Die Gartenlaube (1876)/Heft 29

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1876
Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[481]

No. 29.   1876.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich  bis 2 Bogen. Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig – In Heften à 50 Pfennig.



Nachdruck verboten und Ueber-
setzungsrecht vorbehalten.     
Vineta.
Von E. Werner.
(Fortsetzung.)


Es war in den Vormittagsstunden; in dem Balconzimmer der Villa, welche die Baratowskische Familie in C. bewohnte, befand sich augenblicklich nur die Fürstin. Sie war in einen Brief vertieft, den sie vor einer Stunde empfangen hatte; er enthielt Waldemar’s Anzeige, daß er heute kommen werde und seinem Boten unmittelbar auf dem Fuße folge. Die Mutter blickte so unverwandt auf das Schreiben nieder, als wolle sie aus den kurzen kalten Worten oder aus den Schriftzügen den Charakter des Sohnes herauslesen, der ihr so gänzlich fremd geworden war. Seit ihrer zweiten Vermählung hatte sie ihn nur selten und flüchtig gesehen, und seit sie in Frankreich lebte, hatte fast jeder Verkehr zwischen ihnen aufgehört. Das Bild, das sie von dem zehnjährigen Knaben noch deutlich in der Erinnerung trug, war abstoßend genug, und was sie über den Jüngling in Erfahrung gebracht, stimmte nur zu sehr damit überein. Trotzdem galt es, sich den Einfluß auf ihn um jeden Preis zu sichern, und die Fürstin war nicht die Frau, vor einer Aufgabe zurückzuschrecken, deren Schwierigkeit sie sich keineswegs verhehlte. Sie war aufgestanden und ging nachdenkend im Gemache auf und nieder, als ein rascher lauter Schritt im Vorzimmer sie innehalten ließ. Gleich darauf öffnete Pawlick die Thür und meldete „Herrn Waldemar Nordeck“. Dieser trat ein. Die Thür schloß sich wieder hinter ihm, und Mutter und Sohn standen einander gegenüber.

Waldemar that noch einige Schritte vorwärts und blieb dann plötzlich stehen. Die Fürstin war im Begriff, ihm entgegen zu gehen, aber auch sie hemmte ihren Schritt. Es war, als ob gleich im ersten Momente des Wiedersehens sich eine endlose Kluft zwischen den Beiden öffne, als ob Alles, was jemals Feindseliges und Fremdes zwischen ihnen gelegen, sich wieder aufbäume – dieses secundenlange Schweigen und Fernhalten sprach deutlicher als Worte; es zeigte, daß weder in dem Herzen der Mutter noch dem des Sohnes sich eine einzige Stimme regte. Die Fürstin überwand die Zurückhaltung zuerst. „Ich danke Dir, mein Sohn, daß Du gekommen bist,“ sagte sie, ihm die Hand entgegenstreckend.

Waldemar kam langsam näher; er berührte die dargebotene Hand nur einen Augenblick lang und ließ sie dann sofort wieder fallen. Der Versuch zu einer Umarmung wurde von keiner Seite gemacht. Die Gestalt der Fürstin war trotz der dunklen Trauerkleidung imponirend schön, als sie so, vom hellen Sonnenlichte umflossen, dastand, aber das schien nicht den geringsten Eindruck auf den jungen Mann zu machen, obgleich er sie unverwandt ansah. Auch der Blick der Mutter haftete auf seinem Gesicht, aber sie suchte vergebens nach einem einzigen Zuge, der ihr angehörte oder wenigstens an sie erinnerte. Nichts trat ihr dort entgegen, als die sprechende Aehnlichkeit mit dem Manne, den sie noch im Tode haßte – der Sohn war das Ebenbild seines Vaters, Zug für Zug.

„Ich hoffte sicher auf Dein Erscheinen,“ fuhr die Fürstin fort, indem sie sich niederließ und ihm mit einer Handbewegung den Platz an ihrer Seite anwies – Waldemar blieb trotzdem stehen.

„Willst Du Dich nicht setzen?“ Die Frage klang sehr ruhig, aber sie ließ keine Verneinung zu und erinnerte den jungen Nordeck daran, daß er füglich nicht während des ganzen Besuches stehen bleiben könne, aber die erneute Handbewegung blieb unbeachtet. Er zog einen Sessel heran und setzte sich der Mutter gegenüber. Der Platz an ihrer Seite blieb leer.

Die Demonstration war unzweideutig – einen Augenblick lang preßten sich die Lippen der Fürstin fester auf einander, aber ihr Gesicht blieb unbewegt. Waldemar saß jetzt gleichfalls im vollen Tageslichte. Er trug auch heute eine Art Jagdanzug, der freilich diesmal nicht Spuren der Jagd zeigte, aber auch keine besondere Sorgfalt verrieth und von einer eleganten Reitkleidung himmelweit verschieden war. In der Linken, die wie die Rechte ohne Handschuhe war, hielt er den runden Hut und die Reitpeitsche. Die Stiefel trugen noch den ganzen Staub eines zweistündigen Rittes; der Reiter hatte es nicht für nöthig befunden, ihn zuvor abzuschütteln, und die Art, wie er sich setzte, verrieth die vollste Unbekanntschaft mit den Gewohnheiten des Salons. Die Mutter sah das Alles mit einem einzigen Blicke, aber sie sah auch den starren Trotz, mit dem ihr Sohn sich gewaffnet hatte. Er leuchtete deutlich genug aus seinen Augen; leicht war ihre Aufgabe nicht – das fühlte sie.

„Wir sind uns fremd geworden, Waldemar,“ begann sie, „und ich kann bei diesem ersten Wiedersehen von Dir noch nicht die Umarmung des Sohnes verlangen. Ich habe Dich ja seit Deiner Kindheit fremden Händen überlassen müssen. Man hat der Mutter nie erlaubt, ihre Pflichten und ihre Rechte bei Dir auszuüben.“

„Ich habe bei meinem Onkel Witold nichts vermißt,“ entgegnete Waldemar herb. „Und jedenfalls war ich bei ihm heimischer, als ich im Hause des Fürsten Baratowski gewesen wäre.“

[482] Er betonte den Namen mit einer Bitterkeit, die der Fürstin nicht entging.

„Fürst Baratowski ist todt,“ sagte sie ernst. „Du siehst seine Wittwe vor Dir.“

Waldemar sah auf. Er schien erst jetzt ihre Trauerkleidung zu bemerken. „Das bedaure ich – um Deinetwillen,“ erwiderte er kalt.

Die Mutter machte eine abwehrende Bewegung. „Laß’ das! Du hast den Fürsten nie gekannt, und ich kann von Dir keine Sympathie für den Mann erwarten, der mein Gemahl hieß. Aber ich verhehle mir nicht, daß der Verlust, der mich so schwer getroffen, eine Schranke niederreißt, die bisher trennend zwischen uns stand. Du hast stets in mir nur die Fürstin Baratowska sehen wollen. Vielleicht erinnerst Du Dich jetzt, daß sie auch Deine Mutter, die Wittwe Deines Vaters ist.“

Bei den letzten Worten erhob sich Waldemar mit einer so ungestümen Bewegung, daß der Sessel zurückflog. „Ich denke, wir lassen das ruhen. Ich bin gekommen, um Dir zu zeigen, daß ich keinem Zwange gehorche, daß ich nur meinem eigenen Willen folge. Du hast mich sprechen wollen – hier bin ich. Was willst Du von mir?“

Die ganze Rücksichtslosigkeit und Rauhheit des jungen Mannes sprach aus diesen Worten. Die Hindeutung auf seinen Vater hatte ihn offenbar tief verletzt, aber auch die Fürstin hatte sich erhoben und stand ihm gegenüber.

„Was ich von Dir will? Ich will den Bannkreis durchbrechen, den ein mir feindseliger Einfluß um Dich gezogen hat. Ich will Dich daran mahnen, daß es jetzt Zeit für Dich ist, mit eigenen Augen zu sehen und Dein eigenes Urtheil sprechen zu lassen, statt blindlings fremden Anschauungen zu folgen, die man Dir aufdrängt. Man hat Dich die Mutter hassen gelehrt – ich wußte es längst. Prüfe erst, ob sie diesen Haß verdient, und dann entscheide selbst! Das will ich von Dir, mein Sohn, da Du mich denn doch zwingst, Dir auf eine solche Frage zu antworten.“

Das wurde mit einer so energischen Ruhe, mit einem so unnahbaren Stolze gesprochen, daß es seinen Eindruck auf Waldemar nicht verfehlen konnte. Er fühlte, daß er die Mutter beleidigt hatte, aber er fühlte auch, daß diese Beleidigung machtlos an ihr abglitt, und der Appell an seine Selbstständigkeit verhallte keineswegs ungehört.

„Ich trage keinen Haß gegen Dich, Mutter,“ sagte er. Es war das erste Mal, daß er den Mutternamen überhaupt aussprach.

„Aber auch kein Vertrauen,“ entgegnete sie. „Und doch ist dies das Erste, was ich von Dir fordern muß. Es wird Dir nicht leicht – ich weiß es; man hat ja von frühester Kindheit an den Samen des Mißtrauens in Deine Seele gesäet. Dein Vormund hat das Möglichste gethan, Dich mir zu entfremden und Dich einzig an sich zu ketten. Ich fürchte nur, seine Erziehung war die am wenigsten geeignete für den Erben von Wilicza.“

Der Blick, der dabei über den jungen Mann hinglitt, ergänzte die Worte; leider wurde er nur zu gut verstanden und reizte eben deshalb auf’s Aeußerste.

„Ich dulde keinen Vorwurf gegen meinen Onkel Witold,“ brach Waldemar mit wildem Jähzorne los. „Er ist mir ein zweiter Vater gewesen, und wenn ich nur hierher gerufen worden bin, um Angriffe gegen ihn zu hören, so ist es besser, ich gehe gleich auf der Stelle wieder. Wir werden uns doch nie verstehen.“

Die Fürstin sah, welchen Fehler sie gemacht hatte, als sie ihrer Feindseligkeit gegen den gehaßten Vormund die Zügel schießen ließ, aber es war nun einmal geschehen. Nachgeben hieß hier ihre ganze Autorität auf’s Spiel setzen. Sie fühlte, daß sie das unter keiner Bedingung thun durfte, und doch hing für sie Alles an dem Bleiben Waldemar’s.

Da kam ihr die Hülfe von einer Seite, von welcher sie dieselbe wohl am wenigsten erwartete. Gerade im entscheidenden Augenblicke öffnete sich eine Seitenthür, und Wanda, die soeben von einem Spaziergange mit dem Vater zurückkam und keine Ahnung von dem inzwischen eingetroffenen Besuch hatte, trat in das Zimmer.

Waldemar war wirklich im Begriffe zu gehen, aber er blieb auf einmal wie angewurzelt stehen. Es war, als ob eine Flamme in seinem Antlitze aufschlage, so jäh und heftig röthete es sich. Zorn und Trotz, die eben noch daraus hervorleuchteten, verschwanden urplötzlich, und er stand einen Moment lang ganz fassungslos da, die Augen starr auf die junge Gräfin gerichtet. Diese wollte sich zurückziehen, als sie einen Fremden bei ihrer Tante erblickte, als dieser Fremde ihr aber das Gesicht zuwendete, entfloh auch ihr ein halblauter Ausruf der Ueberraschung. Wanda ihrerseits verlor zwar die Fassung durchaus nicht und gerieth auch nicht im Mindesten in Verlegenheit, dagegen schien sie ein ganz unwiderstehlicher Lachreiz anzuwandeln, den sie nur mit Mühe unterdrückte. Zum Zurücktreten war es jetzt jedenfalls zu spät; sie schloß deshalb die Thür hinter sich und trat an die Seite ihrer Tante.

„Mein Sohn, Waldemar Nordeck – meine Nichte, Gräfin Morynska,“ sagte die Fürstin, indem sie mit dem Ausdrucke größter Ueberraschung erst Waldemar ansah und dann den Blick fragend zu ihrer Nichte wandte.

Diese hatte die kindische Regung schnell überwunden und erinnerte sich bereits wieder, daß sie ja eigentlich schon zu den Damen gehöre. Ihre graziöse Verneigung war so salonmäßig, daß auch die strengste Hofmeisterin nichts daran hätte tadeln können, aber es zuckte schon wieder verrätherisch um die jugendlichen Lippen, als Waldemar die Vorstellung mit einer Bewegung beantwortete, die wahrscheinlich eine Verbeugung ausdrücken sollte, sich aber allerdings etwas seltsam ausnahm. Der Blick der Mutter haftete so unverwandt auf seinem Gesichte, als wollte sie seine geheimsten Gedanken darauf lesen. „Mir scheint, Du kennst Deine Cousine bereits?“ sagte sie mit eigenthümlicher Betonung. Die Hindeutung auf die verwandtschaftlichen Beziehungen schien den jungen Mann nur noch mehr zu verwirren.

„Ich weiß nicht,“ versetzte er, mit äußerster Befangenheit. „Ich habe allerdings – vor einigen Tagen –“

„Herr Nordeck war so freundlich, meinen Führer zu machen, als ich mich im Walde verirrt hatte,“ fiel Wanda ein. „Es war vorgestern, auf unserer Fahrt nach dem Buchenholm.“

Die Fürstin hatte damals den Spaziergang sehr eigenmächtig und unpassend gefunden. Jetzt hatte sie kein Wort des Tadels dafür; im Gegentheil, ihr Ton klang beinahe gütig, als sie erwiderte:

„In der That, ein eigenthümliches Zusammentreffen! Aber was steht Ihr Beide so fremd einander gegenüber? Unter Verwandten braucht die Etiquette nicht so streng festgehalten zu werden. Du kannst Deinem Vetter immerhin die Hand reichen, Wanda.“

Wanda kam der Aufforderung nach; sie streckte unbefangen ihre Rechte aus. Vetter Leo war schon ritterlich genug, diese Hand zu küssen, wenn sie ihm nach irgend einem Streite zur Versöhnung gereicht ward, der ältere Bruder schien aber leider nichts von dieser Ritterlichkeit zu besitzen. Er faßte die zarten Finger anfangs so scheu und zögernd, als wage er überhaupt gar nicht, sie zu berühren, und dann auf einmal preßte er sie so heftig zwischen den seinigen, daß die junge Dame fast einen Schmerzensschrei ausgestoßen hätte. Sie wußte über diesen neuen Vetter im Grunde nicht mehr als Leo, eigentlich noch weniger. Mit um so größerer Neugierde hatte sie seinem angekündigten Besuche entgegengesehen, ihre Enttäuschung war nun aber auch eine grenzenlose.

Die Fürstin hatte die Beiden schweigend, aber unausgesetzt beobachtet. Sie ließ das Auge nicht von dem Gesichte Waldemar’s.

„Also im Walde seid Ihr einander begegnet?“ nahm sie wieder das Wort. „Wurde denn von keiner Seite ein Name genannt, der Euch aufklärte?“

„Ich habe Herrn Nordeck leider für einen Waldgeist gehalten,“ fuhr Wanda heraus, ohne sich um den ernst zurechtweisenden Blick der Tante zu kümmern. „Und er that das Möglichste, mich in diesem Glauben zu bestärken. Du hast keine Ahnung davon, liebe Tante, wie interessant unsere Unterhaltung war. Er ließ mich während eines halbstündigen Zusammenseins nicht darüber in’s Klare kommen, ob er wirklich dem heutigen Menschengeschlechte oder der alten Sagenwelt angehöre. Du begreifst, daß unter so bewandten Umständen eine officielle Vorstellung unterblieb.“

[483] Die Worte verriethen deutlich genug den übermüthigen Spott, aber seltsam, Waldemar, der sich vorhin so reizbar gezeigt hatte, schien nicht im Geringsten dadurch verletzt zu werden. Sein Auge hing unverwandt an dem jungen Mädchen, dessen Spöttereien er kaum zu hören schien.

Die Fürstin hielt es aber jetzt doch für nöthig, dem Muthwillen Wanda’s ein Ziel zu setzen. Sie wandte sich zu ihrem Sohne, mit so vollkommener Ruhe, als habe die vorhergehende Scene gar nicht stattgefunden.

„Du hast ja Deinen Bruder noch nicht gesehen Waldemar, und Deinen Oheim gleichfalls nicht. Ich werde Dich zu ihnen führen. – Du bleibst doch den Tag über bei uns?“ Die letzte Frage wurde in einem Tone hingeworfen, der das Bleiben als selbstverständlich voraussetzte.

„Wenn Du es wünschest.“ Das klang schwankend, ungewiß, aber es hatte nichts mehr von der trotzigen Energie der früheren Antworten. Waldemar dachte augenscheinlich nicht mehr daran, zu gehen. „Gewiß wünsche ich es. Du wirst doch diesen ersten Besuch nicht so kurz abbrechen wollen? Komm, liebe Wanda!“

Der junge Nordeck zögerte noch eine Minute, als aber Wanda der Aufforderung nachkam, war auch sein Entschluß gefaßt. Er legte Hut und Reitpeitsche, die er bisher hartnäckig festgehalten, auf den Sessel, den er vorhin im auflodernden Zorne fortgestoßen, und folgte geduldig den voranschreitenden Damen. Ein kaum bemerkbares, aber triumphirendes Lächeln spielte um die Lippen der Fürstin. Sie war eine zu gute Beobachterin, um nicht zu wissen, daß sie das Spiel bereits in Händen hatte, freilich war ihr der Zufall dabei zu Hülfe gekommen.


In dem Wohngemache der Fürstin befanden sich Graf Morynski und Leo. Sie hatten durch Pawlick bereits Waldemar’s Ankunft erfahren, aber die erste Zusammenkunft zwischen Mutter und Sohn nicht stören wollen. Der Graf sah nur etwas verwundert auf, als Wanda, die er auf ihrem Zimmer glaubte, gleichfalls mit eintrat, aber er unterdrückte die Frage, die ihm auf den Lippen schwebte; der junge Nordeck fesselte für den Augenblick sein ganzes Interesse.

Die Fürstin nahm die Hand ihres jüngeren Sohnes und führte ihn zu dem älteren. „Ihr habt Euch bisher nicht gekannt,“ sagte sie bedeutsam, „und erst heute ist es mir vergönnt, der langen Trennung zwischen Euch ein Ende zu machen. Leo bringt Dir die volle Geschwisterliebe entgegen, Waldemar. Laß’ mich hoffen, daß er auch in Dir einen Bruder findet.“

Waldemar maß mit einem raschen Blicke den vor ihm stehenden Bruder, aber der Blick hatte nichts Feindseliges mehr. Die Schönheit des jungen Fürsten nahm ihn unwillkürlich gefangen; das sah man, vielleicht war er auch weicher gestimmt durch das Vorhergegangene, und als Leo, noch halb in scheuer Zurückhaltung, ihm die Hand hinstreckte, ergriff er sie lebhaft.

Graf Morynski trat jetzt auch heran, um dem Sohne seiner Schwester einige Höflichkeiten zu sagen, die dieser ziemlich einsilbig beantwortete. Die Unterhaltung, die sich aus Rücksicht für Waldemar ausschließlich in deutscher Sprache bewegte, würde gezwungen und matt gewesen sein, hätte die Fürstin es nicht verstanden, sie mit einer wahren Meisterschaft zu leiten. Sie vermied jede naheliegende Klippe, jede verletzende Erinnerung; sie wußte den Bruder, ihre Söhne und Wanda nach einander in das Gespräch zu ziehen und für eine halbe Stunde wirklich die Illusion zu erwecken, als herrsche die vollkommenste Harmonie zwischen den Familiengliedern.

Leo stand dicht neben dem Sessel Waldemar’s, und nichts war geeigneter, den Contrast zwischen den Brüdern schärfer hervor zu heben, als diese Nähe. Auch der junge Fürst hatte erst kürzlich die Knabenjahre hinter sich gelassen; auch er war noch nicht zum Manne gereift, aber wie anders zeigte sich der Uebergang hier! Waldemar hatte nie abstoßender ausgesehen als neben dieser schlanken elastischen Jünglingsgestalt mit dem vollendeten Ebenmaß in jeder Linie, mit der leichten Sicherheit in Haltung und Bewegungen und dem fast idealisch schönen Kopfe. Der junge Nordeck mit seinen scharfen, eckigen Formen, mit den unregelmäßigen Zügen und den finsteren Augen unter dem blonden Haargewirr rechtfertigte nur zu sehr die Empfindung, mit welcher der Blick der Mutter auf Beiden ruhte, auf ihrem Lieblinge, ihrem schönen lebensvollen Jüngsten, und jenem Anderen, der gleichfalls ihr Sohn hieß und mit dem sie doch nicht ein einziger Zug des Aeußeren, nicht eine einzige Regung des Herzens verband. Es war heute etwas in der Art Waldemar’s, das ihn noch unvortheilhafter erscheinen ließ als gewöhnlich. Das Schroffe, Herrische, das sonst in seinem Wesen lag, so wenig anziehend es war, es paßte doch zu der ganzen Erscheinung, und gab ihr mindestens etwas Charakteristisches. Er hatte es während der ganzen Unterredung mit der Mutter bewahrt; erst seit dem Augenblicke, wo die junge Gräfin Morynska eintrat, war es verschwunden. Zum ersten Male in seinem Leben schien er sich scheu und befangen zu fühlen, zum ersten Male schien er den Einfluß einer Umgebung zu empfinden, die ihm in jeder Beziehung überlegen war, und das raubte ihm mit dem Trotze sichtlich auch die Sicherheit. Er war gekommen, um etwas Feindseligem zu begegnen, und dies gab ihm eine gewisse rauhe Ueberlegenheit – jetzt gab er den Kampf auf, aber die Ueberlegenheit mit ihm; er war unbeholfen, zerstreut, und der verwunderte Blick Morynski’s schien bisweilen zu fragen, ob denn dies wirklich der Waldemar sei, über den man so viel Abschreckendes gehört. Das Zusammensein hatte etwa eine halbe Stunde gewährt, als Pawlick mit der Meldung erschien, daß der Tisch bereit sei.

„Leo, Du wirst es wohl heute Deinem Bruder überlassen müssen, Wanda zu führen,“ sagte die Fürstin, indem sie aufstand und den Arm ihres Bruders nahm. Sie schritt mit ihm voran nach dem Speisezimmer.

„Nun?“ fragte der Graf halblaut auf polnisch. „Wie steht es? Wie endigte die Unterredung?“

Die Fürstin lächelte nur; sie warf noch einen flüchtigen Blick auf Waldemar zurück, der eben im Begriff war, sich Wanda zu nähern, dann entgegnete sie gleichfalls in polnischer Sprache:

„Sei ohne Sorge! Er wird sich fügen – ich versichere es Dir.“ – –

Erst gegen Abend kehrte der junge Nordeck nach Altenhof zurück, und Leo, der den Bruder bis zum Ausgange der Villa begleitet hatte, trat wieder in das Empfangszimmer. Die Fürstin und Graf Morynski waren nicht mehr dort, nur Wanda stand noch auf dem Balcon, um dem Fortreitenden nachzusehen.

„Mein Gott, welch ein Ungethüm ist dieser Waldemar!“ rief die junge Gräfin ihrem Vetter entgegen. „Wie ist es Dir nur möglich gewesen, Leo, die ganze Zeit über ernst zu bleiben? Sieh her, ich habe mein Taschentuch ganz zerknittert, um das Lachen dahinter zu verstecken, aber jetzt kann ich es nicht mehr bewältigen; ich ersticke sonst,“ und Wanda warf sich auf einen der Balconsessel und überließ sich einem so stürmischen Ausbruch von Heiterkeit, daß man sah, welche Mühe es ihr gekostet hatte, ihn bis jetzt zurückzuhalten.

„Wir waren ja auf Waldemar’s eigenthümliches Wesen vorbereitet,“ meinte Leo halb entschuldigend. „Nach allem, was wir über ihn in Erfahrung gebracht, habe ich ihn mir, die Wahrheit zu sagen, noch schroffer und abstoßender gedacht.“

„O, Du sahst ihn heute auch nur im Salongewande,“ spottete Wanda. „Wer wie ich das Glück hatte, ihn in seiner ganzen Ursprünglichkeit zu bewundern, der kann sich dem überwältigenden Eindruck nicht entziehen, den die erste Erscheinung dieses Wilden macht. Ich denke noch mit Schrecken an unser Zusammentreffen im Walde.“

„Ja, Du bist mir noch die Erzählung dieses Zusammentreffens schuldig,“ fiel Leo ein. „Es war also Waldemar, der Dich vorgestern nach dem Buchenholm führte – so viel habe ich aus Eurem Gespräche entnommen, aber ich begreife nicht, weshalb Du ein solches Geheimniß aus der Sache machtest.“

„Das geschah nur, um Dich zu ärgern,“ versetzte die junge Dame sehr aufrichtig. „Du wurdest so gereizt, als ich von der interessanten Begegnung mit einem Fremden sprach; Du setztest natürlich voraus, daß irgend ein Cavalier mich begleitet hätte, und ich ließ Dich in dem Glauben. Jetzt, Leo,“ sie kämpfte wieder mit einem neuen Anfall von Heiterkeit, „jetzt siehst Du doch wohl ein, daß die Sache keine Gefahr hatte.“

„Ja, das sehe ich ein,“ stimmte der junge Fürst lachend bei. „Aber Waldemar scheint doch eine cavaliermäßige Regung gehabt zu habe, da er sich herabließ, Deinen Führer zu machen.“

[484] „Möglich, aber ich werde mein Lebenlang an diese Führung denken. Stelle Dir vor, Leo, ich hatte auf einmal den Waldpfad verloren, den ich doch schon öfter gegangen war, und den ich ganz genau zu kennen meinte. Bei jedem Versuche, ihn wieder aufzufinden, gerieth ich nur immer tiefer in den Wald und fand mich schließlich in ganz unbekannten Umgebungen. Ich wußte nicht einmal mehr die Richtung, in welcher der Buchenholm oder die See lagen, denn es regte sich kein Windhauch, und auch nicht das leiseste Brausen der Wellen drang zu mir herüber. Ganz rathlos stand ich da und war eben im Begriff, umzukehren, als Etwas mit einem Ungestüm, als ob eine ganze Treibjagd daherbrause, durch die Gebüsche brach. Urplötzlich stand eine Gestalt vor mir, die ich wirklich für nichts anderes halten konnte, als für den Waldgeist in höchsteigener Person. Er schien direct aus dem Sumpfe zu kommen, denn er war bis über die Kniee hinauf voll Morast. Ein erschossenes Reh hatte er über die Schulter geworfen, ohne sich darum zu kümmern, daß das herabrieselnde Blut des Thieres seinen ganzen Jagdrock befleckte. Die ungeheure gelbe Löwenmähne, die er statt der Haare trägt, war von den Zweigen arg mitgenommen und fiel ihm über das Gesicht herab. So stand er da, die Flinte in der Hand, einen knurrenden, zähnefletschenden Jagdhund neben sich – ich frage Dich, ob es möglich war, dieses Waldungethüm für einen Menschen und Jäger anzusehen?“

„Du hast Dich wohl außerordentlich gefürchtet?“ spottete Leo.

Wanda hob mit einer sehr entschiedenen Bewegung den Kopf. „Gefürchtet? Ich? Du solltest doch wissen, daß ich nicht furchtsam bin! Eine Andere wäre wahrscheinlich davongelaufen, ich aber hielt Stand und fragte nach dem Wege zum Buchenholm. Aber obgleich ich die Frage wiederholte, wurde mir keine Antwort; statt dessen stand das Gespenst wie an den Boden festgewachsen und starrte mich mit seinen großen wilden Augen an, ohne einen Laut von sich zu geben. Jetzt wurde mir die Sache doch etwas unheimlich, und ich wandte mich zum Gehen; da war es auf einmal mit zwei Schritten an meiner Seite, wies nach rechts hinüber und gab die unzweifelhafte Absicht kund, mich zu führen.“

„Aber doch nicht blos pantomimisch?“ warf Leo ein. „Waldemar wird doch mit Dir gesprochen haben.“

„O ja, er sprach; das heißt: er beehrte mich im Ganzen mit sechs oder sieben Worten – mehr waren es sicher nicht. In der ersten Minute unseres Zusammenseins vernahm ich so etwas, wie: ‚Wir müssen rechts hinüber!‘ und in der letzten: ‚Da ist der Buchenholm.‘ Während der halben Stunde, die dazwischen lag, herrschte ein imponirendes Schweigen, das ich nicht zu brechen wagte. Und was war das für ein Weg, denn wir einschlugen! Erst gingen wir mitten in das Dickicht hinein, mein liebenswürdiger Führer voran, wie ein Bär alles Gesträuch niedertretend und durchbrechend. Ich glaube, er hat den halben Wald ruinirt, um mir einigermaßen den Weg zu bahnen. Dann kamen wir durch eine Lichtung, darauf an einen Sumpf; ich dachte, wir würden geradeswegs hineinlaufen, aber wunderbarer Weise blieben wir am Rande. Und während der ganzen Zeit fiel auch nicht ein einziges Wort zwischen uns, aber der seltsame Begleiter wich nicht von meiner Seite, und so oft ich aufblickte, begegnete ich seinen Augen, die mir mit jeder Minute unheimlicher wurden. Ich neigte mich jetzt entschieden der Ansicht zu, er sei direct aus irgend einem Hünengrabe emporgestiegen, um sich das erste beste Menschenkind als Opfer auszusuchen und es zu einem der alten Heidenaltäre hinzuschleppen, wo es sein Leben lassen müsse. Da, gerade als ich im Begriffe war, mich auf mein nahes Ende vorzubereiten, sah ich auf einmal die blaue See durch die Bäume schimmern und erkannte die Umgebungen des Buchenholms. Mein Cavalier aus der Urzeit blieb stehen, starrte mich nochmals an, als wolle er mich gleich auf der Stelle verschlingen, und schien es kaum zu hören, daß ich ihm dankte. In der nächsten Minute war ich am Strande, wo ich bereits Dein Boot erblickte. – Denke Dir mein Erstaunen, als ich heute eintrete und meinen Waldgeist, mein Hünengespenst, das ich längst in Gott weiß welche Höhlen der Erde versunken glaubte, im Empfangszimmer der Tante erblicke, und das besagte Gespenst mir schließlich als Vetter Waldemar vorgestellt wird! Es ist wahr, er gab sich heute durchaus im Salonstyl; er führte mich sogar zu Tische, aber mein Himmel, wie stellte er sich dabei an! Ich glaube, es war das erste Mal in seinem Leben, daß er einer Dame den Arm bot. Hast Du gesehen, wie er sich verbeugte, wie er sich bei Tische benahm? Nimm es mir nicht übel, Leo, aber Dein neuer Herr Bruder gehört ganz entschieden in die Wildniß, und zwar in die allerentlegenste. Da hat er doch wenigstens noch etwas Furchtbares an sich, wenn er aber unter civilisirten Menschen auftaucht, giebt er höchstens zu Lachkrämpfen Anlaß. Und das soll der künftige Herr von Wilicza sein!“

Leo theilte im Grunde ganz diese Meinung, dennoch sah er sich veranlaßt, die Partei seines Bruders zu nehmen. Er fühlte, wie unendlich er selbst diesem im Erscheinung und Haltung überlegen war, und das machte es ihm leicht, Großmuth zu üben.

„Es ist aber nicht Waldemar’s Schuld, daß seine Erziehung so ganz und gar vernachlässigt ist,“ sagte er. „Die Mama meint, sein Vormund habe ihn systematisch verwildern lassen.“

„Kurz und gut, er ist ein Ungethüm,“ entschied die junge Dame, „und ich erkläre hiermit feierlich, daß, wenn man mir noch einmal einen solchen Cavalier zumuthet, ich mir ein freiwilliges Fasten auferlege und nicht bei Tische erscheine.“

Während des Gespräches war Wanda’s Taschentuch, mit denn sie sich Kühlung zugefächelt hatte, herabgeglitten; es lag seitwärts unter den Epheuranken, die den Balcon umgaben. Leo bemerkte es und bückte sich ritterlich darnach; er mußte sich aber dabei fast auf die Knie niederlassen. In dieser Stellung hob er das Tuch auf und überreichte es seiner Cousine, und diese brach, statt ihm zu danken, wieder in ein lautes Lachen aus.

Der junge Fürst sprang heftig auf. „Du lachst?“

„O, nicht über Dich, Leo! Ich dachte mir nur soeben, wie unendlich komisch Dein Bruder sich in einer solchen Situation ausnehmen würde.“

„Waldemar? Ja freilich! Aber dieses Vergnügen wirst Du schwerlich haben. Der beugt sicher niemals das Knie vor einer Dame, am wenigsten vor Dir.“

„Am wenigsten vor mir?“ wiederholte Wanda beleidigt. „Ah so, Du meinst, ich bin noch ein solches Kind, daß es gar nicht der Mühe lohnt, vor mir niederzuknieen? Ich hätte große Lust, Dich vom Gegentheil zu überzeugen.“

„Wodurch?“ fragte Leo lachend. „Durch Waldemar’s Kniefall vielleicht?“

Die junge Dame warf trotzig die Lippen auf. „Und wenn ich mir nun vornähme, ihn dahin zu bringen?“

„Nun, so versuche doch Deine Macht an meinem Bruder!“ entgegnete er empfindlich. „Vielleicht lernst Du dann die Möglichkeiten richtiger schätzen.“

Wanda sprang auf mit dem ganzer Eifer eines Kindes, dem ein neues Spielzeug in Aussicht gestellt wird.

„Es sei! Was gilt die Wette?“

„Aber es muß ein ernstgemeinter Fußfall sein, Wanda! Keine bloße Artigkeit, wie der meinige vorhin.“

„Natürlich!“ bestätigte die junge Gräfin. „Du lachst? Du hältst das wohl unter allen Umständen für unmöglich? Nun wir werden ja sehen, wer von uns Beiden gewinnt. Du sollst Waldemar vor mir auf den Knieen sehen, ehe wir abreisen. Nur eins bitte ich mir aus: Du darfst ihm keinen Wink geben. Ich glaube, seine ganze Bärennatur käme zum Vorschein, erführe er, daß wir uns unterfingen, allerhöchstihn zum Gegenstand einer Wette zu machen.“

„Ich schweige,“ versicherte Leo, der, von ihrem Muthwillen fortgerissen, jetzt auf den Scherz einging. „Einem Ausbruch seiner Berserkerwuth aber werden wir nicht entgehen, wenn Du ihn schließlich auslachst und ihm die Wahrheit klar wird. Oder beabsichtigst Du vielleicht ihm ein ‚Ja‘ zu geben?“

Die beiden Kinder – denn das waren sie ja im Grunde noch mit ihren sechszehn und siebzehn Jahren – lachten und scherzten über ihren Einfall, wie eben übermüthige Kinder zu thun pflegen. Sie waren so an gegenseitige Neckereien gewöhnt, daß es ihnen durchaus nicht darauf ankam, auch einmal einen Dritten in den Kreis dieser Neckereien zu ziehen. Sie dachten gar nicht daran, wie wenig der schroffe Charakter Waldemar’s dazu geeignet war, und in welchen bitteren Ernst er das Spiel verkehren könnte, das sie sich in ihrem Muthwillen ausgesonnen.

(Fortsetzung folgt.)
[485]
Die Gartenlaube (1876) b 485.jpg

Sardische Bauern auf dem Heimwege vom Markte.
Nach der Natur aufgenommen von Albert Richter.

[486]
Aus dem Lande der Sarden.
Mit Abbildung.

Baron Maltzan, der vortreffliche Archäolog und bekannte Reisende, sagt in seinem Werke über Sardinien: „Daß das Land einige landschaftliche Schönheiten besitzt, daß es eine interessante Fauna aufzuweisen hat und daß sich daselbst große, geheimnißvolle Denkmäler, die Nurhagen, befinden, das wäre so ziemlich Alles, was man in unserem Vaterlande über Sardinien wissen dürfte.“

Und doch – welche landschaftliche Schönheiten bietet es dem Reisenden in seinen riesigen immergrünen Eichenwäldern, die dem Beschauer die wunderbaren Compositionen eines Claude und Poussin in’s Gedächtniß rufen! Wie großartig sind die weiten Steinflächen seiner wilden Gebirge! Da zieht der gigantische Geier noch ganz unscheu nahe beim einsamen Reisenden seine stillen Kreise. Und seine malerischen Bewohner haben sich in Tracht und Sitte noch urfrisch bewahrt. Alles dies giebt dem Griffel und dem Pinsel einen großen Stoff. Dem Eisenbahn-Touristen freilich, der an die Bequemlichkeiten des italienischen Festlandes, der Schweiz etc. gewohnt ist, der mit dem rothen Buche in der Hand gedankenlos von Stadt zu Stadt eilt und hier Galerie um Galerie, Kirche um Kirche, oft ohne das geringste Verständniß dafür zu besitzen, durchwandelt, ihm würden die Schönheiten des Landes, die er auch wohl in hundert Fällen gar nicht zu würdigen wüßte, die Beschwerden gar nicht aufwiegen, welche damit verbunden sind, das Innere der Insel Sardinien zu bereisen. Solche Touristen sollen aber auch gar nicht nach Sardinien kommen; sie sollen dieses schöne Land nicht verunzieren durch ihre langweiligen Gestalten.

Wie denke ich in stiller Wehmuth an dich zurück, du heiliger Wald am Monte Creria, an der Gebirgskette des Gennargento! Wie majestätisch durchzog die Flumentosa deine heiligen Hallen im stillen Thale! Wie ernst ruhig ragtet ihr Riesenbäume in dunkler Pracht gegen das tiefblaue Firmament! Armer Wald! In dem Augenblicke, wo ich diese Zeilen niederschreibe, steht von dir vielleicht nichts mehr. Der Herbstwind geht über die Stätte, wo noch vor kurzer Zeit unter deinem Schutze der wilde Eber und das stolze Rothwild gewandelt. – Auch du bist der Speculation, die in den fernsten Welt-Winkel dringt, zum Opfer gefallen.

Und doch dankten wir, mein Freund F. und ich, diesem Umstände den Aufenthalt, welchen wir acht Tage in diesem herrlichen Walde nehmen konnten. Wir lernten zufällig den Eigenthümer dieses Waldes kennen, der denselben an sich gebracht hatte, um ihn fällen zu lassen und die riesigen, gesunden Stämme zu Schiffsbauzwecken zu verwenden. Aus allen anderen sollte Soda bereitet werden. Um aber den Transport der Bäume nach Arizzo herunter zu ermöglichen, von wo aus sie weiter geschafft werden können, mußte eine eigene Straße nach dem Walde gebaut werden. Und diese Straße, an der hunderte von Arbeitern beschäftigt waren, ging eben jetzt ihrer Vollendung entgegen. Im Walde wohnten die Arbeiter in Baracken und Herr C. bot uns, nachdem er erfahren, daß wir behufs künstlerischer Studien die Wälder besuchen wollten, Wohnung in einer der Baracken an, welche nicht übel eingerichtet war.

Wenn wir dann des Abends am Kaminfeuer saßen und der riesige brennende Eichblock darin sein Licht bis in den fernsten Winkel schickte, während draußen, dicht am Hause, die tausendjährigen Eichen ihre Häupter schüttelten, dann überkam mich oft tiefe Wehmuth – ich gedachte des Schicksals all dieser Baumriesen. Als wir endlich Abschied nahmen und ich Eichendorff’s schönes Lied: „Lebe wohl, du schöner Wald!“, in deutschen Tönen sang, die vielleicht zum ersten Male hier oben erklangen, war es mir, als nähme ich Abschied von einem theuren Freunde auf immer; denn führt mich jemals mein Weg wieder dorthin, dich finde ich ja doch nicht wieder, herrlicher Wald am Monte Crecia! Die Straße braucht nur noch wenige Wochen bis zu ihrer Vollendung; dicht an deinem Rande arbeiten schon Hunderte an deiner Leichenstraße. Als wir schon weit, weit von dir entfernt waren, tönten noch ein paar dumpfe Donner uns nach. Man hatte Steinblöcke gesprengt. Ich aber nahm es als deinen Scheidegruß, du schöner Wald.

Wir hatten uns in Ajaccio eingeschifft und liefen nach einer ziemlich stürmischen siebenstündigen Fahrt in den beinahe rings ummauerten kleinen Hafen von Porto Torres, dem Turris Libyssanis der alten Römer, ein, und ich betrat nun den Boden des Landes, mit dem sich meine Phantasie schon so lange beschäftigt. Der erste Anblick war ein ziemlich trostloser. Ein paar Straßen mit kleinen Häusern, eine alte Kathedrale und ein Haufen zerlumpter Kerle, die sich bei unserer Landung wie die Geier auf unser Gepäck stürzten – das war der erste allgemeine Eindruck.

Von Porto Torres nach Sassari führt eine Eisenbahn. Wir lenkten also unsere Schritte nach dem nahen Bahnhof. Es war ein eigenes Gefühl für mich, wieder eine Eisenbahn zu sehen, denn wir hatten uns schon einige Zeit in dem ein solches Beförderungsmittel nicht besitzenden Corsica herumgetrieben. Auf dem Bahnhof wurde mir zum ersten Male Gelegenheit geboten, sardinische Landleute zu sehen. Wild und verwegen sahen dieselben zwar aus, wir überzeugten uns jedoch später, daß hier der Schein trügt, denn wir haben die verrufensten Gegenden besucht, ohne daß uns ein Haar gekrümmt worden wäre. Zur Ehre der Sarden sei es gesagt: sie sind zu stolz zum Rauben. Wohl wallt ihr hitziges Blut leicht auf, und sie sind dann mich schnell mit der Waffe zur Hand, denn Morde aus Rache gehören gerade nicht zu den Seltenheiten.

Indeß, wie oben gesagt, verwegen schauten die Kerle auf der Station doch aus. Unter der schwarzen, auf der einen Seite über das Ohr herunterhängenden, in einem langen Sack endenden Mütze wogten wilde, rabenschwarze Haare bis auf die kräftigen Schultern herab und verloren sich da in den schwarzen zottigen Haaren des aus Ziegenfellen gearbeiteten, ärmellosen Rockes, Bestipede (Fellgewand) genannt. Wild blitzten die kleinen, schwarzen, feurigen Augen aus dem mit dunkelem Barte umrahmten verwetterten braunen Antlitz. Die Weste, Corpetto geheißen, war von rother Farbe und nach der Seite zu mit eng aneinandergereihten kleinen, runden, locker hängenden Knöpfen geschlossen. In manchen Gegenden ist die Weste ebenfalls schwarz und vermehrt so das Düstere des ganzen Anzuges. Nach oben weit, meist viereckig ausgeschnitten, ließ sie das weiße Hemd sehen, welches, ebenfalls weit ausgeschnitten, an dem braunen, sehnigen Halse durch zwei in der Regel von kostbarem Metall sorgfältig gearbeitete Knöpfe zusammengehalten wird. Der Kragen des Hemdes ist breit und geht über Weste und Rock. Die bauschigen weißen Hemdärmel bilden einen angenehmen Contrast zu dem dunklen Schwarzbraun des sardischen Fellgewandes. Ueber die weiten, weißen Beinkleider von Leinen (carzones) hängen die Sarden kurze, faltenreiche Röcke (ebenfalls carzones genannt) von schwarzer Farbe, die frauenartig bis zur Hälfte des Oberbeines reichen und an den Hüften durch einen breiten Ledergurt von derselben Farbe gehalten werden. In derselben stak der lange dolchartige Säbel. Die weißen Beinkleider verloren sich in bis über die Kniee reichende schwarze Stoffgamaschen, die auf schwere, nägelbeschlagene Schuhe fielen. Einige hatten kurze, dunkle, meist schwarze, ebenfalls mit kleinen silbernen Knöpfen versehene Capuzenröcke, welche in der Regel nur umgehängt getragen werden. Denke man sich nun dazu ein meist sehr langes, oft schwarzgeschäftetes Gewehr, so hat man das Bild eines sardischen Bauern, der, nach unseren Begriffen, allerdings eher einem Räuber, als einem Landmanne gleicht. Jedoch man wird gestehen müssen, daß der Eindruck eines so Gekleideten von ungeheuer malerischer Wirkung ist.

Von Porto Torres trug uns die eherne Bahn durch eine große, zum Theil durch Olivengärten unterbrochene, höchst malerische Ebene. Wunderbar rein war die Luft, nur einige langgezogene Silberwölkchen standen tief, tief am Horizont. Das auf den Weiden zerstreute kleine sardische Rindvieh und die Ziegenherden bildeten gar schöne Unterbrechungen der Landschaft, welche hier wahrhaft wunderbare elastische Linien zeigte. Leider ist das Fieber, dieser Tyrann Sardiniens, hier zu Hause. Was klimatische Verhältnisse anbelangt, ist das ganze schöne Land fast [487] überall ungesund, und es ist daher für den Fremden rathsam, nur im Winter die Insel Sardinien zu besuchen.

Es war ein Sonntag bei unserer Ankunft in Sassari, dieser zweitgrößten Stadt Sardiniens. Bald nach dem vortrefflichen Dejeuner im „Hotel Bertrand“ an der Piazza Castello, wo wir uns einquartiert, machten wir uns auf, Sassari zu besichtigen. Die Bewohner der Stadt haben schon längst das Costüm ihrer Heimath mit der modernen französischen Tracht vertauscht. In der Hauptstadt des Landes, in Cagliari, fanden wir später das Gegentheil. Dort trugen sich, im Mittelstande wenigstens, noch Viele in der Tracht der Sarden.

Die Sassaresen können, wie ihre ganze Stadt, wenig Interessantes bieten. Aber heute, als an einem Sonntage, waren Landleute massenhaft in der Stadt; sie durchzogen die Straßen Sassaris theils zu Pferde, theils zu Fuße. Im Gegensatz zu den schon oben beschriebenen Costümen der Männer, die fast immer dieselben sind, fielen die Trachten der Frauen durch ihre Verschiedenheiten und zum großen Theile schreienden Farben auf. Die Kleidung der Frauen von Osilo ist mit Recht als eine der schönsten bekannt. Dieselben tragen einen rothen Unterrock, eine vorn offene rothe Jacke und ein hellblaues Mieder, das mit Silberfäden geschlossen ist; auf dem Kopfe haben sie einen hellen Schleier von Flor. Nicht minder schön kann man auch das Costüm der Frauen von Ploaghe nennen, welches höchst malerisch ist. Dieselben trugen dreifarbige Röcke und zwar unten blau, in der Mitte schwarz und oben roth. Eine rothe Jacke mit geschlitzten Aermeln, ähnlich denen der Mexicanerinnen, ließ das faltige weiße Hemd hervorquellen. Ihr Kopfputz bestand aus hellblauem Stoffe, auf welchem ein gelbes Kreuz aufgenäht war. Die Costüme der sardischen Frauen sind von unendlicher Mannigfaltigkeit; ich führte hier nur die in Sassari am meisten auffallenden an. Auf einer Tagereise kann man eine ganze Masse verschiedener Frauentrachten bewundern.

Unter all’ diesen Beobachtungen war uns der Nachmittag ziemlich schnell und angenehm vergangen. Andern Tages zeigte sich Sassari jedoch bedeutend langweiliger, und es unterschied sich auf seinen Hauptverkehrsadern durch nichts von einer Stadt des italienischen Festlandes. Nur etwas war stark in die Augen fallend und originell, die unzähligen, winzigkleinen Esel, welche den Sassaresen das Wasser zutragen. Diese Thiere tragen je zwei kleine lange Fässer, welche an einen Holzpack befestigt sind, der auf dem Rücken der Langohre liegt. Den ganzen Tag gehen sie mit ihren Führern zu den zwei Brunnen Sassaris, deren einer, der größte, die „Fontana del Rosello“, immer belagert ist von einer ganzen Anzahl Esel, die gar oft in edler Einigkeit ihr trauriges Schicksal in herzzerbrechenden Tönen dem Himmel klagen. Von da aus tragen sie in fleißig trippelndem Schritte das Wasser in alle Theile der Stadt. Wird ein Fäßchen heruntergenommen, so stützt der Führer unter das andere das Marterinstrument der Esel, den Stock, damit das Thierchen, dessen einer Vorderfuß bei dieser Gelegenheit in die Höhe gebunden ist, nicht das Gleichgewicht verliere und umfalle. Das übrige Leben an dieser Fontana del Rosello, Pferde, die da getränkt werden, Frauen, die ihren Bedarf an Wasser in Krügen holen, und was sonst noch Alles, machten mir diesen Platz, zunächst dem Markte, während meines Aufenthaltes in Sassari zu einem Lieblingsaufenthalte.

Regelmäßig Morgens besuchte ich den Markt in Sassari. Die Baulichkeiten bieten nichts des Interessanten. Es ist ein mittelgroßer mit Arcaden umgebener Platz, unter welchen Verkäufer von allerlei Lebensmitteln ihre Plätze haben. Mitten auf dem Platz wird das vom Lande hereingebrachte Gemüse, Früchte etc. auf der Erde feilgeboten.

Das Alles war es aber weniger, was mich anzog. Mein Lieblingsplatz war außerhalb des eigentlichen Verkaufsmarktes. Vor dem Markt, zu dem große Thore führen, waren an Schragen oder zu diesem Behufe in die Mauer eingelassenen Ringen die Pferde der Landbewohner angebunden. Wagen giebt es wenige; der größte Theil der Bauern bringt seine Erzeugnisse auf Pferden. Manch schönes Thier, dem man seine edle Abkunft ansah, befand sich unter den Pferden. Das in Sardinien sogenannte sardische Pferd ist andalusischer Abkunft, jedoch etwas kleiner und härter als seine Stammeltern. Die schöne lange Mähne, der bis zur Erde herabhängende Schweif und das leicht gebogene Nasenbein lassen seine Ahnen erkennen. Eine kleine Art von Pferden sind die Achettone, welche früher auf der Insel waren, ehe die spanische Race eingeführt wurde, so daß eigentlich diesen der Name „sardisches Pferd“ gebührte, den jetzt ausschließlich die von spanischer Abkunft führen. Bis zu Ende des vorigen Jahrhunderts gab es in Sardinien noch eine Race wilder Pferde, von sehr kleiner Figur. Diese Thiere ließen sich jedoch nie zähmen.

Bunt durcheinander standen da auf dem erwähnten Platze die Pferde, und ich konnte mein Skizzenbuch reichlich füllen. Hier und da sah man auch einen Ochsen mit riesigem Sattel, da diese Thiere in Sardinien theilweise auch zum Tragen und Reiten verwendet werden.

Die mitgebrachten Vorräthe sind verkauft. Es naht die Stunde, wo das Leben auf dem Marktplatze aufhört. Einer nach dem Andern kommt, schaut nach seinem Thier, dann schwingt er sich in den Sattel, und stolz zu Pferde sitzend trabt er ab. Nie habe ich Männer gesehen, welche schöner reiten, als die Sarden. Ich kenne so ziemlich alle Reitervölker bis hinauf zum Beduinen der Wüste, aber Keiner reitet so schön, wie der Sarde. Stolz und ernst sitzt er in bewunderungswürdiger Haltung auf seinem Pferde, welches er, wenn es selbst der älteste Gaul ist, zur schönsten Gangart zwingt.

In der Nähe der oben erwähnten „Fontana del Rosello“ befindet sich ein kleines Local, wo ebenfalls Pferde untergebracht werden und ein guter sardischer Wein zu haben ist. Von da aus theilen sich zwei Landstraßen nach verschiedener Richtung. Dorthin lenkte ich denn oft meine Schritte, wenn sich das Getümmel des Marktes zu lösen begann. An diesem erwähnten Local trafen die meisten der Landleute zusammen. Dann trennte sich Trupp um Trupp, und indem die Männer erst im Trabe dahinritten, bildete sich oft durch die Anregung irgend Eines, der sein Pferd zu schnellerer Gangart zwang, ein Wettreiten daraus. Wild jagten dann die Andern nach. Die Riemen sausten klatschend nieder auf die Thiere; der Sporn wurde auf das Schulterblatt gegeben, und dahin ging es, daß bald nur noch eine Staubwolke zu sehen war. Nur schwach noch tönten die Jauchzer der aufgeregten Reiter zu mir herüber, dann war Alles hinter einem Hügel verschwunden. Goldig schimmerte der Staub in der Sonne; leise, leise senkte er sich wieder auf die Straße und auf die an derselben wuchernden Aloen und Cacteen. Bald wurde er jedoch wieder emporgewirbelt von einer neuen Reiterschaar, Wenn aber die letzten der Reiter davon gesprengt waren, dann herrschte wieder die schöne, sonnige, feierliche Ruhe.

Ich aber lenkte meine Schritte zum Hotel, zum Diner, denn die Arbeit bei diesem gehörte, dank der Fürsorge des freundlichen Monsieur Bertrand, ebenfalls zu meinen Lieblingsbeschäftigungen in Sassari.

Albert Richter.


Der deutsche Béranger.
Eine Skizze nach handschriftlichen Mittheilungen.

„Wir hatten die Romantik so recht eigentlich gepachtet und sogen sie mit jedem Athemzuge ein,“ sagte uns vor längerer Zeit ein hochbetagter Berliner Freund, der, selbst literarisch thätig, in den zwanziger und dreißiger Jahren dieses Säculums jenem Dichterkreise von Spree-Athen angehört hatte, in welchem der mystisch-katholische Eichendorff, der nordisch-reckenhafte Fouqué und der kosmopolitisch-philosophische Chamisso den Ton angaben.

„Die Romantik gepachtet!“ Diese humoristisch gemeinten Worte des Alten – nun schläft er längst bei den Todten des Jerusalemer Friedhofes zu Berlin – tauchten lebhaft vor unserer Erinnerung auf, als uns neulich vergilbte Papiere durch die Hand glitten, welche die Schriftzüge eines der hervorragendsten Vertreter jener Zeit der Berliner Troubadoure tragen. Es waren Erinnerungsblätter an und von Franz von Gaudy, [488] Briefe und Niederschriften aus dem Nachlasse dieses Sängers der leichtgeschürzten Chansons und der volltönenden Kaiserlieder, welche unter den Vertretern der Heine’schen Schule bekanntlich einen der ersten Plätze einnimmt. Mit seinem Meister hat er das flotte, burschikose Wesen und den französischen Esprit gemein, aber er ist vornehmer und cavaliermäßiger als Jener. Eine gewisse soldatische Strammheit giebt ihm etwas von militärischer Bravour, welche ihm nicht übel steht, und Rudolf Gottschall findet das bezeichnende Wort, wenn er ihn den „Heine mit dem Schnurrbarte“ nennt.

Wir verdanken die erwähnten Aufzeichnungen von und über Gaudy der Güte der Frau Constanze von Kalckreuth, der in hohem Alter in Wiesbaden lebenden Schwester des gefeierten Dichters. Diese bisher noch zu keiner Veröffentlichung benutzten interessanten Documente enthalten zahlreiche neue Daten zum Leben und Schaffen Gaudy’s, und dürfte der Inhalt derselben, besonders aber eine Reihe von Aufzeichnungen der eben genannten Dame, um so passender zu der nachfolgenden Skizze benutzt werden, als am 19. April des vorigen Jahres sich ein Dreivierteljahrhundert seit der Geburt unseres Poeten vollendete – Veranlassung genug, um dieses deutschen Béranger’s einmal wieder zu gedenken.

„Bei meiner Geburt,“ erzählt Gaudy’s Schwester, „soll der fünfjährige Bruder, der eher französisch als deutsch sprach, unablässig gerufen haben: ‚Moi, je veux, qu’on la nomme Constance, comme Maman – ich will, daß man sie Constanze nennt, wie Mama.‘ Der Wille des kleinen Haustyrannen ging durch, und mit diesem Namen wurde mir das Lebensprogramm gestellt; denn ich bin ihm in Beständigkeit eine treue Schwester gewesen; er hat mir manchen Schmerz, viele Sorgen bereitet, aber doch – welch hohes Glück verdanke ich ihm und seinen großen Gaben!“

Die schöne geniale Mutter, eine geborene Gräfin von Schmettow, erzog die Kinder nach Rousseau’schen Grundsätzen in fesselloser Freiheit, die dem Knaben oft so weit die Zügel schießen ließ, daß er in der überschäumenden Kraft seines Wesens nicht selten zur Geißel der Familie wurde. Der Vater, General von Gaudy, wurde fast ganz von seinen dienstlichen Functionen in Anspruch genommen, und jene kriegerischen Zeiten, in welche die ersten Lebensjahre unseres Dichters fallen, entfernten den viel in Anspruch Genommenen häufig weit vom Hause, sodaß er sich um die Erziehung seiner Kinder nur wenig kümmern konnte. Franz verließ schon im sechsten Lebensjahre (1806) das väterliche Haus, um in verschiedenen Pensionen seine fernere Erziehung zu empfangen, doch konnte, wie seine Schwester berichtet, Niemand den wilden Rangen recht bändigen. Da wollte das Glück, daß der General von Gaudy wegen seiner umfassenden Bildung und vollendet feinen Umgangsformen vom Könige Friedrich Wilhelm dem Dritten dazu ausersehen wurde, das schwere und verantwortungsvolle Amt eines Erziehers des preußischen Kronprinzen, nachherigen Königs Friedrich Wilhelm des Vierten, zu übernehmen. Franz folgte seinem Vater nunmehr nach Berlin, um das dortige Collège Français zu besuchen. Er war während dieser Zeit bei dem Prediger Reclam, dem er das Leben weidlich sauer machte, in Pension. Unter anderen gefährlichen Streichen, die der von Lebenslust und Kraft überströmende Knabe damals in Scene setzte, erzählt die Schwester auch den folgenden, für die Sinnesart des nachherigen Dichters sehr charakteristischen: Als Reclam ihm eines Tages Stubenarrest gegeben hatte und nach mehreren Stunden wieder zu ihm in’s Zimmer trat, um ihn aus der Gefangenschaft zu erlösen, war unser Franz verschwunden; lange suchte der würdige Mentor nach dem trotz Schloß und Riegel entflohenen Zöglinge, bis er ihn endlich zu seinem nicht geringen Schrecken an der Außenseite des Hauses, an einem Fenster des zweiten Stockes, mit den Händen um das Fensterkreuz geklammert, in einer höchst halsbrecherischen Stellung wiederfand. Nur das eindringliche Bitten und Flehen des schwer geängstigten Geistlichen vermochte den jungen Trotzkopf, gnädigst wieder mit heilen Gliedern zu dem Loche hineinzuklettern, aus dem er, die Gefahr nicht achtend und das heiße Herz voll Eigensinn und Grimm, herausspaziert war.

Durch des Vaters Stellung gewann Franz den Vorzug, Studiengenosse des Kronprinzen zu werden, und erhielt somit von Dingen und Verhältnissen Kenntniß, welche sonst nicht an einen Knaben heranzutreten pflegen. So eröffnete sich ihm schon frühe ein Blick zugleich in die idealen Güter des Geistes und in die praktischen Zustände des Lebens; schon damals war er in den Werken der classischen Schriftsteller alter und neuer Zeit ebenso bewandert, wie in den Arbeitssälen der Fabriken und Manufacturen von Berlin und der Provinz Brandenburg. Durch diese frühzeitige Wissensfülle wurde ihm schon zu jener Zeit ein reiches geistiges Material zu eigen, an dem sein inneres Leben sich kräftig und eigenartig entwickelte.

Dem General von Gaudy begegnete in der Schlacht bei Bautzen, welche er als Begleiter seines hohen Zöglings mitmachte, ein seine ganze Laufbahn änderndes Ereigniß. Sein Pferd überschlug sich, und er stürzte gefährlich. In Folge dieses Unfalls mußte er seine bisherige Stellung quittiren und wurde nunmehr mit der Würde eines Militärgouverneurs von Sachsen betraut. Dieser Wechsel im Leben des Vaters war auch für den Sohn von folgenschwerer Rückwirkung. Er mußte, da der Vater ihn in seiner Nähe zu haben wünschte, Berlin verlassen und wurde in Schulpforta zur weiteren Fortbildung inscribirt. Hier, unter der Leitung vorzüglicher Lehrer, wurde in den Knaben der erste Keim zu seiner Vorliebe für das Studium der Sprachen gelegt. „Er ist ihr,“ schreibt Frau von Kalckreuth, „sein Leben hindurch treu geblieben, da er bis an sein Ende Abends im Bette seinen Homer oder Horaz las. Ueberhaupt war das Talent für Sprachen sehr vorherrschend bei ihm; wie früh er französisch sprach, wurde schon gesagt. Neben den alten Sprachen trieb er in Schulpforta mit Eifer das Spanische; später sprach er das Polnische brillant und lernte in vier Wochen dänisch, als er mit Xaver Marmier nach Island reisen wollte. Als sich diese Reise zerschlug, lernte er in wenigen Monaten italienisch. Die bewunderungswürdigsten Kenntnisse aber hatte er sich im Altfranzösischen erworben Den ‚Roman du Rou‘ von Robert Wace übersetzte er in 10,472 Versen in mustergültiger Weise.“

Im Jahre 1818 ging Franz von Gaudy mit dem Zeugniß der Reife von Schulpforta ab. In Dresden entzückte er die Schwester, da er als altdeutscher Jüngling im schwarzen Sammetrock, mit wallenden prächtigen Locken und Kneipmütze erschien – aber das wurde ihm verhängnißvoll; denn der Vater witterte demagogische Tendenzen bei dem Herrn Sohn und dies um so mehr, als Franz mit Begeisterung von dem „Demagogen“ Sand, dem nachherigen Mörder Kotzebue’s, sprach, der in Schulpforta gewesen und dort für seine Weltbeglückungspläne Propaganda gemacht hatte. Franz war so elektrisirt von dem Zauber der Sand’schen Sprache, daß der Vater schleunigst befahl, der Herr Studiosus solle die Locken glatt scheeren und an Stelle der Cereviskappe einen Cylinder tragen; er gehorchte und schaute unter dem octroyirten Hute grimmig in die Welt. Aber der härtere Befehl folgte nach. Der gestrenge Papa verfügte, Franz solle nicht studiren, sondern in das erste Garde-Regiment in Potsdam eintreten. Das war ein Donnerschlag für den im Geiste schon in den Hörsälen von Göttingen sitzenden Jüngling. Aber Widerspruch war im Gaudy’schen Hause, wo das Wort des Herrn Generals Alles galt, nicht Mode. So trat der aus allen Himmeln gestürzte Jüngling denn in das Regiment ein und trug die Fesseln der Disciplin ruhig, wenn auch knirschend.

Er war nichts weniger als in seinem Elemente; sein ganzes Wesen verlangte eine freiere, weniger von den Convenienzen des Standes eingeengte Lebensweise. Er entschädigte sich denn auch für die verlorene Freiheit mit vielen thörichten Streichen, Schulden und Duellen, deren sein Paukbuch allein elf aufweist – bis er, „von der Garde zur Linie vertrieben,“ nach Breslau versetzt wurde. Hier lebte er auf durchaus großem Fuße, hielt eine Köchin und Bedienten und machte auf’s Neue Schulden. In jener Zeit kam er oft zur Schwester; er ging, wie sie erzählt, musternd im Zimmer auf und ab, wie der Armen-Advocat Siebenkäs, und fragte: „Stanzel, was versilbern wir heute?“ Und es fand sich immer etwas – das ganze Schmuckkästchen wurde geleert und die goldene Uhr einem Cerberus von Schneider als Besänftigung zugeworfen, dem Franz in seiner Heftigkeit ein Ohr mit dem Degen abgehauen hatte. Die Schwester lenkte den Zorn des Vaters gern auf sich, um den Bruder zu vertreten. Dafür liebte er sie aber auch leidenschaftlich; [489] er sagte oft: „Ich liebe Dich nicht, weil, sondern trotzdem Du meine Schwester bist;“ denn von verwandtschaftlicher Zärtlichkeit war keine Ader in ihm. „Wie oft,“ schreibt die Schwester, „wünschte er sich ein Hidalgo zu sein, frei von Familienbanden!“

Inzwischen hatte der Vater sich angekauft – und starb wenige Jahre darauf. Franz wollte nun aus dem Militärdienste austreten und das Gut des Vaters übernehmen, mußte aber diese Idee aufgeben, da sein Vormund – unser Dichter war noch minorenn – mit Hand und Fuß gegen dieses Project war. Dies verstimmte den hochstrebenden Jüngling, der des Soldatspielens müde war, auf’s Aeußerste. Dazu kamen die kleinen Garnisonen, die ihn moralisch zu Boden drückten, da er sich durch keinen geistigen Halt, durch keinen Austausch der Ideen gehoben fühlte. Glogau, Kozmin, Krotoschin, zwei Festungen als Strafe für Duelle, Silberberg und Kosel, und endlich Posen waren die unerquickliche Reihenfolge, die ihm das Leben vielleicht unerträglich gemacht hätte, wenn nicht zum Glück die Schwester geheirathet und er eine Heimath in ihrem Hause und einen Freund in ihrem vortrefflichen Gatten gefunden hätte, der ihn aufmunterte, seine Talente auszubeuten und in der Arbeit Ersatz für manchen Verlust zu suchen.

In Schönborn, dem Gute des Schwagers, wurde jetzt jeder Urlaub verbracht; dort entstand die „Erato“, dort die Novelle „Desengaño“, und damit war der Fuß in den Steigbügel gesetzt. Gaudy’s Name wurde nun auch in weiteren Kreisen bekannt. Aber noch konnte er nicht den entscheidenden Entschluß fassen, zu dem sein Herz ihn schon so lange drängte, den Entschluß, sich ganz der Dichtkunst in die Arme zu werfen und statt des Schwertes die Lyra zu ergreifen. Da brachte ein äußeres Ereigniß die Entscheidung. In Posen, wo er damals in Garnison lag, wurde er in entsetzlicher Weise von der Cholera ergriffen und glaubte dem Tode verfallen zu sein. Wie so oft im Menschenleben große physische Krisen die Ausgangspunkte werden für neue geistige Richtungen und Entwickelungen, so auch bei Gaudy. Mit dem neu gewonnenen Leben – er meldete unterm 2. August 1831 der Schwester seine Genesung – reifte in ihm der Entschluß, den Rock des Königs abzulegen und sich ganz in den Dienst der Poesie zu geben. Er quittirte den Militärdienst. Ein Interregnum in Schönborn, wohin er gegangen war, um im Kreise der Seinen sich zu erholen, ließ die „Gedankensprünge eines der Cholera Entronnenen“ (Glogau, zweite Auflage, 1832), „Die Korallen (Glogau, 1834), die „Kaiserlieder“ (Leipzig, 1835) und die „Novellen“ an das Licht treten.

Durch diese Leistungen wurde Adalbert von Chamisso auf ihn aufmerksam und lud ihn nach Berlin ein, indem er ihn auf eine höchst ehrenvolle Weise aufforderte, ihn bei der Herausgabe des deutschen Musenalmanachs zu unterstützen. Gaudy leistete diesem Rufe freudig Folge, und nun endlich sah er sich in einer Lage, die ihn innerlich befriedigte und beglückte. Von Freunden, die ihm sein Talent schnell erworben hatte, umgeben, innig verehrt von Männern, wie Hitzig, Fouqué, Kugler, Neumann und Andern, und der warmen Zuneigung eines Chamisso gewiß – was blieb ihm zu wünschen übrig? Hatte er doch auch die ersten Staffeln des Ruhmes schnell erklommen. Und doch – ein Wunsch war ihm noch unerfüllt: Italien, das Land seiner Träume und Ideale, zu sehen. Auch diese Sehnsucht sollte gestillt werden: im Jahre 1835 blauete Italiens Himmel über ihm; er trank sich satt an der Schönheit römischer Kunst und führte auf den Ruinen der antiken Welt und mitten im schnell pulsirenden Leben des sinnenfrohen Südens ein Dasein, reich an den mannigfachsten Anregungen. Seine Briefe aus der damaligen Zeit athmen Frische, frohe Begeisterung für das herrliche Italien und höher gestimmte Lebensfreudigkeit. Großer Eindrücke voll, kehrte er nach Deutschland zurück. In Berlin fand er die alten Freunde wieder und lebte so recht im Vollgenusse seines Glückes. Chamisso wurde ihm immer theurer, das Verhältniß zwischen Beiden, ein immer engeres. Er wurde der vertrauteste Hausfreund des edlen Sängers. Ein bisher noch nicht gedrucktes heiteres Gedicht Gaudy’s, welches aus dieser Zeit stammt, möge hier einen Platz finden, da es ein treues Bild von Chamisso’s Studirzimmer entwirft und zugleich charakteristisch ist für die beiden Dichter. Es lautet:

Gebt Ihr mir viel gute Worte,
Um in’s Heiligthum zu späh’n.
Ei, so laß ich wohl die Pforte
Diesmal für Euch offen stehn.
Aber Freunde, schleicht auf Zehen
Hübsch manierlich, fromm und still;
Nicht ein Jeder kriegt’s zu sehen,
Der es gern durchmustern will.

Schaut Euch um im schmalen Zimmer,
Das nur Dämmerlicht erhellt
Von der Lampe mattem Schimmer,
Die noch grüner Taft umstellt!
Seht, dort hängt das Kieselmesser,
Das einst an Owaihi’s Strand
Ein gentiler Menschenfresser
Weiht als treues Freundschaftspfand.

Aus dem Rahmen blinzt verwogen
Dort Pomare’s Conterfei,
Und ein schwarzer Ebenbogen
Hängt, von Staub ergraut, dabei.
Südlands Blumen, trock’ne Blätter,
Liegen dort in langen Reih’n;
Ihre Namen wissen Götter
Oder Chamisso allein.

Weiter links ruh’n auf dem Brette
Blüthen transcendenter Art,
Oden, Stanzen, Triolette,
Schofel und fein-fein gepaart.
Deutschlands Dichterhähne krähen
Dir entgegen aus dem Fach,
Könnt Ihr sie nicht gleich verstehen,
Kauft den Musenalmanach!

Ihr dagegen, die Ihr dreister
Jetzt in die Papiere guckt,
Sprecht: Gib mir ein Lied vom Meister,
Aber nicht der Lai’n Product!
„Hand weg!“ ruf’ ich, „also habe
Ich es nicht mit Euch gemeint.
Harret der Gesammt-Ausgabe,
Die zur Ostermess’ erscheint!“

Aber in dem nächsten Zimmer
Hört Ihr einen Säugling schrei’n,
Und neugierig, wie Ihr immer,
Drängt Ihr Euch auch dort hinein.
Tretet leise, leise näher
Auf Sammtpfötchen wie die Maus!
Solchen Anblick nimmt der Späher,
Solchen selt’nen, gern nach Haus.

Seht Ihr wo ’nen Rosengarten
Frischer blühn als diesen hier?
Gärtnerin und Gärtner warten
Treulicher der holden Zier?
Wer den Blüthenkranz gesehen,
Wendet sich wohl schwerlich um
Nach Exotischem zu spähen,
Dorrend im Herbarium.

Aus Italien hatte unser Dichter, wie gesagt, eine Fülle neuer Eindrücke und Ideen mit heimgebracht. Literarische Früchte dieser Reise waren in erster Linie „Mein Römerzug“ (3 Bd., Berlin, 1836) und die humoristische Novellette „Aus dem Tagebuche eines wandernden Schneidergesellen“ (Leipzig, 1836), wie auch die „Venetianischen Novellen“ (2 Bd., Bunzlau, 1836) ihre Entstehung den unter Italiens Himmel empfangenen Anregungen verdankten.

Kaum nach Deutschland heimgekehrt, fühlte er sich wieder nach Schönborn zu der Schwester gezogen, um in ländlichem Stillleben die Masse der italienischen Eindrücke zu ordnen und zu verarbeiten. „Er arbeitete unsäglich fleißig,“ schreibt uns die Schwester, „kaum daß er zum Essen erschien, aber die Theestunde versäumte er nie, denn er trank wie ein Chinese seine zwanzig Tassen mit Wonne. Dabei las er vor – und er las wunderbar schön – oft was er den Tag über gearbeitet hatte, wobei er jede Kritik gelten ließ, öfter noch die Werke der Koryphäen der Literatur mit scharfem Eingehen und neidloser Bewunderung. Der Liebling seiner ersten Jugend war Jean Paul, den Shakespeare später verdrängte und den er so inne hatte, daß sein mächtiges Gedächtnis für jeden Fall ein Citat aus dessen Dichtungen fand. Dieses seltene Gedächtniß kam ihm überhaupt sehr zu statten und gestaltete die Fülle seiner Kenntnisse [490] fast zur Gelehrsamkeit. Talent für die Musik war in ihm wenig vorhanden. Er klimperte Guitarre, und hatte wohl nur Violine gelernt, um die Geige zu besitzen, welche seine Mutter außerordentlich gut gespielt. Aber die bildende Kunst war sein eigentliches Feld, und durch seine Werke geht der goldene Faden tiefen gewissenhaften Kunststudiums. Er selbst zeichnete sehr hübsch, besonders treue Portraits in Carricaturen, welche Gabe ihm manchen Feind erweckt hat, da er eben nicht sehr schonend mit der Menschheit umging. In einer der kleinen Garnisonen hatte er einmal die weißen Wände seines Zimmers mit sehr ergötzlichen Carricaturen in Kohle bemalt – es wurde verrathen. Und so war es für ihn ein Glück, daß ein Camerad ihm bei der Parade zuraunte: ‚Der Oberst wird Dich besuchen‘. Flugs stürzte Franz nach Haus, bürstete mit der Kleiderbürste die verrätherische Kohle ab und empfing den Vorgesetzten glühend in einer dicken Wolke von Kalkstaub, die ihn zum schleunigen Rückzuge nöthigte.“

In Berlin arbeitete Gaudy eifrig für den „Musenalmanach“, der nun, nachdem sich die süddeutschen Dichter, besonders Schwab, von ihm zurückgezogen, neben Chamisso’s Namen auch den Gaudy’s, als des Mitherausgebers, trug. Die letzte Arbeit, die er gemeinsam mit Chamisso unternahm, war die Uebersetzung einer Auswahl der Béranger’schen Lieder. Bald nach Beendigung derselben trat er eine zweite Reise nach Italien an, auf welcher ihn sein Freund E. Ferrand bis in die Schweiz begleitete. Wie damals diesem Freunde gegenüber, so äußerte er sich schon früher häufig gegenüber der Schwester, er möge am liebsten ganz in Italien oder doch wenigstens im Süden von Deutschland leben. Italien, sein mildes Klima und sein feuriger Wein sagten ihm besser zu als der Norden mit Nebel und Bier. Seine ganze Natur hatte etwas entschieden Südländisches. Doppelt schwer empfand er bei seiner Rückkehr nach Deutschland diesen Widerspruch seines Innern mit Land und Leuten daheim – denn eine Saite seines Lebens war inzwischen gesprungen: Chamisso war todt. Wieder suchte er Ruhe bei der Schwester in Schönborn, aber er verweilte dort nur kurze Zeit, und Todesahnung zog durch seinen Abschied von der Theuern. Eine Verherrlichung des Todes war der Vorwurf eines epischen Gedichtes, zu dem er eifrig Motive suchte – nur wenige Wochen nach seiner Rückkehr nach Berlin lag er auf dem Todtenbette. Seine Freunde legten ihn in den Sarg wie einen Sänger des Alterthums, im wallenden weißen Gewande und den Lorbeerkranz in schönen braunen Haar.

„Franzens Charakter ist selten richtig beurtheilt worden,“ schreibt uns seine Schwester, „er war brav und ehrenwerth durch und durch, unbestechlich in seinem Urtheile, wahr bis zur Schroffheit; er konnte bezaubernd liebenswürdig sein, wollte es aber nicht immer sein – trübe Erfahrungen hatten ihm Menschenverachtung gelehrt, und doch war sein Herz warm und liebebedürftig. Seinen Freunden war er ein wahrer Freund. Um es kurz zu sagen: er war ein Mann im schönsten Sinne des Wortes.“
Ernst Ziel.




Die wildeste Dampffahrt des Jahrhunderts.
Von Theodor Kirchhoff.
San Francisco, am 5. Juni 1876.     

Am Sonntagmorgen den 4. Juni, präcise ein Viertel nach neun Uhr, verkündeten dreizehn Kanonenschüsse vom Dache des Palace Hôtels die Ankunft des ersten transcontinentalen Schnellzugs („lightning“-train) von New-York an den Gewässern der großen San Francisco-Bai, der die ungeheure Strecke von 3317 englischen Meilen ohne nennenswerthe Unterbrechung in 83 Stunden, 53 Minuten und 45 Secunden zurückgelegt hatte, eine Eisenbahnfahrt, die bis jetzt einzig in ihrer Art in der Welt dasteht. Von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde berichtete der Telegraph von dem Fortschritt des in rasender Eile den Continent durchfliegenden Dampfzugs; die Bevölkerung des ganzen Landes verfolgte die Einzelheiten der wilden Fahrt mit gespanntester Aufmerksamkeit. Täglich wurden die Stimmen des Zweifels an dem Gelingen des großartigen Unternehmens geringer, bis sich das zuerst für fast unmöglich Gehaltene als glänzende Thatsache herausstellte. In San Francisco mit seiner leicht erregbaren kosmopolitischen Bevölkerung war die Aufregung während der letzten Tage eine ganz gewaltige, und man hörte in der Stadt fast nur vom „Lightning“-Train reden. Selbst die Minenbörse, der drohende Türkenkrieg und die heiklige Chinesenfrage hatten hier zeitweilig alles Interesse verloren. Briefe aus New-York in weniger als vier Tagen, schriftliche Nachrichten aus Europa in zwei Wochen am Gestade des Stillen Meeres abgeliefert! – wer so etwas vor zwei Jahren prophezeit hätte, den würde sicherlich jeder Californier für toll gehalten haben.

Der in Amerika durch ihre Aufführungen des Shakespearischen Dramas „Heinrich der Fünfte“ und des Schlachtgemäldes von Agincourt berühmt gewordenen Schauspielergesellschaft der Herren Jarrett und Palmer gebührt die Anerkennung, dieses gigantische Unternehmen geplant und durchgeführt zu haben. Die genannten Directoren jener Gesellschaft mietheten den Schnellzug für die Hin- und Herreise mit einem Kostenaufwande von fünfhundert Dollars für die Person, um in San Francisco ein Gastspiel zu geben. Der New-Yorker „Herald“ bezeichnete das Unternehmen als ein „geschichtliches Ereigniß, das unter allen Umständen verdient, weit über die Grenzen der Vereinigten Staaten hinaus mit hohem Interesse beachtet zu werden“. Allerdings ist eine Schnelligkeit von 35 bis 45 englischen Meilen per Stunde auf europäischen Eisenbahnen schon längst nichts Ungewöhnliches mehr. Aber die Entfernungen sind dort verhältnismäßig kurze, die Schienenwege haben meistens Doppelgleise und sind auf der ganzen Fahrstrecke eingefriedigt (was in Amerika fast nirgends der Fall ist); das Dienstpersonal ist ein bei Weitem zahlreicheres als auf amerikanischen Bahnen, und die zu überwindenden Terrainschwierigkeiten halten auf den europäischen Hauptlinien mit denen hier zu Lande keinen Vergleich aus. Wer die Hindernisse, welche sich dem Gelingen eines solchen Unternehmens in Amerika entgegenstellen, zu würdigen versteht, der wird obigem Ausspruche des „Herald“ seine Zustimmung gewiß nicht versagen. Die verschiedenen Eisenbahngesellschaften des Ostens mußten mit der Union- und Centralpacific einmüthig zusammen handeln, um den Erfolg des Riesenunternehmens zu sichern. Rasende Schnelligkeit, Pünctlichkeit sämmtlicher Bahnangestellten auf der ganzen ungeheuren Wegstrecke, Benutzung der stärksten Locomotiven, des tadellosesten Fahrmaterials, der erfahrensten Ingenieure und Zugführer waren Jedes unentbehrlich, um das gigantische Project zu ermöglichen; die geringste Unachtsamkeit konnte eine furchtbare Katastrophe herbeiführen, der unbedeutendste Verzug, irgend eine Nachlässigkeit im Dienst waren genug, um den Erfolg zu vereiteln. Es waren endlose Wegstrecken zu durcheilen, Urwälder, Sümpfe und Prairien zu durchfliegen, wo Heerden von Rindern ungehindert über das eingleisige Bahnbett zu schreiten pflegen und Baumriesen oft vom Sturm auf dasselbe geschleudert werden; mächtige Flüsse mußte man passiren, hohe Gebirgszüge erklimmen, ehe das ferne Ziel am Goldenen Thore erreicht werden konnte.

Vor der Eröffnung der Pacificbahn brauchte die Pony-Expreß gegen dreißig Tage, der Tagereisende anderthalb Monate, ein Emigrantenzug mindestens ein halbes Jahr, um den Continent zu durchkreuzen. Dann verband der eiserne Weg die Meere, und in sieben Tagen und Nächten pflegten in den letzten Jahren Reisende von New-York nach San Francisco zu fahren. Und jetzt hat der „Lightning“-Zug dieselbe ungeheure Strecke in weniger als vierundachtzig Stunden durchflogen. Nach einem neuen Decennium wird man es wahrscheinlich ganz natürlich finden, innerhalb drei Tagen, vielleicht in noch kürzerer Zeit, von New-York nach San Francisco zu reisen, uns aber sei es gestattet, den Erfolg der ersten Schnellfahrt über den nordamerikanischen Continent als ein Ereigniß zu bezeichnen, das im Verkehrsleben der Menschheit wohl einen ruhmvollen Platz einzunehmen verdient und dem Unternehmungsgeiste der großen Republik des Westens, die gerade jetzt das hundertjährige Jubiläum ihres Bestehens feiert, zur Ehre gereicht.

[491] Am 1. Juni, präcise um ein Uhr Morgens, setzte sich der Schnellzug, der aus dem Hôtelwaggon „Thomas A. Scott“, dem Schlafwaggon „Yosemite“ und einem Gepäck- und Postwagen bestand, welcher letztere für San Francisco allein 100,000 Briefe an Bord hatte, bei Jersey-City, New-York gegenüber, in Bewegung. Die Fahrbillets waren in elegant ciselirte Silberdeckel geheftet; die Briefe führten alle den Poststempel „Jarrett & Palmer’s Special Fast Trans-Continental Train – New-York, June 1 – 1876 – 12. 10. A. M.“ Für die Bequemlichkeiten der Reisenden war auf das Umfassendste gesorgt worden, und die besten Speisen, die vorzüglichsten Weine und Delicatessen befanden sich in der Vorrathskammer des Hôtelwaggons. Vor der Abreise wurden in einer halben Stunde 15,000 Abzüge der Donnerstagsnummer des „New-Yorker Herald“ im Zeitungspalaste jenes Weltblattes gemacht, welche während der Fahrt nach der fernen Goldstadt unterwegs vertheilt werden sollten.

Ueber die Pennsylvania-Central-Eisenbahn brachte eine einzige Locomotive den Schnellzug, ohne nur einen Augenblick unterwegs anzuhalten, nach der Stadt Pittsburg – vierhundertvierundvierzig englische Meilen in zehn Stunden und vier Minuten. Auf allen Stationen empfingen ihn jubelnde Menschenmassen. Als die Reisenden mit einer Geschwindigkeit von zehn deutschen Meilen in der Stunde durch Pennsylvanien dahinflogen, wurde das erste Frühstück im Hôtelwaggon servirt. Während rechts und links Farmen, Wälder, Städte und Fluren wie toll kreisend vorübereilten, brachte Warren Jarrett, der Unternehmer der Expedition, ein Hoch auf die glückliche Ankunft in San Francisco aus, das bei klingenden Gläsern ein begeistertes Echo fand. Ohne Verzug raste der Dampfzug weiter durch die gesegneten Fluren von Ohio, Indiana und Illinois und fuhr um zehn Uhr fünfundzwanzig Minuten Abends (elf Minuten vor der festgesetzten Zeit) in den Bahnhof der Chicago- und Rock-Island-Eisenbahn bei Chicago ein, von einer nach Tausenden zählenden Menschenmenge mit wilden Hurrahs begrüßt. Die Entfernung von neunhundertdreizehn englischen Meilen zwischen New-York und Chicago war in zwanzig Stunden zurückgelegt worden.

Mit einem frischen Dampfrosse als Vorspann stürmte der Schnellzug weiter und erreichte das Ufer des Mississippi am nächsten Morgen, vier Minuten vor ein Uhr. Um neun Uhr dreißig Minuten donnerte der Zug über die mächtige Missouribrücke bei Council Bluffs, nachdem er die letzten 67½ Meilen in sechszig Minuten durchmessen hatte. Auf ebenem Terrain war seine Durchschnittsgeschwindigkeit sechszig Meilen in der Stunde. Omaha, 1405 Meilen von New-York, wurde in zweiunddreißig Stunden erreicht; Cheyenne, am Fuße der Felsengebirge, 1932 Meilen von New-York, in vierzig Stunden. Weiter ging die wilde Fahrt. Ueber die große Laramie-Ebene, 7000 Fuß über dem Meere, raste der Dampfzug mit einem Momentum von 76½ englischen Meilen per Stunde; über die bis zu 8242 Fuß ansteigenden Pässe der Felsengebirge stürmte er dahin wie eine wilde Jagd. Die letzten 75 Meilen auf der Union-Pacific nahmen nur neunundsiebenzig Minuten Zeit in Anspruch. Die Fahrt über die Union-Pacific zwischen Omaha und Ogden, eine Strecke von 1029 englischen Meilen, wurde in fünfundzwanzig Stunden und zwanzig Minuten zurückgelegt, die von New-York bis nach Ogden, 2435 Meilen, in fünfundfünfzig Stunden.

Aber die schwierigste Strecke, das gefährlichste Terrain war dem Schlusse der wilden transcontinentalen Dampffahrt vorbehalten, denn es mußten in demselben rasenden Tempo die bedeutenden Steigungen und die zahllosen Curven der Centralpacific überwunden werden. Der mächtigen Locomotive Nr. 149, welche sich in Ogden vor den Schnellzug spannte, sollte unter der Leitung des kühnen Ingenieurs Hank Small das für fast unmöglich Gehaltene gelingen. Der Wasserbehälter, aus welchem das 65,450 Pfund schwere Eisenroß gespeist wird, hält 3700 Gallonen Wasser. Diese gewaltige Locomotive blieb für die ganze Fahrt zwischen Ogden und San Francisco – eine Entfernung von 883 englischen Meilen, die längste Strecke, welche je von einem einzelnen Dampfroß ohne Aufenthalt zurückgelegt worden ist – in Thätigkeit. Steigungen von 45 bis 65 Fuß per englische Meile wurden mit einer Schnelligkeit von 45 Meilen in der Stunde überwunden. Mit rasender Geschwindigkeit durchmaß der Schnellzug die Salbeiwüsten von Nevada, wo der mächtig aufwirbelnde Staub demselben wie der Schweif eines Kometen nachfolgte. Von der ganzen mobilen Bevölkerung wurde der Dampfzug an allen Stationen mit Hurrahrufen und Böllerschüssen bewillkommnet. Auf der Truckee-Division legte er 80 Meilen in 81 Minuten zurück.

Während der letzten Nacht ging’s über das gefährliche Gebirgsterrain der Sierra Nevada, volle 7000 Fuß über dem Spiegel des Meeres. Curven giebt es auf der Centralpacific, nach Angabe des Superintendenten dieser Bahn, im Ganzen 1100, die zusammengelegt 125 Kreise bilden würden. Steigungen sind 14,800, Neigungen 10,700 im Bahnbett, die Längendifferenz zwischen den inneren und äußeren Schienen beträgt 4000 Fuß. Bei Weitem die Mehrzahl dieser Hindernisse kommt auf die Gebirgsstrecke. Wie sehr eine solche Construction, die in diesem Terrain jedoch nicht zu vermeiden war, einer Schnellfahrt hinderlich sein muß, wird jedem praktischen Eisenbahn-Angestellten einleuchtend sein. Aber ohne den geringsten Aufenthalt überschritt das mächtige Eisenroß im Geschwindschritt die Sierra Nevada. Große Feuer aus Waarenkisten und Theertonnen brannten in den an der Linie liegenden Ortschaften; Feuerwerke erhellten die Nacht, und die Bevölkerung war wie toll in ihren Ausbrüchen der Freude, als die wilde Dampfjagd brausend über das Hochgebirge dahinrollte. Unter den sich vierzig Meilen weit erstreckenden Schneedächern donnerten die Dampfwagen dahin, durch endlose Tunnels und über die riesigen Trestlebrücken, wirbelten um die Curven herum, als ob sie jeden Augenblick vom Geleise heruntergeschleudert werden müßten. Kurz vor Tagesanbruch, als der aufgehende Vollmond die Gebirgslandschaft magisch erhellte, flog der Schnellzug, mit einem Momentum von 45 Meilen per Stunde, um den gewaltigen schroffen Abhang des Cap Horn, 2500 Fuß über dem Niveau des wie ein Silberfaden in der finsteren Tiefe glitzernden Americanflusses und eilte dann thalwärts nach den grünen Fluren des schönen Californiens.

Sacramento, wo Tausende den Bahnhof die halbe Nacht hindurch in Belagerung gehalten hatten, begrüßte die kühnen Reisenden bereits um sechs Uhr Morgens. Um neun Uhr zwanzig Minuten fuhr der Schnellzug auf die zwei Meilen lange Pfeilerbrücke bei Oakland, wo derselbe von dem City-Mayor der Stadt San Francisco, den Beamten der californischen Handelsmetropole und von Tausenden von Zuschauern mit Hochrufen, Hüteschwenken und fortwährendem Blumenwerfen begeistert empfangen wurde. Nach einer beispiellosen Geschwindreise über die ganze Breite des nordamerikanischen Continents rollten die New-Yorker Gäste sieben Minuten vor zehn Uhr nach San Franciscoer Zeit in den Kutschen des Palace Hôtels unter den letzten Kanonenschüssen vom Dache des Riesengebäudes und dem Hurrah der versammelten Menge in den weiten Hofraum des größten Gasthauses der Welt. An einer mit den kostbarsten Speisen des productereichen Californiens beladenen Festtafel, in dem mit Blumen und Guirlanden feenhaft geschmückten Saale, genossen die Reisenden, worunter sich Repräsentanten der „London Illustrated News“ und vom „Journal des Débats“ befanden, in Gesellschaft der ersten Stadtbeamten, zahlreicher angesehener Bürger und der Mitglieder der hiesigen Presse ihr erstes Frühmahl in San Francisco und erzählten von den Wundern der wilden Fahrt von Meer zu Meer. Der Unterschied der Zeit zwischen New-York und San Francisco von drei Stunden dreizehn Minuten und sieben Secunden hatte die zur dreitausenddreihundertsiebenzehn Meilen langen Reise verbrachte Zeit auf etwas über achtzig Stunden abgemindert. –

Dir aber, freundlicher Leser, der Du im Geiste den über Amerika mit Windeseile dahinstürmenden Eisenrossen und den kühnen Männern gefolgt bist, die sich der gewaltigen Kraft des Dampfes, dieses mächtigen Culturdieners der Neuzeit, anvertraut hatten, um der großen Goldstadt einen Besuch abzustatten – einen deutschen Gruß aus dem sonnigen Californien! Die Erde scheint uns kleiner geworden an Umfang, die Heimath näher gerückt. Fürwahr, es ist doch schön, im neunzehnten Jahrhunderte zu leben, selbst in entlegenster Ferne täglich zu erfahren, was an frohen oder ernsten Ereignissen jenseits der Meere und Continente im Vaterlande vorfällt, und sich der Möglichkeit bewußt zu sein, auch einmal mit einer solchen Dampf-Extrapost der deutschen Erde entgegeneilen zu können.


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Das Verbrecher-Album der Wiener Polizei.

Von Max Huybensz.

Ein unaufhörlicher stiller Krieg wird in den großen Bevölkerungscentren von den Sicherheitsbehörden gegen jene lichtscheuen Elemente geführt, welche Verbrechen, in erster Reihe Eigenthumsverletzungen, gewerbmäßig betreiben, welche in mehr oder minder großen, stets untereinander in Verbindung stehenden Gruppen der arbeitenden und besitzenden bürgerlichen Gesellschaft feindlich gegenüber stehen. Es ist dies der in allen europäischen Hauptstädten geführte Kampf der Polizei gegen die Verbrecherwelt. In demselben Maße wie bei der Ausführung von Verbrechen Ausdauer, Zähigkeit und schlaue Berechnung verschiedenartiger Umstände aufgewendet werden, verdoppeln sich auch die Gegenbemühungen der Sicherheitsbehörden; die Erfindungen der Neuzeit und des wissenschaftlichen Fortschrittes werden zum Schutze der bedrohten Gesellschaft dienstbar gemacht. Als eines der wichtigsten Hülfsmittel darf in dieser Beziehung die Photographie bezeichnet werden, welche nicht nur zu einer Vereinfachung der Recherchen in schweren Criminalfällen dient, sondern sich auch als höchst schätzenswerth für die stete Ueberwachung der Verbrecherwelt erweist.

Dem Beispiele der Sicherheitsbehörden von New-York und London folgend, hat die Wiener Polizei im Jahre 1869 der Verwerthung der Photographie durch Anlage eines Verbrecher-Albums Bahn gebrochen. Im großen Maßstabe angelegt und mit einem bedeutenden Kostenaufwande durchgeführt, erwies sich das Unternehmen als äußerst nutzbringend für den Sicherheitsdienst und ermuthigte zum Fortschreiten auf der betretenen Bahn. Die Gründe, welche zur Anlage des Verbrecher-Albums führten, waren zwingender Natur. Die Reichshauptstadt Wien mit einer Einwohnerschaft von einer Million Seelen (die Vororte sind in den Polizeirayon hineingezogen) hat nicht nur, wie jede Großstadt, ein ansehnliches Contingent sicherheitsgefährlicher Individuen aufzuweisen, sondern dient auch Dieben, Gaunern und anderen gefährlichen Subjecten, die in den Provinzen ihr dunkles Handwerk betreiben, im Falle der Verfolgung als beliebter Zufluchtsort für kürzere oder längere Zeit. Seit der Reorganisation der Wiener Polizei durch den zu früh verstorbenen Präsidenten Ritter von Le Monnier ist diesem Zustande ein Ende gemacht worden, und zu diesem Erfolge wurde durch die Anlage des Verbrecher-Albums nicht wenig beigetragen.

Das Verbrecher-Album befindet sich bei der Abtheilung für geheime Polizei und nimmt den Raum eines ganzen nicht kleinen Zimmers ein. Rings in diesem Zimmer stehen mächtige Schränke, deren Schiebladen je mit einem der Buchstaben des Alphabets bezeichnet sind. In der Lade A sind beispielsweise alle Photographien von Verbrechern untergebracht, deren Zuname mit diesem Buchstaben beginnt. Diese Photographien sind in zwei Hauptabtheilungen geschieden, in die der Verbrecher von Wien und in jene der Verbrecher der Provinzen. Jede dieser Abtheilungen zerfällt wieder in Unterabtheilungen nach der Specialität der Verbrecher; die Einbrecher, Banknotenfälscher, Taschendiebe etc. werden in besonderen Fächern sortirt. Durch diese mit peinlicher Genauigkeit geführte Eintheilung ist es den amtirenden Beamten möglich, aus den angesammelten Tausenden von Photographien binnen weniger Minuten das von Fall zu Fall geforderte Bild zu liefern. Die Photographien sind sämmtlich auf Cartons im sogenannten Cabinetsformate aufgezogen; die Rückseite des Cartons trägt die Registernummer der Photographie, sowie Angaben über Vor- und Zunamen, Geburtsort und Beschäftigung des Verbrechers, endlich eine sehr wichtige Nummer, welche mit der gleichen Nummer des „schwarzen Buches“ der Polizeidirection correspondirt, in welchem höchst genaue Nachweisungen über alle Personen zu finden sind, die, wenn auch nur einmal, wegen gemeinen Verbrechens mit dem Strafgesetze in Zusammenstoß geriethen. Zwei Polizeibeamte sind ununterbrochen beschäftigt, verlangte Photographien auszufolgen, neue Bilder einzureihen und zu registriren, sowie die Correspondenz über ausstehende Photographien mit den Behörden des In- und Auslandes zu führen.

Durch den besonderen Telegraphen, den die Polizei in Wien besitzt, der mit sämmtlichen Commissariaten, den Wachfilialen, den Bahnhöfen und dem Staatstelegraphen in Verbindung steht, wird eine äußerst schnelle und meist erfolgreiche telegraphische Correspondenz geführt. Es ist zum Beispiele ein gewöhnlicher Fall, daß vom Bahnhofe in Prag an die Wiener Polizeidirection telegraphirt wird: „Taschendieb N. ist soeben mit Postzug nach Wien abgereist.“ Die Depesche liegt in weniger als einer Stunde dem amtirenden Beamten des Verbrecher-Albums vor, der die Photographie des betreffenden Gauners aushebt und dem Oberinspector des Corps der geheimen Polizei übermittelt. Wenn nun der Prager Zug in den Wiener Nordbahnhof einrollt, stehen schon längst die Polizisten, in der Hand die Photographie des reisenden Diebes, am Perron und überraschen den Ahnungslosen, ehe er noch sein beabsichtigtes Gastspiel beginnen konnte. Nicht minder bedeutsam sind die Erfolge, die sich bei localen Diebstählen mit Hülfe des Verbrecher-Albums erzielen lassen. Ein eclatanter Fall dieser Art sei hier wiedergegeben. Kurze Zeit nach der Eröffnung des neuen Opernhauses in Wien wurde einem russischen Gutsbesitzer, der über die Betrachtung des herrlichen Treppenhauses der Oper die jedem Reisenden nöthige Aufmerksamkeit vergaß, von zwei geschickten Langfingern Uhr, Börse und Opernglas entwendet. Der Bestohlene wandte sich an die Behörde und erhielt von dem liebenswürdigen Oberinspector der Geheimpolizei sofort eine Reihe von Photographien der verwegensten Taschendiebe vorgelegt. Es währte nicht lange, so wies der Russe auf eines der Bilder mit den Worten: „Dieser Herr hat vorgestern mit mir an einem Tische im Hôtel gespeist.“ Zwölf Stunden später übergab die Polizei dem Reisenden seine Uhr, die Börse und das Opernglas; die beiden Diebe saßen schon hinter Schloß und Riegel und wurden später von dem Gerichte zu zweijähriger schwerer Kerkerhaft verurtheilt.

Der Polizeipräsident von Wien, Herr Ritter Marx von Marxberg, war so gütig, dem Verfasser dieses Aufsatzes einige Photographien aus dem Verbrecher-Album zur Wiedergabe in der „Gartenlaube“ zu überlassen. Es sind dies die Bilder von Individuen, welche in dem letzten Monate mit Tod abgingen; der Abdruck von Photographien in Ueberwachung stehender Verbrecher konnte aus Dienstes-Rücksichten nicht gestattet werden. Die Zahl der dem Verbrecher-Album einverleibten Photographien beträgt gegenwärtig siebentausend bis achttausend, von welcher Zahl über die Hälfte auf Verbrecher des Auslandes und der Provinzen entfallen. Die Wiener Polizeidirection steht mit den sämmtlichen Sicherheitsbehörden der europäischen Staaten und der nordamerikanischen Union in Correspondenz; sie erhält und versendet Photographien von jener Species internationaler Gauner, die den Continent durchstreifen, als vornehme Reisende auftreten und, wo sich eine Gelegenheit bietet, Diebstähle, Betrügereien und Creditzeichenfälschungen unternehmen. Das gemeinsame Vorgehen aller Behörden gegen die internationalen Industrieritter ist, wie die Erfahrung gelehrt hat, von Wichtigkeit für die großen europäischen Geldinstitute, und es ist einleuchtend, welche wesentlichen Dienste die Photographie dabei leistet.

Die sämmtlichen Photographien, welche das Verbrecher-Album bilden, zu besichtigen, würde eine Reihe von Tagen in Anspruch nehmen, aber nur einige Stunden der Besichtigung zu widmen, gewährt schon hohes Interesse. Welche Gesichter! welche Charakterköpfe! Aus dem Anblicke von Stichproben, die uns der gefällige Beamte vorlegt, empfängt man zuerst den Eindruck, wie sehr die Physiognomie über den Charakter des Menschen zu täuschen vermag. Ein Blatt zeigt den Kopf eines Greises mit wallendem Prophetenbarte und ehrwürdigen Zügen, aus welchen Ernst und Güte, der Friede einer ehrenvoll verlebten Laufbahn zu sprechen scheinen. Der Besitzer dieses schönen Greisenkopfes ist aber ein oft bestrafter Straßenräuber, der einen großen Theil seines Lebens in den Gefängnissen von Peterwardein zugebracht hat. Hier das Bild einer jungen Frauensperson von fast vollendeter Schönheit, die einem der großen Meister als Modell für einen Madonnenkopf hätte dienen können. Man sollte es nicht für möglich halten, daß

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Die Gartenlaube (1876) b 493.jpg

Photographien aus dem Wiener Verbrecher-Album.
1. Einbrecher, wiederholt bestraft. – 2. Gelegenheitsdiebin, zweiunddreißigmal überführt. – 3. Banknotenfälscher, mehrmals aus der Festungshaft entsprungen. – 4. Diebshehler und Gelegenheitsdieb, vierzehnmal bestraft. – 5. Taschendieb in Vergnügungslocalen, gelegentlich Falschspieler. – 6. Ladendieb, achtmal überführt. – 7. Kartenschlägerin und Taschendiebin, sechsundzwanzigmal bestraft.

[494] dieser schöne Mund je ein gemeines Wort gesprochen, diese reine Stirn dem Verbrechen gedient, stünde nicht die Bemerkung auf dem Bilde, die bewunderte Schönheit sei eine ebenso lüderliche Dirne wie gefährliche Diebin. Das sind jedoch nur Ausnahmen; die überwiegende Anzahl der Bilder bietet keinerlei ästhetischen Reiz, wohl aber häufig genug das Gegentheil. Die von dem berühmten englischen Physiologen und Irrenarzt Henry Maudsley ausgesprochene Bemerkung über den bei Kindern der Verbrecher erscheinenden Gesichtsausdruck physischer Degeneration wird hier vollkommen bestätigt. Die Abkömmlinge einzelner leider vorhandener Verbrecherfamilien tragen den Stempel der Verworfenheit an der Stirn; man kann unmöglich häßlichere und entstelltere Gesichter sehen.

In das Verbrecher-Album werden alle wegen Eigenthumsverletzungen gerichtlich bestrafte Personen, ferner die in den Strafhäusern inhaftirten Individuen aufgenommen. Hat ein Verbrecher seine Haft abgebüßt und kehrt in den Wiener Polizeirayon zurück, wo er unter polizeilicher Aufsicht steht, so verbleibt sein Bild dem Album einverleibt. Für die photographischen Aufnahmen der Verbrecher ist ein besonderer beeideter Photograph angestellt, dessen Atelier sich im Centralpolizeigefangenhause befindet und der für die sichere Aufbewahrung der Platten verantwortlich ist. Die Aufgabe dieses Photographen ist, ganz abgesehen von dem Publicum, mit dem er zu verkehren hat, keine angenehme, indem die meisten Verbrecher einen heftigen Widerwillen gegen die Erzeugung ihres Lichtbildes äußern und eine gelungene Reproduction ihrer Physiognomie zu hindern versuchen. Manche dieser Individuen können nur durch Gewalt bewogen werden, gegenüber der Camera ruhig zu sitzen oder zu stehen; Andere schneiden Grimassen, verzerren das Gesicht und versuchen auf mancherlei Art eine getreue Wiedergabe ihrer Züge zu hindern. Trotz der Androhung von Strafen hat es sich häufig genug ereignet, daß einzelne Verbrecher fünf- bis sechsmal aufgenommen werden mußten, ehe man eine den Sicherheitszwecken entsprechende Photographie erhalten konnte. Im Allgemeinen äußern die Frauenspersonen einen heftigeren Widerwillen gegen die photographische Aufnahme als die Männer.

In den sechs Jahren, die seit der Anlage des Verbrecher-Albums verstrichen sind, hat sich der Vortheil dieser Einrichtung vielfach erwiesen, und man darf ohne Uebertreibung hinzufügen, daß in einzelnen Criminalfällen die Photographie die wesentlichsten Dienste leistete. Es muß aber auch bemerkt werden, daß der Vortheil dieser Einrichtung illusorisch wird, wenn bei der praktischen Verwendung nicht mit großer Aufmerksamkeit und Behutsamkeit vorgegangen wird. Diese Mahnung richtet sich weniger gegen die Organe der Behörde, als gegen das Publicum, das von Fall zu Fall durch die Photographiensammlungen von Verbrechern, die gegenwärtig in fast allen Hauptstädten bestehen, der Sicherheitsbehörde wichtige Fingerzeige zu geben vermag. Ein lehrreicher Fall, wie gefährlich jede Uebereilung in dieser Beziehung ist, möge hier mitgetheilt werden.

Im Jahre 1871 wurde in einer österreichischen Provinzstadt eine französische Sprachlehrerin, die als ehrbar galt, in ihrer Wohnung ermordet aufgefunden. Die polizeiliche Thatbestandserhebung und die Section der Leiche förderten widersprechende Umstände zu Tage, so daß es unmöglich war, positiv zu bestimmen, ob hier ein Mord oder Selbstmord vorlag. Die Untersuchung erhielt erst durch die Aussagen einer in dem Hause der Sprachlehrerin wohnhaften Frau neue Anhaltspunkte, welche das genaue Signalement eines Mannes gab, den sie zur Stunde, als das Verbrechen schon verübt sein mußte, aus der Wohnung der Demoiselle treten sah. Das Signalement paßte vollkommen auf einen vor kurzer Zeit aus dem Gefängnisse entlassenen Fleischergehülfen, der seiner Zeit wegen eines im Raufhandel ertheilten Messerstichs verurtheilt und im Strafhause für das Verbrecher-Album photographirt worden war. Auf Ersuchen sendete die Wiener Polizei das Bild an die Provinzbehörde; dasselbe wurde der Frau vorgewiesen, und sie erklärte bestimmt den Mörder zu erkennen. Der Fleischergehülfe wurde in Triest ausgeforscht und verhaftet, leugnete entschieden die That, konnte jedoch leider kein vollständiges Alibi nachweisen. Durch eine unglückliche Verkettung von Umständen befand sich der Mann zur Zeit, als die That geschah, auf der Reise nach Triest, und es war die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß von ihm die That verübt worden sei. Der Bedauernswerthe wurde in Haft behalten und wäre vielleicht vor das Gericht gestellt worden, hätte ihn nicht die Entdeckung des wahren Thäters befreit. Die Sicherheitsbehörde war durch fortgesetzte Nachforschungen zur Kenntniß der Thatsache gekommen, daß die ermordete Demoiselle früher im Geheimen ein ausschweifendes Leben geführt, ein Factum, welches zur Entdeckung des Verbrechers den Weg wies. Dieser, ein Geschäftsagent, konnte trotz der höchst gründlichen Untersuchung nicht des Mordes überwiesen werden; der Schleier des Geheimnisses, der über der blutigen That lag, blieb nach wie vor ungelüftet. Der Fleischergehülfe wurde nach Möglichkeit entschädigt, doch welchen Ersatz bietet eine Summe Geldes für die Qualen einer monatelangen Untersuchungshaft unter dem Verdachte des Mordes! Die Schwere der Verantwortung fiel auf jene Frau, die unbedacht und leichtsinnig den Verdacht auf den Unschuldigen gelenkt hatte. Die Lehre aus diesem Justizfalle ist für Jedermann einleuchtend: wer in die Lage kommen sollte, aus vorliegenden Photographien den Thäter eines begangenen Verbrechens der Behörde zu bezeichnen, hüte sich, das entscheidende Wort zu sprechen, wenn er seiner Sache nicht ganz sicher ist!


Liebe, Haß und Eifersucht der Fische.

Wer hätte nicht schon oft die Behauptung gehört, daß die Fische keinerlei zartere Zuneigung zu einander fühlen, weder zu ihrem Laich noch zu ihren Jungen, wer nicht die stereotypen Redensarten: kalt wie ein Fisch, herz- und lieblos wie die Fische und derartige unzählige andere Meinungsäußerungen. Daß diese Anschauungen, welche leider fast überall gehegt werden, theils auf grober Unwissenheit, theils auf sinn- und gedankenlosem Nachplappern beruhen, wird sich für jeden Unbefangenen sonnenklar aus dem Folgenden ergeben.

Die zuverlässigsten Beobachtungen in dieser Angelegenheit lassen sich in einer geschlossenen Forellen-Laich-Anstalt machen, welche als ein Theil einer mittelmäßigen Brut- und Zuchtanstalt einen Wasserbehälter von etwa zehn bis fünfzehn Fuß Breite, fünfzehn bis fünfundzwanzig Fuß Länge und zwei bis drei Fuß Tiefe erfordert. Rings an den Wänden dieses mit stets fließendem Quellwasser versehenen und meist überdachten Behälters befinden sich die hölzernen, steinernen oder thönernen Laichkästen, ähnlich unsern Staarkästen in der Größe von anderthalb bis zwei Quadratfuß. Diese Laichapparate haben an der Vorderseite unten eine ovale Oeffnung und einen doppelten Boden. Der obere, aus grobem Drahtnetze bestehende befindet sich ein bis anderthalb Fuß unter Wasser, ist mit Kieselsteinen von Hasel- bis Wallnußgröße anderthalb bis zwei Zoll hoch bedeckt und zum eigentlichen Laichen sowohl, wie auch zum Durchpassiren des Laichs bestimmt. Der untere Boden, welcher aus einem feinen Drahtnetze besteht, ist bestimmt, den durch den oberen hindurchgefallenen Laich aufzunehmen, und kann mit demselben wie mittels einer Schieblade aus dem Kasten herausgezogen werden. In einer solchen oder ähnlichen Laichanstalt kann jeder einigermaßen aufmerksame Beobachter von October bis Ende Januar zu jeder Tageszeit auf das Unzweideutigste wahrnehmen, wie gerade die Forellen mit äußerster Leidenschaftlichkeit lieben und hassen und mit welch’ aufopfernder Anstrengung und Sorgfalt sie ihren Laich zu beschützen und zu verbergen verstehen.

Das Weibchen umschwimmt mit eleganten Wendungen und Schwingungen, welche man zu keiner andern, als zur Laichzeit beobachten kann, bald auf dem Bauche, bald auf der Seite, oft genug sogar auf dem Rücken liegend und seine um diese Zeit ganz auffallend brillanten Farben zeigend, ein aus Hunderten erkorenes Männchen. In ganz ähnlicher Weise schießt letzteres in zierlich sich schlängelnden Linien unter und über seinem Weibchen her, indem es dasselbe auf das Behutsamste berührt [495] und streift. Ein solches Forellenpaar führt die wunderlichsten, interessantesten Schwimmkunststücke aus, je weiter es sich von dem Schwarme entfernt, um einen Laichplatz oder Laichkasten zu beziehen.

Dieses reizende Spiel wird jedoch oft und jedesmal dann unterbrochen, wenn ein dritter Fisch einem solchen Paare zu nahe kommt. Wie ein zuckender Blitz schießt bald das Weibchen, bald das Männchen, nachdem sie einen Moment plötzlich wie bewegungslos „standen“, auf den Unberufenen los und jagt ihn mit einem heftigen Anpralle oder mit dem furchtbaren Gebisse in die Flucht. Meistens nimmt jedoch das Männchen diesen Kampf auf, während das Weibchen auf der Stelle „stehend“, ohne Bewegung zuschaut.

Ist endlich nach vorsichtiger Auswahl entweder ein leerer Laichkasten gefunden oder durch oft blutigen Kampf ein solcher erobert, so beginnt das Weibchen nach allseitiger Inspection ohne Zögern mit der Aushöhlung des Laichbettes, und zwar durch ruckweise seitwärts ausgeführte Bewegungen, welche man z. B. bei einem Schiffe „Rollen“ zu nennen pflegt. Bei diesen Bewegungen wirft sich das Weibchen in schnellem Tempo von der einen auf die andere Seite, indem es mit dem Bauche die kleinen Steine so lange nach beiden Seiten hin wirft, bis die Aushöhlung etwa anderthalb bis zwei Zoll tief, zwei bis drei Zoll breit und bis zu zwölf Fuß lang ist.

Während so das Weibchen mit aller Anstrengung ein Laichbett bereitet, welches in diesem Falle immer bis auf das obere Drahtnetz reicht, dieses auf zwei bis vier Zoll hin bloßlegt, und in gewissen Pausen seine Eier hineinfallen läßt, „steht“ das Männchen, das ihm vorgeworfene Lieblingsfutter nie beachtend, schräg an der Innenseite der ovalen Oeffnung des Laichapparats still und fest, sodaß es mit ununterbrochener Wachsamkeit ein Auge stets auf das emsig thätige Weibchen, das andere auf Alles gerichtet hält, was außerhalb der von ihm in Anspruch genommenen Behausung vor sich geht.

Wehe dem Unbedachtsamen und Frechen, der sich von außen her zu nahe an den Eingang wagt! Mit unglaublicher Gewalt schießt ein solch wachthabendes Männchen auf den Frevler los und verfolgt ihn auf die heftigste Weise bis mitten in den Schwarm der Unparteiischen; selten endet die Verfolgung ohne eine blutige Wunde. Nicht selten wird auch die augenblickliche Abwesenheit des sein Weib, Haus und Bett vertheidigenden legitimen Männchens von einem andern schleunigst benutzt, indem es sich zu dem einsamen Weibchen in den Laichkasten schleicht und sich nunmehr gegen das zurückkehrende, mehr oder weniger ermüdete Männchen zu behauptet sucht. Jetzt verbündet sich aber das Weibchen ohne jedwedes Säumen mit dem Heimkehrenden, und beide vereint bereiten dem Eindringlinge eine solche schwere Noth, daß er, fast ohne alle Ausnahme, arg zerzaust und verwundet hinausgetrieben wird.

Solch ein erbitterter Kampf zwischen drei Forellen ist selbst für den praktischen Fischzüchter, obgleich er ihn zur Laichzeit fast jeden Tag zu beobachten Gelegenheit hat, ein aufregender Sport. Mann beobachtet dabei sehr oft, daß die Forelle ihr äußerst scharfes Gebiß tief und fest (der Engländer nennt das „lock jaws“) in das zarte Fleisch des Nebenbuhlers einschlägt und denselben für eine geraume Zeit unter sich festhält, genau so, wie dies kämpfende Bulldoggen, Gänse, Schwäne etc. unter einander zu thun pflegen.

Wer sich von der äußerst wilden, urwüchsigen Leidenschaftlichkeit der Forellen einen annähernd richtigen Begriff machen, Liebe, Eifersucht und Haß derselben würdigen lernen will, der besuche eine geschlossene Laichanstalt gegen das Ende der Laichzeit; selten sieht man dann Männchen unverletzt, sehr häufig findet man sogar Weibchen verwundet. Einen viertel bis einen halben Zoll lange, offene, bluthig rothe Wunden am Rücken und in der Kiemengegend beweisen ohne weitere Erklärung die heiße Liebe dieses Edelfisches, für welche ich hiermit in Ehren eine Lanze gebrochen haben will.

Offen und ehrlich erkläre ich, daß ich Liebe, Haß und Eifersucht bei allen Thieren, sogar bei den höheren und höchsten Wirbelthieren, über einen Kamm scheere. Man komme mir nicht mit Unterschieden von Gefühlsäußerungen höherer Thiere mit quantitativ mehr Gehirn etc. etc.! Ich behaupte, es ist noch nicht in letzter Instanz entschieden, ob die sogenannten verschiedenen Grade von Liebe etc. bei den Thieren in der Wirklichkeit oder blos in unserer mangelhaften Erkenntniß und in unserm befangenen Urtheile existiren. Beobachten und urtheilen wir also vorsichtig und gerecht!

Jede Pause, welche nun das Weibchen im Laichen macht und in welcher es, vom Männchen zart und behutsam zur Seite gedrückt und geschoben, das Laichbett verläßt, wird von dem letzteren benutzt, um ebenfalls zu laichen, das heißt, es legt sich genau an dieselbe Stelle, die das Weibchen soeben verließ, und spritzt, während jetzt das letztere auf dieselbe Weise Posto faßt, mit zuckenden, seitlichen Vor- und Rückwärtsbewegungen, sich stets dicht am Grunde haltend und reibend, seinen Laich (Milch) über und zwischen die weiblichen Eier (Rogen).

Nach diesen ebenso aufregenden wie anstrengenden Befruchtungsacten folgt nun nicht, wie bei fast allen anderen Thieren, Ruhe und Erholung, sondern jetzt fängt bei den Forellen eine alle Kraft und Energie erheischende Thätigkeit erst an, welche in dem „Decken des Laichbettes“ besteht.

Mit schnellen, kraftvollen, ruckweise ausgeführten Seitwärtsbewegungen werden abwechselnd vom Weibchen oder Männchen, auch wohl von beiden zugleich, Kieselsteinchen massenweise in und auf das Laichbett geschleudert und zwar so energisch, daß dieselben oft bis zu zwei Fuß weit darüber hinfliegen; hierbei hört man die Steine dermaßen gegen die Wände des Laichkastens anprallen, als ob Einer dicht hinter uns mit den Fingern auf einem Brett trommele. Das bloße Ausfüllen und Zudecken des Laichbettes genügt aber der vorsichtigen und vorsorglichen Forelle bei Weitem nicht. Sie deckt und deckt, baut und baut, bis ein ganz ansehnlicher Hügel länglich rund ihr Laichbett überwölbt.

Manche Vogelarten rupfen sich Federn aus, Kaninchen reißen sich büschelweise Haare aus, um ihre Jungen möglichst weich und warm zu betten; wenn wir berechtigt sind, hierin mehr als Instinct zu sehen, und glauben müssen, daß ein gewisser Grad von Liebe und Fürsorge für ihre Jungen diese Thiere veranlaßt, sich selbst solche Qualen zu bereiten, dann sind wir gezwungen, diese edlen Züge in ebenso hohem Maße den Forellen zuzuerkennen.

Wahrhaft rührend ist es, zuzusehen, mit welch ausdauerndem Eifer diese Edelfische ihre feinen, zarten Leiber, welche doch aller deckenden und schützenden Schuppen entbehren, preisgeben, um den scharf schneidenden und grobkörnigen Sand und die diamantharten, äußerst scharfkantigen, nie ganz glatten Kiesel erstlich zu einem Laichbett zu bearbeiten und dann aus demselben ihre sammetweiche Haut fortwährend verwundenden Material einen Hügel über demselben zu wölben.

Wohl fände die Forelle in Bächen und Teichen hinreichend Schlammerde und weiche, zersetzte Vegetabilien, um jenes ihr stets unbarmherzige Qualen bereitenden Materials entbehren zu können; da sie aber genau weiß, daß nur in dem von ihr gereinigten, d. h. durcheinander geriebenen, gerüttelten und geschüttelten Sand und Kies ihre Eier wohl aufgehoben sind und ihre so tausendfach bedrohten Jungen in der ersten hülflosen Zeit nur in diesem Material den so sehr nöthigen Schutz finden, so achtet sie unter den aufopfernden Anstrengungen für das Beschaffen einer gedeihlichen Zukunft ihrer Nachkommenschaft der Wunden und Schmerzen, selbst des Hungers nicht.

Meilen und Meilen weit wandert sie, höchstens zu Zweien, ihre geschützten, bequemen Verhältnisse verlassend, unter den denkbar größten Mühseligkeiten, die noch bedeutend durch ihren Zustand (das Beschwertsein mit Laich) vermehrt werden, überspringt alle Hindernisse, wühlt sich über seichte Stellen hinweg, setzt sich den größten Gefahren, und zwar mit offenbarem Bewußtsein derselben, aus; alles nur, um ihre Nachkommenschaft unter möglichst günstige Bedingungen für ihre Fortentwickelung zu bringen.

Bei genauerer Betrachtung einer Forelle, ganz besonders eines Forellenweibchens in der Laichanstalt am Ende der Laichthätigkeit, wird wohl Niemand den edleren Eigenschaften dieses Fisches sein Mitgefühl und seine Anerkennung versagen können, denn die oben erwähnten tiefen Wunden, welche Liebe, Haß und Eifersucht schlugen, abgerechnet, sehen wir den ganzen mittleren Theil des Körpers zu beiden Seiten über und über mit Hautrissen und Einschnitten bedeckt, deren Grund und [496] Ursache nach Obigem sich von selbst erklärt und über alle Zweifel hinaus beweist, daß gerade diese Fische mit bewunderungswürdiger Vorsicht und aufopfernder Sorgfalt für das Gedeihen ihrer Gattung sich bemühen.

Um nun andern Fischarten kein Unrecht zuzufügen, muß erwähnt werden, daß gar viele derselben ganz ähnliche Gewohnheiten und Eigenthümlichkeiten haben, wie die Forellen, ja, daß sogar bei manchen die Geschlechtsliebe sowohl, wie die Liebe und Sorge für ihren Laich, besonders aber für ihre Jungen, noch viel lebhafter und unzweideutiger entwickelt ist.

Diese kurze Darstellung, welche auf langjähriger, sorgsamer Beobachtung im Umgange mit Forellen, in wildem Zustande sowohl, wie in gezähmtem, in deutschen und nordamerikanischen Forellenzüchtereien beruht, mag für den Beweis genügen, daß gerade diese Edelfische sehr viel Liebe, Eifersucht und Haß und viel mehr schützende Sorgfalt für ihre Nachkommenschaft entwickeln, als viele andere Thiere. Ich brauche hierbei nur an gewisse Schlangen, Schildkröten, den Kukuk und den Strauß etc. zu erinnern. Leider genießt dieses Gezücht bis jetzt trotz alledem eines besseren Rufes als die herrlichen Forellen. Das Factum, daß diese zuweilen, jedoch nur unter gewissen Verhältnissen, den eigenen Laich und die eigenen Jungen verzehren, ist gewiß einem Charles Darwin ebenso schwierig zu erklären, wie die Thatsache, daß Hauskatzen, Kaninchen und Schweine, sogar unsere vielgepriesenen Hunde und viele andere Thiere, ebenfalls oft ihre lebendigen Jungen verzehren. Keinenfalls erlaubt diese Thatsache, daß man sie benutze, um die Lieb- und Gefühllosigkeit der Fische zu beweisen. Wer solche bis jetzt unverstandene, scheinbar grausame Vorkommnisse bei den Thieren benutzen wollte, um denselben alle besseren und milderen Charakterzüge abzusprechen, wie das thatsächlich den Fischen gegenüber geschieht, der würde ihnen sehr unrecht thun.

Hiermit will ich ebenso wenig den Naturforscher, wie den wissenschaftlich gebildeten Fischzüchter herausgefordert haben, da sie ja mit den angeführten Thatsachen bekannt sein müssen –, nur kann ich mir die Genugthuung nicht versagen, die Priorität obiger Veröffentlichungen zu beanspruchen, indem ich wiederhole, daß ich die erste Lanze für die Rechtfertigung der Fische in Betreff ihrer hier besprochenen Charakterzüge gebrochen habe.

Mögen also der kurzsichtige Dilettant in der Fischzüchterei und der pedantische Sonntagsfischer, vor allen jedoch das Heer der gedankenlosen Nachbeter in sich gehen und sich von ihrem falschen, hartherzigen Urtheile über das kalte Fischblut baldigst bekehren, denn wahrlich keiner Classe von Wirbelthieren, selbst bis zur Nachkommenschaft von Adam und Eva hinauf, ist in dieser Beziehung je so viel Unrecht gethan worden, als den Forellen.

     Holyoke in Massachusetts.
Dr. A. von Clausen.




Blätter und Blüthen.

Der Erbe einer Spielbank. Vor dem Curhause in Baden-Baden begegnet man fast täglich einem wunderschönen kleinen Knaben, begleitet von einer englischen Gouvernante und einem betreßten Diener. Auf die neugierige Frage erfährt man: es sei der Erbprinz von Monaco. Reichen die geographischen Kenntnisse der Meisten nun auch so weit, daß sie den Namen dieses Fürstenthums im Gedächtnisse haben, so sind doch die Privatverhältnisse der regierenden Familie dem Gesichtskreise Vieler entrückt, und man fragt sich, warum der Thronerbe so fern von seiner Heimath aufwächst. Den Bewohnern Badens sind die Gründe nicht fremd. Mittheilsam erzählen sie, daß der kleine Erbprinz hier mit seiner Mutter, einer Tochter der Herzogin von Hamilton, lebe, die sich kurz nach ihrer Verheirathung von ihrem jungen Gatten getrennt, und daß die unglückliche Frau immer zittere, der Gatte werde ihr das Kind, das gesetzlich nur bis zum siebenten Jahre ihr gehört, entführen.

So klein das Fürstenthum Monaco auch ist, so ist es von feenhaftem Reize und hat ein unübertreffliches Klima. Auf der Landkarte bildet es nur einen Punkt; in der Wirklichkeit aber ist dieser Punkt so schön, daß man ihn, wenn einmal gesehen, nie aus seiner Erinnerung verliert. Jäh steigen hier die grauen Felsen über dem blauen Meere empor, überwuchert von Wäldern von Olivenbäumen und Orangen. Aber Reichthümer wird der kleine Erbprinz von Monaco freilich nicht vorfinden, wenngleich sein Großvater als kluger Haushalter bedacht gewesen ist, sein Einkommen zu vergrößern, indem er Herrn François Blanc die Erlaubniß ertheilte, dort eine Spielbank zu errichten, deren Pachtgelder die Revenüen seines Reiches übersteigen. Dieses Reich, wären die Felsen nicht, um den Gesichtskreis zu beschränken, würde man mit dem Augenglas übersehen, aber souveräner Fürst darin zu sein, hat dennoch seinen Reiz.

Die Prinzen von Monaco sind aus dem Geschlecht der Grimaldi hervorgegangen, welches in den beiden Bergfestungen Monaco und Monege seine uneinnehmbaren Stätten hatte. Nur zur See konnte man damals hierher gelangen, nur durch Ueberrumpelung oder Hunger sie einnehmen. So lange die Garnison wachsam, die Kornkammer gefüllt war, der Wasservorrath zureichte, mochten die Fürsten der ganzen Welt Trotz bieten. Es war im Mittelalter für die christlichen Galeeren ein bewunderungwürdiger Hafen. Die Grimaldi, einst gefürchtete Piraten, nahmen später einen bevorzugten Rang unter den ersten Familien Frankreichs unter dem Titel der Fürsten von Monaco ein. Sie heiratheten in die fürstlichen Familien von Aquitanien, der Normandie, Arragonien, in die Häuser Orleans und Bourbon; sie waren ausgezeichnete Soldaten und Diplomaten an allen europäischen Höfen; sie gaben Frankreich vier Großadmirale, der Kirche mehrere Cardinäle, Genua elf Dogen, Florenz einen Generalcapitain.

Je nachdem es vortheilhaft für sie war, empfingen sie in ihren Mauern italienische, spanische, französische Garnisonen. Karl der Fünfte und seine Nachfolger belohnten sie für ihre über ein Jahrhundert ausdauernde Treue mit dem goldenen Vließ, machten sie zu Granden Spaniens und verliehen ihnen werthvolle Besitzungen im Mailändischen, in Neapel, in Spanien. Im Jahre 1641 verjagten die Bewohner von Monaco die spanische Besatzung. Honorio Grimaldi, Prinz von Monaco, suchte den König von Frankreich in Peronne auf und schloß mit ihm ein Bündniß. Demzufolge rückte eine französische Besatzung bei ihm ein. Ludwig der Dreizehnte erhob ihn zum Herzog von Valentinois, Marquis von Beaux verlieh ihm den St. Michaels- und den Heiligen-Geist-Orden und schenkte ihm einen großen Landbesitz in Frankreich. Das war der Höhepunkt der Macht und des Ansehens der Grimaldi. Langsam ging es von da an abwärts mit ihnen; aus unabhängigen Fürsten wurden französische Magnaten.

Die Verbesserungen in der Artillerie, im Schiffbau beeinträchtigten den Werth der kleinen Festung, die dadurch einnehmbar wurde. – Fürsten suchten kein Bündniß mehr mit dem Hause der Grimaldi; die Glieder desselben verheiratheten sich mit dem französischen Adel. Ihr Ansehen sank mit ihrer Bedeutung. Aus Italienern und Spaniern waren sie Franzosen geworden und hielten sich in Frankreich auf. Der kleine Felsen hatte wenig Reiz für die durch den Aufenthalt in Paris verwöhnten Prinzen.

Das Fürstenthum bestand zur Zeit der großen französischen Revolution aus drei Kirchspielen: Monaco, Mentone und Roccabruna mit einer Bevölkerung von 8000 Seelen. Auf einem schmalen Felsenabhange am Fuße der Seealpen streckte sich dieses kleine Reich hin, acht Meilen lang. Mühsam in Terrassen aufgebaut, mit Oliven, Feigen, Orangen, Citronen bepflanzt, bringt es nicht Wein, nicht Korn hervor, ernährt nicht Kühe, nicht Schafe, hat wenig Wasser. Die Bewohner leben von der Ausfuhr ihrer Luxusartikel, gegen die sie die Nothwendigkeiten des Lebens eintauschen, bei hohen Steuern beständig der Hungersnoth ausgesetzt.

Seine natürliche Production kann das Land nicht steigern; somit muß ihm seine Armuth und sein Elend bleiben, welche durch die Abwesenheit seiner Fürsten und die Härte der Intendanten noch gesteigert wird. Freudig hatte es sich der großen französischen Republik einverleiben lassen – es konnte ja nicht schlimmer mit ihm werden, vielleicht aber doch besser – und bedauerte, daß Ludwig der Achtzehnte nach seinem Einzuge in Paris die Grimaldi wieder als Prinzen von Monaco einsetzte.

Honorio der Vierte verließ sofort Paris, um von seinem Reiche Besitz zu nehmen. Am 1. März 1815 um Mitternacht wurde des Fürsten Wagen zwischen Antibes und Cannes von bewaffneten Leuten unter dem Befehle des Generals Cambronne angehalten. Der Prinz stieg aus und sah sich Napoleon gegenüber, der ihm genau bekannt war. Der von Elba zurückkehrende Kaiser bivouakirte die Nacht bei hellem Feuer in einem Olivenwäldchen. Nach kurzer Unterhaltung trennten sie sich unter gegenseitigen Glückwünschen, der Eine, um von Monaco Besitz zu nehmen, der Andere, um nach den Tuilerien, nach Waterloo, nach Sanct Helena zu gehen.

Und der kleine Erbe dieser Grimaldi, der jetzt vor dem Curhause in Baden-Baden den bunten Gummiball in die Luft wirft und ihn zu erhaschen sucht, bevor er die Erde erreicht, was wird ihn die Geschichte lehren. Daß die Grimaldi auch heute noch Piraten sind?!
A. B.

Für das Fröbel-Institut in Neapel gingen wieder nachfolgende Posten ein: Professor Dr. Franz von Holtzendorff anläßlich eines Vortrages, überwiesen durch den kaufmännischen Verein in München, 25 Mk.; Freiherr B. von Tauchnitz in Leipzig 100 Mk.; M. Ihering in Aurich 10 Mk.; Frau Elisabeth Seeburg in Leipzig 40 Mk.; Consul Beckmann daselbst 100 Mk.; N. N. 10 Mk.; Frau Hoerner in Offenbach 10 Mk.; Frau Steele daselbst 10t Mk.; Frau I. und S. Schmaltz 10 Mk.; Frau Wüst daselbst 10 Mk.; Frau Grunelius in Frankfurt 100 Mk.; N. N. 100 Mk.
D. Red. d. Gartl.



Kleiner Briefkasten.

V. in W. Wir bedauern, auf Ihren Wunsch nicht sofort eingehen zu können. Illustrirte Artikel über den Krieg in der Türkei schon jetzt zu liefern, ist um so weniger möglich, als authentische Schilderungen vom Kriegsschauplatze uns noch ganz fehlen und die dortigen Volkszustände nicht geeignet sind, die Feldmaler so zahlreich wie in Frankreich anzulocken. Außerdem hat die ganze Metzelei für uns Deutsche vor der Hand nicht das geringste nationale Interesse.



Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.