Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres/Am Neujahrstage 1836

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« Am Sonntag nach Weihnachten 1834 Wilhelm Löhe
Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres
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Am Neujahrstage 1837 »
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Am Neujahrstage.
(Altdorf 1836.)


Mark. 16, 16. Wer da glaubet und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubet, der wird verdammet werden.

 Wir feiern heute das Fest der Beschneidung Christi, an welchem es nicht unschicklich sein wird, in diesem nachmittägigen Gottesdienste von der heiligen Taufe zu predigen. Denn die Beschneidung war im Alten Testament das Sakrament der Aufnahme in den Bund mit Gott; in Christo aber, der Sein erstes Blut in diesem alttestamentlichen Sakramente für uns geopfert hat, hat die Beschneidung ihr Ende gefunden, und ER hat uns dafür ein blut- und schmerzloses Sakrament des Geistes, die heilige Taufe, eingesetzt. Darauf weist schon der Zusammenhang des heutigen Evangeliums mit der Epistel hin; denn während das Evangelium auf die Beschneidung Christi weist, ruft der heilige Apostel in dem heutigen Episteltexte: „Wie viele euer getauft sind, die haben Christum angezogen“ (Gal. 3, 27). So sei denn der treue Heiland heute in dieser Predigt gepriesen dafür, daß ER uns aus dem Alten ins Neue Testament geführt und statt der Beschneidung die heilige Taufe geschenkt hat – und ich nehme, obwohl Evangelium und Epistel ganz wohl zu meinem Gegenstande stimmen, doch lieber den gewaltigen Spruch Mark. 16, 16 zum Texte, des Geist und Kraft mich in dieser Predigt beleben möge zum Heile der Gemeinde! Amen.




I.
 Es ist fürs erste sehr auffallend, wie vergessen und verachtet unter den Christen die heilige Taufe ist. Denn, liebe| Seelen, wer unter euch allen kann mit Wahrheit sagen, daß er fleißig an seine Taufe denke, daß er seine Kinder oft und mit heiligem Ernste an dies edle Gotteswerk erinnere? Und, um die Forderung und Frage zu verstärken, wer unter euch kann sagen, daß er schon einmal auf seine Kniee gefallen sei und Gott dafür von Herzen gedankt habe, daß er getauft sei? Liebe Seelen! die Hand aufs Herz – und antworte ein jeder in seinem Herzen nach der Wahrheit. Ich weiß, wer ehrlich ist, wird wohl gestehen müssen: Es ist wahr, daran denke ich selten, dafür danke ich selten, – habe auch kaum einmal daran gedacht, daß meine Pflicht sei, meine Kinder an ihre Taufe zu erinnern und sie zu herzlichem Danke für dieselbe anzuleiten.
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 Da nun doch ein jedes Kind so ernstlich zur Taufe gebracht wird, da man offenbar ein großes Gewicht darauf legt, daß ein jedes Kind getauft werde, woher denn, wenn einmal das Kind getauft ist, diese Vergessenheit und Verachtung des heiligen Werkes? Denn Vergessenheit ist es doch nun einmal, wenn man nicht daran denkt, und Verachtung, wenn man nicht dafür dankt! – Ich will es euch sagen, woher das kommt. Die Taufe, deren inwendige Herrlichkeit wir, so Gott will, in dieser Predigt noch kennen lernen werden, hat es mit ihrem Stifter gemein, daß sie wie ER keine Gestalt noch Schöne hat, die in die Augen fiele. ER, der ewige Gottessohn, kam in der Gestalt des sündigen Fleisches – und war, wie ein anderes Menschenkind, ja, in Seiner segensvollsten Zeit, da ER am liebenswürdigsten war, am Kreuze, war Seine Gestalt häßlicher, als anderer Leute, und Sein Ansehen, als der Menschenkinder, und ER konnte klagen: „Ich bin wie ein Wurm und kein Mensch.“ So die Taufe – ein wenig Wasser mit kurzem Gebet über das Haupt eines Kindes gesprengt – das ist alles; unansehnlich ist’s und in zwei Minuten ist’s vollbracht. Was aber nicht in die Augen fällt, vergißt und verachtet das eitle Herz des Menschen! – Ferner sind auch die Vorteile, welche die heilige Taufe bringt, für dies irdische Treiben ohne Nutzen, sie sind unsichtbar, und wer sie nicht glaubt, versteht sie weder, noch hat er sie. Wären es| sichtbare Vorteile – bewirkten diese drei Hände voll Wassers mit dem kurzen Seufzer drüber nur etwa, daß des Kindes Haupthaar schnell hervorsproßte, eine Sache, die ohne Wert, doch in die Augen fallend ist – man würde jedermann darauf aufmerksam machen. Es sind freilich alle sichtbaren Vorteile nur vergänglich – und nur was unsichtbar ist, also vornehmlich die Vorteile der heiligen Taufe, ist ewig; aber die Menschen glauben in der Regel im Ernste nicht an eine Ewigkeit – und Vorteile für die Ewigkeit sind ihnen darum keine Vorteile. Was sich nicht im gemeinen, irdischen Leben als nützlich erweist, ist nichts geachtet – darum auch die Taufe. – Um so nötiger aber ist es, davon zu reden und zu lehren.


II.
 Wenn wir nun fragen: Was ist die heilige Taufe? so ist hierauf die Antwort: Sie ist fürs erste ein Sakrament. Ein Sakrament aber ist eine vom HErrn eingesetzte heilige, geheimnisvolle Handlung, in welcher unter einem irdischen, sichtbaren Zeichen ein himmlisches Gut ausgeteilt und dadurch evangelische Gnade versiegelt oder gewirkt wird. Zu einem Sakrament gehören demnach vier Stücke: 1. die Einsetzung des HErrn, 2. ein irdisches, sichtbares Zeichen, 3. ein himmlisches Gut, 4. evangelische Gnade, das ist, Vergebung der Sünden. Alle diese vier Stücke finden sich bei der heiligen Taufe: die Einsetzungsworte sind euch allen, hoffe ich, bekannt – von der Vergebung der Sünden haben wir hernach zu reden. Hier bei der Frage: „Was ist die heilige Taufe?“ kommt uns insbesondere zu, auf das zweite und dritte Stück, auf das irdische Zeichen und himmlische Gut hinzuweisen. Das irdische Zeichen ist Wasser – das gehört zur Taufe, und zwar reines, ungemischtes, so daß eine Taufe keine Taufe und ungültig ist, wenn verderbtes, gemischtes Wasser oder eine andere Flüssigkeit dazu genommen wird. Das himmlische Gut ist Gott der heilige Geist – und mit ihm die ganze heilige Dreieinigkeit. Solange das Wasser auf dem Tische oder Altare steht, ist es nur Wasser und weiter nichts; sowie aber der Priester es unter lauter Anrufung des dreieiniges Gottes,| auf Befehl JEsu Christi fasset und auf den Täufling gießet, hat sich ein unaussprechliches, geheimnisvolles Wunder ereignet: der heilige Geist hat sich mit dem Wasser vereinigt, Wasser ist Sein Gewand geworden; der Geist kommt im Wasser, das Wasser ist geworden ein gnadenreich Wasser des Lebens, ein „göttliches, seliges“ Wasser, wie es der edle Täufer Martin Luther nennt! Dieser anbetungswürdige, ewige, hochgelobte Geist – im Verein mit Vater und Sohn – nahet dem Täufling; seine Seele ist Gott so nahe, als eine Kreatur dem ewigen Gott nahe werden kann – und auch sein Leib, triefend vom Wasser, mit dem der Geist verbunden, ist ausgesondert, geheiligt zum ewigen Leben! Ha! welche Majestät! – zugegen, ein Kindlein anzunehmen, ist der dreieinige Gott! Wie herrlich bist Du, HErr, im Sakrament! Wie verborgen – wie unerkannt – auf wie himmlischen, schmalen Wegen eilst Du zu der verlorenen Kreatur und rufst: „Hier bin ich, hier bin ich!“ Wer würde es glauben, daß diese einfache Handlung, wie ein armes Gewand, solche majestätische Liebe Deines Vaterherzens umhülle, wenn nicht Dein eigener Mund dies Wasserbad nennete: eine Wiedergeburt aus Wasser und Geist – wenn nicht Dein heiliges Wort dieser Handlung solche Wirkungen beimäße, von denen man sagen muß: „Wasser thut’s freilich nicht,“ kann’s unmöglich thun, sondern das muß sein der ewige Gott, welcher sakramentlich durch das Wasser wirkt, und durchs Wort! Wahrlich! da muß man sich beugen vor Dir, Du ewiger HErr, heilig, heilig heilig! Wahrlich, wo man taufet, da ist Bethel, – da muß man sagen: „Gewißlich ist der HErr an diesem Orte, und ich wußte es nicht! Hier ist wahrhaftig Gottes Haus und die Pforte des Himmels!“ Denn hier steigen nicht allein Engel nieder, sondern es besucht der Aufgang aus der Höhe die arme Hütte des Menschen – und kehrt ein wie im Stall zu Bethlehem! Hochgelobter Gott, Du bist würdig, angebetet zu werden, wenn Du kommst zu wohnen im armen Täufling – und wir, wie die Weisen aus Morgenland, kommen, suchen Dich in der Krippe eines menschlichen Täuflingsherzens und schenken Dir Gold des Ruhmes, Weihrauch des Dankes und| Myrrhen bitterer Reuethränen, daß Du Dich Deinem Volke so nahe thust, wie keinen Heiden – und Dein Volk sucht Dich in der Ferne und findet Dich nicht!


III.
 Was giebt aber, fragen wir weiter, und was nützt die Taufe? Daß es nicht nutzlos oder wirkungslos sein könne, wenn der dreieinige Gott selbst herbeieilet, und Sein Geist über dem Taufwasser schwebet, wie über den Wassern der Schöpfung, wenn ER, im Wasser vereinigt, in die Seelen Eingang nimmt; daß da ein Werk, nicht minder wunderbar, als die Schöpfung selbst und ihr heiliger, vom Geiste einst geweihter Schmuck – hervorgehen muß, – das kann man schließen, auch wenn man nicht weiß, was sie eigentlich wirkt! Daß es ein Segen sein muß, ein großer Segen, das ist nicht minder gewiß; denn ist’s nicht lästerlich, zu glauben, daß Gott in die Tiefe komme zum Verderben der Menschen? Was ist’s nun aber für ein Segen? „Wer glaubet und getauft wird, der wird selig“ – siehe da, die Wirkung der heiligen Taufe, ihre Gabe, ihren Nutzen: er heißt Seligkeit! Wo aber Seligkeit ist bei dem sterblichen Menschen, wo der Anfang der Seligkeit bei uns erscheint, worin soll der anders bestehen, als in Vergebung der Sünden, Erlösung von Tod und Teufel? Ja, da in der Taufe der heilige Geist uns nahet, was kann anders sein, als daß wir geheiligt werden durch ihren Geist? – Ja, ein herrlicher Gewinn ist es, den die Taufe bringt: die Sünde wird weggenommen, des Todes und Teufels Gewalt wird vernichtet, der Mensch wird Gottes, Gott wird sein Vater, der Sohn und Sein Verdienst umfähet ihn, wie ein Kleid, der Geist erfüllt ihn, daß es ihm geht, wie geschrieben steht: „Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder!“ Darum rühmt der heilige Apostel Paulus Gal. 3, 26. 27 von den Christen: „Ihr seid alle Gottes Kinder durch den Glauben an Christo JEsu. Denn wie viele euer getauft sind, die haben Christum angezogen.“ „Ihr seid abgewaschen,“ ruft er 1. Kor. 6, 11, „ihr seid geheiligt, ihr seid gerecht geworden durch den Namen des HErrn JEsu und durch den| Geist unsers Gottes.“ – So nun das in der heiligen Taufe geschenkt wird, so ist sie ja die größte Wohlthat Gottes, die uns gegeben werden könnte! Da hat ja Gott, der Barmherzige, alle Seine Schätze, Seinen Himmel, alle Kräfte des Kreuzes JEsu, alles Verdienst Seines Sohnes in dies arme Wasser gelegt – und schwimmt uns darauf der ganze Himmel zu! – Dazu kommt noch, daß der heilige Geist uns da in die Kirche JEsu und aus dem Reich der Finsternis ins Reich des Lichtes versetzt, daß wir in den ewigen Weinstock JEsus eingepflanzt und mit Seinem Geist und Leben begabet werden, – daß wir ein Glied an Seinem Leibe, das ist, Seiner Gemeinde, werden, daß wir mit der ganzen Gemeinde der Gläubigen eins werden, wie auch St. Paulus 1. Kor. 12, 13 rühmt: „Wir sind durch einen Geist alle zu einem Leibe getauft, wir seien Juden oder Griechen, Knechte oder Freie!“ Siehe, so kommen wir ja durch die Taufe ins Bündlein der Lebendigen, und können als Glieder Christi nimmermehr verloren werden. Siehe, was alles die heilige Taufe nützt und giebt für das ewige Leben! Und so verachtet ist sie dennoch, so vergessen, ein gewisses Zeichen, daß die Christenheit weltlich geworden ist! Mit vollem Rechte sagt Luther im großen Katechismus, 664: „Rechne du, wenn etwa ein Arzt wäre, der die Kunst könnte, daß die Leute nicht stürben, oder ob sie gleich stürben, doch bald wieder lebend würden und danach ewig lebeten, wie würde die Welt mit Geld zuschneien und regnen, daß vor den Reichen niemand zukommen könnte? Nun wird hier in der Taufe jedermann umsonst vor die Thür gebracht ein solcher Schatz und Arznei, die den Tod verschlingt und alle Menschen beim Leben erhält.“ – Ja, wahrlich! Aber wer glaubt es? Es ist der Glaube weniger Seelen Kraft und Lust! „Es ist eine Kunst,“ sagt Luther, „solches zu glauben!“


IV.

 Fragen wir nun weiter: Wen soll man taufen? und antworten, wie folgt:

 Es ist ein Unterschied zu machen zwischen Erwachsenen| und Kindern. Unter den Erwachsenen soll man bloß diejenigen taufen, welche glauben, das heißt, welche Buße thun und ihre eigenen Werke und Gedanken ganz und gar verwerfen und nicht darauf achten, sondern sich allein anhängen an den einigen Seligmacher JEsus und mit diesem ihrem einigen Heilande ganz und gar und völlig wünschen verbunden zu werden. Solchen wird die heilige Taufe gereicht zur Stärkung, Bestätigung, Besiegelung ihres Glaubens, und sie empfangen in der heiligen Taufe das Pfand des nun auch ihnen zugesprochenen Erbes, den Geist der Kindschaft und des Friedens, der in ihnen die Welt überwindet. – Deswegen predigen die unter den Heiden nach Gottes Willen wirkenden Prediger zuerst den Heiden oder Juden und lehren sie, wie der heilige Diakonus Philippus den Kämmerer von Mohrenland gelehrt hat – und wenn ihnen dann unter der Predigt und Lehre der Glaube zum fröhlichen Bekenntnis gewachsen ist, daß sie verleugnen die Abgötterei und Sünde und alles, was des Teufels ist, dann taufen sie dieselben. –
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 Bei den Kindern aber ist es anders, bei den Unmündigen und Säuglingen nämlich; diese werden, wenn die Eltern es zugeben, ohne Unterschied getauft. Da fragen freilich die Leute gern, ob denn die Taufe da etwas helfe und gültig sei, da doch die Kleinen nicht glauben können? Allein fürs erste beruht die Gültigkeit der Taufe keineswegs auf unserm Glauben, – denn sie ist ein göttliches Werk, welches wie Gott selbst bleibt, was es ist, der Mensch mag davon halten, was er will. Gleichwie der Mond seinen Glanz behält, wenn schon die Hunde bellen, und die Sonne, wenngleich die Eulen sich davor verkriechen: so bleibt die Taufe eine Taufe, und zwar Gottes Taufe, auch wenn sie nicht geglaubt wird. Ihren Nutzen kann der Unglaube von sich stoßen, sie zu genießen, kann er sich weigern; aber eine Taufe ist und bleibt sie, und wenn einer nicht gleich an sie glauben will und sie genießt, vielleicht kommt ihm durch Gott später der Glaube, so wird sich die Taufe mit ihrem Segen nicht entziehen, sondern beweisen, daß sie eine aufgethane, milde, bleibende Gotteshand voll Heil und Segen ist. Ja, so unabhängig vom Glauben| ist dies edle Werk, daß fast alle Hauptparteien der christlichen Kirche sie als gültig anerkennen, selbst wenn der Täufer, also die taufende Kirche eine irrig glaubende, wohl auch im Punkte der Sakramente irrig glaubende ist; nur eins vorausgesetzt, daß die äußere Form der Taufe richtig nach des HErrn Einsetzung ist, – nämlich daß reines Wasser und die vorgeschriebenen Worte gebraucht werden. – Ist nun das, so ist auch die Kindertaufe gültig, wie denn auch Gott beweist, daß sie vor Ihm gültig sei, indem ER keine andere Kirche gegenwärtig hat, als aus solchen bestehend, die als Kinder getauft wurden, und sie dennoch segnet und sich zu ihr bekennt. – Was aber den Glauben der Kinder anlangt, so spricht der HErr von unmündigen Kindern und Säuglingen also: „Wer nicht das Reich Gottes nimmt, wie ein Kind“ etc. – schreibt ihnen also eine musterhafte Empfänglichkeit für das Reich Gottes zu, welches ist Gerechtigkeit, Friede und Freude im heiligen Geist, hat auch das Unmöglichscheinende an dem Täufer Johannes bewiesen, der noch im Mutterleibe mit dem heiligen Geiste erfüllt ward, daß er sich freuen konnte über die Ankunft Seines Heilandes JEsu. Wer giebt also uns das Recht, weil die jungen, des Lebens und ihrer Umgebung ungewohnten Kindlein nicht reden, noch denken wie die Erwachsenen, ihnen abzusprechen, was der HErr ihnen zuspricht? Der HErr naht ihnen im Sakrament, wie ER einst persönlich sichtbar Seine Hand auf sie legte, sie herzte und segnete, und wirkt in ihnen ein neues Leben. ER hat ihnen Sein Reich, also sicher auch Seine Taufe zugesprochen: sehet ihr scheel, daß ER so gütig ist? Oder seid ihr weiser, als ER? Oder könnt ihr beweisen, daß, was ich da sage, Trugschlüsse sind, – ihr Menschen weniger Tage, die ihr damit die Kirche seit Jahrtausenden scheltet, welche von je und je gläubig die Säuglinge zum Sakramente trug und ohne Zweifeln dabei fest stand, daß ein getauftes Kind ein wiedergeborenes Kind, ein Heiliger Gottes, ein Kleinod sei, – welche mit größter Sorgfalt darüber wachte, daß sie getauft werden möchten, damit sie nicht allein den Bund der Verheißung hätten, wenn sie eilend stürben, sondern auch den neuen Bund der Erfüllung| und sie erführen die Einwohnung des dreieinigen Gottes und erlöset würden von der Sünde, die ihnen angeboren war; – welche so sehr darauf hielten, daß sie getauft würden, daß sie im höchsten Notfall selbst denen, die nicht geordnet sind zu Haushaltern über Gottes Sakramente und Geheimnisse, sie selbst Weibern nach dem Vorbild des Alten Testaments in der Beschneidung erlaubt, ein sterbendes Kind zu taufen, damit es, obwohl unverloren auch ohne Taufe, dennoch rein gewaschen zu Christo in Sein Himmelreich käme! – Nein, nein! Bei dem ordnungsmäßigen, apostolischen Glauben der Väter bleiben auch wir und gebieten: „Lasset die Kindlein zu Ihm kommen!“


V.

 Eine weitere, allerdings wichtige Frage ist diese: Was wird durch die Taufe von der Sünde weggenommen, was nicht und warum nicht?

 1. Weggenommen, versenkt ins Meer, vertilgt, vergessen, im Himmel wird durch die Taufe die Schuld der Erb- und aller andern Sünden, welche der Täufling etwa begangen hat, so viel ist sicher und gewiß! Davon werden wir auch, ehe wir schließen, noch einiges reden müssen bei der letzten Frage.

 2. Aber nicht weggenommen wird die Wurzel der Sünde, Lust und Anfechtung. Diese bleibt auch bei dem Getauften und Gläubigen, ja, sie wird ihm um so beschwerlicher, weil er, gleichwie sie ihm vergeben ist, an ihr, als dem alten Menschen, nach dem inwendigen Menschen keine Freude mehr hat, sondern, wenn es möglich wäre und von ihm abhinge, am allerliebsten sie ein für allemal ertöten möchte. Denn diese übrigbleibende, uns anklebende Lust, Reiz, Lockung, Anfechtung und Versuchung, das ist es, was in der Schrift der alte Adam heißt – wie denn auch Luther, S. 669, im großen Katechismus sagt: „Was ist denn der alte Mensch? Das ist er, was uns angeboren ist von Adam, zornig, gehässig, neidisch, unkeusch, geizig, faul, hoffärtig, ja ungläubig, mit allen Lastern besetzt und der von Art kein Gutes an sich hat.“ Nicht, daß wir damit – oder daß Luther sagen wollte,| die Laster könnten noch herrschen im Getauften und Wiedergeborenen, sondern daß sie, obwohl sie vergeben sind, und ihre Macht gebrochen ist, immer wieder Eingang suchen und uns reizen.
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 3. Daß nun Gott der Allmächtige diese Dinge uns übrig gelassen hat, da es Ihm ein Leichtes gewesen wäre, sie wegzunehmen, hat seine weise Absicht. Würden sie weggenommen ganz und gar, so würde man auch diese Wohlthat vergessen, wie andere, ja, in unsern Ländern, wo es fast keine andern Leute, als Getaufte giebt, würde der Undank desto stärker werden. Nun aber der HErr die Anfechtung gelassen, aber die Vergebung über sie gesprochen und den heiligen Geist mit Seinen Kräften geschenkt hat in der Taufe, entsteht dadurch der heilige Kampf des Glaubens, in welchem wir erfahren sollen, daß der HErr täglich in uns streitet und überwindet, während unsere verborgene Seele gläubig und stille ruht in ihrem Gott. Da wird unser Bundesgott, der bei uns in der Taufe Wohnung gemacht, recht herrlich, wenn wir täglich schauen dürfen, wie ER unsre Hände lehrt streiten und überwinden! Da werden wir täglich erinnert an die Taufe, aus welcher uns, wie aus einem Quell, die Überwindungskräfte zufließen, und wir können in täglicher Erfahrung ihrer Kräfte sie schätzen lernen, bis uns diese Kräfte unsrer Taufe und unsres Taufbundes, unsres Bundesgottes hindurchbringen von der streitenden Kirche durch den Jordan des Todes in das verheißene Land Kanaan, in das Himmelreich, in die triumphierende Kirche. So ließ der HErr dem Volke Israel auch darum Philister im Lande, damit ihnen nicht der HErr zu ferne träte, wenn es ihnen zu wohl würde, damit sie Ihn immerdar anriefen in Nöten, ER sie errettete, und sie, wenn sie Seiner Hände Macht sähen, erkennen müßten, daß der Gott der Väter noch lebe und regiere – und sie Ihn preiseten, und ER wohnete in den Lobgesängen Israels. Es ist mit diesem Kampf unsrer Seele, den wir in Kraft der Taufe führen, wie mit Lazari Krankheit und Tod und so vielen andern Krankheiten zu Lebzeiten JEsu – sie sind nicht zum Tode gewesen, sondern zur Ehre Gottes, daß ER verherrlicht| würde. Gerade in diesem Kampfe soll offenbar werden, daß ER ein treuer Gott ist, der Seinerseits den Taufbund treulich hält, ein Gott, der da hilft, ein HErr HErr, der vom Tode errettet! – Das ist ja auch die Bedeutung der Taufhandlung nach ihrer ursprünglichen Verwaltung. Denn ursprünglich wurden die Täuflinge im Wasser dreimal untergetaucht und tauchten wieder auf. Wenn der Täufling untergetaucht war und das Wasser über ihm zusammenschlug, so war es, als wäre er im Wasser begraben und ersäuft – wenn er wieder auftauchte, glich er einem wieder auferstandenen Toten, der sein Grab durchbricht und neugeboren hervorkommt. So soll täglich der alte Mensch in der Kraft der Taufe durch Buße untergetaucht, ertötet werden, unablässig bis ans Ende soll unsichtbar diese Untertauchung fortgehen, welche sichtbar bei der heiligen Taufe geschah – und dann soll durch tägliche Tötung auch täglich der Mensch erneut werden im Glauben, in Liebe und Heiligung; während der äußerliche Mensch von Tag zu Tage mehr verweset, soll der innere von Tag zu Tage erneut, von Tag zu Tage mehr wahr werden und in der Wahrheit erfahren, was St. Paulus zu den Römern am sechsten schreibt: „Wir sind samt Christo durch die Taufe begraben in den Tod, daß, gleichwie Christus ist von den Toten auferwecket durch die Herrlichkeit des Vaters, also sollen auch wir in einem neuen Leben wandeln.“ Dahin muß es kommen – immer lichter muß unser Wesen emporkommen – immer schöner leuchten! Wie die Sonne täglich ihre Kugel ins Meer hinabläßt und gereinigt und verschönt an jedem Morgen emporsteigt, so sollen wir täglich uns reinigen, stärken und kräftigen, niedersteigend in die Kräfte der Taufe, und täglich neuer, JEsu ähnlicher, mit triumphierenderem Glauben, also auch mit heiligerem Leben emporkommen!


VI.
 Freilich jammert da manches Herz, daß es bisher nicht dran gedacht habe, daß aus der längst geschehenen, gleichsam gestorbenen Taufe Lebenskräfte für späte Tage und Jahre kommen! Daß es auch jetzt, nachdem ihm gepredigt ward,| daß mit großer Zuversicht auf die Taufe der Kampf geführt werden kann, es noch nicht wage, fröhlich zu sein über die ihm gezeigte Quelle von Überwindungskraft, weil der Verstand so viel gegen eine Lehre einwende, die fast aussehe wie ein schöner Traum! Manches Herz übt sich nicht im Andenken und Danken für seine Taufe und erfährt darum keine Kraft! Es geht fort und fort schwer und nicht ohne große Sünden und vielfältige Fehle her, unter welchen nicht der geringste ist, daß man die Kräfte der heiligen Taufe so lange verachtet und nicht benutzt habe! Manche Seele spricht traurig: Mir war meine Taufe bisher gar nichts – sie ist für mich ein Schiff, das zerbrochen ist, und ich bin herausgefallen und schwimme im Meer der Welt und Sünde.

 Aber dagegen und gegen ähnliche Klagen mögen folgende Sätze reichen, gewissen Trost verleihen:

 Die Taufe ist nicht allein eine Quelle der Kraft und Stärkung für die Streitenden, damit sie wohl streiten, sondern auch eine Quelle der Tröstung für alle Sünden des nachfolgenden Lebens. Wer es treu meint, wer die Sünde haßt und dennoch häufig sündigt, wer im heißen Streit des Lebens mehr seinen Wankelmut, seine Feigheit, den Tod, die Lahmheit seiner Seele zum Guten, als die Fortschritte zum Siege erkennt, wer immer nur vor Augen hat, was noch zu überwinden ist, ohne über sich zu schauen auf die Krone, die allen denen gegeben wird, die endlich doch den Glauben bewahren bis ans Ende, der tröste sich mit seiner Taufe, er darf es! Alle Sünden werden vergeben dem, der an dem Bunde seiner Taufe und an dem Bundesgotte gläubig festhält; nur wer nicht glaubt, dem ist nichts zu vergeben, weil er keine Vergebung annimmt. In der Taufe hat Gott einen Bund aufgerichtet, der Ihn nie gereut, den ER nie verletzt, den ER treu bewahrt; denn Seine Gaben können Ihn nicht gereuen. Auch wußte ER damals wohl, was für ein Gemächte wir sind, mit wie schwachen, armen Leuten, deren Dichten und Trachten böse ist von Jugend auf, ER einen Bund aufrichtete; hätte ER an dem Orden der Sünder einen Greuel gehabt, wäre ER nicht in Christo JEsu unser geduldiger, versöhnter| Vater geworden, so hätte ER den Bund unterlassen können, aber ER hat ihn gemacht und uns getauft mit dem Vorsatz – in Kraft der Taufe, nachdem wir am ganzen Leibe gewaschen wären mit reinem Wasser, uns täglich wieder die Füße zu waschen, welche von täglichen Sünden und Wandel staubig werden, täglich für alle Sünden reichliche Vergebung uns zu schenken. Das eben ist ein starker Glaube, der Gottes Herz für größer hält, als das eigene Herz, der täglich wieder seine Sünde erkennt, aber täglich wieder glauben kann, daß er dennoch Gottes Kind ist, und daß er in Christo JEsu ein Recht habe, seine Hütte bei Gott aufschlagen zu lassen, auch für keinen Gottlosen und Bösen zu gelten, von welchen geschrieben ist: „Wer böse ist, bleibt nicht vor Dir!“ Ja, das eben ist ein Gott wohlgefälliger Mensch, der sich in festem Vertrauen auf Gottes unwandelbaren Bund, auf Gottes dem Abraham und in ihm allen Gläubigen gegebenen Eid und Verheißung, auf den ewigen Gottessamen Christus und Sein Leiden – sich mit großem Ernst und Zuversicht an Seine Taufe erinnert, im Geiste wieder zurücksteigt in die Flut der Taufe und im festen Glauben an Vergebung sich wieder hervorbegiebt! Selig, wer das glaubt, wer so glaubend seine Tage zählt, – ich glaube, er hat die Stufe des göttlichen Lebens erreicht, die da groß ist!
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 O Brüder, auch ihr, die ihr Bund und Treue ganz gebrochen habt, die ihr bisher in schändlichem Meineid und Bruch eures Tauf- und Konfirmationseides gelebt habt, die ihr in grobem Hochmut Gottes Wort und die Predigt, alle göttlichen Verheißungen und Gebote verachtet und ein Leben geführt habt nach eurem eigenen Gutdünken, auch ihr seid einmal getauft, auch ihr seid darum noch nicht ohne Rettung, auch ihr habt einen Gott, der den Bundesbrief, den ER in der Taufe mit euch gemacht hat, noch nicht austilgte! Ihr seid nicht rettungslos verloren in dem Meer eurer Sünden – denn ihr schwimmt also noch in der Nähe der Arche und des Schiffes, wie Luther sagt, das bereit und vorhanden ist, euch wieder aufzunehmen! Denn dies Schiff hat Gott gebaut, diese Arche hat Seine Hand gezimmert. Sie leidet nie Schiffbruch,| denn ER selbst wohnt darin – darum haltet nur inne mit euren Sünden und eilet wieder herzu in dem Glauben an eure Taufe, schwimmt heran an das Schiff des Bundes, ergreifet Gottes Verheißung und schwingt euch wieder hinein – alle Bewohner der Arche werden jauchzen und sich freuen! Getauft seid ihr – glaubet wieder, so ist der Abfall vergeben, so sind die Sünden bedecket, so empfangt ihr Freudenöl für Traurigkeit und schöne Kleider für einen betrübten Geist; so werdet ihr in Vergebung der Sünden gekleidet und werdet jauchzen: „Ich freue mich in dem HErrn!“ Ach, sprechet: Ich bin getauft, o Gott, – und bin abgefallen; aber Du heißest mich zurückkehren! Ich bin Dein Eigentum geworden in der Taufe – nun will ich’s wieder sein, daß Du mich nicht als ein Gefäß der Unehre in Deinem Hause zerschmetterst, sondern Ehre einlegest an mir vor Deinen heiligen Engeln!

Ich gebe Dir, mein Gott, aufs neue
Leib, Seel und Herz zum Opfer hin.
Erwecke mich zu neuer Treue
Und nimm Besitz von meinem Sinn!
Es sei in mir kein Tropfen Blut,
Der nicht, HErr, Deinen Willen thut.

Laß diesen Vorsatz nimmer wanken,
Gott Vater, Sohn und heilger Geist!
Halt mich in Deines Bundes Schranken,
Bis mich Dein Wille sterben heißt.
So leb’ ich Dir, so sterb’ ich Dir,
So lob’ ich Dich dort für und für!

 Thut ihr also, wohl euch! so seid ihr gerettet und neugeboren für den HErrn – und euer ewiges Glück ist gemacht! Thut ihr aber das nicht, so seid ihr verloren; denn wer nicht glaubt, der wird, spricht unser Text, verdammet werden! Ja, verloren und nicht wieder gefunden! Verloren und nicht mehr gesucht vom ewigen Hirten! Verloren und verstoßen von Gottes Angesicht! Verloren und vergessen im Himmel! Bekannt nur – in der Hölle!

 Brüder! Es liegt mir am Neujahrwünschen nichts! Die Kirche, der ich angehöre, feiert heute kein neues Jahr; an| Advent feiert sie Neujahr, heute aber feiert sie den Schluß des Weihnachtsfestes mit dem Andenken an Beschneidung und Taufe. Ich habe daher des Neujahrs wegen nichts zu wünschen, am wenigsten an diesem Orte! – Aber ich habe allezeit ein Herz voll guter Wünsche und Gebete für euch, und das weiß auch heute einen Wunsch, damit ich nicht der einzige sei, der gerade nicht wünschen wollte, wenn alle Leute wünschen!

 Sehet, ich wünsche euch nicht gute Ernten und Gesundheit, denn das kann ich auch nicht unbedingt für euch beten, und was ich nicht beten kann, wünsche ich nicht. Aber ich wünsche, was ich für euch gebetet habe, daß ihr euren zahllosen Sünden, dem Leichtsinn, dem Stolz, den ihr zum Teil auf eure Ernte habt und auf euer Geld, zum Teil auf euer Leben, Thun und Lassen, zum Teil auf nichts oder gar auf eure Sünden – daß ihr dem allen absterben, euch in diesem Jahre bekehren, zum Glauben an eure Taufe zurückkehren, neue Menschen werden, die Vergebung eurer Sünden erlangen, Leben und Seligkeit gewinnen und so der ewigen Verdammnis entrinnen möget, die drohend über euch und euren Häuptern hängt und der ihr sicher nicht entfliehet, wenn euch nicht meine Neujahrswünsche in Erfüllung gehen! Denn es steht schlimm mit dieser Gemeinde! Der allbarmherzige Gott bekehre euch und gebe euch einen neuen Sinn, daß ihr erkennen möget den Wahrhaftigen und seid in dem Wahrhaftigen, in den ihr gesetzt wurdet durch die heilige Taufe, nämlich in Seinem Sohne JEsus Christus, welcher ist der wahrhaftige Gott und das ewige Leben! Amen. Amen.




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