da er ja sein ganzes [441] Leben lang sich mit staufischer Geschichte befaßt hatte, so war es ganz natürlich, daß man ihn zur Neubearbeitung der Böhmer’schen Regesta imperii (1198 bis 1272) zu gewinnen suchte, die dann in Verbindung mit Ficker von 1879 bis 1894 erschienen, ein mit deutscher Gründlichkeit gearbeitetes, bis auf das Register vollendetes Werk. Inzwischen war 1889 der 1. Band der Geschichte „Kaiser Friedrich II.“ für die Jahrbücher erschienen, der die Jahre 1218–1228 behandelt, ein Werk, in dem W. nun das Resultat aller seiner Forschungen niederlegte, mit scharfer Kritik gegen andere, mit der schärfsten aber gegen sich selbst, vielleicht zu objectiv, zu nüchtern im Gegensatz zur ersten Bearbeitung, die noch ganz von jugendlichem Feuer und von Begeisterung für seinen Helden getragen war. Trotz seines Leidens fuhr er an diesem Werke fort: dem Verf. dieses dictirte er den Text, dem er dann selbst mit Aufbietung der ganzen Energie die Anmerkungen beifügte. Bis 1233 kam er auf diese Weise; da ließ er das fertige Manuscript ruhen, ahnend daß er es doch nie beendigen werde. Nach seinem Tode erschien 1897 dieser Theil als ein zweiter Band von dem Verf. herausgegeben. Mit Friedrich II. hatte er seine litterarische Laufbahn begonnen, mit ihm sie geschlossen, und wenn ihm das Scheiden aus dem Leben schwer fiel, so war das der Gedanke, seine Lebensaufgabe nicht erfüllt zu haben.

Mit der producirenden Thätigkeit entfaltete er eine rege als Recensent und vermied es stets persönlich zu werden, auch wenn die Ansichten des Autors den seinen entgegentraten. Ein Muster von Genauigkeit kann die Recension der 2. Auflage der Bibliotheca historica medii aevi von Potthast genannt werden, die er wenige Monate vor seinem Tode in der Historischen Zeitschrift gab.

Winkelmann’s Dorpater Gegner hatten s. Z. gegen ihn ins Feld geführt, daß er wol ein Gelehrter sei, aber kein Lehrer, eine Ansicht, die sich auch in einer der Nekrologien wiederfand. Es mag sein, daß sein Organ unter dem rauhen Klima gelitten hat; sicher aber ist, daß er später und besonders an seiner Hauptwirkungsstätte, in Heidelberg, auch als Lehrer hochgeschätzt war. Wenn er auch nicht eigentlich ein glänzender Redner war, der die Zuhörer mit sich fortzureißen wußte, so vermochte er doch durch seinen klaren Vortrag das lebhafteste Interesse für das Thema zu wecken, ihnen eine Menge des Wissenswerthesten auf den Lebensweg mitzugeben. Sein Colleg über allgemeine Verfassungsgeschichte des Mittelalters und Encyklopädie der Geschichtswissenschaft galt allgemein als ganz vorzüglich. Mit der größten Regelmäßigkeit und Sorgfalt leitete er in Ergänzung zu den Vorlesungen historische Uebungen, die ihm um so lieber waren, als er bei dieser Gelegenheit Beziehungen zu seinen Schülern knüpfen konnte, die häufig über die Universitätszeit hinausreichten und bei einigen ein herzliches Verhältniß anbahnten. Als Examinator liebte er es auf den Ideengang der Candidaten einzugehen und, wo er einigen Fleiß und Kenntnisse bemerkte, sie nicht fallen zu lassen.

Daß ihm als akademischer Lehrer ein solcher Erfolg zu Theil wurde, verdankte er nach eigener Aussage mit der Thätigkeit an Schulen verschiedener Art, die er bis in spätere Jahre fortsetzte; auch bei seinen Schülern war er beliebt; mit Disciplin hatte er nie etwas zu schaffen, weil seine Persönlichkeit neben aller Liebe und Ehrfurcht doch auch eine gewisse Scheu einflößte.

Sein häusliches Leben war von Glück begünstigt. Trotz aller materiellen Schwierigkeiten, mit denen er Jahrzehnte lang zu kämpfen hatte, getreulich unterstützt von seiner liebevollen und haushälterischen Gemahlin, konnte er es erleben, daß an seinem Lebensabend alle seine Kinder einer gesicherten Lebensstellung entgegensahen. Schwere Schicksalsschläge, wie der plötzliche Verlust eines im schönsten Jünglingsalter stehenden, hoffnungsvollen Sohnes, ertrug er in festem Gottvertrauen, mit heldenhafter Geduld, und so auch sein eigenes [442] Leiden. In der Trauerrede, die Winkelmann’s College Professor Erdmannsdörffer hielt, gab dieser ihm folgendes ehrendes Zeugniß: „Ein Gelehrter von hervorragendem Range, ein Lehrer von segensreich nachhaltiger Wirkung, ein treuer College und Freund, ein Charakter von ernster, vielleicht etwas spröder Art, mehr Eisen und Stahl als funkelndes und gleißendes Metall, ein Mann seiner eigenen Art und von der besten Art“.

Quellen und litterarische Hülfsmittel: Briefe Winkelmann’s an seine Familie. – Eigene Erinnerungen. – Nekorologe: v. Weech, Zeitschr. f. G. d. Oberrheins, N. F. XII, 331–336. – Erdmannsdörffer, Gedächtnißrede, abgedr. in Neue Heidelberger Jahrbücher 1896, S. 123–128. – Sutter, Deutsche Zeitschr. f. Geschichtswiss. N. F. I., Monatsblätt. S. 60–64. – Heyck, Allg. Ztg., Beil. Nr. 48 u. a. vgl. Bad. Geschichtslitt. 1896, Nr. 354 in Zeitschr. f. G. d. Oberrheins. N. F. XII.

[Zusätze und Berichtigungen]

  1. Winkelmann, Bd. XLIII 435 Z. 17 v. o. l.: † zu Heidelberg am 10. Febr. 1896. [Bd. 56, S. 398]
  2. 439 Z. 15 v. o. l.: Heinrichs VI. (statt VII.). [Bd. 56, S. 398]