Der deutsche Béranger

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Autor: Ernst Ziel
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Titel: Der deutsche Béranger
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aus: Die Gartenlaube, Heft 29, S. 487–490
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Der deutsche Béranger.
Eine Skizze nach handschriftlichen Mittheilungen.

„Wir hatten die Romantik so recht eigentlich gepachtet und sogen sie mit jedem Athemzuge ein,“ sagte uns vor längerer Zeit ein hochbetagter Berliner Freund, der, selbst literarisch thätig, in den zwanziger und dreißiger Jahren dieses Säculums jenem Dichterkreise von Spree-Athen angehört hatte, in welchem der mystisch-katholische Eichendorff, der nordisch-reckenhafte Fouqué und der kosmopolitisch-philosophische Chamisso den Ton angaben.

„Die Romantik gepachtet!“ Diese humoristisch gemeinten Worte des Alten – nun schläft er längst bei den Todten des Jerusalemer Friedhofes zu Berlin – tauchten lebhaft vor unserer Erinnerung auf, als uns neulich vergilbte Papiere durch die Hand glitten, welche die Schriftzüge eines der hervorragendsten Vertreter jener Zeit der Berliner Troubadoure tragen. Es waren Erinnerungsblätter an und von Franz von Gaudy, [488] Briefe und Niederschriften aus dem Nachlasse dieses Sängers der leichtgeschürzten Chansons und der volltönenden Kaiserlieder, welche unter den Vertretern der Heine’schen Schule bekanntlich einen der ersten Plätze einnimmt. Mit seinem Meister hat er das flotte, burschikose Wesen und den französischen Esprit gemein, aber er ist vornehmer und cavaliermäßiger als Jener. Eine gewisse soldatische Strammheit giebt ihm etwas von militärischer Bravour, welche ihm nicht übel steht, und Rudolf Gottschall findet das bezeichnende Wort, wenn er ihn den „Heine mit dem Schnurrbarte“ nennt.

Wir verdanken die erwähnten Aufzeichnungen von und über Gaudy der Güte der Frau Constanze von Kalckreuth, der in hohem Alter in Wiesbaden lebenden Schwester des gefeierten Dichters. Diese bisher noch zu keiner Veröffentlichung benutzten interessanten Documente enthalten zahlreiche neue Daten zum Leben und Schaffen Gaudy’s, und dürfte der Inhalt derselben, besonders aber eine Reihe von Aufzeichnungen der eben genannten Dame, um so passender zu der nachfolgenden Skizze benutzt werden, als am 19. April des vorigen Jahres sich ein Dreivierteljahrhundert seit der Geburt unseres Poeten vollendete – Veranlassung genug, um dieses deutschen Béranger’s einmal wieder zu gedenken.

„Bei meiner Geburt,“ erzählt Gaudy’s Schwester, „soll der fünfjährige Bruder, der eher französisch als deutsch sprach, unablässig gerufen haben: ‚Moi, je veux, qu’on la nomme Constance, comme Maman – ich will, daß man sie Constanze nennt, wie Mama.‘ Der Wille des kleinen Haustyrannen ging durch, und mit diesem Namen wurde mir das Lebensprogramm gestellt; denn ich bin ihm in Beständigkeit eine treue Schwester gewesen; er hat mir manchen Schmerz, viele Sorgen bereitet, aber doch – welch hohes Glück verdanke ich ihm und seinen großen Gaben!“

Die schöne geniale Mutter, eine geborene Gräfin von Schmettow, erzog die Kinder nach Rousseau’schen Grundsätzen in fesselloser Freiheit, die dem Knaben oft so weit die Zügel schießen ließ, daß er in der überschäumenden Kraft seines Wesens nicht selten zur Geißel der Familie wurde. Der Vater, General von Gaudy, wurde fast ganz von seinen dienstlichen Functionen in Anspruch genommen, und jene kriegerischen Zeiten, in welche die ersten Lebensjahre unseres Dichters fallen, entfernten den viel in Anspruch Genommenen häufig weit vom Hause, sodaß er sich um die Erziehung seiner Kinder nur wenig kümmern konnte. Franz verließ schon im sechsten Lebensjahre (1806) das väterliche Haus, um in verschiedenen Pensionen seine fernere Erziehung zu empfangen, doch konnte, wie seine Schwester berichtet, Niemand den wilden Rangen recht bändigen. Da wollte das Glück, daß der General von Gaudy wegen seiner umfassenden Bildung und vollendet feinen Umgangsformen vom Könige Friedrich Wilhelm dem Dritten dazu ausersehen wurde, das schwere und verantwortungsvolle Amt eines Erziehers des preußischen Kronprinzen, nachherigen Königs Friedrich Wilhelm des Vierten, zu übernehmen. Franz folgte seinem Vater nunmehr nach Berlin, um das dortige Collège Français zu besuchen. Er war während dieser Zeit bei dem Prediger Reclam, dem er das Leben weidlich sauer machte, in Pension. Unter anderen gefährlichen Streichen, die der von Lebenslust und Kraft überströmende Knabe damals in Scene setzte, erzählt die Schwester auch den folgenden, für die Sinnesart des nachherigen Dichters sehr charakteristischen: Als Reclam ihm eines Tages Stubenarrest gegeben hatte und nach mehreren Stunden wieder zu ihm in’s Zimmer trat, um ihn aus der Gefangenschaft zu erlösen, war unser Franz verschwunden; lange suchte der würdige Mentor nach dem trotz Schloß und Riegel entflohenen Zöglinge, bis er ihn endlich zu seinem nicht geringen Schrecken an der Außenseite des Hauses, an einem Fenster des zweiten Stockes, mit den Händen um das Fensterkreuz geklammert, in einer höchst halsbrecherischen Stellung wiederfand. Nur das eindringliche Bitten und Flehen des schwer geängstigten Geistlichen vermochte den jungen Trotzkopf, gnädigst wieder mit heilen Gliedern zu dem Loche hineinzuklettern, aus dem er, die Gefahr nicht achtend und das heiße Herz voll Eigensinn und Grimm, herausspaziert war.

Durch des Vaters Stellung gewann Franz den Vorzug, Studiengenosse des Kronprinzen zu werden, und erhielt somit von Dingen und Verhältnissen Kenntniß, welche sonst nicht an einen Knaben heranzutreten pflegen. So eröffnete sich ihm schon frühe ein Blick zugleich in die idealen Güter des Geistes und in die praktischen Zustände des Lebens; schon damals war er in den Werken der classischen Schriftsteller alter und neuer Zeit ebenso bewandert, wie in den Arbeitssälen der Fabriken und Manufacturen von Berlin und der Provinz Brandenburg. Durch diese frühzeitige Wissensfülle wurde ihm schon zu jener Zeit ein reiches geistiges Material zu eigen, an dem sein inneres Leben sich kräftig und eigenartig entwickelte.

Dem General von Gaudy begegnete in der Schlacht bei Bautzen, welche er als Begleiter seines hohen Zöglings mitmachte, ein seine ganze Laufbahn änderndes Ereigniß. Sein Pferd überschlug sich, und er stürzte gefährlich. In Folge dieses Unfalls mußte er seine bisherige Stellung quittiren und wurde nunmehr mit der Würde eines Militärgouverneurs von Sachsen betraut. Dieser Wechsel im Leben des Vaters war auch für den Sohn von folgenschwerer Rückwirkung. Er mußte, da der Vater ihn in seiner Nähe zu haben wünschte, Berlin verlassen und wurde in Schulpforta zur weiteren Fortbildung inscribirt. Hier, unter der Leitung vorzüglicher Lehrer, wurde in den Knaben der erste Keim zu seiner Vorliebe für das Studium der Sprachen gelegt. „Er ist ihr,“ schreibt Frau von Kalckreuth, „sein Leben hindurch treu geblieben, da er bis an sein Ende Abends im Bette seinen Homer oder Horaz las. Ueberhaupt war das Talent für Sprachen sehr vorherrschend bei ihm; wie früh er französisch sprach, wurde schon gesagt. Neben den alten Sprachen trieb er in Schulpforta mit Eifer das Spanische; später sprach er das Polnische brillant und lernte in vier Wochen dänisch, als er mit Xaver Marmier nach Island reisen wollte. Als sich diese Reise zerschlug, lernte er in wenigen Monaten italienisch. Die bewunderungswürdigsten Kenntnisse aber hatte er sich im Altfranzösischen erworben. Den ‚Roman du Rou‘ von Robert Wace übersetzte er in 10,472 Versen in mustergültiger Weise.“

Im Jahre 1818 ging Franz von Gaudy mit dem Zeugniß der Reife von Schulpforta ab. In Dresden entzückte er die Schwester, da er als altdeutscher Jüngling im schwarzen Sammetrock, mit wallenden prächtigen Locken und Kneipmütze erschien – aber das wurde ihm verhängnißvoll; denn der Vater witterte demagogische Tendenzen bei dem Herrn Sohn und dies um so mehr, als Franz mit Begeisterung von dem „Demagogen“ Sand, dem nachherigen Mörder Kotzebue’s, sprach, der in Schulpforta gewesen und dort für seine Weltbeglückungspläne Propaganda gemacht hatte. Franz war so elektrisirt von dem Zauber der Sand’schen Sprache, daß der Vater schleunigst befahl, der Herr Studiosus solle die Locken glatt scheeren und an Stelle der Cereviskappe einen Cylinder tragen; er gehorchte und schaute unter dem octroyirten Hute grimmig in die Welt. Aber der härtere Befehl folgte nach. Der gestrenge Papa verfügte, Franz solle nicht studiren, sondern in das erste Garde-Regiment in Potsdam eintreten. Das war ein Donnerschlag für den im Geiste schon in den Hörsälen von Göttingen sitzenden Jüngling. Aber Widerspruch war im Gaudy’schen Hause, wo das Wort des Herrn Generals Alles galt, nicht Mode. So trat der aus allen Himmeln gestürzte Jüngling denn in das Regiment ein und trug die Fesseln der Disciplin ruhig, wenn auch knirschend.

Er war nichts weniger als in seinem Elemente; sein ganzes Wesen verlangte eine freiere, weniger von den Convenienzen des Standes eingeengte Lebensweise. Er entschädigte sich denn auch für die verlorene Freiheit mit vielen thörichten Streichen, Schulden und Duellen, deren sein Paukbuch allein elf aufweist – bis er, „von der Garde zur Linie vertrieben,“ nach Breslau versetzt wurde. Hier lebte er auf durchaus großem Fuße, hielt eine Köchin und Bedienten und machte auf’s Neue Schulden. In jener Zeit kam er oft zur Schwester; er ging, wie sie erzählt, musternd im Zimmer auf und ab, wie der Armen-Advocat Siebenkäs, und fragte: „Stanzel, was versilbern wir heute?“ Und es fand sich immer etwas – das ganze Schmuckkästchen wurde geleert und die goldene Uhr einem Cerberus von Schneider als Besänftigung zugeworfen, dem Franz in seiner Heftigkeit ein Ohr mit dem Degen abgehauen hatte. Die Schwester lenkte den Zorn des Vaters gern auf sich, um den Bruder zu vertreten. Dafür liebte er sie aber auch leidenschaftlich; [489] er sagte oft: „Ich liebe Dich nicht, weil, sondern trotzdem Du meine Schwester bist;“ denn von verwandtschaftlicher Zärtlichkeit war keine Ader in ihm. „Wie oft,“ schreibt die Schwester, „wünschte er sich ein Hidalgo zu sein, frei von Familienbanden!“

Inzwischen hatte der Vater sich angekauft – und starb wenige Jahre darauf. Franz wollte nun aus dem Militärdienste austreten und das Gut des Vaters übernehmen, mußte aber diese Idee aufgeben, da sein Vormund – unser Dichter war noch minorenn – mit Hand und Fuß gegen dieses Project war. Dies verstimmte den hochstrebenden Jüngling, der des Soldatspielens müde war, auf’s Aeußerste. Dazu kamen die kleinen Garnisonen, die ihn moralisch zu Boden drückten, da er sich durch keinen geistigen Halt, durch keinen Austausch der Ideen gehoben fühlte. Glogau, Kozmin, Krotoschin, zwei Festungen als Strafe für Duelle, Silberberg und Kosel, und endlich Posen waren die unerquickliche Reihenfolge, die ihm das Leben vielleicht unerträglich gemacht hätte, wenn nicht zum Glück die Schwester geheirathet und er eine Heimath in ihrem Hause und einen Freund in ihrem vortrefflichen Gatten gefunden hätte, der ihn aufmunterte, seine Talente auszubeuten und in der Arbeit Ersatz für manchen Verlust zu suchen.

In Schönborn, dem Gute des Schwagers, wurde jetzt jeder Urlaub verbracht; dort entstand die „Erato“, dort die Novelle „Desengaño“, und damit war der Fuß in den Steigbügel gesetzt. Gaudy’s Name wurde nun auch in weiteren Kreisen bekannt. Aber noch konnte er nicht den entscheidenden Entschluß fassen, zu dem sein Herz ihn schon so lange drängte, den Entschluß, sich ganz der Dichtkunst in die Arme zu werfen und statt des Schwertes die Lyra zu ergreifen. Da brachte ein äußeres Ereigniß die Entscheidung. In Posen, wo er damals in Garnison lag, wurde er in entsetzlicher Weise von der Cholera ergriffen und glaubte dem Tode verfallen zu sein. Wie so oft im Menschenleben große physische Krisen die Ausgangspunkte werden für neue geistige Richtungen und Entwickelungen, so auch bei Gaudy. Mit dem neu gewonnenen Leben – er meldete unterm 2. August 1831 der Schwester seine Genesung – reifte in ihm der Entschluß, den Rock des Königs abzulegen und sich ganz in den Dienst der Poesie zu geben. Er quittirte den Militärdienst. Ein Interregnum in Schönborn, wohin er gegangen war, um im Kreise der Seinen sich zu erholen, ließ die „Gedankensprünge eines der Cholera Entronnenen“ (Glogau, zweite Auflage, 1832), „Die Korallen (Glogau, 1834), die „Kaiserlieder“ (Leipzig, 1835) und die „Novellen“ an das Licht treten.

Durch diese Leistungen wurde Adalbert von Chamisso auf ihn aufmerksam und lud ihn nach Berlin ein, indem er ihn auf eine höchst ehrenvolle Weise aufforderte, ihn bei der Herausgabe des deutschen Musenalmanachs zu unterstützen. Gaudy leistete diesem Rufe freudig Folge, und nun endlich sah er sich in einer Lage, die ihn innerlich befriedigte und beglückte. Von Freunden, die ihm sein Talent schnell erworben hatte, umgeben, innig verehrt von Männern, wie Hitzig, Fouqué, Kugler, Neumann und Andern, und der warmen Zuneigung eines Chamisso gewiß – was blieb ihm zu wünschen übrig? Hatte er doch auch die ersten Staffeln des Ruhmes schnell erklommen. Und doch – ein Wunsch war ihm noch unerfüllt: Italien, das Land seiner Träume und Ideale, zu sehen. Auch diese Sehnsucht sollte gestillt werden: im Jahre 1835 blauete Italiens Himmel über ihm; er trank sich satt an der Schönheit römischer Kunst und führte auf den Ruinen der antiken Welt und mitten im schnell pulsirenden Leben des sinnenfrohen Südens ein Dasein, reich an den mannigfachsten Anregungen. Seine Briefe aus der damaligen Zeit athmen Frische, frohe Begeisterung für das herrliche Italien und höher gestimmte Lebensfreudigkeit. Großer Eindrücke voll, kehrte er nach Deutschland zurück. In Berlin fand er die alten Freunde wieder und lebte so recht im Vollgenusse seines Glückes. Chamisso wurde ihm immer theurer, das Verhältniß zwischen Beiden, ein immer engeres. Er wurde der vertrauteste Hausfreund des edlen Sängers. Ein bisher noch nicht gedrucktes heiteres Gedicht Gaudy’s, welches aus dieser Zeit stammt, möge hier einen Platz finden, da es ein treues Bild von Chamisso’s Studirzimmer entwirft und zugleich charakteristisch ist für die beiden Dichter. Es lautet:

Gebt Ihr mir viel gute Worte,
Um in’s Heiligthum zu späh’n.
Ei, so laß ich wohl die Pforte
Diesmal für Euch offen stehn.
Aber Freunde, schleicht auf Zehen
Hübsch manierlich, fromm und still;
Nicht ein Jeder kriegt’s zu sehen,
Der es gern durchmustern will.

Schaut Euch um im schmalen Zimmer,
Das nur Dämmerlicht erhellt
Von der Lampe mattem Schimmer,
Die noch grüner Taft umstellt!
Seht, dort hängt das Kieselmesser,
Das einst an Owaihi’s Strand
Ein gentiler Menschenfresser
Weiht als treues Freundschaftspfand.

Aus dem Rahmen blinzt verwogen
Dort Pomare’s Conterfei,
Und ein schwarzer Ebenbogen
Hängt, von Staub ergraut, dabei.
Südlands Blumen, trock’ne Blätter,
Liegen dort in langen Reih’n;
Ihre Namen wissen Götter
Oder Chamisso allein.

Weiter links ruh’n auf dem Brette
Blüthen transcendenter Art,
Oden, Stanzen, Triolette,
Schofel und fein-fein gepaart.
Deutschlands Dichterhähne krähen
Dir entgegen aus dem Fach,
Könnt Ihr sie nicht gleich verstehen,
Kauft den Musenalmanach!

Ihr dagegen, die Ihr dreister
Jetzt in die Papiere guckt,
Sprecht: Gib mir ein Lied vom Meister,
Aber nicht der Lai’n Product!
„Hand weg!“ ruf’ ich, „also habe
Ich es nicht mit Euch gemeint.
Harret der Gesammt-Ausgabe,
Die zur Ostermess’ erscheint!“

Aber in dem nächsten Zimmer
Hört Ihr einen Säugling schrei’n,
Und neugierig, wie Ihr immer,
Drängt Ihr Euch auch dort hinein.
Tretet leise, leise näher
Auf Sammtpfötchen wie die Maus!
Solchen Anblick nimmt der Späher,
Solchen selt’nen, gern nach Haus.

Seht Ihr wo ’nen Rosengarten
Frischer blühn als diesen hier?
Gärtnerin und Gärtner warten
Treulicher der holden Zier?
Wer den Blüthenkranz gesehen,
Wendet sich wohl schwerlich um
Nach Exotischem zu spähen,
Dorrend im Herbarium.

Aus Italien hatte unser Dichter, wie gesagt, eine Fülle neuer Eindrücke und Ideen mit heimgebracht. Literarische Früchte dieser Reise waren in erster Linie „Mein Römerzug“ (3 Bd., Berlin, 1836) und die humoristische Novellette „Aus dem Tagebuche eines wandernden Schneidergesellen“ (Leipzig, 1836), wie auch die „Venetianischen Novellen“ (2 Bd., Bunzlau, 1836) ihre Entstehung den unter Italiens Himmel empfangenen Anregungen verdankten.

Kaum nach Deutschland heimgekehrt, fühlte er sich wieder nach Schönborn zu der Schwester gezogen, um in ländlichem Stillleben die Masse der italienischen Eindrücke zu ordnen und zu verarbeiten. „Er arbeitete unsäglich fleißig,“ schreibt uns die Schwester, „kaum daß er zum Essen erschien, aber die Theestunde versäumte er nie, denn er trank wie ein Chinese seine zwanzig Tassen mit Wonne. Dabei las er vor – und er las wunderbar schön – oft was er den Tag über gearbeitet hatte, wobei er jede Kritik gelten ließ, öfter noch die Werke der Koryphäen der Literatur mit scharfem Eingehen und neidloser Bewunderung. Der Liebling seiner ersten Jugend war Jean Paul, den Shakespeare später verdrängte und den er so inne hatte, daß sein mächtiges Gedächtnis für jeden Fall ein Citat aus dessen Dichtungen fand. Dieses seltene Gedächtniß kam ihm überhaupt sehr zu statten und gestaltete die Fülle seiner Kenntnisse [490] fast zur Gelehrsamkeit. Talent für die Musik war in ihm wenig vorhanden. Er klimperte Guitarre, und hatte wohl nur Violine gelernt, um die Geige zu besitzen, welche seine Mutter außerordentlich gut gespielt. Aber die bildende Kunst war sein eigentliches Feld, und durch seine Werke geht der goldene Faden tiefen gewissenhaften Kunststudiums. Er selbst zeichnete sehr hübsch, besonders treue Portraits in Carricaturen, welche Gabe ihm manchen Feind erweckt hat, da er eben nicht sehr schonend mit der Menschheit umging. In einer der kleinen Garnisonen hatte er einmal die weißen Wände seines Zimmers mit sehr ergötzlichen Carricaturen in Kohle bemalt – es wurde verrathen. Und so war es für ihn ein Glück, daß ein Camerad ihm bei der Parade zuraunte: ‚Der Oberst wird Dich besuchen‘. Flugs stürzte Franz nach Haus, bürstete mit der Kleiderbürste die verrätherische Kohle ab und empfing den Vorgesetzten glühend in einer dicken Wolke von Kalkstaub, die ihn zum schleunigen Rückzuge nöthigte.“

In Berlin arbeitete Gaudy eifrig für den „Musenalmanach“, der nun, nachdem sich die süddeutschen Dichter, besonders Schwab, von ihm zurückgezogen, neben Chamisso’s Namen auch den Gaudy’s, als des Mitherausgebers, trug. Die letzte Arbeit, die er gemeinsam mit Chamisso unternahm, war die Uebersetzung einer Auswahl der Béranger’schen Lieder. Bald nach Beendigung derselben trat er eine zweite Reise nach Italien an, auf welcher ihn sein Freund E. Ferrand bis in die Schweiz begleitete. Wie damals diesem Freunde gegenüber, so äußerte er sich schon früher häufig gegenüber der Schwester, er möge am liebsten ganz in Italien oder doch wenigstens im Süden von Deutschland leben. Italien, sein mildes Klima und sein feuriger Wein sagten ihm besser zu als der Norden mit Nebel und Bier. Seine ganze Natur hatte etwas entschieden Südländisches. Doppelt schwer empfand er bei seiner Rückkehr nach Deutschland diesen Widerspruch seines Innern mit Land und Leuten daheim – denn eine Saite seines Lebens war inzwischen gesprungen: Chamisso war todt. Wieder suchte er Ruhe bei der Schwester in Schönborn, aber er verweilte dort nur kurze Zeit, und Todesahnung zog durch seinen Abschied von der Theuern. Eine Verherrlichung des Todes war der Vorwurf eines epischen Gedichtes, zu dem er eifrig Motive suchte – nur wenige Wochen nach seiner Rückkehr nach Berlin lag er auf dem Todtenbette. Seine Freunde legten ihn in den Sarg wie einen Sänger des Alterthums, im wallenden weißen Gewande und den Lorbeerkranz in schönen braunen Haar.

„Franzens Charakter ist selten richtig beurtheilt worden,“ schreibt uns seine Schwester, „er war brav und ehrenwerth durch und durch, unbestechlich in seinem Urtheile, wahr bis zur Schroffheit; er konnte bezaubernd liebenswürdig sein, wollte es aber nicht immer sein – trübe Erfahrungen hatten ihm Menschenverachtung gelehrt, und doch war sein Herz warm und liebebedürftig. Seinen Freunden war er ein wahrer Freund. Um es kurz zu sagen: er war ein Mann im schönsten Sinne des Wortes.“
Ernst Ziel.