BLKÖ:Ritter, Paul

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Ritter, Ernst
Band: 26 (1874), ab Seite: 189. (Quelle)
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Ritter, Paul, genannt Vitezović[WS 1] (croatischer Schriftsteller, geb. zu Zengg an der croatischen Küste im Jahre 1650, gest. zu Wien 17. December 1713). Vitezović ist nur die croatische Übersetzung des Namens Ritter. Paul’s Vater war k. Beamter; Paul wurde in Belgien erzogen, wie er dahin kam, wird von seinem Biographen nicht mitgetheilt, aber von dort brachte er – was sehr glaubwürdig, denn aus seiner Heimat brächte er ihn noch heute nicht mit – Geschmack an Wissenschaft nach Croatien, das damals von einigen besser unterrichteten Priestern und Mönchen dürftig genug das Licht edlerer Kenntnisse zugemessen erhielt. Im Jahre 1681 erschien R. als Deputirter seiner Vaterstadt Zengg auf dem ungarischen Reichstage, [190] der damals zu Oedenburg stattfand, und in den zwei folgenden Jahren begab er sich als Abgesandter der Stadt Zengg an den kaiserlichen Hof nach Wien. Sein Auftreten daselbst schildert und charakterisirt die von dem Herausgeber dieses Lexikons benützte Quelle folgendermaßen: „Um in seinem Vaterlande seine literarisch-politischen Zwecke besser verfolgen zu können, mußte er seinen wahren Vorsatz anfangs unter der Maske literarischer Charlatanerie verstecken. Da er sah, daß der Familienstolz sehr weit ausgebreitet war, so fing er von der Heraldik an und fabricirte Stammbäume aus seinem Kopfe, aus etymologischer Wortdeutung, aus der Poesie und Redekunst. Wenn er mit diesem Redekram die interessirten Familien aufmerksam gemacht und an sich gefesselt und es nun zum scharfen juristischen Beweise kommen sollte, so ließ er sich die Archive zeigen, brachte dieselben in Ordnung und machte sich Anmerkungen zu seinem literarischen Behufe. Besonders beliebt machte er sich in Wien durch Lobgedichte und Anagramme auf den Kaiser und seine Minister, und so gewann er auch die Gunst des einflußreichen Bischofs Leopold Grafen Kollonitsch[WS 2].“ Nach längerem Aufenthalte in Wien kehrte er nach Agram zurück, wo er sich ein Haus und das Gut Šitjarevo kaufte, aber von Zeit zu Zeit in Privatgeschäften als Vertreter Anderer nach Wien reiste. Im Jahre 1687, zur Zeit des Preßburger Reichstages, wohnte er der Krönung Joseph’s I. bei und ward daselbst zum Ritter vom goldenen Sporn geschlagen; im Jahre 1691 wurde er Vicegespan von Lika und Krbava, dann königlicher Rath und zuletzt Freiherr. (Ein seine freiherrliche Würde betreffendes Diplom war nicht aufzufinden.) Er beredete die Stände der drei Reiche zur Errichtung einer Druckerei in Agram. Unter Kaiser Leopold I. erhielt er den Auftrag zu Nachforschungen in den Archiven nach Allem, was zum Erweis der Rechte des ungarischen Reiches auf die illyrischen Länder dienlich wäre. Aber so schnell, wie sein Glücksstern aufgestiegen, ebenso schnell begann er zu sinken. Die Ursachen, die diesen plötzlichen Glückwechsel hinreichend erklären, sind nicht bekannt. Kurz, sobald Kaiser Leopold I. gestorben (5. Mai 1705), brachen die Unwetter über den bisher Begünstigten los, er mußte Haus und Gut in Croatien verkaufen und das Land verlassen. Indem er in Wien Zuflucht vor seinen Verfolgern suchte, hatte ihn dort, ehe er seine Geschäfte in Ordnung gebracht, der Tod ereilt [wie Kercelić berichtet, „prius finem vitae quam negotiorum suorum sortitus“]. Die nächsten Ursachen dieses auffälligen Glückwechsels sind in den Umtrieben des Adels und der Geistlichkeit zu suchen. Sein Verhältniß zum Hofe und zu den Würdenträgern der Krone wurde von den Wortführern und dem Adel im Lande mit scheelen Blicken betrachtet; seine Aufklärungsversuche, insbesondere aber die Errichtung einer Druckerei in Agram, die Ausübung der Schriftstellerei in der Nationalsprache der Weltlichen, welches Befugniß die Mönche und Priester als ein ihnen allein zustehendes ansahen, ferner die Ausdehnung der Literatur auf profane Gegenstände, in einem Lande, in welchem die Geistlichkeit sich ihren sehr zweifelhaften wissenschaftlichen Nimbus nicht so leicht rauben ließ, machten ihm die im Lande herrschende geistliche Partei zum Widersacher, wozu noch manch Anderes gekommen sein mag, was nicht geeignet war, sein Ansehen zu stärken [191] und den offenen und heimlichen Angriffen seiner Widersacher energisch zu begegnen. Eine vollständige Übersicht seiner Schriften findet sich in den in den Quellen angeführten Werken von Engel,Gliubich, Šafařík und im „Catalogus Bibliothecae hungaricae Francisci com. Széchényi, Bd. II, S. 259. Ritter schrieb in croatischer und lateinischer Sprache und die Titel seiner wichtigeren Schriften sind, und zwar der croatischen: „Oddilenye Szigetsko“, d. i. die Erstürmung von Szigeth (erste Ausgabe Wien 1684; 2. Ausg. ebd. 1685; 3. Ausg. vermehrt mit der Biographie Nikolaus Zrinyi’s, herausgegen von Prof. Moyzes, Agram 1836, Zupan 8°.); – „Kalendarium aliti misečnik hervatski za leto 1695, d. i. Kalender oder croatisches Zeitbuch auf das Jahr 1695 (Agram 1695, 4°.), herausgegeben unter dem Pseudonym Ljubmir Zelenlugović; – „Prirečnik aliti razlike mudrosti cvetje“, d. i. Spruchbuch oder einige Sprüche der Weisheit (Agram 1703, 12°.); – „Kronika aliti spomen svega svieta vikov“, d. i. Chronik oder Geschichte der Jahrhunderte (1. Ausg. Agram 1696; 2. Ausg. ebd. 1744; 3. Ausg. ebd. 1762, 4°.) [vergleiche über diese später von Stephan Raffay [B. XXIV, S. 223, Nr. 2], von Nikolaus Laurenchich und Balthasar Adam Kercselich [Bd. XI, S. 171] fortgesetzte Chronik das, was Šafařík’s, von Jireček herausgegebene „Geschichte der südslavischen Literatur, II. Croatisches und illyrisches Schriftthum, S. 336 und 337, darüber enthält]; – „Lado horvacki iliti Sibilla zverha mnejia …“, d. i. Croatische Sybille (1. Ausg. (?); 2. Ausg. Agram 1783; 3. Ausg. ebd. 1801; 4. Ausg. ebd. 1837, 4°.), ein gesellschaftliches Spiel mit Wahrsagereien; ob dieses von Ritter ursprünglich in primorischer Mundart verfaßte Büchlein noch bei seinen Lebzeiten erschienen, ist nicht bekannt, die Ausgaben der Jahre 1783 u. d. f. sind von einem Ungenannten croatisirt; – in Handschrift hinterließ Ritter in croatischer Sprache eine Grammatica croatica und ein Lexicon latino illyricum, wo erstere sich jetzt befindet, ist nicht bekannt, letztere wird in der bischöflichen Bibliothek zu Agram aufbewahrt; – Ritter’s Schriften in lateinischer Sprache sind: „Stemmatographia sive Armorum Illyricorum delineatio descriptio et restitutio“. Cum icon. (s. l. et a., 4°.); – „Stemmatographiae Illyricanae liber I. Editio nova auctior“ (Zagrabiae 1702, 4°.); – „Croatia rediviva regnante Leopoldo M. Caesare deducta“ (ibid. 1700, 4°.), die Einleitung eines größeren Werkes, das nach dem Catalogus Bibliothecae Széchénianae sich in Handschrift befinden soll; – „Plorantis Croatiae Secula duo carmine descripta“ (Zagrabiae 1703, 4°.); – „Ungaria pullata ad Manes Josephi I. regis sui occinens etc.“ (s. l. 1711, 4°.); – „Bosna captiva, sive Regnum et interitus Stephani ultimi Bosniae regis (anno 1463, cum Glossario)“ (Tyrnaviae 1712, 4°.); – „Fata et Vota sive Opera Anagrammaton. Partes duae“ (s. l. et a., 8°.). Was nun R.’s literarische Wirksamkeit betrifft, so ist, wie schon oben bei seiner Fabrication der Stammbäume angedeutet wurde, in denselben Tiefe, Gründlichkeit und Verläßlichkeit eben nicht zu suchen; er war wohl ein fleißiger und unermüdlicher Sammler von Materialien, die er aber mehr zu persönlichen Zwecken ausbeutete, als für die Wissenschaft im strengsten Sinne benützte. [192] Ueberdieß war er ein warmer Patriot, der wohl wußte, was seinem verwahrlosten Vaterlande noththat, und sich vornehmlich um die Förderung seiner Muttersprache, sowie durch die erwähnte Errichtung der Druckerei ein um so größeres Verdienst erwarb, als er in dieser Beziehung manche Hindernisse zu beseitigen und mit mönchischem Zelotismus der gröbsten Art zu kämpfen hatte. Vieles ist noch nicht aufgeklärt in dem Leben dieses Mannes, der in seiner Zeit eine bedeutende Rolle gespielt und wohl ein Opfer ebenso seines ungebändigten Ehrgeizes, wie fremder rücksichtsloser Cabalen geworden ist.

Paul Jos. Šafařík’s Geschichte der südslavischen Literatur. Aus dessen handschriftlichem Nachlasse herausgegeben von Jos. Jireček (Prag 1865, Friedr. Tempsky, 8°.) II. Illyrisches und croatisches Schriftthum, S. 307, 312, 326, 227, 334, 336, 341. – Sartori (Franz Dr.), Historisch-ethnographische Uebersicht der wissenschaftlichen Cultur, Geistesthätigkeit und Literatur des österreichischen Kaiserstaates u. s. w. (Wien 1830, Carl Gerold, 8°.) I. (u. einziger) Theil, S. 94. – Engel (J. Ch. v.), Geschichte des ungarischen Reichs und seiner Nebenländer (Halle 1797 u. f., 4°.) Theil I, S. 288–290; Theil II, S. 146, 155–157. – Gliubich di Città vecchia (Simeone Abb.), Dizionario biografico degli uomini illustri della Dalmazia (Vienna e Zara 1856, 8°.) p. 268.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vergleiche den 2. Artikel zu dieser Person Zelenlugović, Ljubmir.
  2. Vorlage: Ladislaus Grafen Kollonitsch.