Die Beurteilung der Fleischessünde in unserer Zeit und in der heiligen Schrift

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Autor: Hermann von Bezzel
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Titel: Die Beurteilung der Fleischessünde in unserer Zeit und in der heiligen Schrift
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Entstehungsdatum: 1911
Erscheinungsdatum: 1911
Verlag: Verlag der Diakonissen-Anstalt
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Erscheinungsort: Kaiserswerth
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Die Beurteilung
der Fleischessünde in unserer Zeit
und in der heiligen Schrift.


Vortrag
bei Gelegenheit der X. Deutschen Asylskonferenz in München
vom 24.–26. April 1911,


gehalten von
Oberkonsistorialrat Dr. D. von Bezzel.


Sonderabdruck aus dem „Armen- und Krankenfreund“.


Kaiserswerth a. Rh.,
Verlag der Diakonissen-Anstalt.
1911.


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Die Beurteilung der Fleischessünde in unserer Zeit und in der heiligen Schrift.
 Verehrte Anwesende! Je seltener und spärlicher die Berührungspunkte zwischen den humanitären Bestrebungen und den spezifisch christlichen Wertungen und Unternehmungen sich finden, desto freudiger muß man sie betonen. Daß die Bemühungen um Reinhaltung des Volkscharakters und um Schutz der Volkskraft, diese wahrhaft patriotischen Arbeiten und Mahnungen gegen gefährliche Zeiterscheinungen, den Christen beschäftigen, der nicht aufhören will und kann, der Scholle die Treue zu halten, auf der er erwachsen ist, und im Vollsinn des Wortes ein Weltbürger zu sein, der die Spuren seiner Arbeit, Ernst und Ertrag dem Leben lassen will, das er auf Erden zu vollbringen hat, ist ebenso begreiflich, als er willig anerkennt, was an ernster Treue und gründlicher Arbeit anderweitig geschieht. Die aus der Empirie erwachsenen Warnungen der ärztlichen Wissenschaft, die Temperenz- und Abstinenz-Anregung, die unwiderlegliche Predigt der auf Zahlen und Ziffern sich stützenden Nationalökonomie nehmen wir dankbar an, nicht nur als Bestätigungen ungeschriebener Gottesgesetze, sondern als Stärkung im Kampf und als Bundesgenossen unbestechlicher Art in einer Streitsache, in deren Führung uns Einseitigkeit und unverständige Prüderie vorgeworfen wird. Nur ein Tor kann leugnen, daß die Seuche, die um den Mittag verderbt, weil sie das Frührot des Volkslebens verdüstert, und die Pestilenz, die im Finstern schmeichelnd und listig schleicht, um desto sicherer ihre Opfer zu finden, zu fällen, die Unsittlichkeit im engsten Sinne, die Brutalisierung gewisser Leibesfunktionen in wilder zuchtloser Vergeudung ist, unter der das Empfindungsleben verdirbt und das Willensleben zerstört wird. Neuere Statistiken haben die Summe von 300 Millionen Mark jährlich für zu gering geachtet, um sie als den Sündenlohn vollauf zu bezeichnen, der nur im Werke der Sinnlichkeit geopfert wird, abgerechnet die Unsumme, welche die Bilder und Bücher obszöner Art, alle die Artikel verschlingen, in deren Herstellung die Afterkunst wahrhaft international ist. Was aber in Zahlen ausgedrückt werden kann, ist die geringste Einbuße: Krankenhäuser, Irren- und Blödenanstalten, Gefängnisse und die mit Opfern der geschlechtlichen Krankheiten übersäten Leichenäcker reden in furchtbarer Beredsamkeit: die Sünde ist der Leute Verderben. Als Livingstone | seinem Ende nahe sich wußte, hat er mit warmen Segensworten all derer gedacht, die Afrika vom Joche der Sklaverei und von der Schande des Menschenhandels frei machen wollten. Gesegnet seien Christen und Mohamedaner, Schwarze und Weiße, welche dieses Joch abzuschütteln helfen werden, hier sei kein Unterschied, sondern friedlicher Weltkampf um gemeinsame Interessen. Mögen die Voraussetzungen und Folgerungen ganz andere sein, die Arbeit ist die gleiche! Wir begrüßen alle Arbeit in ehrlichem und rechtlichem Kampf gegen die verwüstende Leidenschaft, gegen die frech am Volksmark zehrende Geilheit und Gemeinheit, wir danken für allen seelsorgerlichen Ernst der Aerzte und der Richter, und wenn wir nicht an der Spitze der Bewegung stehen können oder dürfen, sind wirs zufrieden, wenn unsere treugemeinte patriotische Arbeit in die große Bewegung der gesunden Kräfte in unserem Volksleben mithineingenommen werden will, und uns die edelste und tiefste Sorge bleibt, den in dem Bekenntnis zum wahrhaft Reinen und Großen verankerten Grundprinzipien Beachtung und Geltung zu verschaffen. Lassen Sie, verehrte Anwesende, uns frei von der gerade im Kampf so häufig sich zeigenden und so schädlich wirkenden Eifersüchtelei bleiben, die nur der gemeinsame Feind sich zunutze macht, und alle Bestrebungen ehren und pflegen, welche dem Kreuzzuge gegen das nahende und drohende Unheil gelten.
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 Eine Frage muß vor der Ausführung des Themas noch kurz erläutert werden. Ist es ethisch zu rechtfertigen, daß gerade die fleischliche Sünde, also jedweder Mißbrauch zu bestimmtem Zweck geordneter und in ihm versittlichter Funktionen, als besonders sündlich markiert und so das sechste Gebot aus dem psychologischen Zusammenhang, in den es ewige Ordnungen eingestiftet haben, gelöst wird, um in solch überspannter Isolierung erst recht gefährdet zu sein. Sagt nicht Luther mit feiner Weisheit, daß wer den Zaun göttlicher Satzungen auf einem Punkte übersteige, ihn eben ganz überstiegen habe, wer die Perlenschnur irgendwo löste, alle Perlen in den Sand gleiten lasse? Es ist zuzugeben, daß in Predigt und Unterweisung der praktischen Seelsorge manche Einseitigkeit unterlaufen kann, in der Bedeutung und Gefahr der Fleischessünde „überdeutet“ wird. Gewisse populäre medizinische und pastorale Mahnungen stellen eine bestimmte Verirrung gegen die Sittlichkeit in so grellen Farben dar, daß das kainitische Trotzeswort der weltlichen Traurigkeit: „Meine Sünde ist größer, denn daß sie mir vergeben werden könnte,“ dem Herzen Verzweifelnder sich entringt, sie in neue Sünde treibt, da doch keine Rettung mehr zu erhoffen sei. Aber feststehen soll auch, daß die Volkslogik, welche das Wort „sittlich und unsittlich“ nur auf den ganz bestimmten durch Reinheit und Unreinheit in sexuellen Beziehungen eng umschriebenen Kreis einschränkt und bezieht, aus tiefem Verständnis der Lage erwachsen ist: Nirgends greift das Somatische in feinster Veräderung so in das geistige und seelische Leben über und ein, sich zu rächen für die durch Unerzogenheit und Heillosigkeit des | Gemüts- und Phantasielebens entrechtete Leiblichkeit, die zerbröckelt und zerstört wird. Auf keinem Gebiete entäußert sich der Mensch so seiner gottvermeinten, weil gottgeordneten Würde, als auf dem geschlechtlichen, auf dem er in rein äußerlich mechanischer Weise Kräfte vergeudet und in diesem Prozesse versinkt, der ohne tiefere Begründung und Abzweckung nur die Bestie im Menschen weckt und befriedigt, bis neue Reizungen weiter treiben und endlich den Menschen an sich selbst sterben lassen. Kapitalien von Wille und Lebenskraft, von Gedanken und Gedankenarbeit auf einen zweifelhaften Genuß gewendet, liegen tot und ertraglos darnieder. Und die Geschichte predigt es auf den Gräbern ihrer größten Gebilde, aus dem Hinsterben edelster Geschlechter, daß in der Wollust – erst seit Lessing hat, nebenbei gesagt, das Wort seine üble Beibedeutung – der sicherste Verderb der Völker ruht, und nationale gesunde Entwicklung dann rettungslos aufgehalten wird, wenn die sera Venus verfrüht, verallgemeinert, und ernste Pflicht zu eklem Genuß wird.
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 Unsere Zeit ist nun vielfach geneigt, das ganze Gebiet erotischer Betätigung in reizvolles Licht zu rücken und von Verfehlungen da nimmer reden zu lassen, wo dem Drange der Sinnlichkeit rückhalt- und restlos nachgegeben wird. Denn das scheinen mir die zwei Charakteristika für die moderne Behandlung der sexuellen Verfehlungen zu sein: Man rückt sie in lockende Beleuchtung und sichert der Tat selbst mildeste Beurteilung zu. Die Litteratur, welche zur schrankenlosen Betätigung des Naturtriebs, der dann vom Natürlichen zum Widernatürlichen fortgerissen wird, auffordert, ist unübersehbar und sickert durch tausend Kanäle verheerend und schwächend in die öffentliche Anschauung über. Es hilft nicht, Wagenladungen von Schandbüchern zu konfiszieren, wenn für Liebhaber und „Kenner“ eigne Buchsendungen und Büchereien geduldet werden. Die polizeiliche Remedur ist überhaupt nur äußerliche Maßregel in Dingen und Erscheinungen, die von innen heraus und von unten heraus durch Reinigung und Heiligung des Volksgewissens reformiert sein wollen. Man möchte fast an das taciteische Wort (ann. XIV 50) denken, libros conquisitos lectitatosque, donec cum periculo parabantur; mox licentia habendi oblivionem attulit. Wahre Arsenale der Sinnlichkeit hat ein neuer Kulturhistoriker (Johs. Scherr) diese Obszönitäten genannt, in denen wahrhaftig nicht mehr der „gute Witz das Nickel des Obszönen vergoldet“ (Anton Brück, Badearzt in Driburg über Nitzsches Schrift: Vom Erhabenen und Komischen). Ich habe mir – es muß gesagt werden – die schändliche Mühe gegeben, einen solchen Roman bis auf die letzten Seiten, da der physische Ekel übermächtig wurde, zu lesen. Er ist betitelt „Das Testament der Wollust“ und schildert in erbärmlichem Stil mit Verhöhnung des Gotteswortes, die ich nicht andeuten kann, in behaglicher Breite, mit der das Schwein sein Element durchmißt, wie der Verfasser, der seine Autobiographie ohne Erröten zum besten gibt, in den Dienst der Sinnlichkeit eingeführt wird. Der Anblick der Aphrodite | Anadyomene hat ihn erfüllt, er betastet den Stein, von dem er sich nicht trennen kann, gibt sein Taschengeld aus, um immer wieder ins Museum zu gelangen, dann wird er von seinem Dienstmädchen in Dinge eingeweiht, die ich nicht einmal mit dem fremdsprachigen Namen bezeichnen kann. In eine Erziehungsanstalt verbracht, ist er zunächst Schüler in wüsten onanistischen Orgien, dann der unübertroffene Lehrer in all diesen Schändlichkeiten. Mit Mühe und Not durchs Gymnasium gedrückt, wird er von seiner eigenen Mutter, deren zynische Unterhaltung mit dem Vater er belauscht hat, zum Inzeste veranlaßt, den er weiterhin an seinen beiden Schwestern verübt. Päderastie, Sodomiterei, Bestialität schildert er mit behaglichem Grinsen, bis das furchtbare Machwerk mit dem Preis der Homosexualität „wir liebten uns inniglich und minniglich“ schließt. Verzeihen Sie, daß ich es wagte, das Buch zu nennen, in dem die Viehischheit ihre Triumphe feiert. Fast möchte ich glauben, daß ein halbwegs normal empfindender Mensch, der solch ein Buch durchfliegt, mit Grauen von einem Nachtgebiet sich abwenden müßte, das von dem gierigen Licht der Hölle wirksam erleuchtet wird. Hier ist nicht mehr das bürgerliche Gesetzbuch der einzige Moralkodex, wie etliche lehren: Was dieses unbestraft zuläßt, das hat die Gesellschaft kein Recht, nach einem bloß konventionellen Sittengesetz zu verurteilen. – Hier ist nur das physische Können noch Grenze: tu connais mon système: vogne la galère. Wenn die Bestie Mensch verfault, dann hat sie sich wenigstens amüsiert. Alles weitere ist Pfaffentrug, Philosophasterei, Gerede, Geträume.

 Daß gegen solche Schauerlichkeiten nicht von den Volksführern Zeugnis abgelegt wurde, daß ein Schopenhauer, der viel gefeierte Philosoph, an diesen Dingen Gefallen fand (Memorabilien von Frauenstädt S. 270) lediglich mit der beschaulichen Aeußerung, es habe gar vieles im Menschen neben einander Platz, und daß nachträglich gänzlich unbekannte Erotika Goethes auf Spezialbefehl der Großherzogin Sophie von Weimar versiegelt und abseits gelegt, auch Epigramme nur in 40 Exemplaren „als verheimlichte Epigramme“ als Privatdruck in Handel kamen, ist tief schmerzlich, zeigt es doch, wie wir der Todesgefahr einer doppelten Einschätzung der Dinge, einer Zweideutigkeit und Zwieschlächtigkeit zusteuern, die öffentlich Wasser predigt und heimlich an diesem Wein sich berauscht. Man verurteilt öffentlich um der sogenannten Moral willen, was man im engsten Kreise belächelt und begrüßt. Ich breche hier ab. Was in den Kammern heimlich geschieht, das wird von den Dächern bald gepredigt werden. Die Jahrhunderte durch gefestigten Bollwerke einer sittlichen Gesamtanschauung werden, wenn einzelne Stände Pallisaden ausbrechen, nicht Lücken aufweisen, sondern zusammenstürzen und unser Volk im Abgrund begraben!

 Wird in dieser Literatur das Obszöne in quantitativer Häufung und qualitativer Degeneration dargestellt, sodaß schließlich jede noch | erklärliche Deutung und Milderung des Unreinen wegfällt, so sehen wir in der feineren Belletristik, in unsren zerlesenen fettigen Leihbibliothekromanen bis zur „Jugend“ und zum „Simplizissimus“ den Grundsatz vertreten, daß „das durch die Kultur unsrer Tage verbotene Erotische von der Kunst dargestellt werden muß, weil es einem tiefinneren Bedürfnis des Menschen, einer Sehnsucht nach der Ergänzung seiner lückenhaften Existenz entspreche.“ Ueber den Grad und die Art der Schilderung entscheiden keine moralischen, sondern lediglich ästhetische Erwägungen. Die Aufgabe des Dichters, des Romanschriftstellers ist nur, die Uebertretung des Sittenkodex so zu schildern, daß sie sich aus der ganzen Handlung, aus den Charakteren, den äußeren Verhältnissen mit Notwendigkeit ergibt, dann tritt der unmoralische Inhalt in den Dienst der Illusion (H. Lange: Das Wesen der Kunst, Berlin 1901, II. S. 171–177). Denn, belehrt uns ein andrer, in dem wirtschaftlich determinierten Frondienst durchschnittlichen Geschicks, in der Abenteuerarmut und Monotonie eines zivilisierten geregelten Lebens bringt die Erotik allein die individuellen Farben in manches Dasein. Dadurch wird Frank Wedekinds Drama „Frühlingserwachen“, das die ersten unreinen Regungen der Kinderwelt schildert, und der Roman von Oskar Schmitz „Lothar oder Untergang einer Kindheit“, die Schilderung der freien Liebe in Peter Nansens „Maria“ und Sudermanns „Heimat“ hoch zu preisen sein. Wenn vollends ein Pastor, Doktor der Theologie, zudem ein Ehrendoktor derselben schreiben kann: „Die bürgerliche Sitte ist die große Mörderin, sie mordet dir und vielen deiner Schwestern die Jugend, wo die bürgerliche Jugend geht und steht, da geht und steht als eine alte jugendfeindliche Tante die Sitte und verdirbt die beste Lebenszeit euch armen Mädchen“, so sind Hella Andersen und Anna Boje Ideale der Weiblichkeit. Unreine Auffassung der Beziehungen zwischen Mann und Weib ist die Folge des Ueberwucherns der sexuellen Probleme in der schönen Literatur. Die Lüsternheit im Philosophenmantel, den sie anmutig über ihre Schultern drapiert, die Gemeinheit in dem Scheine der mystischen Lampe, die heiße Denkerarbeit, welche die beiden Geschlechter zu andächtiger Beschaulichkeit und Beschauung einladet, die Anbetung des Schönen, des Gottbildlichen und des Gottesbildes, wer möchte und könnte dem widerstehen, sonderlich wenn weltunfrohen Rigoristen das Goethe’sche Wort zugerufen werden darf: „Fürchte unter diesen Launen, diesem ausstaffierten Schmerz, diesen trüben Augenbraunen Leerheit oder falsches Herz.“ Und wie wirkt für alle, die gegen das Unreine, ob es zierlich einhertänzelt oder pathetisch einherschreitet, Zeugnis ablegen, weil ihr Gewissen und die Liebe zum Volke sie treibt: „Aber sollt in unsre Lieder sich einmal ein Zötchen schleichen, kriegen die ihr Platzgeld wieder, die erröten oder -bleichen!“ Denn, orakelt die Jugend, verstoßen wir dreist gegen die gute Sitte, das mögen die Leute ganz gern, aber nur nicht gegen den guten Geschmack. Aesthetik siegt über die Ethik, die Sinnlichkeit über die Sittlichkeit, und ist nicht | beides so rein und groß, so echt und human? Klingt nicht, wenn je etwas wie Sündenerkenntnis sich regt und die Gedanken kommen wollen, die sich anklagen, und die Augen nicht sich aufschlagen mögen, wie Sphärenmelodie das Wort: „Was vorbei ist, nie bereu es, schlagend an die wunde Brust, schaffe nur ein tüchtiges Neues und vergiß den alten Wust“. So kann man sich gar ruhig dem Gemeinen ergeben, weil edelste Darstellung es entsühnt und geheiligt hat, über die Kulturlügen von Sittlichkeit und heilsamer, weil pflichtiger Askese wie Eherecht und Ehepflicht und Ehezweck sich lächelnd, ja in frommem Beschauen hinwegsetzen und in andächtiger Auslebung des Ich fromm sein. Sagt uns nicht ein Großer im Reiche der Bildung (Paul Heyse): „Die sogenannte religiöse Weltanschauung ist ein schmutziges Wasser, in welchem geistesarme Theologen seit Jahrhunderten ihre schmutzige Wäsche waschen, Märchen und Legenden, das Christentum eine Summe von kindischen Spielereien, kleine Komödien, die wir täglich mit dem höchsten Wesen aufführen und selbst mitspielen, bis wir ernsthaft werden!“ – Fromm sein heißt Mensch sein und nichts Menschliches von sich fern halten. Wie verführerisch stellt es Spielhagen dar in seinem Sterbelied: Die Pfarrfrau pflegt ihren todkranken, schwindsüchtigen Mann, während vom Nebenzimmer sinnenberauschende Liebkosungen an ihr Ohr dringen. Wie ersehnt sie die frohe, freie glückliche Liebe! Aber dem Sterbenden betet sie vor: Freu dich sehr, o meine Seele und vergiß all Not und Qual! Raffinerie des Fleischeskults, Hohn auf alles wahrhaft Große, Jauchzen der Bacchanten in wilder Lust, dann wieder ekstatische Rufe: „Lieber, einziggeliebter Mann, mein ein und mein alles, mein Herr und mein Gott, mein Leben und meine Welt!“ Mir hat unlängst ein ehemaliger Theologe Thomas’ Ausruf dem erstandenen Herrn entgegen als Sinnenrausch erklärt! Seine Frau nenne ihn ja auch ihren Gott! –
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 Weil das nicht Sünde ist, was Sünde schien, und nur Entfaltung edelster Natürlichkeit heißt, was als Verirrung gebrandmarkt wurde, wird der Jugend geraten, sich das zu gönnen, was ihr nicht versagt werden dürfe, da sie ein Recht auf Liebe habe, so wird die première d’amour in den leuchtenden Farben der Anmut dargestellt. Erst jüngst hat die „Jugend“ eine aus dem Leben gegriffene Erzählung gebracht, wie ein junger Mann sich verwundert habe, beim Erwachen ein hübsches Mädchen in seinem Schlafzimmer zu finden, von dem er nicht wußte, woher und wozu es gekommen sei. Er hielt es für das neue Dienstmädchen, wunderte sich, daß sich die Fremde so ungeniert in seinen Räumen bewege. Da dämmert ihm die Erinnerung an eine freundliche Mädchengestalt auf, die er gestern in einem Laden gesehen, angeredet, zur Begleitung aufgefordert habe. Mit einem Raffinement, das im Andeuten und Verschweigen gleich groß ist, wird nun geschildert, wie unrechte Vorgänge allmählich in der Erinnerung wieder aufleben, aufblühen. Alles ist so morgenfroh und jugendfrisch, der Mann ist seiner inne geworden. Daß ein Menschenleben vielleicht auf immer zerstört ist, ein teuer erkauftes | Menschenbild mit unreinem Hauch entweiht, Liebe, Treue ihm zum Spott gemacht ist, scheint nicht zu Worte zu kommen gegenüber der Tatsache des le roi s’amuse. Ich fragte vor Jahren einen Rechtsanwalt, der weit her aus den Ostseeprovinzen ein aus dem öffentlichen Hause der Schande von ihm gerettetes, für seine Lüste dann dienstbar gemachtes Mädchen in die Heimat zurückgebracht hatte, um es vor weiterer Schande zu bewahren, selbst seiner überdrüssig geworden, ob denn keine Reue bei solchem Tun gespürt und keine Scham empfunden würde. Er erwiderte mir, ob ich ein leidendes Ohr oder ein krankes Auge für schimpflich hielte. So wenig das zur Unehre gereiche, so wenig sei die Verletzung der sog. Keuschheit bei Mann und Weib zu beanstanden. Aus solchen mit innerem Ueberzeugtsein vorgetragenen Argumenten ist es begreiflich, wie alte Sittlichkeitsbestrebungen verlacht und verhöhnt werden, wie seinerzeit der Feldzug der Pall-mall Gazette in London – the outcast – persifliert werden konnte: Sensationelle Enthüllung aus dem Leben der Miß Pal Mal Gazelle von Minchen Schnigg. Stöckers ernste Bemühungen wurden mit dem Hohn von der moralischen Heilsarmee in Berlin abgetan, Oskar Panizza in München schrieb über die Unsittlichkeitsentrüstung der Pietisten die „freie Literatur“, Georg Reben über „die Eselsbrücke der Sittlichkeit“. Wer einmal den „Pfaffen“ des Simplizissimus ansah, der in Hofbuchhandlungen ausgeboten wurde, und den Hohn las, der über den Kandidaten ausgegossen ward, der seine radfahrende Mutter fragen kann, ob sie noch an Gott glaube, den geschäftigen Superintendenten betrachtete, der auf seinen Wanderungen durch Tirol immerfort seiner Frau und den Kindern den Hut vorhalten muß, damit sie nicht durch den Anblick des Gekreuzigten an ihrer Sittlichkeit Schaden und Einbuße leiden, – mag ermessen, mit welchen vergifteten Waffen gegen die gestritten wird, die noch den Mut haben, Zweideutigkeiten zu entlarven, Eindeutigkeiten zu strafen, das Volk an sein gutes Recht zu mahnen. Tacitus sagt von unsren Vorfahren: nemo illic vitia ridet, nec corrumpere aut corrumpi saeculum vocatur. (Germ. 19.) Bei den Deutschen lacht niemand über schändliche Dinge, verführen und sich verführen lassen heißt nicht guter Ton. – Zu den Romanen, Novellen, den Bildern und Zeichnungen, die im Nacktkult schwelgen, gesellt sich das Lied, nimmer das deutsche, sondern die gemeine Zote und die klingenden Verse der Bordellpoesie. Liebe ist nach Goethes herrlicher Erklärung im Tasso ein Besitz, der ruhig machen soll. Aber was da Liebe heißt, dem gilt Heines Wort: die Teufel nennen es Höllenmord, der von der Begierde zum Genuß taumeln und beim Genuß vor Begierde verschmachten heißt. Manche Lieder in studentischen Kommersbüchern sind nimmer Minneklänge, nicht einmal mehr Preise leidenschaftlicher Natürlichkeit, sondern rüde Plattheiten, die man kaum mit deutschen Buchstaben zu drucken wagt. Daß unsre Studenten, die künftigen Berater und Leiter des Volks, die spes ac decus patriae, wie ich vor Jahren las, das „Opfer an die strenge Göttin der karnalen Enthaltsamkeit“ belächeln, die Keuschheit in | Wort und Wandel als Ammenmärchen verspotten, daß in gewissen Bräuchen und Komments Paragraphen aufgenommen sind, die schändliche Krankheiten behandeln, daß die Zahl der studentischen Verbindungen abnimmt, denen Follenius zurief: „stolz, keusch und gläubig sei, einig und deutsch und frei Hermans Geschlecht“, deren höchster Ruhm es war, sich in Ehren Zucht zu bewahren, ist ein tiefes Weh. Vor einigen Wochen spielte in einer großen deutschen Stadt ein Prozeß, in dem „liebeskranke Leutnants“ und deren ärztliche Beratung behandelt wurden. Und niemand schlug an das Schwert, daß es sich nicht um Selbstverständlichkeiten handle. Verehrte Anwesende, Friedr. Hebbel sagt einmal (Tagebücher III. 322): Poetische Werke können nie unsittlich sein und waren es nie. Die Poesie faßt alles in der Wurzel und im Zusammenhang. – Ist dem so? Ruht nicht die Schlange in der Blume und das Gift in der Gefälligkeit der Rose? – Das poetische und von Dichtern gepriesene, das von allen Nationen beneidete Studentenleben krankt an der Wurzel, weil die Jugendzeit nimmer heilig, sondern erregt, aus wilde Sättigung gierig und nach ihrem Vollzug blasiert ist. –

 Lassen Sie mich die praktischen Konsequenzen dieser Weltanschauung kurz aufzeigen. Der Talmud sagt einmal: Ein Gotteswunder ist, wenn ein Mann in der Großstadt unbefleckt bleibt. „Der Mann, der nicht mit mehreren verschieden gearteten Frauen lebt, entbehrt der mannigfachsten Anregung und wird notwendig ein barbarischer Philister,“ klagt Immermann an Gutzkow (Richard Fellner Geschichte eines Deutschen. Musterbücher. Stuttgart 1888, S. 91.) „O was ist die deutsche Sprak für ein arme Sprak, für ein plump Sprak“ möchte man mit Ricaut de la Marlinière sagen, sie nennts Ehebruch, und ist doch nur libre amour. – So ist die durch Eheschranken uneingeengte Männlichkeit erst wahre Mannheit, und die Frau wird wahrhaft gebildet, die über den philiströsen Moralbegriff, über das Moralin Nietzsches hinaus kommt.

 Die Schmach der außerehelichen Mutterschaft, über die Adele Schreiber in den „Romanen aus dem Leben“ so beweglich klagt, die Helene Stöcker, die Patronin des Mutterschutzes, verwirft (die Psychologie der freien Hingabe), am meisten aber Ellen Key in „Mutter und Kind“ als ganz inhuman brandmarkt, „nur jene sind für die Ehe geboren, welche in der Ehe geboren sind“ – muß fallen. Das Recht auf Liebe, der Respekt vor dem Trieb ist jedem Weibe zuzubilligen und zu gewähren.

 Und dazu dies Wetteifern in sexueller Aufklärung ganz in der Weise der alten Philanthropie, die Karl von Raumer in seiner „Geschichte der Pädagogik“ (II. S. 228) beschreibt und verwirft! Lieber ein Jahr zu früh, als einen Monat zu spät! ruft ein Fanatiker der Aufklärung. Man rät allen Ernstes, so in Kopenhagen, daß jedem Konfirmanden mit oder anstatt des neuen Testaments auch ein Lehrbuch über die Befriedigung des geschlechtlichen Triebes übergeben werde, damit | auch das Mädchen die unglückliche Verstellung über die Keuschheit als höchstes Lebensprinzip bekämpfen möge. – Die kostbarsten Kränze auf das frühe Grab der Hetäre, die als „Opfer ihres Berufs“ gefallen, die Hymnen auf die Priesterinnen der Aphrodite, wie sie Brandes singt, das sind die praktischen Konsequenzen einer Laxheit, die das Nichtseinsollende als das zu Rechtbestehende und das was schändlich zu tun ist, als unschuldig zu sagen bezeichnet.
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 Ob die Fleischessünde glorifiziert oder nur entschuldigt wird, ob das Leben ganz ihr geweiht oder nur zu ihr berechtigt genannt wird, darüber entscheiden nur praktische Gesichtspunkte. Nur was dem Körper schadet, ist schädlich. Denn der Mensch ist keine lebendige Seele, sondern eine mechane empsychos eine in Funktionen sich betätigende und erschöpfende Maschine. Unser Zeitalter ist systematisch geworden, man codifiziert die Unmoral und gibt Gesetze der freien Sittlichkeit, man spricht vom Recht des Sichauslebens, von der individuellen Keuschheit des Subjekts, quod libet, licet erlaubt ist, was gefällt. – Und das Ende ist Grauen. Als der wüste Zustand der Ausgrabungen von Pompeji vor jetzt fünfzig Jahren bekannt ward, schrieb in der Augsburger Allgemeinen Zeitung ein Sachverständiger: „diese ewigen Obszönitäten in mannigfachstem Genre über den Toren, an den Wänden, auf allen Utensilien von Erz, Ton und Farbe, dieser ganze gräßliche heidnische Quark von Sodom und Gemorrha – man gerät dadurch wirklich auf theologische Erklärungen der Weltgeschichte, man rechtfertigt unter Schaudern und Beben, daß es hohe Zeit war, diese Gräuel zu bedecken mit dem schrecklichen Werk des Vulkans, mit dem Mantel reinen Christentums“. Wenn ihr euch nicht bessert, werdet ihr auch also umkommen (Luc. 13. 5). Unser Volk hat viel edle Kraft unverbrauchter Echtheit und unangetasteter Frische, aber einmal aufgebraucht, kann dies reiche Kapital nimmer ersetzt werden. Wir hören mit Beben die Weissagung seines größten Sohnes und treuesten Freundes, er könne für sein Volk nimmer recht beten, es hindere ihn gar viel daran. Reichere Völker sind zu den Toten hinabgestiegen, edlere Kultur ist wie die Waldblume dahin gewelkt, weil der Zornesgeist des Herrn hinein blies; unser Volk hat keine Verheißung zu bleiben bis Er kommt, wol aber die Drohung, daß, der nichts habe, auch das verliere, was er hat. Sittlichkeitsvereine tuen es nicht, und Bündnisse zum weißen Kreuz tuen es auch nicht, wir ehren dankbar die Proteste eines Perthes gegen Verlag und Handel mit Unreinem, eines Philosophen, daß ein einfacher Arbeiter, der nur eine Elementarschule besucht habe und sich sorgfältig vor unzüchtigen Worten und Handlungen hüte, mehr Bildung habe als ein zotenreißender Akademiker, und hätte er drei Doktorgrade, und freuen uns der mannhaften Mahnungen bedeutender Aerzte, eines Ribbing und Gruber, zur geschlechtlichen Enthaltsamkeit. Dankbar erkennen wir die pädagogischen Bemühungen an und halten es für einen feinen Rat, mit der Parallelisierung des vegetativen und animalischen Entwicklungslebens zum menschlichen | vorsichtig zu sein, weil dadurch leicht der Wahn entstehe, als ob, was doch innerlich temperiert und höchstem Zwecke zu Dienst gestellt sein will, rein äußerlich sich vollziehen dürfe, kurz wir begrüßen alle Hilfe im Kampfe, aber unsere Hilfe kommt vom Herrn, der nicht Triebe und Gedanken ins Menschenleben gelegt hat, daß es an ihnen und unter ihnen verblute, sondern Mitleid mit seinem Volke trägt und zur Aufgabe die Gabe, zum Seinsollen das Seinkönnen schenkt. In seinem Wort und Willen ist nicht ein öder egoistischer Moralkodex beschlossen ehern und hart, dem niemand nahen darf noch gehorchen kann; sondern der Sein Volk trösten und zu Herzen ihm reden heißt, weil er nicht von Herzen die Menschen quält und plagt, hat aus seinem Elemente des Lichtes in der Selbsterfassung Seiner unveränderlichen Absolutheit und Reinheit Heiligungskräfte dargereicht, keiner wird zu schanden, der Sein harrt.
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 Die Bibel ist eben auch kein äußeres Gesetz mit starren Paragraphen, sondern die dem menschlichen Leben immanente Kritik, die in unbestechlichem Wahrheitssinn das Unreine erkennen läßt, rügt und straft, der Reinheit Segen und Seligkeit preist, das Uebel beim Namen nennt, und seine tiefste Begründung, seine Begleiterscheinungen, seine endlichen Auswirkungen rückhaltlos aufzeigt. Es ist nicht wahr, daß, wie selbst John Milton eimnal sagt, sie die Unsittlichkeiten der Ihren mit einer gewissen Eleganz uns schildere. Es ist vielmehr der Todesernst, der der Fleischessaat die Todesernte weissagt und an den Lustgräbern die Erschlagenen des Volkes beweint. Das alte Testament bespricht Zustände in herber derber Schilderung, Ehebruch des David und Unkeuschheit des Ham, Simsons Betörtheit und den Fall und Verfall salomonischer Herrlichkeit, die Entartung des Weibes auf der Folie seines herrlichsten Lobpreises im Frauenlob der Weisheit, die Frau Torheit mit feiler, frecher Art in Darlegung ihres Schaugerichts und die reine Frau Weisheit in der heiligen Ausgeräumtheit ihrer Habe und Gabe. Es geht aus dem Offenbarungswort des alten Bundes ein Unwetter vernichtenden Zornes über Sünder und Schänder. Die Flammen Sodoms und der Fall Babels unter dem Hohnlachen der Böcke in der Unterwelt, der Fluch über die sündigen Schwestern, über die Untat Onans – alles predigt von Not und Tod der Sünde, aus der entnommen zu werden, ein David betet: Schaff in mir, Gott, ein reines Herz! Das neue Testament bespricht mehr Zuständlichkeiten. Der Sünder Ende erfleht der alttestamentliche Gläubige (Ps. 104, V. 35) und der Gottlosen Ausgetansein ersehnt er. Aber die Offenbarung des Neuen Bundes verheißt und ersehnt (Offbg. 21 V. 4) Ende des Todes, des Leides und des Sündenelends. Der neue Himmel weitet und breitet sich über eine neue Erde, in welcher Gerechtigkeit wohnt. – Im neuen Bunde ist eben aller Reinheit höchste Fülle leibhaftig erschienen. Der alttestamentliche Sittlichkeitsbegriff ist in dem erschöpft, weil erfüllt, der allenthalben und allerorts auch vom Rauschtrank versucht ward und ohne Sünde blieb. Er | heiligt die Gedankenwelt und weiht und verklärt die Phantasie, die ihm nicht Spielplatz der finsteren nächtigen Gedanken sein darf, sondern Ruheort sein soll, da Gott seinem Kinde naht, daß es in Erschrockenheit ihn erschaue und mit sonnenhaftem Auge die Sonne erblicke. Jesus greift prüfend hinein in die Tiefen des Menschenherzens, aus dem die argen Gedanken herausgehen, die so viel sind als die gottwidrigen Taten, denn er sieht in der Wurzel Blüte und Frucht, am argen Baume die Frucht des Verderbens. Die leere lose Rede sieht er bebend vor dem hineilen, dem sie Stand und Wesen verdankt und ihn in und vor der Ewigkeit verklagen (Matth. 12, 37), darum betet er, daß die Seinen in der Wahrheit geheiligt werden mögen und heißt sie im Lichte wandeln als Lichter der Welt und in ätzender Selbstkritik Salz bei sich haben, damit sie nicht stumpf und stumm gegen die Fäulnis und ohne Würze und Weihe für Fades und Leeres hinausgeworfen und zertreten werden. Wenn das von Gott geschenkte und zu Gott eingestellte Auge ein Schalk ist, dann ärgert es weder noch bessert es, sondern es vermittelt Finsteres und liebt es. Aber das ärgerliche Auge gilt es auszureißen, den Eindrücken, die es, von der Hölle geblendet, vermittelt, abzusagen und lieber die Hand, die zur Tat und Untat fähig und freudig war, abzuhauen, als mit gebundenen Händen zur Hölle zu fahren.
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 Von der größten Wichtigkeit für die richtige Selbstbehandlung, und Selbsterziehnng ist es zu wissen, daß alle Unkeuschheit, welche die göttliche Bestimmung der Geschlechter für einander nicht achtet und die Ordnung ihrer Erfüllung in Gedanken, Wort und Werk nicht heiligt, sondern aufhebt, prinzipiell verkehrte Geistes- und Herzensrichtung ist, welche den natürlichen Trieb gottwidrigen Zielen zulenkt. Geistliche Diät sichert mehr denn die leibliche (1. Tim. 4, 8), denn die Potenz des leiblich sarkischen Triebes kann längst schweigen, während die Unkeuschheit der Gedankenwelt den Geist zu knechten nicht abläßt. Man wird eben nicht durch Abgewöhnung oder durch Alter gleichsam von selbst keusch, es wäre sonst ungerecht, wenn nicht alle zu Jahren kämen, sondern durch rechtschaffene Bekehrung. Andrerseits gibt der Apostel wohl zu bedenken (Röm. 11, 14) wie die Stärke des natürlich-leiblichen Triebs zum Substrat verkehrter Herzensrichtung wird, also daß physisch-diätetische Leibespflege wohl von nöten ist. Sein Herr warnt vor Beschwerung in und mit Genußleben, weil sonst der böse Tag den Sichern und Geistesträgen überrasche und übermanne. Wer sein Leben in Unreinheit führt, hat kein Teil am Reiche Gottes (I. Kor. 6, 9, Eph. 5, 5, Offbg. 22, 15). Der Akt, der außer der Ehe, in der gottgeordnete Zwecke auf geordnetem Wege erfüllt und erreicht werden mögen, sich genügen und Früchte zu eignem feilen Genießen brechen will, ist eigentlichst Preisgabe des Leibes, dieses Geistestempels in seinen geheiligtesten Beziehungen, Aufsagung und Bruch der Gemeinschaft mit dem, dessen heiliges Geistesleben unseren Leib gebenedeit und über alles geehrt | hat, Drangabe des Gottesgedankens, dessen Heimlichkeit den Leib im Verborgenen gebildet und öffentlich erlöst hat. Die Bestimmung, den Gottesgedanken in der Welt fortzupflanzen, hat der Lüstling in selbstischer Weise gestört und verlassen. Wird so der Leib seinem Zweck entzogen und zum Gefäß und Werkzeug der dämonischen Triebe entwertet, so tritt Entziehung der geistigen Kraft und des geistigen Bewußtseins ein. Der Ewigkeitsgedanke erstirbt am Lustmomente und aus ihm. Von einem pathos atimias als letztem Ausläufer, als Konsequenz widergöttlicher Leibesvernutzung redet (Röm. 1, 21–27) der Apostel, aus tiefster Nacht heidnischer Gottvergessenheit erheben sich die Irrlichter schändlicher Affekte und Sympathien: Der Mensch wird besessen und endet an sich und durch sich. –

 Philipp Nikolai sagt fein, „die Menschen sind vor dem Fall anstatt mit Kleidern mit äußerlichem Glanzschein gleich als umwölkt gewesen. Die heilige δόξα der Gottesherrlichkeit war ihr Gewand. Darum war ihre Nacktheit ihnen nicht zum Anstoß noch zur Unehre. Ihre Leiber waren das die inwendige Herrlichkeit bedeckende Kleid und ihre inwendige Herrlichkeit das Kleid ihrer Nacktheit“. „Der Mann war der Geist des Weibes, sie die Seele des Mannes, beide eines unter dem gemeinsamen Herrn,“ sagt St. Martin schön und wahr. Als aber verbotene Frucht, die auf dem Wege geduldig getragenen Geschichtsverlaufs ihm geworden wäre, von dem Menschen in Hochmut an sich genommen und gerafft war wie ein Raub, – nachdem er die Gehülfin um ihn von sich gelassen hatte, da verkehrte sich die Reinheit in Gottes Nähe zur Entstelltheit in Gottesferne, und was vordem Gewand innerer Herrlichkeit war, ward zum Verrat innerer Schande der Untreue. Das Weib von dem kosmischen Glanze des gottfremden Selbstseins in der Geisteswelt betrogen, ward zur Schlange für den Mann, den sie zum Sklaven ihres Willens, der sie zur Dienerin seiner Lüste herabwürdigte und mißbrauchte.

 Wo beide ihr Leid empfinden, da tröstet der mit Vergebung, der allen alles geworden ist, damit in ihm alles befestigt würde und verscheucht die Verkläger und heißt die Steine wegwerfen, die ihnen bestimmt waren und macht sie frei. Der die Ehebrecherin frei gab und die Huren selig pries, verdammt die Sünde und rette den Sünder, der ihrer müde geworden ist. Mit werbender Treue einer erbarmenden Mutter wendet sich die göttliche Seelsorge an unser Geschlecht (Jes. 48, 18): „o daß du auf Meine Gebote merktest, so würde dein Friede sein wie ein Wasserstrom und deine Gerechtigkeit wie Meereswellen,“ ein Bad der Reinheit und ein alles bedeckendes Sühnemeer würde ihm zuteil.

 Verehrte Herren und Brüder, lassen Sie uns mit unserem geknechteten Volke freundlich reden, ihm zu Herzen sprechen und ohne den falschen Pessimismus, den Tod der Seelsorge, an ihm arbeiten und für seine Rettung beten. Lassen Sie uns nicht in äußeren Verbündnissen, sondern in lautrer Gemeinschaft des Gebetes, der Arbeit des Herrn im fremden Lande gedenken, Jerusalem, das droben ist, im | Herzen tragen, und das Volk, das uns befohlen ist, in Heimweh und Heimrecht vor dem Schwerte schützen. (Jerem. 51, 5.) Die Pfarrhäuser seien in ihrer schlichten Einfachheit und evangelischer Weitschaft fern ab von ungutem Luxus wie von falschem Puritanismus, Stätten edler Freude, reinen Genusses, aber auch klagelosen Verzichtes um des Höchsten willen. Nur aus der Familie, die auf ewigen unverlornen und unverlierbaren Gottesordnungen sich erhebt, wird unser Volk erneut. Wo die Gemeinschaft der Geschlechter nicht Selbstzweck, sondern Vorschule höchster Erziehung und Uebungsstätte wahrhafter Förderung zu Gott hin bedeutet, da geht von ihr etwas von dem Friedenshauche aus, der aus dem Geheimnisse Christi und seiner Gemeinde herweht, die in irdischer Ehe Abbild haben, wie sie ihr Urbild sind. Machen wir hart Gebundenen die Beichte leicht, ohne kasuistisch zu fragen und zu klügeln: noli crubescere mihi confiteri tua peccata, nam nescis utrum ego eadem an maiora quam tu commiserim sagt Rhabanus. Habe keine Scheu, deine Sünde zu bekennen, denn du weißt nicht, ob ich nicht auch solcher Sünden mich schuldig gemacht habe. Der stille Friede des Christenlebens ladet zur Beichte, seine Kraft verheißt Absolution! – Aber zu ernstem, aus heiligem Eifer entflammten Zorn helfe uns der heilige Gott, wenn auf dem Markte die Verführung frech sich bläht und in den Winkeln das Laster lauert, zu parteiloser Verurteilung wollen wir uns einigen, wo Sünde Sünde ist und es doch nicht sein will. Wächter über die Seele unsres Volks können nicht stumpf, dürfen nicht blind sein. Schonen Sie, schreibt Spurgon in The darkest London, die Schurken nicht, auch nicht in Stern und Ordensband! – Wachen über die Seelen wollen wir, ihre Feinde kennen, nennen, entlarven. Verehrte Anwesende alle: lassen Sie uns mit Ausdauer im verordneten Kampfe laufen und auf den fleißig aufsehen, der für uns treulich betet, daß unser Glaube nicht aufhöre, weder an ihn noch an die Zukunft des von ihm beschwerlich erlösten Volkes. Lassen Sie Lindigkeit den Gefallenen zukommen und das Oel der Leutseligkeit den Geschlagenen, aber schärfste Abweisung dem Faulen und Falschen.

 Königlich frei wollen wir über alles Große und Reiche, über alles menschlich Schöne und Leuchtende hinsehen und unsere Hand über alles Erdenwerk hinstrecken: Dies alles ist unser, nicht weil der Feind es anbot und dagab, sondern weil ein Heiland es erkauft, erworben und gewonnen hat. Aber priesterlich gegürtet wollen wir uns zur Verzicht und zum Opfer freudig rüsten. Wir sind Christi, frei zu tun und zu lassen, alles aber zur Erbauung der Gemeinde.

 Mit zwei Bildern lassen Sie mich schließen. Voltaire saß über einer schnöden Arbeit: er hatte eine laszive Travestierung des 51. Psalm bis zum 11. Verse vollendet. Als er aber an das: cor mundum crea in me der Vulgata kam, entfiel ihm die Feder. An diesen Worten brach sich Hohn und Spott. Mag das Heiligste profaniert und das | Gemeinste apotheosiert werden, niemand soll in die Geheimnisse des reinen Herzens, in penetralia intima amoris divini eindringen. Hier wohnt Kraft der Persönlichkeit und Macht ihrer Entfaltung, die kein Teufel rauben kann.

 Die sinnige deutsche Sage vom König Laurin berichtet, daß um den großen Rosengarten, den schlafende Löwen beschützten, eine seidene Schnur gezogen gewesen sei. Ward sie angerührt, so schütterte sie alsbald, und die Löwen wachten auf und zerrissen den Frevler. Um den Garten Gottes, um seine heilige Gemeinde, die er gepflanzt und bestellt hat in heißer Lebensmühe bis auf diese Stunde, ist die heilige Sitte zur Wahrung und Umfriedung gelegt. Wenn sie angetastet werden, mag noch Löwentrotz und Löwenmut des Zeugengeistes erwachen und sich gegen die Frevler wenden.

 Gott schenke uns den rechten heiligen Mut, gebe guten Rat, und rechte Werke. – Den Reinen das Reich, den Treuen die Heimat, dem rechten Kampf der gewisse Sieg. Gott schenke dies aus Gnaden!


Kgl. Hofbuchdr. L. Voß & Cie. in Düsseldorf.