Epistel-Postille (Wilhelm Löhe)/Judica

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Am Sonntage Judica.

Ebräer 9, 11–15.
11. Christus aber ist gekommen, daß er sei ein Hoherpriester der zukünftigen Güter, durch eine größere und vollkommnere Hütte, die nicht mit der Hand gemacht ist, das ist, die nicht also gebauet ist; 12. Auch nicht durch der Böcke oder Kälber Blut, sondern Er ist durch Sein eigenes Blut einmal in das Heilige eingegangen, und hat eine ewige Erlösung gefunden. 13. Denn, so der Ochsen und der Böcke Blut, und die Asche von der Kuh gesprenget, heiliget die Unreinen zu der leiblichen Reinigkeit; 14. Wie viel mehr wird das Blut Christi, der sich selbst ohne allen Wandel durch den heiligen Geist Gotte geopfert hat, unser Gewißen reinigen von den todten Werken, zu dienen dem lebendigen Gott. 15. Und darum ist Er auch ein Mittler des neuen Testaments, auf daß durch den Tod, so geschehen ist zur Erlösung von den Uebertretungen, die unter dem ersten Testament waren, die, so berufen sind, das verheißene ewige Erbe empfahen.

 DEr heutige Sonntag trägt vorzugsweise den Namen „Passionssonntag“, nicht bloß wegen der großen Nähe an der Osterwoche, sondern wohl auch deshalb, weil nun allmählich das Gedächtnis der Leiden Christi so sehr die Geister beherrscht, daß es auch am Sonntag die Seele nicht verläßt, und daß selbst die Wahl der Sonntagstexte von dem Andenken an JEsu Leiden regiert wird. Das heutige Evangelium, aus Joh. 8, 46–49 genommen, handelt von der unsträflichen und untadelichen Würde des Verhaltens JEsu. Majestätisch steht Er, das reinste Bewußtsein und eine himmlische Zuversicht regiert Ihn; aber Er steht mitten unter Seinen Feinden, Sein Wort säht nicht, Seine strahlende Unschuld weckt nur mörderischen Haß, und der Haß ist so groß, daß die Juden Steine ergreifen, um sie gegen Ihn zu werfen. Doch war Seine Stunde noch nicht gekommen, und Er war nicht für die Steinigung, sondern für’s Kreuz bestimmt; darum verbarg Er sich vor ihnen und strich mitten durch sie hin. Hier sehen wir also den HErrn nicht bloß in der Leidensnähe, sondern in schweren Leiden Seines Lebens mitten inne, die Ihm weißagen können, was endlich kommen wird. So wie nun das Evangelium ganz vom Gedanken| an die Leiden JEsu trieft, so führt uns auch der epistolische Text tief hinein in Betrachtungen, welche allein in dem Tode JEsu gründen. Da sehen wir unsern HErrn nicht bloß als den Unschuldigen und Reinen, wie im Evangelium, nicht bloß in majestätischer Ruhe durch den Haß Seiner Feinde hingehen; sondern da sehen wir Ihn angethan mit der hohenpriesterlichen Würde, und es erzählen uns die beiden ersten Verse des Textes Seinen Eingang in die vollkommene Hütte, Er wird uns dargestellt, wie Er eingeht mit Seinem eigenen Blute. Da haben wir ja, meine lieben Brüder, nicht bloß die volle Erinnerung an Blut, Leiden und Tod Christi, sondern zu gleicher Zeit die Darlegung ihrer großen Wirksamkeit bei Gott, die Erzählung, wie sie geltend gemacht werden im Himmel. In den zwei folgenden Versen des Textes schließt sich die Darlegung der seligen Folgen aller Leiden Christi auf Erden an. Und wie das Blut im ersten Theile des Textes im Himmel eine ewige Erlösung wirkt, so wird uns nun gezeigt, welch’ einen Frieden und große Freiheit dasselbe wunderbare Mittel auf Erden in den Herzen und Gewißen der Gläubigen hervorbringt. Endlich verkündigt uns der letzte Vers nicht bloß, was das Blut des HErrn im Himmel wirkt, sondern wie die Gläubigen durch Kraft des Blutes selbst in den Himmel gehen und das verheißene Erbe erlangen. Da werden uns also die herrlichen Folgen und Wirkungen der Passion gezeigt, auf daß wir desto würdiger werden, die Passion betrachtend selbst zu durchleben. Es wird uns das Auge geöffnet und dazu das Herz; und so gehen wir, angeregt zu desto größerer und tieferer Feier der heiligen Leiden JEsu, dem nahenden ernsten Schluße der Passionszeit entgegen.

 Es ist euch, meine lieben Brüder, eine bekannte Sache, daß der wunderschöne Brief an die Ebräer nichts anders ist, als ein ernstes Warnungsschreiben an Judenchristen, die in der Gefahr standen, vom Christentum wieder umzukehren zum Judentum und den einigen Erlöser ihrer Seele auf’s neue zu kreuzigen. Ihnen in der furchtbaren Versuchung zu dienen, schrieb der vom heiligen Geiste angeregte und regierte Verfaßer, Paulus oder wer es sonst gewesen sein mag, den köstlichen Brief, in welchem das alttestamentliche Wesen mit dem neutestamentlichen und die hervorragendsten Persönlichkeiten des alten Bundes mit dem HErrn Christo in einer solchen Weise verglichen werden, daß man meinen sollte, auch blinde Augen hätten den himmlischen Glanz JEsu Christi und Seines Reiches erkennen, auch sehr angefochtene Herzen aus aller Versuchung gerückt werden müßen. Insonderheit wird auch der alttestamentliche Hohepriester mit der neutestamentlichen Würde JEsu Christi, unsres Hohenpriesters, verglichen, und unser heutiger Text enthält aus dieser Vergleichung ein wunderschönes Stück voll Licht und Lehre über die Wirkung der hohenpriesterlichen Geschäfte JEsu Christi im Himmel und auf Erden. Wie bereits bemerkt wurde, bilden die zwei ersten Verse des Textes einen zusammengehörigen Theil desselben, den laßt uns nun mit Aufmerksamkeit betrachten.

 Christus ist kommen, sagt der heilige Schriftsteller, daß Er sei ein Hohenpriester der zukünftigen Güter.“ Christus ist hier nicht bloß mit dem Hohenpriester des Alten Testamentes verglichen, sondern Er ist geradezu ein Hohenpriester genannt. Die Rede ist nicht ein Gleichnis, sondern viel eher könnte man sagen, der alttestamentliche Hohepriester sei ein Gleichnis und Abbild JEsu Christi gewesen. Christus ist der wahre Hohepriester und heißt in unserm Texte ein Hoherpriester der zukünftigen Güter. Das kann nichts anders heißen als: Er ist ein Hohepriester, der uns die zukünftigen Güter, die Güter der zukünftigen Welt verschafft. Der alttestamentliche Hohepriester war rein eine Vorbedeutung Christi und schattete die zukünftigen Güter ab, ohne daß er es vermochte, sie durch seinen Dienst zu geben; in Christo aber besitzen wir Alles, und Seiner heiligen und mächtigen Wirkung verdanken wir es, daß wir, obwohl noch hier in der Zeit wandelnd, bereits einen ewigen Besitz haben und genießen. Da wird uns also in den ersten Worten des Textes die Frucht der Arbeit JEsu Christi bereits im Allgemeinen vor die Augen gemalt. – Der Hohepriester aber muß ein Heiligtum haben, in welchem er Priesteramts pflegt und den Segen der zukünftigen Güter den Seinen verschaffen kann. Die Schrift bezeugt es ja ausdrücklich, daß die Hütte des Alten Testamentes, so wie der Tempel, der hernach an ihre Stelle trat, nicht Urbilder, sondern Vorbilder einer himmlischen Hütte und eines ewigen Tempels gewesen sind, so daß wir uns also den ewigen Hohenpriester| Christus in ein ewiges Heiligtum denken müßen. Zwar wißen wir ja wohl, daß es auch unter den Christen gar viele gibt, die es wie eine Art von Beschränktheit und Aberglauben ansehen, es „fleischlich und irdisch gesinnt“ nennen, wenn man in allem Ernste von einer Hütte und einem Tempel der Ewigkeit redet, die es auch durchaus verwerfen, wenn man Stellen des neuen Testamentes, die davon reden, anders als geistlich, wenn man sie wörtlich nimmt, wie sie stehen. Allein wenn doch die irdischen Dinge nur Vorbilder der ewigen sind, und uns der HErr in jener Welt von ihnen die wesenhaften und unvergänglichen Urbilder zeigen will, wenn Er uns von den ewigen Dingen erzählt in Ausdrücken und Worten, die gar keine geistliche Deutung zulaßen, entweder gerade das meinen, was sie sagen, oder überhaupt nichts Klares und Deutliches offenbaren; wie soll man sich da gegen die Worte wehren, die geschrieben sind? So sagt unser Text: „Christus sei ein Hohepriester der zukünftigen Güter durch eine größere und vollkommnere Hütte, die nicht mit der Hand gemacht ist, das ist, die nicht also gebauet ist.“ Diese Worte sagen gewis, daß die ewige Hütte, der ewige Tempel vollkommner, nicht von Händen gemacht und nicht gebaut ist, wie der Bau des Alten Testamentes, nicht von Holz und Steinen; aber von einer ewigen Hütte reden sie doch. Ist sie vollkommener als die Hütte, die beim Sinai gemacht ist, so wird sie doch durch die Vollkommenheit nicht etwas anderes, sie hört nicht auf, eine Hütte zu sein, und sei sie auch immerhin nicht desselben Baues, wie die Hütte Aarons und Mosis, übertrifft sie diesen Bau, wie überhaupt die Ewigkeit die Zeit, und der Himmel die Erde übertrifft, so ist damit doch nicht gesagt, daß alle Aehnlichkeit zwischen beiden aufgehoben sein soll, daß das Vorbild dem Urbild nicht gleich sei, daß in jener Welt etwa bloß Ideen und Gedanken herrschen, wie allenfalls in dieser die Bilder und Vorbilder. Im Gegentheil, es wird durch den Ausdruck und die Worte, die gebraucht sind, die Seele belehrt, daß es in der Ewigkeit einen Ort, und im Himmel einen durch Gottes eigene Meisterhand auferbauten Tempel gebe, der an Wesenheit alle hiesigen Vorbilder übertrifft. Das, meine lieben Brüder, ist innerhalb der Kirche Gegenstand verschiedener Richtungen geworden. Während die einen in der Ewigkeit keinerlei Art von Leiblichkeit haben wollen, finden es die andern als überaus schön und herrlich, ja geradezu für das Herrlichste, was uns über die Ewigkeit offenbart wird, daß es dort eine Leiblichkeit gibt, – und während die erste Richtung der Leiblichkeit und Form gar keinen Werth beilegen will, behaupten die andern, daß die Apostel ihre Worte nicht anders könnten gemeint als gesagt haben, und daß daher die größten Lehrer, die es jemals außer Christo unter der Sonne gab, geirrt haben müßten, wenn es in der Ewigkeit keine Leiblichkeit gäbe. Es mag ein jeder Christ sich auf eine oder die andere Seite entscheiden, wie er es für das Gerathenste hält, immerhin aber wird es denen, die ihre geistlichen Deutungen, Auffaßungen und Ansichten in jede Bibelstelle hineinzutragen sich erkühnen, schwer werden, mit den einfachen und realen Worten der Apostel fertig zu werden. –
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 Daß Christus ein Hoherpriester der zukünftigen Güter sei und Seines Amtes in einem ewigen Tempel walte, in einer größeren und vollkommneren Hütte als die alttestamentliche Hütte des Vorbilds war, ist bereits Vers 11 erklärt. Ist Er aber ein Hoherpriester, waltet Er Seines Amtes in einem Tempel; soll Er kraft desselben Güter zu Wege bringen; so muß Er auch ein hohenpriesterliches Mittel haben. Der Hohepriester des Alten Testamentes gebrauchte vorbildlich das Blut der Böcke und Kälber, mit welchem er in das Heiligtum eingieng. Dem ewigen Hohenpriester aber ziemt ein anderes Mittel der Entsühnung derer, für welche Er Hoherpriester ist; dies Mittel aber ist Sein eigenes Blut. Er ist der Hohepriester der Welt und ist auch das Opfer für die Welt, Sein Altar, der Brandaltar der ganzen Welt, steht auf Erden und heißt Golgatha, die Hütte aber, in welche Er eingeht nach vollbrachtem Opfer, steht im Himmel. Das Opfer geschieht in dieser Welt, der Ort, wo Er es geltend macht, wie der Hohenpriester des Alten Testamentes auch seine Opfer im Heiligtume des Alten Testamentes geltend machen mußte, ist in jener Welt. Es fragt sich nun, wohin man den Eingang JEsu in’s ewige Heiligtum und die Geltendmachung oder Eintragung Seines Blutes in die ewige Hütte der Zeit nach zu stellen habe. So wie im Tempeldienst des Alten Testamentes zwischen dem Opfer und der Geltendmachung desselben durch Eintragung des Blutes in’s Heiligtum ein| Unterschied war; so ist im Ebräerbriefe ein Unterschied gemacht zwischen dem hohenpriesterlichen Opfer JEsu auf Golgatha und dem Eingang in’s Heiligtum des Himmels mit Seinem Blute. Das Opfer ist Ein Mal geschehen; Christus hat mit Einem Opfer in Ewigkeit vollendet Alle, die geheiligt werden. Ebenso ist Er nur einmal eingegangen ins Heiligtum mit Seinem eigenen Blute und hat damit eine ewige Erlösung und Sühnung der Seinen gefunden. Die Besprengung der Seinen mit Seinem Blute, die Anwendung desselben auf die Einzelnen und ihre einzelnen Sünden und Zustände geschieht zu millionen Malen, seitdem der HErr eingegangen ist. Sein Eingang selbst aber ist Einer und die Geltendmachung Seines Blutes am Tage des Eingangs vor Gott dem HErrn hat ewige Folgen. Ein für allemal wird Ihm in Kraft Seines hohenpriesterlichen Opfers und Eingangs die Macht gegeben, die erworbene Sühnung und Erlösung auf Alle, die bei Ihm Zuflucht nehmen, in allen Zeiten und Ewigkeiten anzuwenden. Es fragt sich hier an dieser Stelle nur, in welche Zeit der Eingang des HErrn selbst zu setzen ist. Bei der in der Schrift begründeten Scheidung zwischen Opfer und Eingang können wir wohl kaum anders, als den Himmelfahrtstag als Tag des Eingangs nehmen. Wie der HErr an diesem Tage Sein ewiges Königtum antritt, so trägt Er an demselben Sein Blut in’s himmlische Heiligtum und beginnt dortselbst Seine hohenpriesterliche Thätigkeit, lebt immerdar und bittet für uns in der Kraft Seines redenden Blutes, dem wunderbarer Weise nach Ebr. 12, 24. in der ewigen Stadt seine besondere Stelle gesichert bleibt.
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 Man kann bei den letzten Worten die Frage aufwerfen, ob man sich denn wirklich das Blut JEsu Christi gewißermaßen leiblich in die Ewigkeit denken müße, so wie man sich den Leib des HErrn JEsus in die Ewigkeit denken muß, oder ob die Ausdrücke der heiligen Schrift, deren buchstäbliche Auffaßung eine solche Deutung begründen könnte, der Absicht des Apostels nach nur auf die Wirkung des Blutes oder des Opfertodes zu beziehen sei. Es läßt sich nicht leugnen, daß die Beantwortung des ersten Theils unsrer Frage mit „Ja“, für die Auslegung der heiligen Schrift eine folgenreiche ist. Wenn es Lehre der heiligen Schrift ist, daß Fleisch und Blut das Reich Gottes nicht sehen sollen, so ist es offenbar, daß diese Lehre nur von dem sterblichen Fleische reden kann, denn es gibt ja auferstandene, für die Ewigkeit bestimmte Leiber, und der Leib unseres HErrn JEsu Christi des Auferstandenen insonderheit ist ebensowohl ein wahrhaftiger Leib, als ein Leib, der das Reich Gottes sieht, ja sogar mit im Regimente dieses Reiches sitzt. Und wie nun dem Leibe selbst eine ewige Währung zuzuschreiben ist, so scheinen sich auch die heiligen Schriftsteller, wenn sie von dem Blute JEsu Christi reden, keineswegs allein auf Kraft und Wirkung des Blutes zu beziehen, sondern auch auf das Blut selbst, und demselben ein Dasein und eine Wirksamkeit in der Ewigkeit zuzuschreiben. So ist ja in unserer Stelle das Blut des ewigen Hohenpriesters bei Seinem Eingang in die ewige Hütte als Sühnungsmittel nicht in Seinem verklärten Leib, sondern wenn man so sagen darf, in Seine Hand zu denken. Er geht Ein Mal ein in das Heilige durch Sein eignes Blut; da ist der Eingang des Leibes und das Blut, welches hinein getragen wird in das Heiligtum, von einander getrennt und geschieden dargestellt. Ebenso ist es in der bereits erwähnten, berühmten Stelle aus dem zwölften Kapitel des Ebräerbriefes, in welcher von dem 22. Verse an das himmlische Jerusalem beschrieben wird. Da findet man die Myriaden Engel, die lobpreisende Versammlung und Kirche der Erstgebornen, die im Himmel angeschrieben sind, Gott den Richter über alle, und die Geister der vollendeten Gerechten, dazu den Mittler des Neuen Testamentes, „JEsum, und das Blut der Besprengung, das beßer redet denn Abels Blut“. Man findet also den Mittler und Sein Blut, das Blut aber überdies bezeichnet als Blut der Besprengung, also gesondert vom Leibe, von dem leibhaftigen Erlöser und Mittler selbst als Besprengungs- und Sühnungsmittel gebraucht, so daß man sich des Gedankens nicht erwehren kann, es werde dem Versöhnblut des Erlösers ein besonderes Dasein und andauerndes Wirken in der ewigen Gottesstadt zugeschrieben. Der selige Probst Albrecht Bengel verbreitet sich einmal in seinem berühmten Gnomon über den Artikel vom Blute Christi, faßt zusammen, was die Schrift darüber in sich hält, und eröffnet dadurch in dem Leser eine Menge Gedanken, die in der Kirche gerade nicht herkömmlich und allgemein verbreitet gefunden werden, aber groß und wichtig genug sind, um Nachdenken zu erregen und den Gedanken| zu erwecken, der einem auch sonst so oft beim Lesen der heiligen Schrift kommt, daß uns die Ewigkeit viele Dinge offenbaren wird, von denen wir keine Vorstellung hatten, sowie daß in derselben die Leiblichkeit sich in einem Glanze, in einer Verklärung, aber auch in einer Wesenheit und Wirklichkeit enthüllen wird, von welcher am allerwenigsten diejenigen etwas ahnen können, denen die gesammte Ewigkeit zu einem puren Reiche der Gedanken zusammenschmilzt. Wir wenden den Blick von diesem Gegenstande, um weiter zu gehen und die Wirkung des Blutes JEsu zu betrachten, nachdem wir uns den Hohenpriester, die ewige Hütte, den Eingang des HErrn JEsus in dieselbe und das Blut vor Augen gestellt haben, durch welches uns eine ewige Erlösung zu Theil wird.
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 Der Hohepriester des Alten Testamentes trug nicht bloß das Blut des Versöhnopfers in den Tempel, sondern er wendete dasselbe auch auf die Opfernden an. Für sittliche Uebertretungen der zehn Gebote gab es im Alten Testamente nur Strafe, kein Versöhnen; alle Opfer bezogen sich bloß auf Uebertretung der gottesdienstlichen Gebote, auf sogenannte levitische Reinigkeit und Unreinigkeit. Dagegen aber bedarf ja der Mensch am allermeisten der Beruhigung für die Sünden, durch welche er Gottes Gebote im inneren oder äußeren Leben übertrat, und es muß daher, wenn ihm zeitlich und ewig wahrhaft wohl werden soll, eine Versöhnung und ein Sühnmittel für diese Sünden geben; die Gewißen müßen gereinigt werden von dem todten Werk, damit der Mensch Gott seinem HErrn dienen könne. Und diese Beruhigung und Reinigung geschieht nun eben durch die Anwendung des Blutes JEsu auf die Seele des Sünders. Deßwegen sagt der Apostel in unserm Texte: „So der Ochsen und der Böcke Blut und die Asche von der Kuh gesprenget heiligte die Unreinen zu der leiblichen Reinigkeit; wie viel mehr wird das Blut Christi, der Sich Selbst ohne allen Wandel, durch den heiligen Geist Gotte geopfert hat, unser Gewißen reinigen von den todten Werken, zu dienen dem lebendigen Gott.“ Da das Blut JEsu Christi das Blut des einigen, untadelichen, im heiligen Geiste dargebrachten Opfers ist, also ein wahrhaftiges, ja das allein wahrhaftige Opferblut, so darf der Mensch desselben nur theilhaft werden, um Beruhigung zu erlangen. Ist durch dies Blut eine ewige Erlösung zu Wege gebracht, ist es im Himmel vorhanden und redet beßeres denn Abels Blut, wird im Himmel Friede vom HErrn für den Sünder durch dasselbe erlangt, warum sollte es dann nicht auch das unruhige Herz eines armen Sünders auf Erden zufrieden stellen können? Das Sühnmittel, welches so außerordentlich im Himmel wirkt, muß die geringere Wirkung auf Erden hervorbringen können, wenn Gott es auf Erden will wirken laßen. Daß Er aber will, kann keinem Zweifel unterliegen, weil ja gerade das der göttliche Sinn des Vorbildes ist, gerade deswegen das Blut der alttestamentlichen Opfer gegen Gott hin und auf den Opfernden gesprengt wurde, daß angedeutet würde, ein und dasselbige Mittel wirke bei Gott den Frieden gegen den Sünder und ebenso Frieden im Herzen des Sünders auf Erden. Es handelt sich daher nur darum, daß uns gezeigt werde, wo und wie das neutestamentliche Bundesblut auf uns angewendet werde. St. Johannes sagt: „Das Blut JEsu Christi, des Sohnes Gottes, macht uns rein von aller Sünde.“ Wo geschieht nun das und wie? Man könnte darauf sagen: der Sünder könne sich selber der Kraft des Blutes JEsu Christi theilhaftig machen, wenn er sich nur gläubig und betend zu Gott und dem ewigen Hohenpriester wende; so oft der Mensch im Glauben es begehre, gehe nach Gottes Willen die Kraft des Blutes aus und suche das Herz heim. Oder man könnte sagen: die ewige Erlösung sei nun einmal gefunden, wer im Glauben bete, der nehme eben damit seinen Antheil aus dem unermeßlichen Schatze. Allein das scheint denn doch nicht der volle Sinn der vorhandenen biblischen Stellen und des Vorbildes zu sein. Man hätte ja auch bei den Reinigungsmitteln des Alten Testamentes sagen können, es sei völlig genug, daß sie in’s Heiligtum getragen werden, es bedürfe keiner besondern Anwendung desselben auf den Opfernden, derselbe brauche sich nur der Eintragung der Reinigungsmittel in’s Heiligtum ganz einfach zu getrösten. Dennoch findet es sich anders, und es ist eine besondere Anwendung und Zutheilung der Reinigungsmittel auf und an den Opfernden befohlen. Man wird daher auch schließen müßen, daß im Neuen Testamente das Blut JEsu Christi, des Sohnes Gottes, dem gläubigen Sünder auf eine besondere Weise werde mitgetheilt| werden, und daß der Ausstreckung des menschlichen Begehrens nach dem göttlichen Mittel auch göttliche Handlungen der Darreichung entsprechen werden, und es frage sich daher nur, welche dieselben seien. Bei der Beantwortung dieser Frage tritt dem einfältigen Betrachter wohl ohne Zweifel zuerst das heilige Abendmahl in’s Gedächtnis. Die alttestamentlichen Opfermahle hatten allerdings auch einen Kelch, aber keinen, der mit dem Blute des vorbildlichen Opfers gefüllt gewesen wäre. Das ist die Auszeichnung des neutestamentlichen Bundesmahles, daß hier nicht etwa eine bloße Besprengung mit dem Blute Christi statt findet, sondern mehr, daß wir das Blut unsers Versöhnopfers mit unsern Lippen faßen und trinken. Gewis können wir auch unter allen Mitteln der Gnade keines finden, das so ganz eigentlich zur Mittheilung und Anwendung des Blutes JEsu auf uns verordnet wäre, als das heilige Mahl, deßen reinigende und entsündigende Kraft Millionen von Christen, die bisher gelebt haben, empfindlich geworden ist. Zwar weiß ich nicht, ob ich es einen unter uns geläufigen Gedanken nennen kann, daß das Blut JEsu Christi des Sohnes Gottes im Abendmahle uns rein macht von aller Sünde und unser Gewißen reinigt von den todten Werken, zu dienen dem lebendigen Gott. Aber ich hoffe, meine lieben Brüder, daß der Gedanke werth und berechtigt ist, euch recht geläufig zu werden, und daß er tief in den Worten der Einsetzung gründet, da Christus spricht: „das ist Mein Blut, das für euch und für viele vergoßen wird zur Vergebung der Sünden.“ Wozu es vergoßen ist, dazu wird es auch gereicht, genommen, getrunken. Was der HErr mit Seiner Aufopferung erworben hat, das theilt Er uns zu in Seinem heiligen Mahle, und macht uns dieses zu einer Gelegenheit und zu einer Handlung der seligsten Besprengung, der Reinigung, der Vergebung, der Befriedigung. Ueberlegen wir das recht, so werden wir desto fröhlicher zu der Mahlzeit JEsu gehen und in ihr das dem ewigen Hohenpriester, der in das Heiligtum eingegangen ist, angenehmste, von Ihm Selbst schon vor Seinem Leiden und Bluten auserwählte Mittel der Anwendung Seines redenden Blutes auf die Einzelnen erkennen. Doch glaube ich, daß es nicht im Sinne des Ebräerbriefes liegt, bei der Besprengung mit dem Blute JEsu Christi nur an das heilige Abendmahl zu denken, sondern daß auch das heilige Sakrament der Taufe ein Mittel der Besprengung genannt werden kann. Martin Luther sagt in seinem berühmten Taufliede: „Das Aug’ allein das Waßer sieht, wie Menschen Waßer gießen; der Glaub im Geist die Kraft versteht des Blutes JEsu Christi; und ist vor ihm ein rothe Fluth, von Christi Blut gefärbet, die allen Schaden heilen thut, von Adam her geerbet, auch von uns selbst begangen.“ Was aber Martin Luther sagt und singt, das stimmt ganz mit unserm Briefe, in welchem es Kapitel 10, 22 vom Eingang der Gläubigen ins Heilige des Neuen Testamentes heißt: „So laßet uns nun hinzu gehen mit wahrhaftigem Herzen in völligem Glauben, besprengt in unsern Herzen und los von dem bösen Gewißen, und gewaschen am Leibe mit reinem Waßer.“ In diesem Verse ist die Besprengung der Herzen, die Lösung vom bösen Gewißen und die Waschung mit reinem Waßer so zusammengestellt, daß man weder vom ersten zum dritten, noch vom dritten zum ersten einen Fortschritt nach der Zeit erkennen kann, sondern alle drei Handlungen am Ende zusammenfallen laßen muß in Eine Zeit, ja in Eine Handlung, nemlich in die der heiligen Taufe. Damit hat man ein Zeugnis der heiligen Schrift vor Augen, daß auch in der Taufe eine Besprengung mit dem Blute JEsu Christi geschieht. Da sehen wir denn im ersten Sakramente, welches uns angedient wird, in der heiligen Taufe, den Anfang der Mittheilung des Blutes JEsu, eine Waschung und Reinigung; im heiligen Abendmahle aber die Fortsetzung, eine immer neue Reinigung und Waschung, und zugleich eine Ernährung und Speisung zum ewigen Leben, welche über alle unsere Begriffe geht. Es ist gar nicht nöthig, uns die Frage zu beantworten: ob uns das Blut JEsu Christi noch auf einem andern Wege als dem der heiligen Sakramente zu Theil wird, da ja die beiden Sakramente einen Brunnen des Reichtums erschließen, der uns allein schon befriedigen kann und die betende Ueberlegung der uns gegebenen Offenbarung, daß wir in den Sakramenten den Dienst und das Sühnungsmittel des ewigen Hohenpriesters genießen, unsre Seelen immer tiefer hinein führen kann in den Frieden eines mit Gott versöhnten Gewißens. Wahrlich, es thut sich uns hier ein Himmel auf Erden auf, die Erde wird zum Vorhof des ewigen Heiligtums; was jenseits geschieht, wird diesseits empfunden,| und von der Verwaltung des ewigen Hohenpriestertums empfangen wir beim Annahen in’s Heiligtum des Sakramentes die glaubwürdige, himmlische Botschaft. Da ist es, wie wenn sich der Tempel der Ewigkeit bis herein in die Zeit erstreckte, wie wenn die Feier des Sakramentes selbst zu dem himmlischen Heiligtum gehörte, wie wenn uns bei derselben nur eine schmale Scheidewand von dem erhabenen Orte trennte, wo Christus, der Allgegenwärtige, Sein ewiges hohenpriesterliches Amt vollzieht. Himmel und Erde schließen sich bei den Sakramenten zusammen, und wir haben ohne Zweifel Ursache, darüber besonders fröhlich und freudig zu sein.

 Bei dem bisher Gesagten haben wir noch nicht Gelegenheit gefunden, den Zusammenhang der Worte: „das Blut JEsu Christi wird unser Gewißen reinigen von den todten Werken, zu dienen dem lebendigen Gotte,“ etwas stärker zu betonen. Die todten Werke sind doch jedenfalls keine andern, als die von uns im Zustande des geistlichen Todes vollbrachten Werke. Todte Werke sind diejenigen, die keine Zeichen vorhandenen göttlichen Lebens sind, keinen Samen des ewigen Lebens in sich tragen. Von diesen Werken des Unglaubens und der nächtlichen Finsternis, die auf dem Gewißen wie Grabsteine lasten, sollen wir befreit werden und dagegen Lust und Freude bekommen, unser ganzes Leben zu einem Gottesdienste werden zu laßen. Das Blut, das uns reinigt, stärkt uns auch auf eine unbegreifliche Weise und nährt unser inneres Leben, so daß wir dann Muth und Kraft gewinnen, dem Gott auf Erden zu dienen, Deßen ewiger Hoherpriester uns mit den Geschäften seines Hohenpriestertums im Himmel dient. So geht dann durch die Kraft des Blutes JEsu mit der Entsündigung die Heiligung Hand in Hand, und es muß uns dadurch die Wirkung des Blutes Christi auf Erden nur desto größer und mächtiger erscheinen. Verleihe nur der barmherzige HErr, daß diese Macht und Größe nicht bloß von unserm Verstande aufgefaßt, sondern auch von uns innerlichst erfahren werde, da ja allerdings das Wißen nicht hilft, sondern allein die Aufnahme und Anwendung deßen, was wir lernen, in unser Gemüth und Leben.

 Den HErrn in Seinem ewigen Hohenpriestertum im Himmel hat uns unser Text gezeigt; ebenso sahen wir in den zwei zuletzt betrachteten Versen die Wirkung des Hohenpriestertums Christi auf Erden in den Herzen Seiner Heiligen. Da nun aber die Menschen nicht erlöst sind, um immerzu im dornenreichen Leben dieser Welt zu wandeln, im Gegentheil der Ort, wohin JEsus Christus vorangegangen, auch der Ort der Versammlung für Seine Gläubigen ist; so muß uns auch das Herz ruhig gemacht werden in Anbetracht der Heimkunft zu Ihm, welche ohne Zweifel selbst wieder eine Wirkung des hohenpriesterlichen Amtes JEsu ist. Diese Beruhigung empfangen wir aber im letzten Verse unsers Textes. Da heißt es: „Darum ist Er auch ein Mittler des Neuen Testamentes, auf daß durch den Tod, so geschehen ist zur Erlösung von den Uebertretungen, die unter dem ersten Testamente waren, die so berufen sind, das verheißene ewige Erbe empfahen.“ Also geschehen ist der Erlösungstod, gefunden eine ewige Erlösung, gesühnt sind die Uebertretungen, die unter dem Alten Testamente geschahen, gelungen ist die Mittler- und Hohenpriesterschaft und des HErrn Werk ist hinaufgegangen zum Siege. Nun gehen die Boten aus mit den heiligen Gnadenmitteln und tragen so Juden wie Heiden, die Kraft des Blutes JEsu, die göttliche Entsündigung und Beruhigung ihrer Seelen an. Damit wird zugleich alle Welt berufen zum ewigen Erbe, und die Berufenen sollen das ewige Leben empfangen. Was das ewige Leben sei, ist allerdings bis jetzt noch nicht erschienen; aber den weiten und hohen Namen können wir uns mit allen den Einzelheiten ausfüllen, welche die heilige Schrift von dem ewigen Glücke der Seligen so reichlich enthält. Es ist ja nicht wahr, was manche behaupten, daß die Schrift nur kärglich über das ewige Leben rede, und man könnte einer solchen Behauptung gegenüber ebenso wohl die andere setzen, daß über keinen andern Gegenstand so viel geredet und offenbart ist, als gerade über das ewige Leben. Es ist aber auch gar nicht nöthig, den Ausdruck „das verheißene, ewige Erbe“ ins Einzelne zu deuten. Diese Worte reden selber, wenn auch ganz allgemein, dennoch so klar, daß wir an ihnen, wie an dem Scheine einer lichten Wolke den Pforten der Ewigkeit entgegen gehen können. Ein Erbe, ein ewiges Erbe ist uns durch die Kraft der Versöhnung unsers Erlösers zugewendet, so viel hören wir, und das ist an und für sich selbst schon mehr, als| wir zu wißen brauchen, um Ruhe zu haben, weil sich damit ewiges Leben, ewige Seligkeit und ewige Verheißung ausspricht. – Dies ewige Erbe sollen aber die Berufenen empfangen. Es versteht sich dabei von selbst, daß das verheißene, ewige Erbe nicht jedem zu Theil wird, der mit dem äußeren Ohre die Berufung hört. Es gibt eben zweierlei Berufene, solche, die dem Rufe folgen, und solche, die ihm widerstreben. Die ersteren sind es, von denen hier die Rede ist. Dem Berufe folgen, was soll das heißen? Kann man dem Berufe zum ewigen Erbe folgen, ohne daß man die Welt verläßt und ihre Gesinnung, von der man weggerufen wird, und darf man die Welt verlaßen, ohne in die streitende Kirche einzugehen und in die Gemeinschaft ihrer Gnadenmittel zu treten? Das verheißene, ewige Erbe ist allerdings das Gegentheil der Welt und Weltfreude; diese ist der Ausgangspunkt, jenes ist der Eingangsort. Wer aber von dem einen ausgehen und zu dem andern eingehen soll, der muß auch den Weg nicht scheuen, der zwischen beiden mitten inne liegt; wer zu einem Ziele berufen ist, ist damit auch zu dem Wege berufen und zu den Mitteln, welche zum Wege fördern. Nun ist der Weg zu dem verheißenen, ewigen Erbe nichts anderes, als die streitende Kirche, die Mittel aber sind Wort und Sakrament, durch welche uns die Kraft des Blutes JEsu und das Blut selbst mitgetheilt wird. So ist es also offenbar, daß die berufenen Erben der ewigen Verheißung sich mit der sichtbaren, streitenden Kirche verbinden, ihre Sakramente genießen, bei ihr und ihren Segnungen aushalten, hoffen und glauben müßen, daß ihnen auf diesem Wege das Ziel und Kleinod nicht entgehen werde. Das aber war gerade die Sache der ebräischen Christen nicht; nicht wollten sie bei der Kirche aushalten, deren Gestalt ihnen zu ärmlich und gering erschien, deren Wachstum sich größtentheils unter denjenigen Schichten der Gesellschaft erzeigte, die von keiner hervorragenden Bedeutung waren. Da glänzte der Tempel auf Moria mit seinem goldenen Dach, seinen Opfern und Gottesdiensten, seinen Hohenpriestern und Priestern viel augenfälliger, und schien einen viel angenehmeren und herrlicheren Weg zu dem verheißenen ewigen Erbe zu eröffnen. Aber diese verkehrte, bloß menschliche Anschauung, da man gering achtet, was groß ist vor Gott, und hangen bleibt an dem, was Gott verlaßen will, hindert und hält auf, so daß man nicht erreichen kann, was man erreichen soll, und den Weg verfehlt, der zu der ewigen Heimat fördert. Dort sieht man die Majestät des Mittlers und Hohenpriesters des Neuen Testamentes, dort hört man Sein redendes Blut, dort ist der Gottesdienst und die Herrlichkeit, von welcher auch der Tempel Salomonis in seiner schönsten Glorie nur ein mattes Bild ist, dort belohnt sich die Treue, mit welcher man ausgehalten hat, und das ist eben die Meinung St. Pauli, daß man Treue halten und den von Gott verordneten Weg des Heiles nicht verlaßen solle, sondern ausharren, bis uns die ewige Herrlichkeit erscheint.

 Ihr erinnert euch, meine lieben Brüder, daß schon am Schluße der vorigen Predigt eine gleichartige für den heutigen Sonntag angekündigt wurde. Vielleicht wird der euch nunmehr vorgelegte Inhalt der heutigen Epistel nicht auf den ersten Blick als sehr gleichartig erscheinen. Indes ein wenig Besinnen und Nachdenken wird euch doch dazu verhelfen, den Zusammenhang zu sehen. Von der Rechtfertigung haben wir vor acht Tagen gesprochen, heute aber von dem Hohenpriestertum Christi im Himmel, von der Wirkung desselben in den Herzen und Gewißen der noch lebenden Gläubigen und von seiner Macht und Kraft denselben bei ihrem Abschied zu dem ewigen Erbe des Himmels zu verhelfen. Ist’s denn nun schwer, die Rechtfertigung und das Hohenpriestertum Christi in eine Verbindung zu setzen?

 Wenn wir unsern ewigen Hohenpriester, Mittler und Fürsprecher nicht hätten und Sein redendes Blut, woher sollte uns alsdann die Rechtfertigung kommen? Wird auch der ewige Vater irgend einen armen Sünder frei sprechen von Schuld und Strafe, wenn nicht Einer vorhanden ist, der in Kraft stellvertretender Leiden auf Schonung und Freispruch des Sünders anträgt? Die Rechtfertigung ist geradezu eine Frucht des Hohenpriestertums JEsu. Sie kommt auch in unserm Texte vor, wenn auch nicht unter dem Ausdruck „rechtfertigen“, so doch unter einem verwandten. Heißt es doch im zweiten Theile unseres Textes, daß uns das Blut JEsu Christi reinigen könne von den todten Werken. In diesem „reinigen“ liegt doch jedenfalls die Vergebung mit eingeschloßen. Die Vergebung aber ist ein so großer Theil der Rechtfertigung| selbst, daß diese ohne jene gar nicht bestehen, ja daß das Wort „Vergebung“ oft geradezu das Wort „Rechtfertigung“ vertreten kann. Ist es doch jedermann kund, daß in dem kleinen Katechismus Luthers, der sogenannten Laienbibel, das Wort „rechtfertigen“ auch nicht ein einziges Mal vorkommt, daß also der größte Meister in Behandlung der Lehre von der Rechtfertigung seit der Apostel Zeiten der ersten Forderung, die er selbst an alle christlichen Schriftsteller machte, nemlich von der Rechtfertigung zu reden, entweder selbst nicht genügt hat, oder nur dadurch, daß er von der Vergebung handelte. Rechtfertigen, das Gewißen reinigen, die Sünde vergeben, das geht alles zusammen, und nicht bloß das, sondern auch die Uebung des Hohenpriestertums JEsu und die Rechtfertigung; ist jene die Quelle, so ist diese das Waßer. Daher wird man wohl auch sagen können, daß die beiden Predigten von heute und vor acht Tagen, wie die beiden Texte in einem engen innern Verbande stehen, und überdies daß der heutige Text noch mehr als der vorige passionsmäßig ist, weil er von dem Hohenpriester des Neuen Testamentes, von deßen Blut und seiner Wirkung redet. – –

 Vom Blute JEsu redet er. Meine Brüder, das Blut JEsu Christi des Sohnes Gottes, das uns von Sünden reinigt, ist eine große Sache. Und sehr reizt es zum Nachdenken, daß wir im Haushalt des Alten und des Neuen Testamentes dies Blut so vielfach vorbedeutet und in Wirksamkeit finden. „Ohne Blutvergießen keine Vergebung“, sagt eine Schriftstelle: welch’ eine Bedeutung und Wichtigkeit des Blutes! Soll ich mich darauf einlaßen, es zu erklären, warum dem Blute so eine große Wichtigkeit zugeschrieben wird? Soll ich Meinungen und Ansichten Andrer vortragen, soll ich am Ende mehr sagen, als ich weiß? Daß das Blut, das Blut JEsu Christi, der Welt Reinigung und der Kirche Nahrung ist, lese ich im Buch der Bücher, ohne daß mir eine Erklärung nahe gelegt wird. Alles, was man sagen kann, stellt nicht völlig zufrieden. Es wird wohl am Ende alles tiefer liegen, als man sehen und sagen kann, und wir werden uns der völligen Lösung wegen bis in ein anderes Leben gedulden müßen. Einstweilen aber laßt uns das Blut JEsu Christi, je Größeres ihm zugeschrieben wird, desto mehr schätzen, und wer von uns etwa heute beim Sakramente aus den „blutgefüllten Schalen“ trinkt, der trinke in Verwunderung, aber in gläubiger Verwunderung, und freue sich, daß er bei diesem Mahle in alle Erfahrung unsers heutigen Textes eintreten kann. Amen.




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