BLKÖ:Ennemoser, Joseph

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Ens, Faustin
Band: 4 (1858), ab Seite: 51. (Quelle)
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Ennemoser, Joseph (Arzt und philosophischer Schriftsteller, geb. zu Schönau im Bezirke Passeier in Tyrol 15. Nov. 1787, gest. zu Eyern am Tegernsee 19. Sept. 1854). Der Sohn eines Bauers, der noch als achtjähriger Knabe Ziegen hütete. Doch besuchte er auch die Dorfschule und zeigte Eifer im Lernen. Endlich gelang es ihm, die Erlaubniß zum Studiren zu erwirken und er kam auf das Gymnasium nach Meran, später zu Trient. Seine akademischen Studien zu Innsbruck, wo er seit 1808 sich aufhielt, unterbrach das Jahr 1809. Der Sandwirth Hofer kannte E. aus seiner Studentenzeit; er hatte dem Knaben manches Liebe erwiesen. E. trat nun bei Hofer als Geheimschreiber ein und zeichnete sich als solcher wie als Anführer seiner Landsleute in jener denkwürdigen Epoche auf das rühmlichste aus. Nach Beendigung des Krieges setzte er seine Studien zuerst in Erlangen, dann in Wien fort. Doch gänzlicher Mangel an Subsistenzmitteln nöthigte ihn, das Studiren aufzugeben und einen Kaufmann, der ihn in Altona kennen gelernt, auf den Reisen zu begleiten, bis ihm ein Freund, der ihn in Berlin traf, in den Stand setzte, seine medicinisch-philosophischen Studien wieder aufzunehmen. 1812 beim Ausbruche des Krieges gegen Rußland ging er mit einer Sendung seiner Landsleute betraut nach England, um dort Unterstützung zu einem Aufstande Tyrols gegen Napoleon zu erwirken. Auf seiner Rückkehr [52] über Schweden nach Preußen litt er auf der Ostsee Schiffbruch und wurde nach zweiwochentlicher Irrfahrt in fast wunderbarer Weise von Lootsen bei Colmar gerettet. Als Friedrich Wilhelm III. 1813 seinen Aufruf ergehen ließ, trat E. mit seinen Landsleuten und Freunden in’s Lützow sche Freicorps und warb mit seinem Freunde Jac. Riedel für dasselbe eine Compagnie Tyrolerjäger, welche er 1813 und 14 anführte. Vor der Leipziger Völkerschlacht erhielt er wiederholte Sendungen in’s preußische Hauptquartier und besorgte unter dem russischen Obersten von Heidecker längere Zeit die Kriegspolizei. Im Lützowschen Corps zeichnete er sich bei mehreren Gelegenheiten aus, u. a. bei Stocknitz, bei Lauenburg, bei Mölln, Ratzeburg, und bei Julich hielt er im März 1814 mit seiner Compagnie ein ganzes Bataillon Franzosen über zwei Stunden auf, in welcher Zeit das entfernte Corps heranrücken und den Feind zurückwerfen konnte. E. wurde mit dem eisernen Kreuze geschmückt. Nach dem Pariser Frieden beendete er seine Studien zu Berlin und wurde 1816 Doctor der Medicin. Er trat nun in die Praxis, besuchte mehrere deutsche Bäder und machte Reisen nach England und Frankreich. Den Grund zu seinen späteren wissenschaftlich begründeten Studien über den Magnetismus legte er unter Prof. Wolfart. 1819 wurde er Professor zu Bonn und trug Anthropologie, physische Heilkunde und Pathologie vor. Nach 17jähriger Thätigkeit auf diesem Posten, auf welchem er sich in allen Kreisen Liebe und Achtung erwarb, kehrte er 1837 nach genommener Entlassung in sein Vaterland zurück und ließ sich in Innsbruck nieder. Aber der Mangel an literarischen Hilfsmitteln bewog ihn, 1841 nach München zu übersiedeln, wo er als praktischer Arzt das System des Magnetismus ausbildete, darnach die Kranken behandelte und nach mehreren gelungenen Curen einen großen Ruf erlangte. Als Schriftsteller seines Faches und namentlich seines Systems entwickelte E. eine bemerkenswerthe Thätigkeit. Er gründete sein Hauptverfahren dabei auf die Ansicht, daß abnorm veränderte, gehemmte und geschwächte Kräfte vor Allem durch den Gebrauch der allgemeinen Elementarkräfte, des Lìchtes, der Wärme, der Electricität und des Magnetismus geheilt werden können, daß der Mensch diese Kräfte in sich selbst besitze, und es nur darauf ankomme, sie mit der gehörigen Diät in Thätigkeit zu setzen. Es bedürfe nur ausnahmsweise der äußern Naturkräfte zur Verstärkung der innern, und ebenso ausnahmsweise bediente sich E. derselben. Seine Schriften, mit seiner Inaugural-Dissertation beginnend, sind: „De montium influxu in valetudinem hominum vitae genus et morbos“ (Berlin 1816, 8°.); – „Der Magnetismus nach den allseitigen Beziehungen seines Wesens, seiner Erscheinungen, Anwendung und Enträthselung in einer geschichtlichen Entwickelung von allen Zeiten ... dargestellt“ (Leipzig 1819, 8°.); später als: „Geschichte des thierischen Magnetismus“, in 2. ganz umgearbeiteter Auflage. 1. Theil auch unter dem Titel: „Geschichte der Magie“ (Leipzig 1844, gr. 8°.); – „Ursprung und das Wesen der menschlichen Seele überhaupt und die Beseelung des Kindes insbesondere“ (Bonn 1824, gr. 8°.); 2. Aufl. (Stuttgart 1852); die 2. Aufl. ist mit einem Anhange über die Unsterblichkeit vermehrt. Davon eine italienische Uebersetzung: „Disquisizioni storico-psicologiche intorno l’origine ed essenza dell’anima umana etc.“ (Venedig 1853, 8°.); – „Ueber die nähere Wechselwirkung des Leibes und der Seele mit anthropol. Untersuchungen über den Mörder Ad. Moll“ (Bonn 1825, 8°.); – „Anthropologische Ansichten oder Beiträge zur bessern Kenntniss des Menschen“, [53] 1. Theil (Bonn 1828, gr. 8°.); – „Der Magnetismus im Verhältniss zur Natur und Religion“ (Stuttg. u. Tübingen 1842, 8°.); – „Sendschreiben an seine alten und jungen Brüder über den Begriff der wahren Freiheit und eines gesunden Staatsorganismus für das deutsche Vaterland“ (München 1848, gr. 8°.); – „Was ist die Cholera und wie kann man sich vor ihr am sichersten verwahren?“ (Stuttgart 1848, 8°.). In den Jahren 1848 und 1849 redigirte er die von ihm ins Leben gerufene „Innsbrucker Zeitung“, welche aber bald zu erscheinen aufhörte; – „Der Geist des Menschen in der Natur oder die Psychologie in Uebereinstimmung mit der Naturkunde“ (Stuttgart 1849, mit 1 Lithographie, gr. 8°.); – „Anleitung zur mesmerischen Praxis“ (Ebenda 1852). – In der letzten Zeit seines Lebens arbeitete E. an seinen Memoiren, welche er selbst noch als „Erinnerungen aus meinem Leben“ zu veröffentlichen beabsichtigte. Er kam jedoch nicht über die Geschichte seiner armen, doch an innern Schätzen reichen Kindheit hinaus. Die davon erschienenen Bruchstücke lassen es wahrhaftig bedauern, daß der Tod diese weihevolle Arbeit unterbrach.

Staffler (Joh. Jakob), Das deutsche Tyrol und Vorarlberg, topographisch ... (Innsbruck 1847, Fel. Rauch, 8°.) II. Bd. S. 741. – Steger (Fr. Dr.)[WS 1], Ergänzungs-Convers.-Lexikon X. Bd. S. 412. – Neue Münchener Zeitung 1855, Beilage zu Nr. 177: „Zur Erinnerung an Ennemoser.“ – Hausblätter 1855 [dieselben enthalten Aufzeichnungen E.’s, mitgetheilt von Ernst Förster, welche E. auf Zureden seiner Freunde niedergeschrieben hatte]. – Meyer (J.), Das große Conversations-Lexikon (Hildburghausen 1845, Bibl. Inst., Lex. 8°.) in. Suppl. Bd. S. 395 [nach diesem geb. 15. Nov. 1787]. – (Brockhaus) Conversations-Lexikon (10. Auflage) V. Bd. S. 533.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Steger (Frz. Dr.).