BLKÖ:Jósika, Nikolaus Freiherr von

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 10 (1863), ab Seite: 271. (Quelle)
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Jósika, Nikolaus Freiherr von[BN 1] (Romandichter, geb. zu Thorda in Siebenbürgen 28. April 1796). Entstammt einer alten siebenbürgischen Adelsfamilie, welche in Branyicska seßhaft, mit ihrem Namen den ihres Stammschlosses verbindend, sich Jósika-Branyicskai nennt. [Ueber die Genealogie dieses Geschlechtes vergleiche S. 276 die Quellen und S. 277 die Stammtafel.] Jósika’s Mutter Eleonora entstammt dem berühmten siebenbürgischen Grafengeschlechte der Lázár. Nikolaus beendete das Studium der Rechte, trat aber 1811 in die kaiserliche Armee, wurde Officier im Cavallerie-Regimente Savoyen-Dragoner, machte mit demselben den Feldzug in Italien mit, wurde Hauptmann im Infanterie-Regimente Nr. 33 Hieronymus Graf Colloredo, mit welchem er noch in den Kämpfen des Jahres 1815 focht, trat aber 1818 aus der Armee und zog sich in’s Privatleben zurück. In diesem Jahre verheirathete er sich mit der reichen Erbin Elisabeth Kállay, welche Ehe jedoch nicht glücklich war, und später auch aufgelöst wurde. Seit seiner Rückkehr in’s Privatleben hielt er sich auf seiner Herrschaft Szurdok im Hunyader Comitate auf, und theilte seine Zeit zwischen Studien und landwirtschaftlicher Beschäftigung, wozu sich ihm als Herrschaftsbesitzer genug Gelegenheit bot. In das öffentliche Leben trat J. erst im Jahre 1834, in welchem er auf dem denkwürdigen Siebenbürger Reichstage erschien. Auf demselben trat er auf Seite der Opposition, wurde durch sein Auftreten an maßgebender Stelle mißliebig und zum siebenbürgischen Landtage nicht mehr einberufen. In den Jahren 1835 bis 1840 betheiligte er sich an den politischen Bewegungen in Ungarn, und nachdem er nach Pesth übersiedelt, warf er sich, theils um von den politischen Kämpfen auszuruhen, theils um Zerstreuung für sein häusliches Unglück zu finden, auf das schriftstellerische Gebiet, und hatte die Genugthuung, bald einer der beliebtesten und gelesensten Schriftsteller seines [272] Volkes zu werden. Im Jahre 1836 wurde er Mitglied und Directionsrath der ungarischen Akademie, 1837 Mitglied, 1842 Präses der Kisfaludy-Gesellschaft; 1847 erschien er wieder als Regalist und zweiter Deputirter des Szolnoker Comitates auf dem siebenbürgischen Landtage, auf welchem er für die Vereinigung Siebenbürgens mit Ungarn auf das Eifrigste thätig war. Im Jahre 1848, als Mitglied der ungarischen Magnatentafel, nahm er an der Bewegung des gleichen Jahres lebhaften Antheil und wurde, nachdem der Landesvertheidigungs-Ausschuß sich gebildet, dessen Mitglied. Nach der Unabhängigkeitserklärung Ungarns vom 14. April 1849 wurde J. Mitglied des obersten Gerichtshofes, folgte Kossuth nach Debreczin, Szegedin, Arad, und, als nach der Waffenstreckung von Világos Alles in der Flucht sein Heil suchte, war auch J. auf Rettung bedacht. Jetzt erst trennte er sich von seiner Frau, die bis dahin ihm überall gefolgt war, und während sie nach Pesth ging und von dort nach Leipzig sich begab, gelangte er auf Umwegen über Lugos, Lippa, Debreczin über die Grenze nach Biela und erreichte nach mannigfaltigen Kreuz- und Querzügen mit dem Passe, der ihn als Müllermeister bezeichnete, Leipzig, wo er seine Frau fand und mit ihr von dort nach dem Schlosse einer Verwandten seiner Frau, der Baronin Bülow, nach Thüringen, und von da nach Brüssel sich begab. Dort begründeten sich Beide nach mannigfachen Kämpfen und Entbehrungen eine neue Heimat [vergleiche die Lebensskizze seiner Frau Julie, S. 270]. Seit Jósika das schriftstellerische Gebiet betreten, entwickelte er eine ungemein große Fruchtbarkeit. Zwei Schriften, „Tendenz“ und „Skizzen“, beide 1835 erschienen, wurden wenig beachtet; aber schon sein erster zwei Jahre später veröffentlichte Roman machte großes Aufsehen und seinen Namen, da seine Romane bald in’s Deutsche übersetzt wurden, in den weitesten Kreisen bekannt. Jósika’s Werke sind in chronologischer Folge: „Abafi“, d. i. Abafi. 2 Bde. (Pesth 1836), bereits in 5 Auflagen erschienen; deutsch von Hermann Klein (Pesth 1839) und von Gustav Treumund; – „Zólyomi“, d. i. Zolyomi (Pesth 1836), bereits in 4 Auflagen; deutsch von H. Klein (ebd. 1839); – „A könnyelmüek“, d. i. Die Leichtsinnigen. 2 Bde. (ebd. 1837), bereits in 3 Auflagen, deutsch von H. Klein (ebd. 1839); – „Az utolsó Bátori“, d. i. Der letzte Bathori. 3 Bde. (ebd. 1838), bereits in 3 Auflagen; deutsch von V. Schwarz (ebd. 1839); für diesen Roman erhielt er von der ungarischen Akademie einen Preis von 200 Ducaten und einen silbernen Becher; – „A Csehek Magyarországon“, d. i. Die Böhmen in Ungarn. 4 Bde. (Pesth 1840), bereits in 3 Auflagen; deutsch von H. Klein (ebd. 1840); – „Élet és tündérhon“, d. i. Leben und Traumwelt. 3 Bde. (Pesth 1840), ist eine Sammlung seiner in Zeitschriften zerstreut gedruckten Erzählungen und Novellen, als: Decebal; Gott und Teufel, das Zauberkindlein; Die Perle der Mohilen; Die Tochter der Beduinen; Die treuen Ungetreuen; Die Suttin, u. m. a.; – „Zrinyi á költő“, d. i. Zriny der Dichter. 4 Bde. (ebd. 1840), bereits in 2 Auflagen; deutsch von G. Treumund (ebd. 1844); – „Viszhangok“, d. i. Echolaute. 2 Bde. (Pesth 1844) – und „Sziv rejtelmei“, d. i. Geheimnisse des Herzens. 2 Bde. (ebd. 1845), beides Sammlungen seiner Novellen, im ersten: Fantasie und Wirklichkeit; Gefahr und Heil; Rosa Maria; Herculanum; [273] Silvio Foscari; Die Rose des Thales; Helione; Anna Bornemisza – im zweiten: Der Dorfnotar; Brunhild; Theobald der Notar; Der Genius des Friedens; Adolfine, und Ein Bild der Sündfluth; – „Élet utjai“, d. i. Die Wege des Lebens (Pesth 1844); – „Akarat és hajlam“, d. i. Wille und Neigung. 2 Bde. (ebd. 1846); – „Regényes képletek“, d. i. Romantische Bilder. 3 Bde. (ebd. 1847); – „Jósika István“, d. i. Stephan Jósika. 5 Bde. (ebd. 1847); deutsch von Julie Jósika (Leipzig 1851); – „Egy két emeletes ház“, d. i. Ein zweistockhohes Haus (ebd. 1847); wurde von Lang, dem Verfasser der „Herzogin von Praslin“ für die deutsche Bühne bearbeitet. Mit diesen 14 Romanen und gesammelten Erzählungen, im Ganzen 35 Bände, und mit der ungarischen Uebersetzung des englischen Romans von Miß Burney: „Eine Heirath aus der großen Welt“ unter dem Titel: „Egy házasság á nagy világban“ und des deutschen von Theodor Mügge „Toussaint“ in 4 Bänden und einigen Originaldramen, als: „Adorjánok és Jenők“, d. i. Die Hadriane und die Eugene; „Két Barcsai“, d. i. Die beiden Barcsai; „Ecsedi tünder“, d. i. Die Fee von Ecsed, schließt Jósika’s vormärzliche Thätigkeit auf schöngeistigem Gebiete ab. Bald nachdem er in Brüssel seine zweite Heimat gefunden, begann er in deutscher Sprache zu schreiben und veröffentlichte „Alter Hass, neue Liebe“ zuerst im „Nordischen Wanderer“ erschienen; – „Die Familie Mailly“, Original-Roman“. 2 Thle. (Leipzig 1850, Arnold, 8°.) – und „Eine ungarische Familie während der Revolution“. 4 Bde. (Braunschweig 1851), später von ihm in ungarischer Sprache unt. d. Tit.: „Egy magyar család a forradalom alatt“, in 6 Bdn. (Pesth 1861, Hartleben, 8°.); nach dem Werke „Ungarns Männer der Zeit“ scheint aber der ungarische Roman keine Uebersetzung, sondern eine Fortsetzung zu sein, da dort dieser Roman mit 10 Bänden angegeben ist. Nun aber kehrte er wieder zur vaterländischen Sprache zurück, und es erschien der erste Roman „Esther“ anonym, alle folgenden mit der Bezeichnung „vom Verfasser der Esther“, weil sie unter seinem Namen nicht erscheinen durften. Die Titel dieser Romane sind: „Esther“, 3 Bde. (Pesth 1853); – „Nagyszebeni királybiró“, d. i. Der Königsrichter von Hermannstadt. 3 Bde. (ebd. 1853); – „Gordiusi csomó“, d. i. Der gordische Knoten. 3 Bde. (ebd. 1853); – „A zöld vadász“, d. i. Der grüne Jäger. 3 Bde. (ebd. 1854); – „A szegedi boszorkányok“, d. i. Die Hexen von Szegedin. 3 Bde. (ebd. 1854); – „A fejedelem keresztléánya“, d. i. Die Pathe des Fürsten. 3 Bde. (ebd. 1855); – „Két királynő“, d. i. Zwei Königinen. 3 Bde. (ebd. 1855); – „A rom tilkai“, d. i. Die Geheimnisse der Ruine. 2 Bde. (ebd. 1856); – „A rejtett, seb“, d. i. Die verborgene Wunde. 3 Bde. (Pesth 1857); – „A tudós léánya“, d. i. Die Tochter des Gelehrten. 3 Bde. (ebd. 1858); – „A hat Uderszky léány“, d. i. Die sechs Mädchen von Uderßk. 6 Bde. (ebd. 1859); – „Pygmaleon vagy egy magyar család Párisban“, d. i. Pygmaleon oder eine ungarische Familie in Paris. 2 Bde. (ebd. 1856); – „Jó a tatár“, d. i. Es kommt der Tatar. 4 Bde. (ebd. 1857); – „Az elsö lépés veszélyei“, d. i. Die Gefahren des ersten Schrittes. 2 Bde. (ebd. 1858); – „Régibb és ujabb Novellák“, d. i. Aeltere und neuere Novellen. 4 Bde. (ebd. 1858); – „A két barát“, d. i. Die beiden Freunde. 4 Bde. (ebd. 1859); – „II. Rákóczi [274] Ferenc“, d. i. Franz Rakoczy II. 6 Bde. (ebd. 1861); deutsch in Hartleben’s neuestem belletr. Lesecabinet, Lieferung 506–529; – „A magyarok őstörténelme“, d. i. Urgeschichte der Ungarn. 3 Bde. (ebd. 1860). Zusammen 20 Romane in 66 Bänden. In der ungarischen Sprache wurden Jósika’s Werke auch gesammelt, in zwei Ausgaben, veröffentlicht, und zwar als „Regényei. Olcsó kiadás“, d. i. Romane. Wohlfeile Ausgabe, und als „Ujabb regényei“, d. i. Neuere Romane; in der deutschen Uebersetzung aber unter dem Titel: „Freiherr von Jósika’s sämmtliche Werke“. 18 Bde. (Pesth 1839–1850, Heckenast), nur eine Reihe seiner früheren Romane herausgegeben. Noch schrieb er das polemische Werk: „Regény és regényirály“, Roman und Romankritik, und unter dem Pseudonym Moriz Alt, von dem im Jahre 1846 der humoristische Roman „Békesi Ferencz kalandjai“, d. i. Abenteuer des Feri Békesy, in ungarischer Sprache erschien, soll Jósika versteckt sein. Es ist dieß eine erstaunliche Fruchtbarkeit: Mehr als 110 Bände Romane, Novellen, Erzählungen, Dramen in 34 Jahren, eines geistig und politisch ungewöhnlich bewegten Lebens. Der politischen Kämpfe des Dichters wurde schon in dieser kurzen Skizze Erwähnung gethan, aber nicht geringer trafen ihn im Kreise seiner Familie schwere Schicksalsschläge. Den Vater hatte er im kräftigsten Mannesalter verloren; seine zwei Schwestern, Rosa und Susanna, im Lenze ihres Lebens; Rosa’s zweiter Gatte Adam Graf Kendesy wurde todt im Bette gefunden; jener Susanna’s, Herr von Barcsai, zwischen zwei Schiffen zerquetscht. Sein Bruder Baron Samuel fiel im Duell. Des Jammers im eigenen Hause, durch das Zusammenleben mit einer Frau veranlaßt, die er nicht liebte, wurde schon gedacht. Für Alles fand er Trost in sich selbst und seinem poetischen Genius, und als er im Jahre 1838 Julie Podmanitzky kennen lernte, in dieser edlen Frau, die Leid und Freud – ersteres floß seit ihrer Heirath, die erst im Jahre 1847 erfolgte, reichlicher aus der Urne des Schicksals – mit ihm theilte und von der er selbst, 1859, schreibt, daß er sein Leben erst von der Zeit berechne, als er sie kennen gelernt. Jósika lebt seit seiner Flucht aus dem Vaterlande in Brüssel und ist dort ansäßig. Den Gedanken an eine Rückkehr in’s Vaterland scheint er vollends aufgegeben zu haben. In Folge seiner politischen Haltung im Jahre 1848 wurde er von dem damaligen Kriegsgerichte zum Tode verurtheilt und dasselbe, da er flüchtig war, gegen ihn in contumaciam ausgesprochen. Ueber seine literarische Charakteristik und seine Bedeutung in der ungarischen Literatur vergleiche das Nähere in den Quellen.

I. Zur Biographie. Magyar irók. Életrajz-gyüjtemény. Gyüjték Ferenczy Jakab és Danielik József, d. i. Ungarische Schriftsteller. Sammlung von Lebensbeschreibungen. Von Jacob Ferenczy und Joseph Danielik (Pesth 1856, Gustav Emich, 8°.) S. 232. – Ujabb kori ismeretek tára, Neues ungarisches Conversations-Lexikon (Pesth 1852, Gust. Heckenast, Lex. 8°.) Bd. VI, S. 558. – Ungarns Männer der Zeit. Biografien und Karakteristiken hervorragendster Persönlichkeiten (Prag 1862, A. G. Steinhauser, kl. 8°.) S. 174–179 und 214 (Berichtigungen). – Zeit-Bilder (Illustrirtes Pesther Blatt, kl. Fol.) 1862, Nr. 7, S. 41: „Baron Nikolaus Jósika“ [mit Porträt im Holzschnitt]. – Harmonia (Oedenburger Blatt, 4°.) 1862, Nr. 11. – Wiener Zeitschrift (herausg. von Schickh) 1839. Literaturblatt Nr. 13 (Beilage zu Nr. 81). – BrockhausConversations-Lexikon, 10, Aufl. Bd. VIII, S. 503.
II. Porträt. Mit Facsimile der Unterschrift. Lith. von Bárábas 1845, kl. Halb-Fol. (auch Beilage zu Lazar Horváth’s „Honderü“).
[275] III. Zur literarischen Charakteristik Jósika’s. Was Sprache und Styl Jósika’s betrifft, so räumt ihm einer seiner Uebersetzer. V. Schwarz, der Jósika’s besten Roman, den preisgekrönten „Letzten Báthori“ in’s Deutsche übersetzt hat, das hohe Verdienst ein, „den überraschenden Aufschwung, den die Sprache der Magyaren in jüngster Zeit (in den dreißiger Jahren) genommen, herbeigeführt zu haben. Er war der Erste, der das Bedürfniß der unmündigen Volksliteratur erkannte und sich der gewöhnlichen, schwerfälligen und bombastischen Prosa zu erwehren vermochte, der vorzüglich durch die blühende, bilderreiche Sprache voll Schmelz und Zartheit, die Leselust in so hohem Grade zu erwecken wußte, daß selbst die Magyarinen, denen früher diese kalte, ernste, pomphafte Sprache ganz unzugänglich dünkte, nun mit Eifer derselben obliegen“. So viel über jenes Moment Jósika’s, über welches die Nation das diese Sprache spricht, zunächst zu urtheilen berechtigt ist. Was die künstlerische Gestaltung betrifft, über diese zu urtheilen, braucht man nicht erst auf den Nationalstandpunct sich zu stellen, denn die Kunst ist nicht ein Prärogativ dieser oder jener Nation, sie ist Eigenthum der ganzen gebildeten Menschheit. Jósika’s Talent reifte an der Lectüre deutscher, französischer und hauptsächlich englischer Werke und ohne sie gerade nachzuahmen, ist doch der Honig, den er spendet, aus jenen Blumengefilden. Vornehmlich hat er es Walter Scott abgesehen – und wie banal die Bezeichnung, die ihn den „ungarischen Scott“ nennt, sein mag, so ist sie denn doch richtig – weil er wie Scott seine Werke baut und verziert, und die Wahl der Stoffe, wenigstens in den vormärzlichen Romanen, der vaterländischen Geschichte entnimmt; ein Umstand übrigens, der ihm im Ganzen vortrefflich zu Statten kommt. Jósika führt dem Leser das schöne Ungarn, das geheimnißvolle Siebenbürgen mit den starken Männern und heißen Frauen, mit den öden Pußten und köstlichen Reben, mit den malerischen Trachten, mit den Cimbal schlagenden und die Geige spielenden Zigeunern in treffenden Schilderungen vor. Was die Charaktere der einzelnen Gestalten seiner Romane betrifft, so ist das starke Geschlecht seine Schwäche, hingegen das schwache Geschlecht seine Stärke. Das schüchterne Mädchen und die Heldenjungfrau, die treue Geliebte und die leichtsinnige Dirne, die beschränkte Hausfrau und das männlich denkende Weib, alle weiß Jósika trefflich zu zeichnen. Als träten Porträte aus dem Rahmen seiner Erzählungen, so wahr schildert er das Herz, die Gesinnung, das Thun und Lassen des weiblichen Geschlechts. Zu dieser Stärke in der Charakteristik des Weibes gesellt sich ein zweiter Vorzug in Jósika’s Romanen, die psychologische Vertiefung. Jósika mochte in seinen früheren Jahren die Psychologie zu seinem Lieblingsstudium gemacht haben, jeder Roman gibt eine Bestätigung für diese Ansicht. Immer aber, und selbst wenn man besorgt, der Dichter werde mit seinem psychologischen Steuer auf die Sandbank laufen, weiß er wieder in das rechte Fahrwasser einzulenken. Seine Isidora, Margita, Christierna, Gisella im Abasi, seine Corumdeia im Suttin, Gethisa im „Decebal“, Iduna in den „Getreuen Ungetreuen“ u. a. sind eben so musterhaft gezeichnete Frauengestalten, als Charaktere von tiefem psychologischem Studium. Jósika bildet einen merkwürdigen Gegensatz mit der deutschen Fanni Lewald. Diese, freilich eine Frau, weiß ihre Frauengestalten mit fast erschreckender Wahrheit zu zeichnen, während ihre Männer ohne Halt sind. Jósika der Mann aber entwirft in seinen Männern haltlose Gestalten, wie die Lewald, während seine Frauen von einem Zauber ohne Gleichen durchwoben und wie sehr auch ideal gehalten, doch mit großer Wahrheit durchgeführt sind. – Der Verfasser des Buches „Ungarns Männer der Zeit“ schreibt über Jósika, indem er zwischen ihm und Walter Scott eine Parallele zieht: „J. hat gewissenhaft und mit aus allgemeiner, wie gelehrter Bildung hervorgegangenen Urtheilskraft das Recept, wie man historische Romane macht und welche Faktoren, welche Manieren, welche Construction und Detailfinesse dabei Bedingniß sind, befolgt, und es nicht ohne Geschick auf ungarische Geschichte angewendet; anderntheils versuchte er sich nicht minder im französischen Socialgenre, und er erweist sich auch darin als aufmerksamster und höchst intelligenter Imitateur, zudem hat er eine sehr schöne Gabe zu schildern, sein Styl und seine Sprache sind gebildet und edel, seine Anschauung ist durchgehends eine männliche – er gehört also nicht etwa in eine Kategorie mit van der Velde und Tromlitz, mit Ainsworth oder sonstigen Romanfabrikanten, auch ist er dem, sonst als Geist freilich viel höher angelegten Baron Joseph Eötvös im historischen Romane weit überlegen, aber Jósika ist nun einmal kein Dichter an sich, er hat nur [276] innerhalb der Arbeit auch dichterische Stimmungen und glückliche Momente.“ [Letzteres ist eine ebenso gewagte als gänzlich unbegründete Ansicht; ein Mensch, der aus solchen Lebenskämpfen wie J., Alles verlierend, sich selbst zu retten verstanden, auf den das Horazische „et si fractus ilabatur orbis impavidum ferient ruinae“ anzuwenden, wie nur auf sehr wenige Zeitgenossen, ist, wenn man seine künstlerische Thätigkeit – die politische kann dabei in keine Betrachtung kommen – aufmerksam würdigt, wirklich auch ein Dichter an sich.]

Berichtigungen und Nachträge

  1. Jósika, Nikolaus Freiherr von [s. d. Bd. X, S. 271], gestorben zu Dresden 27. Februar 1865. Freiherr von Jósika lebte viele Jahre bereits in Brüssel, als er sich im Jahre 1864 nach Dresden zog, wo er aber schon in einigen Monaten – im Alter von 69 Jahren – den Tod fand. In den letzten Jahren beschäftigte er sich mit der Abfassung seiner Memoiren, wovon auch kurz vor seinem Tode der erste Band erschienen war. Derselbe bringt nicht nur interessante Aufklärungen über Jósika’s Jugendperiode, sondern ist auch durch Schilderung der socialen Verhältnisse in Siebenbürgen um den Anfang des laufenden Jahrhunderts, sowie durch die darin gezeichneten Persönlichkeiten [490] bemerkenswerth. Ein Auszug davon wurde in einigen deutschen Journalen mitgetheilt. Im Jahre 1862 protestirte Jósika gegen einen von einem literarischen Strolche, der sich Kovács nannte, an ihm verübten Betrug. Dieser hatte nämlich schon vor mehreren Jahren einen Roman unter dem Titel: „Ungar und Spanierin“ als aus dem Ungarischen Jósika’s in’s Deutsche übersetzt herausgegeben. Nun, im Jahre 1862 erschien derselbe Roman als nur in deutscher Sprache von Jósika geschrieben, neuerdings angekündigt. Jósika trat gegen diesen literarischen Betrug auf und erzählte zugleich, daß der Freibeuter eine seiner kleinen Novellen (Istemya, d. i. Der Finger Gottes) zum Stoffe seines Romans benutzt, Jósika selbst aber nicht eine Zeile dieses Machwerks geschrieben habe.
    Illustrirte Zeitung (Leipzig, J. J. Weber) 1865, Nr. 1136. – Neue freie Presse (Wiener polit. Blatt) 1865, Nr. 182. – Wiener Zeitung 1865, Nr. 57.-– Fata Morgana (Pesther Blätter für Kunst, Literatur u. s. w. Redigirt von Hermine Cziglér von Ény-Vecse (Pesth, 4°.) II. Jahrg. (1865), Nr. 14 u. 29. – Constitutionelle österreichische Zeitung (Wien) 1864, Nr. 286 bis 288: „Aus Jósika’s Memoiren“. – Die Debatte (Wiener polit. Parteiblatt) 1864, Nr. 25, 29, 36, 43: „Aus Jósika’s Memoiren“. [Bd. 14, S. 489 f.]