BLKÖ:Quarin, Joseph Freiherr von

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 24 (1872), ab Seite: 136. (Quelle)
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Quarin, Joseph Freiherr von (Arzt und Fachschriftsteller, geb. zu Wien 19. Nov. 1733, gest. ebenda 19. März 1814). Schon sein Vater Peter Quarin war seit 1722 Dr. der Medicin und lebte als praktischer Arzt in Wien, wo er sich um eine außerordentliche (unbesoldete) Professur der Anatomie bewarb, aber 1724 abweislich beschieden wurde. Er beschäftigte sich vorzugsweise mit der Anatomie und sind von seinen Arbeiten nachstehende kleinere Abhandlungen bekannt: „De cute“ (Wien 1734); – „De structura organorum sensibus externis dicatorum“ (ebd. 1734); – „De sero sanguinis et liquidis lymphaticis“ (ebd. 1745), – Sein Sohn Joseph studirte die Arzneiwissenschaft – nachdem er schon im Alter von 15 Jahren zu Wien die philosophische Doctorwürde erlangt – zu Freiburg im Breisgau und erhielt daselbst im Jahre 1751 den Doctorhut. Deßhalb mußte er sich, als er im Jahre 1752 nach Wien übersiedelte, um daselbst die ärztliche Praxis ausüben zu können, dem Actus repetionis unterziehen, welcher in der öffentlichen Vertheidigung einer Thesis und im Erlage von 20 Ducaten (hungarici Cremnicenses) bestand. Der damalige Studiendirector Gerhard van Swieten, der einflußreiche Leibarzt der Kaiserin Maria Theresia, hatte bald die Fähigkeiten des jungen Arztes erkannt und ihn ermuntert, dem Lehrfache sich zuzuwenden. So begann Quarin schon im Jahre 1754 öffentliche Vorlesungen über Anatomie, das Lieblingsstudium seines Vaters, später auch über Arzneimittellehre und Klinik im Hospital der barmherzigen Brüder zu Wien, welche er, wie seine Leichenrede berichtet, mit anatomischen Demonstrationen verband. Schon im Jahre 1758 ernannte ihn die Kaiserin zum k. k. Rathe, dann Regierungs-, Sanitätsrathe und Referenten des Sanitätswesens bei der niederösterreichischen Landesstelle. Die Kaiserin schenkte Q. ihr besonderes Zutrauen und schickte ihn im Jahre 1777 nach Mailand zu ihrem dritten Sohne, dem Erzherzog Ferdinand, der dort an einem schleichenden Fieber, von den Aerzten bereits aufgegeben, darniederlag. Schnelle Genesung des kaiserlichen Prinzen krönte Quarins Bemühungen, den nun der Prinz zu seinem Leibarzte ernannte. Bald darauf wurde er auch kaiserlicher Leibarzt. Im Jahre 1784 übertrug ihm Kaiser Joseph II. die Oberdirection des allgemeinen Krankenhauses und nahm seine Hilfe in Anspruch, als er aus dem Türkenkriege krank aus den Sümpfen des Banates heimkehrte. Aus seinem Munde soll auch Kaiser Joseph, wie verschiedene Berichte melden, am 5. Februar 1790 über des Kaisers ausdrückliches Verlangen die Mittheilung erhalten haben, daß es für ihn keine Rettung mehr gebe. [Vergleiche darüber S. 139, in den Quellen: „Zu Freiherrn von Quarin’s Charakteristik“.] Der Kaiser erließ noch am nämlichen Tage an den Grafen Kolowrat das nachstehende Handbillet: „Lieber Graf Kolowrat. Ich bin entschlossen, den Regierungsrath und Oberdirector der allgemeinen Krankenanstalten, Doctor Quarin, in Rücksicht der von ihm sowohl in Sanitätssachen, als auch bei der ersten Gründung und Einrichtung der [137] Spitäler und mittelst einer mehrjährigen zweckmäßigen Leitung derselben angewandten ausgezeichneten Bemühungen und an Tag gelegten besonderen Eifer und Erfahrenheit, zum Beweise Meiner Zufriedenheit hierüber in den Freiherrenstand mit Nachsicht der Taxen zu erheben, wonach ihm also das Diplom auszufertigen sein wird. Joseph.“ Zwei Wochen später, am 20. Februar 1790, starb Kaiser Joseph. Kaiser Leopold II. verlieh Q. den Leopold-Orden und ernannte ihn zum Hofrath. Als im Jahre 1797 die Franzosen unter Napoleon bis nach Leoben in Steiermark vorgedrungen waren und bereits Wien bedrohten, war es Quarin, damals Universitäts-Rector, der die Studirenden der Wiener Hochschule unter die Waffen rief. Begeistert folgte Alles diesem Rufe, mehr als Tausend Studenten stellten sich unter die Fahnen des Kaisers und von Seite der Doctoren der Facultät floßen reichliche Beiträge, von denen die jungen Vaterlands-Vertheidiger erhalten wurden. Quarin’s Verdienste ehrte die Hochschule zunächst dadurch, daß sie ihn sechsmal zum Rector Magnificus wählte. Auch Kaiser Franz ernannte Q. zu seinem Leibarzte, und als im Jahre 1800 der Generalissimus Erzherzog Karl sehr schwer erkrankte und die ersten Aerzte der damaligen Zeit, die Brüder Freiherrn von Störck[WS 1], die Hofräthe Habermann und Stift, der berühmte Peter Frank, der Protomedicus Wiener, dessen Amtsnachfolger Guldener, Oberstabsfeldarzt Mederer, Professor von Hildenbrand Vater und Andere zur Berathung beigezogen wurden, ward Freiherr von Quarin als Hauptconsiliarius ausersehen. Q. war auch als Fachschriftsteller thätig. An Störck’s Seite nahm er Antheil an dem Werke über den Schierling, über dessen Wirkungen er seine Beobachtungen in einer besonderen Schrift: „Tentamen de Cicuta“ (Wien 1761) herausgab. Ferner schrieb er, außer zwei Abhandlungen über den Nutzen und Schaden der Insecten und über die „Verschiedenheit der Salze“ folgende Werke: „Methodus medendarum febrium“ (Wien 1772), deutsch „Heilmethode der Fieber“. Aus dem Lat. von J. Zadig de Metza (Kopenhagen 1775, 8°.); neue Ausgabe „Methodus medendi inflammationibus“ (ebd. 1774). deutsch „Heilmethode der Entzündungen“. Aus dem Lat. von J. Zadig de Metza (Kopenhagen 1776, 8°.), beide Werke auch in’s Italienische und Englische übersetzt; – „De curandis febribus et inflammationibus commentatio“ (Wien 1781, 8°. maj.), deutsch: „Praktische Bemerkungen über verschiedene Krankheiten. Aus dem Lateinischen, mit Zusätzen über die Wirkungen des Astrogalus“ (Wien 18.., Blumauer, 8°.), in’s Französische übersetzt von Emonnot (Paris 1800); – „Animadversiones practicae in diversos morbus“, tomi duo (Wien 1786; 2. Aufl. 1787; 3. Aufl. 1802; 4. Aufl. 1808 und dann noch eine nach seinem Tode, mit seinen späteren Erfahrungen bereicherte Auflage). Ungeachtet der vielen Auflagen dieses Hauptwerkes von Quarin, meint doch ein gewiegter Fachmann, wie Dr. Hecker, daß sich diese „Animadversiones“ unter der damaligen Literatur nicht eben auffallend auszeichneten. Noch soll Q. herausgegeben haben einen „Tractatus de morbis oculorum“; – „De Entomia noxa et utili physico-medice considerata“ und „Betrachtungen über dir Hospitäler Wiens“ (Wien 1784). Q.’s Verdienste fanden seinerzeit allgemeine Würdigung, wie ihn seine Monarchen gelohnt, wurde [138] schon in vorstehender Skizze bemerkt; sein Ruf war so begründet, daß bei allen Concilien sein Ausspruch als entscheidend galt. Die gelehrten Gesellschaften von London, Madrid, Venedig, Kopenhagen und Wilna haben ihn unter ihre Mitglieder aufgenommen; die Wiener medicinische Facultät hat seine von dem Bildhauer Martin Fischer aus carrarischem[WS 2] Marmor gemeißelte Büste in ihrem Sitzungssaale im Jahre 1802 feierlich aufgestellt.

Freiherrnstands-Diplom ddo. Wien 5. Februar 1790. – Schreibers (Heinrich Dr.), Freiburg im Breisgau und seine Umgebungen (Freiburg 1825, Herder’sche Buchhandlung, 8°.) S. 252.– Medicinisch-chirurgische Zeitung, herausgegeben von Dr. Joh. Nep. Ehrhart (Salzburg), II. Bd. (1814), S. 80 u. 123. – Hyrtl (Jos.), Vergangenheit und Gegenwart des Museums für menschliche Anatomie an der Wiener Universität (Wien 1809). – Vaterländische Blätter für den österreichischen Kaiserstaat (Wien, A. Strauß, 4°.) Jahrg. 1814, S. 233. – Hecker (J. F. C. Dr.), Geschichte der neueren Heilkunde (Berlin 1839, Enslin, 8°.) S. 567 [nach diesem geb. 19. November 1734]. – Gräffer (Franz), Kleine Wiener Memoiren u. s. w. (Wien 1845, Fr. Beck, 8°.) Bd. II, S. 103: „Quarin und der Patient“. – Frankl (Ludw. Aug. Dr.), Sonntagsblätter (Wien, 8°.) II. Jahrgang (1843), S. 621. – Oesterreichs Pantheon. Gallerie alles Guten und Nützlichen im Vaterlande (Wien 1830, M. Chr. Adolph, 8°.) Bd. IV, S. 123. – Vehse (Eduard Dr.), Geschichte des österreichischen Hofs und Adels und der österreichischen Diplomatie (Hamburg, Hoffmann u. Campe, kl. 8°.) Bd. VIII, S. 283. – Oesterreichische National-Encyklopädie von Gräffer und Czikann (Wien 1835, 8°.) Bd. IV, S. 328. – Conversations-Lexikon, herausgegeben von F. A. Brockhaus (Leipzig, Brockhaus, gr. 8°.) 5. Auflage, Bd. VII, S. 939. – Meyer (J.), Das große Conversations-Lexikon für die gebildeten Stände (Hildburghausen, Bibliographisches Institut, gr. 8°.) Zweite Abtheilg. Bd. V, S. 191. – Neuer Plutarch, oder Biographien und Bildnisse der berühmtesten Männer und Frauen aller Nationen und Stände u. s. w. Vierte Auflage. Mit Verwendung der Beiträge des Freiherrn Ernst von Feuchtersleben, neu bearbeitet von Aug. Diezmann (Pesth, Wien und Leipzig 1858, C. A. Hartleben, 8°.) Bd. III, S. 210. – (De Luca)), Das gelehrte Oesterreich. Ein Versuch (Wien 1778, v. Trattnern, 8°.) I. Bds. 2. Stück, S. 35. – Oesterreichische Biedermanns-Chronik. Ein Gegenstück zum Phantasten- und Prediger-Almanach (Freiheitsburg [Akademie in Linz] 1785, kl. 8°.) I. (u. einziger) Theil, S. 244. – Oesterreichischer Zuschauer, herausg. von Ebersberg (Wien, gr. 8°.) Jahrg. 1838, Bd. IV, S. 1412. – Biographie nouvelle des Contemporains etc. Par MM. A. V. Arnault; A. Jay; E. Jouy; J. Norvins (Paris 1824 et s., à la librairie historique, 8°.) Tome XVII, p. 165. – Dr. C. Welcker in Wien las bei der im J. 1870 gehaltenen Jahresfeier der wissenschaftlichen Thätigkeit des Wiener Doctoren-Collegiums eine Denkrede auf Quarin. Ob dieselbe im Drucke erschienen, ist mir nicht bekannt. – Porträte. 1) Lithographie in der „Porträt-Gallerie berühmter Aerzte und Naturforscher des österreichischen Kaiserstaates“ (Wien 1828, Beck, 4°.); – 2) J. Kreutzinger p., J. Adam sc. 1788; – 3) Touche p. 1777; John[WS 3] sc. (kl. Fol), dasselbe Blatt auch vor der Schrift; – 4) S. Langer[WS 4] sc., mit dem Motto: Curentur dubii medicis majoribus aegroti Juv. Sat. XIII v. 124 (8°.); – 5) (Putz sc.) 8°.; – 6) Zugleich auf Einem Blatte mit Mansfield, Clarendon, Gneisenau, Beningssen und Van Swieten (Stahlstich aus Mayer’s Kunstanstalt in Nürnberg, 8°.).
Zu Freiherrn von Quarin’s Charakteristik. Die „Oesterreichische Biedermanns-Chronik“ nennt ihn „einen Mann von großen herrlichen Talenten in seinem Fache, erfüllt von patriotischen Gesinnungen und einen erklärten Widersacher der Charlatanerie, Bigotterie und Heuchelei“. – „Oesterreichs Pantheon“ schreibt über ihn: „Quarin erwarb sich nicht bloß um die Beförderung der medicinischen Wissenschaften große Verdienste, sein Leben als Bürger bezeichnete er ebenso rühmlich. Er war wohlthätig gegen die leidende Menschheit, erschien der Armuth seines Mitbruders, als ein guter Genius, der Hilfe und Trost reichlich spendete; er unterstützte mit ansehnlichen Geschenken und Gaben Wohlthätigkeits-Anstalten [139] und sorgte für ihre gute Verwendung. Gegen seine Untergebenen bewies er sich höflich und zuvorkommend; diente gern jedermann ohne Unterschied des Standes und Ranges, wenn man seine Güte in Anspruch nahm, mit Rath und That. Sein schönes Testament, in welchem er die Wohlthätigkeitsanstalten auf eine großmüthige Weise bedachte, ist ein redender Zeuge seines edlen Wohlthätigkeitssinnes.“ – Gräffer entwirft von Quarin folgende pikante Silhouette: „Daß er einer der größten Aerzte, ist weltbekannt. Kein Concilium ohne Quarin. Von seinem außerordentlich feinen Geruchsinn erzählt man allerhand Auffallendes. Zum Beispiel: Bei Concilien (er pflegte ziemlich lange auf sich warten zu lassen) geschah cs nicht selten, daß er die nahe Auflösung schon witterte. Da blieb er an der Thüre stehen, hielt sich die Nase zu und sagte: „Leichengeruch“. Zuweilen war er überaus gesprächig, causirte gern über Nebendinge. Ein Engländer, im Gasthofe, liegt schmerzvoll darnieder. Quarin kommt, erzählt vom Theater, vom schönen Holländerpapier, vom Wetter. Der Patient indeß in Verzweiflung. Endlich schreibt er auf das schöne Holländerpapier das Recept. Der Verzweifelnde wickelt das Honorar in ein Papier, der Arzt geht. Draußen besieht er das Honorar; es ist in das noch feuchte Recept gehüllt. Quarin ist äußerst wohlthätig, vorzüglich gegen Institute. Seine Meinung über den Krankheitszustand sagte er, wenn es begehrt wurde, rund heraus. Man weiß, daß Kaiser Joseph das auch verlangte und ihm, der das nahe Lebensende verkündete, Tags darauf das Freiherrn-Diplom und ein Geschenk von 1000 Souveränsd’ors sandte.“ [Ueber die Unhaltbarkeit dieser letzteren aus einer Biographie in die andere sich erblich fortschleppende Notiz vergleiche des Dr. G(ustav) L(oebel) Aufsatz: „Geschichtliche Notizen über das medicinische Clinicum der Wiener Universität“ in Wittelshöfer’s „Wiener Medicinischen Wochenschrift“ (Wien, 4°.) 1871, S. 785, Anmerkung 11.] – Wappen. In Blau auf einem niederen grünen Hügel ein fünfmal gezinnter runder Thurm mit schwarzen Mauerstrichen, geschlossenem Thore und von diesem über den Hügel etwas schrägrechts hinablaufender hölzerner Treppe, dann zwei neben dem Thore befindlichen runden Oeffnungen. Aus diesem Thurme erhebt sich ein kleiner runder Thurm gleichfalls mit fünf Zinnen und einer runden Oeffnung. Dieser Thurm ist mit einem schwarzen goldgekrönten Adler mit ausgespannten Flügeln besetzt; und der Adler von zu beiden Seiten oben und unten Flammen sprühenden Granaten begleitet. Auf dem Schilde ruht die Freiherrnkrone, auf welcher sich drei gekrönte Turnierhelme erheben; auf der Krone des mittleren, in’s Visir gestellten Helms steht der vorbeschriebene schwarze Adler, auf jeder der beiden äußeren, einander zugekehrten Helme steht ein halber, die Schwingen auswärts kehrender, mit einer der vorgeschriebenen Granaten belegter Flug. Helmdecken sind allseitig blau mit Silber belegt.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Anton Freiherr von Störck und Matthäus Störck.
  2. Vorlage: cararischem.
  3. Vorlage: J. John.
  4. Vorlage: J. Langer.