Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres/Am heiligen Weihnachtsfeste 1834

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« Am heiligen Weihnachtsfeste 1831 Wilhelm Löhe
Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres
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Am Sonntag nach Weihnachten 1834 »
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Am heiligen Weihnachtsfeste.
(Nürnberg 1834.)


1. Joh. 4, 16. Gott ist die Liebe!

 Das Kind, welches heute in der Krippe zu Bethlehem gefunden wird, hat auf Erden keinen Vater – der allerhöchste Gott im Himmel ist Sein Schöpfer und Vater. Wo ist ein Vater, wie der Vater dieses Sohnes, – und wo ein Sohn, wie dies Söhnlein in der Krippe? Welch eine Liebe zwischen beiden! – Wahrlich, am Weihnachtsfeste erscheint der Stand der Väter und der Kinder geheiligt, und das Weihnachtsfest ist ein Fest der Väter und Kinder! – Hier können an der Liebe des himmlischen Vaters und des Kindes von Bethlehem alle Väter und Kinder einander lieben lernen. Wir wollen daher heute zu Nutz und Frommen aller anwesenden Väter und Kinder von der himmlischen Vaterliebe und Kindesliebe reden. – Gott stehe uns bei nach Seiner namenlosen Liebe! Amen.




Gott ist die Liebe!
I.
 Im Himmel ist von Ewigkeit her eine heilige Familie – Vater, Sohn und Geist – drei Personen, eins im Wesen und eins in ewiger Liebe. Wenn wir sprechen: Gott ist die Liebe, so können wir an diese Liebe denken, welche die drei Personen der allerheiligsten Dreieinigkeit unter einander haben. Zunächst aber erinnern wir uns an des Vaters und des Sohnes gegenseitige Liebe – die Rede von der Liebe des heiligen Geistes aufsparend auf die Jahreszeit, wo die| Frühlingswinde wehen und das Fest des heiligen Geistes herankommen wird.

 1. a) Die gegenseitige Liebe des Vaters und des Sohnes ist eine verborgene. Ehe die Welt war, liebten Vater und Sohn. Niemand hat diese Liebe je gesehen, auch da die Welt erschaffen war. Kein Mensch kann sich diese Liebe auch nur denken, sie ist uns zu wunderlich und zu hoch. Sie ist uns verborgen – denn sie ist in einem Lichte, dahin niemand kommen kann.

 b) Diese verborgene Liebe des Vaters ist ein wenig abgeschattet, wenn die Schrift JEsum Christum den eingeborenen Sohn Gottes nennt. Er hat nur einen, wie diesen: dieser ist aus Seinem eigenen Wesen von aller Ewigkeit geboren – alle andern Söhne, die es im Himmel und auf Erden giebt, sind nur Bilder des Eingeborenen, zur Verherrlichung Seines süßen Vaternamens und zur Verherrlichung des Eingeborenen selbst geschaffen. Wer etwa unter euch ein einziges frommes Kind hat, der denke an seine Liebe zu diesem Kinde; mit welcher Freude nennt er den Namen des Kindes – und wenn er dies Kind glücklich sieht, – oder umgekehrt, wenn er’s muß sterben sehen, wie faßt er alle Freude, wie allen Schmerz in den Ausruf zusammen: „Es ist mein Einziger!“ O die ihr wisset, was das ist, – denkt, daß eure Liebe nur ein Funke von jener Liebe ist, welche der Vater zu dem Sohn hat. Ihr könnet an euren Kindern irre werden, – was sind eure Kinder gegen den Sohn Gottes – und eure Liebe, wie oft ist sie unrein! Aber jener Vater ist die Liebe – jener Sohn ist die Liebe – wie muß Liebe und Liebe sich lieben – was muß das sein, wenn Gott spricht: „Dies ist mein Einziger, mein Eingeborner!“

 c) Die verborgene Liebe des Sohnes zum Vater liegt ebenfalls in dem Namen „eingeboren“. Der große Gott hat Einen Sohn von Ewigkeit in unaussprechlicher Liebe umfangen: sollte der Eingeborene den Einen nicht lieben, der Ihn geboren hat? Wen sollte ER denn lieben? Es war ja von Ewigkeit und vor der Welt Schöpfung nur Einer außer Ihm selbst, der Vater: – nach der Welt Schöpfung liebt Ihn niemand, als der Vater| und wie der Vater, nichts ist Seiner Liebe wert. Wie könnte ER anders, als den Vater, in dessen Schoß ER liegt, lieben: ER ist ja des Vaters Abglanz und Ebenbild – ER gleicht Ihm von Ewigkeit in allen Stücken, sollte ER Ihm in der Liebe nicht gleichen? Der Abglanz von des Vaters Herrlichkeit, das Ebenbild Seines Wesens, Sein Eingeborener ist Gott – Gott aber ist die Liebe! Stille alles Reden von Gottes des Vaters und Gottes des Sohnes ewiger Liebe! Sie ist verborgen. Wer davon reden will, der irrt und fehlt. Alles, was man sagen darf, ist, daß man von dieser Liebe anbetend unserm Text nachsprechen darf: „Gott ist die Liebe!“ Selbst wenn wir einst zum Schauen des HErrn gelangt sein werden, werden wir keine Sprache finden – des Vaters und des Sohnes Liebe zu beschreiben. Es wird in aller Menschen Herzen tönen: „Stille vor Ihm alle Welt!“ und ein Auge wird dem andern, eine Lippe der andern mit himmlischer, unaussprechlicher Wonne zurufen: „Gott ist die Liebe!“


II.

 2. Die Liebe des Vaters zu dem Sohne und des Sohnes zum Vater war von Ewigkeit verborgen und wird auch in Ewigkeit vor allen Kreaturen verborgen und unbegreiflich sein. Doch aber hat es dem Allerhöchsten gefallen, den gefallenen Menschen, so viel es ihnen ersprießlich ist, Seine Liebe zu dem Sohne – und dem Sohne, Seine Liebe zum Vater – zu offenbaren. Niemand kennet den Vater, als nur der Sohn und wem es der Sohn will offenbaren – und niemand kennet den Sohn, als nur der Vater und wem ER’s offenbaren will. In Christo JEsu ist es den Menschen offenbar geworden, daß Gott die Liebe ist.

 a) Wie sehr der Vater den Sohn liebet, ist offenbar in der Geschichte der Geburt unsers HErrn. ER baute Seinem eingeborenen Sohne, da ER Mensch werden wollte, einen heiligen Leib ohne Wandel – und da ER aus Seiner Kammer ans Licht der Welt trat, verherrlichte der Vater Seine Geburtsnacht aus herzinniger, wallender Liebe. ER selbst, der Vater, ist ewig unsichtbar – und Seine Freude| über die Geburt Seines Sohnes war aller Welt verborgen. Aber ER öffnete Seine Himmel – Seine Heerscharen mußten herabfahren über Bethlehem – Seine Klarheit begleitete sie – sie mußten auf Sein Geheiß vor den Ohren armer Hirten einen himmlischen Lobgesang singen. ER selbst führte den Eingeborenen in die Welt ein und sprach zu Seinen Himmeln: „Es sollen Meinen Einzigen alle Engel Gottes anbeten!“ – Da wurde die Liebe des Vaters zu dem Menschgewordenen klar. ER nannte Ihn auch zweimal vom Himmel „Seinen lieben Sohn, an dem ER Wohlgefallen habe!“ ER rief einst vom Himmel: „Ich habe Ihn verklärt und will Ihn abermals verklären!“ – Zwar da der Sohn am Kreuze hing, ging in Erfüllung, was geschrieben ist Ps. 8: „Du wirst Ihn lassen eine kleine Zeit von Gott verlassen sein.“ Aber der Vater hat Ihn auch durchs Leiden des Todes gekrönt mit Preis und Ehren. Wer Augen hat zu sehen, vermag ohne große Mühe überall zu erblicken, wie der Sohn von dem Vater nach seiner Menschwerdung Beweise unaussprechlicher Liebe empfing.

 b) Ebenso offenbar ist aber auch die Liebe des Sohnes, welche ER seit Seiner Menschwerdung gegen Seinen himmlischen Vater vor den Augen der Welt bewiesen hat. Wie gehorsam war Seine Liebe in der Menschwerdung! Nichts lag der Gottheit des Sohnes, welche unbefleckt und rein ist, ferner, als die sünden- und fluchbeladene Menschheit. Wenn man sie mit einander vergleicht, muß man wohl fragen: Was hat die Gerechtigkeit für Genieß mit der Ungerechtigkeit? Was hat das Licht für Gemeinschaft mit der Finsternis?

 Dennoch verschmähte der ewige Sohn es nicht, ein Bruder der sündhaften Menschen zu werden – und nachdem die Kinder Fleisch und Blut haben, ist ER’s gleichermaßen teilhaftig worden – wiewohl ohne Sünde. ER ward ein armes Kind – und ist kein sichtbarer Unterschied zwischen Ihm und andern Kindern. Wahrlich, über Seinem ersten Lager ebenso gut, wie über seinem letzten – hätten die Worte stehen dürfen: „Ob ER wohl in göttlicher Gestalt war“ etc. – Auch in Seinem ganzen nachfolgenden Leben war| es Seine Freude, den Willen Seines himmlischen Vaters zu thun; ER war gehorsam bis zum Tode, ja bis zum Tode am Kreuze; – ER hat nie gemurrt wider Ihn, sondern so hart ein Gang war, ER ging ihn fröhlich, sprechend: „Deinen Willen, mein Gott, thue ich gern!“ – Ist das nicht Liebe? Wenn ER ein Mensch gewesen wäre, wie ein anderer, so sollte mich Leiden und Sterben nicht wunder nehmen, aber es ist mit dieser armen, verachteten Knechtsgestalt, mit diesem Menschen, welcher einem Wurm gleicht, verbunden Gottes ewiger Sohn und er mit Gottes Sohn! In so geringem Hause prangt Gottes Herrlichkeit inwendig, ohne daß sie auswendig sichtbar wird. Dazu dringt Ihn des Vaters Liebe. Ja, so liebte der Gottmensch den himmlischen Vater, daß ER mit Seiner Liebe ihm treu blieb, auch, nachdem ER von dem Vater verlassen ward. – Gegenwärtig zwar ist JEsu Christi Liebe zu Seinem Vater verborgen, während Ihm seit Seiner Himmelfahrt die Liebe Seines Vaters sich erweist ohne Maß. Am Ende der Tage aber, wenn ER dem Vater das Reich zurückgeben wird, wird es offenbar werden, wie ER den Vater liebt!

 Die Liebe webt hin und her zwischen Vater und Sohn. Der Vater verklärt den Sohn – und der Sohn verklärt den Vater – und der Vater findet in großer Einheit und Einigkeit sich selbst geehrt, wenn der Sohn geehrt wird. Es ist eine immerwährende Harmonie zwischen ihnen – welche alle Engel und alle Heiligen in Bewunderung dahinnimmt, daß sie ausrufen müssen: „Gott ist die Liebe! Ja, Liebe, lauter Liebe ist Gott!“


III.

 Doch nicht allein um der Liebe willen, welche der Vater und der Sohn unter einander haben, ist in unserm Texte geschrieben: „Gott ist die Liebe!“ Sondern der heutige Tag, wo wir an der Krippe des Sohnes, an dem Anfangs- und Ausgangspunkt der erlösenden Liebe JEsu stehen, – predigt uns von der gemeinsamen Liebe des Vaters und des Sohnes zu uns armen Menschenkindern.

|  Der Vater und der Sohn sind in allen Stücken eins. In ewiger Einigkeit machten sie mit einander samt dem heiligen Geiste, dem Geiste des dreieinigen, ungeteilten Gottes den Ratschluß der Erlösung der Welt. Der Vater liebte die abgefallene Welt – der Sohn liebte sie gleichwie der Vater. Der Vater beschloß, Sein Sohn sollte Mensch geboren werden in Bethlehem und sterben am Kreuze – und es geschah, denn der Sohn beschloß, in Einigkeit mit dem Vater, sich selbst zu opfern. Also hat Gott die Welt geliebt, daß ER den eingeborenen Sohn gab – und also hat der Sohn die Welt geliebt, daß ER sich Seiner Herrlichkeit entäußerte – und Knechtsgestalt ward – und ein guter Hirte, der Sein Leben ließ für Seine Feinde. Der Sohn sprach zu dem Ratschluß des Vaters Sein Amen durch Seine willige Aufopferung; der Vater sprach durch Hingabe des Eingeborenen Amen zu eben desselben Eingeborenen großer Liebe für die Menschen. – Daß der, durch welchen der Vater alle Dinge gemacht hat und ohne welchen nichts gemacht ist, was gemacht ist, – sich von einer menschlichen Mutter gebären läßt, – daß ER der Menschen Ungemach, Härtigkeit und Sünde über dreißig Jahre geduldig trug, – daß ER der Sünde Strafen, des Kreuzes Pein nicht scheut: das sind lauter Zeichen Seiner erlösenden Liebe. Von der ersten bis zur letzten Thräne, vom ersten bis zum letzten Seufzer, – ja vom ersten bis zum letzten Odemzuge ist alles von Ihm aus inniger Liebe zu uns geschehen. Und wie ER, der menschgewordene Sohn, sich gegen uns erwies, so finden wir auch des Vaters Gesinnung gegen die Menschen. „Wer mich sieht,“ spricht der Sohn, „der sieht den Vater!“ Laß dir das nicht nehmen, lieber Christ, daß kein Unterschied sei in der Liebe des Vaters und des Sohnes. So groß des Vaters Liebe, so groß ist auch die des Sohnes – und so groß die Liebe des Sohnes ist, so groß ist auch die Liebe des Vaters gegen uns. Vergiß es ja nicht, daß die vereinte Liebe des Vaters und des Sohnes an deiner Erlösung arbeitet – beuge dich vor den großen Anstalten deiner Erlösung – erkenne, wie viel du geachtet bist vor dem HErrn; – schau in die Krippe, schau in die Wunden des| Lämmleins, das schön und heilig in der Krippe liegt, – falte deine Hände und sprich: „Gott ist die Liebe!“


IV.

 Ich habe euch, meine teuren Brüder, zuerst von der Liebe des Vaters und des Sohnes unter einander gepredigt. Dies soll allen Vätern und Kindern, insonderheit denen, welche hier anwesend sind, ein Leuchtstern sein, wie sie das Fest der göttlichen Liebe im Kinde JEsu recht begehen sollen. Am Beispiel Gottes des Vaters sollen alle Väter ihre Kinder lieben lernen – und am Beispiel des Sohnes alle Söhne ihre Väter. Denn wie der HErr für alle Menschen betete: „Auf daß sie alle eins seien, Vater, gleichwie Wir,“ so gehört dies Gebet nebst seiner Erhörung gewiß vornehmlich allen Eltern und Kindern zu. Sie sollen unter einander Bilder der himmlischen Familie sein und den Ruhm der Liebe Gottes und Seines Sohnes durch ihre eigene Liebe unter einander verherrlichen.

 O ihr Väter und Mütter! Betet die Liebe des himmlischen Vaters zu Seinem Sohne an – und seid vollkommen, wie ER. Glaubet nicht, daß ihr eure Liebespflicht gegen eure Kinder erfüllt habt, wenn euch das Herz gegen dieselbigen brennt; es giebt eine Elternliebe, die von der Erde ist, und wie alles, was von der Erde ist, wenig, ja keinen Wert hat und in Gottes Augen Sünde ist. Nur wer aus Gott geboren ist, hat wahre Liebe; nur wer die Liebe des himmlischen Vaters an sich erfahren hat, nur der ist einer rechten Elternliebe fähig. Die wahre Liebe eines Vaters, einer Mutter ist eine ernste Liebe und lehrt ihr Kind das Joch tragen in der Jugend, auf daß es für JEsu Christi Joch erstarke, welches ebenso leicht, als schwer ist. Der himmlische Vater legte Sein Kind auf eine harte Krippe – und zuletzt auf eine Dornenkrone und hartes Kreuz – auf daß es, obwohl heilig und unsträflich, durch Leiden zu ewiger Freude ginge. Sollte ein menschlicher Vater seine Kinder so weichlich gewöhnen, sollte irdischer Väter Liebe zu ihren Kindern so weichlich sein, da Gottes Zucht mit allen, auch Seinen besten Kindern, so ernst| ist? – Die wahre Liebe Gottes ist aber auch eine heilige, sanfte und milde Liebe! Der ist kein Vater, der Seine Kinder nie Liebe merken läßt, des Bestreben dahin geht, jeden Schein der Liebe gegen seinen Sohn zu verbergen. Der Vater im Himmel, der ins Verborgene sieht, sah mit Liebe in den stillen Stall – und Seine Engel mußten ihm singen, wes Sein Herz voll war. Ein Vater sei bei heiligem Ernste auch freundlich milde gegen seine Kinder, auf daß er Gottes Abbild sei.

 Aber auch ihr Kinder, ahmet nach dem Gehorsam des edlen Kindes JEsu Christi. Ward ER nach des Vaters Rat und Willen gern, ja freiwillig gehorsam – vom Reigen der Ihn anbetenden Engel bis zur Krippe, o so werdet um Seinetwillen auch gehorsam, und im Gehorsam beweiset eure Liebe! Bei JEsu Christi Krippe quillt reichlich Kraft zum Gehorsam – und wer in sich ein unehrerbietiges, ein liebloses Herz gegen seine Eltern spürt, der trinke Freude und Lust zu gehorchen aus der Fülle des gehorsamsten aller Kinder. Das ewige Wort verstummt in gehorsamer Liebe und wird ein sprachloses Kind in der Krippe, lasset uns, ihr Kinder, Söhne und Töchter – Bilder dieser unerreichbaren Liebe werden. Wo immer der Eltern Willen zu gehorchen nicht Sünde ist, lasset uns gegen unsre Eltern sprechen, wie einst JEsus gegen den ewig guten Vater: „Dein Wille, nicht meiner, geschehe!“ Ist JEsus eures Fleisches und Blutes teilhaftig geworden, so werdet ihr Seines kindlichen, gehorsamen Sinnes teilhaftig!

 O lieben Brüder! Wie viele Eltern müssen sich Mangel an wahrhaft heiliger, von irdischer Freude, von Ehrgeiz etc. freier Liebe zu ihren Kindern vorwerfen! Und ach! wie viele Kinder müssen an dieser Krippe JEsu beschämt stehen – weil sie keinen Funken jener gehorsamen Liebe in ihren Herzen spüren, welche den HErrn, den Sohn, von des Vaters Rechten herniederzwang bis in einen Stall! O Väter und Söhne, Mütter und Töchter – welch günstigeren Augenblick könnte ich ergreifen, um euch durch Gottes Wort zu Reuethränen über so vielen Mangel gegenseitiger Liebe zu bewegen, als den gegenwärtigen! Ist’s nicht auch euer Gott, des Liebe zu| Seinem Sohne – des Liebe zu Seinem Vater heute sich verherrlicht? Ist die heilige Familie im Himmel nicht auch euch gegeben zur Nachfolge? Steht nicht geschrieben: „Werdet Gottes Nachfolger!“ Und wenn der HErr spricht, der Sohn, – ihr Kinder! wenn ER spricht: „Folget mir nach!“ sollte man Ihm in allen Dingen nachfolgen – und in dem ersten Gebot, das Verheißung hat, nicht? Es steht geschrieben: „Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf daß du lange lebst“ etc. Da JEsus gegen Seinen himmlischen Vater das Gebot in der Zeit erfüllte, so lebt ER nun ewiglich. Darum, daß ER sich Seiner Herrlichkeit entäußert hat, hat Ihm der Vater einen Namen gegeben, der über alle Namen ist. Des HErrn Vornehmen geht durch Seine Hand fort – wer will Seines Lebens Länge ausreden! Ist irgendwo unter uns ein Sohn, der seines Vaters Kummer und seiner Mutter Schande gewesen ist bisher, ach! der schaue dem Knaben JEsu ins freundlich lächelnde Auge, in die lächelnden Lippen – sie schweigen. Aus Gehorsam ist Gottes ewiger Redner unmündig worden: nun, teure Seelen! sie seien beredter, als aller Menschen Worte: suchet eure Väter und Mütter, – versöhnet euch, – thut hinweg die verfluchten Gedanken des Eigendünkels, suchet eurer Väter, eurer Mütter Segen und Frieden, auf daß ihr hinzugerechnet werdet zu der himmlischen Familie, die da ist Vater, Sohn und Geist – und der Himmel voll Engel!


V.
 Wenn aber Gottes und Seines Sohnes gegenseitige Liebe an Weihnachten alle Väter und Kinder zur gegenseitigen Liebe auffordern, so erweckt hingegen die gemeinsame Liebe des Vaters und des Sohnes zur Welt alle Kinder und Sünder der Welt, Nachfolger des verlorenen Sohnes zu werden und in die offenen Vaterarme des über JEsu ewig erfreuten, durch Ihn versöhnten Vaters zurückzukehren. Warum doch hat der Vater den Sohn dahin gegeben, – warum hat sich der Sohn selbst aufgeopfert, – warum haben sie die Welt so hoch geliebt, wenn nicht darum, daß aus der ganzen vaterlosen, verwaisten Erde Eine Gottesfamilie werde, die Seiner Liebe| voll würde, – auf daß ER, der Vater, unser aller Vater, der Sohn unser aller Bruder, wir durch den Sohn, unsern ewigen Bruder, Gottes Söhne und Töchter und unter einander liebreiche Geschwister würden? Warum freuen sich die Engel über der Krippe des HErrn? Etwa darum allein, daß Gottes Sohn Mensch geworden ist? Sind sie nicht die freundlichen Geister, vor welchen Freude ist über einen Sünder, der Buße thut? Singen sie nicht: Friede auf Erden, Wohlgefallen den Menschen – darum, daß nun alle Menschen zum Wohlgefallen Gottes wieder zurückkehren sollen? Nicht darum, daß geboren ist, der den Schlüssel Davids hat und den Himmel aufschließt, daß niemand zuschließen kann? Daß an Weihnachten die Thür des Himmels wieder aufgethan – Gott den Menschen wieder nahe ist – Himmel und Erde wieder eins werden und unter einem Haupte verfaßt, nämlich unter das Haupt dieses edlen Königs in der Krippe, welches Gott ist und Mensch? Ist nicht der Sohn des Vaters Hand, ausgestreckt, alle Verlorenen wieder zurückzuführen? Ist ER nicht des Vaters suchende Liebe? nicht der ewige Hirte, welcher Schafe, – der Sohn, welcher Brüder, Miterben und Genossen der ewigen Freude sucht? – Es soll ein Hirte und eine Herde werden – das ist die Freude an der Krippe, worin der Hirte geboren, bereits geboren ist! Es soll ein Volk werden – darum freuen sich die Engel über den König der Welt in Bethlehem! Es soll ein Gott und Vater werden, darum freuen sich Seine erstgeborenen Söhne!
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 Ich thue meinen Mund auf, wie ein Hirte, der voll Freuden von der Krippe kam – ich rufe unter euch hinein: Ist kein verlorenes Kind unter euch, keines, welches sich verlor, keines, welches sich schämt vor dem Vater im Himmel und vor dem Heiland in der Krippe? – ist keine arme, mühselige, beladene Sünderseele hier in diesem Gotteshause? Fühlt niemand, nachdem er lange genug herumgeirrt, das Heimweh nach des Vaters Hause? Wo sind die, welche sich bisher mit Freuden der Welt wie mit Träbern genährt haben, wo sind sie, wo weinen, wo seufzen sie über ihr Elend? Wo sind die vom Vater verirrten, vom Hirten| verlaufenen, wo sind die elenden, in Sünden mühseligen und beladenen Schafe unter euch – wo die armen, die armen Kinder meines großen Gottes, meines guten Vaters? Wo sind sie, welche von ihrem Gewissen verdammt, den Tod und das Bekenntnis und die Strafe und das Gericht ihrer Sünden fürchten, – wo sind die, welche in inwendiger, unbefriedigter Sehnsucht, mit schmerzenden, klaffenden Wunden irren? Kinder meines Vaters! Auf, heute kehret heim! In Babel seid ihr gewesen lange genug, da haben eure Lob- und Dankpsalter an den Weiden gehangen, ihr habt bloß getrauert – aber nun ist Weihnachtsfreude da! Der Aufgang aus der Höhe scheinet am Feste frisch – das Gnadenantlitz Gottes leuchtet – der Arzt ist da, der euch heilen will von Striemen und Beulen, damit ihr wacker werdet, auf euren Füßen heimzukehren. – Das Lamm ist geschlachtet, das eure Striemen durch Seine Wunden heilt, – die Feindschaft, die Sünde ist gestorben und begraben. – Gott ist die Liebe, und die ewige Liebe geht suchen, teilt Gnade aus jedem, der sich fühlt verloren!

 Ihr Traurigen, das Fest, wovon wir geredet, ist endlich da! Nun freuet euch im HErrn – ja freuet euch – freuet euch! Es freue sich, wer an der Brust des Hirten liegt; die Gläubigen sollen frohlocken mit allen Engeln und sollen beten mit allen Heerscharen Gottes! Und die Ungläubigen sollen verzweifeln durch quälenden Unglauben!

 Der Sohn des Vaters ist in der Krippe! Sein Name ist Friede – Sein Name ist Wohlgefallen an den Menschen! Lasset euch sammeln zu Ihm! Ist ER gleich unsichtbar – ER ist dennoch ewig nahe! Heute, an Seinem Geburtsfeste wird Seine Gnade siebenfach regnen über euch!

 Gott ist die Liebe! predigen wir euch mit lautem Schall, – kehrt heim aus der Welt! Werdet inne, daß Gott die Liebe ist! Werdet Gottes Kinder heutigen Tages! Werdet selig, dieweil es Zeit ist. – Nehmet die Liebe Gottes an! Werdet auch die Liebe, wie ER die Liebe ist – damit euch die Liebe fröhlich mache und euch zum Lobgesang Seiner ewigen Liebe aufwecke! Damit Psalter und Harfe| aufwachen, und ihr Genossen der Engel werdet! Damit auch der Himmel über euch und ihr über den Himmel euch freut! Damit alles töne an Weihnachten: Gott ist die Liebe – Liebe, lauter Liebe ist Gott! Halleluja! Amen.

 O mein Gott, o mein Gott! Segne, o segne um des Neugeborenen willen! Amen.




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