BLKÖ:Tauber, Joseph Samuel

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Tauber, Caspar
Band: 43 (1881), ab Seite: 126. (Quelle)
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Tauber, Joseph Samuel (Poet, geb. in Wien 12. August 1822, gest. ebenda 9. Jänner 1879). Von seinem wohlhabenden Vater zum Rabbiner bestimmt, wurde er zum fleißigen Studium des Talmud und der orientalischen Classiker angehalten. Aber eine heiter und poetisch angelegte Natur, konnte er sich mit der ihm aufgedrängten Richtung nicht befreunden, und während er bei Tage sich mit den bald tiefen, bald komisch-rabulistischen Commentatoren des Talmud abplagte, suchte er in den Stunden stiller Nacht, wenn der Vater schlief, Ersatz und geistige Erholung bei den Meisterwerken der neuen Literatur. Goethe und Heine, Anastasius Grün und Lenau waren es dann, die ihn in die Zauberwelt deutscher Dichtung einführten. Nach dem Tode des Vaters von dem ihm auferlegten Zwange befreit, warf er Talmud und Rabbinerthum bei Seite und gab sich dem Studium seiner Lieblingswissenschaften, Geschichte und Philosophie, hin. Das ihm von seinem Vater hinterlassene ziemlich bedeutende Vermögen setzte ihn in den Stand, längere Reisen zu machen, auf denen er die wichtigeren Culturländer des europäischen Continents kennen lernte. So sah er zu wiederholten Malen Italien, Deutschland, England und Frankreich, nahm in letzterem Lande einen Aufenthalt von drei Jahren und besuchte in Paris die Vorträge Arago’s, [127] Orfilas, Michelet’s, des Chemikers Dumas und auch der anderen hervorragenden Professoren der Sorbonne. Im Jahre 1847 nach Deutschland zurückgekehrt, veröffentlichte er einen Band „Gedichte“ (Leipzig 1847, Lorck), welcher durch seine tiefempfundenen Naturschilderungen, sowie durch den Hauch edler Freiheit, der die Lieder durchwehte, beifällige Aufnahme fand. In Paris war er durch Moriz Hartmann mit Heinrich Heine persönlich bekannt geworden, in Deutschland fand er Gelegenheit, mit Varnhagen von Ense zu verkehren, der des jungen Poeten in seinen Aufzeichnungen mit Wohlwollen gedenkt. Im Jahre 1848 finden mir ihn in Wien, wo er die glorreichen Sonnentage eines erwachenden, politischen Lebens, die leider nur von zu kurzer Dauer waren, aufgehen sah und, von dem blendenden Glanze derselben durchglüht, zu begeisterter Thätigkeit emporgehoben wurde. Die bei Waldheim erschienene „Geschichte der Wiener Revolution im Jahre 1848“ gedenkt Tauber’s, wie er mit dem Obercantor Salomon Sulzer [Bd. XL, S. 311] am 13. März auf dem Michaelerplatze der Zertrümmerung des Wächterhäuschens beiwohnte, aus welchem plötzlich, als Sulzer, auf die vor der Burg aufgefahrenen Kanonen weisend, die Bemerkung machte: „in der Zukunft werde aus anderen Backöfen unser Brod der Freiheit gebacken werden“, der böhmische Polizeimann hervorsprang und Beiden befahl, sich zu entfernen. Da der Obercantor lachend entgegnete: „er habe noch nicht alle Bretzen aufgegessen“, drang der Polizist auf denselben ein und faßte ihn am Arme. Da sprang Tauber mit den Worten hinzu: „Die „Hand fort!“ Indessen sammelte sich Volk um die Streitenden, und im Gedränge wird der schwarzgelbe Wachtkasten umgeworfen und geht in Stücke. Da rief Tauber, eine der losgebrochenen gelben Planken hoch erhebend, der ihn umstehenden Menge zu: „So wie diese kleine Zwingburg in den Staub gesunken ist, soll die Macht, die bis jetzt darin wohnte, zu Boden getreten werden“. Nun trat Alles auf die abgerissene Planke und jeder nahm jubelnd ein Stück mit sich – der Polizeimann aber war spurlos verschwunden. Der Wiener Illustrationszeichner Vinc. Katzler hat in dem obigen Werke diese „Scene auf dem Michaelerplatze“ in einem Bilde dargestellt. Wir haben diese Begebenheit aus Tauber’s Leben mitgetheilt, weil sie uns diesen, in seinen späteren Jahren durch seine unverwüstliche, ja harmonische Ruhe so sympathischen Poeten gerade im rechten Momente in einer begeisterten Aufregung zeigt. Später setzte der Dichter seine Reisen fort und besuchte auf denselben Prag und Krakau und in beiden Städten die seit seiner Jugend nicht gesehenen Ghettos. Der Anblick dieser eigenthümlichen Judenstätten regte ihn zu dem Buche an: „Die letzten Juden. Verschollene Ghetto-Märchen“, zwei Theile (Leipzig 1853, Brockhaus; 2. Aufl. ebd. 1859, 8°.), welches namentlich in Polen, Mähren und Ungarn große Verbreitung fand. Die darin behandelten Märchen sind entweder von dem Dichter selbst erfunden, oder einer alten verschollenen Volkssage nachgebildet. Er schildert darin, im Gegensatze zu den berühmten tiefsinnigen Geschichten Kompert’s, mehr die heiteren Seiten des Ghettos, und ganz auf den Standpunkt der Reformation des Judenthums sich stellend, will er den alten Wust unzeitgemäßer Gebote und Ceremonien weggeschafft [128] wissen. Den Ghetto-Geschichten folgte nun bald ein anderes ganz allerliebstes Buch unter dem schlickten Titel: „Für Musik. Liederbuch“ (Wien 1860, Zamarski), welches nur Lieder enthält, die aber, ungemein sangbar, auch zum größten Theile ihre Componisten gefunden, unter denen wir keine geringeren Namen nennen als: Esser, Hölzl, Kücken, Meyerbeer, Proch. Zwei gleichfalls im Buchhandel erschienene Werke schließen die Schriften Tauber’s: „Quinten. Kleine Gedichte“ (Leipzig 1864, Brockhaus, 2. verm. Aufl. ebd. 1869), und „Die Lust zu fabuliren“ (ebd. 1878; 2. Aufl. im nämlichen Jahre); ein reizendes, aber in der Ueberfluthung durch Reclame emporgehobener oft unbedeutender Bücher leider nur zu wenig gekanntes und gewürdigtes Liederbuch. Außerdem schrieb Tauber, vornehmlich in den Jahren 1847–1854, zahlreiche Artikel mannigfaltiger Art, von der Novelle bis zum gewöhnlichen Journalartikel herab für verschiedene Zeitungen Oesterreichs und Deutschlands. Noch aber müssen wir einer Arbeit gedenken, durch die er sich nicht eben am wenigsten Verdienst erworben hat. Eine Reihe von Jahren hindurch beschäftigte ihn die Uebersetzung vieler Synagogalgebete, welche er dann auch dem vorgeschriebenen Gesange anzupassen versuchte. So sind denn in Sulzer’s „Schir Zion“ die meisten Gebete und Kirchenlieder von Tauber metrisch übersetzt und für die Musik genau eingerichtet. Jene Synagogen nun, in welchen der Gottesdienst in deutscher Sprache abgehalten wird, besitzen durch diese Arbeiten ein für die Ausübung ihres Cultus nicht unwichtiges Hilfsbuch. Im Uebrigen lebte der Dichter, der viele Jahre lang die Stelle eines beeideten Börsensensals in Wien bekleidete, zurückgezogen im Kreise seiner Familie, ganz den Genüssen der Kunst und Literatur hingegeben, welche durch die Theilnahme seiner gebildeten Frau und seiner Kinder an denselben nur gesteigert wurden.

Neue Freie Presse (Wiener polit. Blatt) 1879, Nr. 5162 und 5163. – Das Jahr 1848. Geschichte der Wiener Revolution (Wien 1872, Waldheim, 4°.) Bd. I, S. 245 [Bild], S. 254 und 255. – Brümmer (Franz), Deutsches Dichter-Lexikon. Biographische und bibliographische Mittheilungen über deutsche Dichter aller Zeiten (Eichstatt und Stuttgart 1877, Krüll’sche Buchhandlung [H. Hugendubel], schm. 4°.) Bd. II, S. 418. – Allgemeine Zeitung (Augsburg, Cotta, 4°.) 12. Jänner 1879, Nr. 12, S. 168. – Wiener Rothbuch. Kalender für das Schaltjahr 1872. Herausgegeben von Karl Linder und F. Groß (Wien 1672, Fromme, 8°.) S. 125.
Porträte. 1) Lithographie ohne Angabe des Zeichners und Lithographen. In der „Bombe“, 14. August 1878, Nr. 15 [ziemlich ähnlich]. – 2) Holzschnitt ohne Angabe des Zeichners und Xylographen. Im „Wiener Rothbuch“, S. 125 [ähnlich, doch zu starke Züge].