Die Gartenlaube (1879)/Heft 3

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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum: 1879
Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Inhaltsverzeichnis

[41]

No. 3.   1879.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Begründet von Ernst Keil 1853.

Wöchentlich bis 2 Bogen.    Vierteljährlich 1 Mark 60 Pfennig. – In Heften à 50 Pfennig.


Nachdruck und Dramatisirung verboten.
Uebersetzungsrecht vorbehalten.     
Irrende Sterne.
Novelle von Georg Horn.
(Fortsetzung.)


Rechting kam nicht allein. Im Vorzimmer legte eine Dame ihre Ueberkleider ab. Der Assessor küßte seine Frau, begrüßte den Gast und sagte Doris, daß er ihr noch einen Abendbesuch mitgebracht habe. – Der helle Schein aus der geschliffenen Lampe, die in einem eleganten Bronzegehänge von der Stuckdecke des Vorzimmers herabhing, fiel auf Regina. Doris hielt ihr, herzlichen Willkomm bietend, beide Hände entgegen.

„Ein seltener Gast – fürwahr!“ rief Doris und rückte für die Eintretende einen Fauteuil näher an den Tisch.

„Und Du hättest das Vergnügen ihres Besuches nicht gehabt, liebe Doris, hätte ich Fräulein Regina nicht gezwungen, in meinen Wagen zu steigen. Es regnete draußen. Sie kam in dem Abgeordnetenhause zu gleicher Zeit mit mir die Treppe herab und fast mußte ich sie in meinen Wagen nöthigen.“

„Regina, warum müssen wir Dich erst nöthigen, zu uns zu kommen? Haben wir Dich irgendwie verletzt oder – was ist es? So sprich! Selbst zu Deinem Pathchen, zu Liddy, kommst Du nicht mehr. Wenn Du sähest, was das für ein herziger Schatz wird! Die ersten zwei Zähne hat sie schon bekommen – wie Perlen, sage ich Dir. Und nun mußte mein Mann Dich nöthigen –“

„Ich – ich wäre wohl ohnedies gekommen, aber – ich fahre nicht gern mit –“

„Einem verheiratheten Manne?“ warf Rechting lachend ein.

Regina machte eine Bewegung, als durchzuckte sie dieses Wort wie eine Dolchspitze.

„Nein, Herr von Rechting, mit einem Wagen, der nicht mir gehört. Wenn ich in einer Droschke fahre, so gehört diese für die sechszig Pfennig, die ich bezahle, mir. Das sind einmal so Eigenheiten einer alten Jungfer. Und Gummischuhe hätten mich ebenso sicher hierher gebracht, wie Dein Mann. Ich wollte doch einmal wieder sehen, wie es Euch geht.“

Dabei gingen ihre großen grauen, sehr hellen Augen im Kreise umher und blieben mit einem Ausdrucke scharfer Prüfung auf dem Präsidenten haften. Dieser verneigte sich aus seinem Fauteuil heraus – Regina ebenfalls. Damit waren die Beziehungen Beider äußerlich markirt. Dann nahm sie die ihr dargebotene Tasse Thee, gab sie aber Doris mit der Bemerkung zurück:

„Verzeihe, aber ich habe einmal so uncivilisirte Angewohnheiten – Du hast mir Rum dazu gegeben. Das thun nur die Geheimen Kanzleiräthinnen – aber eine Frau von dem Geschmacke wie Du, liebe Doris – Ah! Es fehlte nur noch die Vanille. Die Gedanken hell und alles Getränke rein, ist meine Maxime, das heißt mit Ausnahme des Giftes, das ich als Arznei gemischt vorziehe.“

„Das kommt davon, Regina, daß Du uns so lange Deinen Anblick entzogen hast. Hier will ich meinen Fehler wieder gut machen.“

Doris reichte ihr eine andere Tasse; Regina nahm sie und trank sie in einem Zuge aus.

„Auf diese matten Verhandlungen von heute in dem Abgeordnetenhause war nur so ein heißer Aufguß auf das Herz nöthig.“

Dann legte sich die lange Gestalt in den Fauteuil zurück. Scheinbar in Gedanken, hielt sie die Hände an einander, Fingerspitze gegen Fingerspitze. Die Hände waren schön, weiß, sorgfältig gehalten, was einigermaßen gegen die Sorglosigkeit des Anzuges abstach. Ein einfaches graues Wollengewand, weit, sogar etwas nachlässig, ein weißer Kragen und eine dunkle Cravatte, deren Schleife ein wenig an der Seite des Halses saß. Das graublonde Haar war, schlicht gescheitelt, in einem Knoten auf der Mitte des Hauptes zusammengenommen. Die Gesichtsfarbe, sonst ein mattes Weiß, wurde durch den genossenen Thee, durch den Widerschein der Flamme gehoben. Unter den niedergeschlagenen langen Lidern hatten die verschleierten Blicke sich den Präsidenten zum Zielpunkt genommen. Er schien zu fühlen, daß ein paar Augen auf ihm ruhten, und suchte den Bann durch Worte zu scheuchen.

„Gab es heute irgendwie interessante Verhandlungen?“ wandte er sich an Rechting.

„Aeußere Politik,“ sagte dieser kurz. „Wir treiben nach meiner Ansicht in einen Conflict mit unseren nächsten Grenznachbarn hinein.“

Regina stieß abgebrochene Lachlaute aus.

„Was Sie denken, Verehrtester! Mit solchem Syrup, wie er heute geredet wurde, braut man keine Conflicte; damit kann man wohl Kinder für sich gewinnen, aber niemals unser gutes Recht unseren ebenso hartmäuligen wie harthörigen Nachbarn gegenüber zur Geltung bringen.“

„Immer frisch und kühn voran, heißt es bei unserer Freundin im turnerischen Drange,“ sagte Rechting scherzend, indem er aus der Hand seiner Frau die Tasse nahm. „Glatt und forsch, wie sie die Arm- und Beinwellen bei ihren Schülerinnen haben will, [42] wünscht sie auch, im Gefühle ihrer vollsten Unabhängigkeit und in der Fähigkeit, sich unter allen Umständen selbst zu bestimmen und den eigenen Weg zu gehen, die Entwickelung der öffentlichen Dinge. Wenn ich in der unangenehmen Lage wäre, unserm allergnädigsten Herrn einen Minister des Aeußern empfehlen zu müssen, der die Aufgabe hätte, binnen achtundvierzig Stunden einen Weltbrand zu entzünden, dann würde ich keinen Augenblick mich bedenken, Ihren Namen, Regina, auf die Liste zu setzen.“

Die Genannte verzog ihre Lippen zu einem leisen Lächeln. Ein fast wehmüthiger Blick irrte scheu hinüber zu dem Sprecher, begleitet von einem fast schmerzlichen Ausdrucke der Züge, als wollte sie sagen: So wenig ist man von denen gekannt, von denen man vor allen Menschen zuerst erkannt sein möchte.

„Und es giebt doch kein friedfertigeres Geschöpf, als mich,“ sagte sie mit weichem Tone. „Gott, gieb den Frieden allen Menschen! ist mein erst Gebet, mit dem ich jeden Morgen an mein Fenster trete und hinauf in seine Wolken und seine Sonnen sehe. Und doch wieder streitlustig wie ein Toreador! Ja, für unsere nationale Ehre, die in diesem Falle bedroht ist, möchte ich Thor’s Donnerhammer schwingen. Und darum war ich heute mit Ihrem Chef sehr unzufrieden.“

Vielleicht sagte sie das nur, um Rechting zu einer Entgegnung zu reizen. Sie wollte mit ihm allein eine geistige Berührung haben, er aber gab sich nicht die Mühe, etwas Ernstliches zu erwidern. Er war von den Verhandlungen abgespannt und mußte noch, wie er bemerkte, in der Nacht einen Bericht für den Minister schreiben. Regina empfand, daß er sie sogar mit jenem Blicke von oben herab behandelte, der sie an ihre Unzurechnungsfähigkeit in solchen Dingen mahnen sollte und den die Beamten des Auswärtigen Ministeriums, wie sie mit leisen Spotte behauptete, von den Olympischen sich geborgt haben.

„Ich hätte nicht hierher kommen sollen!“ sagte sie dann halblaut zu sich selbst.

Auffallend hätte es sein müssen, daß Lideman die Unterhaltung auf dem politischen Gebiet zu erhalten bemüht war. Er unterzog die Haltung des Ministers seiner Kritik und mündete daher in das Capitel von den Allianzen ans, welche die Regierung in einem gegebenen Kriegsfalle suchen würde. Der oberflächliche Ton des Gespräches, das leichte Aufwerfen des Gesprächsgegenstandes und das leise, scheinbar plaudernde Berühren heikler Fragen vermochte doch nicht ganz das tiefere Interesse zu verdecken, das er bei Besprechung dieses Themas zu verfolgen schien. Aber es fiel nicht auf; Rechting war froh, daß er die Präsidentenglocke des Hauses nicht mehr hörte und sich geistig ausruhen konnte; Doris gab sich ganz den Pflichten der Hausfrau hin und dem Vergnügen, welches die Anwesenheit Regina’s ihr gewährte; die Gedanken dieser schweiften bald in anderer Richtung. In ihrem Fauteuil war sie in einer besonders vorteilhaften gedeckten Position, so daß sie Alles zu beobachten vermochte, ohne daß ihre beobachtenden Blicke von den Anderen controllirt werden konnten. Diese Blicke gingen bald auf Doris, dann wieder nach dem Präsidenten – und nur ab und zu schoß einer derselben wie ein feuriger Pfeil hinüber nach Rechting. Dann senkten sich ihre Wimpern wieder, als wollte sie anderen Blicken wehren, ihr in das eigene Innere nachzudringen. Das war so stumme Handlung von Fauteuil zu Fauteuil. Doris wurde nicht müde von Liddy zu erzählen. Nichts war ihr so unwesentlich, so gleichgültig an dem Kinde, daß sie es nicht der Mühe werth gefunden hätte, es „der Pathin“ zu berichten.

„Warum aber trägt die Kleine nicht den Namen ihrer Pathin?“ fragte Lideman. „Ein so stolzer Name! Wie für Fräulein Regina erfunden.“

Halten Sie mich für stolz?“ fragte sie zurück.

„Ich taxire Sie darauf, daß Sie zum Beispiel eines Verbrechens ganz unfähig wären – aus der Macht Ihres Bewußtseins von sich selbst heraus.“

„Sehr schmeichelhaft, Herr Präsident!“

„Regina selbst wollte nicht, daß Liddy ihren Namen tragen sollte,“ warf Doris ein.

Nomen et omen,“ sagte Regina ernst.

„Lateinisch verstehe ich nicht, Regina.“

„Ich auch nicht, Doris, nur einige Brocken. Also zu deutsch: ein Name ist ein Schicksal. Und Liddy soll nicht Erbin des meinigen, sie soll glücklicher werden,“ schloß sie kaum hörbar für sich.

Rechting war hinausgegangen und kam mit der Meldung zurück, daß das Kind in wonnigem Schlafe ruhe.

„Liddy soll so glücklich wie ihre Mutter werden,“ rief Regina.

„Glücklich sein, Regina, ist eine große Gnade des Himmels, aber noch kein Verdienst.“

„Und bei Dir doch ein Verdienst, Doris, ein Verdienst Deines Herzens! Dich beneiden, hieße, Dir jenes absprechen, ungerecht, schlecht sein. Es kann ja innerlich weh thun, anerkennen zu müssen, wo –“

„Was meinst Du, Regina?“

„Ich meine, Glück sehen, wo man das Gegentheil an sich nicht verschuldet hat. Freilich: geht man tiefer in sich, wird man doch vielleicht finden, daß da nicht Alles in Ordnung ist. Ich wiederhole: Du hast Deine Machtsphäre gefunden und beherrschest sie ungetheilt, und das ist Dein Verdienst. Ich – wenn ich Abends nach Hause komme und mein dunkles Zimmer mit dem Streichhölzchen erleuchte, dann sehe ich, daß ich allein bin. Das ist mein Dasein!“

Die letzten Worte klangen wie eine Klage.

„Warum haben Sie sich denn nicht verheirathet, mein verehrtes Fräulein?“

Der Präsident war es, der diese Frage an Regina richtete – nicht ohne eine Beimischung jener Malice, welche in solchen Fällen die Männer für nicht mehr ganz junge unverheiratete Mädchen haben. Regina antwortete nicht gleich; sie begnügte sich ihn groß anzusehen – mit erstaunten Blicken.

„Habe ich Sie denn schon nach Ihren Herzensgeheimnissen gefragt?“ stieß sie fast brüsk hervor. „Wissen Sie, was in dieser Frage liegt? Damit fragen Sie mich, ob ich je die Natur mit gedankenvollem Auge angesehen, ob ich je über das Räthsel und die Bedingungen einer weiblichen Existenz nachgedacht habe; damit fragen Sie ein Mädchen, ob sein Herz wohl auch die Wundnarben von Kampf und Schmerzen trage – damit verlangen Sie, daß es die Herzklappen öffne und Ihnen alle ihre Geheimnisse zeige, und dieses Verlangen stellt man in einem Tone, wie wenn man Jemanden fragt, ob er schon im Leben Zahnschmerzen gehabt habe.“

Regina war erregt. Die Blässe ihres Gesichtes war unter der leichten Blutröthe, von der ihre Wangen überzogen waren, geschwunden. War es die Geschichte ihres eigenen Herzens, die sie hier in wenigen Zügen gab? Fast war es anzunehmen. Jedes Frauenantlitz hat selbst im Niedergehen des Jugendreizes Augenblicke, wo dieser unter’m Strahl der Erinnerung noch einmal aufleuchtet. Die strengen und ernsten Linien ihres Gesichts erschienen plötzlich weich, und der klare Blick hatte wieder jenen warmen, dämmerigen Glanz der Jugend, der wie ein Weben von unendlichem Träumen und Sehnen anzieht und fesselt. Aber nur einen Moment; dann war der zauberische Schein wieder verschwunden und die Dreißigjährige war wieder da, in der hohen fast über ihr Geschlecht hinausgehenden Gestalt, in einer gewissen Ungelenkigkeit der Bewegungen und in der Angriffslust ihres Wesens, die sich besonders zeigte, wo Einer nahen wollte, um hinter die Altarthür ihres Innern zu schauen.

Der Präsident empfand die Zurechtweisung recht wohl, die ihm von Regina geworden war. Er versicherte, daß sie mit ihrer Ausdeutung seiner Frage viel zu weit gegangen sei, und suchte scherzhaft zu beweisen, daß bei den meisten unverheiratheten Frauen die selbstverschuldete Laune eine weit größere Rolle spielte, als das ungerechte Schicksal, welches sie so oft bei ihrer Ehelosigkeit anzuklagen sich berechtigt glaubten.

Regina schüttelte den Kopf. Damit deutete sie an, daß sie diese Behauptung in keiner Weise gelten lassen könne.

„Wenn für eine Frau die Herzensstunde kommt, möchte ich die sehen, die sich von einer Laune regieren ließe! Aber es giebt nur wenige goldene Sonntagskinder, denen die Wunderblume der wahren Liebe erblüht – jener Liebe, welche der Mythus mit vollem Recht in der Gestalt einer flammenden Fackel darstellt, der Fackel, mit der man einem anderen Wesen das Dasein in Licht verklärt, erwärmt oder mit der man sich selbst vernichtet.“

„Eines hast Du vergessen, Regina,“ warf Doris mit ihrer silberhellen Stimme dazwischen – „die erleuchtende Kraft der Liebe, mit welcher wir Andere auf den rechten Weg weisen können.“

Hier ging, von einer Inspiration belebt, das Auge der älteren Freundin voll über die junge Frau auf.

[43] „Ja, Doris, auf den rechten Weg, wenn man durch dunkle Mächte von diesem abgeleitet zu werden in Gefahr ist. Auf den rechten Weg!“ wiederholte sie langsam, das Haupt in Gedanken niedersenkend. –

Regina verabschiedete sich früher als der Präsident. Dieser war immer gern der Letzte. Es schien, als wollte er es vermeiden, daß im Salon von Zurückbleibenden Urtheile über ihn laut würden. Beim Abschiede sagte die Freundin noch, daß sie im Zimmer über dem ihrigen einen Poltergeist habe, der vor Mitternacht nie zur Ruhe kommen könne. Bei Tage sehe man ihn fast nie, nur allenfalls höre man ihn die Treppen auf und nieder huschen. Er scheine die halben Nächte auf dem Dache zuzubringen. Dann höre sie Klappen, Schrauben, Bewegen von Instrumenten, laute Ausrufe des Entzückens, fröhliches Lachen – kurz, es sei die gespenstischste Nachbarschaft, die man haben könne, aber sie fürchte sich nicht.

Damit ging Regina.

Sie war ein eigengeartetes Wesen, diese Regina – und eigenartig war auch ihr Verhältniß zu Rechting’s. Sie hatte die ganze vorbräutliche Zeit mit Beiden verlebt, dann die Verlobung, die kein Roman war. Zwei Menschen wie Rechting und Doris, mit regem Bedürfniß nach innerer Wahrheit und mit äußerer Selbstständigkeit, pflegen sich rasch zu erkennen, so war es auch hier. Sie schrieben sich, wurden näher bekannt. Eines Tages verabredete man eine Partie zu Boote, Rechting, Doris und Regina. Diese hatte auf sich warten lassen, Doris war auf die Einladung Rechting’s eingestiegen. Fröhlich bewegte sich das Boot unter Rechting’s kräftigen Ruderschlägen.

„Aber wir müssen auf Regina warten,“ bemerkte Doris.

„Erst möchte ich Sie etwas fragen, Fräulein Doris, aber eine rasche Antwort erbitte ich.“

„Nun?“

„Ob Sie mich so lieben könnten, wie ich Sie?“

„Da müßte ich erst wissen, wie Sie mich lieben,“

„Nun denn, so tief, daß ich nicht mehr aufhören könnte, es zu thun. Und Sie, Fräulein?“

Doris nickte.

„Und Sie würden mein Weib werden?“

Doris nickte wieder.

„Ach, das werde ich Ihnen nimmer vergessen.“

„Aber da ist Regina, Herr Assessor! – Was thun Sie!“

„Ich küsse Sie, wie es einem Bräutigam geziemt – unter freiem Himmel, vor allen Zuschauern. Und nun an’s Land, um Regina aufzunehmen!“

Reginas Wiege hatte in einem stattlichen Hause einer Stadt Ostfrieslands gestanden. Dorthin war einer ihrer Vorfahren aus Portugal eingewandert, aber außer ihrem lateinischen Namen Desancto verrieth äußerlich nichts mehr an ihr die sonnige Heimath am Tajo. Die unwirthliche nordische Heimath, Wasser, Moor, Haide, hatten dem Aeußern Regina’s vollständig ihr Gepräge aufgedrückt, und auch ihr Herz zeigte der Außenwelt keine Aeußerung fremdartigen Lebens.

Doris konnte sich keine bessere Hausfreundin wünschen als Regina. Diese hatte nie Launen, niemals Nerven, bewegte sich stets in gleichmäßiger Stimmung und bequemte sich in Allem ihrem Willen an. Ihre Tapisseriearbeiten stellten das Verhältniß der Beiden zu einander dar: Doris stickte die Blumen und Regina füllte aus. Dann kam als neuer männlicher Hausfreund – der Präsident. Zwischen ihm und der älteren Freundin wurde eine strenge Höflichkeit eingehalten; ein inneres Verhältniß war nicht vorhanden. Es zeigte sich hier wieder die alte Erscheinung, daß Hausfreunde sich gegenseitig stets beargwöhnen. Lideman war Regina nichts weniger als sympathisch. Sie hatte eine feine Empfindung für Persönlichkeiten, und dann wollte sie auch bemerkt haben – nichts – nichts! Daß ihrem scharfen Blicke sich auch gleich Alles enthüllte! Vorläufig beschränkten sich Beide, um ein militärische Bild zu gebrauchen, auf Recognoscirung. Ein leichter Angriff, vielleicht ein Schuß – dann zog man sich gegenseitig wieder zurück, immer auf Vedette – und dann war es wieder einige Zeit ruhig. Wir haben so eine Recognoscirung von Fauteuil zu Fauteuil gesehen.

„Und doch – doch sollte ich ihn nicht als meinen Feind betrachten,“ sagte sich Regina, indem sie in ihrem Stübchen auf und ab ging. „Was ich beobachtet habe – darnach müßte er mein Verbündeter sein. Wir verstehen uns auch in dem, was uns verbündet, in demselben mächtigen Drang, er uns in die Nähe dieser beiden Menschen treibt; wir empfinden dasselbe innere Auflodern, hoffnungslos auf und nieder gehend und dann wieder mit neuer Macht sich entfachend – das Lächeln eine Lüge und nur der innere Wehschrei Wahrheit – Erich! Nein, nein! Ich will es ersticken; ich will nicht vor mir selbst versinken. Mich verachten zu müssen, wäre für mich der Tod.“

Dann lächelte sie vor sich hin, als ob ihr der Gedanke an den Tod ein Labsal brächte.

Es war Nacht um sie und Stille. Plötzlich meinte sie ein tiefes Aechzen zu hören. Hatte sie das Wehklagen ihres eigenen Herzens vernommen – den laut gewordenen Kampf widerstreitender Gefühle? Im Anfang glaubte sie es; denn es ward wieder still um sie, wie zuvor. Nach einer Weile erklang das nämliche Aechzen und, wie es ihr schien, stärker als zuvor. Es wurde ihr unheimlich zu Muthe. Sie hielt den Athem an und horchte schärfer. Dasselbe Geräusch.

„Ist Jemand hier?“ rief sie mit stockender Stimme.

Keine Antwort. Um sie war Nacht und Stille. Mit fester Hand ergriff sie den Leuchter, öffnete die Stubenthür und sah hinaus, ob Jemand auf dem Flur wäre. Sie sah nichts. Dann ging sie wieder in’s Zimmer zurück, und nun konnte sie ganz deutlich vernehmen, daß jenes Geräusch von oben kam.

Das Haus, welches sie bewohnte, hatte nur drei Fenster in der Front; über ihr wohnte noch ein einzelner Miether, der Poltergeist, von dem sie gesprochen hatte.

Regina überlegte eine Weile. Das Geräusch klang fast wie ein dumpfer Hülferuf an ihr Ohr. Rasch entschlossen stieg sie mit einem Lichte die Treppe hinauf und horchte an der Thür. Das Röcheln kam von drinnen. Sie klopfte und erhielt keine Antwort – dieselben Laute in verstärktem Grade. Dann drückte sie auf die Klinke und trat ein.

Durch sie kam erst Licht in die kleine, enge Stube. – Sie erblickte einen alten Mann, klein , mager , mit einem so kahlen Schädel, daß er fast wie ein Todtenschädel glänzte; um das Kinn und den zahnlosen eingefallenen Mund wuchs ein kurzer, struppiger, weißer Bart. Es war eine Erscheinung, die Regina unheimlich berührte, namentlich wie sich die grünlich schimmernden Augen nach ihr aufthaten. Er war nur nachlässig bekleidet und lag auf der Erde, den Kopf auf der Kante des Sophas.

„Sind Sie krank?“ fragte Regina.

Er suchte seinen Kopf nach der Sprecherin zu erheben.

„Ich – ich sterbe!“ stöhnte er.

Rasch stellte sie das Licht aus den Tisch und versuchte den alten Mann mit ihren kräftigen Armen auf das Sopha zu heben; es gelang ihr. Da – ein scharfer Luftzug – und das Licht war erloschen. Jetzt erst merkte Regina, daß das der Thür gegenüberliegende Fenster weit geöffnet war. Der Himmel mit seiner Sternenpracht schaute in das ärmliche Gemach.

„Was fehlt Ihnen?“ fragte Regina auf’s Neue.

„Ich – ich bin vergiftet – die Cigarre, die er mir zu rauchen gab –

Das Nächste war, daß ein Arzt geholt wurde. Das sagte sie auch dem Kranken, der bei vollem Bewußtsein war, und er schien zufrieden damit. Sie ging hinab in ihre Stube, machte Licht und weckte die Leute im Hause, damit Jemand nach dem Arzte ginge. Es geschah, und Regina kehrte zu dem Alten zurück; sie faßte nach seinem Puls. Die Schläge waren nicht zu fühlen. In der Pause, die bis zur Ankunft des Arztes verging, sah sie sich im Zimmer um. Die Einrichtung trug den Stempel der größten Bedürfnißlosigkeit. Schlechte, altmodische Möbel, Staub und Unordnung überall, aber im Gegensatze dazu eine stattliche Reihe höchst sauber und sorgfältig gebundener Bücher; auf einem Seitentische lag ein astronomischer Atlas aufgeschlagen, und in dem offenen Fenster, das außen einen kleinen Holzbalcon hatte, stand ein großes, prachtvolles Teleskop, wie man sie sonst nur auf Sternwarten und in Lehranstalten sieht.

„Ehe ich sterbe – noch einmal dort oben in – in meine Sterne möchte ich sehen.“ Nur mühsam brachte er die Worte hervor, aber sie waren doch ganz deutlich zu verstehen.

Der Arzt ließ nicht lange auf sich warten. Er untersuchte sehr aufmerksam.

[44] „Eine plötzliche Blutstockung mit einem sehr hohen Grade von Nervenaufregung,“ sagte er halblaut zu Regina.

„Wo haben Sie diesen Abend zugebracht?“ fragte er den Kranken.

„Ich war zum Diner,“ stöhnte dieser.

„Wo?“

„Bei meinem Chef, dem Präsidenten Lideman.“

„Allerdings, da geht es nicht so einfach ab,“ bemerkte der Arzt. „Haben Sie vielleicht sehr starken Kaffee genommen?“

„Nein!“

„Oder geraucht?“

„Ja – er hat mir eine Cigarre gegeben – und mich vergiftet.“

Wie der Arzt es in Aussicht gestellt hatte, so geschah es. Der Anfall ging vorüber. Einige Tage mußte der Kranke im Bette zubringen. Dann schickte der Arzt ihn ein paar Wochen zur Erholung auf’s Land, und von dort kam er völlig hergestellt wieder zurück. Unterdeß hatte Regina erfahren, daß er Buchhalter bei dem Bankverein sei, an dessen Spitze Lideman stand. Dann klopfte es eines Tages bei ihr, und Herr Warbusch – das war der Name des Hausgenossen – trat ein und hielt ihr für „geleistete Hülfe und christlichen Beistand“ eine wohlgesetzte Rede.

„Wenn ich Ihnen je wieder dienen könnte, mein Fräulein! Nur kann ich Ihnen nicht wünschen, daß über Sie auch ’mal so ’ne Attaque kommen möchte. Aber vielleicht etwas Anderes. Wie ich bemerkt habe, leben Sie einsam, wie ein Hamster. Wenn es Ihnen ’mal zu einsam in Ihrem Stübchen würde und Sie Lust bekämen, sich auf einige hunderttausend Meilen von hier zu amüsiren! Was denken Sie dazu? Ganz köstlich! Auf dieser Erde ist wirklich nicht viel los – erbärmlich. Man ißt, trinkt, schläft und schafft – verächtliches Dasein! Aber drüben – ein paar Millionen Meilen von hier – man muß sich durch das Planetengewimmel durchschlagen, aber dann gehen Einem die Sonnen auf. Wenn Ihnen also ’mal so eine Excursion Spaß macht, so richte ich mein Teleskop und dann geht die Reise los. Ich bringe Sie zu Ihrem Lieblingsstern – o das wird eine Himmelfahrt werden!“

Regina antwortete nicht. Nur ein wehmüthiges, fast schmerzliches Lächeln schwebte um ihre Lippen über den Mann, der sie zu ihrem Lieblingssterne führen wollte.




3.

Seit einiger Zeit wollte es Doris bedünken, als gehe mit ihrem Manne wirklich Etwas vor. Er schien ein Geheimniß mit sich umherzutragen. Erich’s fröhliche Unbefangenheit war dahin; mitten in der scherzhaftesten, anregendsten Conversation, im eigenen Kreise wie in fremden Häusern, deren Gesellschaften er an der Seite seiner Frau besuchte, schien er von Gedanken, von Stimmungen erfaßt zu werden, die ihn geistig weitab führten. Dazwischen kamen aber wieder Momente, in denen er glücklicher als zuvor erschien und sich seiner Frau gegenüber mit einer fast stürmischen Zärtlichkeit gab. Doris mußte das bemerken. Sie forschte auch nach der Ursache; Erich schien davon betroffen und machte eine Miene, als wollte er ihr ein Geständniß ablegen, aber dann überlegte er, brach ab und suchte ihre Besorgnisse zu zerstreuen, indem er ihre Wahrnehmungen auf eine Selbsttäuschung zurückführte.

Darauf gewann es einige Zeit den Anschein, als ob er sich zwänge, seiner Frau gegenüber sich unbefangener zu geben, als er es jedenfalls im Innern war. Aber gerade dieses Bestreben machte Doris noch aufmerksamer. Sie nahm ihre Zuflucht zu Regina.

„Mir weicht er aus; mir enthüllt er nicht sein Herz, mir, die doch das erste Recht darauf hätte, es ganz zu kennen. Aber vielleicht vertraut er sich Dir, Regina. Sprich Du mit ihm!“

Eine abweisende, ja eine fast hastige Bewegung war die Antwort auf dieses Ansinnen.

„Warum ich – warum sollte ich gerade? Nein, nein, nie!“

„Regina, was ist Dir?“

Das sonst so bleiche Antlitz der Angerufenen wurde plötzlich blutroth.

„Verlange das nicht von mir!“ sagte sie in kurz abgebrochenen Lauten. „Alles – nur das nicht! Man soll sich nie zwischen Eheleute drängen – auch nicht in bester Absicht als Mittelsperson. Man kommt immer dabei mit sich selbst zu Schaden – so oder so.“

Sie blieb bei ihrer Weigerung.

Doris verfiel auf das in solchen Fällen natürliche Mittel, ihren Mann zerstreuen zu wollen. Sie sprach ihm davon, daß sie endlich doch ihren zweiten Winterball geben müßten. Die Gesellschaft erwarte das gewissermaßen. Sie bemerkte, wie ihr Mann bei ihrem Vorschlage unruhig zu werden begann. Er suchte Ausflüchte. Seine Arbeitskraft würde von seinem Berufe zu sehr in Anspruch genommen, als daß er sich um das Vergnügen seiner Gäste bekümmern könnte. Man müsse den Gesellschaftskreis, in dem sie sich bewegten, an Ausnahmen gewöhnen, da sie das gesellschaftliche Leben vielleicht mit der Zeit nicht in der Weise fortzuführen im Stande wären, wie sie es bisher gethan.

„Du scheinst sparsam werden zu wollen, mein Freund. Daran bin ich aber nicht gewöhnt – und in meinen berechtigten Gewohnheiten möchte ich doch nicht beschränkt werden.“

Als sie dies nicht ohne eine gewisse Erregung sagte, entging ihr, wie Erich bei diesen Worten zusammenzuckte. Er entgegnete aber kein Wort, und nur als ihn seine Frau durch eine energische Miene herauszufordern schien, begann sich der strenge Bann seiner Lippen zu lösen. Er machte eine Miene wie Einer, der sich innerlich von einer Last, die ihm lange das Herz beschwerte, freimachen will – dann aber besann er sich, preßte die Lippen fester zusammen und sagte:

„Gut, liebe Doris – Du sollst Deinen Ball haben. Arrangire Alles, wie Du es nöthig findest, so elegant, wie Du es gewohnt bist! Schone nichts! Ich bin vollkommen damit einverstanden. Man soll sich bei uns doch noch amüsiren – bevor –“ Er brach ab und beobachtete sie einen Augenblick.

Doris schien das letzte Wort überhört zu haben.

„Also der Ball,“ schloß er rasch, „wann Du willst – so groß und glänzend Du willst.“

(Fortsetzung folgt.)




Deutschlands große Industrie-Werkstätten.
Jagdschloß und Werkstätte.


Wenn man die Bevölkerung von Ländern und Städten so ziemlich nach den Allgemeinbegriffen beurtheilen kann, unter welche sie die Dinge ordnet, so ergiebt sich für den Nürnberger unmittelbar die gewerbliche Richtung als charakteristisch. Er hat für alle materiellen und idealen Dinge das Wort: Waare. Gute oder schlechte Waare ist sein Compaß wie für die Dinge auf Erden, so für die, welche jenseit derselben in den Glaubensdogmen, in den Köpfen der Philosophen, in den höchsten Gesetzen der Sittlichkeit beruhen. Eine rege Gewerkthätigkeit sprach sich schon in dem Nürnberger Volkscharakter aus, als die ersten Ansiedler aus den fränkischen Wäldern dahinkamen und sich mit ihren Wohnungen und Gewerben im Schutze der Burg auf dem Jurafelsen ansiedelten und so Burger, das heißt Bürger wurden. Bis in die neueste Zeit hat sich dieser industrielle Nürnberger Zug erhalten. Er hob sich Hand in Hand mit der politischen Bedeutung der Stadt im fünfzehnten und sechszehnten Jahrhundert zu einer künstlerischen Höhe, die er vielleicht nie wieder erreichen wird. Je mehr aber das Regiment der Stadt gegen die Bewegung der Zeit sich abschloß und innerlich sich verknöcherte, desto mehr ging auch das Gewerk zurück. Der kunstgewerbliche Handwerker, der früher Künstler gewesen, sank mit der Abnahme der politischen Selbstständigkeit des Bürgerthums wieder zum Handwerker herab. So blieb es von der Zeit des dreißigjährigen Krieges an bis zu dem Momente, wo die Ereignisse der Welt die Nürnberger Stadtregierung von ihrem Asthma erlösten, das heißt die politische Selbstständigkeit der Stadt aufhoben. In Nürnberg hatte sich trotz alledem doch noch die Tradition des Kunsthandwerkes erhalten, dazu eine gewisse mechanische Kunstfertigkeit und im Bunde damit der deutsche Fleiß. Damit hat sich das Kunsthandwerk als Kleinkunst durch die politische Trübseligkeit der Zeit fortgefristet, bis es durch die

[45]
Die Gartenlaube (1879) b 045.jpg

Das Tucher’sche Haus in Nürnberg.
Aus Johannes Röhring’s „Deutsche Architekturbilder“ (photographische Wiedergaben F. C. Mayer’scher Originalgemälde).

baierische Regierung oder vielmehr durch das Wehen einer modernen Zeit einen neuen und großartigen Aufschwung bekam.

Die Gegenwart, die so reich an politischen und socialen Neugestaltungen ist, scheint im künstlerischen Leisten damit nicht gleichen Schritt halten zu können. Die jetzige Zeit mit ihren gewaltigen technischen Fortschritten war in Deutschland schon einmal ähnlich da, im fünfzehnten Jahrhundert. Darauf folgte das Reformationszeitalter, geistig, politisch und künstlerisch gleich groß. In ihm stand in Nürnberg die deutsche Kunstübung auf ihrer höchsten Höhe; die geistige Bewegung hatte ihr gerade ihren höchsten originalen Ausdruck, einen eigenen Stil gegeben. Aus den Kämpfen der Gegenwart soll sich dieser noch herausbilden. Bis dahin müssen wir in Erwartung der Dinge harren und uns mit unserem künstlerischen und verfeinerten Bedürfniß an die Muster halten, welche unsere Vorfahren mit ihrem naiven Naturgefühle, ihren gesunden Anschauungen und ihrer frischen [46] Phantasie uns hinterlassen haben. Die Nachahmung, die Herstellung und Vervielfältigung derselben geschieht in unseren Tagen in solcher Vollkommenheit, daß das Nachgeahmte fast das Original übertrifft. Nicht Jedermann ist so reich, um sich in den Besitz von Originalen zu setzen, aber jeder Mensch, wenn auch nur in mittlerer Lebensstellung, kann sich vermöge eines gebildeten und geläuterten Kunstgeschmackes für seine Umgebung das Schönste auswählen, was das Menschenauge erschaut und die Menschenhand ausgeführt hat.

Kurz vor den letzten Weihnachtsfeiertagen war ich in Nürnberg. An einem Schaufenster fesselte mich eine Photographie, nach welcher beifolgender Holzschnitt gefertigt ist. Das Original ist ein Oelbild, welches der Hofrath Fr. C. Mayer, königlicher Professor an der Kunstgewerbeschule zu Nürnberg, im Jahre 1869 gemalt hat. Es stellt ein Nürnberger Patricier-Haus dar, aus der Zeit, wo die gothischen Formen mit der mittelalterlichen Welt bereits im Absterben begriffen waren und sich mit Formen der antiken Culturwelt mischten, welche bald genug die Alleinherrschaft errangen und den Stil des Humanismus – die Renaissance brachten. Für die Zeit, in der es entstanden, von 1533 bis 1544, war es ein Prachtbau, weil ganz in Sandstein ausgeführt, während im Mittelalter und selbst in dem prächtigen und reichen Nürnberg die Wohnhäuser zumeist aus Fachwerk gebaut waren. Die damaligen Häuser hatten nach außen, nach der Straße zu, wenig Fenster, diese klein mit runden, stark verbleiten Fensterscheiben, ein Chörlein mit reichem steinernem Bildwerk und bunten Glasfenstern und daneben ein schmales Pförtlein mit Spitzbogen. Nach außen lebte der Bürger des Mittelalters wenig; nach der Straße schloß er sich ab. Seine Behaglichkeit, seine bequeme Einrichtung, seinen anmuthenden Schmuck zeigte der deutsche Bürger im Innern seines Hauses. Wie sich hier sein ganzes Wesen aufthat, so auch sein Haus, in offenen Gängen und Treppen, in Höfen, über die ein alter Nußbaum sein dichtes Blätterdach spannte und Generation um Generation in seinem kühlen Schatten vor der Gluth des Sommers aufnahm.

Das Besitzthum war auf der Höhe gelegen, an der äußersten Grenze des Stadtbanns, wenn auch noch innerhalb desselben. Es gehörte einem aus den Nürnberger Geschlechtern, einem Tucher, und diente früher wohl für den Sommeraufenthalt der Familie. Denn hier oben auf demselben Höhenzuge, auf dem die Burg von Nürnberg liegt, war bessere Luft als unten in den engen Straßen der Stadt, namentlich auf der Sebalderseite, wo die Aristokratie wohnte. Wenn auch in jenen Zeiten Licht und Luft noch nicht zu der sanitären Würdigung gekommen waren, wie in der Gegenwart, so hat man sie gewiß nicht minder wohlthuend als heutzutage empfunden. Das Grundstück bot ganz nahe den Thoren der Stadt dem waidlustigen Eigenthümer den Vortheil, daß er gleich vor den Thoren derselben war, um mit seinem Troß und Jagdzeug im weiten Reichswalde rings umher der edlen Waidkunst obzuliegen.

Mit der Zeit ward ein Theil der alten Baulichkeiten aus Fachwerk, von denen unser Bild noch einen Theil erhalten hat, abgerissen und an Stelle desselben dieses neue Jagdschlößlein aus Stein erbaut, darin der Herr mit seiner Familie von der Zeit an, wo draußen im Wald das Laub gelb zu werden begann, Einlager hielt. Die Gasse, in der das Besitzthum lag, hieß, wie noch heute, die Herschelgasse.

Unser Bild zeigt uns einen Herbstabend. Die Lichter der untergehenden Sonne spielen auf den Fliesen des Hofes, durch das Thürlein von der Straße her dringt eine Fülle von goldigem Lichte, der Ton des Hifthorns hat der edlen Frau mit ihrem Knaben das Nahen des Gatten verkündet. Eiligen Fußes schreitet sie die Stufen hinab, den Gemahl, den Vater zu empfangen, der wohlbehalten mit seinem Gefolge von einer glücklichen Jagd zu den Seinen heimkehrt.

Das ist ein Bild von damals. Das Haus aber steht heute noch, als Zielpunkt für die meisten Nürnbergreisenden: in gewisser Beziehung ist ihm auch sein Charakter als Jagdschloß verblieben, das heißt für die Kunstliebhaber, die hierher auf Ausbeute gehen. Es hat in seinen Räumen die C. W. Fleischmann’sche Hofkunstanstalt aufgenommen, deren Erzeugnisse über ganz Europa verbreitet sind. Worin diese Erzeugnisse bestehen? fragt der Leser. Sehen ist besser als berichten, und so wollen wir dem Hause einen Besuch machen. Wir läuten. Schon der Glockenzug an dem alten Hause erregt unsere Aufmerksamkeit. Er besteht aus einem in Eisen getriebenen Blumen- gewinde und hing, wenn ich nicht irre, einstens an der Pforte eines süddeutschen alten Klosters. Auf dem Hofe, in den wir durch das geöffnete Pförtlein eingetreten sind, hängen noch viele derartige Exemplare nebst ganzen Glockenstühlen, stehen eiserne kunstvoll gearbeitete Gestelle, die einst zur Aufnahme für Kohlenbecken bestimmt waren; heutzutage stellt man kostbare Gefäße mit Palmen darauf. Es sind Nachahmungen von Schmiedearbeiten des sechszehnten Jahrhunderts. Wir treten durch ein italienisches Bogenportal in einen weiten Raum des Erdgeschosses. Früher diente derselbe jedenfalls den Jagdtreibern und dem Gesinde des Tucher’schen Hauses zum Aufenthaltsort. In dem offenen hohen Kamin lagen mächtige Holzkloben, und der niedere Jagdtroß mag hier um das behagliche Feuer nicht minder abenteuerliche Jagdgeschichten erzählt haben, als oben im Saale der Herr unter seiner Jagdgesellschaft.

Der Kamin ist verschwunden, ebenso wie die Menschen, aber dafür steht eine Reihe Modelle von Thonöfen da, wie sie der deutsche Kunstfleiß, dem Wärmebedürfnisse unseres Klimas entsprechend, vom Mittelalter an bis zum Zeitalter des Rococo in das deutsche Haus hineingesetzt hat. Von der Nachbildung des einfachen grünen Kachelofens fing der Gründer der Anstalt, Herr Fleischmann, an, und stieg in immer größerer Vervollkommnung bis zur Nachahmung der prächtigsten Modelle, die sich in Nürnberg in alten Patricierhäusern, auf der Burg, im bairischen Nationalmuseum, in süddeutschen Schlössern und Klöstern befinden. Es gelang ihm, die einfache grüne, glasirte Thonkachel zu einem mit Reliefs und Figuren in Majolica-Schmelzfarben buntstaffirten Kunstwerke zu machen. Der alte deutsche Kachelofen hat allen modernen Heizvorrichtungen zum Trotz doch sein altes, gutes Recht bewahrt. Der bekannte Pariser Chemiker Dr. Deville schrieb in Bezug auf die deutschen Kachelöfen an Fleischmann in Nürnberg: „Ich kenne keine bessere Art der Erwärmung, als die Oefen aus Thon, deren man sich in Deutschland bedient.“

Bekannt ist es, daß sich auch Liebig kurz vor seinem Ableben auf eine Anfrage über Heizung und Ventilation, die von Nürnberg an ihn erging, in gleichem Sinne ausgesprochen hat und dazu noch bemerkt, daß auf seinen Rath eiserne Centralheizöfen unter der Regierung des Königs Max des Zweiten aus der königlichen Residenz in München entfernt und diese durch Zimmeröfen ersetzt wurden. Dem Besitzer der Anstalt ist es gelungen, den deutschen Ofen, entsprechend dem gesteigerten Bedürfnisse nach reichen und originellen Formen, zu einem Kunstwerke zu gestalten. Die Burg Hohenzollern, die Residenz in München, das königliche Schloß zu Hohenschwangau, Schloß Trausnitz, das Jagdschloß zu Bebenhausen bei Tübingen, ja selbst das Winterpalais in Petersburg werden mit den Fleischmann’schen Nachahmungen geheizt. In ihnen ist die alte deutsche Töpferkunst wieder zu Ehren gekommen. Die glücklichen Versuche, die hier mit der gröbsten Fayenceart, nämlich der Ofenkachel, gemacht werden, ließen C. W. Fleischmann einen Schritt weiter auf ein mehr künstlerisches Gebiet thun.

In allen Sammlungen von Erzeugnissen alter Töpferkunst wird man niedrigen, runden, breiten Krügen begegnen, die an der Außenseite in nischenartigen Vertiefungen, in eingebrannten Schmelzfarben, die Figuren der deutschen Kaiser, der Kurfürsten des heiligen römischen Reiches oder die Apostel zeigen. Diese Krüge, Apostelkrüge oder auch von dem Orte, wo sie hauptsächlich erzeugt wurden, nämlich in Kreußen bei Bayreuth, Kreußener Krüge genannt, stehen wegen ihrer Seltenheit bei den Sammlern in hohem Werthe. Theils ist es die künstlerische Ausführung dieser Erzeugnisse der Töpferkunst, die ihnen die Werthschätzung der Kenner verschafft, theils auch die Mode und das gesteigerte Luxusbedürfniß unserer Tage.

Noch vor fünfundzwanzig Jahren besaß nur ein geringer Bruchtheil der deutschen Familien – ich meine damit nur die wohlhabenderen Classen – einen Raum in ihrer Wohnung, der lediglich für die Abhaltung der täglichen Mahlzeiten bestimmt war. Seit den letzten zwölf Jahren hat sich jede nur einigermaßen gut situirte Familie ihr Speisezimmer eingerichtet. Man wendet heutzutage alle irgend verfügbaren Mittel auf die Ausschmückung dieses Raumes, von dessen Schwelle man die Sorgen des Tages und der Geschäfte hinwegscheuchen möchte.

[47] Dazu muß auch die Töpferkunst mithelfen. So setzt man z. B. oberhalb der Täfelung, rings um das Zimmer, einen Fries von farbigen emaillirten Fliesen in holländischen, blau und weißen Mustern, in orientalischen, wie man sie noch in der Alhambra sieht, in englischen oder französischen. Die Büffets stattet man mit Krügen aus, mit alten Gläsern verschiedener Formen, vornehmlich aber mit großen Schauplatten von gebranntem emaillirtem Thone, die mit biblischen oder mit mythologischen Gegenständen bemalt sind.

Für diese Schaustücke, mit denen man die Wände der Speisesäle schmückt, da stilgerechter Weise in einem Speisezimmer kein anderes Bild angebracht werden soll als etwa ein Stillleben, sind die alten Majolicaplatten Norm geworden, die ihren Namen von der Insel Majorca haben, wo sie in vorzüglicher Schönheit gefertigt wurden. Bekanntlich sind sie nur in drei Farben gemalt, in blau, gelb und grün. Es geht die Sage, daß Raphael, in Urbino in Liebe zu einer Töpfertochter entbrannt, in der Werkstätte des Vaters die Platten und Gefäße bemalt habe, um so der Geliebten immer nah sein zu können. Da aber die Originale dieser Art nur noch von Museen und Millionären bezahlt werden können, so ist Herr Fleischmann dem künstlerischen Bedürfnisse der Zeit dadurch entgegengekommen, daß er versucht hat, die alten Modelle der Töpferkunst in Platten, in Tellern, Gefäßen, Consolen nachzuahmen. Die reichen Nürnberger Sammlungen, auch die des Nationalmuseums in München, boten ihm eine Fülle der herrlichsten Originale, darunter welche nach Zeichnungen von Behaim, von Bernhard Palissy, von Luca della Robbia.

Die Ausstellung all dieser Gegenstände in einem andern Saale des Erdgeschosses des älteren, nach der Straße gelegenen Gebäudes liefert den Beweis, wie nahe die Nachbildungen den Vorbildern gekommen sind. Einzelne Stücke sind von vollendeter Technik. Es muß bemerkt werden, daß man es hier mit keinem Fabriketablissement zu thun hat, sondern mit einer Kunstanstalt, wo jedes einzelne Stück unter liebevoll bildender Menschenhand reift. Ganze Rüstungen, Waffen aller Art finden in den Werkstätten der Anstalt die geschicktesten Nachbildner, welche den Copien in der täuschendsten Weise den Charakter der betreffenden Zeit zu verleihen wissen.

Wir haben aber lange noch nicht das Schönste gesehen. Das ist, wenn wir die schmale steinerne Wendeltreppe empor gehen, der lange, die ganze Breite des steinernen Gebäudes durchmessende Saal, der weite Raum, in welchem einst Herr Tucher die Genossen seiner Jagdvergnügungen beim frohen Mahle versammelt hatte. Wir vergessen beim Betreten dieses bis in das geringste Ornament ganz im Geschmacke und Stile des sechszehnten Jahrhunderts gehaltenen Saales, wir vergessen, sag’ ich, daß wir eine Stunde vorher im Correspondenten von und für Deutschland eine Kammerrede des Fürsten Bismarck gelesen haben – wir sind hier im sechszehnten Jahrhundert.

Wir sitzen auf dem Luther-Stuhle, von welchem das Germanische Museum das Original besitzt, an einer wunderbar schönen, in Holzarabesken eingelegten Tafel, von dem das Original sich ebendaselbst befindet; wir hören Wilibald Pirkhaimer mit seinem Freunde Tucher, dem regierenden Bürgermeister, von den religiösen Wirrnissen der Zeit sprechen, von seinem Freunde Melanchthon, vom Bauernkriege, der damaligen socialdemokratischen Erhebung; wir trinken aus den getriebenen Silbergefäßen der Zeit; wir essen mit Bestecken, wie sie in jener Geschichtsperiode gebräuchlich waren; wir putzen das Licht auf dem getriebenen Eisenleuchter sogar mit einer Lichtscheere, deren Modell vor 300 Jahren in Nürnberg angefertigt wurde. Wenn man vom Mahle aufsteht und die Servietten mit roth und blau gestickten Rändern aus der Hand läßt, dann werden Einem freilich keine blauen Gläser vorgesetzt, um den Mund zu spülen. Das sechszehnte Jahrhundert hat das viel besser verstanden. Dieser in Holz prachtvoll eingelegte Waschtisch an der linken Seite der Thür ist für die Gäste bestimmt, die sich vom Tische erheben. Die Sache geht so viel reinlicher und appetitlicher zu, als an den modernen Tafeln, wo Jeder zusehen muß, wie der Andere Toilette macht.

Das sechszehnte Jahrhundert hat in dieser bis auf das geringste Detail durch das moderne Handwerk nachgeahmten Einrichtung sein Spiegelbild erhalten; die ganze Heimlichkeit und Traulichkeit deutschen Familienlebens aus dieser Zeit drängt sich einem mit anheimelndem Zauber in’s Gemüth.

Schritt für Schritt, in langsamer, steter Vervollkommnung, ist Herr Fleischmann durch unablässiges Bemühen, durch das aufmerksame Hinauslauschen auf das Bedürfniß und den Geschmack der Zeit, und durch große Opfer auf diese Höhe des Kunsthandwerkes gelangt. Jetzt arbeitet er in Silber, in jedem Metalle, in eingelegten Arbeiten, in Thon und Email – und mit Papiermaché hat sein Vater vor ungefähr achtundvierzig Jahren in Nürnberg in demselben Hause angefangen. Als Urkunden der ersten Thätigkeit des Geschäftes sind Proben der Erzeugnisse damaliger Zeit in einem besonderen Zimmer des Hauses aufbewahrt. Es sind Puppenköpfe, Spielwaaren und Figuren. Von da ging es zur Nachahmung sämmtlicher Obstarten für wissenschaftliche Zwecke, ebenfalls in Papiermaché, und so weiter zur Nachbildung anatomischer und pathologischer Präparate, namentlich menschlicher Knochentheile und Skelete aus demselben Material. Für Akademien und Lehranstalten wurden diese als Lehrgegenstände benutzt und brachten den Erzeuger in lebhaftesten Verkehr mit den ersten Größen der Wissenschaft, von denen er die anerkennendsten Zeugnisse erhalten.

So ist das Jagdschloß, das einstens nur dem Genusse und der Freude des Lebens geweiht war, eine deutsche Werkstätte geworden, in deren Producten der bewährte Kunstfleiß der alten fränkischen Reichsstadt und das deutsche Kunsthandwerk den Kampf mit den verwandten Erzeugnissen des Auslandes siegreich aufgenommen hat.





Neuestes zur Feuerbestattungsfrage.


Trüb und düster schaute der Himmel darein, als ich am 10. December vorigen Jahres nach Gotha fuhr, um dort einer „Feuerbestattung“ beizuwohnen – seit Jahrhunderten der ersten in Deutschland, welche keine bloß ausnahmsweise geduldete, sondern eine gesetzlich erlaubte war. Sinnend verfolgte ich das Spiel der tanzenden Schneeflocken, mit denen der Himmel Blumen auf den Sarg eines mir befreundeten braven Mannes zu streuen schien, welcher, durch mich angeregt und als Mitglied des Gothaer „Vereins für Leichenverbrennung“, einer der eifrigsten Förderer der Wiedereinführung der Feuerbestattung war. Noch sehe ich seine hünenhafte Gestalt vor mir, wie er, ein zweiter Andreas Hofer, seinen geliebten Stutzen in den Arm nahm und aus breiter Brust die weithin tönende Rede zum Lobe des fröhlichen Schützenwerkes erschallen ließ. Allzu früh war er heimgegangen, der immer ein Bild des frischen Lebens und der heiteren Thatenlust gewesen; zaglos blickte er dem Tode entgegen, als er sich ausbat, daß mit seinen Resten die Reihe der Feuerbestattungen begonnen werde. Da aber bei seinem im November erfolgten Tode die betreffenden Einrichtungen noch nicht vollendet waren, so wurde seine Leiche vorläufig unter der Erbe beigesetzt und nach Möglichkeit durch Einbalsamiren erhalten. So war denn seltsamer Weise die Bestattung des Ingenieur Stier eine dreifache: außer dem Vergraben der Leiche in die Erde wurden die beiden größten Gegensätze der Einbalsamirung und der möglichst schnellen Zerstörung durch Verbrennen in Ausführung gebracht. Aegypten und die Neuzeit im unmittelbaren Wechsel!

Ich ließ auf dem Wege nach Gotha die Entwickelung der Feuerbestattungsfrage während der letzten Jahre an mir vorüber gehen. Als ich, von der Wiener Weltausstellung heimkehrend, in Folge der dort gesehenen ungenügenden Proben und Versuche zu einer besseren und würdigeren Form der Feuerbestattung anzuregen mich bemühte, wurde ich freudig überrascht durch zahlreiche Zustimmungen aus den Kreisen Gebildeter. Schwierig war es mir erschienen, an einem allgemein verbreiteten Volksgebrauche zu rütteln, welcher für Viele durch das Alter seines Bestehens geheiligt war; nur zaghaft that ich die ersten Schritte zur Förderung der Angelegenheit.

Seit ich im Mai 1874 (in Nr. 19 der „Gartenlaube“) zum

[48] ersten Male das Wort „die Feuerbestattung“ niedergeschrieben, ist dasselbe zum technischen Ausdruck für die Sache geworden. Und diese Sache selbst? Sie wurde weit über Deutschlands Grenzen hinaus mit einer Lebhaftigkeit aufgegriffen, die ich mir nicht hatte träumen lassen. Es war, als ob auf eine Aenderung des Bestattungswesens mit Sehnsucht gewartet worden wäre; fast allzu stürmisch wurde die Bewegung. Berufene und leider auch viele Unberufene nahmen an ihr Theil. Nachdem ich durch öffentliche Vorträge in mehreren Städten Deutschlands Werth, Nutzen und Ausführbarkeit der Feuerbestattung dargelegt hatte, wurde sie ein so beliebtes Redethema, daß zahlreiche Briefe von Lehrern, Kaufleuten und anderen Personen mir zugingen, in welchen die Betreffenden mittheilten, daß sie gesonnen seien, über Feuerbestattung öffentlich zu sprechen, zugleich aber nicht selten naiver Weise hinzufügten, daß sie sich bis jetzt mit dem Gegenstande wenig oder gar nicht beschäftigt hätten und daher um die nöthigen Unterlagen für das geistige Material ihres Vortrages ersuchten.

Auf diese blinden Verehrer einer ihnen in der Hauptsache unbekannten Neuerung folgten die nicht minder blinden Widersacher. Unter diesen in erster Reihe die Geistlichen, welche mit dem heiligen Bonifacius die Leichenverbrennung als einen „heidnischen Gebrauch“ brandmarkten, ohne zu bedenken, daß einst auch Weihnachten, Osterfest und Pfingsten „heidnisch“ waren und daß nur das Christenthum nachträglich die heidnische Ursitte geheiligt hatte. – Darauf regten sich die noch gedankenloseren Wort-Menschen, welche es „pietätlos“ nannten, daß man den Gestorbenen nicht die „Ruhe im Grabe“ gönnen wolle. Die Ruhe im Grabe! Als ob die Miethwohnungen unserer heutigen Gräber den Körpern der Abgeschiedenen eine Grabesruhe gewährten! Als ob nicht der „Turnus“ unserer Begräbnißplätze jedem Leichnam nur für eine bestimmte Reihe von Jahren (dem Wohlhabenden für eine längere, dem Armen nur für eine kurze Frist) den Aufenthalt im Grabe gestattete! Nach Beendigung dieser Zeit wird bekanntlich das Grab von Neuem geöffnet; die Ueberreste werden hier gesammelt, dort zertreten und vom Todtengräber mit dem Spaten zertrümmert, und ein neuer Ankömmling nimmt wieder Besitz von Grab und Grabesruhe. – Endlich traten die Empfindsamen als Widersacher auf, denen es „lieblos“ erschien, Hand an den Todten zu legen, und die lieber die langsame Zerstörung beibehalten wollten, welche, wie sie sich ausdrücken, „auf natürlichem Wege vor sich geht“. Und ist denn die Verbrennung nicht auch ein Naturvorgang? Ist es denn liebevoller, die Verbrennung (das heißt die Verbindung der Atome mit Sauerstoff) langsam und mit ekelen Fäulnißerscheinungen an den Resten dahingeschiedener Lieben zu bewirken, als dies schnell zu thun und ohne jede Verunglimpfung? Aber die Liebe setzt sich zusammen aus Anbetung und Gewohnheit. Bei Vielen ist letztere die Hauptsache, und dawider ist nicht zu streiten.

Trotz der ungebührlichen Hast von der einen Seite und des Widerstandes von der andern ist jetzt die Frage der Feuerbestattung in das ruhige Geleise der nüchternen, ernsten Berathung und der „facultativen“ (in freies Belieben gestellten) Ausführung eingelaufen. Die Einsichtigen haben erkannt: daß die Feuerbestattung Vortheile bietet für die Gesundheitspflege, für die Pietät gegen die Todten und für die Gemeindeverwaltung in Städten, und daß weder juristische noch religiöse Bedenken gegen dieselben bestehen. Nach und nach wird wohl auch der Widerstand im deutschen Reiche schwinden, und man wird in den Städten mittlerer Größe gleichzeitig Einrichtungen für Fäulniß- und Feuerbestattung treffen; in kleinen Ortschaften wird man voraussichtlich bei dem Begraben verharren, da man dasselbe dort durch geeignete Einrichtungen unschädlich machen kann, in großen Städten aber wird man die Feuerbestattung ausschließlich wählen, ebenso aus inneren wie aus äußeren Gründen.

In Gotha fand unter Betheiligung zahlreicher Leidtragender aus der Stadt und von auswärts (namentlich befanden sich unter den letzteren Abgesandte von Schützenvereinen) die Feierlichkeit Nachmittags drei Uhr in der vom Stadtbaumeister Bertuch entworfenen und ausgeführten Leichenhalle auf dem vor der Stadt, neben dem Wege nach Langensalza, gelegenen neuen Friedhofe statt.

Die neue Leichenhalle ist ein Gebäude von nur einem Stockwerk Höhe in einfacher, aber würdiger Form, in der Richtung von West nach Ost gelegen. Die gegen den Friedhof gerichtete Südseite zeigt nach vorn eine offene Säulenhalle von vierundsechszig Meter Gesammtlänge; der Säulengang von vierundzwanzig Meter Länge, welcher das Mittelstück bildet, dient zur Aufnahme der Aschenurnen. „Columbarium“ nannte man diesen Raum im alten Rom, nicht etwa wegen seiner äußeren Aehnlichkeit mit einem Taubenschlage, sondern weil im Inneren die einzelnen Abtheilungen für die Urnen bei oberflächlicher Betrachtung den einzelnen Nistlöchern des Taubenschlages ähnlich sind. Sehr zweckmäßig hat der Baumeister die „Urnenhalle“ – denn diese deutsche Bezeichnung möchten wir für das Columbarium vorschlagen – so eingerichtet, daß man bei Ausfüllung der Vorderseite auch die Rückseite für gleichen Zweck verwenden kann und so voraussichtlich für viele Jahrzehnte versorgt ist. Zu beiden Seiten finden sich im griechischen Stil erbaute kleine Eckstücke, von denen das links (nach West) befindliche vier Leichensäle, ein gut erhellbares und lüftungsfähiges Secirzimmer, sowie nach Norden die sehr kleine, nur aus Stube, zwei Kammern und Küche bestehende und nicht gerade gesunde Wohnung des Castellans enthält. Zwei in der Stubenwand fest eingelassene Fenster gestatten ihm, die beiden Hauptleichensäle zu überwachen. Der andere Eckbau enthält den geräumigen Saal für die Leichenfeierlichkeiten nebst drei Zimmern: für den Heizer, für den Wächter und für Aufbewahrung von Begräbnißgegenständen, sowie die Treppe, welche in den unteren Raum hinabführt, in welchem unmittelbar unter dem Saale der Verbrennungsapparat sich befindet.

Als der Sarg hineingetragen und auf den dafür bestimmten, etwas erhöhten Platz niedergesetzt worden war, stimmte ein Knabenchor einen Choral an; nach Beendigung desselben betrat der Superintendent Seydel den für den Redner bestimmten freien Platz, um durch seine Weihrede öffentlich darzulegen, daß die evangelische Geistlichkeit „die Verbrennung der irdischen Ueberreste des Verstorbenen nicht als gegen die Religion verstoßend oder den Vorschriften der heiligen Schrift zuwider findet“, und daher auch bei ihr wie bei Beerdigungen ihr Amt zu verwalten bereit ist. Nach dem Gebete fiel abermals der Knabenchor ein, und nun stieg der Sarg mittelst einer Versenkung (wie ich dies unter Hinweis auf Schiller’s poesievolle Darstellung in der „Braut von Messina“ bei Gelegenheit meiner öffentlichen Vorträge vorgeschlagen) geräuschlos herab in den unteren Raum, wo er unmittelbar vor dem Verbrennungsraum – technisch „Verbrenner“ genannt ankam. Schnell wurden die Kränze und anderer Schmuck entfernt und der Sarg durch die geöffnete eiserne Fallthür in den mit glühender Luft erfüllten Raum geschoben, wo er sofort mit Flammen sich bedeckte.

Binnen fünfzehn Minuten war der Sarg in sich zerfallen und der in mildem rothem Lichte erglühende Leichnam wurde sichtbar; rasch lösten seine Weichtheile sich auf, sodaß nach etwa einer Stunde nur noch der größte Theil des Skelets übrig war, nebst einigen Stücken Holz vom Sarge und den mit Feuchtigkeit durchdrungenen aromatischen Kräutern, mit welchen man beim Balsamiren die Leibeshöhle ausgefüllt hatte. Theils aus technischen, theils aus anderen Gründen verrichtete der Apparat seine Arbeit etwas langsam, und es erforderte eine Frist von zweieinhalb Stunden bis zur vollständigen Einäscherung. Zwar bedurfte man in Rom und Griechenland zur Feuerbestattung einer noch längeren Zeitdauer, indessen würde meines Erachtens unter günstigeren Verhältnissen und mit einem anderen Apparate eine Beschleunigung des Verfahrens möglich sein. Auch ist es wünschenswerth, daß in den Fällen, wo man den Todten im Sarge verbrennen will, statt eines Holzsarges ein Zinksarg gewählt werde; die Probe hat ergeben, daß ein Zinkkasten von etwa sechs Kilogramm Gewicht in dem Verbrennungsraume nach drei bis vier Minuten vollständig verschwindet; theils schmilzt er ab, theils verdampft er und verwandelt sich in Luft.

Somit wäre denn in Gotha der Anfang zum Besseren gemacht, und andere Orte, denen von maßgebender Seite kein Hinderniß entgegengestellt wird, z. B. München und Wien, werden hoffentlich nicht zögern, diesem Beispiele zu folgen. Daß es gerade eine kleinere und nicht sehr reiche Stadt war, welche in dieser wichtigen Angelegenheit den Anfang machte, hat Gelegenheit gegeben, die Einigkeit deutscher Stämme an einem kleinen Beispiele wieder einmal zu erproben: denn aus ganz Deutschland und auch aus der Schweiz und Oesterreich flossen, geräuschlos gesammelt, die Beitrage von Freunden der Feuerbestattung zusammen, welche die Kosten deckten. Der „Verbrenner“ allein, von Siemens ausgeführt, [49] kostete 15,000 Mark, eine große Summe, groß zumal, da sich schon nach einmaligem Gebrauche Ausbesserungen nöthig machten. Die Gesammtkosten der schönen und für viel größere Städte ausreichenden Leichenhalle betrugen 87,000 Mark. Der Ausschuß des „Vereins für Leichenverbrennung“ in Gotha, bestehend aus dem Vorsitzenden Landrath Ewald und den Ausschußmitgliedern Senator Düll, Medicinalrath Mensel, Baurath Scherzer, Justizrath Sterzing, Hofapotheker Tannenberg, Kaufmann Wolf und Kreisgerichtsrath Ziegler, hat seine Pflichten wohl erfüllt und durch die erste Feuerbestattung gegen den verstorbenen Genossen Ingenieur Stier eine Dankesschuld abgetragen.

Die Gesammtkosten einer Feuerbestattung in Gotha werden sich nach den mündlichen Mittheilungen des Herrn Bürgermeister Könersdorf auf 70 bis 80 Mark belaufen, worin der Selbstkostenpreis für den Bedarf an Kohlen, die Vergütung für Bedienung und Abnutzung des Apparates etc. inbegriffen ist. Die Särge dürfen nicht länger sein als 2,25 Meter, nicht breiter als 0,75 Meter und nicht höher als 0,72 Meter. Die Urnen für die Urnenhalle sollen höchstens die Gesammthöhe von 0,80 Meter und den Gesammtdurchmesser von 0,40 Meter haben.

Jedermann, auch der Auswärtige, darf in Gotha durch Feuer bestattet werden, wenn zuvor den polizeilichen Verordnungen genügt wird. Diese fordern eine schriftliche Genehmigung der Ortspolizeibehörde, welche nachweist, daß entweder von dem Verstorbenen selbst oder von denjenigen Personen, welche für die Bestattung zu sorgen haben, die Feuerbestattung gewählt worden ist. Ferner muß der Physikus auf Grund der Besichtigung der Leiche schriftlich bescheinigen, daß kein Verdacht des Todes durch verbrecherische Thätigkeit eines Dritten vorliege, sowie auch Seitens der Ortsbehörde actenmäßig durch Erörterung der Umstände, unter welchen die zu bestattende Person verstorben ist, dasselbe Ergebniß festgestellt worden sein muß. Diese Vorsichtsmaßregeln gewähren volle Sicherheit dafür, daß nicht etwa die Feuerbestattung zum Deckmantel des Verbrechens benutzt werde. – –

Der Feuerbestattung in Gotha gingen drei Leichenverbrennungen voraus, welche nur ausnahmsweise gestattet waren: 1) die von mir in Breslau bei Gelegenheit der „Naturforscher-Versammlung“ am 22. September mittelst eines besonders construirten (und in seinen Einzelheiten noch nicht bekannt gemachten) Apparates mit erhitzter Luft ausgeführte; 2) in Dresden die Bestattung der Lady Dilke am 9. October 1874 und 3) diejenige der Gattin eines Stuttgarter Arztes am 9. October 1874. – Nach der Feuerbestattung in Gotha wurden daselbst sofort zwei weitere angemeldet.

Prof. Dr. C. Reclam.




Abnorme Kinder.


Von J. Moldenhawer, Director des königl. Blindeninstituts zu Kopenhagen.


(Schluß.)


Der blinde Taubstumme.


Welch Unglück, wenn ein Kind blind und zugleich auch taub ist! Und doch ist es möglich, auch diesen Aermsten eine menschenwürdige Existenz zu schaffen, indem moralische und religiöse Begriffe und Brauchbarkeit zu irgend einer Wirksamkeit ihnen beigebracht werden können.

Da die Anzahl solcher Kinder nicht groß genug ist, um die Errichtung besonderer Anstalten zu veranlassen, sind die einzelnen Fälle, in welchen dieselben Unterricht erhalten haben, entweder in Blinden- oder in Taubstummenanstalten vorgekommen. Einige dieser Versuche sind sehr bekannt geworden, da sie in pädagogischer und psychologischer Beziehung von nicht geringem Interesse sind. Die am meisten bekannten sind: die beiden im Blindeninstitute zu Boston unter Leitung Dr. Samuel Howe’s erzogenen taubstummen Blinden, namentlich die oft genannte Laura Bridgman (über deren Unterricht die „American notes“ von Charles Dickens interessante Mittheilungen enthalten), der im Blindenasyle zu Lausanne von Director Hirzel ausgebildete taubstumme blinde Kunstdrechsler Edouard Meystre, der von Director Borg im Manilla-Institute bei Stockholm unterrichtete Korbmacher Magnus Olsson und der vom verstorbenen Blindenanstaltsdirector Dr. Georgi in Dresden zur Wirksamkeit und zum Verkehr mit Andern angeleitete Max Alfons, der alle Sinne bis auf den Tastsinn verloren hatte.

Beim Unterricht Edouard Meystre’s, mit dem ich mich während eines Aufenthaltes in Lausanne 1854 näher bekannt machte, benutzte man nicht nur die Fingersprache, welche der Schüler mittels des Tastsinnes auffaßte, sondern zugleich die mündliche Rede, indem der Lehrer seine Sprachwerkzeuge, sowohl Kehle wie Mund, vom taubstummen Blinden befühlen ließ, damit dieser bemerken konnte, auf welche Weise die verschiedenen Laute hervorgebracht werden, und ihn so dahin brachte, daß er dieselben nachahmte und ein seiner Umgebung verständliches Französisch redete. Die Consonanten sprach er am besten aus; die Vocale von einander zu unterscheiden, fiel ihm schwer. Da er wegen seiner Blindheit nicht wie andere Taubstumme von den Lippen ablesen konnte, mußte man, wenn man sich mit ihm unterhielt, die Fingersprache benutzen oder mit dem Finger ihm auf den Rücken schreiben. Er las und schrieb erhabene Schrift wie ein Blinder, orientirte sich mittels des Tastsinnes und machte Handarbeit auf dieselbe Weise wie die Blinden, in geistiger Beziehung aber hatte er mit den Taubstummen am meisten gemein. Unter dem Titel „A happy man“ (ein glücklicher Mensch) hat der schweizerische Naturforscher Professor Morlot einen Artikel über ihn in Chamber’s Journal für Juli 1855 veröffentlicht.

Eines eigenthümlichen Falles aus meinem Erfahrungskreise sei hier gedacht. Ein siebenjähriges Mädchen verlor auf einmal Gesicht und Gehör und war nahe daran, taubstumm zu werden, indem seine Rede beständig undeutlicher wurde, sodaß nur die Mutter es einigermaßen verstehen konnte. Das Kind war in beständiger Unruhe, sprach viel und schnell und fühlte starkes Verlangen nach Beschäftigung und geistiger Nahrung. Da brachte die Mutter dasselbe zu mir und fragte, was hier zu thun sei. Das Erste, worauf ich die Aufmerksamkeit richtete, war, dem Kinde die Rede zu retten und womöglich zu verbessern. Da es wegen der Taubheit den gewöhnlichen Regulator der Aussprache, das Ohr, vermißte, und wegen der Blindheit des von den Taubstummen benutzten Hülfsmittels, die Bewegungen des Mundes zu beobachten, entbehrte, ergriff ich das einzige mir zu Gebote stehende Mittel, nämlich das Lesen vom Reliefdruck. Indem das Mädchen sich durch die Wörter hindurch buchstabirte und auf diese Weise deren Bestandtheile im Bewußtsein festhielt, wurde es allmählich dahin gebracht, daß es die Wörter deutlicher aussprach und von einander trennte. Zugleich war ihm durch das Relieflesen zu einer neuen und nützlichen Beschäftigung die Möglichkeit geworden, welche es mit wahrem Entzücken ergriff.

Ich habe bisher nur von Blinden und Taubstumme gesprochen. In das Capitel der „abnormen Kinder“ aber gehört noch eine Kategorie, der ich im Anschlusse an das Bisherige einen letzten Abschnitt widmen möchte; ich meine die Schwachsinnigen.


Der Schwachsinnige.


Lange nachdem man angefangen hatte, für die Erziehung und den Unterricht taubstummer und blinder Kinder Etwas zu thun, hatte man noch nicht daran gedacht, daß die Gesellschaft auch dem schwachsinnigen Kinde gegenüber Pflichten habe. Man ließ (und läßt zum Theil noch heutzutage) solche arme Kinder in einem völlig verwahrlosten Zustande aufwachsen, sodaß sie oft in einer Irrenanstalt oder in einem Unterkunftshause für arbeitsunfähige Menschen ihr Leben endigten. Es giebt Gegenden, wo Blödsinnige und Cretins schlechter behandelt werden als irgend ein Thier, aber selbst da, wo dies nicht der Fall, ist es schon traurig genug, daß menschliche Wesen ohne geistige Entwickelung, ohne Begriff von etwas Höherem als den materiellen Seiten des Lebens, oder wenigstens ohne die in ihnen niedergelegten Fähigkeiten und Anlagen gebrauchen zu können, das Leben durchwandern sollen. Indeß ist man doch in mehreren Ländern jetzt so weit gekommen, daß eine große Anzahl schwachsinniger Kinder Unterricht bekommt, und bei uns sucht man in neuerer Zeit dahin zu wirken, daß der Staat sich der Sache annehme, um allen schwachsinnigen Kindern im Lande eine ihrem Zustande angepaßte Behandlung [50] zu verschaffen, mit dem Zwecke, ihre physischen und geistigen Kräfte zu wecken, zu stärken und zu entwickeln.

Wie erreicht man diesen Zweck? Durch welche Mittel gelingt es, schwachsinnige Kinder zu entwickeln? Ganz im Allgemeinen kann man sagen: theils dadurch, daß man diejenigen Mittel, durch welche normale Kinder sich entwickeln, verstärkt, theils dadurch, daß man geringere Ansprüche an das Kind stellt und überhaupt einen ganz anderen Standpunkt einnimmt als den, welchen man einem geistig gesunden Kinde von demselben Alter gegenüber einzunehmen pflegt, sodaß hier die Fortschritte so zu sagen auf der Goldwage gewogen werden, und selbst ein geringer Fortschritt mit Dank angenommen wird, wenn er nur von guten Willen und ein wenig Selbstthätigkeit zeugt. Der Erzieher muß sich beständig erinnern, daß das Kind, andern gegenüber, so unendlich weit zurück ist, daß er auf die gewöhnlichen Voraussetzungen gar nicht bauen kann, sondern sich so zu sagen bei der Arbeit vorwärts fühlen muß. Oft kommt es hauptsächlich darauf an, die Aufmerksamkeit des Kindes zu wecken, es aus einem durchaus willenlosen Schlaffheitszustande herauszureißen, und es ist nun Aufgabe des Erziehers, die Mittel dazu zu finden; bald sind es starke Farben, bald Töne und andere Laute, bald Gegenstände, die auf den Tastsinn wirken, je nach dem Zustande des Kindes.

Während viele schwachsinnige Kinder normalen Altersgenossen zu gleichen scheinen, nur daß sie sich geistig viel langsamer entwickeln, giebt es auf der andern Seite auch viele, deren geistiger Zustand ein so niedriger ist, daß sie auf dem Entwickelungsstandpunkte kleiner Kinder bleiben, nur mit dem wesentlichen Unterschiede, daß der Körper wächst und daß alles das, was beim kleinen Kinde so natürlich ist, daß es keinen Anstoß erweckt, beim großen idioten Knaben oder Mädchen uns entweder abstoßend oder lächerlich erscheint. Aber zwischen diesen beiden äußersten Punkten befindet sich eine zahlreiche Schaar schwachsinniger Kinder in den verschiedenartigsten Zuständen, welche durch anhaltende und geduldige Einwirkung nach und nach es so weit bringen können, daß sie in gewöhnlichen Schulkenntnissen Unterricht empfangen und zur Confirmation vorbereitet werden können.

Eine hervorragende Rolle spielt der Sprechunterricht. Häufig ist das schwachsinnige Kind ganz ohne Sprache, und noch häufiger sind diejenigen Sprachlaute, die es hervorbringt, höchst unvollkommen; es kommt deshalb darauf an, das Kind in der Nennung der Gegenstände zu üben. Indem es in Verbindung mit dem Worte die Sprache selbst kennen lernt, wird nach und nach sein Vorstellungskreis erweitert, und indem es, je nach dem verschiedenen Aussehen und der Anwendung der Dinge, unter denselben unterscheiden lernt, wird sein Verstand geübt. Gewiß bedarf es oft einer häufigen Wiederholung, um dem Gedächtnisse des Kindes das Erlernte einzuprägen, und Vieles, das sonst jedes Kind „von selbst lernt“, nimmt hier den Charakter eines Lehrgegenstandes an. Eine der wichtigsten Eigenschaften des Lehrers ist in diesem Falle die Gabe, selbst das Einfachste und Alltäglichste unterhaltend und abwechselnd zu machen, um den Schüler immer anzuregen und nicht zu ermüden. Darum kann die untere Abtheilung einer Idiotenanstalt passend die Spielabtheilung genannt werden, wie dies in den hiesigen Anstalten dieser Art der Fall ist.

Indem nun das schwachsinnige Kind allmählich in den Besitz der Sprache kommt, fühlt es sich seinen Umgebungen näher, und da die geistige Entwickelung mit der Aneignung der Sprache gleichen Schritt hält, erhält es zugleich ein menschlicheres Aussehen. Es giebt sogar Fälle, in welchen sich dies in der Form des Kopfes zu erkennen giebt, indem die inneren Organe, um sich Platz zu verschaffen, während ihres Entwickelungsprocesses dermaßen auf die äußeren Theile einwirken, daß die Stirn höher wird, der Kopf eine edlere Form erhält und gleichzeitig das Gesicht einen intelligenteren Ausdruck annimmt.

Wenn das schwachsinnige Kind sprechen gelernt hat und etwas Ausdauer und Aufmerksamkeit zeigt, dann beginnt der Schulunterricht, und man trifft oft sehr fleißige und eifrige Schüler in einer aus schwachsinnigen Kindern bestehenden Classe, weil auch hier der Wetteifer eine wichtige Rolle spielt.

Daß Schwachsinnige zu tüchtigen Arbeitern herangebildet werden können, davon habe ich reiche Beispiele gesehen. Ich habe sie als Schuster und Schneider, Tischler und Korbmacher, Bürstenbinder und Mattenflechter arbeiten, in Feld und Garten pflügen und graben, pflanzen und säen, das Vieh hüten, die Kranken und Schwachen und kleine Kinder warten und sogar das Setzen der Typen besorgen sehen. Sehr lehrreich in dieser Beziehung ist die große, vorzüglich eingerichtete Idiotenanstalt Earlswood bei London. Es giebt genug Arbeiten, die sich für den Schwachsinnigen eignen, er bleibt aber gewissermaßen ein Kind sein ganzes Leben hindurch, und ihm fehlt darum eine wesentliche Bedingung, um ein selbstständiger Mensch zu werden. Dieser Umstand ist von der größten Bedeutung, wenn man sich klar machen will, auf welche Weise man am besten für die Schwachsinnigen sorgen könne.

Eine allgemeine Regel für die Idiotenerziehung zu geben, oder eine Methode aufzustellen, ist unmöglich; denn die schwachsinnigen Kinder sind unter sich so verschieden, daß jedes einzelne Individuum eine besondere Aufgabe darbietet. Deshalb tritt auf der untersten Stufe der Entwicklung die individuelle Behandlung in den Vordergrund, und erst später, wenn die allgemeinen Bedingungen eines regelmäßigen Unterrichts in einem gewissen Grade vorhanden sind, kann man daran denken, die Kinder classenweise zu unterrichten. Diejenigen Disciplinen, in welchen die Schwachsinnigen am frühesten gemeinschaftlich unterrichtet werden können, sind Gymnastik und Gesang. Diese beiden Lehrfächer haben darum große Bedeutung in der Idiotenerziehung. Die Gymnastik ist, richtig angewandt, nicht nur ein Mittel zur Entwickelung des Körpers und zur Uebung in Disciplin und Aufmerksamkeit, sondern zugleich eine gute Verstandesübung, indem das Kind stets einen deutlichen und sinnlich hervortretenden Gedanken an das Commandowort knüpfen muß; wenn irgendwo Wort und Gedanke leicht mit einander zu verbinden sind, dann muß es da sein, wo der Gedanke auf Befehl des Wortes zur That wird. In der obengenannten Idiotenanstalt bei London sah ich eine Reihe von Uebungen, aus einer Combination von Verstandes-, Rede- und Körperübungen bestehend, indem die Lehrerin, gleichzeitig mit dem gegebenen Befehle zu einer bestimmten Bewegung oder Stellung, die entsprechende Bewegung selbst machte, worauf die Kinder alle auf einmal diese nachmachten, indem sie auch die begleitenden Worte nachsagten. In vielen Fällen wirkt die Gymnastik auf schlaffe Naturen belebend ein.

Es giebt nicht wenig Beispiele davon, daß Idioten für Musik ein offenes Ohr haben, selbst dann, wenn sie im Uebrigen, sowohl in Verstand wie Rede, weit zurückstehen. Nicht nur die Gabe, Melodien zu behalten und sie zu singen, trifft man häufig, sondern auch Sinn für Harmonien kommt nicht selten vor, sodaß die Schwachsinnigen zweistimmig singen.

Die dem Idiotenlehrer gestellte Aufgabe ist sehr verschieden, je nachdem das Kind, das er vor sich hat, in Beziehung auf Entwickelung und Geistesfähigkeiten mehr oder weniger vom normalen Kinde entfernt ist. Es giebt Fälle, wo die Aufgabe von derjenigen, die jedem Lehrer gestellt ist, nur darin verschieden ist, daß man mehr arbeiten und weniger fordern muß, es giebt aber andere Fälle, wo man sozusagen bis auf den Grund der Seele hinabdringen muß, um für eine weckende und belehrende Einwirkung Anknüpfungspunkte zu finden, wo man lange prüfen und suchen muß, bevor es Einem gelingt, sich mit dem Kinde in Wechselwirkung zu setzen. Und wenn man endlich so weit gekommen ist, daß der Geist des Kindes etwas angeregt ist, entdeckt man die eine Abnormität bei diesem, die andere bei jenem, ein Mißverhältniß unter den verschiedenen Geistesfähigkeiten in Beziehung auf Bildungsfähigkeit und Zugänglichkeit, welches ein fortwährendes Nachdenken über die Mittel und eine strenge Selbstkritik erheischt. Hierzu kommt noch die Abnormität des Seelenlebens, die dem Lehrer schwierige pädagogische Aufgaben stellt, indem er durch Anwendung der gewöhnlichen Erziehungsmittel den Zweck verfehlen würde und, um den rechten Weg zu finden, sich nicht nur die Behandlung eines weit jüngeren Kindes vor Augen halten, sondern das relativ stärker entwickelte Gemüthsleben besonders berücksichtigen muß.

Es kommt darum bei Erziehung tiefstehender Idioten mehr als bei irgend einer andern Lehrerwirksamkeit auf eine besondere Begabung an, sodaß man sagen kann, daß nicht gar Viele für diese Wirksamkeit sich eignen und dabei aushalten. Der vor Kurzem verstorbene Philanthrop Dr. Howe in Boston hat irgendwo geäußert, daß es mit der Zeit schwerer sein würde, eine hinlängliche [51] Anzahl von Lehrern für idiote Kinder, als von Professoren für unsere Universitäten zu finden.[1]




Théroigne von Mericourt.[2]
Ein Charakterbild von Rudolf von Gottschall.


Ich sah eine Ros’ am Felshang stehn
In Ungewittern;
Ich sah Lawinen vorübergehn
Und Felsen zittern.
Die Rose steht in wilder Pracht;
Die Rose trinkt den Thau der Nacht.
Zerstörung ist ihr Morgengruß;
Zerstörung ist ihr Weihekuß.
Sie wächst in der Felsen geborstenem Schooß;
In Donnern der Schöpfung ward sie groß –
Ich sah dein Bild in der ewigen Natur,
Du wilde Rose von Mericourt.

Mit diesen Versen feierte ich in meiner vor kurzem in neuer Auflage erschienenen „Göttin“ die wildeste Heldin der französischen Revolution. Von den Einen als eine Megäre betrachtet, wird sie von den Anderen angesehen als eine jener Heroinen, von denen die Geschichte seit den Penthesileen des Alterthums berichtet hat, als eine Art Jungfrau von Orleans, welche das Schwert zieht, wie jene für das Vaterland, so für die Freiheit, obschon jeder andere Vergleich zwischen der frommen Schäferin von Dom Remy und der wilden Kämpferin des Tuileriensturmes in bedenklicher Weise hinken müßte, wenn man nicht die gefeierte Jeanne d’Arc in die zweifelhafte Beleuchtung der Voltaire’schen Pucelle rücken will. Die französische Revolution hat das Megärenthum der alten Weiber in gräßlicher Weise entfesselt. Die Tricoteuses der Guillotinen sind eine der widerwärtigsten Illustrationen jener Epoche; daß aber auch Jugend und Schönheit sich in die Schrecken derselben stürzten und sich mit blutigen Gräueln befleckten, ist eine Ausnahme, welche deshalb doppelte Beachtung fand. Auch war es nicht blos jene Freude an der Zerstörung, ein angeborenes Erbtheil leidenschaftlicher Naturen, das Entzücken über die Auflösung unbequemer bürgerlicher Verhältnisse, welche allen willkommen sein mußte, die sich aus der Gesellschaft abgestoßen sahen; was eine Théroigne und ihre Genossinnen bewegte, war der Rachedurst, den sie für persönlich empfundene Unbill an den bevorrechteten Ständen zu kühlen suchten; es war der Geist der socialen Revolution selbst, der in ihnen pulsirte, und gerade dies giebt ihnen eine dämonische Bedeutung.

Anna Josefa Théroigne, genannt Lambertine und später die Lütticherin, wurde im Jahre 1759 in Mericourt bei Lüttich, als die Tochter einfacher Bauersleute geboren. Ihre Anmuth, Lebhaftigkeit und Schönheit machten sie zu einer Zierde ihres Geburtsortes. Doch diese Schönheit wurde auch die Ursache der frühen Zerrüttung ihrer Lebensverhältnisse. Ein reicher Schloßherr der Nachbarschaft fand Gefallen an ihr; sie erschien ihm schöner als die glänzenden Salondamen, deren Bekanntschaft er in Belgien und im Auslande gemacht hatte; auf sie selbst aber machten die vornehmen Sitten des Edelmannes, der bestechende Glanz seiner Erscheinung und seines Wesens tiefen Eindruck. Das siebenzehnjährige Mädchen gab sich ganz der erwachenden Leidenschaft hin, in vollem Vertrauen auf eine dauernde Liebe; der Unterschied der Stände berührte sie nicht, sie hatte keine Ahnung von seiner Bedeutung, gleichgültig erschien er ihr gegenüber der Macht einer großen Leidenschaft. Bald sollte sie den ersten großen Schmerz ihres Lebens empfinden; die Täuschung, welche ihrer vertrauensvollen Hingebung zu Theil wurde, warf über ihr ganzes späteres Leben ihre Schatten. Die Vorwürfe ihrer Familie, der bittere Spott, mit welchem die Dorfgenossen sie verfolgten, trieb sie in die Ferne. Wir finden sie in England wieder, wo sie an dem Prinzen von Wales eine Eroberung machte und einen glänzenden Luxus zur Schau trug.

In den Gemächern des Prinzen hatte sie auch die Bekanntschaft des Herzogs von Orleans gemacht, welcher ihr Empfehlungsbriefe nach Paris und zwar an die angesehensten Führer der Nationalversammlung, auch an Mirabeau, mitgab. Gerade in diesen Kreisen galt sie, nach ihrer Uebersiedelung in die Seinestadt, für eine Schönheit ersten Ranges, und in der That ist das Bild, welches die Zeitgenossen von ihr entwerfen, von anmuthendem Reiz. Eine hochgewachsene, schlanke Gestalt, Züge mit ausdrucksvollem Gepräge und doch von hinreißender Anmuth, alles in den Glanz der Jugend getaucht – wer hätte einer so herausfordernden Schönheit gegenüber gleichgültig bleiben können? Namentlich der Glanz ihrer Augen hatte etwas Bestrickendes; es waren nicht die großen todten Augen, welche Homer an der Königin des Olymps preist, wenn er von der „stieräugigen Here“ singt; diese großen Augen hatten ein unruhiges Feuer, einen dämonischen Blick; aus ihnen sprach nicht die etwas gelangweilte Hoheit einer olympischen Herrscherin, sondern es waren die Brandfackeln eines leidenschaftlichen Gemüths. Die wachsenden Stürme der Revolution entfesselten die ganze Gluth ihrer Seele. Galt es doch den Umsturz einer Gesellschaft, gegen welche sie selbst glühenden Haß hegte, und die Vernichtung jener Vorrechte, als deren Opfer sie sich betrachten mußte! Bald stürzte sie sich mitten in die Bewegung der Zeit. Wie die schöne Cabarrus in den Clubs von Bordeaux, nahm auch sie ein Amazonencostüm an, um in den Clubs und auf den Straßen mit größerer Freiheit verkehren zu können. Ein etwas seitwärts sitzender Hut à la Henri IV. mit der Feder, ein Gewand von blauem Tuch, den Säbel umgegürtet , ein paar Pistolen im Gürtel und eine Reitpeitsche in der Hand, so erschien sie unter den Volksgruppen ähnlich einer Banditenbraut. Auch war dieses Costüm nicht die Schaustellung müßigen Schmuckes oder einer koketten Ausrüstung. Die Théroigne war stets mitten im Feuer bei den Pariser Straßenschlachten; ihr Name findet sich verzeichnet in der Chronik aller jener Ereignisse, welche damals Europa in Staunen setzten. Als nach der Vereinigung der drei Stände und nach dem Protest Mirabeau’s gegen die Ansammlung der Truppen in Paris eine große Volksmenge das Invalidenhôtel überfluthete, um alle Waffen auszuräumen und die Geschütze aus demselben auf das Rathhaus zu bringen, da befand sich die Théroigne an der Spitze der Volkshaufen, welche ihrem Befehle ebenso bereitwillig gehorchten, wie demjenigen anderer Anführer; sie ließ das ganze Gebäude durchsuchen bis unter die Gewölbe einer unterirdischen Kirche, wo sich der Hauptvorrath von Waffen versteckt fand, und vertheilte dann bewaffnete Detachements und Posten an den wichtigsten Punkten der Stadt.

Eine noch größere Rolle spielte sie bei dem Sturme auf die Bastille, die mit ihren düsteren Riesenthürmen wie ein Gespenst der Tyrannei auf die Stadt herabdrohte. Eine der Ersten erstieg sie die Thürme und zeichnete sich so glänzend aus, daß sie einen Ehrensäbel erhielt und ihr Name einen Platz unter den Besiegern der Bastille. Sie nahm selbst den Ernst und die Strenge republikanischer Gesinnungen an, sagte sich von ihren Verehrern los, welche den vornehmen und reichen Ständen angehörten, und verkehrte nur mit Gleichgesinnten. So sah man sie häufig mit dem Dichter Marie Joseph Chenier, mit welchem sie es liebte, sich über die öffentlichen Angelegenheiten und die Literatur zu unterhalten. Chenier machte sie auch mit den besseren französischen Dichtern bekannt, aus denen sie die [52] schwunghaftesten Stellen auszog, die geeignet waren, das Volk zu begeistern. Sie lernte dieselben dann auswendig und trug sie in ihrem flamländisch-französischen Accent mit Emphase vor. Denn wie die Cabarrus, die feine Aristokratin, wie Manon Roland, die geistreiche Bürgerstochter, war auch Lambertine, das Kind des Volkes, eine Clubrednerin und stand, was zündende Beredsamkeit betrifft, nicht hinter diesen vornehmen Vorbildern zurück, welche die Bildung der Salons genossen hatten. Konnte sie doch in die Wagschale volksthümlicher Geltung auch ihren Ehrendegen werfen. Gewiß lauschte man mit besonderer Andacht einer Rednerin, welche sich durch heldenmüthige Thaten ausgezeichnet hatte. Und da sie überdies mit natürlicher Beredsamkeit begabt war und besonders die zündenden Stichwörter und patriotischen Gemeinplätze mit hinreißendem Schwunge in die Menge zu schleudern wußte, so verfehlte sie nie, Enthusiasmus zu erregen.

Camille Desmoulins theilt uns eine Rede mit, welche Lambertine im Club der Cordeliers gehalten hat und in welcher sie zur Subscription aufforderte, um der Nationalversammlung auf dem Platze der zerstörten Bastille einen Palast zu erbauen. Bei ihrem Erscheinen verglich man sie mit der Königin von Saba – und das gab ihr willkommenen Anlaß, an den Salomonischen Tempel anzuknüpfen und eine Fülle biblischer Weisheit zu entwickeln, in welche sie mythische Anspielungen aus den Pindarischen Gesängen verwebte.

„Frankreich wartet nur auf das erste Zeichen,“ rief sie aus; „ruft die besten Werkmeister und Künstler herbei! Fällt die Cedern des Libanon, die Tannen des Berges Ida! O, wenn jemals die Steine sich von selbst bewegen könnten – es geschähe nicht, um die Mauern von Theben, sondern um den Tempel der Freiheit zu bauen. Um das Gebäude zu verschönern, zu bereichern, müssen wir alles Gold und alle Edelsteine auf dem Altare des Vaterlandes niederlegen, und ich will Allen mit meinem Beispiele vorangehen. Ihr wißt, daß die Franzosen zum Götzendienste geneigt sind, wie die Inder; das Volk bedarf der äußeren Zeichen, denen es Anbetung weiht. Wendet seine Blicke ab von dem Pavillon der Flora, von den Säulenreihen des Louvre! Zeigt ihm eine Basilika, prächtiger als diejenige des heiligen Petrus in Rom oder des heiligen Paulus in London, den wahrhaftigen Tempel des Ewigen, den einzigen, der seiner würdig ist, denjenigen, in welchem das Evangelium der Menschenrechte verkündet werden wird.“

Diejenigen, welche in der schönen Lütticherin nur eine ungebildete Straßendirne sehen wollen, müssen diesen Proben ihrer Beredsamkeit gegenüber die Waffen strecken. Ihr Verkehr mit geistreichen Männern, unter denen auch der Abbé Sieyes genannt wird, konnte nicht ohne Einfluß auf sie bleiben; ihre glühende Phantasie nahm kühne Bilder aus dem biblischen und heidnischen Alterthum mit Vorliebe auf. Doch heimischer als in den Clubs fühlte sich ihr wildes Naturell mitten in stürmischen Volksbewegungen. So sehen wir sie im Palais royal, als der Zug nach Versailles, unter den geheimen Auspicien des Herzogs von Orleans, sich vorbereitete; sie gab der Volksmenge, den Frauen der Halle die Losung; sie entzündete die Gemüther gegen die Contrerevolution, welche von der Königin und ihren Officieren dort ausgebrütet wurde; sie wandte sich nicht blos am die rohen Instincte der Menge, welche nur Brod verlangte, sie gab den gährenden Elementen eine politische Richtung. Und bei dem unheimlichen Zuge selbst stand sie auf einer Kanone, mit aufgelöstem Haar, das Gewehr auf der Schulter, den Säbel im Gürtel, mit Worten und Geberden das Volk anregend. Gleichzeitige Dichter verglichen sie mit einer Penthesilea, welche sich muthig in Gefahr und Kampf stürzt, mit einer Priesterin der Druiden, mit einer neuen Pythia, die Alles mit dem göttlichen Feuer entflammt, welches ihre eigene Brust beseelt. Wie weit sie an den gräßlichen Auftritten in Versailles selbst sich betheiligt hat, darüber fehlt der nähere Aufschluß; keineswegs gewinnt ihr Bild an anziehender Beleuchtung, wenn man sie in der Gesellschaft der rohen Megären und jenes Scharfrichters außer Dienst, des Kopfabschneiders Jourdan, erblickt. Da indeß ihre Aussagen bei der Untersuchung über diese Vorgänge für hervorragende Persönlichkeiten compromittirend werden konnten, so schickte man sie als revolutionäre Agentin mit einem Secretair des Jacobinerclubs nach Lüttich. Es galt hier einen Aufstand zu erregen, aber der Plan scheiterte, und die Théroigne fiel in die Gewalt der Oesterreicher, die sie nach der Festung Kufstein in Tirol brachten, wo sie mehrere Monate in strenger Haft gehalten wurde. Dann erst verhörte man sie, und die Antworten, die sie gab, erregten die Aufmerksamkeit des Kaisers Leopold, der gewiß auch von ihrer Schönheit hatte sprechen hören. Er ließ sie zu sich kommen und gab ihr nach längerer Unterredung die Freiheit wieder, unter der Bedingung, daß ihr Fuß nie mehr den österreichischen Boden betreten solle. Als ein Opfer der österreichischen Tyrannei hatte sie, nach Paris zurückgekehrt, erneuerte Ansprüche auf die Gunst des Volkes und auf den Namen einer Patriotin, und sie machte diese Ansprüche mit gewohnter Beredsamkeit geltend. Oft sah man sie in der Begleitung von Danton und Camille Desmoulins, und sie selbst begründete in ihrem Hause einen Club, der eine Art Filiale der Cordeliers war.

Die royalistischen Witzblätter, an denen es in jener wild bewegten Zeit nicht fehlte, verfolgten die Théroigne von Mericourt in Wort und Bild mit bitterem Spotte; sie war eine Heldin ihrer Caricaturen und wurde mit derb cynischen Anspielungen nicht verschont. Namentlich Sulleau in seinem „Tageblatte“ machte die Lütticherin zum Ziele vergifteter Pfeile. Die persönliche Erbitterung hierüber und die wachsende Erhitzung der Zeit steigerten die Wildheit ihres Temperaments; offenbar schlummerten schon in ihr die Keime des Wahnsinns, der nicht lange darauf zum Ausbruche kam.

Neben den scheußlichen Megären der Revolution erscheint Théroigne als ihre wildschöne Furie; ja es schien, als ob sich die Rachelust, der Blutdurst jener Epoche in ihr verkörpert hätten; sie erschien selbst wie mit dem Schwerte der Nemesis gerüstet, um dann wieder für ihre eigenen blutigen Frevel dem Gottesgericht zu verfallen.

Unter bedrohlichen Anzeichen war der Morgen des 10. August emporgestiegen; Königthum und Volk, das letztere erbittet durch die Manifeste des Auslandes, standen sich drohender als je gegenüber. Um die Stimmung in den verschiedenen Stadtvierteln zu erkunden, hatten sich königliche Patrouillen gebildet. Mehrere derselben wurden vom Volke verhaftet und in die Section der Feuillants geführt. Das Schicksal wollte es, daß sich unter diesen der elegante und feurige Journalist Sulleau befand, und daß einer seiner Genossen ihn gerade beim Namen rief, als die Théroigne, die schon am frühen Morgen eines mit großen Ereignissen schwangeren Tages bei den Feuillants in ihrem Amazonencostüme Wache stand, gerade in der Nähe war. Sie hörte diesen Namen und stürzte auf Sulleau zu, ihn bei der Brust fassend. „Wie, Du bist Sulleau,“ rief sie aus, ihrer selbst nicht mehr mächtig, „Du bist es, der jeden Schimpf auf mich gehäuft hat?“ und sie erhob das Schwert; doch der kräftige und entschlossene Journalist riß sich gewaltsam von ihr los und setzte sich zur Wehr, indem er einem der Angreifenden die Waffe entriß. Im Handgemenge erlag er indes der Uebermacht und kämpfte am 10. August Théroigne in den vordersten Reihen bei dem Sturme auf die Tuilerien und zeichnete sich durch ihre Bravour so aus, daß sie, obgleich ein Weib, mit einem militärischen Grade bekleidet wurde.

Sulleau hatte sie nur mit der Feder verwundet; ein Anderer war’s, der ihr Lebensglück zerstört, der sie in die verhängnißvolle Bahn getrieben hatte, wo sie durch unweiblichen Heldenmuth, durch mörderischen Fanatismus sich einen Namen machen sollte. Die romanhafte Sage, die sich an die Geschicke dieses merkwürdigen Weibes knüpft, berichtet, daß sie auch den Verführer, den Edelmann, der ihre Jugendliebe war, in Paris getroffen habe. Vergebens habe er ihre Vergebung angefleht; sie habe ihm den Fluch vorgehalten, der sich seit jener Jugendliebe an ihre Fersen geheftet, die Zerrüttung ihrer Familie, die Verbannung aus der Heimath, die Verwünschungen ihres Vaters, ihr verfehltes Leben, selbst den geraubten Glauben an den Himmel und seine Gerechtigkeit, und als sie ihn zum zweiten Mal getroffen, an einem der schrecklichen Septembertage, an denen die entfesselte Volksjustiz in grauenhaften Mordthaten schwelgte, als ein todgeweihtes Opfer in der Abtei, da habe sie selbst zum Schwerte gegriffen und ihn getödtet.

Dem doppelten Frevel folgte die Strafe auf dem Fuße nach.

[53]
Die Gartenlaube (1879) b 053.jpg

Théroigne de Mericourt.
Nach einem altfranzösischen Kupferstich auf Holz gezeichnet von A. Neumann.

Jenem ehrgeizigen, rührigen Journalisten Brissot, der alsbald den Tendenzen der Gironde seine Feder lieh und in gemäßigte Bahnen einlenkte, war Théroigne seit dem Bastillensturme nahegetreten; er hatte damals in dem alten Staatsgefängnisse als Gefangener gesessen; nach der Erstürmung der Bastille hatte die Théroigne ihm im Auftrage des Gemeinderaths die Schlüssel derselben überbracht, eine ehrenvolle Sühne für die schmachvolle Behandlung, die er dort erlebt hatte. Engverbunden mit dem federgewandten Revolutionsmanne, hatte die Lütticherin auch zur Feder gegriffen, als Erinnerung an ihre österreichische Gefangenschaft die bösen Absichten der verbundenen Monarchen ausgemalt, mit denen sie das republikanische Frankreich bedrohten, und zur Abwehr der Schrecken die Gironde und den Berg zur Eintracht gemahnt. So wurde die blutigste Revolutionsheldin in das Lager der Gemäßigten gedrängt, was ihr verhängnißvoll werden mußte, als der Volkssturm sich gegen die Gironde wandte und ein Kampf auf Leben und Tod zwischen den beiden Parteien entbrannte. Die Furien der Hauptstadt, die sie selbst einst nach Versailles geführt, umdrängten jetzt die Nationalversammlung mit dem Rufe: „Nieder die Brissotisten!“ und als Brissot selbst durch den Tuileriengarten ging, um sich in die Nationalversammlung zu begeben, umringten sie ihn und überhäuften ihn mit Beschimpfungen und Drohungen. Die Théroigne warf sich mit Blitzesschnelle zwischen die Megären und ihr Opfer. Wohl gelang es ihr, Brissot zu retten, aber die Wuth der Weiber wandte sich nun gegen sie. „Was, Du bist eine Anhängerin Brissot’s geworden?“ riefen sie ihr zu und fielen über sie her. „Du sollst uns für Alle bezahlen.“ Von der Uebermacht bewältigt, erlitt sie eine schmachvolle Züchtigung, welche eine durch Kriegsthaten ausgezeichnete Volksführerin doppelt empfinden mußte.

In der That konnte sie diesen Schimpf nicht verwinden; [54] sie verschwand plötzlich aus dem Gewimmel der Parteien; ein Irrenhaus der Vorstadt Saint Marceau hatte sie aufgenommen. Dort schrieb sie einen Brief an Saint-Just, an dem Abende des 9. Thermidor, der später unter den Papieren der Anstalt aufgefunden wurde; sie schrieb ihm, daß sie im Besitze wichtiger Geheimnisse sei, daß er zu ihr kommen möge; sie stellte sich als Opfer einer Intrigue hin; sie müsse zu Grunde gehen, wenn sie nicht handeln, nicht schreiben könne. In diesem Briefe zeigt sich ein krankhafter Ehrgeiz; es ist der alte Thatendrang, aber seine Federn sind gesprungen. Krampfhaft klammert sie sich an eine Vergangenheit, die für die geistig Gebrochene längst verschollen ist. Im Jahre 1807 wurde sie nach der Salpetrière gebracht. Die Stichwörter der Revolution waren unter dem Kaiserreiche längst ausgelöscht und gebrandmarkt, aber in der einsamen Zelle des Irrenhauses lebte noch die Schreckenszeit. Diese Théroigne war das Gespenst der Revolution. Sie nannte Alle, die sich ihr näherten, Gemäßigte und Royalisten und drohte ihnen mit einer Anklage bei dem Wohlfahrtsausschusse. Diese Drohung stieß sie besonders gegen eine hochgestellte Persönlichkeit aus, welche sie 1808 besuchte und welche früher ein Haupt der Volkspartei gewesen war. Anderen entgegnete sie auf ihre Fragen mit dumpfer Stimme, sich in ihren Mantel hüllend: „Ich weiß nicht; ich habe vergessen,“ und murmelte dann die Schlagwörter ihrer Jugend: „Freiheit, Comité, Revolution, Decret!“ Immer erschien sie in Gedanken versunken und wollte nicht in ihren müßigen Betrachtungen gestört sein, besonders in späteren Jahren, als sie stiller geworden war und ihre Tobsucht nachgelassen hatte. Ein wunderbarer Anachronismus, dieses irre Weib, für welches die längstbegrabene Revolution noch am Leben war; ihr Wahnsinn war gleichsam das letzte Echo derselben.

Und als ob ein verzehrendes Feuer in ihren Adern brennte, als ob der vulcanische Genius, dessen Krater längst verschüttet waren, noch in ihr fortglühte, konnte sie nicht Wasser genug finden, um ihre innere Hitze zu kühlen. Jedes Gewand verschmähend, lebte sie in der feuchten Zelle, sich selbst, ihr Bett und den Fußboden mit Wasser übergießend. Sie verschlang alles, was ihr in die Hände kam, und wie zum wilden Thier geworden, biß sie einmal ihre Gefährtinnen. In einem lichten Augenblick rief sie zum Fenster heraus einem Nachbar zu, daß sie in ungerechter Haft gehalten werde. In der That wurde ihr Zustand noch einmal untersucht, doch ihr völliger Wahnsinn blieb zweifellos und man konnte sie nicht in Freiheit setzen. Sie starb am 9. Mai 1817 im achtundfünfzigsten Lebensjahre.

Von allen namhaften Frauen der Revolution ist sie die wildeste und schrecklichste. Der böse Dämon der Zeit hat sich in ihr verkörpert. Und doch fühlt man ein menschliches Rühren, wenn man an ihre Jugend denkt, an den schönen grausam zerstörten Traum ihrer Liebe. An dem Einen wie an Allen sich zu rächen, die solchen Frevel für ein Vorrecht halten, stürzte sie sich in die Stürme der Revolution, mit unerschrockenem Muth, soldatischer Tapferkeit, aber auch grausamer Unerbittlichkeit. Schön und leidenschaftlich, gewandt in Wort und Schrift, stets zur kühnen That bereit, hätte sie ein besseres Loos verdient, aber, wie die nachtwandelnde Lady Macbeth sagt, alle Wohlgerüche Arabiens waschen die Flecken nicht ab von ihrer Mörderhand, und so bleibt sie dem Gericht der Nachwelt verfallen.




Vernünftige Gedanken einer Hausmutter.
Von C. Michael.
(Fortsetzung.)


3. „Ich habe keine Zeit.“

Wenn wir alle nutzlos und genußlos vergeudeten Stunden unseres Lebens zusammenzählen könnten, wir würden gewiß entsetzt ausrufen: „Unmöglich!“ Wir würden ohne Zweifel finden, daß es Jahre sind, die wir rein verschwendet haben, und dabei hatten wir doch so oft „keine Zeit“ für die dringendsten Geschäfte!

Der größte Verschwender ist der, welcher den Groschen und Pfennig nicht achtet. Wer beständig bei den täglichen kleinen Ausgaben denkt: es sind ja doch nur ein paar Mark oder Pfennige, wird sicher mehr verschwenden, als der, welcher bei diesen kleinen Posten spart und wirklich einmal für Vergnügen oder Luxus mehrere Thaler ausgiebt. Genau so verhält es sich mit der Zeit. Wer alle Minuten streng zu Rathe hält, kann ruhig ab und zu einige Stunden seiner Erholung, seinem Vergnügen widmen, ohne ein Zeitverschwender zu sein. Wie oft denken wir Frauen z. B.: Es sind ja noch zehn Minuten bis zur Essensstunde; da wirst du nicht erst eine neue Arbeit beginnen! Man nimmt also ein Buch zur Hand und blättert darin, ohne ordentlich zu lesen; man sieht zum Fenster hinaus; man geht unbeschäftigt von einem Zimmer in’s andere, um diese paar Minuten vorübergehen zu lassen. Das thue ich niemals. Wenn meine Küche bestellt und der Tisch gedeckt ist, so sehe ich gar nicht erst nach der Uhr, sondern nehme meine Näh-, Strick- oder Schreiberei, oder was ich sonst zu thun habe, mit demselben Ernst vor, als sollte ich stundenlang bei der Arbeit bleiben. Oft ertönt allerdings die Tischglocke, wenn ich kaum die Nadel eingefädelt, die Feder eingetaucht habe, aber wie oft ist es auch geschehen, daß mein Mann eine unerwartete Abhaltung bekam und nicht gleich zu Tisch kommen konnte und daß ich so ein sehr großes Stück in einer Arbeit fertig brachte. Hätte ich sie aber gar nicht angefangen gehabt, so hätte ich von Minute zu Minute gedacht: „Jetzt muß er aber gewiß gleich kommen!“ und die halbe Stunde wäre ebenso verloren gewesen, wie die ersten fünf Minuten. Oder es wird Besuch erwartet, der jeden Augenblick eintreffen und mich unterbrechen kann. Was schadet es? Ich setze eben meine Beschäftigung ruhig fort, bis zu dem Moment, wo die Gäste eintreten. Wie oft schon ist dieser Augenblick der Störung eine, ja zwei Stunden später gekommen, als ich geglaubt hatte, und ich hatte meine Zeit nicht in ungeduldigem, gelangweiltem „Warten“ vertrödelt.

Peinliches Ausnutzen jeder Minute ist mein erstes Gesetz zu richtiger Anwendung der Zeit, und das zweite lautet: „Thue Alles, was Du vornimmst, so gut und vollkommen wie möglich und bemühe Dich, aus jeder Beschäftigung Nutzen für Dich oder Andere zu ziehen! Dann wird keine Deiner Lebensstunden eine verlorene sein.“

Keine größere Zeitverschwendung giebt es, als etwas lüderlich oder nur halb zu thun; man muß es ja dann so bald wieder verbessern und die verlorene Zeit noch einmal daran wenden. Aber nicht nur von der Arbeit gilt diese Lehre (da ist sie ja einleuchtend und selbstverständlich), nein, von jeder Beschäftigung und selbst von jedem Vergnügen.

Wenn du spazieren gehst, so gehe gleich hübsch weit hinaus, daß die Bewegung dir auch Nutzen bringt; wenn du bei Tisch sitzest, so nasche nicht blos von den Speisen, sondern iß dich ordentlich satt und denke dann nicht wieder an’s Essen, ehe die nächste Mahlzeit kommt; wenn du dich anziehst, so binde und stecke gleich Alles ordentlich fest, wie es den ganzen Tag über bleiben kann; wenn du ein Buch liest, blättere nicht blos darin, sondern lies mit Aufmerksamkeit; wenn du dich an’s Clavier setzest, so klimpere nicht auf den Tasten herum, sondern übe und spiele mit Ernst und Ausdauer – ja, wenn du eine bestimmte Zeit dem Vergnügen gewidmet hast (jeder Mensch bedarf dessen, und darum ist es ebenso wenig Zeitverschwendung, wie der Schlaf eine solche ist), so suche eine Art der Zerstreuung, die dir auch wahren, befriedigenden Genuß verschafft, und genieße sie dann ohne Rückhalt, in vollen Zügen! Vorausgesetzt, daß du wirklich nur edle und reine Genüsse für deine Erheiterung gewählt hast, wird auch diese Zeit wohl angewendet zu nennen sein.

Also: Was du immer thust, thue es ganz, und so vollkommen wie möglich! Damit sparst du unglaublich viel Zeit.

Oft sind wir durch die hergebrachten gesellschaftlichen Formen scheinbar gezwungen, einige Stunden unserer Zeit zu verlieren, aber auch da giebt es einen Ausweg. Ich habe es stets so gehalten: Erstens beschränkte ich den rein conventionellen Umgang auf’s Nöthigste und nahm Einladungen solcher Gattung nur in den dringendsten Fällen an. Trotzdem that es mir im Anfange stets entsetzlich leid um so einen langen, langen Abend, den ich in uninteressanter, gleichgültiger Gesellschaft verlebt hatte. Aber bald hatte ich zweierlei Auswege gefunden,

[55] um auch diese Stunden nicht als gänzlich verlorene ansehen zu müssen. Ein Vergnügen, eine geistige Erholung sind sie mir nie gewesen, wohl aber konnte ich sie in anderer Weise ausnutzen.

Erstens gewöhnte ich mich, in diesen Frauen-Kaffees wirklich zu arbeiten, während die meisten Damen die Arbeit nur zum Scheine in den Händen herumdrehen. Ich wählte deshalb eine einfache Strickerei, die man bei jedem Gespräch, bei jeder Beleuchtung ungestört fortsetzen kann, und machte feinere Handarbeiten (wenn ich überhaupt solche machte!) lieber allein zu Hause. Es ist nicht selten vorgekommen, daß ich an solchem Gesellschaftsabend einen ganzen Kinderstrumpf fertig gestrickt habe.

Ferner machte ich die Entdeckung, daß es unter meinen Nachbarinnen keine Einzige gab, von der ich nicht in irgend einer Beziehung lernen konnte. Es kam blos darauf an, heraus zu bringen, welches die starke Seite, das Steckenpferd einer Jeden sei. Dies zu erforschen war nicht schwer, und sobald ich darüber klar war, hörten die Gesellschaften auf, mich zu langweilen. Ich wußte gewöhnlich meine Nachbarin am Kaffeetische bald auf das Feld zu bringen, wo sie gut bewandert war, und es interessirte mich sehr, von den Kenntnissen derselben zu profitiren. Natürlich spricht Jeder am liebsten von dem, was ihm am geläufigsten ist; so war unser Gespräch stets animirt, ob ich nun mit der einen Dame über Küche und Oekonomie, oder mit der anderen über Krankenpflege und Kinderbehandlung sprach, ob diese mir neue Kleiderschnitte und Moden, oder jene neue Bücher und Musikalien empfahl. Ich kam fast niemals nach Hause, ohne recht nützliche Kenntnisse eingesammelt zu haben, und oft waren es so wichtige und brauchbare Dinge, die ich gelernt hatte, daß ich auch diese Abende nicht als verlorene betrachten kann.

Die allergrößte Zeitersparniß ist es aber, wenn man sich gewöhnt, Nichts auf morgen zu verschieben, was heute schon gemacht werden kann. Wenn ich irgend eine Arbeit beendet habe, so frage ich mich: Was ist nun wohl das Dringendste für die nächste Stunde, oder für den folgenden Tag? und nehme das Dringendste zuerst vor. Fällt mir aber nichts ein, was diese Stunde oder dieser Tag fordert, so denke ich immer weiter hinaus und frage mich: Kann es einen Nachtheil haben, wenn ich schon heute erledige, was eigentlich erst für morgen, für die nächste Woche oder noch später gebraucht wird?

Oft kann man ja nicht vorarbeiten, aber wo man es thun kann, ist es eine große Zeitersparniß. Ich habe stets schon im Herbst die ganze Wintergarderobe der Kinder in Stand gebracht; meine Kleinekinderwäsche hat gewöhnlich vier Wochen, ehe der neue kleine Weltbürger erwartet wurde, fertig bis auf’s letzte Bändchen im Schranke gelegen; ich weiß keine Weihnachten, wo ich nicht mit allen meinen Arbeiten acht, ja vierzehn Tage vor dem Feste fertig gewesen wäre; die Bestellungen für einen Boten, der am Morgen zur Stadt gehen soll, liegen gewiß am Abend zuvor bereit; die Briefe, die der Postbote Mittags abholen wird, stecken schon um zehn Uhr Vormittags im Briefkasten etc.

Dieses Vorausarbeiten ist so leicht, wenn man sich einmal daran gewöhnt hat; und es bringt außerdem den großen Vortheil, daß man eigentlich niemals eine dringende Arbeit hat. Kein Besuch empfängt dann den peinlichen Eindruck, daß er uns ungelegen kommt. Man macht auch in Folge dessen Alles mit voller Ruhe und Accuratesse und hat stets Zeit für etwas Unerwartetes übrig. Ja wahrlich, in diesem Vorarbeiten liegt der zuverlässigste Schlüssel zu dem Geheimniß, immer und für Alles Zeit zu haben.

Ausnahmen giebt es natürlich überall. Es kann Augenblicke geben, wo ich den Zeiger der Uhr in steigender Angst vorrücken sehe, während ich, anscheinend ruhig und aufmerksam, einen Zeitungsartikel vorlesen höre. Das kann schon vorkommen, aber mag’s doch! Lieber soll eine Frau solche kleine Opfer bringen, als das häßliche Wort im Munde führen: „Ich habe keine Zeit.“ –

Und noch Eins gehört zu diesem Capitel.

So viele Mütter höre ich klagen, daß sie nicht Zeit genug haben, sich ihren Kindern so viel zu widmen, wie sie gern möchten. Die eine wird durch die Sorge um das jüngste Kind oder durch die Pflege eines kränkelnden Gatten abgehalten, die andere durch die Mühen einer großen Wirthschaft, biese durch eigene Krankheit oder Schwäche, jene durch angestrengte Handarbeit, um ohne fremde Hülfe die Kleidung für eine zahlreiche Familie stets nett und sauber im Stand zu halten.

Allen diesen braven und treuen Müttern möchte ich heute ein Trosteswort sagen:

„Nicht blos durch Belehren und Beschäftigung mit ihnen erzieht Ihr Eure Kinder, sondern fast am meisten durch Euer Beispiel. Die Zeit, die Ihr scheinbar Euren Kindern entziehen müßt, ist nicht für sie verloren, wenn sie nicht in Faulheit, Leichtsinn oder Vergnügungen verschwendet wurde. Wohl hat eine Mutter sich schwere Vorwürfe zu machen, welche in den Freuden der großen Welt schwelgt, oder die kostbaren Stunden mit unnützer Romanlectüre verträumt; Du aber, die Du durch andere Pflichten von Deinen Kindern abgerufen wirst, sei ohne Sorge! Durch jede Handlung treuer Pflichterfüllung, durch jede stillfreudige Entsagung, durch jedes gern gebrachte Opfer erziehst Du Deine Kinder. Du arbeitest nicht nur an ihrer Erziehung, indem Du mit ihnen lernst, spielst, spazieren gehst oder ihnen Geschichten erzählst, nicht nur, indem Du ihre Unarten rügst und ihre Fehler strafst, nein! Du arbeitest daran eben so, vielleicht noch besser in den Stunden, wo Du ihren kleinsten Bruder säugst oder ihren kranken Vater pflegst, wo Du mit flinker und geschickter Hand ihre Kleider nähst oder für sie am Kochherd stehst; ja, ich glaube fast, Du trägst zu ihrer Erziehung am meisten bei, wenn Du eignes körperliches Leiden mit Geduld und Sanftmuth zu ertragen verstehst.“

Ich weiß eine Mutter, die ihren Kindern unendlich Großes geleistet hat, obgleich sie verurtheilt war, die besten Jahre ihres Lebens liegend zuzubringen und große Leiden dabei zu erdulden. Wer von uns Kindern hätte es gewagt, die geliebte Mutter durch eine Unart zu betrüben! Wer hätte nicht alle seine Kräfte aufgeboten ihr Freude zu machen, wenn wir sie mit dieser Engelsgeduld, mit dieser stets gleichen Freundlichkeit leiden sahen!

Es ist ein tröstlicher, erhebender Gedanke, daß eine Mutter ihr ganzes Leben, jede Stunde desselben, anwenden soll, aber auch anwenden kann zur Erziehung ihrer Kinder.


4. Man muß von zwei Uebeln das kleinere wählen

und über diese Wahl sich so rasch wie möglich klar werden – das ist die größte Lebenskunst, die wichtigste und unentbehrlichste; das ist eine Fertigkeit, welche wir unsern Kindern nicht früh genug lehren und einprägen können. Der einfache Fall, wo wir zwischen zwei Handlungen zu wählen haben, von denen die eine offenbaren Vortheil, die andere ebenso unleugbaren Nachtheil im Gefolge hat, ist leider sehr selten. Es versteht sich von selbst, daß hier auch dem beschränktesten Verstande die Wahl leicht fallen wird. Mehr Klugheit aber gehört dazu, und oft große Geistesgegenwart, scharfes und klares Urtheilsvermögen, um, wenn nach beiden Seiten hin sich Nachtheile zeigen, sofort zu entscheiden, welche von beiden die kleineren sind. Es ist merkwürdig, daß man dieses Erkennens, dieses freiwilligen Ergreifens eines kleinen Uebels, um dadurch ein größeres zu vermeiden, fast stündlich bedarf, ja, ich möchte kühn behaupten, die Hauptaufgabe unseres Lebens ist: von zwei Uebeln das kleinere zu wählen. Ich will mit den kleinen, ganz unscheinbaren Vorkommnissen des häuslichen Lebens beginnen.

Ich öffne früh die Augen und meine erste, fast instinctive Wahl ist die zwischen der noch vorhandenen Schlaflust und dem Versäumen dieses oder jenes Geschäftes durch zu spätes Aufstehen. Die Entscheidung wird getroffen, der Schlaf abgeschüttelt, und ich stehe auf. Ich erwarte an diesem Vormittag mit ziemlicher Gewißheit Besuch, habe aber auch verschiedene Arbeiten in der Wirthschaft vor, die ein besseres Kleib verderben könnten, also: Was soll ich anziehen? Das Uebel, von dem Besuch im Wirtschaftscostüm überrascht zu werden, ist das kleinere und wird demnach gewählt. Nun trete ich hinaus in die Küche. Die nachlässige Magd hat sich daraus entfernt, und der große schwere Suppentopf für das Hofgesinde ist im Begriff überzukochen. Hier darf die Wahl zwischen beschmutzten, vielleicht verbrannten Fingern auf der einen Seite, und häßlichem Geruch durch’s ganze Haus nebst Verlust an Milch auf der andern Seite nur eine Secunde dauern. So geht es fort, Stunde für Stunde, Tag für Tag; es ist leicht ersichtlich, daß man solcher Beispiele, je nach Stand, Geschlecht und Alter der Menschen wechselnd, Millionen anfuhren könnte.

Der Fälle will ich noch gar nicht gedenken, wo die Wahl so selbstverständlich ist, daß sie keine Ueberlegung erfordert. Wer

[56] wird nicht gern die bittere Arznei schlucken, um einer Krankheit ledig zu werden? Wer wird sich scheuen, Kleid und Schuhe naß zu machen, um ein Kind aus dem Wasser zu retten? Aber andere ernste Lebensfragen treten oft an uns heran, wo beide „Uebel“ so gleich groß scheinen, daß die Entscheidung zugleich eine schwere Verantwortung in sich birgt und von unserm „Wählen“ Glück oder Unglück für uns oder unsere Lieben abhängt. Da gilt es mit fester, klarer Erkenntniß wählen und entscheiden.

Ich behaupte aber, wer es gelernt hat, rasch und sicher zwischen zwei kleinen Uebeln zu wählen, dem wird auch die Entscheidung minder schwer fallen, wenn es heißt: Soll ich die Quälerei eines ungerechten Vorgesetzten noch länger dulden oder eine sichere Stellung aufgeben? Soll ich mich in die Ehe meiner Tochter einmischen oder einen Rath unterdrücken, der vielleicht viel Unheil verhüten könnte? Soll ich mein Kind den Gefahren fremder Erziehung aussetzen oder denen einer mangelhaften im Hause? Soll ich einen Fehltritt meines Sohnes mit der vollen Strenge auffassen, die mir möglicherweise sein Vertrauen entzieht, oder mit der Milde, die seinen Leichtsinn bestärken würde?

O, wer vermöchte es, die Legion der großen und kleinen Uebel aufzuzählen, zwischen denen jeder Mensch immer und immerfort zu wählen hat, von der ersten „Wahl“ des Säuglings zwischen Hunger und der aufgedrungenen Nahrung an bis zu jener letzten schrecklichsten Wahl des Selbstmörders zwischen Tod und Weiterleben!

(Schluß folgt.)




Blätter und Blüthen.


Das Megaphon, eine vermuthlich deutsche Erfindung des siebenzehnten Jahrhunderts. Die Tagesblätter Amerikas und der übrigen Welt treiben gegenwärtig den größten Mißbrauch mit dem Namen Edison. Bald soll er erfunden haben, wie man dem Niagarafall alle Handarbeit der Vereinigten Staaten aufbürden könne, bald die Vertheilung des elektrischen Lichtes auf beliebig viele Lämpchen – ein, nebenbei gesagt, bis zu einem gewissen Grade längst gelöstes Problem –, dann wieder eine neue Blindenschrift, die, mit einer chemischen Auflösung hergestellt, reliefartig aus dem Papiere emporwächst, und sonstige wünschenswerthe Dinge. So hatte man denn auch in Betreff des Megaphons, des „schallenden Opernglases“, noch ehe man wußte, wie es construirt sei, einen ungeheueren Lärm gemacht (vgl. „Gartenlaube“ Nr. 34, 1878), und nun zeigt es sich, daß dasselbe gar nichts weiter als ein gewöhnliches, in etwas größeren Dimensionen ausgeführtes Höhrrohr vorstellt. Dasselbe besteht einfach aus zwei gegen sieben Fuß langen und am offenen Ende siebenundzwanzig Zoll weiten Trichtern aus starkem Papier, die auf einem drehbaren Stativ befestigt sind und den Schall mittelst eines biegsamen, engen Kautschukröhrchens in je ein Ohr leiten. Man hat sich einfach mit zwei riesigen Ohrmuscheln versehen, die sich beide direct nach derselben Richtung stellen lassen, um damit leises Flüstern auf etwa tausend Schritt, lautes Sprechen auf eine viertel Meile verstehen zu können. Es ist also von keiner Verstärkung des Schalles, wie beim Mikrophon, die Rede. Allem Anscheine nach hat schon der berühmte Verfasser des „Simplicissimus“, Christoph von Grimmelshausen, sich ein solches Hörrohr hergestellt gehabt, und das ist in keiner Weise zu verwundern, denn gerade im siebenzehnten Jahrhundert hat man unzählige Versuche über die beste Form der Sprach- und Hörrohre angestellt. Der abenteuerliche „Simplicissimus“ erzählt im ersten Capitel des dritten Buches seiner Lebensbeschreibung:

„Darneben erdachte ich ein Instrument, mit welchem ich bei Nacht, wann es Windstill war, eine Trompete auf drey Stundwegs[WS 1] von mir blasen, ein Pferd auf zwo Stund schreyen oder Hunde bellen, und auf eine Stunde weit die Menschen reden hören konte, welche Kunst ich sehr geheim hielt und mir damit ein Ansehen machte, weil es bey jedermann unmöglich zu seyn schien. Bei Tag war mir besagtes Instrument (welches ich gemeiniglich neben einem Perspektiv im Hosensack trug) nicht viel nutz, es wäre dann an einem einsamen stillen Ort gewesen; dann man mußte von den Pferden und dem Rindvieh an bis auf den geringsten Vogel in der Luft oder Frosch im Wasser alles hören, was sich in der gantzen Gegend nur regte und eine Stimme von sich gab. … Ich wil einen Menschen bei Nacht, der nur so laut redet, als seine Gewohnheit ist, durch ein solches Instrument erkennen, er sey gleich so weit von mir als ihn einer durch ein Perspektiv bei Tag an den Kleidern erkennen mag. Ich kan aber keinen verdenken, wenn er mir nicht glaubet, was ich jetzund schreibe, dann es wollte mir keiner glauben von denjenigen, die mit ihren Augen sahen, als ich mehrbedeut Instrument gebrauchte und ihnen sagte: Ich höre Reuter reiten, dann die Pferde seyn beschlagen; ich höre Bauern kommen, dann die Pferde gehen barfuß … es ist ein Dorff um diese oder jene Gegend, ich höre die Hanen krähen u. s. w. … Meine eigenen Cameraden hielten anfangs diese Reden vor Bossen, Thorheften und Aufschneyderey, und als sie im Werck befanden, daß ich jeder Zeit waarsagte, muste alles Zauberey, und mir, was ich ihnen gesaget, vom Teuffel und seiner Mutter offenbaret worden seyn.“

Ohne Zweifel ist also das Megaphon schon im Dreißigjährigen Kriege gebraucht worden. Auch Edison hebt hervor, daß man vermittelst desselben eine tausend und mehr Schritt entfernte Person im Grase gehen höre. Um sich gegenseitig mit diesem Instrumente auf größere Entfernungen, z. B. für Seezwecke, mündlich verständigen zu können, hat Edison noch ein in der Mitte auf dem Stativ befindliches Sprachrohr von ähnlichen Dimensionen, aber mit weiterem Mundstück hinzugefügt; die Correspondenten müssen beide diese drei Trichter zur Verfügung haben.




Die Louise-Büchner-Stiftung. Der letzte in Wiesbaden unter großer Theilnahme abgehaltene Congreß der deutschen Frauen-Vereine hat sich durch die einstimmige Annahme eines von dem Berliner Lette-Verein ausgegangenen Antrags auf Errichtung einer Louise-Büchner-Stiftung um das Wohl des weiblichen Geschlechts, namentlich der unteren Volksclassen, ein besonderes Verdienst erworben; diese Stiftung soll durch ihren Namen zugleich das Andenken an die leider zu früh dahingegangene Vicepräsidentin des „Alice-Vereins für Frauenbildung und -Erwerb“, Louise Büchner von Darmstadt, wach erhalten, welche bekanntlich mit seltener Energie und Ausdauer die letzten zehn Jahre ihres Lebens fast ausschließlich den Bestrebungen für Verbesserung des Looses ihres Geschlechts gewidmet hat. Die Berichterstatterin Fräulein Jenny Hirsch aus Berlin wählte als Grundlage für den zu stellenden Antrag einen der zweiunddreißig Aufsätze, welche vor Kurzem, aus dem Nachlasse der verstorbenen Louise Büchner gesammelt, unter dem Titel „Die Frau. Hinterlassene Aufsätze, Abhandlungen und Berichte zur Frauenfrage“ (Halle, Gesenius 1878) an die Oeffentlichkeit gebracht worden sind. In diesem, den Frauen-Verein für Gesundheitspflege in England besprechenden Aufsatze theilt die Verfasserin mit, welche großen Erfolge dieser Verein durch Verbreitung kleiner, populär geschriebener Schriften über Gesundheitspflege, Reinlichkeit, häusliche Oekonomie, Kindererziehung, bürgerliche Kochkunst etc., namentlich bei den Frauen der unteren Stände, erzielt habe.

Ein Hauptzweck der Louise-Büchner-Stiftung soll nun in verwandter Weise die Verbreitung ähnlicher billiger Volksschriften sein. Zwar habe man von anderer Seite, in Anerkennung der zeitgemäßen Wichtigkeit dieses Gedankens, bereits derartige Versuche gemacht, aber hier sei der schöne Zweck mit Hülfe buchhändlerischer Speculation angestrebt worden, während die Stiftung beabsichtige, ihre Publicationen anfangs unentgeltlich oder nur zu den allerbilligsten Preisen zu verbreiten, auch durch Aufgabe passender Themata zur Bearbeitung und durch Preisausschreiben zu wirken.

Nach der Annahme des Vorschlags durch die allgemeine Versammlung wurde in der Delegirtenversammlung der geschäftsführende Ausschuß des deutschen Frauen-Congresses, welcher augenblicklich durch den Berliner Lette-Verein repräsentirt wird, beauftragt, die weiteren Schritte zur Ausführung des schönen Unternehmens zu thun, und wird derselbe wohl in Kürze einen öffentlichen Aufruf an die Frauen und Jungfrauen Deutschlands zur Betheiligung an der Stiftung ergehen lassen. Möchte der Erfolg nicht fehlen, und möchten die deutschen Frauen begreifen, wie wichtig ihre vereinigte Thätigkeit in dem angedeuteten Sinne für die Hebung ihres eignen Geschlechts und das Wohl der Nation werden kann!




Zur Frage der Farbenblindheit. Auf der einundfünfzigsten Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte zu Kassel kamen die interessanten Streitfragen über die Entstehung und die Verbreitung der Farbenblindheit, welche auch in den Spalten der „Gartenlaube“ im Laufe der jüngsten Jahre mannigfach berührt worden sind, zur Sprache und zum Austrag. Unsere Leser dürfte aus dem Vortrage, welchen der bekannte Augenarzt Dr. Stilling zu Kassel gehalten hat, der Nachweis interessiren, daß, im Gegensatz zu den Ansichten berühmter Sprachforscher, besonders Lazarus Geiger’s, das Auge der alten Völker keineswegs für die blaue Farbe unempfindlich gewesen, und besonders nach der Darwin’schen Theorie die Argumente der Philologen nicht stichhaltig seien. Der Genannte wies nach, daß die Art der Beweisführung jener Gelehrten auf der falschen Voraussetzung beruhe, die Entwickelung der Sprache habe mit der Empfindung gleichen Schritt gehalten; die tägliche Erfahrung am Menschen lehre dagegen deutlich genug, daß Empfindungen vorhanden seien, für welche es keinen sprachlichen Ausdruck gebe, oder, wie bei kleinen Kindern, erst das Wort für die Empfindung anerzogen werden müsse. Schlagend gegen die Theorien der Sprachforscher spreche das Verhalten der Farbenblinden, denen man heutzutage so massenhaft begegne. Wenn nämlich die Farbenblindheit ein zurückgebliebener Zustand aus früherer Entwickelung des Menschengeschlechts, ein sogenannter Atavismus wäre, so müßte, wenn die Wirklichkeit der Theorie entspräche, die Blaublindheit heutzutage am häufigsten vorkommen, dieselbe sei aber selten. Außerdem ist ihre Erblichkeit nicht nachgewiesen, während die Rothblindheit die gewöhnlichste Form und ihre Erblichkeit über alle Zweifel gestellt ist, und – gerade die Alten sollen die rothe Farbe gut unterschieden haben! Dieser einfache Widerspruch, meint Stilling, sei der beste Beweis gegen die Geiger’sche Theorie.

St.




Kleiner Briefkasten.

Abonnent in Hamburg. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Wir kommen in jedem Falle noch auf die Horstmann’sche Schwerkraft-Maschine, welche inzwischen eigenthümliche Schicksale gehabt hat, zurück. Ein neues Modell derselben hofft der Erfinder, zusammen mit dem rühmlich bekannten Mechaniker Fuchs in Bernburg, demnächst fertig zu stellen.

E. R. in Washington. Ungeeignet! Verfügen Sie über das Manuscript!

Ein alter Abonnent in Aachen. Ein Blick in Meyer’s Conversations-Lexikon lehrt, daß im wissenschaftlichen Sprachgebrauche „Stockfisch“ (Gadus) eine Fischgattung aus der Familie der Schellfische bezeichnet; zu dieser Gattung werden der Kabeljau mit seiner Jugendform, dem Dorsch, der eigentliche Schellfisch, der Merlau oder Wittling etc. gerechnet.



Verantwortlicher Redacteur: Dr. Ernst Ziel in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. In vorstehendem Artikel ist Deutschland nur beiläufig gedacht worden. Dieses liegt in der Natur der Arbeit, deren Zweck es war, nicht eine Darstellung der verschiedenen Bestrebungen, sondern eine allgemeine, Interresse erregende Schilderung zu geben. Wir beabsichtigen in einem späteren Artikel auf diese Angelegenheit zurückzukommen und bemerken jetzt nur noch, daß die „Gartenlaube“ bereits früher wiederholt derselben gedacht hat. Das Taubstummenbildungswesen wurde behandelt in den Artikeln. „Stille Leute“, Jahrg. 1861, S. 599, “Aus der Welt des Schweigens“, Jahrg. 1869, S. 40, „Samuel Heinicke“, Jahrg. 1870, S. 85; die Blindenerziehung in dem Artikel „Die Blindenanstalt in Dresden“, Jahrg. 1860, S. 427, vergl. auch „Der Apostel der Blinden“ (Friedrich Scherer), Jahrg. 1859, S. 732; das Idiotenbildungswesen in dem Artikel über Hubertusburg, Jahrg. 1858, S. 154.
    Die Red.
  2. Die Gallerie der Frauen der französischen Revolution, die wir früher in dieser Zeitschrift gebracht, bleibt unvollständig, so lange die wilde Théroigne in derselben fehlt; ihr ergänzendes Charakterbild erst schließt sie passend ab.
    D. Red.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Stunbwegs