BLKÖ:Saurau, Franz Joseph Graf

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 28 (1874), ab Seite: 279. (Quelle)
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Saurau, Franz Joseph Graf (Staatsmann, Ritter des goldenen Vließes, geb. zu Wien 19. September 1760, gest. zu Florenz 9. Juni 1832). Von der jüngeren (österreichischen) Linie der Saurau; ein Sohn des Grafen Maria Karl aus dessen Ehe mit Maria Antonia Gräfin Daun, die nach Einigen eine Tochter des berühmten Feldmarschalls Daun [Bd. III, S. 168] sein soll, was aber aus der genealogischen Darstellung der Familie Daun des berühmten rheinischen Antiquarius (v. Stramberg) nicht ersichtlich und auch nicht gut wahrscheinlich ist. da ein Heinrich Joseph Graf Daun und Maria Therese Gräfin Colloredo (geb. 1735, gest.) als ihre Eltern bezeichnet werden, während der berühmte General Daun des siebenjährigen Krieges die Taufnamen Leopold Joseph Maria führt und seine Gattin Josepha eine geborne Gräfin Fuchs zu Bimbach und Dornheim und verwitwete Gräfin Nostitz-Rieneck war. Graf Franz erhielt seine erste Erziehung von einem Jesuiten-Pater und mochte so frühzeitig Gelegenheit gehabt haben, die Ränke dieser Gesellschaft, deren Verdiensten er jedoch immer Gerechtigkeit zollte, zu durchschauen. Die weitere Ausbildung des Grafen wurde an der Theresianischen Ritterakademie in Wien vollendet. Alsdann trat er in den Staatsdienst und ward bei den Arbeiten des neuen Katasters, auf dessen Durchführung Kaiser Joseph II. so großes Gewicht legte, verwendet, wurde dann im Jahre 1784 Kreiscommissär zu Traiskirchen, bald darauf Rath bei der Regierung in Prag und im Jahre 1789 Stadthauptmann in Wien, ein Posten von um so größerer Wichtigkeit, als zu jener Zeit in Europa jene Bewegung der Geister anbrach, welche nach einem 25jährigen Blutvergießen noch immer nicht in die rechten Grenzen zurückgestaut werden konnte. Auf diesem Posten war der Graf eine immerhin sehr gefährliche, ja um so bedenklichere Persönlichkeit, als nach dem Tode des Kaisers Joseph Graf Colloredo und seine Partei, welche damals die Zügel des Regiments in ihren Händen hielten, ihre Macht auf die geheime Polizei stützten und derselben eine immer weitere Ausdehnung gaben. Da der damalige Regierungs- und Polizei-Präsident Graf Sauer sich ihren Intentionen nicht willfährig zeigte, errichteten sie eine eigene, unmittelbar unter dem Kaiser stehende Polizeihofstelle, welche in der Folge unter Sedlnitzky’s ruchlosem Gebaren eine so verhängnisvolle Macht wurde. Zum Präsidenten derselben wurde Johann B. Anton Graf Pergen [Bd. XXII, S. 1] ernannt und ihm, da er schon hoch in Jahren, Graf Franz Saurau zum Gefährten oder, wie es im österreichischen Amtsstyle heißt, ad latus gegeben. Im Jahre 1790 wohnte S. der Wahl- und Krönungsbotschaft Leopold’s II. bei. Als Thugut Minister und als solcher allgewaltig wurde, erkor er sich den Grafen Franz S. als Beistand in [280] der inneren Verwaltung und hob ihn schnell zum Regierungs-Präsidenten in Wien und zum Finanz- und Polizeiminister, in beiden Verwaltungszweigen gerade nicht zum Besten der Monarchie. Die Einflüsse der französischen Revolution, die Befreiung der Geister von den Fesseln, welche in menschenentwürdigender Weise Staat und Kirche über ihre Völker geschlagen, schritten unaufhaltsam vorwärts; geheime Gesellschaften, nicht immer die lautersten Wege einschlagend, nicht immer zu billigende Zwecke, die mit noch weniger zu billigenden Mitteln erreicht werden sollten, verfolgend, begannen sich zu bilden; der Jacobinismus schritt, ein Gespenst widerhaarigster Art, durch den Continent und in Wien war die Jacobinerriecherei zu einem Verdienste geworden, auf das die einzelnen blöden Pfahlbürger stolz waren. Kurz, es begaben sich Dinge, die man nicht glauben würde, wenn sie nicht urkundlich erhärtet wären. [Vergleiche die Lebensskizze Prandstätter, Bd. XXIII, S. 192.] Kein ordentlicher Gerichtshof untersuchte und prüfte die Verschwörungen, und als diese für die Criminaluntersuchung geeignet erklärt wurden, Hat man der aus zwei Magistratsräthen – denn diese waren damals die Criminalräthe – zusammengesetzten Commission den Grafen Saurau, den ad latus des Polizei-Präsidenten, als Präsident vorgesetzt, so daß diese Commission Kläger und Richter in einem Körper vorstellte! Gewiß ist es, daß, während der Graf durch sein Verhalten gegen seinen Jugendfreund Prandstätter sich für immer geschändet hatte, er andererseits durch seine Wachsamkeit und seine nach allen Richtungen vertheilten Spione manche Gefahr beseitigt und manche unüberlegte That freiheitsdurstiger Geheimbündler im Keime erstickt habe, und französische Quellen stehen nicht an, zu sagen, daß er, so weit es die drohende Gefahr und die rücksichtslose Strenge Thugut’s ihm ermöglichten, die individuelle Freiheit respectirt habe. Aber, daß er eine der Haupttriebfedern dieser Conspirationsfabrik von 1794/95 gewesen, darüber ist kein Zweifel mehr, und sein oft wie im Scherze wiederholtes geflügeltes Wort, daß sein „Freund“ Born, der geistvolle, 1791 gestorbene Naturforscher Born [Bd. II, S. 71] „durch den Tod ihm entronnen sei“, wurde von seinen Freunden lange noch nach seinem Tode als Beleg seines rücksichtslosen Patriotismus aufgetischt. Indessen gestalteten sich die Verhältnisse der Monarchie bei dem immer siegreicheren Vordringen der Feinde nur bedenklicher. Von allen Seiten wurden heimlich und öffentlich revolutionäre Flugschriften u. s. w. unter das Volk vertheilt und dasselbe zum Aufstande aufgerufen; sogenannte patriotische Versammlungen bildeten sich, in welchen die Massen bearbeitet wurden; in diesem verhängnißvollen Momente wagte es der Graf, die öffentliche Meinung durch sich selbst zu bekämpfen. Es war am 4. April 1797, als der Regierungs-Präsident Graf Saurau, nachdem Mantua in die Hände der Franzosen gefallen und der Feind bis in das Herz der Steiermark gedrungen war, die Bürger Wiens aufforderte, jene muthvolle Treue wieder zu beweisen, welche ihre Altvordern in so mancher drohenden Gefahr siegreich bewiesen haben. Ein allgemeiner Landsturm in den Vierteln ober und unter dem Wiener Walde, wie die schnelle Approvisionirung Wiens und die Anlegung eines großen verschanzten Lagers wurden zur Vertheidigung der Stadt und des Landes beschlossen und zu gleichem Zwecke die ungarische [281] Insurrection aufgeboten. Am 6. April versammelte der Graf Saurau auf dem Rathhause alle Grundgerichte, alle Innungsvorsteher und den ganzen äußeren Rath. Seine Rede weckte allgemeine Begeisterung und die Einschreibung zur Landesvertheidigung hatte den schnellsten Fortgang. Die Bürger, welche ihr Eid zur persönlichen Vertheidigung verband, stellten ihre Söhne, Diener, Gesellen, kleideten, bewaffneten und verpflegten sie auf ihre Kosten; die Studenten, von dem damaligen Rector magnificus Quarin [Bd. XXIV, S. 136] angefeuert, wetteiferten, in die Reihen der Landesvertheidiger zu treten; der Commandirende von Innerösterreich, Ferdinand Herzog von Württemberg, schrieb sich als Freiwilliger in die Listen ein und am 12. April, also im Zeitraume von acht Tagen nach Saurau’s Aufforderung, waren 37.600 Mann zum Ausrücken bereit. Der Adel, die Bürger, Reiche und Arme wetteiferten, sich an Gemeinsinn zu überbieten. Die Innung der bürgerlichen Tischler z. B. stellte allein fünf Compagnien, 1800 Mann stark, die sich durch einen besonderen Schwur verbunden hatten, nicht von einander zu weichen und jeden Feigen für immer aus ihrer Mitte auszuschließen. Noch heutigen Tages führen sie bei der Frohnleichnams-Procession jene Aufgebotsfahne, an welcher sie den Eid für das Vaterland geschworen. Nun, wenn man aber auch dem Grafen Saurau die Initiative dieser That nicht bestreiten kann, so ist der Erfolg doch der glänzendste Beweis, wie alle Revolutionsgerüchte, wie alle Jacobinerriecherei weitaus übertrieben, ja im Ganzen ohne eigentlichen Grund waren, da das entfesselte Volk seine Treue in so glänzender Weise erprobte. Die Friedenspräliminarien von Leoben machten alle diese Beweise einer begeiferten Vaterlandsliebe überflüssig, aber der Graf hatte sich durch dieses Vertrauen auf ein Volk, das er früher mit polizeilichen Vexationen auf das Grausamste geplagt, eine ungeahnte Popularität gewonnen, der Kaiser aber belohnte ihn durch Verleihung des ungarischen Indigenats und die Donation der Güter Merczidorf und Zsadany im Temeser Comitate. Nun erhielt der Graf den Auftrag zur Wiedererrichtung der Theresianischen Ritterakademie, welche Kaiser Joseph II. im Jahre 1782 aufgehoben hatte. So trat denn diese für die Erziehung des Adels bestimmte Anstalt am 1. December 1797 wieder in’s Leben. Auch übernahm er noch im nämlichen Jahre das Ministerium der Finanzen. Aber der Krieg, einer der kostspieligsten, welchen Oesterreich jetzt zu führen hatte, griff die Staatscassen in empfindlichster Weise an und der Graf ließ, als er sein Amt niederlegte, die Finanzen in einem beklagenswerthen Zustande zurück. Der am 17. October 1797 geschlossene Friede war im Grunde doch nichts mehr, als ein längerer Waffenstillstand, denn es galt zu einem neuen Kampfe sich vorbereiten. Da man Geld brauchte, griff Freiherr von Thugut zu dem ihm von einem alten belgischen Beamten angerathenen Mittel einer Vermehrung der Bankozettel. Dagegen eiferte zwar Graf Saurau auf das Entschiedenste, aber die damals noch ungebeugte Macht Thugut’s behielt die Oberhand. Als dann vor dem Luneviller Frieden (9. Februar 1801) Baron Thugut aus dem Ministerium und Erzherzog Karl an die Spitze der Verwaltung trat, mußte auch S. seinen Posten verlassen und wurde als Botschafter zur Krönung des Kaisers Alexander I. nach Moskau und von [282] dort nach St. Petersburg gesendet. Bei dieser Gelegenheit erhielt der Graf das Großkreuz des St. Stephan-Ordens. Die Bemühungen des Grafen, den russischen Hof für eine Politik zu gewinnen, welche später den Continent vor den Anmaßungen Frankreichs rettete, waren vergebens. Die Intriguen und Interessen, welche dagegen eiferten, waren zu mächtig, um bewältigt zu werden. Frankreich und Rußland gingen Hand in Hand, da es galt, die Macht des deutschen Reiches zu brechen. Der Graf wurde nun 1803 von seinem Posten abberufen und ihm die im Hinblicke auf die bisher bekleideten Posten unbedeutende Stelle eines Landmarschalls der österreichischen Stände übertragen, welche er bis 1806 bekleidete, worauf er nach der unglücklichen Wendung des Krieges im Jahre 1805 zum Hofcommissär in Steiermark ernannt wurde. Dort organisirte er im Vereine mit Erzherzog Johann die innerösterreichische Landwehr, welche in jenen Tagen der Gefahr so treffliche Dienste geleistet. Im Jahre 1809 folgte er der Armee eben dieses Fürsten nach Italien und auf ihrem Rückzuge nach Ungarn und wurde darauf 1810 zum Chef der Regierung in Wien mit dem Titel Statthalter und der Beigabe des noch übrigen Theiles von Oberösterreich ernannt. Auf diesem Posten machte er sich im Jahre 1813 um die Rüstungen zum Befreiungskriege sehr verdient. In den nun folgenden Jahren. erhielt S. nun zunächst die Aufgabe der Organisation der illyrischen Provinzen, ging dann als Hofcommissär zu Bianchi’s Armee, welche Murat aus Neapel trieb, war in den Legationen, in Parma, beim römischen Stuhle thätig und wurde im Jahre 1815 Gouverneur von der Lombardie, einer der schwierigsten Posten in der damaligen Periode allgemeiner Enttäuschung, Ermattung und tiefster Niedergeschlagenheit über die unerwartete Wendung der Dinge. Im Jahre 1817 ging der Graf als Botschafter nach Madrid, was nur eine Uebergangsetappe zu dem nachfolgenden wichtigsten Amte eines obersten Kanzlers war, welches er übernahm, nachdem Graf Wallis von den Finanzen entfernt worden und Graf Ugarte zu Gratz, wohin er den Kaiser, als dieser von der Bereisung seiner Staaten zurückkehrte, begleitet hatte, im November 1817 starb. Bis zum Jahre 1831 blieb der Graf auf diesem Posten, nachdem er 1828 den Orden des goldenen Vließes erhalten und im Jahre 1830 sein fünfzigjähriges Dienstesjubiläum gefeiert hatte, bei welcher Gelegenheit ihm der Kaiser das Großkreuz des St. Stephan-Ordens in Brillanten verlieh. Bald darauf wurde er in Rücksicht seines hohen Alters – der Graf zählte damals 70 Jahre – und mit Anerkennung seiner vieljährigen und ausgezeichneten Dienste von der Leitung seines Ministeriums enthoben und als Botschafter nach Florenz gesendet, wo er schon im folgenden Jahre starb. Einer seiner Biographen schildert den Grafen, von dem es einige Zeit hieß, er sei bei seinem Monarchen in volle Ungnade gefallen, mit folgenden Worten: Graf Saurau war ein Mann von hellem Verstande, uneigennützig, von großer Ehrfurcht für Wissenschaft und Kunst, ein Verächter des Kastengeistes und der Standesvorurtheile, ein offener Feind des fanatischen Pfaffenthums, auch, als es wieder Mode und ein Mittel wurde, sowohl emporzukommen, als sich zu erhalten. Wiewohl durchaus unpoetisch, war er doch in den römischen Classikern zu Hause, wie kein anderer Zeitgenosse, blieb aber zugleich der Literatur keines [283] Zeitalters und keines Volkes fremd. Die ernsten Wissenschaften und alles Industrielle und Polytechnische umfaßte er mit der größten Wärme. Ein liberaler Despot nach Josephinischem und ein fachkundiger und arbeitsamer Staatsbeamter nach Bonapartischem Zuschnitte, war er gewiß einer der vorzüglichsten Minister der vormärzlichen Aera in Oesterreich. Gelehrte und Künstler waren seine liebste Gesellschaft. Adelige, welche glaubten, zu Allem geboren zu sein und nichts verdienen zu dürfen, waren die Zielscheibe seines Witzes, sowie das Pfaffenthum, obgleich würdigen Kirchenprälaten Niemand eifriger huldigte, als er.

Oesterreichische National-Encyklopädie von Gräffer und Czikann (Wien 1836, 8°.) Bd. IV, S. 494. – Conversations-Lexikon, herausgegeben von F. A. Brockhaus (Leipzig, Brockhaus, gr. 8°.) Bd. IV, S. 121. – Zuschauer, herausg. von J. S. Ebersberg (Wien, gr. 8°.) 1841, Bd. II, S. 400, im „Rückblick in die Vergangenheit“. – Der Jakobiner in Wien. Oesterreichische Memoiren (Zürch und Winterthur 1842, 8°.) S. 196, 227 u. 265. – Vehse (Eduard Dr.), Geschichte des österreichischen Hofs und Adels und der österreichischen Diplomatie (Hamburg, Hoffmann u. Campe, kl. 8°.) Bd. IX, S. 119 u. 133. – Biographie des hommes vivants ou histoire par ordre alphabétique de la vie publique de tous les hommes qui se sont foit remarquer par leurs actions ou leurs écrits (Paris 1819, L. G. Michaud, 8°.) Tome V, p. 313. – 1) Porträte. Unterschrift: – – – tunc paruit omnis imperiis non sublato secura pavore turba. Lucan. Franz Graf von Saurau. D. Weis sc. Bei Jos. Eder am Graben (4°.) [der Graf, Brustbild im Profil, hält die Proclamation vom 4. April 1797 in der Hand]; – 2) Unterschrift: Franz Graf von Saurau I. Krepp sc. (als Ritter des goldenen Vließes, 8°.); – 3) Lithographie (gr. 4°., Wien, Förster’s Anstalt).