BLKÖ:Lichnowsky, Eduard Maria Fürst von

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Lichner, Paul
Band: 15 (1866), ab Seite: 71. (Quelle)
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Lichnowsky, Eduard Maria Fürst von (Geschichtschreiber, geb. 19. September 1789, gest. zu München 1. Jänner 1845). Entstammt einem österreichisch-preußischen Adelsgeschlechte, über das die Quellen Näheres berichten. Ein Sohn des Fürsten Karl aus dessen Ehe mit Christiane Gräfin Thun, erhielt L. seine wissenschaftliche Ausbildung auf den Hochschulen zu Göttingen und Leipzig, wo er die Vorlesungen der berühmtesten Professoren seiner Zeit besuchte. Nach dem (1814 erfolgten) Tode seines Vaters trat er das reiche väterliche Erbe an und richtete namentlich auf die landwirthschaftlichen Verbesserungen seiner Güter zunächst sein Augenmerk. Vorzüglich hob er die Schafzucht, und sein Merinosstamm wurde zum Ersten in Deutschland. Dabei vernachlässigte er aber nicht die Pflege der Wissenschaften, bereicherte mit kostbaren und wichtigen Werken seine Bibliothek, sammelte Gemälde und lebte ohne eine eigentliche bestimmte literarische Thätigkeit seinen Neigungen und Liebhabereien. Wohl hatte er schon früher der Archäologie, insbesondere alten Baudenkmalen, seine Aufmerksamkeit zugewendet und die Herausgabe des Prachtwerkes: „Denkmahle der Baukunst und Bildnerey des Mittelalters in dem österreichischen Kaiserthume“ begonnen. Von diesem mit dem höchsten Luxus ausgestatteten Werke sind in den Jahren 1817–1822 4 Hefte in 4°., mit vielen Tafeln, erschienen. Die Abbildungen sind von Joseph Fischer [Bd. IV, S. 240] gezeichnet und unter dessen Aufsicht von tüchtigen Künstlern, wie Hyrtl [Bd. IX, S. 462], Ponheimer, Reinhold u. A. gestochen. Der Text, der übrigens bei dem 4. Hefte bereits fehlt und in deutscher und französischer Sprache geschrieben ist, ist von dem Fürsten selbst. Die Veranlassung der Unterbrechung dieses schönen, leider unvollendet gebliebenen Werkes ist nicht bekannt; zunächst dürfte sie in der Aufnahme der Idee eines größeren geschichtlichen Werkes über das österreichische Fürstenhaus zu suchen sein. Denn schon im Jahre 1823 hatte L. – wie es heißt, über Anregung des Fürsten Metternich – den Gedanken gefaßt, eine Geschichte des Hauses Habsburg zu schreiben, und nun unternahm er vorerst zur Förderung seiner Arbeit Reisen nach Deutschland, Italien, Belgien, wo er mit großer Sorgfalt Bibliotheken und Archive durchforschte und fähige Mitarbeiter gewann, die ihn bei seiner Arbeit unterstützten. Auf solche Weise speicherte er einen Schatz urkundlicher Belege auf, der, wiewohl bekannt, noch jetzt einer eindringlicheren Benützung harrt. Im Jahre 1836 kam der 1. Theil seiner „Geschichte des Hauses Habsburg“ unter dem Tit.: „Geschichte König Rudolph’s des Ersten und seiner Ahnen“ (Wien 1836, Schaumburg u. Comp., mit 4 K. K. und 1 Stammbaum, gr. 8°.) heraus. Nun erschienen in rascher Folge die übrigen Bände, jeder derselben auch mit besonderem Titel, und zwar der 2. Theil als „Geschichte König Albrecht’s des Ersten“ (ebd. 1837, mit 3 K. K., gr. 8°.); – der 3. Theil: „Geschichte der Söhne König [72] Albrecht’s nach seinem Tode“ (ebd. 1838, mit 3 K. K.); – der 4. Theil: „Geschichte der Söhne Herzog Albrechts des Zweiten“ (ebd. 1839, mit 3 K. K.); – der 5. Theil: „Geschichte der Albrechtinischen und Leopoldinischen Linie bis 1439“ (ebd. 1841, mit 3 K. K.); – der 6. Theil: „Kaiser Friedrich III. und König Ladislaus“ (ebd. 1842, mit 2 K. K.); – der 7. und 8. Theil: „Kaiser Friedrich III. und sein Sohn Maximilian“ (ebd. 1843 und 1844, mit 4 K. K.). Eine von dem Fürsten beabsichtigte Fortsetzung wurde wohl durch seinen Tod vereitelt; aber Materialien fanden sich in reicher Fülle vor. Außer diesem, leider auch unvollendeten Hauptwerke, beschränkt sich die literarische Thätigkeit des Fürsten nur mehr auf eine Uebersetzung der Schrift von Lamenais: „Essai sur l’indiferrence“, welche unter dem Titel: „Versuch über die Gleichgiltigkeit“, 1. Band (Wien 1821, Gräffer und Schmidl, gr. 8°.), erschien und auf das gedruckte Trauerspiel: „Roderich“ . (Breslau 1823, Korn, 8°.). Ein leidenschaftlicher Freund der Poesie und nach dieser Richtung von Jugend auf selbstthätig, müssen sich derlei Arbeiten in großer Menge unter seinen nachgelassenen Papieren vorgefunden haben. In den letzten Jahren bereits sehr leidend, suchte er Linderung in Italien und hielt sich im Winter und Frühlinge 1842 und 1843 in Rom auf, wo sich aber das Leiden, dem er später erlag, erst völlig entwickelte. Als er Italien verließ, nahm er seinen bleibenden Aufenthalt in München. Im Sommer 1844 suchte er Genesung in Gastein, ohne sie zu finden, denn kränker als je zurückgekehrt, starb er im Alter von 56 Jahren. Aus seiner Ehe mit Eleonora Gräfin Zichy entstammt der Fürst Felix[WS 1], der am 18. September 1848 zu Frankfurt a. M. zugleich mit General Auerswald von den Händen des tobenden Pöbels ein trauriges Ende fand, und mehrere andere Kinder, welche in der unten in den Quellen mitgetheilten Darstellung des heutigen Standes der Familie aufgeführt werden.

Ergänzungsblätter zu jedem Conversations-Lexikon. Von Fr. Steger (Leipzig und und Meißen, Lex. 8°.) Bd. III, S. 481. – Allgemeine Zeitung (Augsburg Cotta, 4°.) Jahrg. 1845, Beilage Nr. 17. – Frankl (Ludw. Aug.), Sonntagsblätter (Wien, 8°.) IV. Jahrg. (1845), Nr. 2, S. 32. – Neuer Nekrolog der Deutschen (Weimar, Bernhard Friedr. Voigt, 8°.) XXIII. Jahrgang (1845), S. 11. – Oesterreichische National-Encyklopädie von Gräffer und Czikann (Wien 1835, 8°.) Bd. III, S. 422; Bd. VI, S. 538. – Meyer (J.), Das große Conversations-Lexikon für die gebildeten Stände (Hildburghausen, Bibliograph. Institut, gr. 8°.) Bd. XIX, Abtheilung 2, S. 264, und IV. Suppl. Bd., S. 442. – Schütze (Karl Dr.), Deutschlands Dichter und Schriftsteller von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart (Berlin 1862, Alb. Bach, 8°.) S. 204. – Gräffer (Franz), Wiener Dosenstücke u. s. w. (Wien 1846, Märschner’s Witwe, 8°.) S. 123: „Mittel, zu seinem Gelde zu gelangen“ (unter dem vaterländischen historischen Schriftsteller ist Fürst Eduard Lichnowsky gemeint). – Oesterreichischer Parnaß, bestiegen von einem heruntergekommenen Antiquar (Freysing, bei Athanasius u. Comp. [Hamburg, bei Hoffmann u. Campe], 8°.) S. 30. – Zur Charakteristik Lichnowsky’s als Geschichtschreibers. In der Vorrede zu seiner Geschichte des Hauses Habsburg schreibt L. selbst: „Es war die Idee des Mittelalters, die natürliche Freiheit des Menschen, wie sie im Wesen des germanischen Volksstammes lag und wie sie sich in seinem freien Naturleben, im Schatten seiner alten Gerichtslinden und Eichen ausgebildet hatte, durch das göttliche Recht des Christenthums zu reinigen, zu läutern und zu heiligen, damit der Mensch durch das Bedrängniß des irdischen Daseins und die Kämpfe der Zeitlichkeit seiner unsterblichen Bestimmung entgegengeführt werde. Schirm des Glaubens und Handhabung von Frieden und Gerechtigkeit war die Pflicht und das Amt aller weltlichen Obrigkeiten, inmitten eines lebendigen und reichgegliederten Ganzen, [73] dessen Gliedern innerhalb dieser Schranken die größtmögliche Freiheit gestattet war. Indem die Heiligkeit einer überlieferten Religion und eines von den Vätern ererbten Rechtes Alle, von dem Kaiser auf dem Throne bis zum Bettler an der Schwelle seines Palastes, als die höchste Gewährleistung gleichsam verpflichtend umschlang und zu einem Ganzen verband, war der Charakter dieser christlichen Verfassung ein wahrhaft historischer. Denn das Christenthum überhaupt ist seinem innersten Charakter nach wahrhaft historisch und die eigentliche Religion der Geschichte, indem es die Geschicke der Menschheit nie abbrechen, sondern ihre Fäden im Anbeginne der Zeiten aus dem Rathe der schaffenden Gottheit und ihrer Wächter hervorgehen und am Ende der Tage in den Schooß der richtenden zurückgehen läßt. Diesem Geiste gemäß leitete auch das Mittelalter alle irdische Gewalt von derselben höheren Quelle ab, und die, welche als Lehnträger Gottes richteten, waren dabei von der Ueberzeugung geleitet, daß sie selbst an jenem Tage der Erfüllung aller Geschichte vor dem Stuhle des Allerhöchsten ihr Schwert niederlegen würden, um über die Verwaltung ihres Richteramtes gerichtet zu werden. Gegen diese alte historische Ansicht, nachdem sie in den neueren Jahrhunderten durch die dem Interesse der Monarchen selbst so schädlichen Lehren absoluter Herrschaft vielfach untergraben wurde, hat sich in den neuesten Zeiten ein Kampf erhoben, der die Welt fast schon ein halbes Jahrhundert in ihren Grundvesten erschüttert. Der Geist, der diesen Kampf hervorgerufen, aller organischen historischen Entwickelung fremd, reißt den Menschen von Gott los und alle Fäden der Vergangenheit, so im Glauben wie im Recht, gewaltsam zerschneidend. stellt er ihn isolirt auf sich selbst und läßt ihn so aus sich heraus seinen Staat und seine häusliche Lebensordnung construiren, um das größtmögliche Maß materieller irdischer Glückseligkeit zu erreichen. Er will nicht die menschliche Freiheit durch das göttliche Recht heiligen, es ist vielmehr die menschliche Willkür, die das göttliche Recht zu vernichten trachtet, um einen absoluten Vernunftstaat zu gründen, worin die Willkür entweder oben als Despotismus oder unten als Revolution gebietet.“ Diese Ansicht über die geschichtliche Entwickelung der staatlichen Verhältnisse und über die innigen Beziehungen zwischen Fürst und Volk sind es, die L. in seinem Werke durchführt. Dasselbe hat von einer Seite großen Beifall, von anderer Seite vielfach Anfechtungen erfahren. Menzel nennt es „ein in vielen Beziehungen merkwürdiges Werk, nicht nur, weil es die erlauchte Literatur bereichert, sondern weil es der Anlage nach ein neues Muster für Specialgeschichte aufstellt“. „Wir legen“, schreibt Menzel, „keinen Werth auf politische Theorien, die sich mit dem Meridian verändern. Doch finden wir es nicht unmerkwürdig, daß der Fürst Lichnowsky, wenn auch von anderem Standpuncte aus, die Politik des Hauses Habsburg genau so prädicirt, wie der selige Schneller. Uns will es aber scheinen, daß man der Geschichte ein wenig Gewalt anthut, wenn man ihre mannigfaltigen Erscheinungen einander ähnlich machen will, wo sie es keineswegs sind. Wenn Fürst L. in der Vorrede festzustellen sucht, daß das Haus Habsburg das historische Princip vertrete und von jeher vertreten habe, so stimmt das doch keineswegs mit der wirklichen Geschichte durchaus überein. Als Rudolph von Habsburg auftrat, war der Ghibellinismus, die alte Kaisermacht das historische, der Guelfismus dagegen, die vom Papst geleitete Rebellion der Reichsfürsten gegen ihr Oberhaupt und die Unterordnung dieses Oberhauptes unter die Willkür der Fürstenaristokratie war das revolutionäre Princip jener Zeit. Wollte aber Fürst L. einwenden, Gott sei älter als der Kaiser und insoferne den Papismus als das historische Princip zu behaupten, so können wir nicht umhin, ihn auf die spätere Zeit zu verweisen, in welcher Habsburg, im Erbbesitz der Kaiserwürde, unwillkürlich ghibellinisch werden mußte. Es wäre sehr kurzsichtig, wenn man die ghibellinische Reaction gegen das Papstthum, die allerdings erst unter Joseph II. energisch und offen hervortrat, in früheren Perioden verkennen wollte. Was hatte nicht Max I., Karl V., Maximilian II., selbst Ferdinand II. und Leopold I., Joseph I. und Karl VI. mit dem päpstlichen Stuhle beständig zu schaffen, wenn auch meistens nur geheim. Wie oft, ja fast immer, stand der Papst im geheimen Bunde mit Frankreich (und ist es heute anders?!), so oft dieses den Kaiser anfiel. Wir wollen nicht noch weiter untersuchen, schließt Menzel sein Urtheil, in wie fern etwa die großen inneren Umgestaltungen[WS 2] in verschiedenen Provinzen des österreichischen Kaiserstaates, welche radicale Ausrottungen des althistorischen waren, an[74] dessen Stelle sehr moderne Verhältnisse traten, für das historische Princip vindicirt werden könnten. Es genügt uns angedeutet zu haben, daß man Tendenzen von heute nicht auf Jahrhunderte und die Conservativpolitik alter Geschlechter schwerlich auf die Erwerbungspolitik junger Geschlechter zurückdatiren kann.“ Zu diesen Thatsachen, welche in der Darstellung der habsburgischen Geschichte des Fürsten Lichnowsky klar zu Tage treten, liegt der schwache Erfolg eines Werkes, das in Benützung urkundlicher Schätze von keinem zweiten der Gegenwart übertroffen wird, und dessen urkundliche Beilagen noch gegenwärtig in bester Weise sich verwerthen lassen. Die meisten Angriffe erlitt das Werk bezüglich jener Abschnitte, welche den Kampf gegen die Waldstädte auf eine von der gebräuchlichen Darstellung allerdings sehr abweichende Weise behandeln. Ohne auf das Stoffliche weiter einzugehen, bleibt L. das eine Verdienst unbestritten, auch einmal die andere Seite vertreten zu haben, wobei er häufig das Rechte getroffen haben dürfte. Die besten Werke, welche bisher über die Schweizerkriege vorhanden sind, namentlich das von Johannes Müller, haben, aus schweizerischen Quellen geschöpft, vorzüglich aus Tschudi, der nicht immer zuverlässig ist; dabei wurde Manches, was der schweizerische Patriotismus übertreibend ausschmückte, gutmüthig für baare Münze genommen. Dieser zur einseitigen Gewohnheit gewordenen Methode hat L. mitgehuldigt. Nichtsdestoweniger hatte L., nachdem er schon in der Vollständigkeit der Quellenangabe kaum Glaubliches leistet, das merkwürdige Gedicht des Schulmeisters von Eßlingen, das sich im Manessi’schen Codex befindet, unter den Quellen zu Rudolph’s Geschichte auch anführen sollen. Die Feindseligkeit gegen Rudolph, die aus diesem Gedichte spricht, kann für den Forscher kein Grund sein, eine Stimme der Zeit – und das ist das Gedicht, ob es citirt wird oder nicht – im Quellenverzeichnisse auszulassen.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Felix Lichnowsky (Wikisource) und Felix von Lichnowsky (Wikipedia).
  2. Vorlage: Umgestalstaltungen.