Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres/Am Neujahrstage 1837

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« Am Neujahrstage 1836 Wilhelm Löhe
Predigten für die festliche Hälfte des Kirchenjahres
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Am Sonntag nach Neujahr 1835 »
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Am Neujahrstage.
(Merkendorf 1837.)


Luk. 2, 21. Und da acht Tage um waren, daß das Kind beschnitten würde, da ward Sein Name genannt JEsus, welcher genannt war von dem Engel, ehe denn ER in Mutterleibe empfangen ward.

 Über das euch soeben vorgelesene Evangelium predigen scheint leicht und kurz. Aber wenn man es ganz auslegen sollte, so wäre es weder leicht noch kurz, und am wenigsten leicht, wenn es zugleich kurz sein sollte. Denn obgleich der ganze Text nur aus einem einzigen Verse besteht, so steht doch in demselben als das Hauptwort, in dessen Kraft und Bedeutung man eingehen muß, der Name JEsus, – und dann die Beschneidung JEsu; beides aber sind Gegenstände, über die man eher Bücher schreiben, als kurze Predigten halten kann. Ich will darum einmal nur von der Beschneidung predigen.

 Es ist sonst gewöhnlich, daß man das neue Jahr mit Wünschen anfängt, auch hier auf der Kanzel. Allein fürs erste hat die Kirche an dem neuen Jahr der Welt eigentlich gar keinen Teil, weil ihr Neujahr mit Advent beginnt, – und was das Wünschen anlangt, so ist’s damit so eine Sache. Die besten Wünsche hört der Mensch nicht gern, er will sich immer nur wünschen lassen, was er sich selbst wünscht; und was der Mensch sich selbst wünscht, ist gewöhnlich unverständig, und wäre sein größtes Unheil, wenn es hinausginge. Ein Vater sagte einmal zu seinem Sohne: „Mein Sohn, was ich dir wünsche, magst du nicht, – was du dir wünschest, darf ich dir nicht wünschen, – ich wünsche dir also, was Gott| fürs Beste hält.“ Damit will auch ich mein Wünschen angefangen und beschlossen haben – beschlossen vor euren Ohren, was in meinem Herzen für euch lebt; das dauert nicht so kurz wie ein Neujahrswunsch, der ohnehin gar oft aus falscher Absicht hervorgeht, das wird alle Tage vor Gott offenbar. Der HErr erhöre mein Gebet für euch.

 Das Beste aber, was euch nach Gottes Rat und Gnade werden kann und soll, ist eben die Beschneidung, von welcher ich heute zu euch reden will. Ich feiere damit mit der heiligen Kirche das Fest der Beschneidung Christi und – zugleich das neue Jahr.




I.
 Die Beschneidung ist Abraham und seinem Samen gegeben – sie ist ein Bundeszeichen zwischen Gott und Seinem auserwählten Volke Israel. An seiner Beschneidung sollte jeder Israelit alle Tage erkennen, daß er mit seinem Volke aus allen Völkern aus- und abgesondert – und Gott geweiht sei; daß er zu Gott in einem besonders nahen Verhältnis vor allen Völkern stehe, daß Gott ihm besonders nahe sei. Unbeschnitten und fremd von den Testamenten der Verheißung sein ist im Alten Testament ein und dasselbe Ding gewesen. Da nun unser HErr und Heiland nach dem Fleische Abrahams Same ward, so hat ER sich in Seiner Niedrigkeit, um alle Gerechtigkeit zu erfüllen, auch beschneiden lassen – und auch das Blut, welches hierbei floß, ist aus Liebe zu Seinem Volke vergossen. – Ihr werdet mich freilich fragen, ob ich denn meine, daß alle Menschen leiblich beschnitten werden müßten, weil ich als den besten Neujahrswunsch für euch und für alle Menschen die Beschneidung nenne; allein es versteht sich von selbst, daß ich, in den Fußstapfen St. Pauli wandelnd und lehrend, eine äußere und leibliche Ceremonie nicht zurückwünsche, welche doch der HErr nach dem Wort Seines heiligen Apostels als Schattenwerk aufgehoben hat. Ich wünsche euch nicht die Beschneidung eures Fleisches, sondern die Beschneidung eures Herzens, welche ja durch die leibliche Beschneidung nur| angedeutet wurde, wie auch St. Paulus Röm. 2, 28. 29 sagt: „Das ist nicht ein Jude, der auswendig ein Jude ist, auch ist das nicht eine Beschneidung, die auswendig im Fleisch geschieht; sondern das ist ein Jude, der inwendig verborgen ist, und die Beschneidung des Herzens ist eine Beschneidung, die im Geist und nicht im Buchstaben geschieht, welches Lob ist nicht aus Menschen, sondern aus Gott.“ Wenn nun die Beschneidung des Fleisches schon ein Zeichen der Abgesondertheit von der Welt und der Gottgeweihtheit ist, so ist die Beschneidung des Herzens ihrem Wesen nach selbst nichts anderes, als eine Absonderung des Herzens von allem, was Welt und Sünde heißt, und eine Weihe für Gott. – Es fühlt ein jeder Mensch die Anfechtung seines Herzens, fühlt, wie es so leidenschaftlich bald für dies, bald für jenes entbrennt, wie es oft durch ganz geringe Dinge in eine Unruhe gebracht wird, die das Gemüt befleckt, wie es so hastig zu dem Verbotenen trachtet und seine Schoß- und Lieblingssünden so geheim zu halten weiß; – er fühlt, wie sich oft die Gedanken untereinander verklagen und entschuldigen; – er weiß, daß er sein Fleisch kreuzigen soll mit allen Lüsten und Begierden, aber er fühlt, daß es nicht gelingt, daß ein Tumult in seinem Innern ist, ein immerwährendes Wählen und Verwerfen, ein Krieg der Vernunft mit Gottes Wort und des Gewissens mit unserm Leben; – es ist offenbar, daß das ein bedauernswürdiger Zustand ist, ein wahrer Jammer. Nun seht, Brüder, – wenn das Herz so umgewendet und verändert wird, daß es nicht mehr mit dem Bösen im Inwendigen streitet, daß es dem Bösen kein Gehör mehr giebt, sondern am Guten hängt; wenn die Liebe und Begier der Seele sich nicht mehr gefangen nehmen läßt von dem, was irdisch und vergänglich ist, wenn sie, obschon angefochten von dem Fleische und der Sünde, keine Lust mehr in sich spürt, einzuwilligen, – wenn das Herz nicht mehr weltlich ist, mit einem Worte, sondern göttlich gesinnt, dann ist die Beschneidung des Herzens da – und die ist doch wünschenswert für euch und alle Menschen – und ihr werdet mir doch nicht übel nehmen,| wenn ich wünsche, daß ihr alle die Beschneidung des Herzens empfangen möget?


II.
 Die Beschneidung des Herzens ist demnach nichts anderes, als die Heiligung des Herzens – und diese ist gewiß ein rechter Wunsch. Man wünscht einem Menschen, was nicht in unsrer Macht steht, ihm zu geben – man zeigt im Wunsche wenigstens durch Worte ein liebevolles Herz, weil man mit der That es nicht zu beweisen weiß. So ist’s mit der Beschneidung des Herzens – sie steht nun einmal in keines Menschen Macht, gehört deshalb ins Reich der Wünsche und in die Neujahrszeit. – Oder hat es je ein Mensch durch seine Anstrengung dahin gebracht, sich selbst zu heiligen? Wo ist der, dem es gelang? Wohl faßt man am neuen Jahre neue Vorsätze, aber warum faßt man neue, als weil man die alten, welche man am vorigen Neujahr gefaßt hat, nicht auszuführen vermochte, weil die alten untauglich geworden sind, sich als unnütz erwiesen haben? Wenn aber die vorjährigen nichts ausgerichtet haben, was wird es mit den heurigen werden? Werden sie vermögen, auch nur einen einzigen Tag vor dem Bösen, vor der Sünde zu bewahren? Werdet ihr sie halten können? Wird es nicht, wenn ihr nur immer auf dem Wege guter Vorsätze bleibt, auch an euch sich beweisen, daß der Weg zur Hölle mit guten Vorsätzen gepflastert ist? Es ist möglich, daß einer sagt: Ich habe so manches Böse abgelegt, seitdem ich einen ernsten Vorsatz gefaßt habe, – ich habe manches Gute durchgesetzt, weil ich es ernstlich wollte. Aber ihr täuscht euch doch. Vielleicht hat einer eine offenbare Sünde abgelegt, aber ist er nun in seinem Herzen reiner geworden, oder sind bloß die Ausbrüche der Sünde weggefallen, während sich die Sünde mit desto geheimerer und stärkerer Kraft ins Herz zurückzog und das Herz vergiftete? Und wenn ihr irgend eine Sünde ablegtet, bildet ihr euch nicht etwas darauf ein, thut ihr euch nichts darauf zu gut? Und wenn ihr das thut, ist nicht euer Stolz um so viel gewachsen, als der Ausbruch der Sünde abgenommen hat? Und ist nicht der Stolz eine| größere Sünde, als alle, eine Sünde, durch welche alle guten Thaten miteinander verdrängt und vergiftet werden, eine Sünde, welche auch keine Ader unbefleckt läßt? – Und was habt ihr nun so gewonnen? – Was aber das anlangt, daß ihr behauptet, manches Gute durchgesetzt zu haben, so täuscht ihr euch auch hierin. Schon deswegen ist’s nicht gut, weil ihr meint, ihr habt es durchgesetzt und dadurch der heiligen Lehre aus dem Munde Gottes widersprechet, der alle Menschen zu Sündern macht und behauptet, daß nicht einer sei, der gerecht ist etc. Gott widersprechen ist die größte Sünde und der satanischeste Stolz, den es giebt – vor dem Hüte dich! Und dann unterscheide wohl zwischen dem, was wahrhaft gut, und dem, was nützlich ist. Daß du Nützliches für das irdische Leben vollbringen könnest, ist möglich, in irdischen Dingen besitzt und übt der Mensch nach der heiligen Lehre einige Kraft und Verstand; aber nützlich ist nicht gut. Die Malerkunst, die Wissenschaft der Natur ist nützlich für dies Leben; aber gut ist sie darum nicht – gut ist nur, was von Gott ist und zu Gott führt. Oft sind die geschicktesten Leute die verworfensten, was das Leben anlangt, und diejenigen, welche nicht mit Unrecht sich mancher irdischen Gabe rühmen, sind die lasterhaftesten Schlemmer, Trunkenbolde und Ehebrecher, – zum Beweis, daß noch nicht Gutes vollbringt, wer Nützliches thut, und daß es in menschlichen Kräften nicht liegt, Gutes zu thun. Es ist also und bleibt ein wahrhaft gutes Werk, die Kraft zum Guten, in dem Bereich der Wünsche – und wahrlich, ich wünsche euch dies alles – wünsche euch die Beschneidung eures Herzens, eure Heiligung!
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 Ihr werdet freilich sagen: Dein Wünschen hilft uns nichts, manche unter uns wollten sich auch gern Heilige und Beschnittene schimpfen lassen, wenn sie es nur wären; aber Wünschen hilft nicht, denn du selbst sagst, daß es in menschlichen Kräften nicht liege, den Wunsch hinauszuführen. Wohlan, Brüder, bei Menschen ist’s nicht möglich, heilig zu werden, aber bei Gott sind alle Dinge möglich – lasset eure Wünsche zu sehnsüchtigen und hoffnungsvollen Gebeten werden; der HErr wird euch zu eurem Wollen, Wünschen, Hoffen das| Vollbringen geben und die Erhörung. – Merket euch aber, damit ihr nicht vergeblich bittet, was ich euch ferner sage.


III.
 Vor dem Glauben keine Heiligung. – Unter dem Glauben meinen wir hier nichts anderes, als den Glauben an das versöhnende Leiden und Sterben Christi. Ehe der Mensch die Macht von Gott empfangen hat, eine feste Zuversicht auf dies Leiden und Sterben Christi zu setzen, – ohne Wanken zu glauben, daß Christus in diesem Leiden und Sterben an unserer Statt unsere Strafen für alle unsere Sünden büßte, – ehe er dadurch ein Vertrauen und eine Freudigkeit zu Gott selbst gefaßt hat, ist es nicht möglich, heilig zu werden. Manche Menschen wollen sich zuerst zum Glauben zubereiten und glauben sich die Vergebung der Sünden erst dann zueignen zu können, wenn sie die Sünde abgelegt haben; allein damit wollen sie wieder die Vergebung der Sünden verdienen, welche doch unmöglich durch einige geringe Werke der Menschen verdient werden kann, da sie selbst der Sohn des lebendigen Gottes für uns nur durch die Hingabe Seines Lebens und durch ein dreiunddreißigjähriges Leben, wie insonderheit durch Seinen bittern Tod, zuwege bringen konnte. Wer mit seinen Werken Gottes Gerechtigkeit zufrieden stellen und die Vergebung der Sünden erkaufen will, der weiß freilich nicht, wie groß und hoch nötig ihm dies edle Gut ist. Auch fällt er eben in den Irrtum, welchen wir schon bekämpft haben, nämlich in den, zu meinen, es sei möglich, aus natürlicher Kraft etwas Gutes zu thun, was nach Gottes Wort eine Lüge ist. – Wenn ein Mensch gläubig geworden ist, so ist er mit Gott vereinigt; denn der Glaube ist nichts anderes als die Wiedervereinigung unseres Herzens mit dem Herzen Gottes. Ist die Schuld vergeben, die Strafe gebüßt, so ist das Herz auch wieder mit dem HErrn zu vereinigen – und die Annahme Seines Büßens, die Zuversicht darauf, ist die Vereinigung selbst. Ist man mit Ihm einmal eines Sinnes, so kommt man auch in den Genuß Seiner Kräfte| und wird durch Seine Kräfte ermächtigt, das Gute zu thun. Es ist einem dann keine Plage, etwas zu thun, was Gott gebot; sondern es ist einem Lust und Freude – denn man hat dann an eben dem Lust, woran Gott Lust hat. – Was hilft’s zu predigen, daß man sein Fleisch kreuzigen solle samt den Lüsten und Begierden, wenn das Herz nicht zuvor mit Gott vereinigt ist? Wo hat jemals einer in eigener Macht seine Lüste und Begierden in sich gedämpft? Es ist eine Unmöglichkeit für den Menschen, Gottes Wort zu erfüllen durch eigene Kraft, es hilft kein Treiben dazu, und ist darum in der Welt nichts unnützer, als das Moralpredigen. Man hat nun in Deutschland seit Jahrzehnten immer Moral gepredigt, die Kräfte des Menschen gereizt, alle nach Gottes Wort unreinen Beweggründe des Ehrgeizes und Vorteils aufgeboten, und es ist damit zwar in Künsten und Gewerben weiter gegangen, aber in der Moral dahin gekommen, daß in dem verwichenen Jahre eine ganze Menge von Büchern herausgekommen sind, in welchen ganz ohne Hehl, ganz offen und nackt und obendrein systematisch behauptet und gelehrt wird, die Ehe und die Religion seien Pfaffentrug, und Tugend sei es, sich an die Bande der Ehe, der Religion, des Gewissens nicht mehr zu kehren, frei und frech sich allen Lüsten seines Fleisches hinzugeben; denn das Fleisch müßte frei werden. So weit ist’s mit der Kreuzigung des Fleisches, seiner Lüste und Begierden bei denen gekommen, welche von dem alten Glauben gewichen sind; so wüten nach so viel Moralpredigten die Lüste und Begierden, daß sie thun, was unerhört ist in der Christenheit, die Heiligkeit der Ehe antasten und die Trösterin der Väter, die ewige Religion. So ist’s geworden. Wohingegen der Mensch im Glauben sich zu Gott gewendet hat, mit Ihm durch JEsu Verdienst vertraut wurde, da löschte der Strom der himmlischen Gnade die Glut der Lüste aus – und mit sanfter Züchtigung führte der Geist des HErrn die Gläubigen dahin, daß sie keusch und züchtig leben, aber nicht wie die Heuchler, die sich seufzend der Welt enthalten, sondern mit Freuden lassen sie, was ihrem Fleische wohl thut, aber| Christo einst so wehe that – und der Glaube und die Liebe zu Christo machen die schmale Straße gangbar, die kein Weltkind geht.


IV.

 So sehr ich darum euch allen, meine Lieben, die Beschneidung eurer Herzen und die Heiligung gönne, ohne welche niemand den HErrn sehen kann; ebensosehr muß ich euch den Glauben wünschen, weil ohne Glauben keine Heiligung ist. Wie aber ohne Glauben keine Heiligung ist, so ist auch kein Glaube ohne Buße; wie Glaube die Quelle der Heiligung ist, so ist die Buße zwar nicht die Quelle, aber die unerläßliche Vorbedingung des Glaubens. Über das Maß der Buße, welche mit dem Glauben verbunden sein muß, läßt sich nichts vorschreiben; weder wie viele Sünden, noch wie tief und sehr sie gefühlt werden müssen, ist von Gottes Wort bestimmt. Es kommt überhaupt weniger auf die Erkenntnis einzelner Sünden, als auf die Erkenntnis des ganzen verderbten Zustandes unserer Herzen an – auf die Erkenntnis unserer Verderbtheit und Hülflosigkeit, – auf eine Erkenntnis, welche bei weitem mehr demütigt, als die Erkenntnis einiger weniger Sünden. Doch auch wie tief einer sich selbst erkenne, welche Blicke er in das Labyrinth seines Herzens gethan habe, das ist weniger die Frage, als daß er nur überhaupt solche Blicke gethan habe, durch welche er von seiner Hülflosigkeit und Strafwürdigkeit überzeugt und deshalb geneigt wird, sich durch Christum mit Gott versöhnen zu lassen.

 Wer nicht seine Strafwürdigkeit und Hülfsbedürftigkeit erkannt hat – wer nicht einsieht, daß das Vertrauen auf eigene Kraft zu nichts führt, als zu immer neuen Sünden, zu immer neuer Erfahrung unserer Verderbtheit, der, meine Brüder, wirft auch sein Vertrauen auf sich selbst nicht weg, der giebt auch die Hoffnung nicht auf, sich selbst helfen zu können, selbst zur Heiligung hindurchdringen zu können, der sieht in Christo nichts, als einen seinesgleichen, der mühsam zur Tugend emporstrebte, nimmt Ihn wohl gar zum Beweis und Beleg, daß der Mensch aus eigener Kraft zur Tugend dringen könne, der hält es für eine Thorheit und für ein| Ärgernis, zu lehren, daß nur Vergebung, durch Blut und Wunden erworben, daß nur Gnade des heiligen Geistes, daß nur wunderbare Kräfte Gottes die menschliche Natur zum Guten führen können, – daß der Mensch verdorben, so verdorben sei, daß nur Wunder ihn retten können, – der wird, wie wir leider die Beispiele haben, auch unter euch, ein Feind Christi und Seines Evangeliums, und verkauft unter dem Namen Weisheit und Aufklärung eine Lehre, die sein eigenes Herz nicht trösten, noch stillen kann, sondern nur umhertreibt flüchtig und unstät, – weil geschrieben steht: „Die Gottlosen haben keinen Frieden!“ – Wer aber erkennt, daß der Mensch böse ist in seinem Dichten und Trachten von Jugend auf, wer durch aufmerksame, ruhige Forschung zur Erkenntnis seines armseligen und rettungslosen Zustandes kam, wer erkennt, daß kein Gebot Gottes ohne das andere ist, eines in und mit dem andern beleidigt wird, wer sich solcher Zeiten zu erinnern weiß, in denen sein Herz dem Bekenntnis eigener Bosheit widerstrebte und den haßte, der ihm seine Bosheit aufdeckte, in denen er es für eine Entehrung der Menschheit hielt, sich für kraftlos zum Guten zu erklären und für einen Sklaven des Bösen von Natur, – wer aber einsehen gelernt hat, daß selbst die Erkenntnis des Zustandes nur Gnade Gottes, um der Weisheit Christi willen gereicht ist, – der ist willig zum Glauben und bittet um ihn, bittet ernstlich und wird erhört, wird gläubig und durch den Glauben geheiligt.

 So sehr ich euch darum Heiligung und Glauben wünsche, ebensosehr wünsche ich euch am neuen Jahre Buße, weil ohne Buße kein Glaube und darum keine Heiligung sein kann, weil die Heiligung aus dem Glauben kommt.

 Ihr werdet – oder wenigstens ein Teil von euch wird sagen, ich möge nur mit meinen Wünschen ferne von euch bleiben, Gott solle vor deren Erfüllung euch bewahren, weil ihr da Betbrüder, Pietisten und Kopfhänger werden müßtet. Aber ich wünsche euch Gutes, es mag euch recht sein oder nicht, wünsche euch, daß ihr einmal euer stolzes Haupt möget in Demut senken vor dem HErrn, der kein Wohlgefallen an eurem fleischlichen Thun haben kann, daß ihr demütig zusammen| beten lernet um Glauben; denn zusammen beten ist doch besser, als zusammen verleumden oder saufen; – ich wünsche, daß ihr zwar nicht Pietisten, aber Christen werden möget, alle zusammen, die ihr’s nicht oder nicht in Wahrheit seid, nicht vor Gott und Seiner Kirche, – ich wünsche euch, meine teuren, herzlich geliebten Brüder, nicht was ihr wollt, sondern was Gott gefällt, nämlich Buße, Glauben, Heiligung – ein beschnittenes Herz, daß ihr nicht seid, wie die Heiden, die keinen Teil haben am Altar unseres Gottes! Amen, Amen. JEsu! Amen.


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