Aus meiner goldnen Zeit 1857–60 (Vigouroux)

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Textdaten
Autor: Otto Vigouroux (1837–1907), Lehrer in Hamburg
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Titel: Aus meiner goldnen Zeit 1857–60
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aus: Festschrift zum 75. Stiftungsfest des Corps Masovia, S. 50–92
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Entstehungsdatum: 1904
Erscheinungsdatum: 1905
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Erscheinungsort: Königsberg i. Pr.
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Quelle: Commons
Kurzbeschreibung: Autobiographischer Bericht über das Studenten- und Theaterleben in Königsberg und über eine Wanderung durch Ostpreußen
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[50–51] Aus meiner goldnen Zeit 1857–60.

Nie kehrst du wieder goldne Zeit,
So froh, so ungebunden!


Ja, ungebunden und froh war sie, diese, nun beinahe ein halbes Jahrhundert hinter mir liegende Zeit, für mich, für alle meine Genossen, mit denen das blau-weiß-rote Band mich vereinte. Eine wahrhaft „goldne“ Zeit trotzdem – lucus a non lucendo – das Gold für uns in des Wortes verwegenster Bedeutung [51] nur Chimäre war, und auch das Silber nur einen bescheidenen Raum in unsern Taschen einnahm, – wenn es überhaupt darin vorhanden war.

Aber durch diesen letzteren, wenn auch unerwünschten Umstand ließ das echte Burschenherz sich den frohen Lebensmut nicht rauben, und ebensowenig kam das für die Aufnahme in unsre Masovia als maßgebend in Betracht. Ein Wechsel in bestimmter Höhe wurde nicht verlangt, sondern jeder zahlte einen, seinen finanziellen Verhältnissen entsprechenden Beitrag in die Kasse, und wem, wie z. B. auch mir gesicherte, bestimmte Subsistenzmittel für die Studienzeit fehlten, nun der war eben von jeder Leistung frei und durfte sich dadurch den andern gegenüber in keiner Weise bedrückt fühlen. Als Hauptbedingung galt es eben lediglich für jeden braven Masuren, sich unsrer Farben würdig zu zeigen durch echte Brüderlichkeit und Freundestreue, wie durch Betätigung einer ehrenhaften Gesinnung in jeder Beziehung. Dabei existierte auch kein Mensurzwang, selbst nicht für die Wahl ins Corps. Und wieviel treffliche, von uns hochgeachtete Brüder aus jener Zeit leben noch in meinem Herzen, die niemals mit einem Gegner den Schläger gekreuzt. Ich selbst war nur ein einziges Mal in der Lage, mich einem solchen, einem Silberlittauer, gegenüberzustellen. Da hatten wir uns aber auch auf einer S. C.-Kneipe gegenseitig allerlei Liebenswürdigkeiten gesagt, die eine Genugtuung erheischten, und trugen beide ehrenvolle Schmisse davon, jedoch ohne Abfuhr.

Mein damaliger Gegner ist übrigens später ein gar vornehmer Herr geworden. Seine Schwester, ein wegen ihrer Schönheit in Königsberg sehr bewundertes Fräulein Scholten, wurde vom regierenden Fürsten von Schwarzburg-Rudolstadt zur morganatischen Gemahlin erkoren, und der Bruder vom durchlauchtigen Herrn Schwager zum Leibarzt ernannt.

[52–53] Unser Fechtboden – wer von uns hätte damals wohl an ein eignes Corpshaus denken können – befand sich in der Löbenichtschen Langgasse 31, eine Treppe hoch, und war den Eltern unsers lieben August Kapp, die in dem Hause eine Wattenfabrik betrieben, abgemietet. Er bestand aus einem geräumigen Saal mit zwei Fenstern nach der Straße. Von ihm sang unser gefeierter Couleurdichter Louis Briehm:

Geht einer durch die Löbenichtsche Langass’ usw.

Daran schloß sich ein einfenstriges Zimmer, das für je ein Semester zwei insolventen Couleurbrüdern als Freiquartier überlassen wurde.

Auf dem Fechtboden wurden auch unsre Freitagskneipen abgehalten. Unsre tägliche Stammkneipe dagegen war die Schumachersche „Schloßberghalle“, Schloßberg 1, wo „der alte Schuster“, wie wir ihn glattweg nannten, der Vater unsers unvergeßlichen Gustav Schumacher in umsichtiger Weise als Wirt waltete, zugleich aber auch für unsre Sorgen (!) stets ein teilnehmendes Herz und – eine offene Hand hatte.

Der feingebildete, menschen- und besonders studentenfreundliche Herr, der bei uns die höchste Achtung genoß, gewährte außerdem so manchem von uns, so auch meinen beiden, vor mir studierenden und ebenfalls der Masovia angehörenden Brüdern und dann mir Zutritt in seinen liebenswürdigen Familienkreis und seine nicht minder menschenfreundliche und edle Gattin hatte für jeden mit Mammon nicht zu reich gesegneten Studenten, in erster Reihe für jeden Masuren, einen Platz an ihrem gastlichen Tische offen. Dabei herrschte im Schumacherschen Hause eine höchst anmutende Geselligkeit. Künstler und Künstlerinnen verkehrten dort gern, so die geniale, später hochberühmte Soubrette Amalie Wollrabe, ferner der ebenso vom Königsberger Publikum, nicht [53] zum wenigsten von der Studentenschaft gefeierte Heldentenor Wild, der berühmte Pianist Oscar Brogi, ein Original ersten Ranges u. a. m. So sind die dort verlebten Stunden mir und sicherlich auch allen meinen Couleurbrüdern, die sie mitgenießen durften, unvergeßlich, und so lange ich lebe, werde ich diese liebenswürdige Familie, die zu der Masovia in so nahen Beziehungen stand, und deren männliche Mitglieder, so auch unser trefflicher Gustav Schumacher längst dahingegangen sind, in dankbarer Erinnerung bewahren.

Steigen wir nun aus den obern Räumen zum Kneiplokal hinab. Ob es wohl als solches noch existieren mag? Dasselbe, ein ausgedehnter hoher Raum, befand sich im Souterrain, und zu ihm führte direkt vom Schloßberge aus eine breite Treppe hinab, die bis an das Büfett heranreichte. Die Wand neben der Treppe nahm ein breites und hohes Fenster ein, unter dem ein großer runder, daneben ein kleinerer viereckiger Tisch stand. Das war der Masurenplatz, wo sich mittags stets eine mehr oder minder große Tafelrunde zum vergnügten Frühschoppen versammelte. Mit dem übrigen, sehr respektablen Publikum befanden wir uns also in unmittelbarer Berührung, und das war ein großer Vorteil für uns junge Leute; denn es wirkte erzieherisch auf uns, weil jeder sich und seinen jugendlichen Frohmut, mit Rücksicht auf die Umgebung in den gebührenden Schranken hielt und sich nicht so gehen ließ, wie es wohl in einem abgeschlossenen Raume, wo man ganz unter sich war, nur zu leicht geschehen konnte. Dabei saßen wir aber keineswegs in philisterhafter Sittsamkeit da; jugendlicher Frohsinn behielt sein Recht, und mancher übermütige Scherz, sogar Ulk wurde getrieben, worüber sich das Publikum dann königlich amüsierte. So herrschte stets das beste harmonische Einvernehmen zwischen uns.

[54–55] Oben über dem bewußten Fenster, also gerade über unserm runden Tisch, befand sich eine Klappe, die zu dem großen, im ersten Stock liegenden Küchenraum führte, wo „Madame Rögind“, eine von uns sehr respektierte Dame, als Oberköchin das Szepter führte und für die hungrigen Mäuler da unten allerlei leckre Bissen bereit hielt. Wütete nun der Kater zu grimmig in unsern Köpfen und Mägen, und verlangten letztere zu dringend nach einer besonderen Erquickung, dann ertönte wohl im Chorus nach bekannter Melodie der Gesang: „Madam Rögind, Madam Rögind!“ bis sich über uns die Klappe öffnete und die so Angesungene sich mit der stehenden Frage vernehmen ließ: „Wünschen die Herren Studiosen e Gurkchen?“ Natürlich lebhafte Bejahung von unten, und bald erschien denn auch an einem Bindfaden befestigt von oben die erbetene Labung, die noch dazu als Gratisspende geliefert wurde.

Das Bier, damals vorzugsweise Wickbolder, bezahlten wir mit Marken, die uns am Büfett geliefert wurden, und deren Betrag jeden Monat eingelöst werden mußte, wofür das Corps garantierte. Leider gingen nur zu häufig die Marken früher zu Ende als der Monat, von den Barmitteln gar nicht zu reden. Kam nun in solcher Bedrängnis der Augenblick heran, wo es hieß, die Zeche bezahlen, so mußte wohl die berühmte „falsche Weste“ momentan aus der Notlage helfen. Ob dieses geflügelte Wort wohl noch bei der jetzigen Generation fortlebt? Geprägt wurde es von unserm, überhaupt in manchen Beziehungen verblüffend genialen Emil Flach, genannt Molch. Er hatte eines schönen Tages wieder einmal eine nette Anzahl Töpfchen zu sich genommen, worin er nämlich auch etwas zu leisten vermochte und fragte schließlich Eduard nach seiner Zeche. Als dieser sie dann angegeben, griff Molch in die rechte Westentasche (die [55] linke umschloß wirklich noch die Uhr!), kramte einen Augenblick darin herum und gab dann mit wahrhaft erhabner Miene dem wartenden Eduard den Bescheid: „Ach so! Ich habe heute die falsche Weste angezogen. Werde morgen bezahlen!“ Eduard verbeugte sich höflich und mit verständnisvollem Lächeln, während von unsrer Seite ein homerisches Gelächter den schlagfertigen Erfinder dieses Rettungsmittels belohnte, zu dem dann noch oft manch’ andrer Bedrängter in gleicher Lage griff. Übrigens hatte Molch am andern Tage wirklich die richtige Weste angezogen!

Einen nicht minder klassischen, von uns mit gleichem Beifall aufgenommenen Ausspruch tat er ein andres Mal. Ins Lokal und an den runden Tisch tretend, rief er dem Kellner zu: „Einen Schoppen und zwar sofort!“ Und nach einer kleinen Pause: „Und wenn ich sage sofort, so meine ich sogleich. Merken Sie sich das!“ Dann ließ er sich mit majestätischer Würde, unser und des übrigen Publikums Lachen nicht beachtend, nieder. Natürlich wurde auch dieses Wort bei uns zur stehenden Redensart und mir selbst entschlüpft es wohl noch jetzt unwillkürlich bei gegebener Gelegenheit.

Bei diesen Erinnerungen an Emil Flach taucht mir die an eine andere, nicht minder drastische Szene auf, bei der es sich ebenfalls um den leidigen nervus rerum handelte, und deren Held auch ein Emil war, nämlich unser Emil Drenker, der später als Direktor der größten Theateragentur Berlins in der ganzen deutschen Bühnenwelt als wichtige Persönlichkeit galt und bis zu seinem, leider sehr frühen Tode in den glänzendsten materiellen Verhältnissen lebte. Nun, zu jener Zeit, wo er sich studienhalber in Königsberg aufhielt, waren sie nichts weniger als das, wenn auch sein Vater Gerichtsbeamter in seinem und meinem Vaterstädtchen Lötzen, ihm die nötigsten Existenzmittel [56–57] zu gewähren in der Lage war. Welcher flotte Masur beschränkte sich indes ängstlich auf das „Notwendigste“, und wo hörte dieser Begriff für ihn überhaupt auf! Unser „Emil“, – wie er ohne jede weitere nähere Bezeichnung in der ganzen Verbindung glattweg genannt wurde, – machte in dieser Beziehung wahrlich keine Ausnahme, befand sich vielmehr in ewigen Schwulitäten, infolge dessen meistens auch in verdrießlicher Stimmung, was uns andern dann Veranlassung zu mehr oder minder geistreichen Neckereien gab, die Emil indes mit stoischer Ruhe, höchstens mit einem wütenden Seitenblick auf den betreffenden Witzbold hinnahm.

Eines Tages nun erschien er mit einem besonders unheilverkündenden Gesicht am runden Tisch, setzte sich ohne Gruß zu uns und stützte den Kopf in die Hand. Natürlich tönte es von allen Seiten: „Emil, was ist Dir?“ „Emil, ist Dir etwas passiert?“ und dergleichen mehr. Emil achtete zunächst scheinbar nicht darauf; dann aber schlug er mit der Faust auf den Tisch, griff in seine Tasche und warf einem Nachbarn mit wütender Miene ein Briefkouvert zu, halblaut murmelnd: „Da! das habe ich eben von meinem Alten bekommen als Antwort auf einen Brief, in dem mein lieber Karl Heinrich es wunderbar verstanden hatte, meine augenblickliche Bedrängnis zu schildern und ihn mit beweglichen Worten um eine Geldsendung für den Sohn zu bitten. Statt dessen schickt er mir das!“

Und was zog nun der, der das Kouvert ergriffen hatte, daraus hervor? Einige bedruckte Blätter. Kaum hatte er hineingeblickt, als er in ein lautes Gelächter ausbrach, in das auch wir andern jubelnd einstimmten, als er mit erhobener Stimme vorzulesen begann. Es war nämlich – der berühmte Antwortbrief, den der alte Jobs an seinen auf der Universität [57] befindlichen Sohn Hieronymus Jobs gerichtet hatte, als dieser ihn, unter Aufzählung aller möglichen und unmöglichen „notwendigen“ Ausgaben, um eine erkleckliche Summe ersucht hatte!

Während der großen Ferien, die Emil und ich in Lötzen verlebten, hatte ich ihm die aus der Bibliothek meines verstorbenen Vaters stammende Jobsiade geliehen, die er mir aber nicht zurückgegeben hatte. So war sie nach unsrer Abreise nach Königsberg seinem Alten unter die Finger geraten; dieser hatte sie mit großem Interesse gelesen und war dann beim Empfang des Bittgesuches seines Emil auf den genialen Einfall gekommen, ihm statt jeder persönlichen Gegenäußerung die erwähnten Blätter zu schicken, die ihm auf den vorliegenden Fall, wie auf seinen Sohn im besondern, ausgezeichnet zu passen schienen.

Während nun bei jedem Verse, der aus des Vorlesers Munde tönte, unser Jubel immer größer wurde, saß Emil mit einem Gesichte da, als ob er die ganze Welt hätte vernichten mögen. Allmählich aber steckte die allgemeine Fröhlichkeit auch ihn an; er gewann ebenfalls der Sache die humoristische Seite ab, und eine vergnügte längere Kneiperei, zu der uns dieses köstliche Intermezzo anregte, und bei der wir auch auf das Wohlergehn seines geistreichen Vaters einen kräftigen Salamander rieben, ließen ihn bald alle seine Sorgen und Schmerzen vergessen. Schließlich wird er wohl auch Hilfe bei den verschiedenen Ehrenmännern gesucht und gefunden haben, die uns in derartigen Kalamitäten ihre Kasse bereitwillig zur Verfügung stellten, natürlich nur gegen genügende Sicherheit – und mehr als genügende Zinsen!

Da war zunächst der Biedermann mit dem bedeutungsvollen Namen Weinstock, der uns das Mangelnde gegen ein entsprechendes Pfandstück lieferte, [58–59] und dem wir mit Vorliebe unsere Betten, wenn wir in die Ferien reisten, „in Verwahrung“ gaben. Bei unsern andern Bankiers, Kleudgen, und wie die edeln Menschenfreunde sonst hießen, war die conditio sine qua non der Ehrenschein; auch zogen sie sich bei der Auszahlung des betreffenden Darlehns „der Kürze wegen“, wie sie sagten, die nicht zu bescheiden berechneten Zinsen gleich ab. An unsern, wenn auch stets hilfsbereiten lieben Kneipwirten, den alten Schuster, wandten wir uns aus einer gewissen Zurückhaltung nur in den dringendsten Fällen mit einem Pumpgesuch, obwohl er, oder vielmehr gerade deshalb, weil er niemals auch nur einen Pfennig Zinsen von uns nahm. Dagegen verlangte auch er durchaus den Ehrenschein. „Nicht um meinetwillen“, wie er sagte, „sondern um Ihretwillen, Herr Studiosus.“ Und das war gewiß ein sehr richtiges Prinzip bei ihm, wenn er uns jungen Leuten gegenüber den Ernst des gegebenen Wortes damit betonte. Dabei muß ich aber ausdrücklich hervorheben, daß keiner von uns in dieser Hinsicht leichtfertig dachte und handelte, und so ist mir auch aus meiner Zeit kein Fall eines mit diesem Punkt zusammenhängenden bedauerlichen Konfliktes erinnerlich.

Allerdings muß ich ebenso hervorheben, daß die Gefahr, in einen solchen zu geraten, nur selten zu befürchten war, weil unsre Ansprüche an die ganze Lebensführung wirklich bescheiden und bei allem leichten Sinn doch vernünftige waren. Denn wenn ich vorhin auch meinte, daß für einen flotten Masuren die Grenze zwischen dem Notwendigen und dem Überflüssigen etwas unbestimmt war, so fiel es uns doch niemals ein, in bezug auf unsere Kleidung, das ganze äußere Auftreten usw. einen Aufwand zu treiben, der mit unsern Mitteln, selbst mit dem uns zu Gebote stehenden Kredit nicht im Einklang stand. Wir [59] schlugen uns eben schlecht und recht durch. Der einzige Luxus, den sich außerdem nur diejenigen von uns gestatteten, die einen höheren Wechsel bezogen, war ein Schnurrock, eine nur den Königsberger Verbindungsstudenten eigentümliche, überaus kleidsame, allerdings wegen der reichen Stickerei und Verschnürung auch etwas kostspielige Tracht. Die verschiedenen Verbindungen trugen sie in verschiedenen Farben, die Silberlittauer von dunkelgrünem, die Balten von weißem, wir Masuren von blauem Tuch. Couleurstudenten in Schnürröcken gehörten damals zum Königsberger Straßenbilde; jetzt aber mag wohl dieses Kleidungsstück als nicht mehr zeitgemäß verschwunden sein, ebenso wie – leider! – auch der silberne Albertus, den seit dem historischen Wartburgfeste (1817) jeder Bürger der alma mater Albertina mit Stolz an seiner Mütze trug, auch die „Kamele“, die ja nur daran als Studenten zu erkennen waren. Andre Zeiten, andre Sitten! Ob es aber immer notwendig ist, die guten alten in die Rumpelkammer zu werfen?

Noch möchte ich im Anschluß an die Persönlichkeiten, mit denen wir in finanziellen Angelegenheiten zu tun hatten, einer gedenken, die ebenfalls Geschäfte mit uns machte, allerdings sehr harmloser Art. Es war dies der in allen Kneipen Königsbergs, besonders in den von Studenten besuchten, wohlbekannte alte Hausierer Jonas. Wenn er, was in der Woche mehrmals geschah, mit seinem um den Hals gehängten Warenkasten an unsern Tisch trat und seinen Spruch herzusagen begann: „Seife, Hosen …“, so fiel sofort der ganze Chorus ein: „Hosenträger, Hemdenknöpfe, Streichhölzer“ usw. bis er zu Ende war. Abgekauft wurde ihm stets etwas; ebenso aber erhielt er auch jedesmal, wenn er den Preis des betreffenden Gegenstandes nannte, die Erwiderung: „Jonas, Sie sind ein [60–61] alter Betrüger!“ worauf er mit verbindlichem Lächeln die ebenfalls stehende Antwort gab: „Herr Doktor, das hat mir schon mancher andre gesagt.“ Und so wurde unser freundliches Verhältnis nie getrübt. Nun ist Jonas mit seinem Kasten wohl schon längst von der Bildfläche verschwunden und ruht für immer von seinen Wanderungen, die sich bis in die späte Nacht ausdehnten.


Wohl täglich aber durften wir an unserm Tisch auch manche liebe und angenehme Gäste begrüßen, die bei uns Platz nahmen, um in unsrer Gesellschaft ein vergnügtes Vormittags- oder Abendstündchen zu verbringen. Es waren dies teils Freunde, teils Brüder oder sonstige Verwandte der einzelnen Masuren, nicht selten auch die Väter, vor allem natürlich viele der in Königsberg wohnenden jüngeren und älteren Philister – die Bezeichnung A. H. war bei uns damals noch ganz ungebräuchlich – der Masovia. Unter den letzteren war besonders gern von uns gesehen der Oberlehrer Dr. Hoffmann vom Friedericianum, der, obwohl älterer Junggeselle, sich mit Jugendfrische unter uns bewegte und durch seinen geistvollen Humor, gepaart mit feinem Sarkasmus, die Unterhaltung zu beleben wußte und dadurch oft förmliche Lachstürme entfesselte. Wertvoller als das war für uns sein verständiger, väterlicher Rat, den er uns in persönlichen, wie in Couleurangelegenheiten zu erteilen stets bereit war, und dessen Befolgung uns ausnahmslos nur ersprießliche Resultate brachte. Wohl alle, die mit diesem trefflichen Manne damals in nähere Berührung treten durften, werden ihm, wie ich ein freundliches und dankbares Andenken bewahren.

Andre an unserm Tisch willkommene und angenehme Gäste waren öfters auch einzelne der ersten [61] Mitglieder des Stadttheaters, so der von mir vorhin genannte Tenorist Wild und andere, die gern unter uns weilten und an unserm Frohsinn teilnahmen. Sie mochten wohl dabei zugleich bezwecken, sich unsre Sympathien zu erwerben, die sich dann abends bei ihrem Auftreten in kräftigstem Applaus äußerten. Denn als Theaterpublikum spielten wir Studenten eine wesentliche Rolle, worüber ich weiterhin noch einiges sagen werde.

Mit besonderer Genugtuung erfüllte es uns, als wir eines Tages im Sommer 1859 sogar den berühmten Komiker Karl Helmerding vom Berliner Wallner-Theater bei uns begrüßen durften. Er gastierte damals unter ungeheurem Beifall in Königsberg und ließ sich durch einen uns bekannten Kollegen bei uns einführen. Die Folge davon war, daß die Frühstückssitzung sich außergewöhnlich ausdehnte, indem der feingebildete, liebenswürdige Künstler, der sich unter uns sehr heimisch fühlte, uns durch seinen sprudelnden Humor stundenlang zu fesseln wußte. Zum Schluß und zum Dank für die bei uns genossene Gastfreundschaft lud er die ganze Gesellschaft zum Kaffee auf die Hufen ein, ließ die nötige Anzahl Droschken vom Schloßplatz holen, und hinaus ging es in langem Zuge nach Conradshof, wo wir bei einer Tasse erfrischenden Mokkas wieder in fröhlichster Stimmung beisammen saßen, bis es für Helmerding Zeit war, sich zum Theater zu begeben. Dorthin begleiteten wir ihn wieder in langem Wagenzuge; er eilte auf die Bühne und wir ins Parterre, das bald von unsern Beifallsstürmen widerhallte.

[Der Besitzer von Conradshof, Mozarski, mimte zuweilen auch und betrat die Bretter, die die Welt bedeuten, in dem Benedixschen Lustspiel „Das bemooste Haupt“ in der Titelrolle. Ein Gaudium sondergleichen für uns, zumal in der Szene, in welcher er seinen [62–63] jungen Fuchs ermahnt, ein tüchtiger Bursche zu werden. Wir befanden uns alle auf der Bühne und weideten uns an der Verlegenheit eines der unsren, dem er die Standrede hielt – damals ein zaghaftes, liebliches Füchslein mit angenehmem Mädchengesicht, heute ein wohlbestallter Regierungs- und Schulrat. Noch größer war der Jubel und die Ausgelassenheit, als Fräulein Sauerweid, eine Papierhändlerin in der Französischen Straße, in dem Benefiz des allgemein beliebten Komikers Pohl als „Tannhäuser“ in Wagners gleichnamiger Oper auftrat. So war es unter der Direktion des Geheimen Kommissionsrats Woltersdorff]. (K. H.)[WS 1]

Nach langen Jahren, als der Künstler hier in Hamburg, wo ich seit 1873 im Lehramt wirke, ein Gastspiel absolvierte, trafen wir uns wieder, und zwar ebenfalls bei einem Frühschoppen, zu dem sich an jedem Sonntage hiesige Künstler, Schriftsteller, Lehrer und andere in einer gemütlichen Weinstube zusammenfanden. Helmerding erkannte mich bei der Begrüßung sofort, erinnerte sich mit größtem Vergnügen jener Episode und der liebenswürdigen Aufnahme, die er damals bei den lustigen Königsberger Masuren gefunden, und erzählte manche Einzelheiten davon.

Was nun unsere Beziehungen zum Stadttheater überhaupt betrifft, das damals unter der Direktion des Kommissionsrats, spätern Geheimrats Woltersdorf stand, so genoß die Studentenschaft das Privileg, für ein Billet zum Stehparterre nur einen halben Gulden (60 Pfennige) bezahlen zu dürfen, und zugleich hatten wir Masuren und die Silberlittauer das altererbte Recht, je einen Kontrolleur aus unserer Mitte zu stellen, der abends an der Theaterkasse darauf achten mußte, daß kein Unbefugter sich etwa ein Studentenbillet zu lösen versuchte. Die mit diesem Amte Betrauten durften dafür dann das Stehparterre gratis [63] betreten, ein schätzbarer Vorzug, dessen auch ich mich längere Zeit erfreute.

Das mag jetzt wohl auch längst anders geworden sein, ebenso wie die innere Einrichtung des Zuschauerraums, in welchem das Stehparterre beinahe den dritten Teil einnahm, der natürlich hauptsächlich von Studenten gefüllt war. Allerdings galt das billige Entree für uns nur bei gewöhnlichen Preisen; wurden diese bei Gastspielen oder aus sonstiger Veranlassung erhöht, und hatten wir Gründe, die Mehrausgabe zu scheuen, so legten wir einfach Couleur ab, stülpten irgend einen Philisterdeckel auf den Kopf und stiegen zum Olymp empor, wo der Eintrittspreis immer nur einen halben Gulden betrug, und wo es sich im übrigen sehr gemütlich saß und man dabei alles sehr bequem sehen und hören konnte.

Noch von einem andern uns Studenten eingeräumten Recht machten wir im Theater mit besonderm Vergnügen Gebrauch, wie noch heute die Jenenser Studentenschaft bei der Aufführung von Schillers ,,Räubern“ in Weimar. Wurde nämlich das bereits erwähnte alte prächtige, so lebenswahre Studentenstück ,,Das bemooste Haupt“ von Benedix gegeben, so war stehender Brauch, daß wir Couleurstudenten uns in dem betreffenden Akt, in dem ein regelrechter Kommers abgehalten wird, im Farbenschmuck auf die Bühne begaben, um beim Kommers mitzuwirken und das Gaudeamus mitzusingen, in welches auch die etwa im Parterre zurückgebliebenen Kommilitonen kräftig einstimmten. Für das übrige Publikum war das natürlich immer ein Extravergnügen, besonders wenn wir Pseudoschauspieler da oben allerlei Ulk trieben, den der Verfasser des Stückes keineswegs vorgeschrieben hatte. Besondern Effekt machte z. B. der folgende. Die in der ganzen deutschen Theaterwelt bekannte und bespöttelte Knauserei Woltersdorfs äußerte [64–65] sich unter anderem auch darin, daß die Schauspieler, wenn sie in irgend einer Szene Wein oder Bier trinken sollten, niemals Gläser, sondern stets undurchsichtige Becher oder Krüge erhielten, in denen sich keine Spur von Stoff befand. Wenn uns nun in jener Kommersszene die scheinbar gefüllten Krüge gereicht wurden, so drehten wir sie, bevor wir sie an den Mund setzten, um, wobei natürlich kein Tropfen herausfloß, zum größten Gaudium des Publikums.

Wenn wir also sogar an der, den Musen geweihten Stätte unserer übermütigen Laune so den Zügel schießen ließen, so geschah dies, wie leicht zu denken, in zwei andern, weniger weihevollen Lokalen, in noch schrankenloserer Weise: in den Fleckbuden und in der Wolfschlucht. Die ersteren, diese nur Königsberg eigentümlichen Erfrischungslokale für Nachtschwärmer existieren ja wohl noch, wenn sie sich auch nicht mehr an denselben Stellen befinden mögen. Eine derselben, die von uns mit Vorliebe besucht wurde, lag in einer Seitengasse der Weißgerberstraße. Der Inhaber, allgemein der Fleck-Neumann genannt, ein origineller Kerl, lieferte das Königsberger Nationalgericht in besonders delikater Qualität und würzte es dabei mit derben, höchst drastischen Scherzen, ließ sich aber einen solchen auch von unserer Seite gefallen. Dasselbe tat auch das sonstige, wenn auch mitunter recht gemischte Publikum, das ebenfalls nach Kräften zu der allgemeinen Ulkerei beizutragen suchte. Gemütlichkeit und ungeheure Heiterkeit war dort die allgemeine Parole, und ich erinnere mich nicht, daß es zwischen uns und den andern Besuchern des Lokals jemals zu einem Streit gekommen wäre, selbst wenn die ausgelassene Stimmung den Höhepunkt erreicht hatte.

Nicht minder vergnügt, wie nächtlings in der Fleckbude, ging es an so manchem Vormittag in der [65] Wolfschlucht, in der wir Masuren einige Zeit eine „Ressource“ für uns etabliert hatten, zu, nur bemühten wir uns hier einen „feinern“ Ton anzuschlagen; denn hier führte ja Frauenhand das Regiment. Wer hätte zu jener Zeit auch außerhalb Königsbergs, in der ganzen Provinz nicht von der alten „Madam Fischer“ gehört, die bis in ihr hundertstes Lebensjahr ihre antediluvianische Kneipe innegehabt und so und so viele Generationen fröhlicher Musensöhne nacheinander in ihrem bescheidenen Häuschen bewirtet hatte, das, wie ich gehört zu haben glaube, nun auch längst vom Erdboden verschwunden ist. Doch nein, nicht vom Erdboden; es lag ja nicht auf demselben, sondern wirklich in einer Schlucht zwischen dem Mühlenberg und der Französischen Straße, trug also seinen Namen mit Recht. Für das alte Madamchen bedeutete dieser entlegene Winkel die Welt, und seit sie, noch in jungen Jahren Witwe geworden, seit einem halben Jahrhundert fast, hauste sie dort nur mit ihrem Töchterchen Karlinchen und einer ganzen Herde großer, schwarzer Katzen, die das Haus von Ratten und Mäusen freihalten mußten. Von dort war sie seitdem nie mehr herausgekommen, kannte nichts von den Veränderungen, die die Zeit unterdes mit ihrer Vaterstadt da oben hervorgerufen, und das, was sie davon etwa durch Hörensagen erfuhr, galt bei ihr als unsinnig und verderblich, und sie schalt weidlich darauf und ließ nur die alte Zeit und die früheren Zustände gelten. Mit besonderem Ingrimm ereiferte sie sich gegen das mittlerweile eingeführte bayrische Bier, von ihr verächtlich nur „Krahnkeaugenbier“ genannt, weil sie fest davon überzeugt war, es sei mit nux vomica gewürzt und daher giftig. Ganz empört war sie vollends über die „Polkamädchen“, womit sie die Kellnerinnen meinte, die in den modernen Kneipen die Gäste bedienten. Die Würstchen, „Kniestchen“ und [66–67] „Seehundchen“ der Wolfschlucht waren weit und breit berühmt. [Schwefelhölzchen waren hier unbekannt; der „Fidibus“ hat hier wohl sein letztes Domizil in Königsberg aufgeschlagen. Welche Anziehungskraft die Wolfschlucht besaß, beweist am besten der Besuch des Kronprinzen Friedrich Wilhelm, später Kaiser Friedrich III., der, selbst ein Humorist ersten Ranges, alles, was ihm hier entgegentrat, mit Humor auffaßte und für die angenehm hier verlebte kurze Zeit Madamchen mit einem Händedruck dankte.] (K. H.) Sie selbst schänkte nur das von altersher in Königsberg gebraute und beliebte Löbenichtsche Bier aus, und zwar in bester Qualität, und dieses wirklich wohlschmeckende, kräftige und dabei doch nicht berauschende Getränk übte eine höchst wohltuende und erfrischende Wirkung auf verkaterte Köpfe und Mägen, daher wir an dem Tage nach größeren Kneipereien, besonders nach den offiziellen, mit Vorliebe die Wolfschlucht aufsuchten, um die matten Lebensgeister aufzufrischen. Madamchen selbst, die trotz ihrer Siebziger noch sehr rüstig und flink war, trug uns das Bier in steinernen Deckelkrügen zu. Denn die modernen Seidel waren ihr ebenfalls ein Greuel. Wenn wir dann meinten, sie sollte doch lieber ihr Töchterchen Karlinchen, – das beiläufig bemerkt, auch schon an die Fünfzig auf dem Rücken hatte –, mit diesem Geschäft betrauen, dann erwiderte Madamchen mit sittlicher Entrüstung: „Mein Tochterchen ist kein Polkamädchen, sondern ein anständiges Mädchen, die können die Herrchens man in Ruh lassen!“

Ganz besonders böse aber konnte Madam Fischern werden, wenn wir in unserer vergnügten Stimmung das schöne Lied anstimmten: „Und die Preußen faßten sich ein Herz“ usw. Sobald nun die ersten, ihr nur zu gut bekannten Unheil verkündenden Töne desselben erklangen, stürzte sie entsetzt herbei und bat flehentlich: „Nei, Herrchens, nei! Man nich das mit die [67] Preißen! Rujenieren Sie mir nich meine Krugchen!“ Sie wußte ja, was damit verbunden war, das taktmäßige Geklapp mit den zinnernen Deckeln, das ihren altehrwürdigen Bierkrügen Verderben drohte. Wir jedoch, zu unserer Schande muß ich es gestehen, fuhren ruhig fort bis zu Ende, trotz ihres Fluchens und Scheltens. Hinterher jedoch suchten wir sie durch allerlei süße Redensarten wieder zu begütigen, so daß ihr Zorn sich auch schnell wieder legte, und unser freundschaftliches Verhältnis wurde durch dergleichen kleine Aufregungen niemals dauernd getrübt.

Hochbeglückt fühlte sich Madam Fischern daher auch, als wir Masuren, Aktive und zahlreiche Philister, den Tag, an dem sie vor 50 Jahren in die Wolfschlucht eingezogen war, und von dem wir zufällig Kunde erhalten hatten, durch eine, von unserm Karl Heinrich arrangierte solenne Jubelfeier verherrlichten. Das altehrwürdige, verräucherte Kneipzimmer war mit Tannenguirlanden geschmückt, an der Decke prangte eine Tannenkrone mit 50 Wachskerzen, Reden wurden gehalten, Salamander auf Madamchens Wohl gerieben, und sie nahm alle diese Huldigungen, geschmückt mit ihrer Staatshaube, mit freudestrahlendem Gesicht entgegen und dankte uns tiefgerührt mit schlichten Worten.


Wie ich schon vorhin bemerkte, versammelten wir uns zum Katerfrühstück in der Wolfschlucht meistens nach unsern offiziellen Festlichkeiten, Fuchskommers, Konstitutionsfest usw., auf denen, wie natürlich, auch stets eine sehr fidele Stimmung herrschte, obwohl sie sich doch nur in bescheidenem Rahmen abspielten, in der Regel in dem schlichten Saal des Kneiphöfschen Remters in der Magisterstraße, der im Laufe der Zeit wohl auch mit einem modernen, [68–69] glänzenderen Gewande einen neuen Namen erhalten hat. Dann gab es wohl zur höheren Feier des Tages statt des gewöhnlichen Wickbolder oder Schieferdecker Bieres drei allerdings damals auch schon als Überreste einer dahingegangenen Zeit geltende, und jetzt wohl, wenigstens in ihren Namen ganz verschollene Getränke: „Flibb“, d. h. Warmbier mit Rum, „Hoppelpoppel“ (Eiergrog) und „Glühwein“ – entsetzlichen Andenkens. Die ersten beiden Getränke schmeckten vorzüglich; aber die Nachwirkung am andern Morgen war eine umso energischere und machte das Bedürfnis nach dem heilsamen Löbenichtschen desto dringender.

Ein andres, von uns ebenso sehr geschätztes Erfrischungsmittel bei derartigen „Verstimmungen“ waren die, weit über Königsberg hinaus mit Recht berühmten köstlichen Würstchen, die Meister Löbel in der Koggenstraße in unübertroffener Qualität herstellte. Ein Paar davon kostete einen ganzen Dittchen (10 Pfennige) und wurde uns ohne weiteres auf dem schneeweiß gescheuerten Ladentisch von Fräulein Löbel, die wir dafür mit den zartesten Schmeicheleien regalierten, auf einem Blättchen Papier serviert und zugleich von ihr in vier Stücke zerschnitten. Messer und Gabel, wie Servietten galten dort als Luxus; wir griffen einfach mit den Fingern zu, an denen der würzige Fettsaft herabfloß, so daß wir sie uns im wahrsten Sinne des Wortes danach leckten. Der Senftopf stand auf dem Tisch gratis zur Verfügung; für eine Semmel dazu zahlten wir noch einen halben Kupfergroschen (zwei Pfennig) und verließen das Lokal mit dem stolzen Bewußtsein, höchst opulent gefrühstückt zu haben.


[69] Es versteht sich von selbst, daß die, wenn auch bei uns sehr beliebten Getränke Flibb und Hoppelpoppel an den Stiftungsfesten, die wir auch damals schon durch einen mehrtägigen ländlichen Ausflug feierten, beim Kommers dem der Würde des Festes mehr entsprechenden edeln Rebensaft (Glühwein) weichen mußten. Zum schäumenden Bierkruge griffen wir dann erst wieder am Katertage. Dieser Tag war zugleich dem, teils improvisierten, teils schon in Königsberg vorbereiteten höhern Ulk geweiht, dessen Arrangement meistens mir übertragen wurde, und wobei ich zugleich die Hauptrolle spielte. Welche Erfolge ich damit errungen, berichten die Annalen jener Jahre, und die Bescheidenheit verbietet es mir, näher darauf einzugehn. Nur eines, des großartigsten Triumphes, den ich je gefeiert, kann ich zu erwähnen doch nicht unterlassen, nämlich des als falsche Pepita, als welche ich, im vollständigen Kostüm einer Balletttänzerin, am 15. Juni 1859 – horribile dictu! – in der altehrwürdigen Klosterkirchenruine zu Cadinen, die vom Beifallsgebrüll meines berauschten Publikums erdröhnte, debütierte. Die da unten seit Jahrhunderten friedlich schlummernden Mönche mögen sich ob dieses Frevels in ihren Särgen umgedreht haben! Und ob wohl der jetzige erlauchte Besitzer Cadinens eine Ahnung von dieser Profanation der geweihten Räume haben mag?! – –

Doch es sollte noch besser kommen! Als wir andern Tages die Heimfahrt über das Haff antraten, und unser Dampfer auf Pillau steuerte, um dort Station zu machen, schallte uns von der Landungsbrücke Musik entgegen. Mehrere unsrer in Pillau lebenden Philister, die schon am Abend vorher von Cadinen dorthin zurückgekehrt waren, hatten sich mit einer umherziehenden Kapelle dort aufgestellt, um uns zu begrüßen. Kaum hatten wir dies begriffen, so [70–71] kam unserm Grun eine großartige Idee, der die Kommilitonen jubelnd beistimmten. Ich wurde nicht viel gefragt, sondern in die Kajüte geschleppt, mußte mich dort über Hals über Kopf in mein Tänzerinnenkostüm werfen, und Grun vollendete krönend das schöne Ganze, indem er mir mit dem Schminkquast Lilien und Rosen auf die Wangen zauberte! In diesem Aufzuge erschien ich auch an seinem Arme auf der Landungsbrücke, wo mich die zahlreich versammelte Bewohnerschaft Pillaus mit brausenden Hurras empfing. Dann setzte sich die Musik an die Spitze, die Masuren folgten in geschlossenem Zuge, und so ging es bis auf den Markt, wo wir Halt machten. Die Kommilitonen schlossen einen Kreis um mich, die Musik intonierte eine passende Tanzweise, ich klapperte mit den Kastagnetten und schwenkte meine in fleischfarbene Trikots gehüllten Beine in den kühnsten und graziösesten Pas. Das Publikum raste vor Entzücken, und als ich geendet, stürzten einige Pillauer Herren auf mich zu, umarmten mich und führten mich nolens volens im Triumph in eine am Haffe gelegene Kneipe, die spätere „Ilskefalle“, wohin uns außer den Masuren noch andere Pillauer folgten, die mir begeisterte Ovationen – und Libationen darbrachten. So verstrich die Zeit schnell, die Signale des Dampfers mahnten zum Aufbruch, und wir mußten unsre liebenswürdigen Gastfreunde verlassen. Leider gestaltete sich mein Rückzug weniger ruhm- und glanzvoll als mein Einzug; denn die vorher so gelenken Beine der Sennora Pepita versagten jetzt den Dienst, und es bedurfte der Unterstützung kräftiger Arme, um sie sicher an Bord zu bringen. Dort ruhte ich dann auf meinen Lorbeeren, bis wir in den Königsberger Hafen einliefen.


[71] Ein Seitenstück zu diesem ruhmreichen Debut lieferte ich dann noch einmal bei Gelegenheit unsers dreißigjährigen Stiftungsfestes im Jahre 1860, das seiner Bedeutung entsprechend mit besonderm Glanz gefeiert wurde.

So fand der Kommers am 14. Juni im Park von Fuchshöfen statt, wohin wir mittags mit einem Dampfer hinausfuhren. Auch diesmal sollte das Fest durch eine dem Kommers vorangehende theatralische Aufführung verherrlicht werden, deren Arrangement wiederum mir übertragen wurde. Zu diesem Zweck setzte mir der Festleiter, der große Hugo Warda, das glänzende Betriebskapital von ganzen 5 (schreibe fünf) Talern aus. Doch ich wußte mich damit einzurichten und leistete als Impresario entsprechend Glänzendes. Zunächst verschaffte ich mir mit gnädiger Erlaubnis Direktor Woltersdorffs, an den ich mich persönlich wandte, aus der Theaterbibliothek ein wirksames Stück, das einen damals besonders aktuellen Stoff zum Gegenstande hatte und für den von mir gewünschten Zweck, ungeheure Heiterkeit hervorzurufen, ebenfalls sehr geeignet war. Zu jener Zeit nämlich erregten zwei italienische Künstlerinnen, die Geschwister Ferni, in allen europäischen Großstädten durch ihr in der Tat wundervolles Violinspiel sensationelles Aufsehen. So hatten sie auch in Königsberg im Frühling 1860 Triumphe gefeiert.

Da war nun ein findiger Berliner Possendichter auf den Einfall gekommen, sich dieses dankbaren Stoffes zu bemächtigen und ihn in einen burlesken Einakter zu verarbeiten, worin zwei verbummelte Musiker in einem hinterwäldlerischen Nest in weiblicher Maske erscheinen und den braven Spießern vorspiegeln, sie seien die berühmten Fernis. Es gelingt ihnen auch, die ganze Bewohnerschaft des Städtchens ins Konzertlokal zu ziehn, natürlich gegen ein extraordinäres [72–73] Entrée, sie durch ihr vermeintlich meisterhaftes Spiel in wahnsinniges Entzücken zu versetzen, und schließlich mit gefüllten Taschen zu verduften.

Dieses Stück nun machte ich für meine Zwecke zurecht, stattete es mit von mir verfaßten zeit- und sachgemäßen Couplets aus und verlegte den Schauplatz desselben nach unserm Stammlande Masuren, und zwar nach Arys, als einem der kleinsten Städtchen desselben. Daher gab ich ihm auch statt des ursprünglichen, den Titel: „Die Virtuosen in Masuren, oder das kunstsinnige Arys.“ Dann suchte ich mir aus unserer Mitte die geeignete Künstlerschar heraus, die unter den Namen Trzaska, Kraska, Pomaska usw. als Bürger von Arys figurierten, während unser Dewischeit und ich die beiden falschen Fernis verkörperten. Näheres besagt der von mir entworfene, gedruckte Theaterzettel, der den Annalen jedenfalls noch beiliegt und außerdem wohl auch noch im Besitz manches der damaligen Festteilnehmer sein mag. Die notwendigen weiblichen Kostüms verdankten wir der opferwilligen Liebenswürdigkeit der Schumacherschen Damen, die ihre Ballroben herzuleihen und allen Anfechtungen durch die Benutzung unsererseits preiszugeben die Güte hatten. Die genialen, damals modernen Haarfrisuren mit gewaltigem Chignon und dergleichen entstammten der Theatergarderobe. Die von mir eingerichtete Szene war von antik-klassischer Einfachheit; eine etwas erhöhte Stelle des Fuchshöfener Parks unter alten Bäumen, zwischen denen einige Tischtücher als Kulissen ausgespannt waren! Diesmal war unser Publikum natürlich ein gewählteres, als das damalige in Pillau; es setzte sich ja hauptsächlich aus den, aus der ganzen Provinz zum Feste herbeigeströmten Philistern und ihren Familien, aus Verwandten und Freunden der einzelnen Couleurbrüder, außerdem aus zahlreichen Königsberger Damen und [73] Herren zusammen, die sich für die Masovia und unser Fest interessierten. Um so schmeichelhafter war also auch für uns Akteurs der Beifall, den uns dieses Publikum für unsere Leistungen zollte. Und er war in der Tat geradezu kolossal und erreichte seinen Höhepunkt, als die beiden Damen Ferni hervortraten und ihren Geigen Töne entlockten, wie sie selbst ein Mozart oder Beethoven nicht hätten in Noten festhalten können. Das Jubelgeschrei der enthusiasmierten Zuhörer übertönte sie fast, und ungeheure Mengen von schnell gewundenen Kränzen und Sträußen, zu denen in Ermangelung von Lorbeeren und Palmen das im Park wachsende Unkraut reichliches Material bot, wurde uns zu-, fast hätte ich gesagt, an die Köpfe geworfen, wofür wir mit den graziösesten Verbeugungen dankten.

So war denn der Erfolg unserer dramatischen, wie musikalischen Darbietungen ein mehr als großartiger und unser, speziell mein, als des Arrangeurs Ruhm wurde denn auch von den auswärtigen Festteilnehmern in die ganze Provinz hinausgetragen. Für mich hätte die Sache aber auch beinahe noch tragische Folgen gehabt. Und das hing so zusammen. Unser August Gärtner, genannt Katz (der leider auch in der Blüte der Jahre von einem tückischen Leiden hingerafft wurde) stammte aus dem in der Nähe von Arys gelegenen Gute Schweikowen, und bei ihm weilte ich öfter in den Ferien kürzere oder längere Zeit zum Besuch. Wir beide fuhren dann wohl manchmal nach dem Städtchen hinüber zum Frühschoppen im Kreise der dortigen Honoratioren, die die fidelen Musensöhne stets gern unter sich sahen. Als ich nun auch in den, dem Stiftungsfeste folgenden Sommerferien wieder gen Schweikowen wanderte, empfingen mich Katzens Geschwister gleich mit der niederschmetternden Kunde, daß ich es nicht wagen [74–75] dürfte, den Boden von Arys, geschweige denn die dortige Honoratiorenkneipe zu betreten, da ich es sonst riskierte, von den über mich entrüsteten Gästen gründlich verhauen und an die Luft befördert zu werden. Heimkehrende, in der dortigen Gegend wohnhafte Teilnehmer an unserm Fest hatten auch von unserer Aufführung, dazu wohl noch in übertriebener und entstellter Weise berichtet, und nun glaubten die ehrsamen Bürger von Arys sich und ihr Städtchen durch mich auf das schändlichste verunglimpft und lächerlich gemacht und waren deshalb auf mich maßlos ergrimmt. Nun, ich muß gestehen, daß ich mich durch diesen, von mir weder beabsichtigten, noch vermuteten Effekt meines Festspiels keineswegs bestürzt, sondern vielmehr recht geschmeichelt fühlte. War mein Name doch dadurch in der dortigen Gegend, ja in ganz Masuren ein viel und mit Anerkennung genannter geworden. Auch ließ ich mich durch die mir in Arys drohenden Gefahren keineswegs einschüchtern und davon zurückhalten, mit Katz doch wieder hinüberzufahren, wurde zwar in der betreffenden Kneipe zunächst kühl, oder gar mit feindseligen Blicken empfangen; es gelang mir indes schnell durch eine humoristische, die Sache als ganz harmlos darstellende Schilderung des Ganzen die erregten Gemüter zu beschwichtigen. So war denn die, vermeintlich angegriffene Ehre von Arys und seiner Bewohner glücklich gerettet, und mein gutes Renommee bei ihnen wieder hergestellt.


Doch fehlte es in meiner Burschenzeit auch nicht an ernsteren Anlässen zu festlichen und feierlichen studentischen Veranstaltungen.

Gleich in meinem ersten Sommersemester 1857 wurde dem damaligen Dekan der medizinischen [75] Fakultät, Geheimer Rat Rathke, gelegentlich seines 25jährigen Jubiläums als Professor an der Albertina, zu deren hervorragendsten Zierden er gehörte, von der gesamten Studentenschaft ein großartiger Fackelzug gebracht, bei dem die Verbindungen natürlich die Hauptrolle spielten.

Später einmal wurde von den letzteren Corps und Burschenschaftern ein plötzlich verstorbenes Mitglied der Burschenschaft Germania mit allem studentischen Pomp zu Grabe geleitet.

Ganz besonders glanz- und weihevoll aber gestaltete sich der große Kommers, mit dem der Königsberger S. C., damals aus der Masovia, Littuania und Baltia bestehend, den hundertsten Geburtstag Schillers verherrlichte. In ganz Deutschland nicht nur, sondern überall auf der ganzen Erde, wo irgend Deutsche in größerer Zahl lebten, wurde dieser bedeutungsvolle, nationale Gedenktag in begeisterter Stimmung gefeiert, und Königsberg stand dabei natürlich nicht in letzter Reihe. Vor allem fanden im Stadttheater schon an den, dem eigentlichen Jubiläumstage vorangehenden Abenden glänzende Aufführungen Schillerscher Meisterwerke statt, bei denen die Studentenschaft das Parterre in dichten Scharen füllten, und am 10. November selbst wurde „Die Glocke“ in wohlgelungener dramatischer Form, verbunden mit lebenden Bildern aufgeführt. Nach Schluß der Vorstellung begaben wir, d. h. eben die drei Corps, uns mit zahlreichen unsrer Philister nach dem festlich dekorierten und mit der Büste des großen Dichters geschmückten Saale des Schützenhauses, damals auf dem Mitteltragheim, wo das Fest mit einem, wenn auch nicht luxiösen, so doch angemessen, festlichen Abendessen eingeleitet wurde. Der darauf folgende Kommers begann mit dem Gesange des Liedes „An die Freude“ und verlief dann in allseitig gehobener Stimmung und in würdiger [76–77] Weise, ohne jeden Mißklang. Mir war vom S. C. die ehrenvolle Aufgabe übertragen worden, die Festrede dabei zu halten, der ich mich nach besten Kräften, und zu meiner innern Befriedigung auch unter allgemeinem Beifall zu entledigen bemüht war. Ich pries den Unsterblichen als den Dichter der deutschen Jugend, als den Verkünder der, diese begeisternden Ideen der Freiheit, der Vaterlandsliebe und des edeln Menschentums.

Möchte er es auch für das heutige, für alle kommenden Geschlechter bleiben, zum Heile des deutschen Volkes, zu dessen Ruhm und Ehre!


Nach dieser Abschweifung, die mich in frühere Semester zurückgeführt, wende ich mich wieder dem Sommersemester 1860 zu, mit dessen Ablauf ich zugleich die Universität verließ, um einige Jahre als Hauslehrer tätig zu sein, und erst 1863 kehrte ich nach Königsberg zurück und widmete mich, statt wie früher theologischen, philologischen Studien.

Jene erste Studienzeit aber fand einen wahrhaft glänzenden Abschluß mit einer ereignisreichen, überaus gelungenen Geniereise in die großen Ferien, die ich in Gemeinschaft mit unserm Karl Heinrich aus Soldau und mit unserm Ludwig Ollech (der dicke Ollech genannt) aus Willenberg unternahm. Gerade in jener Zeit nämlich war mein ältester Bruder Anton, der zu Anfang der fünfziger Jahre als stud. jur. der Masovia angehört hatte, zum Oberhaupt des Städtchens Passenheim erwählt worden und erwartete mich für die ersten Ferienwochen bei sich. Da nun die Heimatstädte jener beiden Couleurbrüder auch in jener Gegend nahe beieinander liegen, so beschlossen wir [77] drei, gemeinsam dorthin zu wandern und Leiden und Freuden unterwegs brüderlich zu teilen, nicht minder natürlich auch das Reisegeld, mit dem es allerdings nicht zu großartig bestellt war.

Sobald nun dieser Plan in der Couleur bekannt geworden war, hieß es sofort: „Da schickt also die Masovia – na, sagen wir, ihren größten Trinker, ihren gewandtesten Märchenerzähler und ihren größten Spötter in die Welt hinaus!“ Welches dieser schmeichelhaften Prädikate dem einzelnen Gliede unsres Trifoliums zukam, das verschweigt des Sängers Höflichkeit – und Bescheidenheit.

Die Reisevorbereitungen machten uns nicht viele Umstände; die Hauptsorge, die Finanzen, war auch bald erledigt, und als wir die Häupter unsrer Lieben zählten, stellte sich ein Fond von ganzen zehn Talern heraus, mit dem ausgerüstet wir vertrauensvoll hinauszogen. Allerdings wurde derselbe gleich zum Beginn stark angegriffen durch das Passagiergeld für die Dampferfahrt nach Elbing; denn erst von dort aus sollte es nach alter deutscher Burschenart zu Fuß weiter gehn. Ursprünglich war die ganze Tour auf diese letztere Art geplant; aber der gute Heinrich, der von jeher aus tiefster Überzeugung dem Grundsatz huldigte, daß Stehen besser als Gehen, und Sitzen noch besser als Stehen sei, wußte es uns schließlich plausibel zu machen, daß es „der Zeitersparnis wegen“, viel praktischer wäre, wenn wir erst von Elbing aus zum Wanderstabe griffen.

Schließlich gesellte sich noch ein vierter Reisegenosse zu uns, oder vielmehr eine Reisegenossin, und zwar eine vierbeinige, Happy, die in allen Kneipen Königsbergs, wo Couleurstudenten verkehrten, wohlbekannte Bulldogge. Eigentlich gehörte sie dem „jungen“ Burow, Mitglied der Burschenschaft Gothia, [78–79] hatte aber nicht nur für alle Mitglieder derselben eine gleich große Anhänglichkeit, wie für ihren Herrn, sondern erstreckte dieselbe sogar auf alle Couleuren, die mit den Gothen in freundschaftlichen Beziehungen standen, und zu diesen gehörte damals auch unsre Masovia. So trieb die biedere Happy sich denn den ganzen Tag bis in die Nacht von einer Studentenkneipe zur andern umher, und wenn der letzte Zecher nächtlings das Lokal verließ, begleitete sie ihn vertrauensvoll in sein Heim, in dem sichern Bewußtsein, dort ein Nachtquartier zu finden. Auch bei uns in der Schumacherschen Kneipe war sie ein häufiger, und da sie sich stets sehr manierlich benahm, wohlgelittener Gast. Sie ist sogar auf dem Bilde verewigt, auf dem Warda und meine beiden Brüder sich in den Katertagen nach dem dreißigjährigen Stiftungsfeste aufnehmen ließen, und das doch wohl, wie früher auf dem Fechtboden, so jetzt im Corpshause hängt.

Auch am Abend vor unsrer Abreise von Königsberg hatte sie sich auf unsrer Kneipe eingefunden und dann einem von uns Dreien, ich weiß nicht mehr, wem, angeschlossen und bei ihm genächtigt, und als wir uns am andern Morgen zusammenfanden, um zum Elbinger Dampfer zu gehen, folgte sie uns auch dorthin, als ob sich das ganz von selbst verstände. Wir nahmen sie auch ohne Bedenken mit uns, da Burow gerne allen Ansprüchen als ihr Eigentümer längst entsagt hatte. So bestiegen wir denn alle vier, nur mit leichtem Handgepäck ausgerüstet, den Dampfer. Die Fahrt nach Elbing, begünstigt von schönstem Wetter, verlief höchst angenehm. Der Blick auf die sonnenbeglänzten Höhen der Haffufer, von wo aus uns im Vorüberfahren der wohlbekannte weiße Giebel der Klosterkirche von Cadinen grüßt, fesselte das Auge, und dazu kam eine zahlreiche, liebenswürdige [79] Reisegesellschaft von Damen und Herren, mit denen wir bald gemütlich verkehrten. Ich hatte einen Band des einstmals viel gelesenen, ebenso geist- als humorvollen „Demokritos, Aus den hinterlassenen Papieren eines lachenden Philosophen“ zu mir gesteckt, und als die Ufer allmählich einen weniger reizvollen Anblick boten, zog ich mein Buch aus der Tasche und las meinen beiden Genossen zur Unterhaltung daraus vor. Bald aber sammelte sich eine größere Korona um mich, die mit wachsendem Vergnügen meiner Vorlesung lauschte. So vergingen die Stunden schnell. Gegen Mittag langten wir in Elbing an, wo wir uns zunächst in irgend einem netten Lokal zu stärken beabsichtigten. Auf der Suche nach einem solchen stießen wir plötzlich auf eine Schar von Angehörigen der Burschenschaft Gothia. Wir wurden von ihnen freundschaftlichst begrüßt und – es waren meistens Elbinger – in ihre Stammkneipe geführt, wo sie es sich nicht nehmen ließen, uns gegenüber die nobeln Wirte zu spielen und ein Fäßchen auflegen zu lassen. So gestaltete sich unser Entree in Elbing gleich sehr gemütlich, und bald war der Stoff bis auf den letzten Tropfen vertilgt. Indes fühlten wir uns nun natürlich unsrerseits gedrungen, uns zu revanchieren und ebenfalls ein Fäßchen zu „ponieren“, wie der damals gebräuchliche Ausdruck lautete.

So zog sich unsre fröhliche Sitzung etwas in die Länge, bis wir uns, nachdem auch dieses zweite Fäßchen geleert war, wir auch ein konsistentes Frühstück zu uns genommen hatten, von unsern liebenswürdigen Gastfreunden verabschiedeten, um unsers Weges weiter zu ziehen.

Die Sache hatte aber für uns noch einen etwas bittern Nachgeschmack; denn unser nobles Auftreten hatte den größten Teil unsers Vermögens verschlungen, so daß der Blick in unsre Reisekasse eine bedenkliche [80–81] Ebbe zeigte. Und dabei sollten wir noch das ganze Oberland durchqueren! Doch

„Studio auf einer Reis’
Immer sich zu helfen weiß.“

Heinrich, der das Elbinger Gymnasium besucht hatte und daher mit den dortigen Verhältnissen vertraut war, stöberte in einem ihm bekannten Vorstadtkruge Fuhrleute auf, die aus den Wäldern bei Liebemühl Kohlen nach Elbing gebracht hatten und nun mit ihren leeren Leiterwagen wieder nach Hause fahren wollten. Bald hatte er sich mit diesen geeinigt, daß wir gegen Erlegung einer nicht zu übermäßigen Belohnung bis Liebemühl mitfahren sollten. So rollten wir denn, auf Strohgesäßen plaziert, während Happy sich zu unsern Füßen lagerte, ins Land hinein, mit leeren Taschen, aber wohlgemuten Sinnes; denn Heinrich hatte bereits einen Ausweg ins Auge gefaßt, um sie wieder zu füllen. Unsre erste längere Station sollte in dem romantisch auf Bergeshöhen gelegenen Pr. Holland gemacht werden, wo seit kurzem ein junger Arzt, ein Schulfreund Heinrichs, ansässig war. Diesen hatte er denn auch zum Opfer ausersehen, und er sollte uns aus unserm Dalles retten. Sobald wir also in Pr. Holland angelangt waren und uns im ersten Gasthofe niedergelassen hatten, suchte Heinrich seinen Freund auf, traf ihn auch glücklich zu Hause und trug ihm sein Anliegen vertrauensvoll vor, auf das jener auch mit der liebenswürdigsten Bereitwilligkeit einging. Er begleitete Heinrich in das Lokal, wo wir mit Spannung warteten, freute sich sehr, wieder einmal in akademischer Gesellschaft kneipen zu können und stattete uns mit einer Summe aus, mit der wir bis zu unserm Reiseziel auszukommen vermeinten. Natürlich versprachen wir ihm sofortige Rückerstattung nach Erreichung desselben und hielten unser Versprechen selbstverständlich auch ein.

[81] Am Nachmittage ging es dann weiter, und als der Abend hereinbrach, machten unsre Fuhrleute Halt in einen an der Chaussee gelegenen Kruge, wo wir nächtigten. Da wir nun möglichst billig davonkommen wollten, bereitete die freundliche alte Wirtin auf unsern Wunsch in der Schänkstube ein gemeinsames Streulager, das sie aber mit Kissen usw. möglichst behaglich zu machen sich bemühte. Da am andern Morgen schon früh aufgebrochen werden sollte, gingen wir auch zeitig zur Ruhe, und meine beiden lieben Genossen sputeten sich dabei mit der Nachttoilette, um sich nur ja die besten und molligsten Plätze auf der Lagerstätte zu sichern, so daß mir, der ich zuletzt fertig war, nur ein sehr bescheidenes Eckchen übrig blieb, wo ich mich kaum genügend ausstrecken und einhüllen konnte, worüber die beiden noch dazu schadenfroh lachten. Doch wer zuletzt lacht, lacht am besten! Die gutherzige Wirtin hatte Mitleid mit mir und nötigte mich, mit der ausdrücklichen Versicherung, es sollte mir nicht einen Pfennig mehr kosten, das große im Zimmer stehende Himmelbett einzunehmen, da es ja doch nicht benutzt würde. Triumphierend stieg ich in die hochgetürmten Kissen, wo ich meine, von der langen Fahrt auf dem Leiterwagen zusammengeschüttelten Gliedmaßen behaglich streckte, und wenn auch für die Jahreszeit etwas warm, wie ein König schlief. Freilich nicht lange Zeit, denn mit meinen lieben Freunden tobte bald ein heftiger Kampf um die wärmende Hülle.

In aller Morgenfrühe ging es dann wieder weiter, und im Laufe des Vormittags hatten wir das Städtchen Liebemühl erreicht, wo wir unsre Equipage verlassen mußten, da deren Weg dort von dem unsrigen abschwenkte. Nach Entrichtung des abgemachten Fahrpreises war unsre Reisekasse wieder sehr zusammengeschmolzen; aber das trübte unsre Stimmung nicht [82–83] im geringsten. Zunächst säuberten wir uns im Kruge vor der Stadt, wo wir Halt gemacht hatten, vom Reisestaube und machten uns nach Kräften fein, um in der Apotheke des Städtchens den Eltern unsers Georg Steppuhn (Steppke; später Arzt in Dt. Eylau) einen Besuch abzustatten und den Gruß zu bestellen, den ihr lieber Sohn uns für sie mitgegeben hatte, natürlich mit dem Zusatz, er bäte dringend um das nötige Geld zur Heimreise. Heinrich war den Herrschaften als Schulkamerad ihres Sohnes schon von früher bekannt und wurde von ihnen daher mit Herzlichkeit begrüßt; aber auch wir beiden Begleiter fanden einen sehr freundlichen Empfang, wir alle wurden nicht nur zum Frühstück, sondern auch zum Mittagessen eingeladen, und so verbrachten wir in diesem gastlichen Hause einige sehr angenehme Stunden.

Der Tag sollte uns aber noch Schöneres, und für unsre Reise eine Episode bringen, die eigentlich deren Glanzpunkt bildete. Als wir nach Tisch noch bei einem Gläschen Wein beisammen saßen, richtete der alte Steppke an Heinrich die Frage, ob er nicht mit uns den alten Kautz auf Hornsberg, einem Gute in der Nähe Liebemühls, besuchen wollte. Eben sei von dort ein Fuhrwerk in die Stadt gekommen, um den Arzt herauszuholen. Papa Steppke wußte nämlich, daß Heinrich, ebenfalls vom Gymnasium her, mit dem Sohne des alten Kautz befreundet und in Hornsberg öfter zum Besuch gewesen war. Diese Aufforderung klang ja sehr verlockend für uns; indes meinten Ollech und ich doch, daß es uns zu unbescheiden erscheine, so ohne weiteres ganz fremden Leuten ins Haus zu fallen. Herr Steppuhn jedoch, wie der mittlerweile auch in der Apotheke erschienene Arzt verscheuchten alle unsre Bedenken und versicherten uns, der alte Kautz, den ja auch [83] Heinrich als einen sehr jovialen, lebenslustigen Herren kannte, würde sich über unser Erscheinen höchlichst freuen. So stiegen wir denn wohlgemut zum „Doktor“ in den Wagen, Happy natürlich voran; denn sie betrachtete sich als vollständig gleichberechtigt, und es fiel ihr auf der ganzen Reise gar nicht ein, etwa neben dem Wagen herzulaufen.

Bald war das grünumlaubte Hornsberg erreicht, und als wir in den Gutshof rollten, saß der Besitzer, seine Pfeife rauchend, auf der großen Freitreppe des Herrenhauses, und unsre blauen Mützen erblickend, rief er uns schon von weitem entgegen: „Hurra! Ein ganzer Wagen voll Studenten! Das ist aber schön!“ Na, das war ja in der Tat ein uns sehr ermutigendes Willkommen, und als Heinrich uns dann vorstellte und dabei einige Redensarten, wie „Zudringlichkeit“ und „nicht übelnehmen“ vom Stapel ließ, schnitt ihm der alte Herr die Rede kurzweg mit den Worten ab: „Ach, was wollen Sie denn? Das war ja eine famose Idee von Ihnen, Ihre Kommilitonen mitzubringen. Nun bleibt Ihr hier, und vor drei Tagen lasse ich Euch nicht wieder fort.“

Und so geschah es denn auch. Wir blieben und führten in diesen drei Tagen dort ein wahrhaftes Schlaraffenleben. Der alte Kautz war Witwer, und zwei liebliche Töchter standen dem Haushalte vor, während sein Sohn, eben der Schulfreund Heinrichs, ihm bei der Landwirtschaft zur Seite stand. Die beiden jungen Damen walteten in aller Stille wie die guten Hausgeister und sorgten mit dankenswertestem Eifer dafür, daß wir zu jeder Mahlzeit (und es waren deren nicht wenige während des ganzen Tages) die auserlesensten ländlichen Delikatessen, wie man sie eben nur auf ostpreußischen Gütern den Gästen bietet, in reichster Fülle auf der Tafel fanden.

[84–85] Zur Nachtruhe war uns ein behagliches Fremdenzimmer angewiesen, und der alte Herr hatte es uns gleich von vornherein verboten, die Betten zu verlassen, bevor er selbst bei uns mit dem Morgengruß erschienen wäre. „Studenten schlafen gern lang; das weiß ich.“ Damit wir uns aber nach dem Erwachen nicht langweilten, hatte er uns aus seiner reichhaltigen Bibliothek mit allerlei amüsanter, pikanter Lektüre versorgt, mit der wir uns die Zeit vertrieben, bis unser liebenswürdiger Gastfreund erschien und erst noch eine Weile mit uns plauderte und scherzte. Dann durften wir uns erheben, Toilette machen und zum ersten Frühstück erscheinen, das unser bereits im Wohnzimmer harrte. Für das zweite, konsistentere, wurde unterdes auch schon in der Küche gesorgt, und damit das nötige Getränk dazu nicht fehle, wurde jeden Morgen in aller Frühe ein Knecht mit einer Schiebkarre nach dem nahen Kirchdorf geschickt, um eine gehörige Ladung Flaschen des vorzüglichen, kräftigen Braunbieres zu holen, das dort gebraut wurde, und dem wir nun den ganzen Tag über fleißig zusprechen mußten.

Die Zeit zwischen den zahlreichen Mahlzeiten wurde durch Spaziergänge im Garten oder in den freundlichen Umgebungen des Gutes ausgefüllt, wobei Vater oder Sohn oder auch beide unsre Führer machten. Gegen Abend aber, nachdem wir uns durch eine kräftige „Schweinevesper“ mit obligatem, auf dem Gute selbst hergestellten Schnäpschen gestärkt, ließ der alte Herr anspannen und es ging hinaus in die herrlichen Wälder und an die romantischen Ufer des Drewenzsees, von wo wir erst zum Abendbrote heimkehrten. Nach demselben saßen wir dann noch einige Stunden bei einem Glase kräftigsten „ostpreußischen Maitrankes“ im gemütlichen Familienkreise beisammen und mußten unsern Gastfreunden [85] allerlei Ulk aus dem Studentenleben erzählen, wobei sich alle, der alte Herr voran, köstlich amüsierten.

Unsre getreue Happy aber führte in diesen Tagen ebenfalls ein Leben voller Wonne, wie sie es als Großstädterin vorher nicht gekannt; knüpfte schnell mit allen Gutshunden freundschaftliche Beziehungen an und schwelgte in all den Genüssen, wie sie das Landleben auch einer Hundeseele bietet.

Doch diese für sie und uns so herrliche Zeit verstrich nur zu schnell, und am Morgen des vierten Tages verließen wir, nach herzlichem Abschied und mit Ausdrücken unsers lebhaften Dankes für alle genossene Liebe und Güte unser Eldorado, natürlich auf herrschaftlicher Equipage, die uns nach Osterode führte. Vor dem Scheiden aus Hornberg galt es aber noch, uns dem Dienstpersonal des Hauses für alle mit uns gehabte Mühe durch nobles Trinkgeld zu revanchieren. Mit Zittern und Zagen überzählten wir im stillen Kämmerlein den Inhalt unsrer Kasse, und, Gott sei Dank, er reichte aus, um jeder der betreffenden Personen eine für unsre Verhältnisse anständige Belohnung in die Hand zu drücken. Damit standen wir aber auch dem absoluten Nichts gegenüber! Heinrich plante indes bereits für Osterode weitere finanzielle Operationen, die uns abermals Hilfe in der Not bringen sollten. Bevor wir aber dieses ersehnte Ziel erreichten, hatten wir leider noch eine fatale Klippe zu überwinden, an die wir unterwegs mit wachsendem Unbehagen dachten: das Chausseehaus! Unser Kutscher mußte es doch als selbstverständlich betrachten, daß wir feinen Herren den dort fälligen Obolus entrichten und dies nicht ihm überlassen würden. Welch eine Blamage stand uns also bevor, da wir ja keinen roten Heller in der Tasche hatten! Aus diesem Dilemma gab es nur eine Rettung. Je näher wir der gefürchteten [86–87] Stätte kamen, destomehr stockte unsre, vorher recht muntre Unterhaltung und bald waren wir in einen tiefen – natürlich geheuchelten – Schlaf verfallen, aus dem wir uns auch nicht aufrafften, als der Wagen vor der Schlagbaum hielt, und der Kutscher das ihm von seinem Herrn mitgegebene Chausseegeld aus der Westentasche hervorkramte. Erst eine Strecke weiter taten wir, als ob wir erwachten und fragten ganz harmlos, ob wir bald in Osterode sein würden: „In einer halben Stunde“ erwiderte der Kutscher, „ich fahre doch direkt vor der Post vor?“ „Natürlich“, lautete unsre, mit sicherster Miene gegebene Antwort. In der Tat war gerade die Post nach Heinrichs Plan die Stätte, von der uns Rettung kommen sollte; denn dort hoffte er, bei einem ihm von seiner Hauslehrerei in Döhlau her befreundeten Beamten ein offenes Ohr und die Hauptsache, eine offene Hand zu finden. Und wirklich war uns das Glück auch hier, wie in Pr. Holland hold. Denn als wir die Post betraten, saß der Betreffende am Schalter und begrüßte Heinrich sehr erfreut über das unverhoffte Wiedersehn. Dieser rückte nun ohne weiteres – denn der Kutscher wartete ja draußen – mit seinem Anliegen vor und der menschenfreundliche Herr ebenso ohne Zögern und bereitwilligst mit seinen Batzen heraus. So fühlten wir wieder sichern Boden unter den Füßen und beeilten uns vor allem, den Kutscher fürstlich zu belohnen und ihm natürlich auch das Chausseegeld zu ersetzen. Dann ging es mit der Post nach Hohenstein, um unserm dort wohnenden Philister, dem Chausseebaumeister Schrötter (Chef) und seiner Familie einen Besuch zu machen. Chef war in der ganzen Masovia, Philisterium wie Aktiven, wegen seines biedern Charakters, seines unverwüstlichen Humors und steter Hilfsbereitschaft überaus beliebt und wenn er, was öfter geschah, in Geschäften [87] nach Königsberg und dann auch stets auf unsre Kneipe kam, herrschte stets großer Jubel. Natürlich hatte er also auch am letzten Stiftungsfeste mit Frau und Töchtern teilgenommen und eine hervorragende Rolle dabei gespielt.

Nach langen Jahren führte uns das Schicksal mit ihm hier in Hamburg zusammen, wohin seine Töchter geheiratet hatten und er infolgedessen ebenfalls mit seiner Gattin übergesiedelt war. Da haben wir beide denn manches Stündchen von der lieben alten Heimat und der schönen Vergangenheit geplaudert und dabei auch jener unserer Geniereise gedacht, zu deren würdigem Abschluß gerade er noch ein wesentliches Teil beitrug.

Damals in Hohenstein nämlich wurden wir drei „Landstreicher“ in seinem Hause als liebe Couleurbrüder herzlichst willkommen geheißen und von seiner Gattin freundlich zum Mittagessen eingeladen, und dabei eröffnete uns Chef, er hätte in diesen Tagen sowieso die Chaussee bis Soldau inspizieren müssen, würde uns also gleich heute mit seinem Fuhrwerk dorthin bringen. Das war ja eine gar lieblich klingende Kunde für uns, namentlich für Heinrich, der nur mit innerm Schrecken an die eigentlich nun geplante Fußwanderung dachte, während wiederum die Postreise unser ganzes, eben erst in unsern Besitz gelangtes Kapital verschlungen hätte. Statt dessen befanden wir uns unter diesen Umständen in der angenehmen Lage, unserm freundlichen Helfer in Pr. Holland sein Darlehn sofort statt erst von Soldau aus zurückzuerstatten. Dann fuhren wir also gleich nach dem Essen in Chefs bequemem Wagen vergnügt davon, in dem auch Happy sich offenbar sehr behaglich fühlte. Die Inspektion Chefs bestand außerdem eigentlich nur darin, daß er auf jedem der vielen an der Chaussee liegenden Güter, wo er überall befreundet war, Station [88–89] machte; überall begrüßte man nicht nur ihn, sondern auch uns als willkommene Gäste und erquickte uns mit Speise und Trank.

So verging der Nachmittag und der Abend höchst angenehm und abwechslungsreich. Aber die Nacht brach herein und noch immer waren wir nicht an unserm Ziel, das wir eigentlich schon in wenigen Stunden hätten erreicht haben müssen; erst als der Morgen bereits graute, fuhren wir in das freundliche Städtchen Soldau hinein, das noch im tiefsten Schlummer ruhte. Natürlich durften wir nicht daran denken, um diese frühe Stunde etwa schon den Eltern Heinrichs ins Haus zu fallen; sondern wir suchten zunächst im ersten Gasthause der Stadt Unterkunft. Bevor wir jedoch vor demselben Halt machten, fuhren wir erst um das, mitten auf dem Markt gelegene Rathaus dreimal im Triumph herum. Im Hôtel Appolt warteten wir, teils ruhend, teils uns stärkend den Tag ab, und dann erst begab Heinrich sich ins Elternhaus, wohin er Ollech und mich nach einiger Zeit abholte. Freund Chef trat zugleich den Rückweg nach Hohenstein an, nachdem wir uns mit herzlichem Danke von ihm verabschiedet hatten.

Von Heinrichs trefflichen Eltern, die mir in ihrer rührenden Güte gegen uns unvergeßlich sind, mit väterlicher und mütterlicher Herzlichkeit empfangen, fühlten wir uns dort gleich wie zu Hause; Happy nicht minder, die sich mit größter Sicherheit bewegte, aber auch, wie überall, manierlich und liebenswürdig benahm, so daß sie bei jedermann wohlgelitten war. In diesem behaglichen Ruhehafen nun führten wir endlich wieder ein geregeltes, bürgerlich solides Leben, tranken wohl unsern Frühschoppen, verbrachten jedoch den Abend entweder im gemütlichen Familienkreise, oder Karl Heinrich besuchte mit uns seine Verwandten und näheren Bekannten. Unter letzteren [89] ist mir besonders eine interessante, originelle Persönlichkeit erinnerlich, ein pensionierter Hauptmann und Steuerbeamter, in Soldau glattweg „Der alte Hauptmann“ genannt, der Karl Heinrich in väterlicher Freundschaft zugetan war und dem dieser uns daher auch vorstellte. Der zwar bejahrte, aber noch jugendfrische, joviale Junggeselle fand, gleich dem alten Kautz in Hornsberg, ein großes Vergnügen an den Erzählungen von unsern Studentenstreichen, und da er selbst ebenfalls über einen reichen Vorrat von allerlei amüsanten Schnacken und Schnurren aus seinem eignen Leben verfügte, so verlebten wir im Zusammensein mit ihm einen sehr gemütlichen Vormittag.

Doch zu lange durften wir die Gastfreundschaft von Heinrichs Eltern nicht mißbrauchen; auch wurden ja Ollech wie ich an unsern eigentlichen Reisezielen längst erwartet. So machten wir uns denn nach mehrtägigem Aufenthalt in Soldau auf unsern weiteren Weg, aber wiederum nicht auf Schusters Rappen, wie wir eigentlich gemeint, sondern der treffliche Bierwirt Appolt schickte uns aus Freundschaft für Heinrich mit seinem Fuhrwerk nach Neidenburg, wohin dieser uns auch noch begleitete. Dort kehrten wir im ersten Gasthause ein, zitierten uns unsern lieben Philister Stoeckel, damals Rechtsanwalt in Neidenburg, herüber und saßen mit ihm, beim Gläschen Bier gemütlich plaudernd und Szenen vom letzten Stiftungsfest, das er auch mitgemacht, rekapitulierend, den Abend über zusammen. Dann kehrte Heinrich allein nach Soldau zurück; Ollech und ich blieben in Neidenburg zur Nacht, und in aller Frühe des andern Morgens griff ich zum Wanderstabe, um gen Passenheim zu ziehen, und trennte mich somit auch von den andern Reisegefährten, Ollech und Happy. Der letztern Geschick nahm hier eine entscheidende Wendung, die uns zugleich von der [90–91] Sorge befreite, was wir schließlich eigentlich mit ihr anfangen sollten. Der Neidenburger Gastwirt nämlich, bei dem wir abgestiegen waren, hatte Wohlgefallen an dem originellen Köter gefunden und erklärte sich gern bereit, sie bei sich zu behalten. Happy selbst schien damit auch sehr einverstanden und machte bei meinem Aufbruch keine Anstalten, mir etwa zu folgen und die Fleischtöpfe Ägyptens zu verlassen. Es soll ihr ja auch, wie wir später hörten, in Neidenburg dauernd gut ergangen sein und gefallen haben.

So wanderte ich denn wohlgemut in den schönen, frischen Morgen hinein; aber kaum hatte ich das Städtchen im Rücken, so holte mich die Briefkarriolpost ein, deren Postillon mich freundlichst aufforderte, zu ihm auf den Bock zu steigen und als blinder Passagier bis zu dem einige Meilen vor uns liegenden Kirchdorfe Jedwabno mitzufahren. Wer konnte dieser Lockung widerstehn! Zwar war es also zunächst wieder nichts mit der „Fußreise“, dafür kam ich aber desto schneller an mein Ziel. Natürlich belohnte ich den menschenfreundlichen Postillon anständig, wozu ich jetzt wieder reichliche Mittel besaß. Denn mein Bruder hatte mir von Passenheim eine Geldsumme nach Soldau gesandt, die mich nicht nur in den Stand setzte, meinen Teil an den von uns unterwegs gemachten Schulden abzutragen, sondern auch meine Reise ohne pekuniäre Sorgen abzuschließen. Dem freundlichen Postbeamten in Osterode hatten wir gleich von Soldau aus das uns so bereitwillig gewährte Darlehn mit Dank zurückerstattet.

In Jedwabno gegen Mittag angelangt, begab ich mich nach dem Pfarrhause, um unserm verehrten Philister Kob, einem der ältesten Veteranen der Masovia, der sich beim Stiftungsfeste durch sein jugendfrisches, herzgewinnendes Auftreten unsere Bewunderung und Zuneigung errungen, meinen Gruß [91] zu entbieten. Wie ich erwarten durfte, fand ich auch bei ihm und den Seinen einen herzlichen Empfang, mußte zum Mittagessen bleiben und als ich nachmittags zum Aufbruch rüstete, ließ der liebenswürdige alte Herr anspannen und schickte mich noch einige Meilen auf den Weg nach Passenheim, so daß ich bis dorthin nur noch etwa zwei Meilen zu wandern hatte. Auf diese gewaltige Strecke war also die in Königsberg ursprünglich großartig geplante „Fußreise“ schließlich zusammengeschrumpft!

Mit Einbruch der Dunkelheit langte ich endlich bei meinem Bruder an, der mich schon mehrere Tage ungeduldig erwartete. Bei ihm war ich wohlgeborgen und ruhte einige Wochen von den Strapazen unserer abwechslungs- und ereignisreichen, in jeder Beziehung aber wohlgelungenen Reise gründlich aus. Dann ging es zu Muttern nach Lötzen, und im Herbst in die Hauslehrerei, ins Ermland – damit zugleich ins Philisterland! Die goldne Burschenzeit lag hinter mir; aber aus ihr nahm ich fürs ganze Leben einen reichen unerschöpflichen Schatz köstlicher Erinnerungen mit mir, von denen ich nur einige hier festzuhalten versucht habe, um meinen Brüdern von damals, so weit sie noch unter den Lebenden weilen, in jene schöne Zeit zurückzuführen, und um der jetzigen und um den künftigen um das blau-weiß-rote Banner gescharten Generationen in unser damaliges Denken, Leben und Treiben einen Einblick zu geben. Mögen auch sie einst einen gleichen köstlichen Schatz ins Leben hinübernehmen, wie er jetzt noch mein Alter erheitert und verschönt!

Aber einen noch köstlicheren Gewinn verdanke ich, verdanken wohl noch manche andre mit mir jener unvergeßlich schönen Zeit: Die Bande echter, treuer, unlösbarer Freundschaft, die sich im gemeinsamen jugendfrohen Burschenleben knüpften und dieses überdauerten, [92–93] wohin das Leben den einen und den andern auch führen, und wie es sich auch für den einzelnen gestalten mochte. Und daß auch mir der große Wurf gelungen, mir damals in meinem teuern Karl Heinrich einen Freund und Bruder errungen zu haben, der fortan in Freude und Leid treu zu mir stand und noch steht: das erachte ich eben als das unschätzbarste Gut, was mir die Zeit gebracht, da noch das Masurenband seine und meine, von Jugendlust und Jugendmut geschwellte Brust schmückte.

Und so übergebe ich ihm diese flüchtigen Schilderungen zur Mitteilung an alle Masurenbrüder, jung und alt, und begleite sie mit dem Wunsche,

daß, wie sich auch naturgemäß Anschauungen und Ansprüche wandeln, und ob auch der Zeitgeist ein anderer wird, doch derselbe Geist wahrer Brüderlichkeit fortleben möge in unsrer geliebten Masovia, als die sicherste Bürgschaft für ihr Blühen – in aeternum!

Hamburg, im Dezember 1904.

Otto Vigouroux
(gen. Fadennausel).


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Karl Heinrich