Leben der A. L. Karschin, geb. Dürbach

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Textdaten
Autor: Anna Louisa Karsch
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Titel: Leben der A. L. Karschin, geb. Dürbach
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Herausgeber: Wilhelm Körte
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Entstehungsdatum: 1762
Erscheinungsdatum: 1831
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Erscheinungsort: Erstdruck in: Zeitgenossen. Ein biographisches Magazin für die Geschichte unserer Zeit, herausgegeben von F. C. A. Hasse. Reihe 3, Band 3, Nr. 18. F. A. Brockhaus, Leipzig 1831, S. 3–20 (um weitere Briefe und Werkbeispiele auf S. 20–42 vermehrt)
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Kurzbeschreibung: Autobiographie der deutschen Dichterin
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[3]
Leben der A. L. Karschin, geb. Dürbach.
Von ihr selbst,
in Briefen an Sulzer.
Mit Ergänzungen von Wilhelm Körte.




Erster Brief.
(Von 1722–45.)
Den 1. September 1762.

Man hat bei meiner Wiege weder von Ahnen noch von Reichthümern gesungen. Mein Großvater war in einer ländlichen Hütte mit dem Titel eines ehrlichen Mannes vergnügt. Sein gnädiger Herr und mehr als 15 umliegende Dörfer gaben ihm noch überdem den Lobspruch des besten Bierbrauers in Schlesien. Er unterrichtete seinen Sohn, der hernach mein Vater ward, in eben dieser Wissenschaft, und der Sohn verdoppelte seinen Fleiß in Zubereitung des Malzes, um gleich berühmt wie sein Vater zu werden. Seine Jünglingsjahre waren vorüber, als ihm meine Mutter bekannt ward. Sie war die Enkeltochter eines ehemaligen Amtmanns und von einer großmüthigen Landedelfrau erzogen. Dieser hatte sie aus Dankbarkeit vom zehnten bis zum siebenundzwanzigsten Jahr als Mädchen aufgewartet und zum Überfluß die Stelle einer Ausgeberin und eines Kochs bekleidet; 3 Ämter zugleich! Mein Vater erlöste sie von diesen vielen Ämtern, und die Dame gab ihr eine Aussteuer, die meine Großmutter ihr nicht geben konnte, weil sie arm und eine Witwe mit 7 Kindern war. Indessen hatte sie Ursach zu glauben, daß diese Tochter glücklich sein würde, und sie betrog sich nicht. Mein Vater bezog auf einer Meierei das Wirthshaus. Die Herrschaft ließ in Ansehung meiner Mutter ihm einige Vortheile; er verfertigte die Getränke selbst, die der Reisende foderte, bestellte die Küche, um dem hungrigen Wanderer Essen zu schaffen, und meine Mutter beschäftigte sich an seiner Seite. Er unterstützte sie in jedem Geschäft, und sie hat mir oft gesagt, ich hätte mein Leben dem besten und zärtlichsten Vater zu danken.

Unschuldigerweise verdrängte ich meinen Bruder, als den Erstgeborenen, von der mütterlichen Brust. Er erlebte meine Ankunft am 1. Dezember 1722 nicht, und meine Mutter versagte mir ihren Kuß wegen der finstern Stirn, unter der ich hervorsah, als sie das erste Mal [4] mich anblickte. Ich war niemals der Liebling ihres Herzens, und ich glaube, diese wenige Achtsamkeit auf mich ist Schuld, daß ich meine ersten Jahre durchlebte, ohne mir meines Daseins bewußt zu sein. Sechs Frühlinge ungefähr mochte ich überlebt haben, als der Bruder meiner Großmutter unser Haus besuchte, um sich wegen des Verlustes seiner Gattin zu trösten. Er verlangte seine Schwester auf ein Jahr in seine Wirthschaft, und meine Mutter konnte ihm diese Bitte nicht abschlagen, so nöthig sie auch selbst die Gegenwart einer alten haushälterischen Frau hatte. Die Reise ward beschlossen. Mein Oheim fragte eines Tages nach den Maßregeln meiner Erziehung. „O!“ sagte meine Mutter, „das unartige Kind soll lernen, und es ist nichts in sie zu bringen!“ Mein Oheim bewies ihr die Unmöglichkeit in dem Geräusch des Wirthshauses. Er nahm mich mit; seine Wohnung war in Polen; er genoß in einem kleinen Hause der Ruhe des Alters und lebte von Dem, was er in jugendlichen Jahren als Amtmann erspart hatte. Die liebreichste Seele sprach in jedem Wort seines Unterrichts, und in weniger als einem Monat las ich ihm mit aller möglichen Fertigkeit die Sprüchwörter Salomonis vor. Ich fing an zu denken, was ich las, und von unbeschreiblicher Begierde angeflammt, lag ich unaufhörlich über dem Buche, aus welchem wir die Grundsätze unserer Religion erlernen. Mein ehrlicher Oheim freute sich heimlich, aber er riß mich oft vom Buche und wandelte mit mir durch ein kleines Gehölz oder durch eine blumige Wiese. Beides war sein Eigenthum, und beides gab ihm Gelegenheit, mit mir von den Schönheiten der Natur zu reden. Ich wiederholte ihm alles Gelesene und verlangte die Erklärung derjenigen Stellen, die über meine Begriffe waren. Er vergnügte sich, mein Ausleger zu sein, und ich belohnte ihm seine fromme Mühe mit tausend kleinen Schmeicheleien. Er hatte selbst keine Kinder, und sein Herz war mir um so mehr offen, je mehr es leer war, als er die Pflichten eines Unterweisers übernahm. Ich lag ihm an, mich schreiben zu lehren; meine Großmutter widersetzte sich und wandte alle ihre Beredtsamkeit an, um diesen Vorsatz zu zernichten. Es mislang ihr; ich suchte aus irgend einem Winkel ein Bret hervor und brachte es meinem gütigen Oheim. Er zeichnete mir Buchstaben darauf, ich malte sie nach, sehr bald ergriff ich die Feder, und als einstmals meine Ältern uns besuchten, hüpfte ich ihnen mit einem Papier in der Hand entgegen und rief voller Empfindung: „Vater, ich kann schreiben!“ Dieser gute Vater küßte mich, und ich sah ihn nicht mehr. Er starb wenige Monate nach diesem Besuche. Meine Mutter blieb nicht lange Witwe. Sie gab ihr Herz einem andern Manne und kam in seiner Gesellschaft, uns zu besuchen. „Herr Vetter“, sagte sie, „ich komme, meine Tochter abzuholen! Ich brauche sie künftig zur Wiege, und ich fürchte, sie wird verrückt im Kopfe werden, wenn sie fortfährt, Tag und Nacht über den Büchern zu liegen. Sie kann lesen und schreiben, dies ist Alles, was ein Mädchen wissen muß!“ – „Ja“, sagte mein Oheim, „es ist wahr; aber wollte sie nicht, daß ich sie so viel Latein lehrte, als ich selbst weiß? Sie bezeigt große Lust und weiß schon eine Menge Vocabeln auswendig!“ „Das kann sein“, sagte meine Mutter, „aber sie wird nicht studiren, und ich danke Ihnen für den guten Willen“. Alle Vorstellungen waren umsonst. Mein Oheim segnete mich, und ich reiste mit seiner Thräne auf meiner Wange fort. Meine Mutter gab ihrem zweiten Manne einen Sohn, und ich bekam das Amt einer Kindwärterin. Zehn Jahr war ich alt, mein Stiefbruder ward meine einzige [5] Beschäftigung. Traurig saß ich an seiner Wiege, weil mir Bücher fehlten, denn an meinem Geburtsort auf der Meierei fand ich keine. Endlich machte die stürmische Gemüthsart meines Pflegevaters, daß wir den Ort verlassen mußten. Wir zogen nach Kirschtiegel, einem Städtchen im glogauischen Fürstenthume[WS 1], nicht fern von meinem Geburtsort. Meine Ältern pachteten ein Vorwerk, und ich ward eine Hirtin. Früh, ehe noch die Sonne den Thau trank, nahm meine alte wirthschaftliche Großmutter dreien Kühen die Milch, und dann trieb ich sie vor mir her, stolz auf die Zufriedenheit, die ich fühlte, wenn über meinem Haupte die Lerche ihren langtönigen Gesang fortsetzte. Ich genoß alle die Annehmlichkeiten des Sommers, und oft dachte ich mir kleine Geschichten aus, die den biblischen Historien ähnlich waren. Ich bauete Thürme von Sand, mauerte sie mit Steinen und stürmte sie mit hölzernem Geschoß darnieder. Ich führte in meiner rechten Hand einen Stab, und indem ich mit mir selbst redete, war ich das Haupt einer Armee! Alle Diesteln waren meine Feinde, und mit kriegerischem Muth hieb ich allen die Köpfe ab. Die Thaten Davids und der Mackabäer waren meine Muster, und es ergötzte mich, wie sie zu siegen. Nach vielen wichtigen Schlachten saß ich an einem Herbsttage am Rande eines kleinen Flusses und ward jenseits des Wassers einen Knaben gewahr, welchen einige Hirtenkinder umgeben hatten. Er war ihr Vorleser, und ich flog hin, um die Zahl seiner Zuhörer zu vermehren. Welch ein Glück für mich! Ich nahm in den folgenden Tagen einen Umweg, trieb meine Rinder durch den Fluß, wo er am seichtesten war und fand meine so lange entbehrte Wollust, die Bücher, wieder. Da waren Robinsons, irrende Ritter, Gespräche im Reiche der Todten; o da waren neue Welten für mich! Der Herbst verging mir zu bald; ich weinte, doch wir setzten unsere Versammelung fort. Ich schlüpfte, so oft meine Mutter mich verschickte, in das Haus des Hirtenknaben. Er war ein Äsop von Gestalt, aber seine Bücher waren desto schöner. Unsere Zusammenkünfte blieben nicht lange verborgen. Mein Stiefvater donnerte wegen meiner Lesesucht auf mich los! Ich versteckte meine Bücher unter verschwiegene Schatten eines Hollunderstrauchs und suchte von Zeit zu Zeit mich in den Garten zu schleichen, um meiner Seele Nahrung zu geben. Diese verstohlenen Vergnügungen dauerten beinahe ein Jahr. Meine Mutter übergab mich einem Bürgermädchen, um bei derselben mit der Nadel meine Übungen zu machen. Ich war gelehrig, denn in einem Sommer begriff ich verschiedene Wissenschaften der Näherin. Aber meine Lehrerin ward mir ungetreu; es fand sich ein bemittelter Witwer aus Polen bei ihr ein, der sie heirathete. Ich war unwillig über mein Schicksal! Meine einzige Zuflucht war das geliebte Buch, und schon hatte ich wieder vergessen, daß ich ein Mädchen war, als eines Tages ein prächtiger Jagdschlitten vor unserm Hause hielt. Ich erkannte meine Lehrmeisterin, trotz des karmoisintaftenen Pelzes, den sie trug. Sie sprang vom Schlitten herab, kam mit der Munterkeit einer Amazone, umarmte meine Mutter und verlangte mich zu ihrer Gesellschafterin. Ich lasse ihre Beredtsamkeit unwiederholt; genug sie überredete, und ich mußte noch denselben Abend mich reisefertig machen. Ich, die gleich einer jungen Spanierin den Kopf voller Abenteuer hatte, willigte in Alles.

Ich küßte meine Mutter und war stolz, auf einem so schönen Schlitten zu fahren; 2 Stunden vor Abends befanden wir uns an Ort und Stelle. In den ersten Wochen befand ich mich bis zum Überfluß [6] versorgt; aber hernach litt ich Mangel an Allem. Es ward eine Theuerung im Lande durch Überschwemmung der Äcker; man besorgte zu verarmen, und man theilte mir mein Brot in kleine Bissen ab. Meine Frau, durch übele Begegnung ihres Mannes aufgebracht, übte an mir ihre Rache aus. Ich sollte ihre Magd vorstellen, und ein Alter von 12 Jahren gab mir nicht Kräfte genug. Wasser schöpfen und mit einem Schiebkarren Getraide zur Mühle hinauffahren war meine tägliche Arbeit. Es gefiel meinem gütigen Schöpfer, mich früh in der Schule der Geduld zu üben, um künftig härtern Versuchen ohne Murren mich zu unterwerfen. Meine Mutter war nicht bekümmert um mich; sie hatte den Ort ihres Aufenthalts verändert. Mein alter ehrlicher Oheim war nicht mehr; seine Schwester, meine Großmutter, erbte, und meine Ältern nahmen diese ganze Erbschaft käuflich an. Ein unglücklicher Schwesternmann meiner Mutter kam von ungefähr zu uns und gab mir diese Nachricht. Ich ergriff eine so gute Gelegenheit und entschloß mich zur Reise, um in dem Hause meiner Mutter gesättigt zu werden. Meine bisherige Frau weinte Thränen der Verstellung bei meinem Abschied; sie argwöhnte den Zorn meines Stiefvaters, und sie hatte Ursach ihn zu fürchten. Ich ließ meine übrigen Habseligkeiten bei ihr und ging mit großen Schritten hinter meinem Führer her. So gingen ehemals israelitische Mädchen und trugen auf ihren Schultern das unvollendete Brot; ich aber trug in meinem erwartenden Herzen die Hoffnung besserer Zukunft und vergaß alle meine Drangsale! Wir legten die erste Tagereise zurück; ein aufsteigendes Gewitter brachte die Nacht herauf, ehe noch die Sonne zu andern Erdbewohnern sich wandte; wir herbergten unter dem Dach einer Tenne, und der kommende Morgen fand mich zum Wandern munter genug. Es war um die Hälfte des Mittags, als wir uns in einem kleinen Walde befanden; mein Begleiter ging einige Schritte voran und brachte meine Muhme an der Hand, eine magere unansehnliche Frau, die von Kummer halb todt und vom Rauch ihrer Hütte den wahrsagenden Ägyptierinnen ähnlich war. Sie bewillkommte ihn mit Anstand und brachte in einer hölzernen Schale warme Ziegenmilch zum Frühstück; wir saßen am Eingang ihrer Hütte. Mein Vetter lebte hier wie ein anderer Robinson, von allen Menschen abgesondert; sein Haus war halb in der Erde und über derselben mit Brettern und Rasenstücken bedeckt; sein ganzer Reichthum bestand in 2 Ziegen und in einem Paar Acker Landes, welches er mühsam umarbeitete und den einen Theil mit Gerste, den andern Theil mit allerlei Küchengewächsen besäete. Ehedem war er ein Stutzer gewesen, seiner Handthierung nach ein Papiermacher und in seiner Einbildung ein Prinz; Stolz und Undankbarkeit hatten ihn arm, aber nicht geschmeidig, nicht demüthig gemacht. Meine gute Muhme mußte die Strafe seiner Unbesonnenheiten mit empfinden, und sie schien ihre Seufzer zu unterdrücken, um ihrem Manne nicht misfällig zu werden. Er mischte beständig in seine Gespräche Karl XII. Ich weiß nicht, ob er ein geborener Schwede war, genug er überredete sich, dieser unnachahmliche Krieger lebe noch in irgend einem Welttheil und werde zu rechter Zeit wiederkommen, alle seine Feinde zu demüthigen. Wir gingen vollends nach dem Orte, wo meine Ältern wohnten, es war keine volle Viertelmeile. Mein Stiefvater begegnete mir im Hofe, und sie müssen mir erlauben, daß ich sein Bewillkommungscompliment wiederhole: „Wo Donner, kommst Du her, Mädchen?“ schrie er aus und machte eine wildlächelnde Miene [7] dazu. Ich sagte ihm in der Kürze meine Geschichte, und er führte mich an der Hand zu meiner Mutter. So viele Worte meiner Geschichte, so viel Vorwürfe waren es, wegen der allzu leichten Übergebung an die Schlittenfahrerin. Sie beklagte mich mit bewunderndem Kopfschütteln und brachte die Mittagsmahlzeit. Ich aß mit der Begier des verlorenen Sohns und dankte dem Himmel, daß ich nun wieder unabgetheiltes Brot bekam. Wenige Wochen nach diesem Tage gab meine Mutter ihrem Mann das dritte Kind, und ich hatte wieder meinen Posten bei der Wiege! Mein Trieb zum Bücherlesen schien hier völlig unterdrückt zu werden; es fehlte mir an Gelegenheit, und alle Klagen waren unnütz. Mein Stiefvater glaubte meine Bekehrung und überhäufte mich deshalb mit Lobsprüchen. Er ging so weit, daß er anfing, mich meiner Mutter vorzuziehen; denn die demüthige schmeichelnde Art, mit der ich ihm begegnete, besänftigte seinen Trotz. Es fielen täglich Zänkereien vor, und ich befand mich oft in Todesangst. Ach Gott! ich wußte nicht, daß in der Zukunft noch ganz andere Ungewitter auf mich warteten. Zitternd erflehte ich oft von meiner Mutter ihr Stillschweigen, um nur nicht den Jammer zu haben, daß dieser Mann zum ersten Mal Hand an sie gelegt hätte. Er war jähzornig, und ich fürchtete nichts Geringeres als Mord; doch bei aller seiner Bosheit hörte er die Vernunft, die ihm abrieth, seine beste Freundin zu mishandeln! Die Ursache der meisten Zänkereien war die eiserne und nahrungslose Zeit. Der Gram und die sumpfige Gegend gaben meinem Stiefvater ein bösartiges Fieber, er empfand ein unausstehliches Brennen, foderte Tag und Nacht frische Quellen und schwoll auf von allzu vielem Wassertrinken. Unter den bittersten Klagen, daß er sein Grab in einem so unberühmten Sande finden müsse, starb er. Indeß befand meine Mutter sich nicht in den besten Umständen; eine Frau mit 5 Kindern, ohne Versorger und nicht fähig, ihr Brot zu verdienen, ist beklagenswerth! Sie war überdies unaufhörlich krank. Funfzehn Sommer war ich alt und man hatte mich in Allem, was doch ein Frauenzimmer wissen muß, nicht unterrichtet. Die Wiege gab mir mein Tagewerk, ich war ein vernachlässigtes Mädchen; ein Unglück, von dem man die Spuren durch alle Tage seines Lebens gewahr wird. Meine Mutter trug sich mit einem ebenso verdrüßlichen Gemüthe als krankem Körper; das Fieber verließ sie keinen Tag; von 3 Kindern sollte ich die Erziehung übernehmen und bedurfte deren selbst. Der Ort, in welchem wir wohnten, war schlecht und ernährte keine Menschen, deren Umgang mir ersetzen konnte, was meiner Erziehung fehlte; unbesorgt wegen meines künftigen Schicksals wuchs ich gleich einer wilden unbeschnittenen Weinrebe herauf. Niemals konnte man mich zu den Schönheiten zählen, und dennoch fand sich unter den Jünglingen meines Vaterlandes einer, der mich suchte. Meine Mutter kam eines Tages mit ungewöhnlicher Munterkeit mir entgegen und sagte von einem jungen Menschen, der eben gekommen wäre, und in welchem sie mir meinen Bräutigam vorstellen würde. „Er ist schön, wohlgewachsen, angenehm“, rief sie mir zu, „und meine Freunde haben mir schon vor einiger Zeit gesagt, daß er Absichten hätte, mein Schwiegersohn zu werden, und ich fühle keinen Widerwillen“. Ich erstaunte über diese unerwartete Nachricht, und sie befahl mir, den Fremden wohl zu empfangen; ich gehorsamte und fand in der That so viel Einschmeichelndes an ihm, daß ich anfing, ihren Ausrufungen Recht zu geben. Ich werde Sie mit keiner langen Beschreibung aufhalten; ich wurde gewonnen, und bei der zweiten Reise, [8] die er meinetwegen unternahm, behorchte ich meine Mutter und ihn. Er warb um mich; die Mutter machte Schwierigkeiten wegen meiner Jugend; er bestritt ihre Gründe. Der Mutter Herz war gewonnen, sie wollte mich versorgt wissen. Er machte mir mit guter Art ein Geschenk von 2 Ringen, ich nahm sie mit einer treuherzigen Miene; wir wurden verlobt und in einem Monat war ich die Seinige. Ich ward Frau und wußte mir noch kein anderes Ansehen als das eines Kindermädchens zu geben. Mein Mann erkundigte sich vor unserer Verheirathung nicht nach meinem väterlichen Erbtheil; er unterließ dies aus einer angenommenen Großmuth, aber ich empfand in der Folge, daß mein Vermögen für ihn zu klein gewesen. Unsere Gemüther harmonirten schlecht; mein reiches schmelzendes Herz, meine Zärtlichkeit und seine Begierde nach Reichthümern waren viel zu sehr verschieden, als daß eine Glückseligkeit in unserer Vereinigung möglich war. Meine einzige Erquickung fand ich in Büchern, mit welchen der Hirtenknabe mich noch immer versorgte; denn ich lebte wieder in derjenigen Stadt, auf deren Wiesen Rinder vor mir hergingen. Nun hingegen waren meine Tage arbeitsam; ich zerzauste entweder mit einem Holzblatt voll krumgebogener Stacheln Wolle und bereitete sie der Spinnerin zu, oder ich drehte mit meiner Hand unaufhörlich ein kleines Rad, Garn aufzuwinden für den schnelllaufenden Weberspul. Hundert geistliche Lieder waren in meinem Gedächtniß; meine Geschäfte hinderten mich nicht, die schönsten davon zu singen. Vorzüglich waren Loblieder meine Wahl; ich fühlte Zufriedenheit, wenn ich sie sang und that mir selbst die Frage: sollte es wol möglich sein, ein Lied zu machen? Ich kannte noch keinen Poeten außer einigen zerstreuten Blättern von Johann Frank, der durch verschiedene Kirchengesänge sein Gedächtniß verewigt hat. Seine Lieder waren meine Lieblinge, und die Überbleibsel seiner weltlichen Gedichte schwebten mir noch vor; ich fand sie in meinen Mädchenjahren auf dem Söller des Hauses meines Oheims bestäubt und voneinandergerissen. Es waren Hochzeitgedichte, mit viel Mythologie gemischt; ich verstand ihren Inhalt nicht, aber sie kamen mir schön vor. Ich besinne mich auf den Anfang des einen Gedichts, das die Aufschrift führte: „Cupido, ein Korbmacher“, denn der Bräutigam hieß Korb; der Dichter sang also:

     Frau Venus lud einmal auf ihren Kahn von Schnecken,
Den sie mit Teppichen von Purpur ließ bedecken,
Ein Haufen Nymphenvolk mit ihr zu fahren ein etc.

Ich vergaß das Übrige, und ich wundere mich, daß die Werke dieses Sängers so ganz verloren gingen. Ich fand unter Anderm auch die Auferstehung und Himmelfahrt des Messias, 2 prächtige Gedichte. Tausend Mal hieß ich den ehrlichen Frank einen göttlichen Mann und war nun bei der Zunahme meiner Kenntniß unwillig auf mich, daß ich jene Reime nicht in Verwahrung genommen hatte. Aber ich beschloß nun, selbst Versuche zu machen; ich wählte die Melodie irgend eines geistlichen Liedes, saß bei dem murrenden Rade und wiederholte den jetztgedichteten Vers so lange, bis er in meinem Gedächtniß haften blieb:

     Mein Herz verschloß das Lied, bis nach den Werkeltagen
Der stille Sabbath kam, dann erst entwarf mein Kiel
Die heimliche Geburt, die mir allein gefiel!

Immer lag ein Buch unter dem Kopfkissen meines Kindes; ich [9] holte es hervor, so oft ich die Pflichten einer mütterlichen Amme erfüllte oder die Stelle der Wärterin vertrat. Ich las die „Asiatische Banise“, die arabische Geschichte: „Tausend und eine Nacht“, und einen syrischen Roman: „Aramena“. Es waren hin und wieder Verse mit eingestreut, aber ihr Zwang misfiel mir; ich faßte den stolzen Entschluß, etwas Besseres als der Romanendichter zu denken und fand einen Band voll schwärmerischer Lieder; es waren leichte fließende Reime, welche mir dazu dienten, mich kühn zu machen. Dieser Poet, sagt man, habe in der Hitze eines Fiebers den Enthusiasmus bekommen; er war sonst für die Kanzel bestimmt, als ihn aber diese Begeisterung des Reimens überfiel, waren seine Predigten und seine Gespräche nichts als Verse. Ich weiß nicht durch welchen Zufall er seines Amts entsetzt ward; er kam in mein Vaterland, ein freiherrliches Haus nahm ihn auf, und in demselben schrieb er die Gedichte, in denen ich studirte; mehr aber ward mein Geist belebt durch geschriebene Gedichte eines mir gegenüber wohnenden jungen Gelehrten. Ich wünschte mehr Bücher und weniger besetzte Stunden; ich hörte von den Thaten Friedrichs und brannte, sie zu singen. Der Name des Königs allein, wenn er genannt ward; schien mich anzuflammen; aber meinen Gedanken fehlte der Schwung, und mein Genie lag unter dem Steinhaufen der Mühseligkeiten meiner Tage. Dennoch konnte nichts diesen himmlischen Funken in mir ganz ersticken. Der damalige Gefährte meines Lebens würde mich aufgemuntert haben, wenn dem Sterblichen vergönnt wäre, in die Zukunft zu sehen; ein Blick in sie würde ihm mehr Billigkeit und Nachsicht wegen meines Lesetriebs eingeflößt haben, und er hätte mich vielleicht geliebt, weil diese Aussicht seinen Lieblingsleidenschaften geschmeichelt und mir in seinen Augen einigen Werth beigelegt hätte. Es ist schwer, sich unangenehmer Begebenheiten zu erinnern; ich verschweige sie alle. Dem Charakter meines Mannes fehlte es nicht an sehr guten Seiten: er war ein guter Wirth, ein Feind aller Völlerei und hatte die Gabe, sich bei Jedermann beliebt zu machen; aber ihm fehlte das Vermögen, sich selbst zu beherrschen, es war ihm nicht möglich, mit meinem Herzen bekannt zu werden. Unsere Gesellschaft war nicht die sanft übereinstimmende Vertraulichkeit zweier für einander geschaffener Menschen.

Endlich gefiel es der entscheidenden Hand eines höhern Wesens, uns von einander zu trennen. [1]

Von nun an, glauben Sie, hörten meine Drangsale auf? O nein! das Schicksal verändert nur zuweilen unsern Schauplatz! Wir arme kurzsichtige Menschen irren, gleich einem Wanderer, der bei nächtlichem Dunkel in einem Walde ein leichtes Gaukeln sieht und, von einem täuschenden Dunste in morastige Gegend verführt, hinabsinkt und lange vergeblich um Hülfe rufen muß. Bereiten Sie Ihr Herz zum Mitleid, aber sehen Sie zugleich sich von mir aufgefodert zur Bewunderung jener leitenden Hand, der es gefallen hat, mich durch hohle steinichte Wege bis zu der Ehre Ihrer Freundschaft hinaufzuführen.

[10]
Zweiter Brief.
(Von 1745–53.)
Den 3. September 1762.

Aus dem Lande meiner Geburt ging ich wieder zurück in das angrenzende Polen, wo meine Mutter lebte. Ich will meine Beschreibungen abkürzen, mein erster Brief war zu ermüdend; man wird lächerlich durch Erzählungen nichtsbedeutender Kleinigkeiten. Ich wiederhole nur noch den wichtigen Ausruf, daß ich frei war! Aber nicht lange: meine gute Mutter wollte mich zum zweiten Mal verheirathet sehen; ich war noch jung, und von dem Segen meiner liebreichen Schwiegermutter war mir noch ein großes Glück geweissagt worden. Die rechtschaffene Frau wußte nicht, welche steile Anhöhen meine Geduld übersteigen mußte, ehe sie den Ausgang ihrer wünschenden Prophezeihung erleben und sich darüber freuen könnte. Die Vorsehung ergriff das härteste Mittel, mein Herz zu prüfen und meinen Verstand zu schärfen; sie ließ geschehen, daß es einem Manne, der längst an seinem Glück verzweifeln mußte, einfiel, mich zu wählen. Er war nicht viel über meine Jahre und seiner Handthierung nach ein Kleidermacher [2]; sein äußerliches Ansehen war nichts für meine Wahl. Aber genug, er gefiel meiner Mutter; sie wiederholte ihre Beschwörungen beim Verlust ihrer mütterlichen Gunst und ihres Segens. Es ward mir unbeschreiblich sauer, meinem Herzen diese Gewalt anzuthun; ich fand in den Gesichtszügen meines Liebhabers etwas so Widersprechendes und Wildes, daß mir schauderte. Doch das ehrwürdige Anrathen und der halb göttliche Befehl einer Mutter vermochten mich, meinen Neigungen entgegenzuhandeln; ich überredete mein Herz, sagte ja und ward auf lange niederdrückende Jahre gefesselt. Mein neuer Mann führte mich in eine mehr gesittete polnische Gegend; aber ich wußte nicht, daß die Armuth dicht hinter meinen Schritten herging. Frauenstadt war der Ort, der mich aufnahm. Die ganze Welt lebte damals im Taumel einer goldenen Zeit, nur für mich war Mangel bestimmt. Mein Mann, eins der sorglosesten Geschöpfe des Erdbodens, misbrauchte meine natürliche Gutherzigkeit, verzehrte mir Alles und war nicht bemüht, sich Arbeit zu verschaffen oder fleißig zu sein; ich, eine Feindin des Zanks, ertrug die Lasten der äußersten Dürftigkeit ohne Murren. Mein voriger Zustand, wenn ich auf ihn zurückblickte, war, bei aller Unterdrückung, dennoch Glückseligkeit gewesen; aber jetzt gab mir ein Mann Kinder, die meiner Versorgung überlassen blieben, wenn eine unselige Trinklust ihn fortriß. Der Winter des Jahrs 1751 und sein Nachfolger sahen mich alle Ungemächlichkeiten der Armuth leiden; schlecht bedeckt gegen den grimmigen Frost, ging ich und kaufte einzelne Bündel Holz, meine Kinder zu erwärmen. Nimmer soll es meine Seele vergessen, wie tief herunter ich gesunken, und wie hoffnungslos mein Zustand war. Die Verzweiflung gab meinem Manne ein, mich in den Mittelpunkt von Polen zu führen; ich flehte zum Himmel um Abwendung dieses Schritts, und er hörte mich. Ein Reisender kehrte in einem außerordentlichen Gasthause ein; die gütigen Bewohner wiesen ihn mit Arbeit zu meinem Gatten, und er ließ seinen Vorsatz [11] fahren. Ich half treulich an der Verfertigung zweier neuen Kleider, vertrauete dem Alles versorgenden Gott und dankte dem Hause, dessen alter 74jähriger Wirth bald darauf starb. Mein erkenntliches Herz befahl mir, den Töchtern und der Witwe eine Art von Trauerlied zu singen; dies war ihnen ein angenehmes Geschenk. Sie begegneten mir nach etlichen Wochen, von einem sehr ansehnlichen Manne begleitet; ich machte der Gesellschaft meine Verbeugung, mit Scham auf der Stirn wegen des armseligen Aufzugs, in welchem sie mich sahen; des andern Tages rief eine von den Schwestern mir nach und sagte, ich möchte ihr zu dem Leichencarmen verhelfen, sie habe es verliehen, ohne es wiederzubekommen, und jetzt stritt’ ihr Bruder wegen der Unmöglichkeit, daß ein Weib von so schlechtem Ansehen Verse machen könnte. Ich ging zurück in meine schwarzbalkige Wohnung und schrieb aus meinem Kopf das Gedicht, nebst einigen Versen an den Sohn des Verstorbenen. Dieser war Obereinnehmer in einer Stadt zwischen Berlin und Magdeburg und war nur gekommen, seine Familie zu trösten. Ich brachte ihm mein Geschriebenes; er war staunend, gab mir ein kleines Geschenk, hieß mich den Sonntag wiederkommen und ermahnte mich, mein Talent nicht vergraben zu lassen. Ich erschien mit ebenso niedergeschlagenen Augen als beim ersten Begegnen. Er hatte seinen alten Freund, den Rector Ribow, bei sich, beide vereinigten ihre Ermahnungen; ich schützte Dürftigkeit vor, empfahl mich, ging in ein Nachbarhaus und brachte nach Verlauf einer Stunde ein bogenlanges Gedicht, über die Mühseligkeiten eines Schulmannes. Bald hätten mich diese Männer eine Zauberin genannt, so bestürzt saßen sie da; der Rector hieß mich in sein Haus kommen und gab mir schöne Bücher. Ich las den Günther, den v. Besser, den v. Haller, Gellert und die 5 ersten Gesänge der „Messiade“. Sein College beschenkte mich mit den „Nachtgedanken“ des tiefsinnigen Engländers und mit seinen Gesängen vom jüngsten Tage. Diese Bücher machten meine Bibliothek aus; der Rector empfahl mich zween ansehnlichen Häusern: Greifenhagen und Neugebauer; schätzbare Namen für mich! möchten sie meinen öffentlichen Dank hören! Sie verachteten nicht, meine Lieder anzunehmen, obgleich eins von diesen Erstlingen mich jüngst über mich selbst lachen gemacht hat. Meine Umstände wurden jetzt weniger erbärmlich, als ich die Nachricht von dem Tode meiner Mutter erhielt; sie bat auf ihrem Sterbebette den Himmel, daß er mich aus dem Labyrinth führen möchte, in welches ich auf ihr Rathgeben gegangen war. Warum ließ er sie nicht leben nach diesem Gebete, um alle Wunder zu sehen, die seine Hand an mir gethan hat? Ich ergriff jede Gelegenheit, Verse zu machen. Das Lob und noch etwas mehr als Lob machten mein Genie hervordrängend; doch immer noch etwas schwach. Noch hatte ich keine von meinen Geburten aus der Presse kommen sehen; nun aber, o stellen Sie sich meinen aufschwellenden Autorstolz vor! Ein junger Postmeister in Lissa verheirathete sich, er ward mein Bewunderer; ich sang seinem Bunde ein Lied, und er sandte mir dieses Lied gedruckt zurück unter Begleitung eines sehr lobsprechenden Briefchens. Ich bin nicht genug rednerisch, um Ihnen von meinem damaligen Vergnügen eine Beschreibung zu machen; mich dünkt, mein Genie war jetzt gleich einem Vogel, der zum ersten Mal sich seiner Gabe zu fliegen bewußt ist. Ich sang hurtig noch zween Verbindungen und wählte die ersten Menschen dazu: einmal in dem glückseligen Garten mit seiner Neugeschaffenen, und in dem andern sang ich, wie er mit ihr das verriegelte Eden [12] verließ und, von Niemand als der Liebe begleitet, fortirrte. Man ward ganz Verwunderung, man fragte, ob ich den Milton gelesen hätte; ich sagte, daß ich kaum wüßte, daß Jemand in der Welt diesen Namen geführt hätte; ich hätte ihn irgendwo in einem Buche gelesen aber niemals seine Gesänge gesehen; man sagte mir, ich hätte ein kleines verlorenes Paradies geschrieben. Ein Prediger in dem benachbarten Lissa wollte mich näher kennen, er gab mir einen Wink, und ich eilte, mir mehr Freunde zu schaffen. Ich fand an ihm Alles, was man nur suchen kann; er hieß Vibig; sein Eifer, mein Freund zu sein, seine Rechtschaffenheit, sein redliches, offenes Herz lehrten mich in ihm einen Vater kennen, den mir die Vorsehung wiedergab für den meinigen, der schon lange Staub war. Er suchte mich auf alle Art zu ermuntern; durch seine Empfehlung wurden die reformirten Seniors Sitzkov und Cassius meine Freunde, und die beiden hoffnungsvollen jungen Männer Kloß und Zimmermann. Ich kann hier nicht alle die Häuser nennen, die mir mein ehrlicher Vibig zuwandte; genug, er war ganz stilles Vergnügen, wenn mir durch seine Veranstaltungen Hülfsmittel zuflossen wider die Dürftigkeit. Sein Haus war mein Zufluchtsort, wenn ich von den äußersten Sorgen gedrängt ward. O, warum mußte er schon aufhören dazusein, ehe ich meinen lebhaftesten Dank ihm sagen konnte! Engel müssen seiner Seele es vorsagen, daß ich sie liebe, und sie muß unter den Seelen glänzender Lehrer eine vorleuchtende Stelle besitzen. In den Händen seiner traurenden Witwe wird ein ganzer Ballen von Gesängen und Briefen sein, auch wird ihre Tochter eine beträchtliche Sammlung haben. Diese zärtliche Frau ward um einen Theil ihrer Glückseligkeit durch den Krieg gebracht; sie wohnte in der schlesischen Gegend, wo vor Alters das erschreckliche Treffen mit den Tatarn vorfiel. Die Krieger nahmen ihr Vermögen; nichts blieb ihr übrig als das Herz eines liebenden Mannes und dreier Kinder. Glücklich ist diese gefühlvolle Predigerfrau! Sie wird ihren Mann umarmen und ausrufen: Gott sei gelobt, die Feinde ließen mir Alles! Der unselige Krieg beraubte noch einen meiner Freunde, auch einen Prediger und Abkömmling des berühmten Herberger zu Frauenstadt. Er ist Derjenige, dem ich damals meine Büchersammlung danken mußte! Gern würde er Alles vergessen, was in Schlesien ihm der Feind nahm, wenn ihm eine geliebte Gattin wieder würde, die er nun länger als 10 Jahr ebenso betrauert als Young seine Lucia. Aber ich verirre mich zu weit von dem Pfade meiner Geschichte; ich kehre wieder um, Ihnen von mir selbst zu sagen, daß ich unermüdet war in den Übungen des Geistes. Ich mußte zugleich Hauswirthin und Magd sein; die Sorge des Brotes für den andern Morgen verfolgte mich auf meine Schlafstätte. Ich suchte zuerst mein unwilliges Kind zu stillen, und alsdann stillte ich mein Herz durch Überdenkung Dessen, was ich am Tage gelesen oder selbst geschrieben hatte. In Wahrheit, der vortreffliche Brite gefällt mir, wenn er die Composition, wenn er die schönen Wissenschaften Trostquellen im Elend des menschlichen Lebens nennt; meine Erfahrung ruft laut ihm Beifall zu. Mich überraschte der Schlaf bei einer Menge von Gedanken und verließ mich nicht eher, bis die Nacht dem gebietenden Auge des Tages gewichen war. Meine Zufriedenheit war sich immer gleich; bei schlechter Kost und einem wenig ansehnlichen Kleide wünschte ich nichts als meinem Mann Vernunft und ein bestimmteres Brot! Ich erwarb mir durch das tägliche Versemachen immer mehr Fertigkeit; es kam so weit, daß ich mich einstmals unterstand, [13] in Gesellschaft mit einem Prediger Herold Verse zu reden. Das Händeklatschen der Gegenwärtigen ward mir Ermunterung, und von der Zeit an gewöhnte ich mich, über Tisch bei meinen Freunden kleine Verse zu sagen. Mein Leben schien von Jahr zu Jahr erträglicher zu werden; aber noch war ich in Polen; ich empfand in mir eine gewaltige Sehnsucht nach meinem Vaterlande. Hören Sie, durch welchen Weg ich herübergebracht wurde. Mein Mann bekannte sich zur reformirten Kirche; er lief 6 volle Jahre in seinem rohen Leben fort, ohne daran zu denken, einmal öffentlich vor der Gemeinde sich unter die Sünder zu rechnen. Ich weckte ihn aus einem tiefen Schlaf und bewog ihn, den heiligen Tisch der Christen zu suchen; in Begleitung einer poetischen Bittschrift ging er endlich nahe bei Lissa zu dem reformirten Prediger Tütschke, ward angenommen und brachte mir den Freundesgruß des Predigers zurück. Dieser ehrliche Mann betrachtete mich als ein Wunderwerk, er säumte nicht, seinem besten Freunde Nachricht von mir zu geben. Dieses wird Derjenige sein, mit welchem sich die dritte Periode meiner Geschichte anfängt. So reichen bei Ersteigung eines wolkentragenden Berges die neubegierigen Jünglinge einer dem andern die Hand; der letzte klettert dem ersten nach, sie kommen auf der obersten Spitze zusammen und bewundern große Seen und ausgebreitete Landschaften unter ihren Füßen!


Dritter Brief.
(Von 1753–60.)
Den 8. September 1762.

Sieben mit Gram durchstürmte Winter hatte ich in Frauenstadt durchlebt. Diese Stadt genießt zuweilen das stolze Vergnügen, den König von Polen auf einige Wochen zu beherbergen; gleich dem großen Mogul aber weiß August sein Erblicken kostbar zu machen. Ich konnte ihn nicht zu sehen bekommen, unerachtet er offene Tafel hielt; ich war nicht darüber betrübt, denn meine Seele war noch immer voll geblieben von dem Ruhm eines größern Königs. Ich hüpfte vor Freuden, als mir einst aus der ersten Festung, die er eroberte, ein Beruf kam, herüberzufliegen. Der Hofprediger Döbel zu Glogau war eingenommen von den Gesprächen seines polnischen Freundes von der Entdeckung einer Dichterin; er hörte mich selbst und vereinigte sein Verlangen mit dem Rath seiner ehelichen Freundin wegen Veränderung meiner Wohnung; ich fand wenig Schwierigkeiten zu überwinden, verließ Polen und befand mich im Herbst des Jahres 1755 zu Glogau. Meine Familie ward vermehrt, ich war Mutter von 4 Kindern und noch immer die Gattin eines nicht zu bessernden Mannes. Er verlor bald die Gunst seines Predigers durch Schuld einer unanständigen Aufführung, ich aber befestigte mich desto mehr und ward von keinem Menschen beneidet als von Dem, der sich über Alles erfreuen sollte, was meinem verfallenen Glücke aufzuhelfen schien. Einen halben Folianten müßte ich schreiben, um Ihnen Alles zu sagen, was meine Tage qualvoll gemacht hat; aber jenes pöbelhafte Betragen und jene furchtvollen Auftritte mögen unter einem Vorhange verdeckt bleiben. Das Auge des Alles überblickenden Gottes sah mich leiden, sah meine Geduld und die Ausübung aller Pflichten, [14] die nur jemals der beste, der liebenswürdigste Mann fodern konnte; aber Alles ward verschwendet und ohne ein Wunderwerk war es nicht möglich, daß ich erlöset werden, oder daß der Kummer für meinen Unterhalt aufhören konnte. Das Haus des würdigen Hofpredigers war meine einzige Erholung; seine Frau besitzt einen männlichen Geist, ist klug und von großer Entschlossenheit; ihre Beredtsamkeit ebenso einnehmend als ernsthaft, und sie wetteiferte mit ihrer Schwester, meine Freundin zu sein. Die niemals ausgesöhnten Feinde des Königs nöthigten ihn zu dem Feldzuge, den er 6 mal wiederholen mußte; er siegte bei Lowositz; ich sang meinen ersten Siegeston, und mein Freund Döbel gab das Lied unter die Presse. Die östreichische Macht ward auf den böhmischen Gebirgen bei Prag geschlagen; ich sang eine Art von Siegspsalm, und er gefiel! Herr Graf v. Reder, ein Patriot vom ersten Rang, hörte meine Muse mit Vergnügen, und sein Haus ward von diesem Tage an meine Stütze. Aber alle Zuwürfe der gütigsten unter den Menschen waren fruchtlos, ich blieb eine Lastträgerin der Dürftigkeit. Ein unglücklicher Zufall warf den dritten Theil von Glogau in einen Schutthaufen zusammen. Ich brachte mein Weniges unter den Schutz eines Kellers, nahm das kleinste Kind auf meinen Arm, führte das dritte an der Hand, sah die 2 ältesten vor mir her weinen, und so ging ich zwischen den dicken Gewölken von Rauch nach der Vorstadt zu; ganz betäubt von dem Elende der Stadt war meine Seele gewesen. Jetzt erhielt ich die Freiheit zu weinen und bat Gott um Einschränkung der wüthenden Flamme; das Gebet vieler Tausende, die auf den Wiesen lagen, drang zu ihm herauf, die Glut erlosch, und ich konnte die Nacht wieder unter dem Dache zubringen, von welchem mich die Gefahr fliehen hieß. Acht Tage dauerte meine Bestürtzung noch fort; ich konnte die Gedanken nicht sammeln, bis der Consistorialrath Ludovki auf der Brandstätte des Altars unter freiem Himmel eine Rede gehalten hatte; da kam mein Geist wieder zu mir, ich setzte mich und schrieb 2 Gedichte zum Andenken dieser traurigen Begebenheit. Der Buchhändler Hr. Günter ließ beide drucken, und in seinem Gewölbe müssen sie noch zu finden sein. Der Brand hatte betrübte Folgen für Viele! Ich war nicht davon ausgeschlossen, aber ich entwischte zuweilen meinem Kummer auf das Land. Verschiedene Prediger waren gastfrei gegen mich, zu denen flog ich, besonders zu Kriel und Balling; ich kann mich nicht enthalten, sie zu nennen. Sie haben mir Gutes erwiesen und ihnen soll von dem Segen des Himmels ersetzt werden, was sie, gleich so Vielen, in der Unruhe des Krieges verloren haben. Zu diesen gehört vorzüglich noch ein Prediger Tschirner, der schon in ältern Zeiten mein Freund war; seine herzlichen Wünsche, die er tausend Mal für mein Bestes that, diese allein verdienen, daß ihm Gott seinen großen Verlust siebenfältig ersetze, sowie seinem gnädigen Patron, dem Herrn v. Luck, dessen Freundschaft und Edelmüthigkeit gegen mich gerühmt zu werden verdient. Alle vereinigten sich, mich bei der Lust zum Singen nicht muthlos werden zu lassen. Einstmals fand ich in mir einen großen Trieb aufs Land; ich kam zu Predigern, die mir noch unbekannt waren, und der Zufall führte mich an den Ort, wo Friedrich übernachtete; er zog gegen Zorndorf; im Predigerhause logirte der General Wobersnov. Geschwind machte ich ihn mir zum Freunde, sahe des andern Morgens den besten und größten der Könige zu Pferde und hörte um ihn her seine Krieger einen Morgengesang anstimmen. Jetzt kannte ich den Trieb, der mich hinriß, nannte das Lustwandeln von 2 Meilen [15] genugsam belohnt und schickte mich an, den Sieg des Königs zu singen. Wobersnov schrieb gleich nach dem Treffen an den Prediger und ermahnte ihn, mir Nachricht davon zu geben. Ich machte 2 Gesänge wegen dieses Sieges. Sie wissen die noch folgenden Begebenheiten und das Gedränge der allgemeinen Rache vor dem Siege bei Roßbach. Dieser Sieg allein blieb ungesungen von mir, denn eben, als ich mit meiner Hand die Leier ergriff, kam das zerstreute beverische Corps durch Glogau. Die Noth trieb mich zu einer Reise zu meinen polnischen Freunden; ich feierte bei ihnen meinen Geburtstag voll Hoffnung besserer Zeiten, und sie waren schon da; ich kam zurück und mit mir die wichtige Nachricht des Sieges bei Leuthen. Diesen Augenblick gebot ich meiner Muse zu singen, denn es waren nur 24 Stunden bis zum Dankfest. Ich schickte die erste Strophe des Gesangs zum Setzer; ehe der fertig ward, brachte man die zweite, und so fuhr ich fort bis zum Schluß des Lieds; es ward gedruckt und man vertheilte es unter die jubelnde Menge der Rechtlichgesinnten. Alle sagten, ich müßte den Gesang gezaubert haben, Alle wollten mich sehen. O, diese Bewunderung brachte mir Nutzen, aber sie brachte mir zugleich größern Zorn Desjenigen, der als Herr über mich herrschen wollte, von meinen Händen Brot nahm und mit der Vorsehung zankte, daß sie dieses Brot nicht in seine Hand fallen ließ. Ich verschweige die Raserei, zu welcher ein niederträchtiger Stolz den Menschen bringen kann; im zweiten Theil der „Moralischen Briefe“ findet man ein Beispiel dieser Art. Ich glaube Alles gesagt zu haben, sowie mein Herz Alles zu vergeben wußte und auf die Gelübde eines bessern Vorsatzes stolz ward. Meine durch Schrecken und Verdruß hinfällig gewordene Gesundheit zwang mich zu einer Reise in das berühmte Bad bei Hirschberg. Verwundern Sie sich nicht, daß ich eine so kostbare Unternehmung wagte ohne reich zu sein; mir ward schon der Tisch eines unbekannten Freundes gedeckt, und schon war mein Zimmer bereit, als ich ankam. Der Pastor zu Warmbrunn war es, dem ich die Möglichkeit dieser Reise verdankte; sie machte mich in einigen hirschbergischen Häusern bekannt. Ich erhielt ein Paar liebenswürdige Schwestern zu Freundinnen, und was mir unschätzbar ist, ich erlangte die Ehre eines Briefwechsels mit Generallieutenant v. Seidlitz; ohne mich gesehen zu haben, ward er mein Freund; mein gutes Glück hat ihn mir zu erhalten gewußt, er ist es noch; ich lebte 2 Monate wie im Elysium. Die stürmenden Briefe meines Mannes und das Verlangen nach meinen Kindern trieben mich zurück. Ich genoß 4 Wochen einer häuslichen Ruhe, gleich einer drohenden Meeresstille, die von lauernden Orkanen unterbrochen wird. Meine 2 jüngsten Töchter wurden vom Arme des Todes dahingerissen, gleich Zwillingsrosen, die, an Einem Stengel aufgewachsen, von Einem tödtenden Wurme zernagt, sterben müssen, ehe sie noch Dem Freude zuduften konnten, der die Ursach ihres Daseins war. Ich erkühnte mich, den Himmel zu fragen, warum er dicht aneinander meine Kinder zu sich nahm? Ich Unwissende sollte ihm Dank sagen, aber mir entfuhren Wünsche, nachzusterben; mein Zustand ward von dieser Zeit an unerträglich, 4 Monate, mit allen Martern einer unglücklichen Ehe durchwebt, empfand ich nur noch mein Dasein in dem Schmerz und in der Furcht, die mich zittern machte. Der 21. Jan. des Jahres 1760 war bestimmt, diese tragische Rolle zu verändern; man holte mitten unter meinen Klagen Den, der sie mir auspreßte, zu den Fahnen des Krieges. Eine andere als diese Stunde würde mich [16] widersprechend gefunden haben, und ich hätte noch einmal vergessen können, daß ich elend war; aber sie war aufgezeichnet von Dem, der unsere Tage in sein Buch schreibt. Ich befand mich gleich Einem, der von schweren Träumen erwacht; ich erholte mich und sang ein Lied auf den Geburtstag des König. Mit diesem Tage wandte das Glück seine Stirn mir zu, ich lebte bis zur Zeit der blühenden Rosen in einer tiefen Ruhe, meine Tage wurden durch zufällige unerwartete Geschenke gramlos gemacht. Der 5. Juli brachte einen Theil des Fouqué’schen Corps zurück und gab mir Einquartirung. Ich empfing Den, nach dem ich mich nenne, mit allem Anstand einer Gattin; die Kriegsrüstung, die Munterkeit, mit welcher er sie trug, und der Gedanke, welchem Könige er diente, verschaffte ihm Achtung mehr als jemals. Ich glaubte sein veränderter Stand, die halbjährigen Beschwerden und die Art von Mangel würden viel zu meinem Besten gethan haben; das Übrige hoffte ich durch Güte zu heben. Ich ging mit ihm auf die öffentlichen Spazirgänge, ich that Alles, was er wünschen konnte, um ihm Vergnügen zu machen, und dennoch hieß ich stolz. Es lagen Preußen und Russen bei der Festung umher, es ward große Theurung, ich gerieth in Schulden, der Winter kam in drohender Gestalt, und ich sah keinen Ausweg meiner labyrinthischen Sorgen; ganz allein trug ich sie, denn mein Mann war unbekümmert. Der König schlug bei Torgau; mit dem Glücke des Krieges wandte sich zugleich das Glück meiner Muse; sie ward, meinen Sorgen zum Trotz, munter, und in meinem Herzen redete eine Hoffnung, der ich keinen Namen zu geben wußte. Der 12. Nov. nahm mir meinen Gast; die Krieger marschirten, und nun sang ich den Sieg bei Torgau. Dieses Lied flog mir voran in die glückselige Gegend, wohin ich bestimmt war. Ich sang den Bruder des Königs, den Prinzen Heinrich, der sich in Glogau befand; ich schien ganz Geist zu werden, aber ich bebte noch immer vor der Zukunft. Es war an meinem Geburtstage, als mitten unter den Danksagungen, die ich Gott opferte, ein Bedienter hereintrat und mir ein kleines Billet gab, geschrieben von der Frau Generalin v. Wreech; dieser Dame war ich Antwort schuldig geblieben, und sie ließ mich durch den Freiherrn v. Kottwitz daran erinnern. Ich kannte den Bruder dieses musterhaften Edelmanns, ihn aber nicht; er ließ mich zu sich rufen und sagte mir die Grüße der Generalin. Ich sollte ihm eins von meinen Gedichten sagen und wußte keins als: „Klagen einer Witwe“. Sie gefielen ihm, er schenkte mir eine Tabatiere und reiste nach Breslau; ich war ganz Freude über das Geschenk und fand nach 3 Tagen ein Goldstück unter dem Tabak. In einer Art von Enthusiasmus setzte ich mich, sang das Gemälde der Dose und schrieb dem Baron, ohne zu wissen, was ihm der General ins Herz gegeben hatte. Er kam zurück, ließ mich holen und fragte, ob es mir gefiele, in seiner Equipage nach Berlin zu reisen; er wolle für mich und meine Kinder sorgen; er glaube, daß hier mein Genie unter Sorgen der Nahrung erstickt, und daß es in der großen berlinischen Welt mehr hervordringen werde. Ich erstaunte! Also erstaunte vormals einer von den Aposteln, als durch die eisernen Thüren des Kerkers ein glänzender Seraph sich schwang, seine Ketten anrührte, sie herabfallen machte und ihn folgen hieß. Ich glaubte in irgend einen schmeichelnden Traum gesunken zu sein; ich taumelte zu meinem kranken Freunde, dem Hofprediger Döbel, empfahl ihn dem helfenden Gott und mich seiner Freundschaft. Unter dem Glückwünschen aller meiner Freunde verließ ich Glogau und segnete noch die Häuser [17] Ziethen und Haack; sie schützten mich oft vor der Kälte des Winters. Jetzt empfand ich den Nordwind nicht. So wenig fühlten ihn die von Peter III. aus der sibirischen Wüste zurückgerufenen Verbannten; sie kehrten mit hüpfenden Herzen nach ihren lange verlassenen Wohnungen zurück, und die herabgeschüttelten Schneeflocken wurden zu Thautropfen für sie.


Vierter Brief.
(Von 1760–61.)

Dem, der einst von pflugziehenden Rindern zum Völkerbeherrscher gerufen ward, erfüllte nicht Freude das Herz, aber mich machte sie trunken. Ich starrte die Paläste der Königsstadt an und ward selbst in einen Palast geführt. In der Wohnung meines gütigen Versorgers glaubte ich über Wolken hinweggehoben zu sein, gleich Einem, der auf hohem Alpengebirge Donnerwetter und Sturmwind unter seinen Füßen ungefürchtet fortrauschen hört. Vier Wochen brachte ich in einer wundersamen Stille zu; meine Beschäftigung war, die Briefe des Weltweisen von Sanssouci zu lesen, und ich war verwegen genug, zween davon in Verse zu setzen, vielleicht ebenso zwangvoll, als diejenigen Dichter, die den hohen Gesang des Homer in Fesseln des Reimes zu werfen sich unterstehen. Ich lebte in einer glücklichen Einsiedelei; aber mein Dasein ward unvermerkt das allgemeine Gespräch. Sie, mein Freund, hörten davon, und ich segne den Gedanken, der meinen Erretter hieß, Sie zu einem Gastmahl einzuladen; Sie bewilligten seine Bitte unter der Bedingung, mich zu sehen. Unsere Aussprache war zu sehr verschieden: Sie verstanden meine Verse nicht, die in schlesischer Mundart gesprochen wurden, und ich hörte in dem schönsten Deutsch noch immer den Schweizer reden; aber das hinderte Sie nicht, mein Freund zu werden, und ich wußte mich Ihnen durch Hülfe der Feder verständlicher zu machen. Ich nannte Sie meinen ersten Freund, und Ihr damaliger Gesellschafter, der gute Mechanikus Hohlfeld, nannte mich seine natürliche Schwester, denn uns ward von einerlei Hand das verschiedene Genie gegeben, durch welches wir glücklich genug sind, Tausenden bekannt zu werden. Er verschaffte mir den Umgang unsers deutschen Horaz, des gedankensingenden Ramler. Der Frühling kam, und nun sahen Sie mich alle Tage bei Monbijoux unter den Weiden lustwandeln; ich ging oft zu Ihnen, mein ernstdenkender Freund, und oft zu dem Dichter der hohen Ode. Einstmals fand ich ihn über den Briefen des Kriegesliedersängers. „Hören Sie, meine Freundin“, rief er, „hören Sie! Gleim befiehlt mir, seine Schwester in Apoll zu grüßen!“ Dieser besondere Gruß war viel zu schmeichelnd für mich; ich eilte, dem Apollonischen Bruder zu schreiben. Sie wissen seine Antwort; ich empfing aus Ihrer Hand das erste Merkmal eines Menschenfreundes, der sich Vergnügen dadurch schafft, Anderer Eigenschaften bekanntzumachen; ich würde sagen Ander Verdienst, wenn ich irgend auf Verdienst stolz sein könnte, aber ich habe kein anderes als ein ungekünsteltes Herz für meine Freunde. Die Natur war bisher mein erstes Buch gewesen, jetzt sorgten Sie, Gleim und Bachmann für eine Bibliothek; mehr als 30 Bücher wurden mein Reichthum, und mehr als Eine Muse brachte mir Gleim. Er kam nach Berlin und vereinigte sich [18] mit Ihnen, mich immer mehr anzufeuern.[3] Ich darf nichts sagen von dem Erfolg dieses Unternehmens; das Publicum erwartet den dritten Theil davon in der Liedersammlung. Nimmer würde mein Genie eine solche Menge Früchte hervorgebracht haben, wenn nicht so geistvolle Freunde mich aufgemuntert hätten. Schon lange ward es durch Briefe eines Mannes aufgemuntert, der mehr schöner Geist als Buchhändler, mehr Freund als Verleger war. Aber ich weiß nicht, welche Gewalt meine stärksten Vorsätze niederriß; nicht seine Versprechungen, nicht die Art, mit welcher er sie that, und nicht meine Dürftigkeit konnten mich zu Ausarbeitung derjenigen Stücke bringen, die er selbst mir vorschlug. Ich versprach ihm aber eine Sammlung, und ich werde früh oder spät meine Zusage erfüllen. Diese Erstlinge meines stärker gewordenen Geistes waren für denjenigen Weg bestimmt, von welchem sie jetzt die Welt in Empfang nehmen wird. Mein Genie gibt das Feuer der Freundschaft zum Vater an; ich weiß nicht, ob diese Kinder vollkommen genug sind; die Kunst hat keinen Antheil daran, die Belesenheit nur hat hie und da einen Zug gethan. Ich nutzte die vielstündigen Tage des Sommers in den 8 Büchern der Lebensbeschreibungen griechischer und römischer Helden; Plutarch war mein einziger Begleiter bis zu der Bildsäule der Venus im Thiergarten; da saß ich unter dem Schatten einer jungen Buche und las, bis der Abend die Spazirgänger nach der Stadt trieb, und alsdann nahmen mich die Bachmann’schen und Stahl’schen Häuser zum freundschaftlichen Tisch auf; dieses beneidenswürdige Leben führte ich bis zur Mitte des Septembers. Mein Briefwechsel mit Gleim war überaus lebhaft und häufig; 40 Tage lang hatte ihn Berlin gesehen, und ebenso viel Gesänge entführte er als einen angenehmen Raub nach Halberstadt. Ich konnte dem Zuge nicht widerstehen, der mich nach Magdeburg und Halberstadt fortriß; ich überwand jedes Hinderniß; zum Besuch, sagte ich mir selbst vor, daß ich reisen wollte. Von Freund Bachmann war ein Zimmer für mich besorgt; ich kam, und mein erstes Geschäft war ein Gesang an die Stadt Magdeburg; ich wußte nicht, daß der Umlauf eines Jahres hier durchlebt werden sollte. Die Gemahlin des Commandanten lud mich zu ihrem Tisch, und kein Gedanke sagte mir, daß [19] die Frau v. Reichmann zu meiner künftigen Versorgerin bestimmt sei. Dieser gütigen Dame schien ich zu gefallen; sie fragte, wie lange ich hier zu bleiben gedächte. Die Dichter sind kühn: ich sagte, daß es mein Vergnügen sein würde, wenn ich den Winter hier zubringen könnte, daß aber meine jetzige Wohnung schon besetzt sei. Sie bot mir eins von ihren Zimmern an; welche schöne Bestürzung für mich! Ich ergriff dieses Wort, flog nach Halberstadt und lebte daselbst 30 Tage, freuden- und liederreich für mich. Drei Mal kränzte mich die Freundschaft, und, von ihrer Hand gewunden, ist der Lorber grüner, als wenn ein Fürst ihn zu winden befiehlt. Damals entwarf man den ersten Plan zur Herausgabe meiner Gesänge, der Hr. v. Spiegel und Gleim hielten darüber eine Unterredung, die ich nur im Vorbeigehen behorchte.[4] Ich ging zurück nach Magdeburg und fand für mich das Haus des Commandanten sowie das Herz der Frau v. Reichmann offen. Freund Bachmann wand mir den vierten Lorber und gab meiner Muse eine goldene Feder in die Hand[5], um der andächtigen Prinzessin Amalie eine Passionscantate auszuarbeiten. Ich weiß nicht, ob mir dieses heilige Lied gelungen ist; ich war noch zu ungeübt in den Tönen des hohen Harfenspiels. Mich verließ der Odengeist, um einer frommen Traurigkeit Platz zu machen; die Ehre, für den Geschmack der Schwester des Königs gesungen zu haben, ist ein glänzender Theil meines Glücks. Der Hofprediger Sack übergab mir den Plan dazu, Amalie selbst entwarf ihn, und ich befahl meiner Muse, nicht oft auszuweichen von dem vorgezeichneten Pfade der Prinzessin. „Sie belebt durch ihre musikalische Kunst meine Arien!“ dieser Gedanke allein wäre groß genug, mich wegen eines Zeitraums von 15 durchquälten Jahren trösten zu können. Mein Glück steigt bis zum hohen Gipfel herauf: ich genieße einer uneingeschränkten Freiheit, meine Mahlzeiten sind am Tische des Commandanten, ich kenne die Sorgen des Lebens nicht mehr. Mein Sohn wird von dem großmüthigen Kottwitz erzogen, und um meine Tochter bekümmern sich meine berlinischen Freunde; mich hört die Königin, die Prinzen und Prinzessinnen[6], und meine Freunde bleiben mir getreu. Ich bedarf nicht der Hülfe des Arztes, und es hängt von mir ab, welchen Gesang, welches Buch, oder welchen Spazirgang ich wählen will. Glücklicher bin ich als der lydische König, der das Orakel zu Delphos befragen ließ, ihm ganze goldene Lasten zum Geschenk gab und, als er gefangen wurde, seine Fußketten schickte. O, ich erinnere mich oft an ihn und an den Ausspruch des weisen Atheniensers, der die Sterblichen auf das Ende der Dinge sehen hieß. Die Vorsehung [20] läßt den Herbst meines Lebens fruchtreich sein; sie macht ihn zum Frühling; sie gönnt uns Glückseligkeit und Freude, wenn wir, gleich gutartigen Kindern, Gebrauch machen von ihren Gaben ohne übermüthig zu werden. Aber die Glücklichen haben weit mächtigere Feinde zu bekämpfen als Krösus, da ihn die Perser belagerten: mit Stolz und Eigenliebe, zween hinterlistige Tyrannen. O, mein Weisheit redender Freund, heißen Sie mich immer auf meiner Hut sein; immer müsse mein Herz rückblicken auf die Tage meiner Noth, und jede Erinnerung müsse ein Lobgesang sein für den Gott, der das ungestumme Meer mit Ufern und das menschliche Elend mit Grenzen umschloß. Er verschaffte mir die Zuneigung der edelsten unter seinen besten Geschöpfen; mein Leben wird nicht aufhören glücklich zu sein, wenn es ihm gefällt, mir dieses größte Geschenk zu erhalten, und wenn ich meine letzte Rolle beschließe mit dem Gefühle, daß ich bin Ihre Freundin

A. L. Karschin.


Anmerkungen der Vorlage

  1. Sie ward von ihrem Manne geschieden, da sie eben ihre Niederkunft mit dem vierten Kinde erwartete, und nachdem sie vergeblich Alles aufgeboten hatte, ihn zu bewegen, sie nicht zu verlassen.
  2. Er hieß Karsch.
  3. Gleim schrieb in dieser Zeit an Uz: „Ich sagte, als ich sie zu Berlin zum ersten Male sah, sie könnte eine deutsche Sappho sein; ich hatte eine Ode von ihr gelesen, die sich anfängt: „Sohn Cytherens, kleiner Weltbezwinger!“ welche hinlänglich war, von ihrem Geist mir einen völligen Begriff zu geben. Auf meinen Vorschlag machte sie einen Versuch und übersetzte die beiden Oden der Griechin; sie kam dadurch so sehr in den Sapphischen Schwung, daß sie hernach bei dem mindesten Anlaß dazu ein Sapphisches Lied sang. Ohne einen Phaon zu haben wäre es nicht angegangen; sie that mir die Ehre, mich dazu zu erwählen“.
    Die Dichterin sandte ihm für den schönen gegebenen Namen ihr Bild mit folgenden Versen:
    „Mein Bild soll für die Lieder kommen,
    Die ich Dir sang zur Zeit,
    Da ich von Dir den Namen angenommen,
    Den Anspruch zur Unsterblichkeit“.
  4. Gleim besorgte nachher, vereint mit Sulzer, die erste Sammlung ihrer Gedichte, welche auf Pränumeration herauskam, und durch welche die Dichterin, nach Abzug aller Kosten, 2500 Thaler in Golde gewann.
  5. Siehe den hiernächstfolgenden Brief aus Magdeburg an Oeser. (WS: Zeitgenossen, S. 20)
  6. Die Königin ließ die Dichterin mehrmals zu sich einladen, und es war ein neues Wunder, daß ein seit 11 Monaten aus dem tiefsten Staube hervorgezogenes Weib vor den ersten Personen des königlichen Hauses mit einer Gegenwart des Geistes bestand und mit einer Dreistigkeit, welche ebenso ehrfurchtsvoll als gefällig war. Sie wußte ihre Reden zu schmücken ohne der Schmeichelei beschuldigt werden zu können. (S. das Leben der Dichterin, herausgegeben von der Frau v. Kl.)

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Füstenthume