BLKÖ:Tomicek, Johann Slavomír

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Tomiček, Karl
Band: 46 (1882), ab Seite: 87. (Quelle)
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Tomicek, Johann Slavomír (čechischer Schriftsteller, geb. zu Brann auf der ehemaligen Herrschaft Starkenbach (Jilemnice) im Jahre 1806, gest. zu Prag 26., nach Anderen 28. April 1866). Das Gymnasium beendete er zu Gitschin, die philosophischen Studien zu Prag. Frühzeitig schwärmte er für seine Muttersprache und heimatliche Geschichte, was ihn auch bald mit den Pflegern und Förderern derselben zusammenbrachte. Unter diesen schloß er mit Franta-Šumavsky [Bd. IV, S. 340] innige unzertrennliche Freundschaft. Beide verbanden sich mit Jaroslaw Langer [Bd. XIV, S. 111] zur Herausgabe der Zeitschrift „Čechoslav“ von der in zwanglosen Heften während der Jahre 1830 und 1831 acht Hefte herauskamen. Der „Čechoslav“ war das erste čechische Blatt in modernem Zuschnitt, der Vorbote einer neuen Literaturperiode, für den jedoch damals in der großen Menge noch das rechte Verständniß fehlte. Mit besonderer Vorliebe betrieb Tomicek auch das Studium der übrigen slavischen Idiome, und seine Uebersetzungen aus denselben brachte er häufig in gedachter Zeitschrift, sowie im Unterhaltungsblatte „Samo“, welches er 1832 gemeinschaftlich mit Trnka, ferner im „Čech“ und im „Krok“, die er zusammen mit Franta, [88] ersteres 1832, letzteres 1838, erscheinen ließ, mit dem er auch 1833 die Herausgabe der „Slovanka“, d. i. Die Slovenin, eine Sammlung volksthümlicher Geschichten (Prag, bei Sommer), bewerkstelligte, ohne sie jedoch weiter als über das erste Heft fördern zu können. Als im Jahre 1833 Šafařík das illustrirte Blatt „Světozor“ herausgab, zählte Tomicek bald zu dessen fleißigsten „unbezahlten“ Mitarbeitern, wie dies einer seiner Biographen ausdrücklich hervorhebt, denn zu jener Zeit erhielten die čechischen Literaten noch keine Schriftstellerhonorare. Seinen kümmerlichen Lebensunterhalt bestritt er durch Unterrichtertheilen. Als dann im Jahre 1834 Čelakovsky [Bd. II, S. 31] Redacteur der „Pražské Noviny“, d. i. Prager Zeitung, und der „Česka včela“, d. i. Čechische Biene, wurde, nahm er Tomicek zu seinem Hilfsarbeiter auf, übertrug ihm auch bald ganz die Redaction der ersteren Zeitschrift, sich nur jene der letzteren vorbehaltend. Mit Fleiß und Umsicht besorgte Tomicek die ihm anvertraute Redaction. Trotz aller Censurstriche trug doch das Blatt eine vorwiegend liberale Farbe, aber eine Bemerkung, welche er einer von Kaiser Nicolaus an die Polen gerichteten Anrede beifügte, wurde unheilvoll – wohl nicht für ihn, sondern für Čelakovsky, der die Sache auf sich nahm, in Folge dessen aber die Redaction und seine Professur einbüßte. Tomicek, der unbegreiflicher Weise (!) sich zum wahren Sachverhalte nicht bekannte, behielt die Leitung des Blattes, als Stěpanek als Nachfolger Čelakovsky’s die Redaction übernahm, und auch später, als nach dem Tode Stěpanék’s Klutschak und Storch an dessen Stelle traten, bis zum Jahre 1846, in welchem beide Blätter in die Hand Havliček’s übergingen. Aber in den genannten zwei Zeitschriften erschöpfte er keineswegs seine Thätigkeit, sondern war auch ein fleißiger Mitarbeiter anderer čechischer und mitunter sogar deutscher Blätter. Schon in jungen Jahren hatte er sich in poetischen Arbeiten versucht, und in der „Včela“ erschienen Proben davon, welche später gesammelt unter dem einfachen Titel „Básně“, d. i. Gedichte (Prag 1840, bei Joh. Spurny, in kl. 8°., 176 S.), herauskamen. Nun, zu viel poetische Anlage verrathen diese Dichtungen eben nicht, wie denn auch seine in der „Česka včela“ 1836 veröffentlichte Kritik der Dichtung „Máj“ des Poeten Karl Hynek Macha [Bd. XVI, S. 193] den Beweis liefert, daß er, was die literarische Kritik und Auffassung poetischer Werke betrifft, noch lange nicht auf die Höhe seiner Zeit sich aufzuschwingen vermochte. Im Uebrigen ein ebenso fleißiger wie sprachgewandter Autor, hat er sich namentlich durch einige gelungene Uebersetzungen aus dem Russischen und Deutschen verdient gemacht. Seine tüchtige Kenntniß der Muttersprache war wohl auch die nächste Veranlassung, daß ihm, als im Jahre 1848 Koubek [Bd. XIII, S. 55] als Abgeordneter des österreichischen Reichstages nach Wien ging, die Supplirung der Lehrkanzel der čechischen Sprache an der Prager Hochschule übertragen wurde. Als dann im nämlichen Jahre Nebesky [Bd. XX, S. 109] nach seiner Wahl in den österreichischen Reichstag die Redaction der „Narodní noviny“, d. i. Die Volkszeitung, welche er an des verhafteten Havliček Stelle übernommen hatte, aufgab, leitete Tomicek dieses Blatt, bis Letzterer, aus der Haft entlassen, sein Mandat als Abgeordneter des österreichischen Reichstages niederlegte. Im Uebrigen beschäftigte er sich fleißig mit [89] linguistischen Arbeiten, vornehmlich in seiner Muttersprache, und leistete darin namentlich nach praktischer Seite Verdienstliches. Dies mochte in ihm auch den Gedanken erweckt haben, sich nach Koubek’s im Jahre 1854 erfolgtem Tode um die Professur der čechischen Sprache an der Prager Hochschule zu bewerben, wozu er sich um so mehr berechtigt glaubte, als er ja früher schon dieses Lehramt supplirt hatte. Er unternahm, um seiner Bewerbung durch persönliches Eingreifen besonderen Nachdruck zu geben, die Reise nach Wien. Aber seine Schritte blieben erfolglos, und war auch, bemerkt sein Biograph, die Kränkung, die ihm durch diesen Mißerfolg widerfuhr, nicht eben die Ursache seines Todes, so verschlimmerte sie doch den Zustand des seit früher Jugend Leidenden und mochte so sein Ende beschleunigt haben. In seinen letzten Lebensjahren beschäftigte er sich mit der Ordnung und Durcharbeitung seiner sprachlichen Schriften, welche er zu einer neuen Gesammtausgabe vorbereitete; dann sammelte er seine zahlreichen, im Laufe der Jahre in verschiedenen Zeitschriften veröffentlichten Uebersetzungen russischer Erzählungen. Wir lassen hier eine Uebersicht seiner gedruckt erschienenen Schriften in chronologischer Reihe folgen: „Dobo prvního člověčenstva, aneb úplnější vylíčení stavu prvního pokolení ludského“, d. i. Der Zustand der ursprünglichen Menschheit oder vollständige Aufzählung der Verhältnisse des ersten menschlichen Geschlechts (Prag 1846, Verlag des böhmischen Museums); auch der VI. Band der „Novočeska Biblioteka“, d. i.. Neučechische Bibliothek; – „Obrazy světa čili popsání rozličných národů, jejich života, spůsobů, obyčejů....“, d. i. Bilder der Erde oder Beschreibung verschiedener Völker ihrer Lebensweise, ihrer Gewohnheiten, Gebräuche u. s. w., 6 Hefte (Prag 1846 bis 1847, Calve, 12°.); – „Proslov... k jeho posluchačům při nastoupení na stolici českého jazyka a literatury dne 20 listop. 1848“, d. i. Vorerinnerung an seine Zuhörer bei Antritt des Lehramtes der čechischen, Sprache und Literatur am 20. November 1848 (Prag 1848, 8°.); – „Děje anglické země“, d. i. Die Geschichte Englands (Prag 1849, Musealverlag, 8°.), auch der XIII. Band der „Novočeska Bibliotéka“; – „Dějiny Spanielské od prvních pokud známo začátků až na naše časy“, d. i. Geschichte Spaniens von den ersten so weit bekannten Anfängen bis auf unsere Zeiten (Prag 1850, 8°.), vom Verein zur Herausgabe von Gymnasialschulbüchern; – „Česká mluvnice nově vzdělaná“, d. i. Čechische Sprachlehre nach neuem System (Prag 1850, Calve; bis zum Jahre 1867 8 Auflagen; seit der 5. Auflage bei Tempsky, 8°.); – „Pravopis dle ústrojnosti českého jazyka“ d. i. Rechtschreibung zur Vollendung der böhmischen Sprache (Prag 1850, Calve, 8°.; 2. vermehrte Aufl. 1862, Tempsky, 8°.); – „Lehrbuch der böhmischen Sprache für Deutsche. Neu bearbeitet“ (Prag 1851, Calve; 2. vermehrte und verbesserte Auflage Prag 1855, F. Tempsky, 8°.); – „Praktický úvod k rychlému a snadnému naučení se české řeči pro Čechy a Němce“, d. i. Praktischer Lehrgang zur schnellen und leichten Erlernung der čechischen Sprache für Böhmen und Deutsche (Prag 1852, Kronberger, 8°.); – „Zábavné čtení ve slovanských jazycích. Svazek I“, d. i. Unterhaltende Lesestücke in slavischen Sprachen. Erstes Heft (Prag 1857, 8°.); ist nur dieses eine Heft erschienen; – „Povídky zábavné. Z ruského přeložil“, d. i. Unterhaltende Geschichten. Aus dem [90] Russischen (Prag 1863, Pospišil, kl. 16°.). Noch ließ er im fünften Bande der von Malý herausgegebenen „Biblioteka zábavného čtení“, d. i. Bibliothek unterhaltender Lecture, des Russen Senkovski Novelle: „Das Vorurtheil“ unter dem Titel: „Předsudek“ erscheinen und besorgte die čechische Uebersetzung der Schrift von Joh. Kollar: „Ueber die literarische Wechselseitigkeit zwischen den verschiedenen Stämmen und Mundarten der slavischen Nation“. Damit wäre wohl das Wesentliche von Tomicek’s schriftstellerischer Thätigkeit erschöpft. Im Gegensatze seiner in der Jugend zur Schau getragenen Polenliebe, welche seinem Wohlthäter Čelakovsky Amt und Stelle gekostet, war er in seinen alten Tagen ein Russenfreund und ein enthusiastischer Verehrer der russischen Vergewaltigungspolitik, der den letzten Aufstand der Polen entschieden verurtheilte. Uebrigens erfreute er sich ob seiner großen Empfindlichkeit in den Kreisen, in welchen er verkehrte, geringer Beliebtheit und verstand es auch nicht, durch seinen Umgang sich Freunde zu erwerben. Dabei aber war er ein Nationaler vom reinsten Wasser, der, soweit es ihm seine Abgeschiedenheit gestattete, für die Belebung des Volksgeistes energisch wirkte. In seinem Nachlasse sollen sich Vorarbeiten zu einem großen čechischen Wörterbuche nebst Syntax befunden haben.

Jungmann (Joseph). Historie literatury české, d. i. Geschichte der čechischen Literatur (Prag 1849, F. Říwnáč, schm. 4°.). Zweite von W. W. Tomek besorgte Aufl., S. 141. – Šembera (Alois Vojtěch). Dějiny řeči a literatury československé. Věk novější, d. i. Geschichte der čechoslavischen Sprache und Literatur. Neuere Zeit (Wien 1868, gr. 8°.) S. 299.