BLKÖ:Nebeský, Wenzel

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
korrigiert
<<<Vorheriger
Nawratil
Nächster>>>
Nečásek, Johann
Band: 20 (1869), ab Seite: 109. (Quelle)
[[| bei Wikisource]]
Václav Bolemír Nebeský in der Wikipedia
GND-Eintrag: 131697706, SeeAlso
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Linkvorlage für Wikipedia 
* {{BLKÖ|Nebeský, Wenzel|20|109|}}

Nebeský, Wenzel (čechischer Dichter, geb. zu Neuhof im Časlauer Kreise Böhmens 18. August 1818). Sein Vater war von Geburt ein Čeche, die Mutter eine Deutsche. Zu Hause wurde meistens čechisch gesprochen, obgleich Schule und Pfarre deutsch waren. Kurze Zeit besuchte Wenzel die čechische Schule zu Šewanović, dann jene zu Böhmisch-Leipa, bis er im Jahre 1830, damals 12 Jahre alt, das Gymnasium zu Leitmeritz bezog. Daselbst beschäftigte er sich viel mit deutscher Literatur; später, in den Humanitätsclassen, mit der griechischen Sprache und Literatur, die er mit so viel Eifer betrieb, daß er die Epen Homer’s und Hesio’s[WS 1], die bukolischen Gesänge Theokrit’s, Bion’s und Moschus’, die lyrischen Dichtungen Anakreon’s und die Tragödien des Sophokles im Originale las, ohne dabei die lateinischen Classiker zu vernachlässigen, unter denen ihn vor allen neben Virgil und Horaz die Elegiker CatullCatull, Tibull und Properz anzogen. Als er dann 1836 die philosophischen Studien an der Prager Hochschule begann, schritt er in der griechischen Lectüre zu Aeschylos, Aristophanes, Pindar und theilweise zu Plato vor. Von philosophischen Systemen interessirte er sich im Anbeginn für Herbart, nach dessen System damals Exner [Bd. IV, S. 115] lehrte, später machte er sich mit jenen Fichte’s, Hegel’s, Schelling’s und insbesondere des Mystikers Jacob Böhme [110] bekannt. Auch die Symbolik Creuzer’s und selbst einige theologische Disciplinen zog er in den Bereich seines Studiums. Bis zu seinem Abgange auf das Leitmeritzer Gymnasium, besaß er nur sehr nothdürftige Kenntnisse der čechischen Literatur, so kannte er z. B. die Königinhofer Handschrift[WS 2] nur aus der Uebersetzung Swoboda’s, einige Gedichte Čelakowsky’s [Bd. II, S. 315] und Kollar’s [Bd. XII, S. 325] aus den Nachbildungen Wenzig’s. In Prag aber, wo er die Bestrebungen der čechischen Patrioten und mit denselben den Geist und den Umfang der čechischen Literatur kennen lernte, da holte er in kurzer Zeit nach, was er bis dahin versäumt hatte, und machte sich mit der Literatur seines Vaterlandes in allen ihren Richtungen sorgfältig bekannt, ohne jedoch darüber deutsche Wissenschaft und Bildung, der er doch bis dahin Alles verdankte, gering zu schätzen und zu vernachlässigen. Nun begann er auch selbst in seiner Muttersprache zu dichten, und seine ersten metrischen Arbeiten erschienen in der čechischen Zeitschrift Květy (d. i. die Blüthen), später, auch in der Včela (die Biene), im Vlastimil und im Almanach Vesna (der Frühling). Nachdem er die philosophischen Jahrgänge beendet, entschied er sich nicht sofort für ein Fachstudium, sondern trieb vor der Hand noch das Studium der damals sogenannten Naturphilosophie Schelling’s, las dabei Oken und Schubert und nachdem er sich mit den Hauptvertretern dieser Wissenschaft bekannt gemacht, wählte er das Studium der Medicin. Er besuchte nun die Vorträge Hyrtl’s [Bd. IX, S. 464], der seit 1837 zum Professor der Anatomie an der Prager Hochschule ernannt, dort den Grund zu seiner europäischen Berühmtheit legte, und hörte jene Redtenbacher’s über Chemie. Auch Johannes Mueller, der berühmte Physiologe, und Justus Liebig fesselten seine Aufmerksamkeit. So zog er denn naturwissenschaftlicher Seits Alles in den Bereich seines Studiums, was damals als groß und bedeutend galt und sich auch später als groß und bedeutend bewährte. Aber für die praktische Medicin, für die Ausübung des ärztlichen Berufes am Krankenbette empfand er keinen Trieb in sich, und so entschied er sich für eine Erzieherstelle in Wien, die er von 1843 bis 1846 versah und sich während dieser Zeit fleißig mit Literatur beschäftigte. Das Ergebniß dieses Studiums war eine Folge von Forschungen über die ältesten Denkmäler der Literatur überhaupt und seiner heimischen insbesondere; sie erschienen sämmtlich im Časopis českého Museum, es sind folgende: Tristram, Alexandreis, der Quacksalber, Bruchstücke von Legenden, die Kindheit Jesu, der Kampf der Seele mit dem Körper, die Liebeslieder des Königs Wenzel, von den sieben Märtyrern, die Waisenkinder, der Mai-Traum, die Legende vom h. Alexius, die Königinhofer Handschrift u. s. w. Während seines Aufenthaltes in Wien erschien auch selbstständig die Dichtung: „Protichůdci. Báseň lyricko rozpravna“, d. i. Die Gegenfüßler, ein lyrisch-didaktisches Gedicht (Prag 1844, Pospischil, 8°.), welches Professor Anton Zavadzki bald darauf ins Polnische übersetzte. Im Jahre 1846 kehrte N. nach Prag zurück und übernahm eine Erzieherstelle im Hause des Ritters von Neuberg, welche er bis zum Jahre 1852 versah. In der Zwischenzeit, 1847, übergab ihm Havliček [Bd. VIII, S. 98] die Redaction der Biene (Včela), welche N. fast ausschließlich besorgte; in derselben [111] erschien damals seine Novelle: „Der Visionär“‘, zugleich beschäftigte er sich mit der Uebersetzung der Komödien des Aristophanes’, wovon er in den Jahren 1849 und 1850 die „Acharner“ und „Die Ritter“ in der böhmischen Museal-Zeitschrift (Časopis) veröffentlichte. Daß er im denkwürdigen Bewegungsjahre 1848 nicht als theilnahmsloser Zuschauer die Ereignisse an sich vorübergehen ließ, versteht sich bei seinem Alter – er zählte damals 30 Jahre – und bei seinen Anschauungen von selbst. Vor allem wurde er in den National-Ausschuß gewählt und nahm Theil an den Vorbereitungen und Versammlungen des slavischen Congresses. Auch in das Gebiet der Publicistik verirrte er sich, als Havliček, verdrießlich über die Wendung der politischen Verhältnisse sich ausschließlich dem humoristischen und satyrischen Gebiete zuwendete. Anfänglich sollte N. seinem Freunde bei der Redaction der Narodni noviny (d. i. Volksblatt) nur als Mitarbeiter behilflich sein, als aber Havliček Ende Juni verhaftet wurde, mußte N. ganz allein die Leitung des politischen Blattes besorgen. Später, als er für den Kreis Neubenatek in den österreichischen Reichstag gewählt worden, legte er die Redaction ganz nieder. Es soll ihm überhaupt wiederholt die Redaction politischer Journale, unter anderen jene der Prager (amtlichen) Zeitung, wie auch früher schon der Eintritt in den Staatsdienst angeboten worden sein, was er jedoch beides ablehnte. Als in den Octobertagen endlich die Revolution in Wien ausbrach, verließ N. die Residenz, fand sich aber, als der Reichstag in Kremsier zusammentrat, daselbst wieder ein, legte jedoch noch vor Auflösung des Reichstags, keine Spur seines Wirkens in demselben zurücklassend, sein Mandat nieder. Im Jahre 1850 übernahm N. eine Docentur an der Prager Hochschule, da er aber zugleich seine Erzieherstelle versah, konnte er nicht auch die ihm schon damals angebotene Redaction des Časopis českeho museum übernehmen. Im Jahre 1851 aber trat er dieselbe an und als Nachfolger Erben’s [Bd. IV, S. 60] die Secretärstelle des kön. böhmischen Museums und der Matice česka, wie er denn auch noch die Cassiergeschäfte des Vereins zu besorgen hatte. Diese, wie die Redaction des Časopis versah N. bis zum Jahre 1861, in welchem Jahre die Redaction auf Jaroslaw Vrtátko überging. Indessen blieb N. fortwährend literarisch thätig. Selbstständig ist von ihm nur wenig erschienen, und zwar: „Aristarchus redivius. Ein offenes Brieflein an Dr. I. J. Hanuš“ (Prag 1858, 8°.); – „Eumenidy, tragedie Ayschylova“ (Prag 1862) und „Prometheys, tragedie Ayschiylova“ (ebd. im näml. Jahre), beide Uebersetzungen auf Kosten der Matice česka gedruckt; mit Dr. Čejka [Bd. XI, Nachträge, S. 378] im Vereine gab er einen Strauß spanischer Romanzen (kytica z romanci spanelských) und ferner allein im Jahre 1864 eine Uebersetzung neugriechischer Volkslieder heraus. Außer den bereits oben angeführten literarischen Studien, die er im Časopis českého museum über ältere Literatur veröffentlicht hat, ließ er unter anderen in dieser Zeitschrift noch folgende Arbeiten erscheinen: Ueber Shakespeare (Jahrg. 1851 u. 1852); Ueber mittelalterliche böhmische Satyren (1852); Die Geschichte der Königinhofer Handschrift (1853); Ueber die tragische Dichtung der Griechen (1853 u. 1854); Ueber die spanische Romanze (1856); Ueber die neugriechischen Volkslieder (1863); auch versuchte er im Časopis Büdinger’s [112] Ansichten über verschiedene Puncte der böhmischen Geschichte zu bekämpfen. Es ist nichts Neues, was N. in diesen Arbeiten sagt, aber, was er mittheilt, ist auf Grund tüchtiger Studien gearbeitet und für seine Nation neu. Noch sei erwähnt, daß N. auch ein sehr fleißiger Mitarbeiter des von Rieger herausgegebenen „Slovník naučný“ ist. Nebeský zählt zu den kenntnißreichsten und vielseitigsten Schriftstellern der Gegenwart des čechischen Volkes; er hat gründliche Studien gemacht, hat Geschmack in der Wahl der Stoffe, die er bearbeitet, und hält im Nationalitätsrumor der Gegenwart jene rechte Mitte, die immer das Merkmal eines wirklich gebildeten und unterrichteten Mannes ist.

Wenzig (Joseph), Blicke über das böhmische Volk, seine Geschichte und Literatur u. s. w. (Leipzig 1855, Brandstetter, 8°.) S. 139. – Sonntagsblätter (Wien, Pfautsch, 8°.) V. Jahrg. (1846), S. 1086: „Aufzeichnungen zur Geschichte der neuczechischen Poesie“, von Siegfried Kapper. – Jungmann (Josef), Historie literatury české, d. i. Geschichte der böhmischen Literatur (Prag 1849, F. Řiwnáč, 4°.) Zweite, von W. W. Tomek besorgte Ausgabe, S. 602 [nach diesem geboren am 19. August 1819]. – Slovník naučný. Red. Dr. Frant. Lad. Rieger, d. i. Conversations-Lexikon. Redigirt von Dr. Franz Ladisl. Rieger (Prag 1859, Kober, Lex. 8°.) Bd. V, S. 680 [nach diesem geb. 18. August 1810]. – Hanuš (I. J. Dr.), Quellenkunde und Bibliographie der böhmisch-slovenischen Literaturgeschichte vom Jahre 1348–1868 (Prag 1868, gr. 8°.) S. 119, 147, 149, 150, 156, 159, 162, 164, 166, 179, 182, 183, 219.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Hesio’s.
  2. Vergleiche dazu Königinhofer Handschrift (Wikipedia).