Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres/Am 1. Sonntag nach Epiphanias 1832

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« Am Sonntag nach Neujahr 1835 Wilhelm Löhe
Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres
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Am 1. Sonntag nach Epiphanias 1835 »
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Am 1. Sonntag nach Epiphanias.
(Kirchenlamitz 1832.)


Luk. 2, 41–52. Und Seine Eltern gingen alle Jahre gen Jerusalem auf das Osterfest. Und da ER Zwölf Jahre alt war, gingen sie hinauf gen Jerusalem, nach Gewohnheit des Festes. Und da die Tage vollendet waren, und sie wieder zu Hause gingen, blieb das Kind JEsus zu Jerusalem, und Seine Eltern wußten es nicht. Sie meinten aber, ER wäre unter den Gefährten, und kamen eine Tagereise und suchten Ihn unter den Gefreundten und Bekannten. Und da sie Ihn nicht fanden, gingen sie wiederum gen Jerusalem und suchten Ihn. Und es begab sich nach dreien Tagen, fanden sie Ihn im Tempel sitzen mitten unter den Lehrern, daß ER ihnen zuhörte und sie fragte. Und alle, die Ihm zuhörten, verwunderten sich Seines Verstandes und Seiner Antwort. Und da sie Ihn sahen, entsetzten sie sich. Und Seine Mutter sprach zu Ihm: Mein Sohn, warum hast Du uns das gethan? Siehe, Dein Vater und ich haben Dich mit Schmerzen gesucht. Und ER sprach zu ihnen: Was ist es, daß ihr Mich gesucht habt? Wisset ihr nicht, daß Ich sein muß in dem, das Meines Vaters ist? Und sie verstanden das Wort nicht, das ER mit ihnen redete. Und ER ging mit ihnen hinab und kam gen Nazareth, und war ihnen unterthan. Und Seine Mutter behielt alle diese Worte in ihrem Herzen. Und JEsus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen.


I.
 Am Passahfeste war Joseph, der Zimmermann von Nazareth, gewohnt, mit Maria nach Jerusalem zu wandern, um die schönen Gottesdienste des HErrn zu schauen und sich Seiner herrlichen Gnade zu freuen. Als nun JEsus zwölf Jahre alt war, gingen sie wieder hinauf – und das Kind| JEsus ging auch mit. Ob sie Ihn früher schon mitgenommen hatten, davon steht nichts geschrieben und wir wissen darüber nichts zu sagen. – Recht schön ist’s, daß Maria und Joseph den heiligen Knaben dahin mitnahmen, wohin zu gehen ihnen selbst die größte Freude war. Sie kannten nichts Schöneres, als so eine Wallfahrt zum Hause des HErrn, – und am Schönsten, das sie wußten, ließen sie ihren vielgeliebten JEsus auch Anteil nehmen.

 Eltern thun gewöhnlich so. Was sie fürs Schönste und Beste halten, dazu suchen sie auch ihre Kinder zu erziehen. Und das wäre schon recht, wenn nur alle Eltern wie Maria und Joseph das Beste auch kenneten und für das Beste hielten. Aber Gott dienen, wie Maria und Joseph, – Ihm leben und Ihm ganz sich ergeben, – das gefällt wenig Eltern. Die meisten lieben die Welt und was in ihr ist, Augenlust, Fleischeslust und hoffärtiges Leben, – und dazu führen sie auch ihre Kinder an. Ihre Kinder werden wie sie, – die Äpfel gleichen ihren Bäumen, – die Eltern sind Fleisch, – und was vom Fleisch geboren ist, ist eben Fleisch, – ihre Kinder werden fleischliche, verweltlichte Menschen, Freunde der Welt und Gottes Feinde. – Ihr nicht also! Werdet Christen, so werden auch eure Kinder durch euch zum Christentum erweckt werden; – verlasset die Welt, so werden euch eure Kinder nachfolgen, wohin ihr gehet, – werden mit euch zu Christo kommen, – wie ihr, an Ihn glauben, – bei Ihm ihre Freude und ihren Frieden finden, – und es wird ihnen nirgends wohler sein, als im Hause und der Gemeinde Gottes, wo Sein Lob verkündet und die Versöhnung gepredigt wird. – Werdet wie Joseph und Maria fromme Leute, so werden wohl auch eure Kinder es werden, und werden sie’s nicht, so habt ihr zum wenigsten den Trost eines guten Gewissens.


II.
 Als das Kind JEsus in Jerusalem und im Tempel war, gefiel es Ihm daselbst so wohl, daß es der Heimat darüber vergaß. Seine Eltern aber vergaßen Ihn, glaubten Ihn bei| Verwandten und Freunden wohl aufgehoben und gingen wieder auf den Heimweg. –

 Dies Betragen der frommen, innig liebenden Mutter Maria zeigt uns den Knaben JEsus in einem großen, herrlichen Lichte. Sie muß sich auf ihr frommes Kind haben verlassen können, weil sie Seinetwegen so unbesorgt ist, da sie Ihn bei der Abreise nicht bei sich findet; – sie muß Ihm eine große Weisheit und Tugend zugeschrieben haben, weil sie Ihn sich selber so ganz überließ, – sie muß von Ihm schon gewohnt gewesen sein, daß ER alles recht machte, weil sie an Ihm nicht irre wurde, da sie Ihn nicht gleich fand.

 Das Zutrauen, welches Maria zu dem heiligen Knaben JEsus haben konnte, dürfen wir zu unsern Kindern nicht haben. Unsere Kinder sind keine JEsuskinder, daß sie von selbst und ohne viele menschliche Belehrung den Weg dahin finden könnten, wo der Vater und Seine Ehre wohnt. Unsere Kinder sind in Sünden empfangen und geboren, – und obwohl in der heiligen Taufe abgewaschen und mit dem Rock der Gerechtigkeit geschmückt, werden sie doch bald wieder mit dem Kote dieser Welt beschmutzt, und die Welt reißt ihnen den heiligen Rock der Gerechtigkeit und Unschuld bald vom Leibe. Unsere Kinder brauchen viel Geduld, Leitung und Gebet und viel Segen von oben, wenn sie dem Verderben entrinnen und den schmalen Weg finden sollen, der zum Leben führt. – Ohne Leitung können unsere Kinder nicht sein; weicht die Aufsicht der Eltern von ihnen, so wird gleich der Versucher hinzunahen und sie verführen in allerlei Schande und Laster.

 Dies habe ich zur Genüge an unsern Kindern erfahren. An siebzig Mädchen und vierzig Knaben, die ungefähr im Alter JEsu sind, sind diese Woche beim Tanz gewesen. Brüder! es giebt Leute, welche den Tanz für erwachsene Jünglinge und Mädchen nur als ein unschuldiges Vergnügen betrachten. Die heilige Schrift stimmt ihnen nicht bei, ich auch nicht. Aber ich will mich heute dabei nicht aufhalten, – obwohl es notthut und das Laster desto wütender zu werden scheint, je lauter dagegen gepredigt wird. Ich will es auf ein| anderes Mal sparen. Aber Brüder, von euren Kindern, von euren jungen Kindern sage ich euch: sie sind am Neujahr nicht gewesen, wo man sie suchen sollte. Darüber sind alle Verständigen einig – und auch die Gesetze verbieten es. Da hat man JEsum nicht gefunden, als ER zwölf Jahre alt war. – Und ihr Eltern seid schuld daran! Warum erlaubet ihr euren Kindern, an verbotene Orte zu gehen? Ist’s nicht genug, daß die Lüste des Fleisches eure älteren Kinder beherrschen, wollet ihr eure jungen Knaben und Mädchen schon vor der Zeit in die Geheimnisse des Satans einweihen? Was sehen und hören sie dort, wenn sie auch nicht selbst tanzen, wie dennoch auch geschehen ist? Ich will die Frage nicht beantworten. Aber mit vollem Bewußtsein, mit ernster Überlegung, mit Grauen vor dem, was ich der Wahrheit gemäß dennoch sagen muß, – sage ich: Wehe dem Vater, der Mutter, die ihre Kinder nicht aufziehen in der Zucht und Vermahnung zum HErrn! Es sind nicht eure Kinder – Gottes Geschöpfe sind sie – und von eurer Hand wird der HErr ihr Blut fordern, wenn sie durch eure Schuld verderben! – Um eurer armen Kinder willen bittet, im Namen JEsu beschwört euch jetzt meine Seele: Gebt besser auf die euch anvertrauten Geschöpfe Gottes acht, – werdet nicht Verräter und Verderber an euren eigenen Kindern! Gott rettet gern alle Menschen, Christus ist auch für die Kinder gestorben, auch sie hat ER teuer erkauft zu Seinem Eigentum; ich beschwöre euch: Stehlet dem HErrn eure Kinder nicht, verderbet Ihm Sein Eigentum nicht, – sondern führet sie dahin, wo Gott wohnt, – wo Christi Versöhnung gepredigt wird, – wo man christlich glaubt und lebt! Erbarmet euch über eure Kinder und höret mich!


III.
 Als das Kind JEsus sich am Abend des ersten Tages der Rückreise nicht fand, mußten Maria und Joseph Ihn drei Tage lang mit Schmerzen suchen. Daß sie Ihn suchten, ist natürlich, denn ihrer Pflege war ER anvertraut. Daß sie Ihn mit Schmerzen suchten, war nur insofern recht, als sie| Schmerz über Seinen Verlust hatten. Über Ihn brauchten sie keinen Schmerz zu haben, denn ER hatte gethan, wozu der Geist Seines Vaters Ihn getrieben hatte, und Sein Vater und die himmlischen Heerscharen bewachten Ihn.

 Lernet aus dem Beispiel Mariä und Josephs, was daraus kommt, wenn man die Kinder nicht unter sorgfältiger Obhut hält. Es kommt daraus ein schmerzliches Suchen. Wenn, wie es öfter geschehen ist, ein Kind sich verlaufen hat, so haben die Eltern keine Ruhe, sie suchen und haben Schmerz, denn es tritt ihnen deutlich unter die Augen, daß durch ihre Schuld das Kind abhanden gekommen ist. – Allein wenn ein Kind leiblich sich verirrt, ist’s kein so großes Unheil, als wenn es sich geistlich vom rechten Wege verirrt. Ein liederlicher Sohn, eine liederliche Tochter sind ihrer Eltern größtes Kreuz, ein ungeratenes und ungehorsames Kind ist seiner Mutter Tod. O wie hört man Eltern so schmerzlich klagen, daß ihr Kind verloren ist! Aber wenn man zurückgeht in der Zeit, so findet man leider nur allzu oft, daß die klagenden Eltern selbst daran schuld sind, weil sie das Kind nicht beobachteten, da es jung war, und es nicht zu genau nahmen mit ihrem Wege. In der Jugend wird gesäet, was später aufgeht und Früchte bringt: wer auf seine Kinder Trägheit säet, der wird einst Kummer von ihnen ernten, – und er klage dann nur niemanden an, als sich selbst; er hat sein Kind in der Jugend nicht besorgt, nun kommen die Sorgen nach. – Wie viel Böses übrigens Eltern durch ihr eigenes Beispiel säen, das ist nicht zu erzählen. Und wie schwer sich’s rächt, wenn man seine Kinder nicht Gott dem HErrn empfiehlt, nicht für sie betet, das weiß der, welcher es erfahren hat – das weiß der Lehrer, der es mit Kindern zu thun hat, die nie von den Eltern gesegnet sind, für die kein Vater-, kein Mutterknie sich beugt. –

 Kinder so weit bringen, daß sie keine Mörder, Diebe, Huren werden, ist nichts Besonderes. Vor der Welt ungeraten sind im ganzen nur wenig Kinder – und diese wenigen werden freilich von der Welt und weltlichen Eltern sehr betrauert und beweint. Dagegen beweint die Welt die| gar nicht, welche Heuchler und falsche Maul- und Namenchristen werden wie sie; denn da müßte sie zuerst sich selbst beweinen. Die vielen hundert Kinder, die immer mehr ihre Taufgnade verlieren, immer mehr von Christo JEsu, dem frommen Hirten, abirren, immer mehr in Welt und Weltlust versinken, immer mehr Gottes Weisheit über der Weisheit der Welt, Gottes Gebot über Menschenwort vergessen, und nichts lernen von dem seligen Evangelium, – die beweint kein Auge, – die beklagt kein Herz, – nicht einmal ein Elternherz; denn die meisten Eltern haben eben kein Auge für den Jammer einer Seele ohne Christum, und kein Herz für das Elend eines Kindes, das keinen Heiland hat. – O daß alle Eltern erkenneten, daß sie JEsum nicht haben, – daß sie ihn suchten mit Schmerzen, wie Maria, bis sie ihn fänden, dann würde es in ihnen – und auch in ihren Kindern bald anders werden; denn man kann eben kein Kind christlich erziehen, wenn man’s nicht selbst zuvor ist.


IV.

 Dies sei genug für die Eltern geredet, – lasset uns JEsum selbst nach dem heutigen Evangelium als ein Vorbild für alle Kinder und Jünglinge betrachten.

 1. JEsus folgte dem Zuge Seines Vaters in den Tempel. Da, wo ER Seiner Gottheit nach so lange in vorigen Zeiten über der Lade geruht und Sein Volk gesegnet hat, – stand ER nun, Mensch geworden, und freute sich. Das war vor allen Häusern auf Erden das Haus, das Seinem Vater und also auch Ihm gehörte, – das war sozusagen Sein Vaterhaus – da ER daheim und gern war. Um in diesem Hause zu sein, vergaß ER die leibliche Mutter und den Pflegevater. – Macht’s auch so, Knaben, Mädchen, – Jünglinge, Jungfrauen, – habet auch ihr das, was eures Vaters im Himmel und eures Heilandes JEsu ist, lieber als was auf Erden ist. Ihr habt zwar auf Erden keine Häuser, die wie der Tempel in Jerusalem Gottes Haus wären, – aber kommet nur fleißig in unsere armen Kirchen,| sehnet euch nur weg von der Welt nach ewigen Freuden, – so wird euch in der Kirche, in Gottes Wort, das in ihr gepredigt wird, eine Freude aufgehen, die ihr bisher nicht gekannt habt; ihr werdet nirgends lieber sein, als in dem Hause, das eures Vaters im Himmel ist; – ihr werdet selber immer mehr Gottes Tempel und Gottes Häuser werden, – und werdet dereinst eingehen durch die Thore der ewigen Gerechtigkeit in den Himmel.
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 2. JEsus fragte die Lehrer im Tempel und unterhielt sich von göttlichen Dingen. Darüber vergaß ER alle Weisheit dieser Welt. – Seid ihr auch so, Jünglinge? Fragt auch ihr am liebsten nach dem, was eures Vaters ist? Sprecht ihr am liebsten von dem Vater eures HErrn JEsu Christi? Oder wovon sprecht ihr sonst am liebsten? Ist’s euch nicht etwa die größte Plage, einem geistlichen Gespräche beizuwohnen? Ist’s euch etwa, wie vielen, die größte Langeweile, wenn ihr ein geistliches Buch sollt vorlesen hören? Redet ihr lieber von weltlichen Dingen und Belustigungen, als von dem Wege zur ewigen Freude? O wer nicht am liebsten von JEsu und dem redet, was JEsum und das von ihm erkämpfte Heil angeht, – wer nicht in der heiligen Schrift und ihren lieblichen Erzählungen am liebsten spazieren geht, – wer so lange reden kann, als man von Irdischem redet, und verstummen muß, wenn das Gespräch auf Himmlisches kommt, – der ist elend dran und ist weder in Heiligkeit, noch in Seligkeit auf dem Wege des frommen Knaben JEsu. – O wie elend sind die Leute, die Christum nicht kennen! Wie elend sind viele von euch, – viele Männer und Weiber, viele Jünglinge und Mädchen, viele Knechte und Mägde, welche, wenn sie je einmal zusammenkommen, gleichsam wie aus einem Munde die Welt loben und Gottes vergessen, ja gegen Gottes Wort und Werk kämpfen und toben! O was wird unter dem jungen Volk gesprochen – mit welcher Traurigkeit denke ich daran! – Jünglinge und Jungfrauen, – seid ihr denn dazu in der Welt? Kennt ihr keine Freude weiter? Armes Volk! Thut euren Mund auch einmal zu Gottes Lobe auf – werfet eure Herzen in tiefer Demut vor Gott| nieder und steigt in Lob und Dank wieder auf zu Ihm! O wie viel wohler wird euch werden!
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 3. JEsus wurde von Seiner Mutter gefragt: „Mein Sohn, warum hast Du uns das gethan? Siehe, Dein Vater und ich haben Dich mit Schmerzen gesucht.“ Und ER sprach zu ihnen: „Was ist es, daß ihr mich gesucht habt? Wisset ihr nicht, daß ich sein muß in dem, das meines Vaters ist?“ – JEsus sagt: Ich muß sein in dem, das meines Vaters ist. Ich kann euch nicht mehr lieben, als meinen Vater im Himmel. – Denkt ihr auch so, meine lieben Brüder? – Denkt auch ihr: ich muß sein in dem, das meines Vaters ist? So denkt der rechte Mensch. Ich muß zu meinem Gott umkehren, – ich muß zu ihm kommen, – es hindere, was da wolle, – es rede dagegen, wer da wolle, – ich muß, ich muß zu Gott, denn sonst bin ich verloren. Und wenn Vater und Mutter mich hindern wollten, und wenn sie mich hasseten, – wer Vater oder Mutter mehr liebt, denn mich, der ist Mein nicht wert, spricht Christus; – ich muß, ich muß zu meinem Gott, zu meinem Vater, – denn mein Herz hat keine Ruhe, bis es ruhet in ihm. Ja, meine Brüder, wenn’s ein Ernst wird mit der Bekehrung, – dann fragt man nicht lange an, ob’s Menschen recht ist, – das Himmelreich leidet Gewalt, – man weinet und betet, wie Jakob, es heißt: Ich lasse Dich nicht, Du segnest mich denn, ich muß Dich haben, lieber JEsu! – Bei euch mögen nur wenige diese Sprache verstehen, wie auch Maria und Joseph die Antwort JEsu nicht verstanden haben. Die meisten unter euch schlafen viel zu tief, als daß sie ein solches Muß verstehen könnten, – die einen werden sagen: wer kann’s erzwingen? – die andern werden sagen: der will Gott Gewalt thun. Das ist aber beides Geschwätz, und wer im Kampfe steckt, fragt nichts danach. Der rechte Mensch, wenn er etwas geistlich Gutes will, sagt nicht: ich will es haben, sondern: ich muß, – denn Gott gebietet, danach zu streben, und er selbst sieht ein, daß er ohne es zu haben, nicht froh und ruhig werden kann, – es heißt also: ich muß Dich haben – ich muß bei Dir Ruhe finden! Und wer so denkt, der kommt auch| hin, dem schlägt Gott sein dringendes Muß nicht ab, – ER giebt ihm einen Glauben, der alle Hindernisse wegglaubt und besiegt, einen Mut, sich vor nichts zu fürchten, – er dringt durch – und wird ein Kind Gottes und selig. Diese Macht giebt JEsus denen, denen es ernst ist, – die Macht nämlich, Kinder Gottes zu werden.

 4. JEsus ging mit Seinen Eltern wieder hinab gen Nazareth und war ihnen unterthan. Obwohl ER ihnen überlegen war an Weisheit und wohl wußte, von wannen ER gekommen war, – und daß Maria und Joseph nur Menschen waren, ER aber Gottes Sohn, – demütigte ER sich dennoch unter das Gesetz und erfüllte das vierte Gebot bis in Sein dreißigstes Jahr. Denn um Gottes willen sollen alle Gebote erfüllet werden.

 So thun nicht alle Kinder gegen ihre Eltern, – obwohl sie bei weitem nicht mit JEsu in der Heiligkeit auch nur verglichen werden dürfen, thun sie doch, als seien ihre Eltern gegen sie nichts und leisten ihnen den schuldigen Gehorsam nicht. Ein Mensch, der sich rühmt, ein Christ zu sein, und das vierte Gebot nicht erfüllt, kann wohl ein Schwärmer sein, aber kein Christ. Denn ein Christ thut Gottes Gebote gern und aus Lust, ihn kann nichts hindern, sie zu thun, – und wie sollte er das vierte Gebot nicht erfüllen, – die Eltern nicht ehren, denen Gott Seine Majestät aufgedrückt hat, – die nicht lieben, die uns geliebet haben, ehe wir sie lieben konnten, und uns lieben werden bis zu ihrem letzten Hauch? Wo ist außer ihnen jemand, von dem dies gesagt werden könnte? – Keiner hat uns geliebt, ehe wir ihn lieben konnten, und keiner wird uns so gewiß bis ans Ende lieben, wie sie! Wir sollen ihnen gehorchen in allen Dingen, die nicht wider Gottes Wort sind, wir sollen sie ehren aufs allerhöchste und ohne ihren Rat und Willen nichts vornehmen, was für unser Leben von Wichtigkeit ist. Wer seinen Vater verachtet und seiner Mutter gespottet hat, der hat Sünde genug gethan; er brauchte gar keine weitere Sünde zu haben, er wäre durch diese einzige schon reif zur Hölle. Ein Auge, das den Vater verspottet und der Mutter verachtet zu gehorchen,| das sollen die Raben am Bache aushacken und die jungen Adler fressen. Wehe dem Sohne, über welchen ein Vater klagt, oder eine Mutter weint, – derselbe ist schuldig am Leben des Vaters und der Mutter, ist vor Gott ein Vater- und Muttermörder. Hat JEsus, der Sohn Gottes, nicht verachtet, dem irdischen Pflegevater und der irdischen Mutter zu gehorchen, – was kannst du armer, der Erziehung und Zucht so bedürftiger Mensch für Grund haben, nicht zu gehorchen? – Wehe uns, lieben Brüder und Schwestern, die wir diese Schuld auf uns haben, – wehe uns, wenn kein JEsus wäre, der auch diese Sünden versöhnt, auch diese Schuld von uns genommen hätte. O lasset uns, die wir jung sind, miteinander zu unsern Eltern gehen, solange sie leben, und abbitten. – Denn es ist schlimm, wenn man den Vater oder die Mutter muß ins Grab senken sehen und kann nichts mehr besser machen! O lasset uns die Vergebung unserer Eltern suchen – und dann lasset uns zu Christo gehen, dem frommen Sohn, der gehorsam war im dreizehnten Jahre und noch im vierunddreißigsten, da ER am Kreuze hing, für Seine Mutter sorgte, – lasset uns zu Ihm gehen, der uns Vergebung aller, auch der Sünden erworben hat, die wir gegen das vierte Gebot begangen haben, – der Macht empfangen hat, alle unsere Schande zuzudecken. Lasset uns zu Ihm sprechen: Wir haben gesündigt gegen Dein Gebot und heiliges Beispiel, wir sind Sünder, aber Du hast uns Vergebung erworben, vergieb uns auch, was wir an unsern Eltern gethan haben, und gieb uns, o Du Mächtiger und Gnädiger, Deinen guten, gewissen Geist, daß wir unsere Eltern, unsere lieben Eltern, um Deinetwillen herzlich ehren und lieben! Amen.

 O wenn das geschieht, dann werden alle Kinder JEsu nach das Lob tragen, daß sie zunehmen an Alter und Gnade, ja auch an Weisheit, – vor Gott und den Menschen. Denn seine Sünde erkennen, das ist der Anfang der Weisheit, und Gipfel aller Weisheit ist es, sich an der Vergebung der Sünden und dem Geiste begnügen lassen, der in allen Frieden, in alle Wahrheit leitet. Amen.




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