BLKÖ:Strobach, Anton

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
korrigiert
<<<Vorheriger
Strnischtie, Joseph
Band: 40 (1880), ab Seite: 55. (Quelle)
[[| bei Wikisource]]
in der Wikipedia
GND-Eintrag: 1048086615, SeeAlso
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Linkvorlage für Wikipedia 
* {{BLKÖ|Strobach, Anton|40|55|}}

Strobach, Anton (Präsident des ersten österreichischen constituirenden Reichstages im Jahre 1848, geb. zu Prag am 3. Juli 1814, gest. ebenda am 22. November 1856). Der Sohn eines wohlhabenden Müllers; die Familie, welche allgemein Straboch genannt wurde, war von Altersher in Prag ansässig. Bereits auf dem Altstädter Gymnasium, an welchem damals J. J. Jungmann [Band X, S. 319] lehrte, zeichnete sich Anton durch ungewöhnliche geistige Begabung und große Liebe zu seine Muttersprache aus. Im Jahre 1834 begann er an der Prager Hochschule das Studium der Rechte. Um diese Zeit schon beschäftigte er sich mit literarischen Arbeiten, deren weiter unten noch Erwähnung geschieht. Mit besonderem Eifer studirte er fremde Sprachen und Literaturen, und bald konnte er französische, englische, polnische und russische Classiker in ihrer Muttersprache lesen. Durch den mit ihm befreundeten Dichter Karl Hynek Macha [Bd. XVI, S. 193] wurde die Wanderlust so in ihm geweckt, daß er nicht nur sein Vaterland nach verschiedenen Richtungen durchstreifte, sondern auch eine große Reise über Linz, Salzburg, Innsbruck, Venedig, Triest, Laibach, in welch letzterer Stadt er die Dichter Presern [Band XXVI, S. 267] und Dr. Thomon kennen lernte, dann über Gratz und Wien unternahm. Am 14. August 1838 trat er bei dem k. k. Fiscalamt in Prag in den praktischen Dienst, am 5. Juli 1841 erlangte er die juridische Doctorwürde und am 22. Juni 1842 wurde er zum Auscultanten bei dem Prager Landesgerichte ernannt, in welcher Stellung er bis zum Jahre 1848 verblieb. Seine Tüchtigkeit im Amie, die sich in allen Richtungen bewährte, lenkte bald die Aufmerksamkeit auf den strebsamen Mann, und nachdem er am 24. März 1848 das Prager Bürgerrecht erworben, erwählte ihn am 9. April d. J. der große Bürgerausschuß zum Bürgermeister der Stadt Prag, an Stelle Joseph Müller’s, den die Märzereignisse zur Niederlegung dieses Amtes bewogen hatten, und diese Wahl wurde noch an dem nämlichen Tage von dem k. k. Landespräsidium bestätigt. Doch nicht so ohneweiters nahm er in jenen bedenklichen Tagen politischer Erregtheit die Wahl an, indem er sich vorläufig nur zu einer sechswöchentlichen Verwaltung dieses Amtes bestimmen ließ, und in der That verzichtete er am 10. Mai, also noch vor Ablauf dieser Frist, auf dasselbe, da er sah, daß er im Wege der Güte außer Stande war, die öffentliche Ruhe und Ordnung aufrecht zu erhalten, und kehrte in seine frühere Stellung zurück. Aber schon die Wahlen in den österreichischen Reichstag, welche bald darauf stattfanden, riefen ihn wieder in die Oeffentlichkeit, denn am 10. Juli wählte ihn die Stadt Prag zu ihrem Abgeordneten. In der [56] sechsten Sitzung des Reichstages (18. Juli 1848) erklärte der erste Alters-Vice-Präsident Joseph Weiß denselben für constituirt. Am 20. Juli wurde zur Wahl der Vorstände und des Bureaus geschritten, aus welcher Dr. Franz Schmitt als Präsident, Dr. A. Strobach aber als erster Vice-Präsident hervorging. Schon bei der nächsten Wahl des Präsidenten, am 17. August 1848, erhob ihn der Reichstag zu dieser Würde, in welcher er auch bei der Neuwahl am 14. September verblieb. Am 12. October behauptete Dr. Smolka diese Stelle, bis am 20. December neuerdings Strobach dazu gewählt wurde, welcher jedoch am 20. Jänner 1849 wieder dem Ersteren weichen mußte. Die Zeit der Präsidentschaft im österreichischen Reichstage ist jedenfalls seine denkwürdigste Periode, die je nach dem Standpunkte des Beurtheilers die verschiedenste Kritik erfahren hat. Im Anfange war seine Leitung eine tadellose, er handhabte die Geschäftsordnung mit einer Sicherheit, welche allgemeines Staunen, freilich auch, da durch dieselbe jede freiere Bewegung zu Tode paragraphirt wurde, bei Vielen Unzufriedenheit und Unwillen erregte. Er zeichnete sich als Präsident durch Ruhe, unerschöpfliche Aufmerksamkeit, Höflichkeit, Entschiedenheit und scharfe Unterscheidung aus. Als aber seine čechische Parteistellung im Laufe der Verhandlungen immer markirter hervortrat, beeinflußte dieselbe auch seine sonst so treffliche Leitung einigermaßen. Einstimmig verurtheilten alle Parteien, mit Ausnahme jener, welche gleich ihm die Flucht ergriffen, sein Verhalten in den schon bedenklichen Octobertagen, namentlich am 6. October, an welchem er zuerst nirgends zu finden und nachdem er gefunden, sich zu präsidiren weigerte. Die strenge Handhabung der überdies höchst rigorosen Geschäftsordnung, welche jedoch der Ueberstürzung der noch ungeschulten Versammlung immerhin einen Kappzaum anlegte, hatte in den Kreisen der aufgeregten Wiener Bevölkerung den Präsidenten nichts weniger denn beliebt gemacht, wozu das Verhalten der Čechen im Reichstage, zu deren Partei er zählte, nicht eben wenig beitrug. Bei Beginn der Octobergreuel hielten es dieselben mit Strobach für gerathen, Wien heimlich zu verlassen, und unter militärischer Verkleidung flüchtete er mit seinem Freunde Hawelka [Bd. VIII, S. 95] nach Prag. Als sich der Reichstag später in Kremsier versammelte, fand sich auch Strobach mit seinem Anhange daselbst ein. Mit ah. Entschließung ddo. Olmütz 29. December 1848 wurde er zum k. k. böhmischen Appellationsrath und bei der im Juli 1849 erfolgten Organisirung der Gerichte in Böhmen zum k. k. Oberlandesgerichtsrathe ernannt. Bald nach Einführung der Schwurgerichte nahm er, einer der Ersten, bei denselben den Vorsitz ein. In dieser Stellung glänzte er als Richter durch seine im Präsidium des Reichstages bewährten Eigenschaften. Aber die Periode der Schwurgerichte war von kurzer Dauer, und von kaum längerer seine Wirksamkeit als Oberlandesgerichtsrath. Nach einer Gerichtsverhandlung im Jahre 1853, in welcher ein wegen Majestätsbeleidigung angeklagter Trunkenbold freigesprochen wurde, erfolgte von Wien – wie der „Slovník naučný“ berichtet – die Amtsenthebung des Staatsanwaltes Hikisch und einiger Räthe des Prager Oberlandesgerichtes, unter denen sich auch Strobach befand. [57] Die Sache erregte – bei dem in allen Ländern geltenden Grundsätze der Unabsetzbarkeit des Richterstandes – großes Aufsehen, und Strobach war doppelt getroffen: durch diese öffentliche kränkende Aberkennung seines richterlichen Amtes, dessen nach seinem Gewissen gewaltet zu haben, er sich bewußt war, und durch den plötzlichen Verlust seiner Stellung, von welcher er ja lebte. Doch er faßte sich bald; nachdem mit Decret vom 17. Jänner 1854 ihm die Befugniß zur Ausübung der Landesadvocatur in Prag verliehen worden, widmete er sich diesem Berufe. Bei der Ehrenhaftigkeit seines Charakters wuchs seine Praxis mit jedem Jahre. Am 19. November 1856 befand er sich in der Kanzlei eines Collegen, mit dem er bei einer Cigarre eine Geschäftsangelegenheit berieth, als er sich plötzlich unwohl fühlte, zusammenbrach und ehe Hilfe kam, seinen Geist aufgab. Er war, erst 43 Jahre alt, einem Herzleiden erlegen. Der Vorfall wirkte um so erschütternder in seiner Familie, als eben um diese Zeit eine Schwester seiner Gattin Hochzeit machte. Strobach war mit der Tochter des Prager Magistratsrathes, nach Anderen des Prager Arztes Franz Duras vermält, welche er mit zwei, n. A. drei Waisen, einem Knaben und einem Mädchen, zurückließ. Seine in der Lebensskizze erwähnte fachwissenschaftliche literarische Thätigkeit beschränkt sich auf ein paar im Buchhandel erschienene Werke und einige in Zeitschriften abgedruckten Abhandlungen. In Gemeinschaft mit Dr. Frič, K. J. Erben, Neubauer und Havlik, nicht wie er im „Slovník naučný“ genannt wird, Havliček, betheiligte er sich an der Herausgabe des Werkes: „Řád obecní šoudní a řád konkursní Čech, Moravy a Slezska, Rakous nad Enži, Štýrska i t. d., též i předpis o stručném řízení v rozepřích civilních“, d. i. Das allgemeine bürgerliche Gesetzbuch und die Concursordnung in Böhmen, Mähren und Schlesien, Oesterreich ob der Enns, Steiermark u. s. w. (Prag 1848, 8°.); – allein gab er heraus: „Vzory, nej- obyčejnějších výnosů soudních druhé instance ve věcech civilních i správních“, d. i. Proben außergewöhnlicher richterlicher Entscheidungen zweiter Instanz in Civil- und Streitsachen (Prag 1851, 8°.); – „Památný spis o udržování vltavkých jezů v příčině vyvázení emfiteutickych mlýnů Pražských“, d. i. Denkschrift von der Aufrechthaltung der Moldauer Wehren, anläßlich der emphyteutischen Entlastung der Prager Mühlen (Prag 1855), wovon auch eine deutsche Ausgabe erschien; die čechische Uebersetzung arbeitete S. gemeinschaftlich mit J. Mály; eine auch hinsichtlich der Terminologie des Müllergewerbes nicht unwichtige Arbeit; – zerstreut in Zeitschriften erschienen: in der „Česka včela“, d. i. Čechische Biene: „Působení wěd na mrawy lidské z angl.“, d. i. Einfluß der Wissenschaften auf die Sitten des Volkes [1835]; – „O potřebě a wzděláwání robitelůw“, d. i. Von den Bedürfnissen und der Bildung der Handwerker [ebd.]; – „Powinna-li wlada ošwětu a literaturu podporowati“, d. i. Ist die Regierung verpflichtet, Wissenschaft und Literatur zu unterstützen [ebd.]; – Im „Časopis českeho Muzea“, d. i. Die Museal-Zeitschrift: „Idea o osobnosti podlé starých práw českých a skandinawských od N. Iwanišewa přel.“, d. i. Die Idee der Persönlichkeit nach [58] altem čechischen und skandinavischen Recht. Nach dem Russischen des N. Ivanisew [1843, Seite 597]; – „O wzdělaní řemeslníků“, d. i. Von der Bildung der Handwerker [1837]; – „O rozumne spráwě žíwnosti“, d. i. Von einer vernünftigen Handhabung der Gewerbeordnung [ebenda]. Schließlich sei noch erwähnt, daß eine Schwester Strobach’s, Katharina, die Gattin des einst so beliebten Sängers Karl Strakaty [Bd. XXXIX, S. 225] war.

Wanderer (Wiener politisches Blatt) 1856, Nr. 543. – Erinnerungen (Prager Unterhaltungsblatt) 1856, Seite 377. – Brünner Zeitung, 1856, Nr. 276. – Lumír (čechisches Unterhaltungsblatt, schm. 4°.) 1856, Nr. 48, Seite 1150. – Slovenské Noviny, d. i. Slovenische Zeitung (Wien, kl. Fol.) 1856, Nr. 142 und 145. – Lichard. Časnik, d. i. Kalender für das Jahr 1858 (Wien, 8°.) S. 189. – Deutsche Zeitung (Wien) 1873, Nr. 529, 539 und 564 in den „Rückblicken und Erinnerungen von Hans Kudlich“. – Helfert (Freiherr von), Die Wiener Journalistik im Jahre 1848 (Wien 1877, Manz’sche k. k. Hofbuchhandlung, gr. 8°.), S. 193, 196 und 198. – Světozor (Prager illustrirte Zeitschrift 1869, N. 34, S. 276: „Dr. Antonín Strobach“. – Erben (Karl Jaromir) Die Primatoren der königl. Altstadt Prag (Prag 1858, Gottl. Haase Söhne, 8°.) S. 246. – Slovník naučný. Redaktoři Dr. Frant. Lad. Rieger a J. Malý, d. i. Conversations-Lexikon. Redigirt von Dr. Franz Ladisl. Rieger und J. Malý (Prag 1872, I. L. Kober, Lex.-8°.), Bd. IX, S. 163, Nr. 4. – Přecechtel (Rupert M.), Rozhled dějin českoslovanské literatury a životopisy českoslovanškých výtečníkuv, d. i. Ueberblick der Geschichte der čechisch-slovenischen Literatur u. s. w. (Kremsier 1872, 12°.), S. 191. – Reichstagsgalerie. Geschriebene Porträts der hervorragendsten Deputirten des ersten österreichischen Reichstages (Wien 1848, Jasper, 8°.) Heft 2, S. 33.
Porträte. 1) Unterschrift: „Dr. Antonín Štrobach“. Nach einer Zeichnung von Kriehuber in Holz geschnitten von Mára. Im „Světozor“ 1869, Nr. 34. – 2) Unterschrift: „Kdo w panta jímá otroky, sám je otrok. Strobach“. J. Manes Kres. Brandeis lith. Tisk u. Fr. Šíra v Praze (Fol.). – 3) Zweisprachige Unterschrift: rechts čechisch: „Antonin Strobach | řísský poslanec měst Pražských“, links deutsch: „Anton Strobach. Reichstagsabgeordneter der Hauptstadt Prag“. J. Werner (lith.). gedruckt bei J. Rauh in Wien (Fol.) (ganze Figur].
Caricatur. „Wiener Charivari“, 1848, Nr. 90: „Galerie der hervorragendsten Reichstagsdeputirten. 9. Strobach“. [Als Präsident vor einer aus lauter Paragraphenzeichen zusammengesetzten Tribüne, in der Rechten einen Paragraph haltend, die Linke auf einen Paragraph gestützt].