Juedischer Krieg/Buch VII 7-11

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Juedischer Krieg
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[505]
Siebentes Capitel.
Das Ende der Dynastie von Kommagene. Verheerungszüge der wilden Alanen nach Medien und Armenien.

219 (1.) Es war bereits im vierten Jahre der Regierung Vespasians, als der König Antiochus von Kommagene mit seinem ganzen Hause in tiefes Unglück stürzte. 220 Der Anlass war dieser: Der damals amtierende Statthalter von Syrien, Cäsennius Pätus, hatte an den Kaiser folgenden schriftlichen Bericht eingesandt, über den man sich nie recht klar geworden ist, ob ihn wirklich die Wahrheitsliebe oder nur die Feindschaft gegen Antiochus dictiert hat: 221 „Antiochus“, so schrieb er, „führt mit seinem Sohne Epiphanes eine Empörung gegen Rom im Schilde und hat zu diesem Zwecke mit dem Partherkönig ein Bündnis geschlossen. 222 Es ist darum dringend geboten, sich der beiden noch rechtzeitig zu versichern, damit sie nicht etwa, wenn es ihnen gelingt, [506] früher loszuschlagen, das ganze römische Reich in die schwersten Kriegsunruhen stürzen“. 223 Eine so wichtige und überraschende Anzeige wollte der Kaiser nicht unbeachtet lassen, da bei der Nachbarschaft der beiden Könige die Sache eine ganz besondere Vorsicht nothwendig machte. 224 Die Hauptstadt von Kommagene liegt nämlich unmittelbar am Euphrat und hätte für die Parther, im Falle sie wirklich so etwas im Sinne hatten, einen ebenso bequemen Uebergangspunkt, als starken Stützpunkt gebildet. 225 Da man sich nun in Rom auf die Angabe des Pätus verlassen zu können glaubte, so bekam er freie Hand, die entsprechenden Vorkehrungen nach seinem Ermessen zu treffen, worauf er ohneweiters auch vorgieng. Ganz plötzlich, ehe man sich’s am Hofe des Antiochus versah, stand er schon mit der sechsten Legion und einigen Cohorten, wie auch mehreren Reitergeschwadern in Kommagene, 226 an seiner Seite Aristobulus, der König von Chalcis, und Soämus, König von Emesa. 227 Der Einfall erfolgte ohne den geringsten Widerstand, da von den Leuten auf dem Lande Niemand gegen die Römer die Waffen ergreifen wollte, 228 Antiochus in der Hauptstadt aber, weit entfernt, auch nur einem flüchtigen Gedanken an einen Kampf mit Rom Raum zu geben, bei dieser niederschmetternden Kunde sich sogar entschloss, sein Reich ganz zu verlassen und mit Frau und Kindern in die Verbannung zu ziehen, um so, wie er meinte, den Römern seine volle Unschuld an dem ihm zur Last gelegten Verbrechen zu beweisen. 229 Die erste Nacht brachte er denn auch bereits 120 Stadien von der verlassenen Hauptstadt entfernt auf der dortigen Ebene zu.

230 (2.) Pätus schickte nun ein Detachement zur Besetzung von Samosata ab und versicherte sich auf diese Weise der Hauptstadt. Er selbst warf sich mit den übrigen Truppen rasch auf Antiochus. 231 Aber nicht einmal diese Zwangslage vermochte den Antiochus zu irgend welchen feindseligen Schritten gegen die Römer fortzureißen, sondern er hatte nur Thränen für sein Unglück und ergab sich im Uebrigen in sein Schicksal. 232 Viel schwerer fiel es dagegen seinen in der Blüte der Jugend stehenden Söhnen, die mit ihrer militärischen Erfahrung eine außergewöhnliche Körperstärke vereinigten, den Schlag ohne jede Gegenwehr hinzunehmen. Epiphanes und Kallinikus griffen demnach zur Gewalt. 233 Es kam zu einem heißen Kampfe, in welchem sie einen ganzen Tag mit der glänzendsten Bravour fochten, so dass der Feind, als sie sich am Abend trennten, nicht den geringsten Vortheil über ihre Truppen errungen hatte. 234 So gut nun auch die Schlacht ausgefallen war, so wenig wollte trotzdem Antiochus vom Bleiben hören. Er nahm seine Frau und seine Töchter und floh mit ihnen nach Cilicien, eine Flucht, die den Kampfesmuth seiner treuen Soldaten vollständig lähmte. 235 Da [507] sie diesen Schritt nur so auslegen konnten, dass Antiochus selbst an der Behauptung des Thrones verzweifle, so verließen sie seine Sache und giengen zu den Römern über. Die Muthlosigkeit war eine ebenso allgemeine, als offen ausgesprochene. 236 Infolge dessen sah sich Epiphanes mit seiner nächsten Umgebung gezwungen, bevor sie den letzten Mann verloren, sich vor dem Feinde in Sicherheit zu bringen. Mit nur zehn Reitern im Ganzen überschritt er den Euphrat, wo sie gesichert waren. 237 Von da begab er sich zum Partherkönig Vologeses, der, weit entfernt, sie als Flüchtlinge geringschätzig anzusehen, sie im Gegentheil nicht anders, als wären sie noch in Glanz und Würde, mit aller Auszeichnung behandelte.

238 (3.) Als Antiochus nach Tarsus in Cilicien gelangt war, ward er daselbst von einem Centurio im Auftrage des Pätus in Haft genommen und dann mit Ketten beladen nach Rom geschickt. 239 Doch Vespasian konnte sich nicht entschließen, den König in einem solchen Aufzuge vor sich bringen zu lassen, und glaubte mehr auf die alte Freundschaft Rücksicht nehmen zu müssen, als auf den bloßen Verdacht einer kriegerischen Conspiration hin fort und fort einen unerbittlichen Groll gegen ihn hegen zu sollen. 240 Er gab daher, noch während Antiochus auf dem Wege zu ihm war, den Befehl, ihm die Ketten abzunehmen und ihm auch den Weg nach Rom zu ersparen: vorderhand sollte er in Lacedämon seinen Aufenthalt nehmen, für den er ihm auch große Einkünfte an barem Geld anweisen ließ, damit er nicht bloß einen reichen, sondern selbst einen königlichen Haushalt führen könnte. 241 Die Kunde hievon benahm dem Epiphanes und seinen Leuten, die wegen des Vaters schon in großer Furcht waren, einen ebenso schweren als zehrenden Kummer von der Seele; 242 ja, sie schöpften sogar einige Hoffnung, auch für ihre Person wieder vom Kaiser Verzeihung zu erlangen, da sich Vologeses für sie brieflich an Vespasian gewendet hatte. Denn bei aller Bequemlichkeit hatte für sie das Leben außerhalb des römischen Reiches doch keinen Reiz. 243 Gnädiglich gewährte ihnen der Kaiser straffreie Rückkehr, und so kamen sie denn nach Rom, wo sie in Gemeinschaft mit ihrem Vater, der alsbald von Lacedämon herbeigeeilt war, mit allen Ehren überhäuft, verblieben.

244 (4.) Um diese Zeit trug sich das Volk der Alanen, von dessen scythischem Charakter und von dessen Wohnsitzen am Tanais und am Mäotischen See ich, wie mir scheint, schon früher einmal Erwähnung gemacht, 245 mit dem Gedanken an einen räuberischen Einfall in Medien und die sich daran anschließenden Länder. Zu diesem Zwecke traten sie mit dem König der Hyrkanier in Unterhandlung, da derselbe jenen Pass beherrscht, welchen der König Alexander mit eisernen Thoren [508] versehen und auf solche Art verschließbar gemacht hatte. 246 Der König gewährte ihnen Einlass, und nun fielen sie in dichten Schwärmen über die nichtsahnenden Meder her und plünderten das volkreiche und mit allen Arten von Weidevieh gesegnete Land. Niemand wagte einen Widerstand, 247 da ja selbst der damals regierende medische König, namens Pakorus, sich voll Schrecken in unwegsame Gegenden geflüchtet hatte, nachdem er den Barbaren Alles überlassen und nur mit genauer Noth die Königin und seine Kebsfrauen, die in ihre Gefangenschaft gerathen waren, durch ein Lösegeld von hundert Talenten aus ihren Händen hatte befreien können. 248 So konnten die Alanen in aller Gemächlichkeit und ohne den geringsten Kampf ihre Beute machen, bis sie unter fortwährenden Plünderungen selbst nach Armenien vordrangen. 249 Hier stellte sich ihnen zwar der König des Landes, Tiridates, entgegen und lieferte ihnen eine Schlacht, wäre aber bald selbst auf ein Haar während des Kampfes lebendig in ihre Gefangenschaft gerathen. 250 Schon hatte ein Alane ihm einen Lasso um den Hals geworfen und hätte ihn wohl auch fortgeschleift, würde er nicht rasch genug mit dem Schwerte den Riemen zerhauen und durch schleunige Flucht sich gerettet haben. 251 Die Sieger, deren Wuth durch die Schlacht noch mehr gereizt worden war, ergossen sich nun sengend und brennend über das ganze Land und kehrten dann mit einer großen Anzahl Gefangener und vielen Beutestücken, die sie sich aus beiden Reichen geholt hatten, wieder in ihre Heimat zurück.


Achtes Capitel.
Tod des Lucilius Bassus. Flavius Silva rückt vor Masada. Geschichte und Beschreibung der Veste. Fall der Mauer. Zerstörung der Nothmauer durch Feuer. Eleazar, das Haupt der Sicarier, fordert in zweimaliger Rede die Juden zum Selbstmorde auf.

252 (1). Inzwischen war Bassus gestorben, und Flavius Silva sein Nachfolger in der Statthalterschaft von Judäa geworden. Da derselbe sonst das ganze Land durch das Schwert der Römer gebändigt und nur noch eine einzige Veste denselben trotzen sah, so machte er sich an die Eroberung des Platzes, indem er zunächst die ganze in verschiedenen Theilen des Landes befindliche Streitmacht concentrierte. 253 Es war das die Festung Masada, die von den Sicariern unter der Anführung des Eleazar, eines Mannes von großem Ansehen, besetzt worden war. Derselbe war ein Abkömmling jenes Judas, welcher, wie wir oben erzählt haben, nicht wenige Juden zu der Zeit, als Quirinius in der Eigenschaft eines Censor nach Judäa gesandt worden war, zum Widerstand gegen diese Schätzung verleitet hatte. 254 Die [509] Sicarier waren bekanntlich solche Leute, die sich zu unserer Zeit gegen alle jene, die sich den Römern fügen wollten, zusammenrotteten und dieselben in jeder Beziehung wie Feinde behandelten: sie plünderten ihre Habseligkeiten, trieben ihr Vieh als gute Beute fort und schleuderten die Brandfackel in ihre Behausungen, 255 indem sie dabei meinten, ihre Opfer seien ohnehin um nichts besser, als die Heiden, weil sie die von den Juden so heiß umstrittene Freiheit in so niederträchtiger Weise von sich würfen und ganz ungescheut nach dem römischen Sclavenjoche griffen. 256 Diese Sprache war aber nur ein leerer Vorwand, um ihre Grausamkeit und Habgier zu bemänteln, wie es ihre spätere Handlungsweise klar genug gezeigt hat. 257 Denn gerade jene Mitbürger, die sich an ihrer Empörung betheiligten und sie im Kampfe gegen die Römer unterstützten, hatten unter ihren Streichen das Aergste zu leiden, 258 riss man ihnen aber hinwieder die Maske ihrer Verlogenheit öffentlich vom Gesichte, so antworteten sie auf die nur zu sehr verdienten Vorwürfe über ihre Verruchtheit mit noch grausameren Misshandlungen. 259 Ueberhaupt war das Judenthum jener Zeit ein äußerst fruchtbarer Boden für alle Arten von Schlechtigkeiten, so dass wohl kein noch so verruchtes Werk unter ihnen unversucht blieb, und Niemand, wenn er auch absichtlich hätte etwas aushecken wollen, eine neue Ruchlosigkeit hätte mehr ausfindig machen können. 260 So tief und allgemein war das Leben des Einzelnen, wie das der Gesellschaft vergiftet, und einer suchte den anderen durch seine Ruchlosigkeiten gegen Gott und seine Ungerechtigkeiten gegen den Nächsten zu überbieten, die großen Herren saugten das Volk aus, und die Massen suchten wieder die Großen zu vernichten. 261 Die einen wollten Tyrannen spielen, die anderen ihre brutale Gewalt brauchen und die Schätze der Reichen ausplündern. 262 Diese Bahn der Gesetzlosigkeit und der Grausamkeit gegen die eigenen Stammgenossen eröffneten zunächst die Sicarier, die den Opfern ihrer Hinterlist keine Beschimpfung ersparten und keinen Anschlag zu ihrem Untergang unausgeführt ließen. Und dennoch sollte das Benehmen des Johannes den Beweis liefern, dass die Sicarier eigentlich noch zu den Gemäßigten gehörten. 263 Denn nicht allein räumte dieser Mann alle jene aus dem Wege, deren Rathschläge nur auf die Gerechtigkeit und die öffentliche Wohlfahrt abzielten, und wüthete gerade gegen diese Bürger, wie gegen die schlimmsten Feinde, sondern er überhäufte auch in seiner öffentlichen Thätigkeit sein ganzes Vaterland mit tausendfachem Unheil, wie es nur ein solcher Mensch zu thun vermochte, der bereits gegen Gott selbst seine Frevlerhand zu erheben den traurigen Muth gehabt hat. 264 Er deckte nämlich seinen Tisch mit verbotenen Speisen und ließ in seinem täglichen Leben die herkömmlichen und [510] von den Vätern überlieferten Reinigungsgesetze ganz außeracht, als wollte er damit den klaren Beweis erbringen, wie ein rasender Feind der Gottesverehrung ganz natürlich auch von einer Milde und liebevollen Theilnahme gegenüber den Menschen nichts wissen wolle. 265 Und nun endlich Simon, der Sohn des Gioras, was hat der Mensch nicht für Schlechtigkeiten angestiftet! Oder hat er irgend eine Schmach und Qual dem Leibe seiner Bürger erspart, jener Bürger, sage ich, die ihn doch zu ihrem Herrscher erklärt hatten? 266 Hat je ein Band der Freundschaft oder des Blutes diese Schurken so stark gefesselt, dass sie im Gegentheil dadurch nicht täglich zu neuen Blutthaten gegen die ihnen Nahestehenden aufgemuntert worden wären? Denn wer nur fremde Leute schädigte, der war in ihren Augen nichts als ein ganz gewöhnlicher Lump, erst die Grausamkeit gegen die vertrautesten Männer gab nach ihrer Ansicht dem Schurken seine glänzende Heldengestalt. 267 Und mit dem Wahnwitz dieser Bösewichter wetteiferte noch die tolle Wuth der Idumäer! Diese Scheusale schlachteten zuerst die Hohenpriester ab, um die Gottesverehrung vollständig in Verfall zu bringen, und beseitigten dann noch die letzten Trümmer staatlicher Ordnung, 268 um in jeder Beziehung die vollendetste Anarchie an ihre Stelle zu setzen. Das war auch der rechte Nährboden, auf dem das Gewächs der sogenannten Zeloten seine üppigsten Giftblüten trieb, Leute, die ihren Namen durch ihre Thaten nur allzuwahr gemacht haben, 269 indem sie jeden Ausfluss der Bosheit aufs getreueste nachahmten und selbst von den Greuelthaten der Vergangenheit, soweit ihnen die Geschichte davon Kunde gab, keine einzige ohne Nacheiferung von ihrer Seite ließen. 270 Allerdings legten sie sich diese Bezeichnung bei, um sich als Eiferer für die gute Sache hinzustellen, ob sie nun das in ihrer thierischen Roheit nur aus Hohn für die Opfer ihrer Bosheit thaten oder wirklich die größten Schandthaten für lauter Tugenden ansahen! 271 So fand nun denn auch ein jeder das verdiente Ende, indem Gott der Herr über sie alle die gerechte Strafe verhängte. 272 Denn alles, was nur immer eine Menschennatur unter seiner Strafruthe dulden kann, brach über sie herein, bis sie zuletzt noch ein gewaltsames Ende unter tausendfachen Todesqualen nehmen mussten. 273 Und dennoch dürfte man sogar behaupten, dass sie im Verhältnis zu dem, was sie verschuldet, noch zuwenig gelitten haben, da bei diesen Menschen eine ganz entsprechende Sühne überhaupt nicht möglich war. 274 Was aber das traurige Geschick jener anlangt, die in ihre grausamen Hände gefallen sind, so dürfte es hier wohl nicht am Platze sein, dasselbe nach seinem ganzen Umfang mit trauernder Feder zu schildern. Ich will dafür den fallengelassenen Faden meiner Erzählung wieder aufnehmen.

[511] 275 (2.) Wie schon gesagt, rückte der römische Feldherr an der Spitze seiner Streitkräfte gegen Eleazar und die unter seiner Anführung stehende Besatzung von Masada, bestehend aus Sicariern, heran. Rasch sah er sich im Besitze des ganzen offenen Landes, dessen strategisch wichtigste Punkte er überall durch Besatzungen gesichert hatte. 276 Rings um die ganze Festung zog er dann einen Mauerwall, um den Belagerten die Flucht zu erschweren, und versah ihn in bestimmten Abständen mit Wachposten. 277 Für das eigentliche Lager wählte er eine Stelle, die für die Belagerungsarbeiten am allergünstigsten lag, indem sich dort die Felsabhänge der Veste am stärksten dem anschließenden Berge näherten, die aber sonst der Verproviantierung große Schwierigkeiten bereitete. 278 Denn nicht bloß mussten die Speisevorräthe aus weiter Entfernung und unter den größten Beschwerden von den zu diesen Lieferungen commandierten Juden herbeigeschleppt werden, sondern selbst das Trinkwasser musste, da der Boden dort keine einzige Quelle in der Nähe spendete, ebenfalls durch Lastträger ins Lager transportiert werden. 279 Nach diesen Vorkehrungen schritt Silva zur Belagerung, die bei der Stärke des Platzes, wie aus der folgenden Beschreibung desselben zu ersehen ist, an die Kriegskunst und körperliche Ausdauer der Römer die größten Anforderungen stellte.

280 (3.) Rings um einen ziemlich umfangreichen und gewaltig aufstrebenden Felsenhügel ziehen sich von allen Seiten tief eingeschnittene und jäh abstürzende Schluchten herum, die sich unten in eine unergründliche Tiefe verlieren und von keinem Fuß eines lebenden Wesens betreten werden können, mit Ausnahme zweier Stellen, wo der Felsen einem, wenn auch nicht gerade leichten, Aufstieg zur Höhe Raum lässt. 281 Der eine Steig führt auf der Morgenseite vom Asphaltsee her hinauf und der andere hinwiederum von der Abendseite, wo man bequemer hinaufkommt. 282 Der erste führt den Namen Schlangenpfad, weil er mit seiner dünnen und von zahllosen Windungen gebildeten Linie lebhaft an eine Schlange erinnert, indem er an den steilen Vorsprüngen zum Zickzack gezwungen wird und gar oft sich zurückwinden muss, dann wieder ein kleines Stück gerade ausläuft, um auf solche Weise mühsam hinaufzukriechen. 283 Wer hier gehen will, der muss sich bald mit diesem, bald mit jenem Fuß allein am Pfade festhalten: ein Fehltritt bedeutet den sicheren Tod, da auf beiden Seiten tiefe Abgründe heraufgähnen, die durch ihren schauerlichen Anblick auch den Verwegensten schwindelig machen könnten. 284 Hat man auf diesem Wege dreißig Stadien zurückgelegt, so steht man endlich vor dem Gipfel, der sich übrigens nicht scharf zuspitzt, sondern so gebildet ist, dass er oben eine förmliche Ebene trägt. 285 Auf diesem Gipfel nun hat zuerst der Hohepriester Jonathas [512] eine Veste gebaut, die er Masada benannte. 286 Später hat sich dann Herodes die Befestigung des Platzes sehr angelegen sein lassen. Er führte nämlich um den ganzen Rand des Gipfels in einer Ausdehnung von sieben Stadien eine Mauer aus weißen Steinen auf, die eine Höhe von zwölf und eine Dicke von acht Ellen bekam, 287 und die von 37 Thürmen mit einer Höhe von fünfzig Ellen überragt war. Gleich von diesen Thürmen aus kam man in die eigentlichen Wohnräume, 288 die an den ganzen inneren Mauerkreis angebaut waren, während die Gipfelfläche mit ihrem fetten und über jedes Ackerfeld weichen Boden von dem König dem Landbau überlassen ward, damit, wenn einmal der Proviant von draußen zu Ende gienge, dennoch die Leute drinnen, die ihr Leben der Veste anvertraut hatten, nicht ausgehungert werden könnten. 289 Auch ein Schloss baute er am Berge und zwar am westlichen Aufstieg unterhalb der Ringmauer des Gipfels mehr gegen Norden zu. Die Mauer des Schlosses war von bedeutender Höhe und mächtiger Dicke und von vier sechzig Ellen hohen Eckthürmen flankiert. 290 Die Ausstattung der Wohnräume, der Säulenhallen und Bäder im Innern zeigte eine ebenso große Abwechslung als kostbaren Aufwand. Allüberall standen Säulen, die aus einem einzigen Stein gearbeitet waren, die Wände aber und Fußböden in den Gemächern waren mit bunten Steinmustern geziert. 291 Ueberall, wo menschliche Wohnungen lagen, sowohl oben als auch im Schloss und dann vor der Festungsmauer, hatte er viele große Behälter zur Aufbewahrung des Wassers in die Felsen hauen lassen, wodurch er die Veste auf künstliche Weise so reichlich mit Wasser versorgen konnte, wie das sonst nur bei Benützung von Quellen möglich ist. 292 Ein in den Felsen gehauener Gang, den man von außen nicht bemerkte, führte vom Schlosse zum Gipfelrande hinauf. Uebrigens bot selbst die Benützung der offenen Pfade einem Feinde große Schwierigkeit, 293 da der östliche, wie schon oben bemerkt wurde, eine solche Benützung seiner Natur nach einfach ausschloss, während der auf der Abendseite gerade an der engsten Stelle, mindestens noch 1000 Ellen von dem Gipfel weg, von Herodes mit einem Thurm gesperrt worden war, dem man weder ausweichen noch auch leicht beikommen konnte. Selbst zur Friedenszeit war hier für Passanten der Durchlass schwierig. 294 So hatte also Natur und Kunst zusammengeholfen, um die Festung gegen alle feindlichen Stürme sicher zu stellen.

295 (4.) Was jedoch vielleicht noch mehr Bewunderung erregen dürfte, das war der Reichthum und das hohe Alter der hier lagernden Vorräthe. 296 Es war nämlich eine Menge Getreide hier aufgestapelt, das für lange Zeit reichlichen Unterhalt bieten konnte, desgleichen auch [513] große Vorräthe an Wein und an Oel und außerdem alle Arten von Hülsenfrüchten und Datteln. 297 Alles dies fand Eleazar, als er sich der Festung mit seinen Sicariern durch einen Handstreich bemächtigte, in einem noch ganz frischen Zustande vor, der sich in gar nichts von eben eingeheimsten Producten unterschied, obwohl seit ihrer Einlagerung bis zur Eroberung von Masada durch die Römer ein Zeitraum von fast hundert Jahren verstrichen war. Auch die Römer konnten sich von der Unversehrtheit der noch vorfindlichen Feldfrüchte überzeugen. 298 Man dürfte nicht fehlgehen mit der Annahme, dass der Grund für diese Widerstandsfähigkeit in der durch die hohe Lage des Gipfels bedingten Reinheit der Luft, die mit keinerlei erdartigen und trüben Dunstschichten versetzt ist, zu suchen sei. 299 Man fand auch eine Unmasse der verschiedenartigsten Waffen, die der König hier hinterlegt hatte, und mit denen man ganz gut 10.000 Mann hätte ausrüsten können, außerdem noch rohes Eisen, Erz und sogar Blei, lauter Rüstungen, die ihre besonders guten Gründe hatten. 300 Man erzählt sich nämlich, dass Herodes im Sinne hatte, diesen Platz zu einer Zufluchtsstätte für seine Person einzurichten, weil er früher eine doppelte Gefahr zu besorgen hatte: die eine von Seite der jüdischen Nation, die ihn möglicherweise vom Throne stürzen und dafür der alten Dynastie vor ihm wieder zur Herrschaft verhelfen konnte; die größte und schlimmste Gefahr aber kam ihm von der ägyptischen Königin Kleopatra, 301 die sich nicht einmal die Mühe gab, ihre Pläne zu verbergen, sondern ganz offen und zwar wiederholt an den Antonius die Forderung, beziehungsweise Bitte, richtete, den Herodes aus dem Wege zu räumen und ihr das Königreich Judäa zu überlassen. 302 Und es war in der That schon der eine Umstand, dass der in ihre Netze bereits so arg verstrickte Mann nicht längst ihrem Machtgebot sich gefügt hatte, weit auffallender, als das Gegentheil, gar nicht davon zu reden, dass überhaupt eine bestimmte Abweisung der Königin hätte erhofft werden können. 303 Indem nun Herodes, einzig von diesen Bedenken geleitet, die Befestigungen von Masada anlegte, sollte er damit, ohne es zu ahnen, den Römern die letzte Plage im Kampfe mit den Juden auferlegen.

304 (5.) Nachdem der römische Feldherr bereits den ganzen Platz, wie wir vorher erwähnt haben, durch die äußere Umwallung abgesperrt und gegen einen etwaigen Fluchtausbruch die peinlichste Vorsorge getroffen hatte, nahm er die eigentliche Belagerungsarbeit in Angriff. Nur einen einzigen Punkt hatte er gefunden, der die Anlage von Dämmen gestattete. 305 Er befand sich hinter dem Thurme, der den westlichen zum Schlosse und von da zur Bergspitze führenden Weg durchschnitt, und ward von einem Felsenrücken gebildet, der bei einer [514] ansehnlichen Breite auch sehr stark vorsprang, aber noch 300 Ellen unter der Kuppe von Masada lag. 306 Er hieß der weiße Felsen. Silva rückte nun dort hinauf und setzte sich daselbst fest, worauf das Heer den Befehl erhielt, den Schutt zu den Dämmen herbeizuschaffen. Da sich viele Hände emsig zum Werke rührten, so wuchs der starke Wall zu einer Höhe von 200 Ellen empor. 307 Aber selbst diese gewaltige Masse schien noch nicht jene Tragkraft und Höhe zu besitzen, dass sie den Belagerungsmaschinen ein geeignetes Fundament bieten konnte, weshalb auf ihr noch ein wohlgefügtes Lager von großen Quadern in der Breite und Höhe von fünfzig Ellen aufgesetzt wurde. 308 Zu den sonstigen Kriegsmaschinen, deren Form ganz nach dem System der früher von Vespasian und dann von Titus zu Belagerungszwecken ausgedachten Maschinen gehalten war, 309 kam noch der Bau eines sechzig Ellen hohen Thurmes, der vollständig mit Eisen gepanzert war, und von dem aus die Römer mittels starker Batterien von Katapulten und Steinschleudergeschützen sehr rasch die Kämpfer auf der Mauer zurückscheuchten und ihnen sogar das Ausgucken verleideten. 310 Auf derselben Stelle ließ Silva auch eine gewaltige Widdermaschine errichten, die in einemfort die Mauer mit ihren Stößen bearbeiten musste. Wenn auch mit harter Mühe, so glückte es ihm endlich doch, dass er ein Stück der Mauer aufbrechen und in Trümmer legen konnte. 311 Schnell hatten aber die Sicarier bei Zeiten innerhalb der Mauer eine andere hergestellt, die nach ihrer Meinung nicht mehr dasselbe Schicksal haben und selbst den Maschinen trotzen sollte: man hatte sie nämlich aus weicher Masse und in einer Weise gebaut, dass sie die Wucht des Anpralles lähmen musste, wie aus der folgenden Beschreibung ersichtlich ist. 312 Man legte große Balken der Länge nach aufeinander und zimmerte diese Schichte an den Schnittflächen fest. Es wurden immer zwei solche Schichtenwände, und zwar genau in Mauerbreite, einander gegenübergestellt, und der dadurch gebildete Zwischenraum mit Schutt angefüllt. 313 Damit jedoch bei der immer wachsenden Höhe der Schuttmasse das Erdreich nicht etwa auseinandergehen möchte, wurden die Längsschichten durch andere Balken auch in der Quere miteinander verbunden, so dass die ganze Arbeit einem Hausbau ziemlich ähnlich sah. 314 Da jetzt die Stöße der Maschinen eine Wand trafen, die nachgab, so verloren sie ihre ganze Gewalt, ja, sie machten dieselbe, da infolge der Erschütterung das Erdreich sich immer besser setzte, noch widerstandskräftiger. 315 Wie Silva das sah, dachte er am besten mit Feuer der Mauer beikommen zu können und gab daher den Soldaten den Befehl, gleichzeitig eine große Anzahl brennender Fackel gegen dieselbe zu schleudern. 316 Da zum Mauerwall größtentheils Holzwerk verwendet [515] worden war, so fieng er auch rasch Feuer, das, durch den lockeren Schutt nur wenig gehemmt, immer tiefer fraß und seine Garben weit herauswarf. 317 Indes wäre der Nordostwind, der gleich anfangs in die Flammen fuhr, für die Römer bald verhängnisvoll geworden, da er die Feuerfunken von den Juden in der Höhe weg und gegen die Römer jagte, so dass die letzteren fast schon alle Hoffnung aufgaben, ihre Maschinen vor dem Feuer noch retten zu können. 318 Da drehte sich plötzlich, wie auf einen Wink von Gott, der Wind nach Südwest und wehte jetzt mit Sturmeskraft von der entgegengesetzten Seite, wobei er die Lohe mit aller Gewalt auf den Mauerwall zurückschlug und ihn nunmehr nach seiner ganzen Ausdehnung durch und durch in Glut verwandelte. 319 Nach diesem Erweise göttlicher Hilfe zogen sich die Römer freudig bewegt in das Lager zurück, um am nächsten Tage den Hauptsturm auf die Festung zu unternehmen. Während der Nacht verdoppelten sie ihre Wachsamkeit, um ja niemand heimlich entrinnen zu lassen.

320 (6.) Indessen zog Eleazar weder für seine eigene Person eine Flucht in Erwägung, noch möchte er eine solche jemand anderem erlaubt haben. 321 Im Gegentheil, da er einerseits den Mauerwall in Feuer aufgehen sah und sonst keinen anderen Rettungsweg noch ein Vertheidigungsmittel mehr ausfindig machen konnte, auf der anderen Seite aber sich das schreckliche Schicksal vor Augen stellte, das den Vertheidigern mit ihren Frauen und Kindern nach dem Falle der Veste von Seite der Römer bevorstand, so beschloss er, alle miteinander sterben zu lassen. 322 Mit diesem Entschlusse, den er nach den obwaltenden Umständen noch für den besten hielt, sammelte er seine mannhaftesten Gefährten um sich und suchte sie durch die folgende Ansprache zu der beabsichtigten That zu ermuntern: 323 „Schon längst“, sprach er, „sind wir, wackere Männer, fest entschlossen gewesen, uns weder vor den Römern noch sonst jemand anderem zu beugen, als vor Gott, dem einzig wahren und gerechten Herrn der Menschen. Und nun ist der Augenblick gekommen, der gebieterisch von uns verlangt, dass wir diesen unseren Hochsinn auch einmal durch die That beweisen. 324 Wir wollen uns im Angesichte dieser heiligen Stunde nicht mit der Schmach bedecken, dass dieselben, die früher nicht einmal von einem gepolsterten Joche etwas wissen wollten, jetzt auf einmal ein Joch auf sich nehmen, das die Römer, wenn wir lebend in ihre Gewalt gerathen, sicher mit Todesqualen spicken werden! Denn wohlgemerkt, wir waren die ersten von allen, die die Fahne des Aufruhres erhoben haben, wir sind auch die letzten, die sie noch hochhalten! 325 Meines Erachtens ist es aber nur eine gnädige Fügung Gottes, dass gerade wir den schönen Tod des freien Mannes sterben [516] können, während soviele andere, die unvermuthet in die Hände der Feinde gefallen sind, dieses Glück nicht gehabt haben. 326 Wir haben so ziemlich die Gewissheit, dass morgen die Veste fällt, aber auch die Freiheit, den Tod der Wackeren mit unseren Liebsten zu sterben. Weder können die Feinde das letztere verhindern, wenn sie auch um jeden Preis uns lebend in ihren Händen sehen möchten, noch vermögen wir selbst mit all’ unserer Anstrengung den Sturm des Feindes abzuschlagen. 327 Ich sage: »mit all’ unserer Anstrengung«; denn man hätte vielleicht schon gleich zu Anfang, wo gerade wir, die feurigsten Verfechter der Freiheit, mit all’ unseren Plänen bei den eigenen Leuten einen schlechten, vor dem Feinde aber den schlechtesten Erfolg gehabt haben, auf den göttlichen Willen schließen und einsehen sollen, dass das einst so gottgeliebte Volk der Juden zum Untergang verurtheilt sei. 328 Denn wäre Gott uns wirklich gewogen geblieben oder nur ganz leicht über uns erzürnt gewesen, so hätte er wohl einem solchen Massenuntergang nicht ruhig zusehen und seine heiligste Stadt nicht der Brandfackel und dem Brecheisen der Feinde ausliefern können! 329 Wir haben uns denn also mit der Hoffnung geschmeichelt, dass wir allein aus dem ganzen Judengeschlechte unsere Existenz und unsere Freiheit behaupten würden, als hätten wir uns vor allem Frevel gegen Gott stets rein bewahrt und vor jeder Befleckung uns gehütet, obschon wir dazu auch noch die anderen angeleitet haben! 330 So müsst ihr nun denn selbst sehen, wie Gott unsere Erwartung jämmerlich zu Schanden macht, indem er uns in eine so verzweifelte Drangsal gestürzt hat, dass in uns auch die leiseste Hoffnung ersticken muss. 331 Denn nicht allein hat uns die natürliche Unbezwingbarkeit der Veste gar keinen Schutz gewährt, sondern auch Gott selbst hat uns in Mitte eines unerschöpflichen Proviantes und unter ganzen Bergen von Waffen und sonstigen zahllosen Vertheidigungsmitteln durch ein ganz unzweideutiges Zeichen jede Hoffnung auf Rettung geraubt: 332 ich meine das Feuer, das sich von seiner Richtung gegen den Feind gewiss nicht rein zufällig auf den von uns gebauten Mauerwall zurückgeworfen hat. Das alles ist vielmehr nur die göttliche Rache für die vielen Bosheiten, die wir in unserer Raserei gegen die eigenen Stammgenossen verübt haben, 333 und für die wir nun auch, nicht etwa unseren ärgsten Feinden, den Römern, sondern einzig Gott dem Herrn durch das Selbstopfer unseres Lebens eine Genugthuung geben wollen. 334 Diese Genugthuung ist doch sicher noch die leichteste: sterben werden dann, ohne Schmach zu leiden, unsere Frauen, sterben werden dann unbekannt mit dem Joch der Knechtschaft unsere Kinder, und nach ihnen wollen wir selbst uns einander den edelsten Liebesdienst erweisen, und [517] die reinbewahrte Fahne der Freiheit wird das schönste Leichengewand für uns sein. 335 Vorher aber wollen wir noch die Veste mit all’ ihren Schätzen in den Flammen begraben: wie werden sich doch – ich sehe es schon im Geiste – die Römer grämen, wenn sie uns wenigstens nicht lebend, Geld aber gar keines bekommen! 336 Nur die Lebensmittel lassen wir unversehrt, damit sie uns nach unserem Ende noch bezeugen können, dass wir nicht dem Hunger zum Opfer gefallen sind, sondern, wie es schon von Anfang an unser fester Entschluss gewesen, lieber sterben, als Knechte sein wollten“.

337 (7.) Mit diesen Worten traf es jedoch Eleazar nicht bei allen Anwesenden. Denn während ein Theil sich ihm bereitwilligst zur Verfügung stellte und sich fast mit einer gewissen Wollust an dem Gedanken weidete, wie schön doch ein solcher Tod sein müsse, 338 überkam dagegen die Weichherzigeren aus ihnen Mitleid mit ihren Frauen und Kindern, und da sie überdies dann auch für ihre eigene Person sich den Tod zu geben hatten, so stierten sie einer auf den anderen, und die Thränen in ihren Augen sagten nur allzu deutlich, wie wenig das nach ihrem Geschmacke war. 339 Wie nun Eleazar diese Leute verzagt werden und ihre Herzen unter der Riesengröße seines Entschlusses zusammenbrechen sah, da besorgte er, sie möchten mit ihrem Jammer und ihren Thränen auch jenen noch die Kraft lähmen, die starkmüthig seine Worte entgegengenommen hatten. 340 Weit entfernt also, jetzt seine Aufmunterung einzustellen, nahm er erst recht alle Kräfte zusammen und schlug mit dem ganzen Feuer seiner Entschlossenheit die schönsten Töne über die Unsterblichkeit der Seele an, 341 indem er dabei seinen Blick voll des heiligsten Unwillens unverwandt auf die Weinenden gerichtet hielt: „Ich habe mich fürwahr“, hub er an, „einer gewaltigen Täuschung hingegeben, wenn ich da geglaubt habe, an der Seite braver Männer mich in den Freiheitskampf zu stürzen, an der Seite von Männern, die fest entschlossen sind, entweder mit Ehren zu leben oder unterzugehen! 342 Ihr seid ja doch, wie ich sehen muss, überhaupt nie echte Männer und noch weniger Heldenseelen, sondern nur Leute ganz gewöhnlichen Schlages gewesen, die ihr vor dem Tode selbst dann noch Angst habet, wenn er euch auch vor den schlimmsten Uebeln rettet, anstatt euch ohne Zögern und unaufgefordert demselben in die Arme zu werfen. 343 Haben es uns ja doch die väterlichen und göttlichen Gesetze die längste Zeit, gleich vom ersten Gebrauche unserer Vernunft an, unausgesetzt eingeschärft, und unsere Ahnen durch ihr hochsinniges Beispiel bekräftigt, dass ein Unglück für die Menschen nur das Leben, und nicht der Tod ist. 344 Denn der Tod gibt den Seelen ihre Freiheit und lässt sie nach den reinen Stätten ihrer wahren Heimat ziehen, [518] wo sie kein Leid mehr empfinden werden. Solange sie aber noch im sterblichen Leibe, wie in einem Kerker, weilen und die Fülle seines Elendes theilen, sind sie im vollsten Sinne des Wortes todt, da die Bereinigung zwischen Göttlichem und Sterblichem ein Missverhältnis ist. 345 Nun entfaltet zwar die Seele auch eine große Macht in dem Zustande, wo sie mit dem Leibe zusammengeschlossen ist, indem sie denselben zum Werkzeug ihrer Sinneswahrnehmungen macht, ihn unsichtbarer Weise in Bewegung seht und in ihren sittlichen Handlungen sogar über seine sterbliche Natur emporträgt: 346 aber was ist das im Vergleich zu jenem Zustand, wo sie, losgelöst von ihrer Bürde, die sie immer zur Erde hinabzieht und nie loslässt, und in ihrem himmlischen Vaterlande angelangt, endlich einmal eine wahrhaft selige Lebenskraft, wie auch eine allseits ungehemmte Macht empfängt, für immer den Augen der Menschen entrückt, wie Gott selbst es ist. 347 Kann ja die Seele nicht einmal in diesem ihrem Leibesleben eigentlich geschaut werden: unsichtbar zieht sie in den Körper ein und ungesehen wandert sie wieder aus: nur eine Natur hat sie, die unsterbliche, und von dieser hängt auch das veränderliche Leben des Leibes ab. 348 Denn alles, was immer die Seele berührt, das lebt und blüht; was sie verlässt, das dorrt ab und stirbt: so reich ist die unsterbliche Lebensmacht, die der Seele zu Gebote steht! 349 Als schlagender Beweis für meine Behauptung möge auch der Schlaf dienen. Im Schlafe findet die Seele gerade darum die angenehmste Ruhe, weil sie sich nicht mit dem Leibe abzugeben hat und für sich selbst leben kann; ja sie tritt dann sogar infolge ihrer Wesensverwandtschaft mit Gott in Verkehr und wird dadurch befähigt, überall hinzudringen und viele zukünftige Dinge vorauszusagen. 350 Lieben wir aber die mit dem Schlafe verbundene Ruhe, warum sollten wir dann gerade den Tod fürchten? Wie thöricht von uns, der Freiheit dieses irdischen Lebens nachzujagen und uns selbst die ewig dauernde nicht zu gönnen! 351 Eigentlich sollten wir, Juden, ohnehin schon nach unserer ganzen Geistesrichtung, die uns von Haus aus eingepflanzt worden ist, den übrigen Menschen in der bereitwilligen Uebernahme des Todes mit gutem Beispiele vorangehen. Sollten wir aber wirklich auf die Zeugnisse von heidnischen Völkern angewiesen sein, so müssten wir uns einmal jene Indier betrachten, welche die Pflege der Weisheit zu ihrer besonderen Aufgabe machen. 352 Sehet, wie diese Männer in ihrer hohen Gesinnung die Zeit des Lebens wie eine von der Natur auferlegte allgemeine Zwangsarbeit nur sehr ungerne abdienen. 353 Ja, sie beschleunigen selbst die Loslösung der Seele vom Leibe, indem sie, ohne von einem Leiden dazu gedrängt oder mit aller Gewalt aus der Welt geschafft zu werden, rein [519] nur aus Sehnsucht nach dem unsterblichen Leben einfach ihrer Umgebung den Entschluss eröffnen, dass sie jetzt aus der Welt scheiden wollen. Anstatt dass sie nun jemand davon zurückhalten würde, beglückwünscht sie alles, und ein jeder gibt ihnen Botschaften an seine verstorbenen Verwandten mit, 354 ein Beweis, für wie sicher und fest beglaubigt sie das Weiterleben und die Gemeinschaft der abgestorbenen Seelen untereinander halten. 355 Haben sie nun die ihnen gegebenen Aufträge vernommen, so überliefern sie ihren Leib dem Feuerelemente, um auf solche Art die Seele auch so rein als möglich aus dem Leibe herauszubekommen. Ihre Vollendung vollzieht sich unter den Hymnengesängen ihrer Theuren, 356 denen das Herz bei diesem Todesgeleite nicht einmal so schwer wird, als anderen Menschen, wenn sie einem Mitbürger nur auf eine etwas weitere Reise das Geleite geben. Sie weinen nur über sich selbst und preisen das Glück der Todten, die bereits unter den Unsterblichen ihren Platz bekommen haben. 357 Und nun sollten wir, Juden, uns nicht schämen, dass wir mit unserer Denkungsart noch unter den Indiern stehen und durch unsere Feigheit die Gesetze unserer Väter, deren Glanz doch allen Völkern in die Augen sticht, so schmählich entehren? 358 Doch gesetzt auch, wir hätten von Anbeginn gerade die entgegengesetzten Grundsätze eingesogen, dass nämlich das größte Gut für die Menschen das Leben, der Tod aber ein Unglück sei, so müsste uns wenigstens der gegenwärtige Augenblick zur herzhaften Ertragung desselben bewegen, da wir jetzt nach dem Rathschluss Gottes und dem Gebot der Nothwendigkeit zu sterben haben. 359 Denn allem Anschein nach hat ja Gott selbst schon längst über die ganze große jüdische Nation dieses Todeslos geworfen, so dass wir es naturgemäß mit Gott zu thun haben, wenn wir von einer Scheidung aus diesem Leben nichts hören wollen. 360 Denn nicht euch selbst dürft ihr die letzte Schuld geben noch in der Größe Roms den Grund dafür suchen, dass der Kampf gegen die Römer uns vollständig aufgerieben hat. Fürwahr nicht die Kraft des römischen Armes hat diese Wendung herbeigeführt, sondern eine höhere Gewalt hat eingegriffen, um den Römern nur den äußeren Glanz des Sieges zu überlassen. 361 Waren es denn etwa die Waffen der Römer, denen die jüdischen Bewohner von Cäsarea erlegen sind? 362 Obschon die letzteren gar keinen Abfall von Rom im Sinne hatten, wurden sie doch, gerade unter der Sabbathsfeier, ohne auch nur eine Hand zur Abwehr zu erheben, mit Frauen und Kindern von der Volksmenge im Auflaufe niedergemetzelt und zwar unter Missachtung der römischen Autorität, die nur jene Juden als Feinde betrachtete, welche, wie z. B. wir, thatsächlich die Fahne des Aufruhres erhoben hatten. 363 Allerdings könnte jemand in diesem Falle bemerken, [520] dass die Cäsareenser beständig Reibungen mit den dortigen Juden gehabt und deshalb nur eine günstige Gelegenheit beim Schopf genommen haben, um ihrem alten Hass einmal gründlich Rechnung zu tragen. 364 Was wird man aber dann von den Juden in Scythopolis sagen, die soweit gegangen sind, dass sie den Griechen zu Liebe sogar gegen uns selbst gefochten haben, anstatt in den Reihen ihrer Stammesbrüder den Vertheidigungskampf gegen die Römer mitzumachen? Gewiss hat ihnen nun die treue Ergebenheit gegen die Heiden sehr viel eingetragen? 365 Im Gegentheil, in martervoller Weise wurden sie mit all’ ihren Angehörigen abgeschlachtet und so für ihre Bundesgenossenschaft von den Heiden entlohnt! 366 Denn gerade das, was sie durch ihr Eingreifen den Heiden von unserer Seite erspart haben, das mussten sie nun selber erleiden, als wenn sie etwas im Schilde geführt hätten. Es würde mich zu weit führen, wollte ich mich hier über alle Ereignisse einzeln verbreiten. 367 Ist euch ja doch bekannt, dass es in Syrien keine einzige Stadt gibt, die ihre Judencolonie nicht ausgemordet hätte, obwohl gerade diese Juden gegen uns noch feindseliger gesinnt waren, als selbst die Römer. 368 Dort war es auch, wo die Damascener, ohne auch nur einen gut erdichteten Vorwand bei der Hand zu haben, ihre Stadt mit einem ganz grässlichen Blutbad überschwemmten, in welchem 18.000 Juden mit Frauen und Kindern untergiengen. 369 Die Zahl der Juden endlich, die in Aegypten unter schimpflichen Martern massacriert worden sind, soll nach uns zugekommenen Berichten gar über 60.000 betragen haben! Mag nun auch vielleicht ein Grund für den Untergang dieser Stammesgenossen darin gesucht werden, dass sie auf fremdem Boden gar keinen Rückhalt gegenüber ihren Feinden finden konnten, was ist es aber dann mit allen jenen, die auf vaterländischem Boden die Waffen gegen die Römer erhoben haben, standen denn diesen Männern nicht sämmtliche Mittel zu Gebote, die nur immer eine gute Aussicht auf den Sieg zu bieten vermögen? 370 Da gab es solche Waffenvorräthe und Bollwerke, bis zur Uneinnehmbarkeit befestigte Burgen und einen kriegerischen Geist, der sich mit einer solchen Unerschrockenheit für die Freiheit in alle Gefahren zu stürzen bereit war, dass alles mit unerschütterlichem Vertrauen dem Ausbruch der Rebellion entgegensah. 371 Aber alles dies hielt nur eine kurze Zeit vor und diente nur dazu, uns mit hochgespannten Erwartungen zu erfüllen, um sich endlich als eine Quelle von noch größeren Leiden zu enthüllen. Alles ward mit stürmender Hand genommen, alles sank vor dem Feinde in den Staub, ganz so, als wäre es nur für die Verherrlichung des siegreichen Feindes und nicht vielmehr zum Schutze derer vorgerichtet worden, die sich damit zu decken suchten. 372 Die auf dem Schlachtfeld Gefallenen freilich sollte man nur glücklich preisen, [521] da sie nach tapferer Gegenwehr, im Bewusstsein, die Freiheit dem Feinde nicht geopfert zu haben, gestorben sind; aber die Masse derer, die lebendig in die Gewalt der Römer gerathen sind, wem möchte diese nicht inniges Mitleid einflößen? Oder wer möchte sich nicht schleunig den Tod geben, um einem gleichen Schicksal zu entgehen? 373 Von der Folter verrenkt, von glühenden Fackeln versengt, von Geißelstreichen zerfleischt, starben die einen; schon zur Hälfte von den Bestien angefressen, wurden die anderen als lebendiges Spielzeug für die Lachlust und Kurzweil der Feinde zu einem zweiten Fraß ausgespart! 374 Die Aermsten der Armen nun, glaube ich, müssen jene sein, die noch immer am Leben sind, sie, die so oft und flehentlich den Tod herbeirufen und ihn nicht erbitten können. 375 Und wo ist denn dann jene großmächtige Stadt, die da einst des ganzen Judenvolkes Metropole war, die Stadt mit dem vielfachen gewaltigen Mauergürtel, mit den zahlreichen Burgen und hochragenden Thürmen an ihren Flanken, mit dem ungeheuren Kriegsmaterial, für das der Raum fast zu wenig wurde, die Stadt, sage ich, die so viele Myriaden von Männern zu ihren Vertheidigern zählte? 376 Wohin ist sie uns entschwunden, die nach unserer heiligsten Ueberzeugung der Wohnsitz Gottes war? Mit der Wurzel ist sie ausgerottet, bis in ihre Fundamente zertrümmert, und nur ein einziges Denkmal erinnert an Jerusalem, das Lager ihrer Mörder, das sich noch über ihren Ruinen erhebt. 377 Etliche jammervolle Greise sitzen am Aschenhügel des Heiligthums, wie auch einige wenige Frauen, von der feindlichen Soldateska für die schimpflichste Schmach aufgespart. 378 Wer von uns könnte, wenn er diese entsetzlichen Ereignisse an seiner Seele vorüberziehen lässt, es über das Herz bringen, noch länger das Licht des Tages zu schauen, auch für den Fall, dass er für sein Leben gar nichts mehr zu fürchten hätte! Wer könnte ein solcher Feind seiner Vaterstadt, ein so unmännlicher und weichlicher Charakter sein, dass er es nicht bedauern möchte, auch nur bis zu dieser Stunde noch am Leben geblieben zu sein? 379 O wären wir doch alle früher gestorben, bevor wir Zeugen sein mussten, wie die Hände unserer Feinde jene hochehrwürdige Stadt abgebrochen, wie sie den Tempel, den hochheiligen, in ruchlosester Weise umgegraben haben! 380 Nachdem wir uns aber leider durch eine für uns allerdings nicht unehrenhafte Hoffnung haben vertrösten lassen, dass wir vielleicht irgendwie Jerusalem an ihren Feinden noch rächen könnten, eine Hoffnung, die nunmehr vollständig geschwunden ist und nur uns allein noch in der Drangsal übrig gelassen hat, so wollen wir jetzt wenigstens keine Zeit mehr verlieren, um den Tod der Edlen zu sterben! Haben wir doch Erbarmen mit uns selbst, mit unseren Kindern und unseren Frauen, so lange wir noch in der [522] Lage sind, einer vom andern den barmherzigen Streich zu empfangen! 381 Zum Sterben sind wir ja geboren, zum Sterben haben wir unsere Leibesfrucht gezeugt, und selbst die glücklichsten Menschen können dem Tode nicht entrinnen. 382 Dagegen sind Entehrung, Sclaverei und der bittere Schmerz, die Frauen mit ihren Kindern von roher Gewalt der Schande überliefert zu sehen, für die Menschen durchaus keine naturnothwendigen Uebel, sondern lauter Leiden, die sie sich aus reiner Feigheit gefallen lassen, weil sie sich, so lange es noch möglich war, nicht entschließen konnten, denselben durch den Tod zuvorzukommen. 383 Stolz auf unseren Mannesmuth haben wir den Römern den Gehorsam aufgekündigt und zu guterletzt haben wir noch jetzt für ihre Aufforderung, uns auf Gnade zu ergeben, nur taube Ohren gehabt. 384 Wer könnte sich also nicht den Grimm der Römer gegen uns ausmalen, wenn sie uns lebend in ihre Gewalt bekommen sollten! Wehe eurer strotzenden Leibeskraft, ihr Jünglinge, an der gar viele Martern zu zehren haben werden! Wehe euch, die ihr über die Manneskraft schon hinaus seid, wehe über euer Alter, das unter der Last so vielen Unheiles erliegen muss! 385 Hier wird einer ohnmächtig zusehen müssen, wie man sein Weib von ihm reißt, um es zu vergewaltigen, da wieder wird einer den Jammerlaut seines Kindes hören, das nach der Hilfe des Vaters schreit, obwohl ihm selbst die Hände zugeschnürt sind. 386 Doch sie sind ja noch frei, sie haben ja noch ihr gutes Schwert, wohlan, sie sollen uns jetzt einen schönen Dienst erzeigen! Unberührt vom Feindesjoch wollen wir sterben, als freie Männer mit unseren Frauen und Kindern gemeinschaftlich von hinnen scheiden. 387 Das ist der Wille unserer Gesetze, das ist der flehentliche Wunsch unserer Frauen und Kinder; das ist eine Nothwendigkeit, die Gott selbst herbeigeführt hat, und eine That, die der Feind zu vereiteln wünscht, weil er nichts so sehr besorgt, als dass jemand aus der Gefangenschaft durch den Tod entkomme. 388 Beeilen wir uns darum, unseren Feinden für die aus unseren Qualen erhoffte Lust nur des Todes unheimliches Grauen und die stumme Bewunderung eines großen Dramas zu hinterlassen!“


Neuntes Capitel.
Die Juden von Masada führen den entsetzlichen Entschluss aus. Die Römer finden 960 Leichen und eine brennende Veste. Nur einige Frauen und Kinder waren übriggeblieben.

389 (1.) Als Eleazar den Juden noch weiter zureden wollte, da schnitten sie ihm das Wort ab, um, noch ganz erfüllt von unwiderstehlicher Begeisterung, gleich zur That selbst zu schreiten. Wie besessen rannten sie hin, und einer suchte vor dem anderen einen Vorsprung zu gewinnen, weil er von der Ueberzeugung beseelt war, es würde der Ruhm seiner [523] Mannhaftigkeit und Einsicht davon abhängen, dass er sich nicht erst unter den letzten blicken lasse: so gewaltig war jetzt die Lust, die sie befallen, ihre Frauen und Kinder, sowie ihre eigene Person hinzuschlachten! 390 Ja, es kühlte sich dieser Fanatismus, wie man doch hätte vermuthen können, auch in dem Augenblicke nicht ab, wo man vor der That selbst stand, sondern mit derselben ungeschwächten Begeisterung, mit der sie früher die Ansprache des Eleazar für ihren Vorsatz entflammt hatte, führten sie ihn auch aus: nicht so, als ob die zarten Gefühle für Bekannte und Angehörige in einem aus ihnen erloschen wären; sie wurden nur von der höheren Erwägung beherrscht, dass man das Beste für seine Theuren getroffen habe. 391 Mit innigster Zärtlichkeit umschlangen sie noch ihre Frauen, schlossen dann liebkosend auch ihre Kindlein noch einmal in die Arme und bedeckten mit den letzten Küssen und Thränen ihre Lippen: 392 in demselben Augenblicke aber, als hätte eine fremde Macht ihnen den Arm geliehen, vollbrachten sie auch schon ihr Werk und führten den peinlichen Stoß, nur durch den einen Gedanken getröstet: „Was würden meine Lieben erst unter den Händen des Feindes zu leiden haben!“ 393 So fand sich denn schließlich kein einziger mehr, der vor dem Ungeheuren noch zurückgeschauert wäre: ohne Ausnahme stieß ein jeder seine Theuren bis auf das letzte Würmlein nieder. O ihr Unglücklichen, wie entsetzlich musste doch eure Bedrängnis sein, dass es euch noch das kleinste Uebel däuchte, mit eigener Faust eure Frauen und Kinder zu erwürgen! 394 Nachdem nun die That geschehen war, konnten sie ihren brennenden Schmerz darüber nicht länger mehr ertragen, ja sie hielten es für eine Sünde gegen die Hingeopferten, wenn sie auch nur eine ganz kurze Zeit dieselben überleben wollten. So warfen sie denn in aller Hast ihre sämmtlichen Wertsachen auf einen Haufen zusammen und legten Feuer an den Stoß. 395 Dann wählten sie aus ihrer Mitte zehn Männer, welche die Schlächter aller übrigen sein sollten, und nun ließ sich Jedermann, hingebettet zu den Leichen seiner Frau und seiner Kinder, die er noch einmal mit seinen Armen umklammerte, von den für diesen traurigen Dienst bestimmten Genossen willig den Todesstoß versetzen. 396 Ohne Wanken vollzogen diese ihre Blutarbeit, um hierauf dieselbe Ordnung mit dem Lose auch untereinander einzuhalten, dass nämlich der ausgeloste Mann zuerst den anderen neun und darauf, als letzter von allen, sich selbst den Tod geben sollte. So fest also war das Vertrauen, das sie sich alle gegenseitig schenkten, es werde einer, wie der andere, ohne Unterschied ebenso kaltblütig seine Kameraden in den Tod schicken, als ihm selbst unverzagt ins Auge schauen. 397 Das Ende war, dass auch die neun sich dem mörderischen Eisen stellten, [524] worauf der einzige und letzte, nach einem prüfenden Blick auf die zahllosen Leichen, ob nicht vielleicht bei der großen Schlächterei Jemand übersehen worden, der noch seines Gnadenstoßes bedürfte, als er keinen mehr am Leben fand, im ganzen Palaste Feuer legte und dann mit beiden Händen die Klinge bis ans Heft sich durch den Leib bohrte, um neben seiner Familie zusammenzubrechen. 398 Obwohl nun die Hingeschiedenen den Glauben mit sich in den Tod genommen, sie hätten keine Seele den Händen der Römer überlassen, 399 so hatte sich doch eine alte Frau und außerdem eine Verwandte des Eleazar, eine einsichtsvolle und feingebildete Frau, wie es deren wenige gibt, mit fünf Kindern in den Canälen, die das Trinkwasser unterirdisch fortleiteten, in dem Augenblick zu verstecken gewusst, wo die übrigen alle ihre Gedanken eben auf den Mordplan gerichtet hatten. 400 Die Zahl der Opfer belief sich, die Frauen und Kinder mit eingeschlossen, auf 960. 401 Das entsetzliche Trauerspiel hatte sich am fünfzehnten des Monates Xanthikus abgespielt.

402 (2.) Als der Morgen graute, trafen die Römer, die sich noch auf einen heißen Kampf gefasst machten, ihre Vorbereitungen zum Sturme, stellten mit den Sturmbrücken die Verbindung zwischen den Wällen und der Festung her und begannen den Angriff. 403 Doch nirgends zeigte sich ein Feind, überall nur düstere Oede und Todesschweigen, unterbrochen nur von dem Knistern der Flammen im Innern, so dass die Römer anfangs rathlos standen und vergebens sich die Sache zu enträthseln suchten. Endlich ließen sie, um vielleicht auf diese Art einzelne Leute von der Besatzung nach der Bresche zu ziehen, ihren Schlachtruf erschallen, der sonst den Ansturm der Geschosse einzuleiten hatte. 404 Auf dieses Geschrei, das auch zu den genannten Frauen drang, schlüpften dieselben aus dem Canal und erzählten den Römern was alles, und wie es geschehen war, wobei besonders die zweite Frau bis auf die kleinsten Züge ein klares Bild sowohl von der Berathung wie auch von der Durchführung des schrecklichen Dramas entrollte. 405 Kaum, dass die Römer sie anhörten, zu unglaublich klang die entsetzliche Märe! Erst machten sich die Römer an die Löschung des Brandes und brachen sich rasch über die noch rauchenden Trümmer Bahn, um in das Innere des Palastes einzudringen. 406 Beim Anblick nun der zahllosen Leichen, auf die sie hier stießen, war es nicht mehr das Gefühl der Freude über einen gefallenen Feind, das sich ihrer bemächtigte, sondern einzig nur das des Staunens über einen so hochsinnigen Entschluss und die unbeugsame Todesverachtung, mit der er von so vielen und verschiedenen Menschen auch zur That war gemacht worden.

[525]
Zehntes Capitel.
Flüchtige Sicarier in Aegypten. Gefahr der dortigen Judencolonie. Verfolgung der Sicarier. Geschichte des Oniastempel. Seine Schließung durch Vespasian.

407 (1.) Nach dieser wichtigen Eroberung, die durch eine auf der Veste zurückgelassene Besatzung gesichert wurde, rückte der römische Feldherr mit seinen Truppen nach Cäsarea ab. 408 Die Rebellen im Lande waren ja nunmehr ohne Ausnahme vernichtet, und ganz Judäa durch den langwierigen Krieg vollständig niedergeworfen, nicht ohne dass der Kampf im Mutterlande sogar viele der entlegensten Judencolonien in Mitleidenschaft gezogen und in gefahrvolle Wirren gestürzt hätte. 409 Auch selbst nach seiner Beendigung sollten zu Alexandrien in Aegypten noch viele Juden ihren Tod finden. 410 Einigen von der Partei der Sicarier war es nämlich geglückt, sich durch die Flucht nach Alexandrien zu retten, wo sie nun, anstatt sich mit der gewonnenen Sicherheit zu bescheiden, neuerdings einen Umsturz versuchten, indem sie viele ihrer Gastfreunde, bei denen sie Unterkunft gefunden, mit ihren Freiheitsgelüsten zu erfüllen und ihnen die Vorstellung beizubringen suchten, als ob die Römer keineswegs den Juden überlegen wären, wobei sie auch die letzteren auf Gott, ihren einzig rechtmäßigen König, hinwiesen. 411 Da ihnen aber unter den Juden einige Männer von Ansehen entgegenzutreten wagten, so erdolchten sie etliche davon meuchlings und forderten die anderen mit ungestümem Drängen zum Abfall auf. 412 Wie nun die Häupter des jüdischen Rathes ihr wahnsinniges Vorhaben gewahrten, glaubten sie, schon im Interesse ihrer eigenen Sicherheit, die Sache nicht mehr ignorieren zu dürfen, sondern beriefen die gesammte Judenschaft zu einer Versammlung, vor welcher sie die wahnwitzigen Pläne der Sicarier enthüllten und dieselben als die eigentlichen Anstifter alles bisherigen Unheiles erklärten. 413 „Und jetzt“, schlossen sie, „wollen diese Leute, da sie nun einmal, auch trotz ihrer Flucht ins Ausland, noch immer nicht bestimmt auf ihre eigene Sicherheit rechnen können und, sobald von den Römern erkannt, augenblicklich verloren sind, in das von ihnen nur zu sehr verdiente Schicksal auch jene verwickeln, die sich doch von aller Mitschuld an ihren Verbrechen freigehalten haben. 414 Hütet euch also“, so lautete die letzte Mahnung an die Menge, „vor dem Verderben, das diese Menschen über euch bringen könnten, und zeiget den Römern durch ihre Auslieferung, dass ihr von ihren Verbrechen nichts wissen wolltet“. 415 Da die Versammelten die Größe der drohenden Gefahr sofort begriffen, stimmten sie auch dem Vorschlage bei und warfen sich mit großem Ungestüm auf die Sicarier, um sie vor das römische Gericht zu schleppen. 416 Ihrer 600 wurden gleich an Ort und Stelle verhaftet, alle jene aber, die sich tiefer ins Land hinein [526] und namentlich nach dem ägyptischen Theben hatten flüchten können, wurden nicht lange darauf ebenfalls festgenommen und wieder nach Alexandrien zurückgebracht. 417 Bei diesen Gefangenen trat indes eine solche Standhaftigkeit und – ich weiß nicht, soll man sagen „toller Fanatismus“ oder „Kraft der Ueberzeugung“ zu Tage, dass sich wohl Niemand dem Gefühle höchster Bewunderung verschließen konnte. 418 Denn obgleich man gegen sie alles mögliche ausdachte, was nur immer ihren Leib martern und zerreißen konnte, um nur das eine zu erreichen, dass sie den Kaiser als ihren Herrn anerkannten, so ließ sich dennoch kein einziger wankend machen oder auch nur die Möglichkeit eines solchen Bekenntnisses durchblicken, sondern siegreich behaupteten alle trotz der Pein ihre Ueberzeugung, indem ihr Leib, wie ein gefühlloser Klotz, ihr Geist aber fast mit einer gewissen Freude die Folter und das Feuer umfieng. 419 Was aber noch am allermeisten die Zuschauer in Staunen setzte, das war der Umstand, dass sich darunter auch Knaben im zartesten Alter befanden, von denen sich gleichfalls kein einziger die Anerkennung der kaiserlichen Oberherrlichkeit abpressen ließ. Eine solche Herrschaft besaß die Entschlossenheit einer kühnen Seele über den schwächlichen Leib!

420 (2.) Der damalige Präfect von Alexandrien, namens Lupus, meldete dem Kaiser ohne Verzug die ganze Bewegung. 421 Da Vespasian wohl merkte, dass die Juden ihre Umsturzgelüste nie mehr fahren lassen würden, und die Besorgnis hegte, sie möchten sich wieder in größeren Massen an einem Punkte sammeln und auch einen Theil ihrer ruhigen Stammesgenossen mit in den Aufstand hineinreißen, so gab er Lupus den Befehl, den Judentempel im sogenannten Oniasbezirke niederzureißen. 422 Dieser Tempel steht in Aegypten und leitet seinen Ursprung, wie auch seine Benennung von der folgenden Begebenheit her: 423 Onias, einer von den Hohenpriestern aus Jerusalem, der Sohn des Simon, musste sich vor dem syrischen König Antiochus zur Zeit seines Kampfes mit den Juden flüchten und kam bei dieser Gelegenheit nach Alexandrien. Von Ptolemäus, der selbst mit Antiochus auf gespanntem Fuße lebte, eben darum wohlwollend aufgenommen, äußerte sich Onias dem König gegenüber, er könnte ihm die Bundesgenossenschaft der ganzen jüdischen Nation verschaffen, wenn er seinen Anträgen Folge geben würde. 424 Als der König ihm erklärte, dass er sein Möglichstes thun werde, verlangte Onias von ihm die Bewilligung, irgendwo in Aegypten einen Tempel errichten zu dürfen, um dort nach der Väter Sitte die Verehrung Gottes zu pflegen. 425 Denn auf diese Erlaubnis hin, meinte Onias, würde der Hass der Juden gegen Antiochus, den Verwüster ihres Tempels zu Jerusalem, noch stärker [527] aufflammen, andererseits aber auch das freundschaftliche Verhältnis zu Ptolemäus sich noch inniger gestalten, da sich schon wegen der ungehinderten Feier des Gottesdienstes viele Juden zu dem Aegypterkönig begeben würden.

426 (3.) Diese Worte fanden die Zustimmung des Ptolemäus, und er schenkte ihm einen Strich Landes, der 180 Stadien von Memphis entfernt, im sogenannten Kreise von Heliopolis gelegen war. 427 Hier legte Onias zunächst eine feste Burg an und machte sich dann an den Bau des Tempels, der übrigens mit dem zu Jerusalem keine Aehnlichkeit haben sollte, sondern die Gestalt eines Thurmes bekam und mit seinen gewaltigen Quadern zu einer Höhe von 60 Ellen aufragte. 428 Bei der Construction des Brandopferaltares dagegen nahm er sich vollständig den in der Heimat zum Muster, wie er auch die Prunkstücke im Tempel in ganz ähnlichen Formen herstellte. Nur die Arbeit am Leuchter machte eine Ausnahme, 429 indem Onias hier kein Leuchtergestelle anwendete, sondern nur eine goldene Lampe, von der unmittelbar das Licht ausstrahlte, anfertigen und an einer goldenen Kette schweben ließ. Der ganze Tempelbezirk war von einer Mauer aus gebrannten Ziegeln eingefasst, deren Thore aber Steinbauten waren. 430 Der König überließ ferner viel Grund und Boden für die laufenden Einkünfte an das Heiligthum, damit sowohl für die Priester gut gesorgt wäre, als auch für den Gottesdienst viel geschehen könnte. 431 Die ganze Handlungsweise des Onias entsprang indes nicht gerade den besten Beweggründen, da es ihm zunächst nur um eine Rivalität mit den Juden von Jerusalem zu thun war, denen er seinen Grimm wegen der über ihn verhängten Verbannung fühlen lassen wollte. Nach seiner Berechnung sollte nun gerade der Bau dieses Heiligthums das jüdische Volk von Jerusalem weg und nach Aegypten hinabziehen. 432 Es bestand aber auch eine alte, etwa 600 Jahre früher erflossene Prophezeiung, die von Isaias stammt und nach welcher die Gründung eines solchen Tempels in Aegypten durch einen Juden in Aussicht gestellt wurde. Das war also der Ursprung und die Einrichtung dieses Heiligthums.

433 (4.) Als Lupus, der Präfect von Alexandrien, das kaiserliche Schreiben erhalten hatte, begab er sich ins Heiligthum und ließ nach Wegnahme einiger kostbarer Weihegegenstände das eigentliche Tempelgebäude schließen. 434 Nach seinem bald darauf erfolgten Tode ließ sein Nachfolger, der Präfect Paulinus, alle Weihegeschenke bis auf das letzte fortschaffen und drohte, um ja seinen Zweck sicher zu erreichen, sogar den Priestern wiederholt die schwersten Strafen für den Fall an, als sie nicht alles herausgeben würden. Selbst den heiligen Bezirk [528] durfte man zur Verrichtung seiner Andacht nicht mehr betreten, 435 da Paulinus die Thore der Umfassungsmauer geschlossen und so den Zutritt zu demselben vollständig unmöglich gemacht hatte, so dass unter ihm auch die letzte Spur der früheren Gottesverehrung vom Orte verschwand. 436 Bis zur Schließung des Tempels waren seit seiner Gründung 343 Jahre vergangen.


Eilftes Capitel.
Die Sicarier in Cyrene und ihr Rädelsführer Jonathas. List und Grausamkeit des Statthalters Catullus gegen die dortige Judencolonie. Anklage des Josephus. Ende des Bedrückers. Schluss.

437 (1). Wie eine ansteckende Krankheit hatte sich der tolle Fanatismus der Sicarier auch über die Städte im Gebiete von Cyrene verbreitet. 438 Ein abgefeimter Bösewicht, namens Jonathas, seiner Profession nach Weber, war auf seiner Flucht aus Judäa auch nach Cyrene verschlagen worden, wo er durch seine Redekünste eine nicht kleine Zahl mittelloser Leute an sich fesselte und sie unter dem Versprechen, ihnen Wunderzeichen und himmlische Erscheinungen sehen zu lassen, in die Wüste hinauslockte. 439 Noch wusste sonst Niemand recht um das Unwesen und den Schwindel, den er trieb, als auch schon die jüdischen Großen in Cyrene über seine Entfernung und seine Anschläge bei dem Statthalter der libyschen Pentapolis Catullus die Anzeige erstatteten. 440 Durch einen Trupp Reiter und eine Abtheilung Fußvolk, die derselbe ihm nachsandte, trieb er nun mit leichter Mühe den noch unbewaffneten Haufen zu Paaren. Der größte Theil davon fiel gleich unter den Händen der Römer, während einige noch lebend überwältigt und zu Catullus gebracht werden konnten. 441 Dem Haupträdelsführer Jonathas dagegen gelang es für diesmal zu entkommen, er ward aber später nach vielen und sehr sorgfältigen Streifungen, die man im ganzen Lande anstellte, eingefangen. Vor den Statthalter Catullus gebracht, verstand es der Schlaukopf, sich noch einmal dem Henkerbeil zu entziehen und sich sogar zum Werkzeug des ruchlosen Catullus zu machen, 442 indem er gegen die reichsten Juden die Verleumdung schleuderte, dass sie eigentlich ihn zu seinem Unternehmen angeleitet hätten.

443 (2.) Sehr gerne gieng der Statthalter auf diese Verleumdungen ein und bauschte die ganze Sache durch die ärgsten Uebertreibungen, die er noch dazu gab, zu einer ungeheuren Affaire auf, um selbst auch so einen kleinen Triumphator über das jüdische Volk spielen zu können. 444 Was aber noch verhängnisvoller wurde, das war der Umstand, dass er nicht bloß für seine Person alles ohne Weiteres glaubte, sondern auch die Sicarier sogar ausdrücklich anwies, falsche Angaben zu [529] erfinden. 445 So befahl er dem Jonathas, einen gewissen Juden Alexander, mit dem sich der Statthalter vor langer Zeit schon überworfen und dem gegenüber er auch aus seinem Hasse nie ein Hehl gemacht hatte, anzugeben und ließ auch dessen Gattin Berenice in den peinlichen Process verwickeln, der dann die Hinrichtung dieser ersten Opfer zur Folge hatte. Nach ihnen wurden auf sein Betreiben alle wohlhabenden Juden, 3000 an der Zahl, miteinander niedergemetzelt, 446 und fühlte sich der Statthalter dabei auch noch sehr sicher, weil ja die Confiscation ihrer Güter angeblich nur der Vermehrung der kaiserlichen Einkünfte dienen sollte.

447 (3.) Damit aber nicht etwa auch anderwärts einige Juden seine Ungerechtigkeit entlarven könnten, zielte Catullus mit seinen Cabalen noch höher und beredete den Jonathas mit einigen seiner Mitgefangenen dahin, auch gegen die angesehensten Juden in Alexandrien sowohl, wie in Rom, die Klage wegen versuchten Aufruhres einzubringen. 448 Zu diesen Persönlichkeiten, welche in so intriguanter Weise belangt wurden, gehörte auch Josephus, der Verfasser vorliegenden Werkes. 449 Dem Catullus gieng jedoch sein schlauer Plan nicht, wie er geträumt hatte, durch. Der Statthalter war nämlich mit dem gefesselten Jonathas und dessen Leuten in der sicheren Erwartung nach Rom gekommen, die vor seinem Richterstuhle und zwar auf seine eigene Anregung hin anhängig gemachte falsche Klage würde jede weitere Untersuchung überflüssig machen. 450 Aber Vespasian fand ein Haar an der Sache und suchte ihr auf den Grund zu kommen. Wirklich gewann er die Ueberzeugung von der Ungerechtigkeit der gegen jene Männer erhobenen Anklage und sprach sie, besonders auf Betreiben des Titus, von aller Schuld frei. Jonathas aber erhielt endlich die Strafe, die er verdient hatte: er wurde nach vorausgegangener Geißelung lebendig verbrannt.

451 (4.) Catullus empfieng, dank der Milde der beiden Imperatoren, keine schwerere Strafe: er kam mit einem bloßen Verweise davon. Doch wurde er nicht lange darauf von einer complicierten und fast unheilbaren Krankheit ergriffen, an der er nach hartem Todeskampfe auch starb. Noch schwerer als die körperlichen Peinen, war das, was er in seiner Seele litt. 452 Von furchtbaren Bildern aufgeschreckt, schrie er in einem fort, er sehe die Gespenster seiner hingemordeten Opfer vor seinem Bette stehen. Dann war ihm wieder, als würde man ihm mit allen Folterschrauben und Fackeln zu Leibe rücken, so dass er sich nicht mehr halten konnte und vom Lager heraussprang. 453 Das Uebel machte immer größere Fortschritte, bis endlich infolge von Verschwärung sogar die Eingeweide heraustraten, und so der Tod erfolgte [530] – gewiss ein Exempel, das, wie nur eines, den klaren Beweis liefert, wie die allwaltende Gerechtigkeit jedem Bösewicht die gebürende Strafe zutheil werden lässt.

454 (5.) Hier sind wir nun am Ziele unserer Geschichte angelangt, für die ich mich anheischig gemacht habe, dass ich sie mit aller Genauigkeit denen, die sich für den Verlauf des Krieges zwischen den Römern und den Juden interessieren, an die Hand geben werde. 455 Das Urtheil darüber, inwieweit der Stoff schriftstellerisch glücklich verarbeitet worden ist, muss natürlich dem Leser überlassen bleiben; was aber die geschichtliche Wahrheit anlangt, so möchte ich keinen Anstand nehmen, mit aller Kühnheit zu behaupten, dass ich sie und nur sie allein durch das ganze Werk hindurch mir zur Richtschnur genommen habe.

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Juedischer Krieg
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