Gegen das Nichts-Thun und für das Rechte-Thun beim Kranksein

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Autor: Carl Ernst Bock
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Titel: Gegen das Nichts-Thun und für das Rechte-Thun beim Kranksein
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aus: Die Gartenlaube, Heft 11; 16, S. 153-155; 223-224
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[153]
Aerztliche Strafpredigten.
Nr. III. Gegen das Nichts-Thun und für das Rechte-Thun beim Kranksein.




Beim Kranksein liegt zwischen dem Nichtsthun (d. h. dem in gewohnter Weise Fortleben) und dem Mediciniren (Arzneischlucken) noch eine Behandlungsart des erkrankten Körpers mitten inne, die freilich, aber ganz ungerechter Weise, von Laien und leider auch noch von vielen Aerzten für Nichts angesehen wird, obschon sie, wir wollen dieselbe die „diätetische“ nennen, die naturgemäßeste (physiologische) ist und, da sie die genaueste Kenntniß von der Einrichtung und Oekonomie unseres gesunden und kranken Organismus verlangt, auch nur von wirklich wissenschaftlich gebildeten Aerzten ängeordnet werden kann. Sie allein ist es, welche Krankheiten verhüten, im Keime ersticken oder am gefahrvollen Umsichgreifen verändern kann. Es gehört wahrlich dazu kein großes Wissen und kein besonderes Genie, um dieses oder jenes von den angepriesenen Arzneimitteln bei dieser oder jener ausgebildeten Krankheit verschreiben zu können, oder gar, wie dies die homöopathischen Aerzte und Laien thun, gegen hervortretende Krankheitserscheinungcn ein im homöopathischen Haus-, Familien- und Reisearzte u. s. f. empfohlenes Mittelchen aus der homöopathischen Haus-, Taschen- und Reiseapotheke hervorzulangen. Wohl bedarf es aber großer Umsicht und richtigen Wissens, bei einem Kranken ein passendes Verhalten in Bezug auf Nahrung, Luft, Licht, Wärme oder Kälte, Ruhe und Bewegungen u. s. w. anzuordnen. Denn es ist ein gewaltiger Unterschied, ob beim Unwohl- und Kranksein leicht- oder schwerverdauliche, flüssige oder feste, warme oder kalte, fett- oder elweißstoffreiche Nahrung, ob warmes oder kaltes Wasser, warme oder kalte Luft, ob helles oder gemäßigtes Licht, heiße, warme oder kalte Umschläge, Ruhe oder Bewegung u. s. f. in Anwendung gezogen werden.

Sehr oft sind es nur diese (physiologischen) Heilhülfsmittel, denen man die Besserung von Krankheitszuständen zu verdanken hat, während dies ganz mit Unrecht den medizinischen Eingriffen zugeschrieben wird. So ist z. B. in sehr vielen Fällen von äußeren und inneren Leiden die Wärme (in Gestalt warmer Luft, warmen Wassers, warmer Umschläge, warmer Bekleidung u. s. f.) das eigentlich Heilsame und Wirksame, nicht aber die nebenbei angewendeten Blutegel, Schröpfköpfe, Einreibungen, Pflaster, schweißtreibenden und anderen Mittel. So wirkt bei vielen Badecuren vorzugsweise das Wasser und die Luft heilend, nicht aber die im Wasser enthaltenen Mineralbestandtheile oder gar der Brunnengeist. Kurz die physiologischen Heilhülfsmittel, zu denen natürlich auch der in und auf unsere Nerven wirkende Elektro-Magnetismus zu zählen ist, die sind es, welche beim Kranksein hauptsächlich und weit mehr in Gebrauch gezogen werden müssen, als dies zur Zeit geschieht. Es versteht sich übrigens von selbst, daß man nicht etwa einem dieser Mittel bei allen oder sehr vielen Krankheiten aus besonderer Liebhaberei anhängen oder aus fanatischem Aberglauben eine ausschließliche Heilmacht zutrauen darf, wie dies leider noch viele Kaltwasserfanatiker, Badeärzte, schwedische Heilgymnasten und Magnetiseure thun. Jeder Fall von Kranksein muß gehörig durchschaut werden, soweit dies nämlich zur Zeit beim jetzigen Stande der Wissenschaft möglich ist, und er will dann auf diese oder jene passende Weise in seinem Verlaufe zum Gesundwerden unterstützt sein. Läßt er sich nicht durchschauen, dann sind, des Verf.’s Ansichten nach, die diätetischen Regeln zu beobachten, bei denen ebensowohl die Ernährung des ganzen Körpers wie der einzelnen, besonders der erkrankten Theile richtig von statten gehen kann; niemals darf aber blind und auf gutes Glück bald mit diesem oder jenem Mittel darauf loscurirt werden.

Als der wichtigste Anhaltspunkt bei Beurtheilung und Behandlung von Krankheiten muß die schon öfters angeführte, aber viel zu wenig anerkannte Thatsache gelten, daß unser Organismus von Natur so eingerichtet ist, daß Veränderungen in der Ernährung und Beschaffenheit der festen oder flüssigen Körperbestandtheile (d. s. die Krankheiten) solche Processe nach sich ziehen, durch welche jene Veränderungen entweder vollkommen, bald schneller bald langsamer gehoben werden (d. s. die Naturheilungsprocesse), oder die wohl auch bleibende, mehr oder weniger beschwerliche und gefährliche Entartungen, ja sogar Absterben des kranken Theiles oder des ganzen Körpers veranlassen. Natürlich muß bei jedem Kranksein der Naturheilungsproceß, so weit dies in unserer Macht steht, erstrebt und befördert werden oder man wird, wo dies nicht möglich ist, wenigstens denjenigen Proceß anzuregen versuchen müssen, welcher für die Zukunft den geringsten Nachtheil bringt. Von der kindischen Ansicht, die noch sehr viele Laien von der Heilkunst haben, daß der Arzt mit seinen Arzneien die Krankheit wie ein bestimmtes feindliches Etwas aus dem Körper austreiben oder auf erkrankte Organe seine Medicin wie ein Jäger seinen Hund auf einen Hasen hetzen, dadurch aber dieselben wie der Uhrmacher die schadhaften Theile der Uhr repariren könne, von dieser Ansicht sollte man sich doch endlich einmal trennen.

Die Ursachen, welche jene Veränderung in der Ernährung und Beschaffenheit unserer Körperbestandtheile, also Krankheiten hervorrufen (d. s. die Krankheitsursachen, Noxen, Schädlichkeiten), bleiben uns zur Zeit in den einzelnen Krankheitsfällen größtentheils unbekannt, obschon man im Allgemeinen recht gut weiß, was unserm Körper schadet, oder sie sind für uns, wenn wir sie auch kennen, sehr oft insofern nicht wichtig, wenigstens beim schon eingetretenen Kranksein, als sie jetzt nicht mehr in Wirksamkeit und überhaupt nicht mehr vorhanden sind. Nur in wenigen Fällen von Kranksein ist die Krankheitsursache noch auffindbar und zu entfernen, dadurch aber das Kranksein abzukürzen, selten sofort zu heben. – Auch die Folgen der Einwirkung einer Noxe sind für uns, hinsichtlich ihrer Heftigkeit, Dauer und Ausbreitung, sowie in Bezug auf ihren Sitz und ihre Art, in der Regel gar nicht zu bemessen, denn sie verhalten sich nach der Einrichtung (nach dem Grade der Reizbarkeit) unseres Körpers und nach dem Zustande seiner einzelnen Organe unendlich verschieden. So kann ganz dieselbe Ursache, welche bei dem einen Menschen eine sehr unbedeutende, schnell vorübergehende Störung in dem einen Organe erzeugt, bei einem andern ein lebensgefährliches oder unheilbares Leiden in einem ganz anderen Organe hervorrufen. Eine Erkältung z. B. veranlaßt bei dem Einen nur einen leisen Nasenkatarrh (Schnupfen), heim Andern dagegen tödtliche Herzbeutelentzündung, oder sie zieht wohl auch bleibende organische Herzfehler nach sich. – Sind in Folge schädlicher Einwirkung auf unsern Körper bestimmte krankhafte Veränderungen in demselben hier oder da eingetreten, dann lassen sich allerdings dieselben in vielen, leider aber nicht in allen Fällen, mit Hülfe der Wissenschaft erkennen und annäherungsweise auch in ihren etwaigen Folgen beurtheilen. Man kann dann ungefähr, aber in den meisten Fällen auch nur ungefähr und niemals mit Sicherheit, wissen, wie diese krankhaften Veränderungen durch bestimmte nachfolgende Processe entweder vollständig getilgt oder in andere, bleibende Leiden übergeführt werden können. Auch läßt sich dann, glücklicher Weise gar nicht so selten, ein günstiger Einfluß auf diesen oder jenen Ausgang einer Krankheit ausüben; aber freilich muß man, um diesen Einfluß ausüben zu können, den im bestimmten Falle etwa möglichen Verlauf einer Krankheit genau kennen. Einige Beispiele mögen vorläufig das Gesagte erläutern. Vom sogen. Schnupfen oder der katarrhalischen Entzündung (dem Katarrh) der Nasenschleimhaut weiß der Laie, daß derselbe in der Regel ohne alle ärztliche Hülfe ganz von selbst vergeht, dem gebildeten und vorsichtigen Arzte schwebt dabei aber immer auch noch die Möglichkeit vor, daß der Schnupfen, zumal bei Mißhandlung, Verdickung der Nasenschleimhaut (Stockschnupfen, Verstopfung der Nase und Geruchslosigkeit), Nasenpolypen, Geschwüre (Stinknase) und selbst Knochenfraß in der Nasenhöhle nach sich ziehen kann und er wird deshalb danach in jedem besondern Falle seine besondern Maßregeln ergreifen. – Beim Husten in Folge von Katarrh der Athmungsschleimhaut, der freilich in sehr vielen Fällen auch ohne alle Behandlung und Vorsicht vergeht, trifft trotzdem der gewissenhafte Arzt solche Anordnungen, daß aus diesem Katarrh, besonders bei kleinen Kindern, nicht etwa Croup (häutige Bräune), Keuchhusten, Lungenentzündung, Lungenerweiterung (Emphysem) u. s. w. erwächst. – Aeltere und fette Personen mit starren oder zu weichen, leichtzerreißlichen Blutgefäßwänden weiß der richtige Arzt dadurch vor Schlagfluß zu hüten, daß er ihnen das vermeiden läßt, was eine [154] Zerreißung der Gefäße im Gehirn veranlassen kann. – Den von Gicht Heimgesuchten kann der Arzt, ebenso wie den an Fettsucht oder Blutarmuth Leidenden sehr oft schon durch bloße Regulirung der Diät von allen seinen Beschwerden befreien; den Brustkranken wird er durch Athmungsregeln, den an Magen- und Darmübeln Erkrankten durch Trink- und Speiseregeln Hülfe schaffen können. Kurz der mit den Vorgängen im gesunden und kranken Menschenkörper vertraute Arzt wird in den allermeisten (freilich nicht in allen) Fällen von Kranksein ohne jede Arznei, nur durch Anordnen eines zweckmäßigen diätetischen Verhaltens hülfreiche Hand reichen können. Aber freilich nennt das die unwissende Menge „Nichtsthun,“ während sie das Quacksalbern von Charlatanen und Heilkünstlern, die den Kranken niemals untersucht und wohl gar nicht einmal gesehen haben, oder die wie die Homöopathen nur gegen die hervorstechendsten Krankheitserscheinuugen eine Masse von Nichtsen mit Arzneimittelnamen ganz ernsthaft durchprobiren, für gelehrtes Thun ansehen.

Was ist denn nun hiernach des Vf.’s Ansicht unb Behauptung? Jeder, wer sich unwohl oder krank fühlt, soll sofort „Etwas“ dagegen thun und zwar Das, was die unwissende Menge ebenso der Laien wie Aerzte „Nichts“ nennt, d. h. er soll eine zweckmäßige diätetische Behandlung seines Körpers einschlagen und nicht in seinem alten Schlendrian so lange fortleben, bis er nicht mehr fort kann, was der Bf. „Nichtsthun“ nennt. Thäte man gleich beim Beginne von Krankheiten dieses Etwas, es würden sicherlich viele Leiden bald nach ihrem Entstehen wieder vergehen oder doch keine so große Ausbreitung, Dauer und Gefährlichkeit erreichen, wie dies zur Zeit sehr oft der Fall ist, zumal bei Kinderkrankheiten. Fragte man aber schon bei gesunden Tagen einen wissenschaftlich gebildeten Arzt um Rath und ließe sich über die seinem Körperzustande dienliche Lebensweise unterrichten, dann käme es weit seltener zum Krankwerden, als jetzt, wo man lange suchen muß, ehe man einen ganz gesunden Menschen findet; gesunde Frauen scheint es gar nicht mehr zu geben. – Bei dieser Ansicht, wenn sie einmal ordentlich Eingang bei der großen Masse gefunden haben wird, hofft der Vf., daß „der Arzt der Zukunft“ der Menschheit weniger durch Curiren, als durch Abhalten von Krankheiten Nutzen schaffen wird. In der Gegenwart freilich, wo der Bildungsgrad ebenso der hoch- wie niedriggestellten Menschheit in Bezug auf die Kenntniß und Behandlung ihres Körpers und ihrer Gesundheit ein so äußerst geringer ist, würde der Arzt der Jetztzeit, der blos nach obiger Ansicht handeln wollte, sehr bald verhungern müssen, denn „mit der Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens“ und „populus remedia cupit“ d. h. ohne Medicin geht’s heutzutage nun einmal nicht. Deshalb wird auch noch lange der allopathische, homöopathische, isopathische, hydropathische, dynamische, schrothsche, rademachersche, sympathische, mystische und gymnastische Curir-Hokuspokus und Schwindel großen Anklang finden; auch werden noch lange zu ihrem Aerger die bedoctorhuteten Heilkünstler neben sich Hufschmiede, Schäfer, alte Weiber, Somnambule, lebens-magnetische Kraft-Secretaire, Tischrücker und Geisterklopfer, buchhandelnde Geheimmittelkrämer u. dgl. heilmächtige Personen als Collegen sehen. Man sollte sich eigentlich darüber freuen, daß die jetzige Menschheit bei ihrem hartnäckigen Sträuben gegen die Aufklärung durch die Naturwissenschaften, bei ihren blödsinnigen Ansichten über die Naturerscheinungen und über die Beschaffenheit ihres eigenen Körpers, sowie wegen ihrer Willensschwäche, ihrer Inhumanität und Selbstsucht, zu Schande gedoctert, gerademachert, geschrothet und geprießnitzt wird, denn wer nicht hören will, muß fühlen; aber es ist doch gar zu traurig, ruhig und freudig zuzusehen, wie der so großer körperlicher und geistiger Ausbildung fähige Menschenkörper aus purer Dummheit ruinirt wird. Wer sollte da, wenn er in Folge dieses Ruins die Menschheit fast in jeder Hinsicht ihren Menschenwerth tagtäglich immer mehr verlieren sieht, nicht Weltschmerz und Lebensmüdigkeit empfinden, auch wenn sich darüber genußsüchtige, eitele Egoisten lustig machen?

Also hübsch bei Zeiten dazu gethan, die Gesundheit zu erhalten und Unwohlsein zu heben, nicht so lange mit den Vorsichtsmaßregeln gewartet, wie dies gewöhnlich geschieht, bis nicht mehr zu helfen ist. Denn was machen beim Unwohlsein viele Aerzte und die meisten Laien jetzt? Sie warten, ja wenn sie sogar schon die Krankheit deutlich herannahen sehen, bis das Uebel sich zu einem solchen Grade ausgebildet hat, daß von einer völligen Wiederherstellung gar nicht die Rede sein kann, und so wandern dann die meisten Patienten aus der Hand des einen Quacksalbers in die des andern, um endlich durch die dunklen Kräfte der Somnambulen, der Wunderdoctoren und Geheimmittel viele Jahre früher, als dies nöthig wäre, in das dunkle Grab gestoßen zu werden. Manche Aerzte beruhigen sich freilich dann damit, daß sie sich bei der Behandlung alle Mühe gegeben und Alles gethan haben, um es, wie Göthe den Mephistopheles von der Medicin sagen läßt, am Ende gehen lassen zu können, wie es Gott gefällt. Hätten sie es doch lieber gleich vom Anfange an gehen lassen, aber wie’s Gott gefällt. Auch gibt es noch Heilkünstler, die sich darüber Vorwürfe und Gewissensbisse machen können, daß sie einem Verstorbenen vor seinem Tode nicht noch etwas Blut abgezapft, einige Blutegel ge- und dieses oder jenes Medicament versetzt haben, nicht aber darüber, daß sie dem Kranken durch falsche diätetische Behandlung, besonders in Bezug auf Nahrung und Luft, umbrachten. Sie gleichen jenem Arzte, der zu seiner Beruhigung, um bei gefährlichen Krankheiten Alles gethan zu haben, schließlich dem Patienten noch einen gesunden Zahn auszog.

Im Folgenden will der Verf. versuchen, den Leser mit denjenigen diätetischen Regeln bekannt zu machen, welche beim ersten Unwohl- und Krankwerden, bei innern und äußern Leiden zu beachten sind, zugleich aber auch andeuten, wo und wenn ein Kranker sich sobald als möglich der Behandlung eines rationellen Arztes unterziehen muß. Denn ganz unentbehrlich werden die Aerzte wohl nie, obschon ihr Geschäft in der Zukunft sicherlich mehr im Verhüten als im Heilen von Krankheiten bestehen wird. Laßt Euch einmal das Wirken eines „rationellen Hausarztes der Zukunft“ in Kürze beschreiben. Zuvörderst würde Euch derselbe über das Klima und den Ort, welchen Ihr eben bewohnt, solche Aufklärung geben, welche zur Erhaltung Eurer Gesundheit beitrüge; sodann würde er Euch in der Wahl und Einrichtung der Wohnung unterstützen und hier vorzüglich die gesündeste Stube zum Schlafzimmer und zum Aufenthalte für die Kinder auswählen; ja sogar die Geräthschaften der Küche und die Beschaffenheit der Abtritte und Gruben dürfen dabei nicht unbeachtet von demselben bleiben. Was Eure eigne Person betrifft, so würde Euch ein solcher Arzt auf diejenigen Eurer Gewohnheiten (in Bezug auf Essen und Trinken, Kleidung, geistige und körperliche Thätigkeit u. s. f.), welche nach und nach die Gesundheit untergraben können oder schon untergraben haben, aufmerksam machen und zugleich die passenden Mittel und Wege zur Kräftigung Eures Körpers angeben. Sein Hauptaugenmerk würde aber auf die Kinder gerichtet sein und diese sollten von demselben nicht blos in körperlicher, sondern auch in geistiger Beziehung strenge überwacht werden. Da es nun jetzt derartige rationelle Hausärzte der Zukunft nur noch wenige gibt, und die unwissende Menge selbige zur Zeit nicht einmal wünscht, so schenkt beim Krankwerden wenigstens blos solchen Heilkünstlern Euer Vertrauen, die Euren Körper (besonders an den kranken Stellen) genau untersuchen (befühlen, beklopfen, behorchen), Euch hinsichtlich Eurer Lebensweise bis in’s Kleinste cxaminiren, Euch in Bezug auf Essen und Trinken, Wohnung und Kleidung, Luft, Bewegung und Ruhe, Wärme und Kälte u. s. w. Verhaltungsmaßregeln geben, die dem Ausspruche Wunderlich’s beistimmen: „wo die Receptensucht aufhört, fängt die Therapie an,“ oder mit Griesselich behaupten: „die edelste Aufgabe der Heilkunst bestehe darin, sich selber (nämlich die Aerzte) überflüssig zu machen.“ Solche Aerzte nennt man rationelle oder vernünftige (von ratio, die Vernunft), und die neuere Heilkunde, welche durch die richtige Einsicht in den gesunden und kranken menschlichen Körper solche Heilkünstler zu bilden strebt, heißt die rationelle Medicin, aber nicht etwa Allopathie, Homöopathie u. s. f. Diese Vernunftmedicin strebt danach, die Unordnungen in der Erhaltung (Ernährung, Stoffwechsel) unseres Körpers und deren Ursachen zuvörderst richtig zu erkennen, lehrt dann dieselben zu vermeiden und auf naturgemäßem Wege wieder in Ordnung zu bringen, und zeigt auch, wie die meisten Krankheiten ohne Arzneimittel, nur bei gehöriger Einwirkung der richtigen Lebensdürfnisse und naturgemäßen Heilhülfsmittel in Gesundheit ausgehen. Heil der Bernunftheilkunst, Schmach über jede Quacksalberei und Charlatanerie!

[223] Wer sich unwohl oder krank fühlt, soll gleich beim Beginne seines Unwohl- oder Krankseins Etwas thun, d. h. er soll sofort eine zweckmäßige diätetische Behandlung seines Körpers und vorzugsweise des erkrankten Theiles einschlagen. Dies ist’s, was der unwissende Laie und Heilkünstler „Nichtsthun“ nennt und was der Verf. in Nr. 11 der Gartenlaube (Jahrg. 1857) dem Leser angerathen und annehmbar zu machen gesucht hat. Besprechen wir jetzt, in welcher Weise sich an und in unserm Körper das Kranksein in Folge von Veränderungen der verschiedenen Apparate und Organe für den Laien zu erkennen gibt und wie demselben von Seiten des Laien richtig zu begegnen ist.

Unser Körper ist aus einer bestimmten Anzahl von Apparaten zusammengesetzt, von denen ein jeder wieder aus verschiedenen Theilen (Organen) besteht und sein genau bestimmtes, dem Ganzen zugutekommendes Geschäft hat. Diese Apparate stehen durch Nerven (wie die Telegraphen-Stationen durch elektro-magnetische Drähte) unter einander im Zusammenhange und können deshalb auf einander Einfluß ausüben. Eine Störung in einem dieser Apparate zieht natürlich zunächst eine Abänderung im Geschäfte (in der Thätigkeit) des erkrankten Theiles nach sich, ruft aber nicht selten auch in andern Apparaten mehr oder weniger auffällige Krankheitserscheinnngen hervor. Es ist oft sehr schwierig zu ergründen, welcher von mehreren erkrankten Theilen der zuerst erkrankte ist und nachträglich die andern in Mitleidenschaft zog. So trägt von manchen Lungenleiden das erkrankte Herz die Schuld und umgekehrt können Lungenleiden dem Herzen schaden. Leber- und Milzaffectionen sind in der Mehrzahl der Fälle erst Folgen anderer Erkrankungen, und wo der Magen in schlechtem Zustande ist, da liegt dies sehr oft in einem Kranksein der Leber, der Lunge oder des Herzens. Die Modekrankheit, „Hämorrhoiden“ genannt, ist nur eine Krankheitserscheinung, keine eigentliche Krankheit, und kann ebenso von einem Darm-, Unterleibs- Gefäß- und Leberleiden, wie von einem Lungen- oder Herzübel abhängig sein; u. s. f. Aus diesen wenigen Beispielen möge der Leser zugleich mit lernen, wie verkehrt oft ein Arzt handeln würde, wenn er ohne genaue Untersuchung des ganzen Organismus eines Kranken sofort gegen die Störung eines einzelnen Apparates loscurirte oder gar nur die hervortretendsten Krankheitserscheinungen berücksichtigte, wie die Nicht- und Nichts-Aerzte, „Homöopathen“ benannt, thun. Daß Heilkünstler, welche Kranke, ohne sie untersucht zu haben, nur brieflich behandeln, stets für unwissende Quacksalber oder geldmachende Charlatane anzusehen sind, diesen Ausspruch können nur abergläubische Dummköpfe für unwahr halten.

Um zu leben, muß der Stoffwechsel oder die Ernährung (s. Gartenl. Jahrg. 1853. Nr. 39. u. Jahrg. 1854. Nr. 9.) d. i. der ununterbrochene Wechsel der Materien unseres Körpers (das stete Verjüngen und Absterben oder Mausern der Körpersubstanzen) im Gange sein; mit dem Aufhören des Stoffwechsels tritt der Tod ein. Um gesnnd zu leben, muß der Stoffwechsel im richtigen Gange sein, Unordnung und Störungen desselben bedingen Krankheiten, die man auch organische Fehler nennt, wenn der Stoffwechsel dabei gar nicht wieder in die natürliche Ordnung kommt. Glücklicher Weise ziehen nun aber in den allermeisten Fällen Störungen des Stoffwechsels solche Folgen nach sich, durch welche jene Störungen wieder ausgeglichen werden, und deshalb schwinden auch die allermeisten Krankheiten ebenso ohne Arzt und Arznei, wie bei den allerverschiedenartigsten Behandlungsweisen. Durch ein richtiges diätetisches Verhalten kann der Kranke diese Naturheilung ganz bedeutend unterstützen. Wer dies nun weiß, den muß die erbärmliche Renommage solcher Aerzte, die sich rühmen, schwere innere Krankheiten durch einen arzneilichen, homöopatischen, sympathetischen oder andern Hokuspokus geheilt zu haben, recht anekeln.

Dem Stoffwechsel oder der Ernährung, welche übrigens nur bei der gehörigen Durchwärmung (Eigenwärme) unseres Körpers (s. Gartenl. 1854. Nr. 33.) gut vor sich geht, dient zunächst das Blut, welches deshalb auch mit Recht als Quelle des Lebens anzusehen ist (s. Gartenl. Jahrg. 1853, Nr. 45, 48 u. 49., Jahrg. 1856. Nr. 3.). Von der richtigen Menge und Beschaffenheit desselben, sowie vom ordentlichen Blutlauf durch unsern Körper muß sonach hauptsächlich unser Leben und unsere Gesundheit abhängig sein (s. Gartenl. 1854. Nr. 9.). Zur Blutbildung sind aber neben der gehörigen Menge Wassers passende Nahrungsstoffe (s. Gartenl. Jahrg. 1853. Nr. 32 u. 39., Jahrg. 1856. Nr. 3.), sowie eine richtige Verdauung derselben (s. Gartenl. 1853. Nr. 22.), sodann auch noch eine gute Luft (Lebensluft) bei normalem Athmungsprocesse (s. Gartenl. 1853. Nr. 16. u. 17.) durchaus unentbehrlich. – Da nun das Blut, während es durch alle Theile unseres Körpers hindurchfließt, nicht blos frisches, gutes, aus Nahrungsstoffen mit Hülfe des Sauerstoffs der eingeathmeten atmosphärischen Luft gebildetes Material zum Neubau unserer Körperbestandtheile absetzt, sondern auch die alten abgenutzten, untauglichen Partikelchen derselben wieder in sich aufnimmt, so würde es bald mit solchen alten unnützen Bestandtheilen überfüllt und zur Erhaltung des Stoffwechsels untauglich sein, wenn jene schlechten Stoffe nicht an bestimmten Stellen, wie in der Lunge, der Leber, den Nieren und der Haut, aus dem Blute und überhaupt aus dem Körper herausgeworfen würden. Und darum ist diese Blutreinigung ein Haupterforderniß zur Erhaltung der richtigen Blutbeschaffenheit. – Aber auch im ordentlichen Flusse durch den Körper muß sich das Blut befinden, wenn es den Stoffwechsel gehörig unterhalten will, und sonach ist der Blut-Kreislauf durch naturgemäße Behandlung der darauf Einfluß ausübenden Organe und Processe (wie des Herzens, der Blutgefäße, des Athmens und der Muskelbewegungen) stets im richtigen Gange zu erhalten. – Zur Erzeugung der hinreichenden Wärme innerhalb unseres Körpers (Eigenwärme) ist natürlich für die gehörige Menge Heizungsmaterials und, damit dieses auch ordentlich verbrannt werde, für den gehörigen Zug und Sauerstoff Sorge zu tragen (s. Gartenl. 1854. Nr. 33.). – Sollen sich dann schließlich die Bestandtheile unseres Körpers mit Hülfe des Blutes bei gehöriger Durchfeuchtung und Durchwärmung richtig ernähren, was stets und überall von der Erzeugung von Bläschen (Zellen) in dem vom Blute abgesetzten Bildungsmateriale abhängt, so ist ein zweckmäßiger Wechsel von Thätigsein und Ruhen der Organe und Gewebe unseres Körpers unentbehrlich. Denn beim Thätigsein werden Gewebstheilchen abgenutzt und während des Ruhens kommt dafür ein Ersatz (die Neubildung) zu Stande.

Außer diesen in Kürze besprochenen, den Stoffwechsel (das Leben) unterhaltenden, sogen, „vegetativen“ Processen, gehen nun aber innerhalb unseres Körpers auch noch solche Processe vor sich, durch welche der Mensch eigentlich erst zum Menschen wird, indem sie ihm Empfindung, Bewußtsein, Verstand und willkürliche Bewegung verleihen. Man nennt sie „animale“ Processe und die ihnen dienenden Organe sind: das Nervensystem mit den Sinnesorganen, dem Stimmorgan und dem Muskelsystem. Ueber allen diesen Apparaten steht aber das Gehirn als das Hauptorgan jeder animalen Thätigkeit. Es versteht sich übrigens von selbst, daß die genannten animalen Organe sofort krank und in ihrem Thätigsein gestört werden, sobald die Ernährnng (der Stoffwechsel) ihrer Bestandtheile leidet. Sonach muß der Mensch, wenn er die animalen Processe innerhalb seines Körpers in Ordnung halten und vom Kranksein befreien will, vor allen Dingen die vegetativen Processe in demselben richtig zu unterhalten verstehen. So ist z. B. das Denken eine dem Gehirn zukommende, größtentheils anerzogene, animale Thätigkeit, die nur dann richtig vor sich gehen kann, wenn zuvörderst die Substanz des [224] Gehirns ordentlich ernährt wird. Zur ordentlichen Ernährung der Hirnsubstanz gehört aber die Zuführung aller der Stoffe durch das Blut, welche die Hirnmasse zusammensetzen, also auch eines phosphorhaltigen Fettes; fehlt dieses letztere oder der Phosphor in demselben, so würde das Gehirn nicht richtig ernährt und nicht richtig thätig sein, demnach auch nicht richtig denken lernen können. Mir scheint deshalb den Herren, welche Moleschott’s Ausspruch: „ohne Phosphor kein Gedanke“, durch ganz unpassende, erbärmliche Witze lächerlich zu machen suchten, eine hübsche Portion Phosphor in ihrem Hirnfette zu fehlen; vielleicht ist derselbe hier durch Stroh ersetzt.

Ehe wir nun das Kranksein und Gesundmachen der einzelnen Apparate und Organe unseres Körpers näher beleuchten, möge sich der Leser als ersten und Hauptgrundsatz einer naturgemäßen Behandlung des erkrankten Körpers ein für allemal hübsch merken:

„der kranke menschliche Organismus verlangt zuvörderst Ruhe in jeder Beziehung, das erkrankte Organ aber die größtmöglichste Schonung.“

Es gibt kein alberneres und schädlicheres Benehmen, als wenn man beim Unwohlsein seinem Körper Ungewöhnliches zumuthet. Viele Menschen sind aber wie versessen darauf, wenn sie unwohl werden, irgend etwas recht Unsinniges und für die Gesundheit Nachtheiliges zu thun, wie auf gut Glück hin und ohne vorherige Ueberlegung Dampfbäder oder kalte Douchen zu nehmen, zu schröpfen oder zur Ader zu lassen, zu schwitzen, zu brechen oder abzuführen, irgend ein wirksames Geheimmittel zu gebrauchen u. s. f. Man sollte doch eigentlich meinen, soviel Verstand müßte jeder Mensch haben, um sich selbst sagen zu können, daß ein krankes Organ zunächst Schonung verlangt, daß man auf einem bösen Beine nicht springen und tanzen, mit einer heiseren Kehle nicht schreien und singen, den kranken Magen nicht mit Gurkensalat u. dgl. und die leidende Lunge nicht mit rauher staubiger Luft maltraitiren darf u. s. w. Aber soviel Verstand existirt noch nicht bei der Mehrzahl der Kranken; jetzt kommen dem Arzte noch Patienten vor, die unverschämt genug sind, gleich von vorn herein zu erklären, daß sie sich bei der ärztlichen Behandlung aber nicht halten können oder wollen und recht schnell, ja bis zu einer gewissen Zeit curirt sein müssen. Leider können die meisten Aerzte, des leidigen Gelderwerbes wegen, dieser unverschämten Dummheit nicht so begegnen, wie sie es verdient, auch gibt es noch, Gott sei’s geklagt, quacksalbernde Heilkünstler, die in ihrer Bornirtheit oder im Interesse ihrer Beutelschneiderei so gewissenlos sind, den unwissenden Patienten in seiner Einfalt, nicht selten sogar blos brieflich, zu unterstützen. Wie jammern und wehklagen solche Leichtsinnige dann, wenn ihnen das vorher leichte, nach und nach aber gefährlich gewordene Uebel an den Kragen kommt, wie versprechen sie da dem Arzte in allen Dingen zu folgen; aber zu spät. Am meisten muß sich der gewissenhafte Arzt über Lungen- und Magenkranke ärgern, denn Die folgen ihm in der Regel nicht eher, als bis ihnen der Tod schon auf der Zunge sitzt. Aus lächerlicher Eitelkeit tragen die Ersteren den Respirator (s. Gartenl. 1855, Nr. 8.) nicht früher, als bis sie in Folge der Schwindsucht mit dem einen Beine bereits im Grabe stehen, und der Genußsucht legen die letzteren gewöhnlich erst dann den Zügel an, sobald ihr Magen in Folge von Verhärtung und Krebs weder Speise noch Trank mehr verträgt. Kurz der Verstand der jetzigen Menschheit, den diese bei der Behandlung ihres gesunden und kranken Körpers zeigt, ist nur Unverstand.