BLKÖ:Gerle, Wolfgang Adolph

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 5 (1859), ab Seite: 155. (Quelle)
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Gerle, Wolfgang Adolph[BN 1] (Schriftsteller, geb. zu Prag 9. Juli 1781, gab sich selbst den Tod in der Moldau 29. Juli 1846). Sein Vater war Buchhändler und Antiquar in Prag und der Sohn, der eine sorgfältige Erziehung genoß, zeigte früh poetische Anlagen. Als Knabe von 6 Jahren schrieb er einen Roman, dessen Helden Vögel waren; und der Lustspieldichter Jünger, der das kindische Werk las, bewog den Vater, der Neigung des Knaben Raum zu geben. Herangebildet, widmete sich G. dem Geschäfte des Vaters, arbeitete aber schon fleißig in den verschiedensten schöngeistigen Richtungen, und lieferte bei der großen Leichtigkeit, mit welcher er producirte, und bei der Beliebtheit, deren sich seine Arbeiten auf dem damals noch nicht überfüllten Büchermarkte erfreuten, eine große Menge von Schriften, anfänglich unter dem Pseudonym Gustav Erle, eine unter dem Namen Konrad Spät genannt Frühauf, einige anonym und. später, durch den freundlichen Erfolg aufgemuntert, mit seinem Namen. Im J. 1812 betrat er zum ersten Male das dramatische Gebiet und erfreuten sich einige seiner meist nach Novellen ausgeführten Bearbeitungen einer günstigen Aufnahme. Seit dem J. 1814 versah er die Professur der italienischen Sprache am Musik-Conservatorium in Prag, welche er bis an seinen Tod bekleidete. Letzteren gab er sich selbst, nicht aus Lebensüberdruß, oder in einem Anfall von Irrsinn, obwohl letzterer als Familienerbstück allgemein vorausgesetzt wird, da sein Vater im hohen Alter auch wahnsinnig geworden; sondern nach reiflicher Ueberlegung, im Vorgefühl eines kummervollen Lebensendes, dem er auf dem kürzesten Wege vorbeugen wollte. Da seine Kräfte schwanden, seine Arbeiten bei der veränderten Zeitrichtung nicht mehr ansprachen, er auf den kleinen Gehalt eines Sprachmeisters beschrankt, sich nicht mehr fähig fühlte, denselben durch den Erlös seiner Thätigkeit aufzubessern, so einigte er sich mit dem Gedanken, die [156] Lebensuhr, die selbst nicht auslaufen wollte, zum Stehen zu bringen; er wollte sich in der Furcht, alt, gebrechlich und verlassen zu werden, vor dem Tode mit dem Tode retten. Bevor er den Entschluß ausgeführt, verfügte er über sein Eigenthum, schrieb an zwei Freunde Briefe, deren einer, an Dr. Ludw. Aug. Frankl gerichtet, einfach einen Abschied des Freundes vom Freunde enthielt. Gerle zählte 72 Jahre, als er den Tod sich gab, sein Leichnam wurde am folgenden Tage (30. Juli) in der Nähe der Prager Kettenbrücke aus der Moldau gezogen. Bei der allgemeinen Beliebtheit, derer sich allgemein erfreute, bildete sein Tod für Prag ein Ereigniß. G.’s Schriften sind sehr zahlreich und erzählenden, dramatischen, historischen und topographischen Inhaltes; die erzählenden: „Koralli oder die Liebe in heissen Zonen“; – „Alexis und Nadine“; – „Lodoiska von Sandoval“; „Adeline Gräfin von Castell“; – „Eugen Graf von Montpensier“; – „Der Bastard von Navarra“; – „Euphemion, der Unerforschliche“, sind seine Erstlingsproducte, die er zum Theil als Gustav Erle veröffentlichte. – Mit seinem Namen gab er heraus: „Volksmärchen der Böhmen“, 2 Bände (Prag 1817, Calve), welche Tiecks Beifall fanden; – „Historien und gute Schwänke des Meisters Hans Sachs“ (Pesth 1818); – „Guckkastenbilder“, 2 Theile, beide unter dem Namen Conrad Spät, genannt Frühauf (Brünn 1820); – „Novellen, Erzählungen und Märchen“, 2 Bde. (Leipzig 1821); – „Der kleine Phantasus“, 2 Thle. (Ebenda 1822); – „Schattenrisse und Mondnachtbilder. Novellen, Mährchen ...“, 3 Bdchn. (Leipzig 1824); – „König Artus and die Ritter von der Tafelrunde“, I. Bd. (Brünn 1824), (erschien nur dieser 1. Band); – „Die Liebesharfe. Gegensätze des Lebens und der Liebe“ (Wien 1825); – „1001 Schnurre. Ein Buch zum Lachen …“, 2 Bdchn. (Pesth 1825), unter dem Pseudonym Meister Hilarius Kurzweil; – „Neue Erzählungen“ (Prag 1825); – „Holzschnitte. Erzählungen und Novellen ...“, 2 Bdchn. (Prag 1841); – „Lebensbilder aus der niederländischen Schule, Originale und Copien“, 2 Bändchen (Leipzig 1841); – „Der bürgerliche Salon. Genrebilder aus der Gegenwart“ (Braunschweig 1841); – „Tausend und ein Tag oder die Märchen der Solimena“, 6 Thle. (Prag 184.), ohne Namen. Der günstige Erfolg einiger dramatischen Arbeiten ließ ihn dieses Feld mit besonderer Vorliebe pflegen und er schrieb und bearbeitete folgende Stücke: „Der Essighändler“ (1812); – „Irenens Feier“, ein Festspiel (1814); – „Der blaue Domino“, nach Zschokke (1820); – „Abenteuer einer Neujahrsnacht“, nach Ebendemselben, welches Stück viele Jahre hindurch in Prag regelmäßig am Sylvesterabende aufgeführt wurde, und wozu er später (1828) das Vorspiel: „Publicum und Recensenten“ schrieb; – „Die Wochenstube“, nach Halberg; – „Jaromir und Udalrich“, Trauerspiel; – „Adam Wiederbauer“, Drama nach Fouqué; – „Das Liebhaber-Theater“, Lustspiel nach Van der Velde; – „Das Mädchen von Gomez Arias“, Drama nach Calderon; – „Der Löwe schlummert“, Fastnachtposse; – „Oheim and Neffe“, Lustspiel; – „Der letzte April“, Posse; – „Der Familienvertrag“, Posse; – „Die Räuber im Schwarzwalde“, Drama; – „Der falsche Prinz“, Lustspiel. – In Gemeinschaft mit Uffo Horn: „Die Vormundschaft“, welches Lustspiel den Preis in Stuttgart erhielt; – mit Lederer: „Die kranken Doctoren“, Lustspiel und mit Wilhelm Frankl: „Demoiselle Colombe“, Lustspiel und „Der Rubinring“, Lustspiel, welch’ letzteres sich in seinem Nachlaß fand. Seine übrigen topographischen, historischen und gemischten Schriften sind: „Vorschule der Aesthetik“ (Prag 1805); – „Amor und Psyche“, eine griechische Mythe nach Aquilejus und La Fontaine (Prag 1805); – „Korallen und Fragmente [157] aus dem Gebiete der Natur“ (Prag 1807, neue Auflage 1811); – „Historischer Bildersaal der Vorzeit Böhmens“, 3 Bde. (Prag); – „Gemälde von Böhmen“, 3 Bde. (Pesth 1823, mit K. K., 12°.); – „Grossbrittanien und Irland nach Depping“, 5 Thle. (Ebenda 1827, mit K. K.), beide in das von Hartleben herausgegebene „Miniaturgemälde der Länder und Völkerkunde“ gehörig; – „Böhmens Heilquellen“ (Prag 1828, mit Karte, 12°.); – „Franzensbrunn. In topogr., pittor. und medicin. Hinsicht“ (Ebd. 1830, mit 1 Karte); – „Karlsbad …“ (Ebd. 1830, mit 1 K.); – „Marienbad …“ (Ebenda 1830, mit 1 K.); – „Teplitz ...“ (Ebenda 1830); – „Prag und seine Merkwürdigkeiten“ (Prag 1825, 3. Aufl. 1836, und schon eine 5. Auflage mit Ansicht), ein gutes und seiner Zeit gesuchtes Handbuch; – „Der Reisegefährte in Adersbach“ (Ebenda 1833). Auch redigirte G. zu drei verschiedenen Zeiten die „Prager Zeitung“, u. z. vom J. 1810–11, 1815–1820 und 1823. Im Jahre 1822 gab er allein, seit 1824. in Gemeinschaft mit Karoline Woltmann die Zeitschrift: „Der Kranz“ heraus, und im Jahre 1834 wurde er Redacteur des „Panorama des Universums“. Außerdem sind viele kleinere Arbeiten G.’s in Journalen zerstreut. G.’s Schriften enthalten manches Gute, ohne jedoch bleibenden Werth zu besitzen. Als Mensch erfreute sich G. allgemeiner Achtung und Meynert entwirft von ihm eine treffende Charakterskizze, auf welche wir in den Quellen verweisen.

Auffallend ist der folgende große Unterschied in Angabe des Geburtsdatums: während fast alle Quellen im J. 1781 übereinstimmen – das Libell „Oestr. Parnaß“ das J. 1784 angibt, bezeichnet Dr. Meynert den 13. Juli 1774, Herloßsohns „Theater-Lexikon“ aber gar das Jahr 1790 als G.’s Geburtsjahr. – Frankl (L. A. Dr.), Sonntagsblätter 1846, Nr. 32, S. 745: „Nekrolog“ von L. A. Frankl. – Dieselben S. 1054: „W. A. Gerle’s Nachlaß“ [nach diesen stürzte er sich am 29. Juli 1846 in die Moldau]. – Wanderer (Wiener Blatt, gr. 4°.) 1849, Nr. 39: „Gallerie biographischer Skizzen. 3. Gerle“ von Dr. Meynert [nach diesem geb. 13. Juli 1774. Dr. Meynert charakterisirt G. folgendermaßen: „Gerle war kein genialer Dichter, aber ein Schriftsteller von verständigem Urtheile und gewandter Darstellung. Ohne eine hervorragende Stellung einzunehmen, gab er für Prag doch einen gewissen Vereinigungspunct der schöngeistigen und künstlerischen Interessen ab; er war zufolge seiner Verträglichkeit und gutmüthigen literar. Dienstfertigkeit gleichsam das neutrale Gebiet, auf welchem nicht nur den Ort besuchende fremde Notabilitäten, sondern auch die Anhänger der entschiedenen Fractionen, die Zungen der deutschen wie der čechischen geistigen Bestrebungen, die strengen Contrapunctisten wie die Romantiker in der Musik sich in Einigkeit zu versammeln pflegten. In dieser Beziehung war sein Tod für Prag ein Ereigniß ... Seine Schriften werden dem Vergessen vielleicht nicht entgehen .... aber sein Herz verdient unvergessen zu bleiben, er war ein guter Mensch]. – Allg. Theaterzeitung von Adolph Bäuerle XXXIX. Jahrg. (Wien 1846) Nr. 190, S. 759: „Nekrolog.“ – Ersch (J. S.) und Gruber (J. G.), Allgem. Encyklopädie der Wissenschaften u. Künste (Leipzig 1822, Gleditsch, 4°.) I. Sect. 61. Thl. S. 149 [nach diesem geb. 9. Juli 1781]. – Wolffs Almanach für Freunde der Schauspielkunst auf das J. 1846. – Blums u. Herloßsohns Theater-Lexikon IV. Bd. S. 42 [nach diesem geb. 1790]. – Meusel (Joh. Georg), Das gelehrte Teutschland (Lemgo 1783) XIII. Bd. S. 460; XVII. Bd. S. 699. – Neuer Nekrolog der Deutschen (Weimar, Voigt) XXIV. Jahrg. (1846) I. Thl: S. 482. – Oestr. National-Encyklopädie (von Gräffer und Czikann), (Wien 1835) II. Bd. S. 320. – Libussa. Taschenbuch, herausg. von Alois Klar. Jahrg. 1851, S. 464 [nach dieser geb. 9. Juli 1781, gest. 30. Juli 1846]. – Annalen der Literatur und Kunst in dem östr. Kaiserthume. Jahrg. 1811 (Wien, A. Doll, 8°.) IV. Bd. S. 349. – Oestr. Parnaß, bestiegen von einem heruntergekommenen Antiquar (Frey-sing, bei Athanasius & Comp. (Hoffmann und Campe in Hamburg) S. 18 [nach diesem geb. 1784; entwirft folgendes Porträt von G.: „Stutzer, geschmeidig, artig und zuvorkommend, hat viel und vielerlei geschrieben, vorzüglich von und über sich. Correspondent aller auswärtigen Zeitungen, größtentheils unglücklicher Original-Schriftsteller, gewandter Bearbeiter, ziemlich bekannt. Eine einnehmende Physiognomie, elegantes Aeußere und Manieren, Titularprofessor und Hagestolz, [158] übrigens nichts Großes“]. – Porträt. Sein sprechend ähnliches Porträt hat der Wiener Maler Decker 1844 lithographirt. – Grabstein. Director Hofmann, jetzt Director des Thalia- und Josephstädter Theaters in Wien, ließ ihm einen Grabstein setzen, mit der Inschrift: W. A. Gerle, Schriftsteller; auf der Rückseite: geb. 9. Juli 1781, gest. 29. Juli 1846.

Berichtigungen und Nachträge

  1. E Gerle, Wolfgang Adolph [Bd. V, S. 155].
    Goedeke (Karl), Grundriß u. s. w., wie bei Castelli, Bd. III, S. 585, S. 60. [Bd. 28, S. 341.]