Malerische Wanderungen durch Kurland/Brinckenhoff, Weg nach Ambothen, dasiges Schloß

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Groß-Wormsahten und Alschhoff Malerische Wanderungen durch Kurland
von Ulrich von Schlippenbach
Stroken und dessen Beyhof Charlottenberg, Fischröden und dasiger Park
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Brinckenhoff, Weg nach Ambothen, dasiges Schloß.

Der Edelhof Brinckenhoff liegt auf dem Wege nach Ambothen, von Groß-Wormsathen ohngefähr eine Meile entfernt, am Rande eines hohen Berges, der sich in allmählig sinkendem Abhange zu den Ufern eines großen schönen Sees verliert. Ein prächtiges Amphitheater erhebt sich gegenüber und beugt sich mit einer Einfassung schöner Gebüsche um den sanftgerundeten See, dessen Spiegel von allen Seiten durch beträchtliche Höhen gedeckt, fast immer ungetrübt erscheint. Klüfte, die sich in das gegenüber liegende Ufer strecken, Wiesen und fruchtbare Äcker, Baumgruppen und [32] Wohnungen übersieht man mit einem Blick und im Vordergrunde den schönen See, aus dem sich eine mit hohen Tannen bewachsene Insel erhebt. – Vorzüglich ist die Aussicht aus dem Garten zu Brinckenholf, der sich in Terrassen nach dem Seeufer hinzieht. schön. Es giebt für die todte Natur, wie für die lebende eine gewisse Grazie, eine Harmonie der Theile des Ganzen, die vorzüglich gefällt. Die Ursache ist, weil das Todte und das Belebte aus einem Stoffe ursprünglicher Elemente von der Hand eines Künstlers gebildet ward, der das Gute und Schöne gewiß allenthalben als erste Regel seiner Werke ausdrückte. Dieser Gegend würde ich jene Grazie vorzüglich beymessen. Hier ist nicht der Genfersee und keiner der Seen des alten Landes der Freyheit, aber dieses Sanfte, diese Milde der erblickten Landschaft, ergreift das Herz vielleicht eben so sehr, als ständen statt der fruchtbaren Höhen voll Ähren und voll Laub, Felsen, und statt den gelben Strohdächer der Bauerwohnungen, Schneelawinen hier. Überhaupt glaube ich; ist das Schöne und Erhabene in [33] der todten Natur, wiee In der organischen und sittlichen, nicht so wie das Metall allein auf gewisse Erdstriche eingeschränkt; eigenthümliche Schönheiten hat gewiß jedes Land, nur gewöhnlich ahnet derjenige, der es bewohnt, sie am wenigsten. Mancher, glaube ich, würde gern seine Strandhütte verlassen, um vielleicht 20 Meilen weiter in einem fremden Lande das Meer zu erblicken. – Hiezu kommt, daß es Menschen genug giebt, die die Naturschönheiten und alle Güter des Vaterlandes herabsetzen, die baare Münze etwa ausgenommen, weil sie sonst ja keine Gelegenheit hätten ihren Reisen in fremde Länder einen Werth zu geben. Ich bin überzeugt, lägen die Gegenden des Ambothenschen Kirchspiels 100 Meilen weiter, sie wären vielleicht hier bekannter, als sie es jezt sind. Die Felsen des berühmten Plauenschen Grundes sind nicht höher und nicht schroffer, als es die an den Ufern der Windau sind, deren ich bey der Beschreibung der Gegend um Wormsahten gedachte, und ein durch solche Felsen gezwängter ansehnlicher Strom hat eben so seine Schönheiten, [34] wie jenes prächtige Thal ohnweit Dresden, und ich habe dort nicht mehr als hier empfunden, wie groß und schön die Natur ist. Auf dem Wege von Brinckenhoff nach Ambothen wechselt die Ansicht fast mit jedem Schritte. Berg auf und Berg nieder fährt man, und abwechselnd ist der schöne Brinckenhöffsche See mit den auf seinen in Terrassen abhängigen hohen Ufern, erbauten Hofesgebäuden sichtbar. Bald sind es mit Wald bewachsene tiefe Klüfte und bald furchtbare Höhen, die man erblickt. Endlich sieht man schon in der Ferne das in der vaterländischen Geschichte bekannte Schloß Ambothen, das noch zum Theil von seinen alten Ringmauern umgeben, auf der Scheitel eines ziemlich hohen kegelförmigen Berges liegt. Auch hier verliert sich mehreremale diese Aussicht, und tritt wieder hervor, weil der Weg Berg auf Berg nieder wechselt. Wenn man hier am Abhange der Berge den Blick rechts wendet, so glaubt man zuweilen wie aus einer tiefen Grube einen Rauch aufsteigen zu sehen, und der hier Unbekannte dürfte die Entdeckung eines [35] neuen Vulkans erwarten. Doch so ominös ist die Grube, aus der jener blaue Dunst hervorsteigt, nicht, es ist nur der Schornstein des Pastorats; das auf einer in der Mitte des Berges geebneten Fläche gleichsam im Schooße des Berges liegt und indem es auf der einen Seite tiefer unter sich eine freye, schöne Aussicht hat; ist es gegen Norden vom Berge völlig und zwar so gedeckt, daß man das Daseyn desselben nicht früher ahnet, als bis man sich demselben schon bis auf wenige Schritte genähert hat. Hier ließesich beynabe John Bunckels berühmter Fall denken, der vom Abhange eines Berges stürzend sich an der Thüre eines niedlichen Landhäuschens herabgefallen wiederfindet, wo er den anwesenden Bewohnern ein zierliches Kompliment macht. Doch ehe ich den Leser weiter führe, mag er hier im Angesichte des alten Bergschlosses seiner Umgebungen etwas aus der vaterländischen Geschichte hören; in der dieses Schloß sehr wichtig wird. 45 Jahr nur hatte der Orden der Ritterschaft Christi in Liefland bestanden, als der fünfte Großmeister Diedrich [36] von Gröningen erwählt wurde. Indessen war schon unter den Bischöffen, die früher mit vielen streitbaren Männern an den Ufern der Düna gelandet waren, der Anfang gemacht worden, auch die heidnischen Bewohner Kurlands zu bekehren und zu unterjochen. Schon im Jahr 1217 wurde ein Graf von der Lippe als Bischof von Semgallen genannt und 1219 eroberte König Woldemar von Dänemark einen Theil Kurlands, und stiftete das Bisschofthum zu Pilten; doch konnte man die Kuren noch immer nicht als unterjocht ansehen; alle Augenblicke brach der Aufruhr gegen die Deutschen aus, und diese hatten, trotz des Vorzugs ihrer höhern Kriegskunst, Mühe, sich gegen die wilde Tapferkeit ihrer Gegner, die für ihre Freiheit und den Glauben ihrer Väter stritten, zu behaupten. Wann die Kuren auch in mehreren Schlachten überwunden und zur Taufe gezwungen wurden, so brauchte es nur einiger Zeit der Erholung, um in ihren Strömen und Seen die Taufe wieder feyerlich abzuwaschen, und dann kehrten sie zu ihren geweihten Hainen, in [37] denen sie ihren Perkuhn, Potrimpos und Pikollos verehrten, zurück. Ihr Gott Zeemineek hatte ihre Felder mit Fruchtbarkeit gesegnet und war zufrieden, wann im October ein großes Erndtefest gefeyert ward, von allen Speisen nur wenige in die Winkel der Häuser gestreute Brocken zu erhalten; dagegen die christlichen Priester so viel verlangten und sie größtentheils sehr hart behandelten. Das seit den ältesten Zeiten in Liefland von den Bischöffen bestätigte Burgrecht der Bauern bestimmte, daß wer den Zehenden stiehlt, 20 Mark zahle oder den Hals verliere. Ein dem Herrn gestohlnes Fuder Heu ward mit 3 Mark und und Ersatz des Gestohlnen bestraft. Wer des Herrn Gebot nicht befolgte, ward mit dem Leben bestraft. – Dagegen wer einem andern Bauer ein Auge ausschlug, zahlte 20 Mark, für eine bloße Wunde mit einem Beile 1 Mark, und mit dem Schwerdte 3 Mark, und von diesem Blutgelde bekam der Herr auch noch den dritten Theil. Kein Wunder war es daher, dars die Kuren ihre Todten mit den Worten einsegneten: „gehe hin, du Elender! [38] aus diesem Zustande in eine beßre Welt, wo die Deutschen nicht mehr über dich, sondern du über die Deutschen herrschen wirst,“ – daß sie gerne ihr Leben wagten, um Freyheit zu erringen. Der Bischof von Kurland Engelbert war im Jahr 1245 erschlagen worden. Die Kuren hatten einen allgemeinen Aufruhr erregt und gegen diese zog der Heermeister Gröningen, der kurz zuvor die Festen Goldingen, Churlandt und Ambothen erbaut hatte, zu Felde. Er ließ ihnen zwar wie Russow in seiner treuherzigen Sprache erzählt, ankündigen, dat alle dejenige de den Christendoem dorch de Doepe annemmen, veder deem Orden underdahn syn unde Trybut geewen volden, de solten dat Levendt beholden, awerst se hebben nod an de doepe gevolt. Die Kuren, die sich, weil sie sich allein zu schwach fühlten, dem litthauischen Fürsten Mendow ergaben, glaubten nun nicht nur eine offene Schlacht wagen zu können, sondern wollten auch die in ihrem Lande noch von den Rittern besessenen Festungen erobern. Eben lag der Fürst Mendow selbst mit einem aus Kuren [39] und Litthauern gesammelten Heere von 30,000 Mann vor Ambothen und belagerte es. Der kriegserfahrnere Heermeister Gröningen indeß, hatte sich der Feste Ambothen mit seinem Volke, ohne daß ihn die Feinde geahnet hätten, genähert, und als die Litthauer eben die Burg stürmen wollten, einen Wald erreicht. Aus diesem Hinterhalte überfiel er mit dem Ordensmarschall Berwaldt vereint den Feind, und überraschte ihn so sehr, daß dieser sogleich zu fliehen begann; – von den Litthauern und Kuren wurden 1500 Mann getöutet und viele gefangen gemacht. Das Ordensheer dagegen büßte nur 40 Ordensritter und 10 Mann Waffenknechte ein. Die Burg Ambothen war auf diese Weise entsetzt und wurde nachher noch besser befestigt, so daß man ihre Eroberung in den spätern Zeiten schwer möglich hielt. Auch die spätere Chronik bemerkt, daß, als die Piltensche Ritterschaft nach dem Tode ihres gütigen Herzogs Magnus, der zu Pilten im Jahr 1683 starb, mit dem Kardinal Radziwill[WS 1] kriegte, sich zwar die Festung Ambothen, deren Commandant ein [40] Kruedener war, jedoch ohne Noth dem Kardinal Radziwill[WS 2] übergeben habe. Man kann die Schlacht, welche Diedrich Gröningen über die Kuren und Litthauer bey Ambothen gewann, als die vorzüglivh entscheidende betrachten, denn obgleich die Schamaiten und Litthauer noch lange nachher mit dem Orden fortkriegten, so waren die allmählig immer mehr unterjochten Kuren doch nicht mehr so allgemein entschlossen, das deutsche Joch abzuwerfen, und immer schwächer ward ihr Widerstand. Ambothen läßt sich daher in der vaterländischen Geschichte als der Ort betrachten, wo der stärkste Ring der Fessel, die die Kuren für immer umwand, geschmiedet ward. Beynahe 400 Jahr später war dagegen der Piltenschen Ritterschaft gerade der Verlust der Feste Ambothen an die Truppen des Kardinasls Radziwill[WS 3] äußerst vortheilhaft. Der Kardinal hatte hier nämlich einen Rittmcisler, Claas Korff genannt, zum Commandanten bestellt. Dieser bekam den Auftrag, mit geheimen Briefschaften sich ins Lager des polnischen Feldobersten zu begeben. Bey einem Überfall indessen, [41] den die Piltensche Ritterschaft ins Polnische Lager machte, fiel die ganze Equipage des Rittmeisters Claas Korff in ihre Hände und man fand die Documente darüber, daß der König von Polen, Sigismund, den vom Kardinal eigenmächtig unternommenen Krieg höchst misbillige. Der Plan des Kardinals, auch den Herzog Jacob mit in die Fehde zu verwickeln, scheiterte nun gänzlich, und mit nicht wenig Besorgniß, daß sein Rückzug einer Flucht ähnlich sehen würde, ließ nun der völlig entlarvte Radziwill[WS 4] seine Truppen, die die siegreiche Piltensche Ritterschaft verfolgte, sich zurückziehen und von der Eroberung des Piltenschen Bisthums war nicht mehr die Rede. So rettete Vaterlandsliebe, Einigkeit, Muth und Gemeingeist damals einen kleinen für sich bestehenden Staat, ließ ihn siegreich gegen einen sechs mal stärkeren Feind kämpfen, und so hat die Geschichte jedes, auch des kleinsten Ländchens, seine Triumphe des Verdienstes, wie seine Schandsäulen, wenn, was das Blut der Voreltern errang, niederer Eigennutz um Silberlinge verkaufte.

[42] Jezt begleite mich der Leser den steilen Schloßberg hinan, um aus dem zwey Stock hohen, nur mit einem Flügel, der in die neuere Zeit sich hineinschwingt, vergrösserten Schlosse, die Gegend zu beschauen, welche ehemals vom wilden Geschrey der Krieger ertönend, jezt nur die Lieder eines Nachtigallenheeres wiederhallt. Den Fuß des kegelförmigen Berges bis auf den Damm beym Aufgange umzieht ein Bach und ein tiefer Teich. Allenthalben, wo das Auge hinsieht, erblickt man einzelne bald höhere bald niedere Berge mit ihren sie umringenden Thälern. Hier trägt ein Berg ein fruchtbares Feld auf seiner Scheitel, dort ein Wäldchen und dort eine Gruppe gut bebauter Bauerhäuser. – Da fließt eine kleine Quelle aus dem Thale über den steinigten Weg hinüber und ergießt sich in den Spiegel eines Teiches. – dort ist das Thal eine grüne Wiese und da ein kleiner lieblicher Hain, – dort, längs der Kirche, geht ein steiler Weg den Berg hinan, und verliert sich, wie in einer mit dunklem Gebüsch behangenen Grotte, – dort schlängelt sich ein anderer [43] am Bache. Wann am Sonntage durch die zahlreiche Gemeinde des Ambothenschen Kirchspiels oder auch an Markttagen, deren zwey hier im Jahre bestimmt sind, die Gegend rings umher durch eine auf- und niederströmende Menschenmenge bevölkert wird, so wird sie dadurch noch reizender, wozu selbst die weiße Kleidung, welche hier das Landvolk fast allgemein trägt und die dann allenthalben im grünen Gcbüsch hervorschimmert, nicht wenig bey trägt. Obgleich hier der Horizont nicht sehr weit reicht, sondern allenthalben von höheren Bergen in der Ferne begrenzt wird, so ist die Aussicht hier doch herzergreifend und beweist, daß die Männer der Vorzeit in der Wahl ihrer Wohnungen und Festen, die Schönheiten der Natur eben so wenig, als eine feste, sichere Lage übersahen. Die Stelle, wo der Heermeister Gröningen die das Schloß belagernden Feinde aus dem Hinterhalte überfiel, ist wahrscheinlich die an die Nordseite der Berge stoßende Fläche nach dem Privatgute Backhusen, wo ehemals gewiß ein tiefer Wald gestanden hat. [44] Auch dorthin ist die Ansicht der bis zum Pastorate fortreichenden Klüfte und Berge malerisch schön. Der Schloßberg selbst, den nur noch von einer Seite die alten Mauern umziehen, ist zum Theil mit Gebüsch bedeckt, und am Ende seines Abhanges mit mehreren Wirthschaftsgebäuden bebaut, über deren Schornsteine man auf der Höhe, wie über kleine Rauchfänge hinüberschaut. Zwischen solchen Höhen, wie sie dies Bergschloß umringen, die zwar nicht hoch genug sind, um Wolken zu tragen, doch an deren Stelle Ähren und Zweige wiegen, gewinnt der Genuß jeder ländlichen Freude ein gefälligeres Ansehen; – hier trägt der Wiederhall jeden Laut des Entzückens von allen Seiten zurück, – keine Klippe und kein Felsen hindert den Gang des Wanderers, allenthalben trägt ihn sein Fuß hin, wo die Aussicht in die schöne Natur dem Auge den Genuß vertraut, welchen sie dem Herzen gewährt. Schade! daß hier gar nichts geschehen ist, nicht um die Gegend durch Kunst zu schmücken, – des Schmuckes bedarf sie nicht – sondern nur ihre [45] Schönheiten sichtbarer werden zu lassen. Wie leicht wäre das! wie leicht, wenigstens durch kleine Pfade und Brücken den Spaziergang auf diejenigen Stellen hinzuleiten, die vorzüglich lieblich sind, da sie in einer unwegsamen Umgebung aufzufinden, erst nach langem Aufenthalte gelingen kann.



Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Rodziwill; vergl. Druckfehler.
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