Beschreibung von Uffenheim, und der sogenannten Hirsbreykirchweih daselbst

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Textdaten
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Autor: K. [Anonym]
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Titel: Beschreibung von Uffenheim, und der sogenannten Hirsbreykirchweih daselbst
Untertitel:
aus: Journal von und für Franken, Band 5, S. 561-573
Herausgeber: Johann Caspar Bundschuh, Johann Christian Siebenkees
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1792
Verlag: Raw
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Erscheinungsort: Nürnberg
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Quelle: UB Bielefeld, Commons
Kurzbeschreibung:
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V.
Beschreibung von Uffenheim, und der sogenannten Hirsbreykirchweih daselbst.
Ihrem Verlangen gemäß liefere ich Ihnen hier eine Beschreibung von Uffenheim, so gut ich sie bey meinem kurzen Aufenthalt verfertigen konnte, und so viel mir möglich war zu sehen und zu bemerken. Die Stadt Uffenheim, die schon von undenklichen Zeiten her eine Haupt- und Legstadt genennet wird, liegt in dem untergebirgichten Fürstenthum, an dem Fluß Gollach, 8 bis 9 Stunden von Anspach gegen den Mayn herab entfernt. Über den Namen kann nichts gewisses gesagt werden, weil die ältesten Urkunden fehlen, und das, was man davon findet, beruht auf blossen Muthmassungen. Ehehin gehörte sie den Grafen von Hohenlohe, wurde aber im 14ten Jahrhundert an die Burggrafen von Nürnberg verkauft, von welcher Zeit an sie immer mit diesem fürstlichen Hause unzertrennlich verbunden blieb. Die Stadt ist nicht groß, denn sie zählt nicht mehr als 200 Häuser, und im Jahr 1787 belief sich die Anzahl der| hiesigen Einwohner auf 1440 Menschen; doch gibt es zum Theil schöne Häuser und sehr begüterte Bürger daselbst. Das Rathhaus, welches auf dem Markte stehet, ist hoch und sehr gut gebaut; so wie auch das Schloß, welches gegenwärtig in ein Kornmagazin verwandelt worden, nicht weniger ansehnlich und sehr bequem eingerichtet ist. Auch befindet sich hier, eine Oberamtskanzley und Registratur in dem äussern Schloßhof, welche im Jahr 1702 erbaut worden. Es sind hier zwey Kirchen, nämlich eine Stadtkirche und Spitalkirche. Jene ist sehr schön und groß, und ist in den Jahren 1726 bis 1731 erbauet worden; diese aber ist nicht groß, doch kann sie auch nicht klein genennet werden. Das Jahr ihrer Erbauung kann ich nicht angeben, so viel sieht man aber, daß sie schon einige Jahrhunderte mag erlebt haben. Die Herren Geistlichen an diesen beyden Kirchen sind: der Dechant und Stadtpfarrer Esenbek, ein Mann von ausgezeichneter Gelehrsamkeit und Geschicklichkeit, der die Gabe hat, das menschliche Herz durch seinen Vortrag zu rühren und zur Tugend zu erwärmen, und der zugleich mit dieser Eigenschaft Güte, Menschenliebe, Gefälligkeit, überhaupt alles,| was seinem Amte Ehre macht, vereinigt – und der Spitalpfarrer Stierlein, ebenfalls ein rechtschaffener Mann, und ein herzlicher, geschickter und eifriger Prediger des Wortes Gottes. Für die Erziehung und den Unterricht der Jugend ist gut gesorgt. Schon lange war eine Lateinische Schule vorhanden, in der man es ziemlich weit bringen konnte, wenn anders die Eltern nicht selbst ihre Kinder davon abhalten wollen. Im Jahr 1738 wurde sie in das Spital gerichtet, und zu mehrerer Bequemlichkeit sind auch darin zugleich für die Lehrer Wohnungen gemacht worden. Sie besteht aus 3 Classen, und man sieht immer darauf, geschickte Männer, wenigstens gelehrte Rectoren zu haben, so wie der gegenwärtige Herr Rector Scherzer ein Mann von großer Geschicklichkeit ist. Für die Mädchen sind 2 besondere Schulen an der Marktstraße vorhanden in einem besondern Hause, worin auch die beyden Teutschen Schullehrer wohnen. Zur Erlernung der Französischen Sprache besoldet die Stadt von ihren Einkünften einen eigenen Sprachmeister. Der gegenwärtige heißt Schnerr und ist zugleich ein Buchbinder; spricht aber die Französische Sprache fertig und gut, und ist keineswegs ungeschickt, andern diese Sprache| beyzubringen, wenn nur seine Schüler einen anhaltenden Fleiß beweisen wollten.
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Die Stadt hat 7 Jahrmärkte und 3 Viehmärkte, an welchen sie das Standgeld einnehmen darf, und das Recht hat, alle Frevel, die an diesen Tagen begangen werden, zu bestrafen. Hiezu kommt noch, daß sie viele Freyheiten genießt, welche viele andere Städte nicht haben. Sie darf die Lichtmeßsteuer, alles Ungeld und Bürgergeld gegen Erlegung einer gewissen Summe an den Landesherrn zu ihrem Besten verwenden, darf keine Juden dulden, ist frey vom kleinen Zehenden, frey vom Handlohn und Bürgermeisteramt die Bürger selbst. In ihrem Wappen führt sie einen aufrechtgehenden oder springenden Löwen, oder Leoparden, der vermuthlich von dem Hohenlohischen Wappen herkommt, unter dessen Herrschaft die Stadt ehehin gestanden hat, und zwar in dem Herz- oder Mittelschildlein, mit 2 schwarzen und 2 weisen Feldern. Unter den Straßen ist die, welche durch die neue Anlage ausser dem obern Thor entstanden ist, die schönste, denn sie ist gerade und weit, da hingegen die andern krumm, eng und bergicht sind. Von der Reinlichkeit der| Stadt kann man nichts gutes sagen, weil nur äusserst selten die Straßen von Koth gereiniget werden: woher es denn auch kommt, daß man, wenn es nur einen halben Tag hindurch regnet, kaum von einem Hause zum andern gehen kann. Was die äussere Gegend der Stadt betrifft, so muß ich bekennen, daß sie schön ist, und manches Vergnügen gewährt. Es werden verschiedene Arten von Getraide hier gebaut: denn der Boden ist sehr gut; aber Wein nicht. In den vorigen Zeiten wurde er gebaut; er muß aber nicht so viel eingetragen haben, daß man die Kosten, die damit verbunden waren, hätte bestreiten können: denn schon von dem Jahr 1641 findet man, daß die hiesigen Bürger bey der gnädigsten Herrschaft angesuchet haben, ihre Weinberge in Ackerfeld verwandeln zu dürfen, welches ihnen auch erlaubt worden ist. Unter den Künstlern verdient keiner genennet zu werden, als des Maurermeisters Entner Sohn, der taub und stumm ist, aber in Steinhauerarbeiten seinen Meister sucht. Alle die Arbeiten, die er gemacht hat – einige davon kann man auf dem hiesigen Gottesacker sehen – wird jeder Kenner bewundern, wenn er auch nicht weiß, daß er alles| für sich selbst ohne viele Anweisung gelernet hat. Noch nicht lange ist es – sagt man mir – daß der bekannte Mechanikus Schuster, der wegen einer Rechenmaschine berühmt ist, auf welcher man viele Millionen in einem Augenblick, ohne zu irren, ausrechnen kann, hieher von Westheim gezogen ist; er soll aber nicht lange da bleiben, weil er vom Herrn Minister von Hardenberg das Bürgerrecht zu Anspach wegen seiner Geschicklichkeit erhalten hat, und sich allem Vermuthen nach dahin begeben wird. Überdieß hat die Stadt noch aufzuweisen einen gelehrten und erfahrnen Arzt, der sich durch viele Euren großen Ruhm und ein ansehnliches Vermögen erworben hat; und einen geschickten Apotheker. Ersterer heißt Bernhold, und letzterer Kirchner.
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Die Justizpflege ist sehr gut bestellt: denn sie wird von zwey rechtschaffenen Männern – vom Herrn Kammerrath Jung, der zugleich Kastner ist und unparteyisch handelt, und Herrn Stadtvogt Köhler verwaltet. Das einzige ist hier zu tadeln, daß man in Ansehung des Policeywesens etwas nachsichtsvoll ist, woher es denn kommt, daß sich jeder in seinem Gewerbe gewisse Freyheiten erlaubt, die eingeschränkt,| oder gänzlich abgestellet werden sollten.

Was die Sitten der hiesigen Einwohner betrifft; so kann ich Sie versichern, daß diese mit den Sitten der Franken meistentheils übereintreffen; doch gibt es auch redliche, höfliche, gesellige und freundschaftliche Personen unter ihnen, die wissen, wie man einen Fremden behandeln soll. Unter dem andern Geschlecht gibt es bisweilen ein leidliches Gesichtchen; aber ich wüßte nicht, welche ich schön nennen sollte. Meinetwegen mag es auf mich böse werden oder nicht. Das weiß ich wohl, daß sich das Frauenzimmer eher Ehre und Tugend absprechen läßt, als Schönheit. Damit will ich aber nicht behaupten, als wenn sie alle Ehre und Schamhaftigkeit ausgezogen hätten, nein – hier muß ihnen auch ihr Feind Gerechtigkeit widerfahren lassen – ich rede nur von Schönheit.

Übrigens muß ich noch zur Ehre der hiesigen Einwohner sagen, daß sie fleißig sind, und sich zu allen Geschäfften sehr wohl verstehen. Auch suchen sie sich in allen Stücken zu verbessern; aber ganz vollkommen aufgeklärt sind sie noch nicht, einige von ihnen sind noch zu sehr bigott und abergläubisch.

| Ich könnte Ihnen noch mehreres hievon sagen, wenn ich nur genug Zeit dazu hätte, und die ich noch übrig habe, muß ich anwenden, Ihnen noch von einer andern Sache Nachricht zu geben, die um so auffallender ist, je sonderbarer sie ist. Haben Sie in Ihrem Leben je von einer Hirsbreykirchweih etwas gehört? Nicht wahr, Sie müssen darüber lachen? Ich selbst lachte, als mir mein Wirth davon umständlich erzählte. Es ist aber auch etwas drollichtes, welches das Zwerchfell so ziemlich erschüttern kann. Hören Sie nur: In der Spitalkirche soll vornen an dem Thor neben dem sogenanten Pfarrstuhl ein Stein aufgerichtet stehen, auf welchem ein Herr abgebildet ist, der für den Stifter der sogenannten Hirsbreykirchweih gehalten, und weil sie jährlich am Tage Petri und Pauli feyerlich begangen wird, deswegen der Hirsbreypeter genennt wird. Ob er wirklich der erstgenannte, oder ein Sohn des Grafen Ludwigs von Hohenlohe, wie die Umschrift zu erkennen geben soll, ist, hatte ich keine Zeit zu untersuchen. Diese Feyerlichkeit beginnt folgendermassen: So bald der Morgen graut, der den Tag der beyden Apostel Petrus und Paulus verkündigt, sobald macht| man Anstalten von Seiten des Spitalpflegamts, daß 5 große Kesseln, in welchen Hirsbrey gekocht wird, auf den Spitalhof gebracht, und zu ihrer Bestimmung angeschickt werden. Diese 5 Kessel nehmen den ganzen Spitalhof ein. An diesem Tage wird in der Stadtkirche nicht geprediget, sondern nur in der Spitalkirche, und alle Actus, die an diesem Tage sollen und müssen verrichtet werden, müssen in der letzten Kirche geschehen. Daß sich bey dieser Gelegenheit viele Menschen versammeln, ist leicht zu erachten, weil viele noch zu sehr an das Sinnliche gewöhnt sind, und also nur kommen, um zu sehen und nicht um zu hören. Mittlerweile kocht der Hirsbrey schon so ziemlich, und wird beständig mit einem großen hölzernen Löffel herumgerührt, und dieß so lange, bis alle Glocken 12 Uhr ausgeschlagen haben. Dann versammeln sich die Glieder dieser Feyerlichkeit, die geist- und weltliche Dienerschaft mit Inbegriff einiger Magistratspersonen, in dem Spitalauditorio, und von da ziehen sie in bestmöglicher Ordnung in die Spitalkirche. Ist man nun da angekommen, so verweilt der obere Chor keinen Augenblick, das Lied anzustimmen: Nun danket alle Gott etc. und wenn dieß geschehen ist, tritt ein| Alumnus auf, und betet das Tischgebet, wie es in dem Katechismus steht, vor und nach dem Tisch, mit heller und vernehmlicher Stimme her, und den Schluß macht der Seegen, welchen einer von den anwesenden Geistlichen spricht. Drauf zieht sich der Zug wieder zurück in das obengenannte Auditorium, wo man gedeckte mit Wein, Confect, Gebackenen und Hirsbrey belastete Tafeln antrifft, von denen man nehmen kann, was man will, und wozu noch mehrere vornehme Personen, vom männlichen und weiblichen Geschlecht aus allen benachbarten Orten eingeladen werden, und sich auch wirklich dazu einfinden. Überhaupt dieser Tag wird von der Seite recht vergnügt und unter frohen Scherzen zugebracht: denn es geht alles auf Rechnung des Hirsbreypeters oder vielmehr des Spitals. Nun werden auch die in dem Hofe stehenden 5 Kessel ihrer Last entledigt. In jedes Haus wird durchgehends ein Schüsselchen Hirsbrey nebst einem Laiblein Brod geschickt, und jeder Hausvater läßt es sich angelegen seyn, solches mit den Seinigen dankbar zum Andenken des Hirsbreypeters zu verzehren. Von diesem Hirsbrey bekommen die Honoratioren dieser Stadt und andere angesehene Familien nichts; sondern| für diese wird ein ganz besonderer mit Rosinen und Zimmet in der Küche des Spitals zubereitet, und solcher ist es auch, der auf die Tafel in dem Auditorio aufgetragen wird. Wenn nun alles rein aufgezehret ist, geht man nach Hause, und somit endigt sich auch die Feyer dieses Tages.
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Was werden Sie wohl hiezu sagen? Vielleicht sind Sie meiner Meinung, daß es wahre Thorheit sey, wenn man in unsern aufgeklärten Zeiten noch so etwas unternimmt, woran der Aberglaube der Vorzeit so viel Gefallen hatte. Im Herzen habe ich die Uffenheimer bedauert, daß sie noch so sehr an jenen Überbleibseln kleben, und nicht dafür sorgen, daß sie abgeschafft werden. Auf solche Weise sind in der That die Katholiken besser daran, die kein Bedenken tragen, Feste, Feyertage und andere Feyerlichkeiten abzustellen, die von ihren Vorfahren heiliger, als je etwas, gehalten worden sind. Und wie leicht könnte dieß geschehen! Oder soll vielleicht der Hirsbreypeter alsdann umgehen,[1] wenn zu seinem Andenken diese Feyerlichkeit aufgehoben würde? So groß diese Einfalt wäre, so muß ich Ihnen doch sagen, daß noch| manche unter ihnen dieß glauben sollen, ob man gleich dagegen alles versucht und angewandt hat. Ehehin wurde zugleich an diesem Tage in jedes Haus eine Maas Milch nebst einer Kreuzersemmel geschickt, weil es eben auch eine sogenannte Stiftung war; ein zeitiger Spitalpfleger aber sahe, daß damit mancher offenbarer Betrug gespielet worden, und brachte es dahin, daß seit einigen Jahren mit dem Hirsbrey und Laiblein Brod in jedes Haus 4 Kreuzer statt der Milch und Semmel geschickt werden. So gut nun dieß angehen konnte, so gut – glaube ich – könnte es eben auch angehen, wenn man alles zu Geld verwandelte, und auf diese Weise den Bedürffnissen der Armen – denn gewiß nur für diese ist die Stiftung geschehen – zu Hülfe käme. Dann hätte man aber auch nicht zu befürchten, daß durch das Hirsbreykochen auf dem Spitalhof einmahl bey großem Winde Feuer entstehen könnte, und die Bürger hätten nicht Ursache, beym Regenwetter, wo der Hirsbrey keineswegs auskochen kann, ihn noch einmahl kochen zu lassen. Und wollten ja an diesem Tage diejenigen, die sich von dem gemeinen Volk unterscheiden, ein Vergnügen genießen, so könnte es wohl ein anderes seyn. Muß man denn zum Schaden| des andern ein Vergnügen genießen? Ich muß hier abbrechen, um nicht weitläuftig zu werden. Zu einer andern Zeit schreibe ich Ihnen mehrers von Uffenheim.

Ehe ich aber noch ganz schließe, muß ich Ihnen doch auch sagen, daß ich in der Post logire. Es ist zwar in allen Wirthshäusern gut zu logiren; aber ich werde nur immer, so oft ich nach Uffenheim kommen sollte, die Post wählen, und dieß deßwegen, weil es da so artige Gesellschaften gibt. Sie wissen, daß ich immer gerne in solchen Gesellschaften bin, welche aus gut gesitteten, muntern und verständigen Personen bestehen, und dergleichen findet man in der Post. Kaum konnte ich den Abend erwarten, wo diese braven und rechtschaffenen Leutchen zu muntern und vertraulichen Gesprächen sich versammelten, die dem Geiste so manche Nahrung darbieten, und immer war ich ungehalten, wenn die Glocke 10 Uhr schlug, weil sich um diese Zeit einer um den andern der Gesellschaft entzog, welcher ich gerne bis um Mitternacht beygewohnt hätte. So angenehm verstrich mir hier die Zeit, und nur zu oft bedauerte ich, daß sie Flügel hatte etc.

Ihr reund
treuer Freund
K. reund

Uffenheim, den 30 Julii 1792.



  1. d. i. spucken.