Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres/Am heiligen Weihnachtsfeste 1831

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« Am 3. Advent 1834 Wilhelm Löhe
Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres
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Am heiligen Weihnachtsfeste 1834 »
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Am Heiligen Weihnachtsfeste.
(Kirchenlamitz 1831.)


Luk. 2, 1–14. Es begab sich aber zu der Zeit, daß ein Gebot vom Kaiser Augustus ausging, daß alle Welt geschätzet würde. Und diese Schatzung war die allererste und geschah zu der Zeit, da Cyrenius Landpfleger in Syrien war. Und jedermann ging, daß er sich schätzen ließe, ein jeglicher in seine Stadt. Da machte sich auch auf Joseph aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land, zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, darum, daß er von dem Hause und Geschlechte Davids war, auf daß er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe, die war schwanger. Und als sie daselbst waren, kam die Zeit, daß sie gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn, und wickelte ihn in Windeln, und legte ihn in eine Krippe, denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge. Und es waren Hirten in derselbigen Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihrer Herde. Und siehe, des HErrn Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des HErrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht, siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der HErr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend. Und alsobald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobeten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.

 Als die Zeit erfüllet war, sandte Gott Seinen Sohn, geboren von einem Weibe. Heute ist die Zeit erfüllet, heute sandte Gott Seinen Sohn, heute gebar ihn Maria, die reine Jungfrau.

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Heute geht aus Seiner Kammer
 Gottes Held,
 Der die Welt
Reißt aus allem Jammer.

 Wenn ein Sünder Buße thut, ist Freude vor Gott und Seinen Engeln, – wie viel mehr mußte Freude sein, als der geboren ward, der alle Sünder zur Buße rufen und selig machen sollte von ihren Sünden! Ja, der Himmel freute sich und betete an – die himmlischen Heerscharen sangen heilige Lieder über Bethlehem. ER aber, der Held, über dessen Geburt sich alle Engel freuten, – ER betrat heute die rauhe, schwere Bahn, die ER zu unserm Heile wandern sollte: ER demütigte sich und nahm Knechtsgestalt an. Wie die Kinder Fleisch und Blut haben, also ist ER’s gleichermaßen teilhaftig worden. Unmündig – weinend – wie andre Kinder lag ER in der Krippe, der mit Seinem kräftigen Wort die Welt ins Dasein gerufen hat und durch eben dasselbe alle geschaffenen Dinge trägt und hält, – ER, der in ewigen Freuden bei dem Vater war, ehe der Welt Grund gelegt ist. Niemand sah es ihm an, dem weinenden Kindlein, daß es Gottes eingeborner Sohn war, – nichts verriet die inwendige ewige Majestät dieses Knäbleins. Wie die Sonne in diesen Tagen schon wieder im Steigen ist, ohne daß man es noch viel merkt, – wie sie erst nach und nach merkbar wiederkehrt, – erst nach und nach die Nächte ab- und die Tage zunehmen: so ist die Sonne der Gerechtigkeit an Weihnachten auch. Die längste Nacht ist vorüber, – geboren ist ER, der den Tag bringt – aber ER muß wachsen und zunehmen, – erst nach und nach muß sich Sein großes Werk entwickeln – bis zur Vollendung, – bis dieser Säugling am Kreuze als ein Mann hängt – und mit sterbendem Munde selbst verkündet: „Es ist vollbracht!“ – Maria, Joseph und die Hirten wußten nicht, zu welchen Leiden dieser geboren war, zu welcher Herrlichkeit ER durch Leiden eingehen sollte; aber wir wissen es, – wir stehen staunend vor Seiner Krippe, wir beugen unsre Kniee vor diesem Kinde, wir falten unsre Hände und sprechen: Das Wort ward Fleisch – der eingeborne| Sohn, der von Ewigkeit und Gott ist, ist Mensch geworden: – Du bist’s, Kindlein, – Du bist Gott und Mensch. Du bist unser Erlöser, dieser Dein Leib ist das Sühnopfer für unsre Sünden, das der Vater bereitet hat. Du bist Gottes Lamm, das der Welt und auch unsre Sünde trägt, – Du bist mein Gott und mein HErr! Halleluja! –




 Ja, betet, lobet, danket – lasset hören die Stimme des Jauchzens, – Orgel und Posaunen müssen schallen, denn uns ist ein Heiland geboren, der uns selig macht von unsern Sünden! Gottes Sohn hat den Himmel zerrissen – hernieder gekommen ist ER – ER ist erschienen! Halleluja!

 Wir wollen aus unserm Festwort die verschiedenen Personen herausheben und an das, was von jeder erzählt wird, unsre Betrachtung anschließen.

 1. Die erste Person ist der Kaiser Augustus in Rom. Von ihm heißt es, er habe ein Gebot ausgehen lassen, daß alle Welt und also auch die ihm unterworfenen Juden geschätzet würden. Weiter steht von ihm samt seinem Landpfleger Cyrenius nichts im Texte. – Es war eine göttliche Fügung, daß der Kaiser dies Gebot ergehen ließ; der Kaiser war, ohne es zu wissen, ein Werkzeug in Gottes Hand, zwei der vornehmsten Weissagungen in Erfüllung zu bringen. Die erste Weissagung ist die, welche sich im Segen Jakobs (1. Mos. 49) findet, daß das jüdische Volk so lange von eigenen Königen regiert werden sollte, bis der Messias käme; – als nun der Messias kam, hatten die Juden keine eigenen Könige mehr, sondern ihr König war ein Unterthan des Kaisers in Rom, der sogar befehlen konnte, daß das Land geschätzet würde. So war die Weissagung erfüllt! – Die zweite Weissagung ist jene des Propheten Micha, nach welcher Bethlehem der Geburtsort des Messias sein sollte. Hätte der Kaiser die Schatzung der Juden nicht befohlen, so wären die Juden auch nicht in ihre Stammorte, also auch Maria und Joseph nicht nach Bethlehem gegangen, und Christus würde nicht in Bethlehem geboren, die Weissagung würde nicht erfüllt worden sein. So aber ist sie erfüllt! –

|  Große Herren thun, was sie wollen, aber sie haben doch einen Herrn über sich, der ihnen oft unbekannt ist, – der alle ihre Herzen lenket wie Wasserbäche, daß sie ihm zur Verherrlichung Seines Namens, zur Aufrichtung Seines Reiches dienen müssen. Der Kaiser Augustus wird wohl Gründe gehabt haben, warum er die Schatzung anbefahl, – aber den höchsten Grund, warum Gott die Schatzung haben wollte, – daß nämlich die Weissagung erfüllt und der Heiland in der Stadt seines Stammvaters David geboren würde, den wußte er nicht. – Der Kaiser Augustus war ein Heide, aber Gott ist HErr über die Heiden – gutwillig oder widerstrebend müssen auch sie Gottes Willen thun.

 Weiter als das oben Erzählte steht nichts vom Kaiser Augustus in unserm Text. Er muß dem Heiland in die Stadt, den Stall, die Krippe helfen, wo ER geboren werden sollte; aber er selbst hat keinen Teil an Ihm, – zu ihm kommt kein Engel und verkündet ihm große Freude, weiset ihn auf den Heiland, der auch für ihn geboren sei, – er hört keinen Lobgesang der Heerscharen, – ihm sagt kein Hirte von dem Neugeborenen. Er ist eben ein großer Herr dieser Welt, – er schläft in seinem Palast zu Rom, oder wacht er, und sein Gewissen peinigt ihn für seine Sünden, für welche er keinen Heiland weiß? Es heißt hier: „Die Hungrigen füllet der HErr mit Gütern, aber die Reichen lässet ER leer“ – es geht an ihm in Erfüllung das Wort St. Pauli 1. Kor. 1, 26: „Nicht viel Gewaltige, nicht viel Edle sind berufen.“

 Viel glücklicher seid ihr, meine Teuren, – unter euch giebt es keine Gewaltigen und Edlen nach dem Fleisch, aber ihr seid versammelt an Weihnachten, ihr wisset, was an Weihnachten geschehen ist, ihr singet, betet und höret die Predigt, welche wenig Gewaltige und Edle mögen. Denn es ist leider wahr, daß der Mensch oft, je vornehmer, edler, gewaltiger er ist, desto weniger von dem demütigen JEsus und Seiner Knechtsgestalt in der Krippe und am Kreuze wissen will. – Die armen Reichen und Großen, welche den ewigen Reichtum und die himmlische Größe von sich stoßen!

|  2. Wir gehen weiter und denken an die Leute zu Bethlehem. Aber weder Augustus, d. i. die große Welt, noch Bethlehem, d. i. die lustige Welt, haben teil an der Geburt des HErrn und ihrem reichen Segen. In Bethlehem war alles voll Gäste, die in ihr zur Schatzung zusammengekommen waren, – in dem öffentlichen Gasthause, dergleichen es in etwas anderer Gestalt, als bei uns, auch im Morgenlande giebt, war ein Getümmel und Getöse – und die Mutter JEsu mußte in einen Stall gehen, um nur die Verheißung erfüllen und Gottes Sohn in Bethlehem gebären zu können. In dem Stalle war es auch schöner und stiller, als in der Herberge – und Christus ist, wie bei seiner Geburt, so immer, lieber gewesen, wo es still und ruhig herging, als wo es so viel Geräusch giebt. Auf Jahrmärkten, Messen, – in vollen Wirtshäusern, bei Tänzen und den übrigen ehebrecherischen Versammlungen der Welt hat Christus nie Sein Haupt niederlegen, ja Seinen Fuß nicht hinsetzen mögen; wohl aber ist ER oft in Hütten, in Ställen, in Höhlen, in Löchern der Erde, in einsamen Gebirgen eingekehrt, wohin die lustige Welt seine ernsthaften Bekenner aus Haß gegen allen göttlichen Ernst vertrieben hat. –

 In den Stall also trat Maria ein – d. h. nicht in einen Stall, wo gerade das Vieh war, sondern der Stall war leer, weil das Vieh mit den Hirten den ganzen Sommer über Tag und Nacht unter Gottes freiem Himmel ist. In den Stall trat Maria ein – und da gebar sie ihren Sohn. Bethlehem schrie und that, was es wollte, Bethlehem wußte nichts von der hohen Ehre, die ihm widerfuhr, – in ihre Mitte trat Gottes Held aus Seiner Kammer, und sie kannten Ihn nicht, sie suchten Ihn nicht, sie sangen Ihm kein Lied, – ja, sie gaben Ihm keinen Blick. In stiller Verborgenheit trat ER in die Welt ein – und mochte es der lustigen Welt nicht sagen, daß ER da sei, daß ER auch zu ihrem Heil gekommen sei!

 Brüder, Schwestern, merkt es! wer JEsum in sein Herz haben will, der muß ihn nicht bei der lustigen Welt suchen, ER wohnt in der Stille und bei den Stillen im Lande. Ich| sage nicht: ER wohnt bei den Sonderlingen, bei den Kopfhängern, bei denen, welche die Winkel suchen, denn der Bösewicht hängt auch den Kopf, und Huren und Buben kommen auch in Winkeln zusammen – Kopfhängen, obwohl auch ein Frommer manchmal in der Traurigkeit der Buße den Kopf hängen läßt, – Kopfhängen ist immer ein Zeichen, daß man den Heiland nicht hat. Wo der ist, hebt man fröhlich das Haupt in die Höhe! – Aber das sage ich: im Tumult, bei denen, die ihre Nase hoch tragen, die eine freche Hurenstirn haben und so unverschämt ihren Kopf aufheben und herumwerfen, – bei den lustigen Weltkindern wohnt er nicht! Und weil es so viele lustige Weltkinder in eurer Gemeinde giebt, – so wohnt er bei vielen nicht. Viele von euch werden ohne Christum, ohne wahrhaftige Weihnachtswonne – Weihnachten halten – und die sind zu bedauern!

 3. Die dritten Personen sind Maria und Joseph. Sie gehen ruhig und in seliger Erwartung dessen, was mit dem Heiligen werden würde, das von Maria sollte geboren werden, – zwei Tagereisen nach Bethlehem. Maria achtet die Beschwerden der Schwangerschaft nicht, sondern geht, wohin es die Obrigkeit gebietet. Sie ist in irdischen Dingen der irdischen Obrigkeit gehorsam – und hat davon auch einen Segen. Denn der Obrigkeit im Irdischen folgen kann für demütige Leute geistlichen Segen bringen: Sie geht nach Bethlehem auf Befehl der Obrigkeit – und in Bethlehem darf sie ihren Heiland gebären und an dem Eingebornen Gottes Mutterpflicht erfüllen.

 Sie gebar ihn, sie wickelte ihn in Windeln, sie legte ihn in die Krippe. Kein Engel kommt zu ihr, keiner von denen, die draußen auf dem Felde singen; sie hat genug am Besuche jenes Engels, welcher ihr die Geburt ihres Erstgeborenen verkündigen sollte. Wo ER, der HErr, auf Erden erschien, umgiebt Ihn Niedrigkeit und Armut. – So ist Seine Mutter bei der Geburt einsam – sie unterbricht die heilige Stille nicht, – sie ist voll geheimer Seligkeit, welche kein Mensch sagen kann, welche sie selbst uns in jener Welt preisen wird! –

 Die vierten Personen nehmen wir gleich dazu. Es sind| die Hirten. Sie weiden ihre Herden auf der Flur, wo einst in seiner Jugend auch David die Schafe seines Vaters gehütet hatte. Wer weiß, wie viele Jahre sie schon die Nächte hindurch Schafe gehütet hatten – und hatten kein andres Licht, als das Mondenlicht, keine andern himmlischen Heerscharen, als die Sterne, gesehen – die im gewohnten Gang und Lauf alle Nächte und Monden wiederkehren. Auch heute ist’s wie sonst, – aber was man nicht glauben kann, wenn man in die Nacht hinein an den alten Himmel hinan sieht – das geschah: die Klarheit des HErrn brach in diese Erdenwelt vom höchsten Himmel herunter und umleuchtete die Hirten, – und des HErrn Engel predigte freundlich die große Freude, daß Christus geboren, daß die Hoffnung der Väter, der Weibessame, Abrahams und Davids Sohn, geboren ist. Da fürchteten sich die Hirten – denn der sündhafte Mensch kennt die freundlichen Diener, welche zu seiner Seligkeit ausgesandt sind, nimmer, er vermutet Feindschaft. –
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 Wer sind Maria und Joseph und die Hirten? Maria, eine arme Jungfrau, Joseph, ein armer Zimmermann, die Hirten, arme Hirten. Arme Leute sind sie. Dennoch kehret der HErr und Seine Herrlichkeit und Seine Engel bei ihnen ein. Den Armen wird das Evangelium gepredigt, so heißt es auch schon bei der Geburt des HErrn. „Was thöricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählet, daß ER die Weisen zu Schanden mache, – und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählet, daß ER zu Schanden mache, was stark ist, – und das Unedle vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählet, und das da nichts ist, daß ER zu Schanden mache, was etwas ist, auf daß sich vor Ihm kein Fleisch rühme“ (1. Kor. 1, 29). O, solche Lehren schmecken den Reichen, Weisen, Edlen, Vornehmen so bitter; sie sind gewohnt, überall den Vorzug zu haben, und in dem größten Vorzug der Welt, dem Evangelium, haben sie keinen Vorzug, – ja, sie haben oft nur Nachteil. Die arme Jungfrau Maria, nicht des Kaisers Augustus Frau, ist die Mutter des Hochgelobten, – den armen, rohen Hirten von Bethlehem, nicht dem König Herodes oder dem Landpfleger Cyrenius erscheinen Engel und| predigen ihnen. Aber warum das? Ist’s genug, arm zu sein, um einen gnädigen Gott zu haben? Soll die Hure einen Vorzug vor einer ehrbaren Jungfrau haben, bloß weil sie arm ist, diese aber reich? Soll der Trunkenbold vor dem nüchternen Reichen bloß darum ausgezeichnet werden, weil er arm ist, weil er sich arm gesoffen hat? Soll liederliches Bettelvolk, das seine Tage in Faulenzerei, seine Nächte in Unzucht oder Dieberei oder Schmuggelei zubringt – soll dieses vor den Reichen und Vornehmen gepriesen werden, weil es nur arm ist? O nein – solche Arme waren weder Maria und Joseph, noch die Hirten. Soll ein Armer selig gepriesen werden, so muß ein Doppeltes von ihm gesagt werden können. Er muß nicht arm sein durch Liederlichkeit oder Faulenzerei, sondern weil ihn Gott in einem armen Stande hat werden geboren lassen, wie Maria, und muß seiner Armut nicht durch Betteln, sondern durch Arbeit abzuhelfen suchen; denn Joseph arbeitete als Zimmermann, und die Hirten hüteten ihre Herden Tag und Nacht. Dann ist seine Armut wohlgefällig; er ißt sein Brot im Schweiße seines Angesichts – und hindert durch sein armes Beispiel, daß die Welt den Fluch nicht vergesse, der auf Adam nach dem Fall gelegt ist. Er muß aber bei seiner leiblichen Armut auch noch etwas haben. Manche sind zwar nicht bei eigener Verschuldung arm worden; aber sie sind eben das, was die Reichen etc. der Gnade Gottes verlustig macht, sie sind stolz, sie wollen gesündigt haben, rein sein vor Gott, keine Strafe verdienen, sind Weltkinder, vergessen Gott und Christum etc. Wer die Laster der Reichen und Vornehmen hat, er sei arm oder reich, der ist der Gnade Gottes verlustig. Der rechte Arme muß demütig sein, wie Maria und Joseph, und wie die Hirten. Siehe, sagte Maria, siehe, ich bin des HErrn Magd, mir geschehe, wie du gesagt hast, – sie wird Mutter des HErrn der Herrlichkeit und bleibt die Demütigste unter allen Weibern, – sie hat keinen Mutterstolz, sie ahnet zuvor, daß dieser ihr neugeborner König nicht von dieser Welt ist und deshalb keine irdische Herrlichkeit habe, – sie wickelt ihn in Windeln, sie legt ihn auf mildes Heu in der Krippe –| und schweigt und begehrt nichts von der Welt. Joseph schweigt auch – er dienet seiner Frau zur Erleichterung, hilft das Kindlein pflegen – und sein Name ist der eines Stillen im Lande. Die Schrift sagt wenig von ihm – aber der Tag der Auferstehung wird eine schöne Krone für ihn haben. Die Hirten sind auch demütig, denn sie haben keine Einwendung des stolzen Unglaubens gegen der Engel Botschaft – sie hören und glauben. Der Stolz hingegen ist seiner Natur nach ein Ungläubiger.
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 Werdet arm am Geist – achtet euch nicht reich an Geist, seid nicht reich in euren Gedanken an Weisheit und Gerechtigkeit und Tugend, sprechet nicht wie die Laodicener: „Ich bin reich und habe gar satt und bedarf nichts,“ damit ihr nicht die Stimme des HErrn hören müsset: „Du bist elend und jämmerlich, arm, blind und bloß.“ Werdet demütig, d. i. werdet arm an Geist, – dann wird auch euch die Gnadenbotschaft von dem Heiland, der uns von Sünden erlöset, gepredigt werden, – und Christus wird bei euch wohnen! Werdet demütig, ihr Reichen! Seht jeden Armen für ein Glied Christi an und dienet den Armen, den Kranken, den Elenden mit Liebe, mit Rat und That – pfleget sie, wie Maria das Kindlein JEsus, so werdet ihr einst die Stimme JEsu hören: „Ich bin arm gewesen etc.“ Werdet alle demütig, erkennet, daß ihr um eurer vielen Tausend Sünden wohl eitel Strafe verdienet, – unterwerfet euch dem Urteil der Schrift, das alle Menschen zu Sündern macht, aber auch alle einladet, Gottes Kinder zu werden. Werdet demütig, ihr Reichen, – denn den Demütigen ist Gott gnädig, aber den Hoffärtigen widersteht ER, – ER wohnet ja in der Höhe und im Heiligtum – aber auch bei denen, so zerschlagenen und demütigen Geistes sind, auf daß Er erquicke den Geist der Gedemütigten und das Herz der Zerschlagenen (Jes. 57, 15. 16). ER sieht an den Elenden und der zerbrochenen Geistes ist (66, 2), – ER ist nahe bei den zerbrochenen Herzen und hilft denen, die zerschlagenes Gemüt haben (Ps. 34, 19). Die Hungrigen füllet ER mit Gütern, aber die Reichen läßt ER leer (Luk. 1, 53). – Ja, werdet| demütig wie Maria, so wird ER zu euch kommen, – wie die Hirten, so werdet ihr – gleichviel von wem, von Engeln oder Menschen – die Freudenbotschaft hören, – wie Christus selbst, denn ER ist doch der Allerdemütigste, weil ER sich vom Himmel bis in den Stall und in die Krippe, ja bis ans Kreuz und Grab gedemütigt hat.

 4. Die fünften und letzten Personen sind die Engel. Seit dem Tage, da sie selig aus Gottes Schöpferhand hervorgingen, haben sie keinen solchen frohen Tag gehabt; – seit die Morgensterne den HErrn lobeten, und jauchzeten alle Kinder Gottes. Die seligen Engel sind Wesen, die alles lieben, was Gott liebt; – weil nun heute Gott die Welt also liebet, daß ER ihr seinen Eingeborenen giebt, so sind sie auch voll Lieb’ und Freundlichkeit – und sind heute besonders gern allzumal Diener, ausgesandt zum Dienste derer, welche die Seligkeit ererben sollen. Sie steigen herab von ihrem hohen Himmel, sie sammeln sich über der Flur, wo David ehedem und jetzt die armen Hirten der Schafe hüteten, – einer von ihnen predigt in dieser Nacht auf Erden, – und die andern unzähligen alle loben Gott mit lautem Gesang aus den Lüften, wie vom Chor. O lasset uns ihnen antworten, als die Gemeinde, lasset uns Halleluja dazu singen!

 Aber was predigt der Engel? „Fürchtet euch nicht, ich verkündige euch große Freude!“ Ich bringe euch keine Botschaft des Zornes – die Zeit des Zornes ist vorüber – die Liebe Gottes ist heute vom Himmel in Strömen herabgegossen – ich bringe euch große Freude, – eine Freude, die heute euch widerfahren wird, – die aber von heute an die Welt durchlaufen und viele Herzen erfreuen muß, und wenn diese Freude und Freudenbotschaft die ganze Welt durchzogen hat, wenn allen Völkern diese Freude widerfahren ist, alle Welt diese Freudenbotschaft gehört hat, dann hat die Welt lange genug gestanden, dann wird sie vergehen, denn dann ist’s genug – Freude genug für die Menschen und Sünde genug für Gottes Geduld! Euch ist heute der Heiland geboren, Christus, der HErr ist geboren, in der Stadt Davids ist ER geboren – gehet nur hinein – in den Stall, wenn ihr in eurer Krippe| ein holdselig Kindlein in den Windeln liegen findet, so wisset, das ist der Neugeborene, – das ist der Heiland! Ihr seid arme Sünder, das wisset ihr wohl, – und eure Schafe und Fluren, wenn sie reden könnten, so würden sie’s bezeugen und rufen: Amen! arme Sünder sind sie, denn noch seufzen wir – und wenn die Hirten die Herrlichkeit der Kinder Gottes geerbt haben, werden die Schafe fröhlich gehen und die Fluren vor Freuden tausendfältig blühen! So würden Schafe und Fluren zeugen, daß ihr Sünder seid, – ihr wisset es aber selber schon, – ihr weinet selber drüber und seid demütig! Weinet nicht mehr! ER ist gekommen, der starke Held, der die Sünde, die Welt, samt Tod und Teufel überwindet, in der Krippe liegt ER! ER ist’s, – siehe, dieser zarte Leib ist das heilige Opferlämmlein ohne Fehl, abgesondert von den Sündern, das wird wachsen und groß werden und um eurer Missethat willen verwundet, um eurer Sünde willen zerschlagen werden! Auf Ihn werden eure Strafen und Schulden – ja alle eure Lasten gelegt werden, – und dies Lamm wird sie mit Leidensstärke tragen, drüber unterliegend sterben und drüber siegend auferstehen! Freuet euch, freuet euch – das bring ich euch – die Freudenbotschaft eurer Erlösung, eurer Freiheit – freuet euch, und abermals sage ich: freuet euch!
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 Das ist der Sinn der engelischen Predigt, und dann fingen die Heerscharen Gottes an zu singen, keine Kriegsgesänge, sondern Gesänge des Neuen Bundes, der Gerechtigkeit, des Friedens und der Freude im heiligen Geist. „Ehre sei Gott in der Höhe!“ sangen sie; von den Lüften dieser niedern Erde bis zu der höchsten Höhe, wohin kein Engel sich erheben kann, wo Gott alleine thronet in Seinem unzugänglichen Licht – steige sanftes, innigstes, mächtiges, lautes Lob – zu Ehren dessen, dessen Güte keine Grenzen hat, dessen Liebe ein ewiges Wunder ist und bleibt; denn durch Sein Wort hat ER die Welt geschaffen, aber um sie zu erlösen, die arme, gefallene Welt, lässet ER Seinen Sohn Mensch werden, muß das Wort, das Gott ist, Fleisch werden. Die Welt aus Nichts schaffen – ist unbegreiflich – aber daß Gott ein Mensch wird, das ist ein überwunderbarer Beweis Seiner allmächtigen| Güte, – dafür sei Ihm ewiger, unaufhörlicher Dank; – dafür sollen alle laut sagen und singen: „Ehre sei Gott in der Höhe!“

 „Friede auf Erden!“ Ach, was für ein Unfriede war bisher auf Erden: nicht nur Krieg und Kriegsgeschrei, nicht nur Gottes Strafen im Leiblichen, Krankheit und Tod nahmen den Frieden hinweg aus dem äußeren Leben, sondern auch inwendig im Herzen war kein Friede, – die Menschen hatten keinen. Christum – und Christus allein bringt Frieden. Friedefürst – das ist Sein Name schon im Buch der Weissagung. Christus nimmt den Fluch weg, den wir wohl verdient hatten, – die Strafen, die uns Gottes Zorn drohet, – Sein Leben giebt ER, daß Gott mit uns versöhnet würde und Frieden mit uns machte, – das böse Gewissen reinigt ER durch den Glauben an Sein Blut, – Seinen Geist giebt ER in unser Herz, – den Geist des Friedens und der Freude! Der Himmel singt die Erde an: „Friede auf Erden!“ Und es ist wahr: Unser Friede liegt in der Krippe – JEsus Christus ist unser Friede!

 „An den Menschen ein Wohlgefallen!“ singen zuletzt die Engel – und ja! es ist wahr! Gott hat wieder Wohlgefallen an den Menschen, weil Sein Sohn selbst ein Mensch geworden ist. ER ist einer von unserm Geschlecht geworden – darum sieht der Vater das ganze Geschlecht an mit Wohlgefallen im Sohn des Wohlgefallens. O wäre uns JEsus nicht geboren, – dann hätte Gott kein Wohlgefallen an uns, sondern ER müßte Sein Angesicht von uns ungnädig wegwenden.

 JEsus ist der Grund alles Wohlgefallens Gottes an uns. JEsus hat alle Tugend und Gerechtigkeit, die Gott fordert, – und alle unsre Untugend und Sünde trägt ER und versöhnt sie. Sollte der Gott nicht gefallen, der nicht allein selbst gerecht ist, sondern auch fremde Sünden tilgt? – O meine Teuren! JEsus Christus sei euer Wohlgefallen, ER sei eure Freude, dann gefallet ihr Gott wohl. Wer immer in Christo lebt mit Wohlgefallen, wie der Vater in Christo ist mit Wohlgefallen, – der gefällt Gott. Wer gläubig an dem hängt,| der heute in der Krippe liegt, dem ist die Sünde vergeben – und Gott nimmt ihn um Christi willen gnädig an!

 O daß ihr aus vollem Herzen in den Lobgesang der Engel einstimmen könntet! O daß euch JEsus wohlgefiele, daß ER eure Freude wäre, dann gefielet ihr auch Gott, und ihr könntet selig singen: „An den Menschen ein Wohlgefallen!“ – O daß ihr eure Sünde erkennetet und glaubtet an den von ganzem Herzen, der darum ein Mensch geworden ist, daß ER in göttlicher Kraft und menschlicher Demut unsre Sünden versöhnete, – die Feindschaft zwischen uns und Gott hinwegthäte – und in allen mühselig Beladenen Seinen stillen Frieden erweckete, der höher ist, als aller Menschen Vernunft. O, der Friede der Versöhnung, – der macht ein Herz so selig – und so stark, alles zu dulden und zu tragen um Christi willen! Wohl dem Menschen, der von sich und den Seinen singen kann: „Friede auf Erden!“ – In dem wird eine Freude, eine Lust an Gott und Seinem Sohn und Geist und an dem Reiche Gottes aufgehen, die sein ganzes Leben erleuchten und verschönen wird, – der wird den Engeln gleich werden an Lust, den HErrn zu loben, – der wird lernen danken, preisen, loben, lieben – und singen: Ehre, Ehre Gott in der Höhe! Und bis in die höchste Höhe, wo Gott ist, wird so ein Gebet aufsteigen. Gott wird Wohlgefallen daran haben, und wird Segen und Geist herniedertauen lassen, – daß Seine Kinder immer mehr Seines Friedens und Seiner Freude, Seines Wohlgefallens schmecken! Die Ehre Gottes wird den Menschen Friede, Freude und Wohlgefallen sein, und der Friede und das Wohlgefallen des Menschen an Gott wird Seine Ehre sein! Ehre, Ehre sei Gott in der Höhe, Friede auf Erden und an den Menschen ein Wohlgefallen! Halleluja! Amen.




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