Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres/Am Sonntag nach Weihnachten 1834

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« Am heiligen Weihnachtsfeste 1834 Wilhelm Löhe
Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres
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Am Neujahrstage 1836 »
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Am Sonntag nach Weihnachten.
(Nürnberg 1834.)


Luk. 2, 34. 35. Und Simeon segnete sie und sprach zu Maria, Seiner Mutter: Siehe, dieser wird gesetzt zu einem Fall und Auferstehen vieler in Israel, und zu einem Zeichen, dem widersprochen wird. Und es wird ein Schwert durch deine Seele dringen, auf daß vieler Herzen Gedanken offenbar werden.

 Zur Zeit der Geburt unsers HErrn JEsu Christi lebte in Jerusalem ein Mann Namens Simeon, welcher durch den heiligen Geist die Antwort bekommen hatte, daß er den Tod nicht sehen würde, er hätte denn zuvor den Christ des HErrn gesehen. Als nun Maria im Hause des HErrn erschien, ihr Reinigungsopfer zu bringen und ihren erstgeborenen Sohn dem HErrn darzustellen, da kam dieser Simeon auf Anregen des heiligen Geistes in den Tempel, erkannte im Licht des heiligen Geistes in JEsu das verheißene Kind, – erkannte, daß die Stunde seines Abscheidens vorhanden war und rief freudenvoll: „Nun lässest Du Deinen Diener in Frieden fahren, wie Du gesagt hast, denn meine Augen haben Deinen Heiland gesehen.“ Und er nahm das Kind auf seine Arme, der Geist des HErrn HErrn fiel auf ihn, er that seinen Mund auf, weissagte und sprach: „Dieser wird gesetzt zu einem Fall und Auferstehen“ etc.

 Nach diesen letztgenannten Worten predige ich heute meinen JEsus. Der Geist des HErrn HErrn falle auch auf mich! Mögen Ströme lebendigen Wassers von meinem Leibe auf die Gemeinde fließen! Möge lebendige Erkenntnis des HErrn und Seines Christus euch und mich überdecken, wie Wasser den Meeresgrund bedeckt! Amen.




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I.
 Simeon sagt von JEsu: „Dieser wird gesetzt zu einem Zeichen,“ nämlich zu einem Zeichen Gottes. Was ist ein Zeichen Gottes? Zeichen Gottes ist so viel als ein Mensch oder eine That oder sonst etwas, wodurch Gott etwas Besonderes anzeigen, bezeichnen oder andeuten will. So waren z. B. Jesaia und seine beiden Söhne mit ihren Namen Zeichen Gottes. Der Prophet hieß Jesaia d. i. Heil Gottes. Seine Erscheinung, ja die bloße Nennung seines Namens sollte die Kinder Israel in ihren Drangsalen an Gottes Heil erinnern. Der eine Sohn des Jesaia hieß Sear Jasub d. i. der Rest wird heimkehren; so oft das Volk Gottes den Sear Jasub sah, hatten sie ein Zeichen Gottes vor Augen, daß sie in die Gefangenschaft weggeführt und ein Rest der Weggeführten zurückkehren sollte. Ein zweiter Sohn hieß Maherschalal chaschbas oder Raubebald Eilebeute und sollte mit seinem Namen predigen, daß die Feinde des Volkes Gottes bald ein Raub und eine eilende Beute ihrer eigenen Feinde werden sollten. So war auch JEsus ein Zeichen Gottes, aber nicht bloß, wie Jesaias, mit Seinem Namen. Auch Sein, wie Jesaias Name, verkündete Heil; aber ER war auch selbst das Heil, davon Sein Name sagte. Ein größeres Zeichen konnte dem Volke Israel nicht gegeben werden; von Seinem Eintreten in die Welt bis auf Seinen Heimgang zur Herrlichkeit des Vaters war Sein ganzer Lebenslauf einzig; Seinesgleichen ist vorher nicht gewesen, wird auch nachher nicht werden. ER war der Mann Jehovahs, den Eva erwartete und auf welchen David hoffte – ein unbegreiflicher Mann, ein Zeichen und Wunder Gottes in Wahrheit. Auch konnte es kein segensreicheres Zeichen geben, als unser lieber HErr JEsus Christus ist und war. Wer ihn sah, der sah den Vater, Sein Angesicht war ein Gnadenspiegel des himmlischen Vaters, in Ihm erkannte man eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit, die wesentliche und alleinige Weisheit, Gerechtigkeit, Heiligung und Erlösung, den Menschenkindern geschenkt. – ER ist ein wunderbares Zeichen, gesetzt, nicht um begriffen, sondern um angebetet zu| werden, gesetzt, daß man in Ihm die Nähe Gottes und den Immanuel erkenne. Billig ruft der heilige Geist auch des Sohnes wegen: „Lobet den HErrn, ihr Seine Engel, ihr starken Helden, die ihr Seinen Befehl ausrichtet. Lobt den HErrn, all Seine Heerscharen, Seine Diener, die ihr Seinen Willen thut!“ Billig haben sich auch alle himmlischen Heerscharen um Bethlehem versammelt, da Gott Sein Zeichen aufrichtete. – Aber noch mehr ist es recht und billig, daß der heilige Prophet David jenen Aufruf zu Gottes Lob mit den Worten schließt: „Lobt den Herrn, alle Seine Werke, an allen Orten Seiner Herrschaft, aber vor allen, allen Seinen Werken: lobe den HErrn, du meine Seele!“ Billig rufen wir uns selbst auf und sprechen:

 O du meine Seele,
Singe fröhlich, singe,
Singe deines Glaubens Lieder!
Was den Odem holet,
Jauchze, preise, klinge,
Wirf dich in den Staub danieder!
 Hier ist Gott,
 Zebaoth,
ER ist hoch zu loben
Hier und ewig droben.


II.
 Freilich, so sollte es überall sein. Aber leider, so ist’s nicht. JEsus ist ein Zeichen, dem widersprochen wird. Von Seiner Geburt an hat ER schon zur Zeit Seines Lebens auf Erden nichts als Widerspruch und Widerstand erlitten. Schon als Säugling, kaum in die Welt eingetreten, mußte ER, der Wut Herodis zu entgehen, ein Flüchtling werden in Ägypten. Der Satan that Ihm in der Wüste schweren Widerspruch – und alle Schlangenbrut, Pharisäer und Schriftgelehrten, Sadducäer und Priester widersprachen Ihm ohne Ende. Wenn ER das Volk lehrte, mußte ER ein Verführer heißen. Wenn ER am Sabbath Gutes that, hieß ER ein Sabbathschänder, – wenn ER um Gott eiferte, hieß ER unsinnig, – wenn ER Teufel austrieb, Beelzebub, – wenn ER dem| Kaiser zu geben gebot, was des Kaisers ist, ein Aufrührer, – wenn ER sich für Gottes Sohn erkannte, ein Gotteslästerer. ER sprach: „Ich gebe mein Leben zu einem Lösegeld für viele“ – sie sprachen: „Arzt, hilf dir selber, steig herab vom Kreuze!“ Da ER auferstanden war, mußte ER gestohlen sein. Da Seine Apostel Seine Auffahrt bekannten, widersprach man ihnen mit Banden und Geißeln.
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 Und wie Ihm zur Zeit Seines Erdenwandels widersprochen wurde, so geschieht Ihm auch heute noch. Ihm und Seinem Worte zu widersprechen, ist heut zu Tage ein Zeichen der Gelehrsamkeit und Weisheit. Wer glaubt denn – müssen wir rufen – HErr, wer glaubt unsrer Predigt? Wenn wir sprechen: ER ist Gottes Sohn, so antwortet die Welt: Auch wir sind Gottes Kinder. Nennen wir Ihn Mariensohn, so nennen Ihn die Kinder der Welt, dies ehebrecherische Geschlecht, einen Sohn Josephs. Spricht ER: „Ich bin die Wahrheit!“ so fragen sie: „Wo ist Wahrheit?“ Spricht ER: „Wer mein Fleisch ißt und trinkt mein Blut, der hat das ewige Leben!“ so laufen sie wie die Kapernaiten von dannen. Spricht ER: „Das ist mein Leib, das ist mein Blut!“ so spricht die Welt: „Das ist Brot und Wein.“ Spricht ER: „Ich gebe mein Leben zu einer Erlösung für viele,“ so geben sie Antwort: „Du warst nicht wahrhaftig tot!“ Versichert ER: „Ich bin tot gewesen und wieder lebendig worden,“ so versichern sie: „Du bist weder tot gewesen noch lebendig geworden.“ Verheißt ER: „Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater!“ so behaupten sie: „ER ist in Seinem Grabe der Verwesung Raub geworden, wie alle Menschen.“ Befiehlt ER Seinem Johannes zu schreiben: „Siehe, Ich stehe vor der Thür und klopfe an,“ so sagen sie: „Wo bist Du denn? Unsre Augen sehen Dich nicht!“ Verheißt Er: „Siehe, Ich bin bei euch alle Tage!“ so fragen sie: „Wie soll das geschehen?“ Sagt ER: „Es ist unmöglich, ohne Glauben Gott gefallen,“ so antworten sie: „Was sollte da aus den Ungläubigen werden? So unbarmherzig kann Gott nicht sein!“ Endlich predigen wir: „ER ist ein Zeichen, dem widersprochen wird,“ so sagen sie: „Das ist nicht wahr, wer| widerspricht Ihm? Wir bauen Ihm Kirchen und Altäre, wir nennen uns von Ihm und schreiben von Ihm unsre Jahre.“ – Ja, sie feiern Sein Andenken als eines Toten und bauen Ihm Gräber – sie sind froh, daß sie Ihn nicht sehen und verachten Seine Worte, wie man eines Toten spottet. Summa Summarum: ER ist und bleibt ein Zeichen, dem widersprochen wird. Alle Welt samt allen Teufeln bilden einen großen Chor des Widerspruchs – das Geschäft jedes einzelnen Menschen und sein Leben ist weiter nichts als ein Ton in die vielstimmigen Disharmonieen dieser Sänger. Wort und Leben stimmen zusammen, sie werden geboren, und ihr Lebenslauf heißt am Grabe: „Wir wollen eines andern warten! Denn Du bist’s nicht.“ In ihrem Leben hassen sie Ihn, und wenn ER ihnen, wenn sie sterben, Seine helfende Hand entgegenreicht, spritzen sie Ihm ihr Herzblut widersprechend entgegen und sprechen: „Ha, Nazarenus!“


III.

 Was nun Ihn anlangt, so bleibt ER dabei ruhig. ER ist ja gesetzt zu einem Zeichen, dem widersprochen wird. ER bleibt ja doch, was ER ist. Schon auf Erden hat Ihm niemand ein Haar krümmen dürfen, ehe Seine Stunde kam – und da Seine Stunde kam, waren es nicht Seine Feinde, die Ihn überwältigten, sondern ER selbst gab Sein Leben dahin, nach der Macht, die ER hatte, Sein Leben zu lassen oder zu nehmen. Es half doch der Welt ihr Widerspruch nichts, ER vollführte doch Sein Werk bis zum: „Es ist vollbracht!“ Jetzt vollends, da ER auf Gottes Throne sitzt, wer will Ihm die Krone antasten? Sein Name ist über alle Namen, wer will Ihn lästern? Sein Vater hat Ihn eingesetzt zum ewigen König, wer will Ihn absetzen? ER spricht, so geschieht’s, ER gebeut, so steht’s da, was liegt daran, wenn die Erdenwürmer sich blähen und alle Schlangenbrut widerspricht? Der im Himmel sitzet, lacht ihrer – und der HErr spottet ihrer.

Ja, ob gleich alle Teufel
Ihm wollten widerstehn,
So wird doch ohne Zweifel
Gott nicht zurückegehn.

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Was ER sich vorgenommen
Und was ER haben will,
Das muß doch endlich kommen
Zu Seinem Zweck und Ziel.

Ja, was ER hat erlesen,
Das treibt der starke Held
Und bringt zu Stand und Wesen,
Was Seinem Rat gefällt.

Weg hat ER allerwegen,
An Mitteln fehlt’s Ihm nicht, –
Sein Thun ist lauter Segen,
Sein Gang ist lauter Licht.
Sein Werk kann niemand hindern,
Sein Arbeit darf nicht ruhn,
Wenn ER, was Seinen Kindern
Ersprießlich ist, will thun.

 Für Ihn also ist’s gleich, ob man widerspricht, oder nicht. Aber schlimm ist’s, daß in diesem Widerspruch so vieler Herzen Gedanken offenbar werden.

 Ehe das Evangelium von JEsu Christo an einem Orte gepredigt wird, ist alles ruhig, stille, wie auf den Gottesäckern. Es läßt einer den andern bei seinem Glauben und ist fröhlich, wenn er nur selbst nicht angefochten wird; ja, die Welt rühmt sich, daß in ihren Grenzen jeder glaube, was er wolle, und keiner den andern anfeinde um des Unglaubens oder Glaubens willen. Und es ist auch wahr: es sieht aus, als wäre in der Welt die größte Harmonie und Sympathie, was das Ewige anlangt. Aber sowie Christus gepredigt wird, so ist erschienen, was die Welt in Grimm bringt. Sie kann alles leiden, aber Christum nicht. Wenn sie des ansichtig wird, schreit sie wie besessen: „Was haben wir mit Dir zu schaffen?“ Dem läßt sie keinen Raum in ihrem Reiche – und ER ihr auch keinen in Seinem Reiche. Wenn Sein Wort erschallt, ob ER sie gleich retten und zum Frieden führen will, so fangen sie Krieg an. Es heißt: „Was hat Seine Gerechtigkeit für Genieß mit der Ungerechtigkeit? Was hat das Licht für Gemeinschaft mit der Finsternis? Wie stimmt Christus mit Belial?“ Da wird die ganze Eintracht der Welt erfunden als die da Gott widerstreitet; –| eine Eintracht, wie die Eintracht der Rebellen gegen ihren rechtmäßigen Herrn.

 Ehe Christus an einem Ort erscheint, zeigen sich mancherlei Tugenden: Sanftmut, Schein der Liebe, Wohlthätigkeit, Weisheit und was sonst. Ehe Christus kam, der in die Herzen schaut, waren die Pharisäer heilige, hochgeachtete Leute. Aber als ER kam – als ER ihnen sagte, daß sie nur übertünchte Gräber seien, nur Schlangen, die von außen gleißen, inwendig aber voll Giftes sind; da wurden diese Herzen offenbar, daß sie Heuchler waren. Sie wehrten sich um ihre eingebildete Gerechtigkeit, wie eine Löwin um ihre Jungen. Sie murrten und zürnten, – sie brüteten und machten einen Rat – sie riefen: „Kreuzige, kreuzige!“ Vor Gabbatha und Golgatha hat man’s gesehen, welch ein Tier unter der schönen Haut war. – Es waren lauter hochgelehrte und angesehene Leute, vor denen Stephanus seinen Schwanensang anfing – von der Juden Herzenshärtigkeit und dem einzigen Liebenswürdigen, unserm HErrn JEsu: da vergaßen sie aber ihren Heuchelschein und ihre Himmelsflügel entfielen ihnen, sie gerieten in Wut, knirschten mit den Zähnen, hielten ihre Ohren zu, schrieen, stürmten auf den heiligen Märtyrer einmütiglich ein – stießen ihn zur Stadt hinaus und steinigten ihn. Wo war da die Sanftmut – wo die Liebe – wo die Frömmigkeit geblieben?

 So ist’s heute noch, liebe Seelen. Die Predigt des Evangeliums ist der Probierstein aller Herzen. Wie sich ein Mensch gegen sie benimmt, so ist er. Das Evangelium läßt dem Menschen keinen Ruhm, sondern macht alles Verdienst der Werke, der Weisheit und Bildung zu nichts – und wirft’s zu Boden, nur einen läßt es groß, nämlich Christum. Das verträgt eine falsche Tugend nicht. Die Sanftmütigen werden oft Tyrannen, wenn es gegen die Predigt des Evangeliums gilt, – und wenn einer allen mit Liebe begegnet, gegen JEsum Christum schäumt er. Das Evangelium ist ein zweischneidiges Wort, lebendig, kräftig, schärfer, als jedes zweischneidige Schwert, – es dringt durch, bis daß es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Menschen – und ist keine| Kreatur vor Ihm unsichtbar, es ist aber alles bloß und entdeckt vor seinen Augen. – Christus ist wohl ein Friedefürst und hat gesagt: „Meinen Frieden lasse, meinen Frieden gebe ich euch!“ Es heißt von Ihm: „Ich halte Frieden, aber wenn ich rede, so fangen sie Krieg an!“ Die Welt ist daran schuld, daß JEsus Christus sagen mußte: „Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert!“ Es ist kläglich, daß es so ist. Aber es ist wahr. So muß die Welt offenbar werden, die Predigt des Evangeliums offenbart es, wie viele auf dem breiten Wege wandeln, und wie wenige auf dem schmalen. Die das Evangelium bestreiten, gehen auf dem breiten Wege - und die ihm zufallen, von denen ist auch nur eine kleine Zahl bewährt und geht auf dem schmalen Wege. Das Evangelium ist’s, von welchem der HErr spricht: „Ich bin’s nicht, der euch richtet, – ihr habt, der euch richtet, nämlich das Wort, welches ich geredet habe.“ Das Evangelium segnet – wenn es aber nicht segnen kann, dann ist es eine Stimme des ewigen Richters, ein Vorspiel des jüngsten Tages, die Worfschaufel, welche Spreu und Weizen scheidet. – Wohlan denn! Es ist also ein ernsthaftes Ding, wenn irgendwo das Evangelium gepredigt wird; die Augen des Vaters im Himmel schauen herab. Dazu der Sohn, der Richter der Welt, alle heiligen Engel – begierig, welche da widersprechen, wenn Gott Sein Friedenszeichen, Seinen Christus offenbart! Wohl dem, der ans Licht kommt und seine Werke strafen läßt vom Lichte, auf daß seine Werke hinfort seien in Gott gethan! Denn es ist gefährlich, zu widersprechen, maßen, nach unserm Evangelium, denen, die da widersprechen, wird Christus zum Fall – die aber der Wahrheit zufallen, denen wird ER zur Auferstehung.


IV.

 O Seelen! Da auch euch Christus gepredigt wird, so bitte ich euch um eurer eigenen Seligkeit willen, ihr wollet die Predigt des göttlichen Wortes nicht verachten, noch als Kleinigkeit betrachten.

 Dem, liebe Brüder, hat Christus schon angefangen zum| Fall zu werden, welcher dem Worte widerspricht. Leider sind in diesem Falle viele begriffen auch unter denen, welche Gottes Wort hören. – Viele, weil sie einmal angefangen haben, zu widersprechen, um nicht Unrecht zu behalten, um nicht für wankelmütig zu gelten, um den Ruhm der Beständigkeit zu behalten, widersprechen fort und fort gegen ihr eigenes Gewissen dem Evangelium. Sie sind schon gefallen am Felsen Christus. Sie sind einem thörichten Mann gleich, der, nachdem er gefallen ist, liegen bleibt, der Meinung, es werde dann niemand merken, daß er gefallen sei.

 Ach, in solchem Fall sind sehr, sehr viele Menschen. Sie bleiben im Widerspruch, und je länger sie darin verharren, desto mehr fällt ihr Verstand in Finsternis. Sie fassen nichts mehr, es wird ihnen alles zur Finsternis, zum Widerspruch; – sie gehen ferne von dem ewigen Lichte, sie verlieren die Einfalt ganz; das Wort Gottes, welches die Einfältigen weise macht, ist nicht mehr für sie, – sie halten sich je mehr und mehr für weise – es geht ihnen je mehr und mehr, wie geschrieben ist: „Da sie sich für weise hielten, sind sie zu Narren geworden.“ Sie meistern und drehen die Schrift nach ihrer Thorheit, ihr Pöbel fällt ihnen zu, ein Blinder leitet den andern, sie tappen in Finsternis, sie nahen dem Stein des Anstoßes, dem Fels des Ärgernisses. Sie werden immer mehr hingegeben in ihrer Herzen Gedanken, ihr Herz verstockt sich und wird unrein, ihr Auge ist nicht mehr einfältig, der ganze Leib wird Finsternis. Sie fallen von einer Sünde in die andere – denn der ewige Stein der Hülfe und Erlösung von Sünden, Christus, ist ihnen zum Fall geworden. Sie werden stolzer und stolzer; sie decken die alten Sünden mit neuen Sünden zu, das Lichtlein ihres Gewissens wird zugedeckt, bis daß sie Sklaven ihrer Begierden werden und hoffnungslos, wie Kain, irren, nicht mehr glaubend, daß JEsu Christi Blut die Menge ihrer Sünden bedecken kann! Ihr Sinn ist: „Lasset uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot!“

 Wenn nun die armen Seelen, denen um ihres Widerspruchs willen Christus zum Fall wird, – wenn sie auf das Sterbebett kommen, ach! wie elend und jämmerlich sind sie| dann! Je mehr ihr Leib abstirbt, desto mehr wacht ihr Gewissen auf, – längstvergangene, vergessene Sünden, so viel der Welt gegebenes Ärgernis, so viel Verführung, damit die Unschuld untergraben wurde, kommen ins Andenken, legen sich wie Leichensteine aufs Herz, und unter ihnen ist das Grab, – der Satan zeigt von fern den Lohn derer, welche widersprochen haben, ruft ihnen statt Trostworte Sprüche zu: „Der Stein, den du verworfen, ist zum Eckstein geworden, du wirst nun auf ihn fallen und zerschellen – er wird auf dich fallen und dich zermalmen!“ Der Sterbende kann nicht mehr Buße thun vor Angst des Todes – nicht mehr an Christi Blut glauben vor Schrecken des Gerichts; – wüste und leer wird ihm die Welt, nichts Irdisches erfreut ihn mehr, der Himmel ist ehern, – gehört wird nur noch in der Tiefe des Herzens die Stimme des Gewissens. Er sieht sich dem Stein des Falles nahe; er stößt sterbend an – er fällt in die Tiefe mit Wimmern und Seufzen, Gottes Fluch drückt ihn nieder. Er hat Christo widersprochen. Christus ist ihm zum Fall geworden. Es ist schrecklich, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen! –

 Und wenn einst der Tag des HErrn kommt, wenn die seit ihrem Tode fort und fort in Jammer der Seele Versinkenden und Fallenden am jüngsten Tage nur darum im Falle aufgehalten und auf den Plan der Erde gestellt werden, damit sie mit einem Leibe bekleidet werden, der in ihrem ewigen Fall eine neue Ursache der Qual wird, – des Wurm der Verwesung nicht stirbt, – wenn sie mit diesem Leibe nur immer tiefer ins Leichenfeuer sinken, das nicht erlischt: wie dann, Brüder? Welch einen Accent, welch einen Ton und Nachdruck wird es dann haben, wenn die Verfluchten singen: „ER ist gesetzt zu einem Fall vieler in Israel!“?

 Menschenkinder! Lasset uns zusammenschaudern! Es heißt: „für viele in Israel!“ das ist, für viele unter dem Volke Gottes, also für viele Christen. Es hilft also nichts, daß man in der Christenheit geboren sei und lebe! An vielen Christen wird es geschehen, daß der HErr zum Fall wird!| Lasset euch warnen! Der reiche Mann im Evangelium war kein ausgezeichneter Bösewicht. Seine Sünde war, daß er alle Tage herrlich und in Freuden lebte, daß er über dem Wohlleben die Bekehrung vergaß! Die ihr im Freudenleben der Welt sicher lebend gleich dem reichen Mann eure Bekehrung vergesset, höret, ach ihr Verblendeten! So wenig ihr hier an Hölle und Qual denkt, so wenig dachte er daran! Vielleicht war er so gering und schlecht, wie ihr, vielleicht war ihm Hölle und Qual auch wie euch nur ein Gegenstand leichtsinnigen Scherzes. Aber so gewiß, so unerwartet, so schrecklich er hinabsank, so schrecklich, ja schrecklicher, so unerwartet und gewiß fallet ihr! Ihr fallet schrecklicher; denn jener stieß nicht an den Fels der Ärgernis, an den Stein des Anstoßes, ihm ward Christus nicht zum Strick und Fall. Aber ihr stoßet an Ihn! Ihr könnt durch Ihn selig werden – und während ER euch gepredigt wird, lebt ihr Sein und Seines Gerichts vergessend wie der reiche Mann! – Lasset euch warnen! Christus ist gesetzt, ein Stein des Anstoßes für viele! Ihr werdet in eine schwindelnde Tiefe fallen – wer wird euch aufhalten? Ihr werdet seine Leiden erfahren, die ihr in Christo verachtet habt. Bei euch wird’s heißen: „Warum hast Du mich verlassen?“ Denn wer dahinfällt, den sieht Gott nicht mehr an, auch nicht mehr zürnend – sondern ER vergißt sein. – Es ist schrecklich, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen – und schrecklicher, Seinen Händen zu entfallen!


V.
 Liebe Brüder! Wie kommt’s, meine Teuren, daß, während ich euch die Schrecken des Falles vor Augen zu malen suche, so viele unter euch dies bloß für eine Bemühung ansehen, einen Effekt hervorzubringen, daß sie darin weiter nichts als Rednerei ahnen? Was ist schriftwidrig in dieser Beschreibung? Ist nicht die heilige Schrift viel schrecklicher, als meine Beschreibung? Ist nicht die Verdammnis so schrecklich, daß selbst der heilige Geist, wo ER in Menschensprache mit uns redet, mit den Worten ringt? – Unsre Väter fürchteten sich vor der Strafe der Hölle, warum sind sie jetzt unglaublich geworden? Weiß man etwa jetzt nicht mehr, was| frech und was schrecklich und höllisch ist? Ist man schon so weit gediehen, daß man nicht nur nicht mehr glaubt, sondern auch nicht mehr fürchtet? Ist die Erbsünde so gar zur Gewalt und Herrschaft gekommen, daß man weder glauben, noch fürchten kann?

 Wahrlich, sind wir so tief gefallen, so bedürfen wir, daß Christus uns zur Auferstehung werde! Ja, denn – lasset uns besinnen, ob wir nicht wissen, daß wir fallen! Ich spreche: Wir sind gefallen! Unsre Gedanken, der Zustand unsres Herzens, der Unfriede, die Verzweiflung darin, das Brandmal im Gewissen, die zahllosen bösen Worte, die Werke der Finsternis, die wir geübt, die Gebote Gottes, welche wir zu thun unterlassen haben, – alles dies sagt: Wir sind gefallene Menschen! Es ist nicht not, daß wir groß und hoch thun; es ist nichts mit allem Vornehmthun der Menschen; wir sind doch nur gefallen, nur gefallen! So behaupte ich, – ist niemand, der im Herzen Amen sagt, – niemand, der sich verloren, verlassen, – gefallen, tief liegend fühlt? – Keiner? Hat uns denn so gar die Wahrheit und das Licht verlassen, daß wir nicht mehr sehen, wie schwarz und Nacht wir sind? Oder stürzen wir denn so gar reißend in die Tiefe, daß wir des Falles und Sturzes nicht mehr inne werden? Lehrt uns denn niemand, aufzufahren aus der Nacht zu unserm Gott, zum Frieden, zur Ruhe Gottes?

 O ihr armen, kranken, mühseligen, beladenen, angefochtenen – ihr reumütigen, weinenden Seelen! Wie tief müßtet ihr gefallen sein, wenn der, welcher die Auferstehung und das Leben heißt – euch nicht mehr sollte aufheben können! Es ist auf Erden keine Sünde, welche einem reuevollen Sünder nicht vergeben werden könnte. – JEsus, eure Auferstehung, ist darum Gottes Sohn, daß ER mit Gottesmacht und Gotteskräften jeden Sünder emportragen könnte. ER ist ein Hirte, dem kein Abgrund zu tief ist, ER holt Seine Schafe herauf. ER ist ein Stein, daran sich jedermann aufrichten kann; wer Ihn anrührt, in den gehen Auferstehungskräfte ein. ER ist tiefer gegründet als die Sünde, – ER reicht in jede Tiefe! ER ist gelegt, Gott sei Dank, in Bethlehem, – der Fels des Lebens; aus ihm quillt Wasser der Erquickung und Stärkung,| – wer davon trinkt, der kann auffahren mit Adlersflügeln. – Brüder! Ich glaube, es muß die Möglichkeit und Nähe der Hülfe in unsern Tagen auf das stärkste hervorgehoben, Christus alles Ernstes gepredigt, das Wort von der Versöhnung nicht gespart werden. Denn es giebt in unsern Tagen viel verborgene Verzweiflung, – viele Gewissen bluten, aber weil das Evangelium nicht laut genug gepredigt wird nach so langer Verdunkelung, so getrauen die mühseligen und beladenen Seelen sich nicht, ihre Not zu bekennen. – Darum sage ich denen, welche unter diese genannte Klasse von Menschen gehören, – laut und mächtig möchte ich’s sagen, daß Christus gesetzt ist zur Auferstehung vieler in Israel. Sünder, der du weinend zu Füßen des Kreuzes liegst und nicht weißt, wie Ruhe zu gewinnen ist – sieh auf in dies Angesicht des sterbenden Königs; es sagt dir: „Ich gebe mein Leben zur Erlösung für viele!“ Sieh Ihn vertrauensvoll an, so wird dein wundes Gewissen sich an Ihn lieblich anranken, wie Epheu an den Fels, und wird dir nicht mehr allein von deiner Schuld, sondern auch, und zwar insbesondere, von deinem Erlöser Zeugnis geben. Faß ein Herz zu Ihm, o du, der du nicht mehr wagst, vor Menschen aufzusehen; ER ist deine Auferstehung! Warum willst du liegen bleiben in deinen Sünden, in deiner Sündenqual? Hörst du nicht die Stimme Gottes und Seines Sohnes, welche dir Vergebung und ein neues Leben im heiligen Geiste verheißt? Richte dein Haupt auf: dein Erlöser, deine Erlösung ist nahe – die unendliche Liebe des vergebenden Heilands umfaßt dich! Wenn ER Vergebung spricht, und die Freudenthränen quellen, da richten sich alle Kräfte und Anlagen des Menschen, welche, von Sünden niedergedrückt, nicht sprossen noch blühen konnten – sie richten sich auf vom Tode, sie werden grün und fruchtbar – wie das welke, sonnenverbrannte Gewächs nach erquickendem Regen. Wer sein Gewissen am Felsen JEsus aufrichten läßt, den durchdringt ganz und gar ein neues Leben des Felsens JEsu. Ja, es scheint ihm alles, was er um sich sieht, in anderes Leben gekommen zu sein. Er sieht alles mit andern Augen an – man sieht am Himmel und auf Erden,| in der ganzen Natur eine andere Offenbarung, eine himmlische Predigt vom Baum des Lebens, JEsus Christus! –

 Der Fels der Auferstehung ist fest gegründet. Man faßt zu Ihm ein festes Vertrauen, daß ER, wie ER einmal unsre Auferstehung geworden, so auch unsre Auferstehung bleiben werde. Man ist so fröhlich! Denn man fühlt sich stehend – wiewohl nicht auf eigenem Grunde, sondern auf dem Fels der Auferstehung! Man fürchtet nicht mehr Ihn, sondern sich selbst fürchtet man; man hat selbst im Tode den Trost – daß es aufwärts gehe mit dem Fels der Auferstehung. Man fürchtet nicht mehr das Gericht, denn man steht auf dem Fels, das ist, auf der Gnade des Richters. Man hat längst sein Recht fahren lassen und sich darauf ergeben, aus Gnaden selig zu werden; was aber will die Gerechtigkeit denen anhaben, welche unter der Gnade Flügeln liegen? Man weiß, daß man vor dem HErrn wandelt und daß der Fels, der Lebenswasser giebt, mit uns geht, wie mit den Israeliten in der Wüste! Man lehnt sich an Ihn und schaut hinaus – man lacht der Zeit und ihrer Vergänglichkeit – ewiges Leben ist in uns!

 Liebe Seelen! ER ist nicht ein Fels, wie die Felsen draußen – lebendig und allgegenwärtig ist ER! ER ist einem Felsen nur verglichen, weil Seine Stärke und Treue fest und zuverlässig ist, wie ein Fels. ER ist jedem Gefallenen nahe – und eilt hinzu, Felsentreue anzubieten. Sprecht also nicht, ihr, die ihr nach Ihm euch sehnt: Wie komme ich zu Ihm und wie fasse ich Ihn? Sondern betet zu dem, der aller Orten hört, daß ER euch fasse, leite, trage; ER wird es thun! – Ihr werdet’s inne werden, daß ER nahe ist, – ihr werdet am Ende begreifen, daß es nicht Schwärmerei, daß es Wahrheit ist, wenn die Seligen behaupten: „All’ Tritt und Schritt geht Christus mit!“ Ihr werdet trotz euern Sünden Seine Hirten- und Bruderliebe spüren – Ihr werdet euch erkunden, wie ER die Sünder liebt, wie ER sie auf Adlersflügeln trägt! – Widersprecht nicht mehr, gebt Ihm herzlich Recht, da ER ja doch recht hat – damit ER euch ein Fels der Auferstehung werde! Amen.




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