RE:Agathon 13

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band I,1 (1893), Sp. 760762
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13) Tragiker, Sohn des Tisamenos aus Athen (Schol. Plat. Sympos. p. 172a = Schol. Luc. rhet. praec. 11 ed. Jacobitz IV 222 = Cramer Anecdot. Oxon. IV 269. Schol. Aristoph. Frösche 83; die Verdächtigung der Nachricht von H. Müller-Strübing Aristophanes und die historische Kritik 562 Anm. ist abzuweisen). Fest steht, dass er den ersten Sieg an den Lenaeen Ol. 90, 4 (417/6) errang (Athen. V 217a), der später durch Platons Symposion verherrlicht wurde. Er war damals ein junger Mann (νέος, νεανίσκος Symp. p. 175e. 198a). Als er bei dem König Archelaos in Pella war, soll er nach einer Geschichte bei Aelian (var. hist. XIII 4) etwa 40 Jahre alt gewesen sein. Es fragt sich, wann A. nach Pella ging. Ol. 92, 2 (411) war er noch in Athen und Gegenstand des aristophanischen Spottes in den Thesmophoriazusen. Dazu stimmt die Erzählung von einem Gespräch mit Antiphon über dessen erfolglose Verteidigungsrede, die in demselben Jahre gehalten wurde (Aristot. Eth. Eud. III 5 p. 1232b 6ff.). Ol. 93, 3 an den Lenaeen (Januar 405), als die Frösche des Aristophanes gegeben wurden, war er fort; den Ausdruck von v. 85 ἐς μακάρων εὐωχίαν haben so schon die Alten richtig gedeutet: ein εἰς Μακεδόνων εὐωχίαν wird gewendet nach dem sprichwörtlichen εἰς μακάρων εὐδαιμονίαν. Nimmt man hinzu, dass der Gerytades des Aristophanes, in dem A. als der letzte grosse Tragiker, der in Athen anwesend war, noch viel mehr als in den Thesmophoriazusen verspottet war (darum ist nur jenes, nicht dieses Stück in dem oben erwähnten Platoscholion genannt), mit grösster Wahrscheinlichkeit auf 407 angesetzt werden kann (Usener Jahrb. f. Philol. 1889, 375), so hat A. 407/6 Athen verlassen. Da jene Angabe bei Aelian eine ganz allgemeine ist, lässt sich nur bestimmen, dass er 417/6 25–30 Jahre alt war und zwischen Ol. 84, 2 (442) und Ol. 83, 1 (447) geboren wurde. Das [761] Todesjahr ist schärfer zu bestimmen: A. ist vor Archelaos gestorben, der 399 starb (Abel Makedonien vor König Philipp 197), und da im Symposion, dessen Rahmenerzählung vor dem Tode des Sokrates und A. gedacht ist, von vieljähriger Abwesenheit des letzteren von Athen gesprochen wird (p. 172d), so wird A. 400 oder 401 gestorben sein.

A. war von grosser körperlicher Schönheit (Plut. Symp. p. 174a. 212e. 213c; Protag. p. 315e; ὁ καλὸς Ἀγάθων oft). Sein Äusseres hatte etwas Weibisches, er war stets glattrasiert, frisiert und geputzt und gab so der Komödie reichlichen Stoff zu Spöttereien (Aristoph. Thesm. 97ff. 191ff. und sonst). Er war sehr wohlhabend, ein feiner Weltmann und machte ein grosses Haus (Symp., Thesmoph. Schol. zu Arist. Frösche 84; vgl. auch Varro sat. Men. fr. 6 Büch.). Ein besonderes Aufsehen hat das Verhältnis des A. zu dem Kerameer Pausanias gemacht (Plat. Protag. p. 315d; Symp. p. 177d. 193b. e. Xenoph. Symp. VIII 32), der ihn auch nach Pella begleitet zu haben scheint, wenn auch die von ihnen und Archelaos erzählte Geschichte (Aelian. var. hist. II 21), ebenso wie die von des Euripides Neigung für A. (ebenda XIII 4) für uns zunächst nur hübsch erfundene Anekdoten sind. Vgl. v. Wilamowitz Eurip. Herakles I 16, 26. Zu dem sokratischen Kreise hat A. in persönlicher Beziehung gestanden, sehr wahrscheinlich auch zu Gorgias und Prodikos (s. u.).

Die Stelle des Symp. p. 194b, aus der man fälschlich geschlossen hatte, dass A. selbst als Schauspieler aufgetreten sei, ist nach fruchtlosen Debatten (O. Jahn Bonner Sommer-Programm 1866. W. Teuffel Rh. Mus. XXII 440, erweitert in Studien und Charakteristiken 144. Sommerbrodt Rh. Mus. XXIII 533. Grosser Rh. Mus. XXV 432) nunmehr richtig auf den Proagon bezogen von Hiller Herm. VII 353 und Rohde Rh. Mus. XXXVIII 251.

Überlieferte Titel von Stücken des A. sind folgende: Ἀερόπη, Ἀλκμέων, Ἄνθος, Θυέστης, Μυσοί, Τήλεφος. Weder darf man aus Aristot. Poet. p. 1454b 14 auf einen Ἀχιλλεύς noch aus 1456a 16ff. auf eine Ἰλίου πέρσις schliessen. Besonders merkwürdig ist der Titel Ἄνθος; da in diesem Stücke nach Aristoteles Poet. p. 1451b 21f. Namen und Handlung erfunden war, darf man um so weniger ohne irgend einen Anhalt an dem überlieferten Titel zweifeln. A. hat natürlich auch Satyrspiele gedichtet (Thesmoph. 157); aus dem Ausdrucke τῇ πρώτῃ τραγῳδίᾳ ἐνίκησεν (Plat. Symp. p. 173a) zu schliessen, dass er nur einzelne Tragödien zur Aufführung gebracht habe, ist unerlaubt.

Im Stil liebte A. das Pikante, Pointierte, Sentenziöse, Zierliche und Gezierte. Καλλιεπής heisst er (Thesm. 49. 60), noch bei Philostratos vit. soph. I 9, 1. Ausser den etwa 30 meist ganz kurzen Fragmenten giebt die schon mehrfach citierte Partie der Thesmophoriazusen und die Rede des Symposion von seiner Weise eine Vorstellung. Er ist in seinem Stil Schüler des Prodikos (vgl. Plat. Protag. p. 315d) und besonders des Gorgias (vgl. Plat. Sympos. p. 198c). Überall finden sich die Antithesen, Parisosen, Homoioteleuta und Parechesen aller Art in der gorgianischen [762] Manier (im einzelnen aufgezeigt von Blass Attische Beredsamkeit I² 86ff. Scheel de Gorgianae disciplinae vestigiis, Rostocker Dissert. 1890, 45ff.). Das galt im ganzen Altertum als das Charakteristische der Dichtung des A. (Arist. Thesm. II fr. 326 K. Athen. V 187c. Philostrat. vit. soph. I 9, 1; am bezeichnendsten ist die Anekdote bei Aelian var. hist. XIV 13). In der musikalischen Composition folgte er ganz dem neuen Geschmack; das Weiche, Süssliche, Geschnörkelte seiner Lieder sollen die Nachbildungen in den Thesmoph. 101ff. verspotten. Ἀγαθώνιος αὔλησις wurde sprichwörtlich (Hesych. Suid. s. v.; vgl. Philodem. de mus. XIV 39 Kemke). Ausdrücklich überliefert Aristoteles (Poet. p. 1456a 30), dass A. damit angefangen habe die Chorgesänge als blosse Einlagen (ἐμβόλιμα) zu behandeln, die mit der Handlung keinen Zusammenhang mehr hatten. Das chromatische Tongeschlecht soll er öfter angewandt haben (Aristoxenos bei Plut. mus. 20. Plut. Sympos. III 1, 1). Ein Epigramm wird dem A. zugeschrieben bei Stob. ecl. phys. I 8, 16. Bergk PLG⁴ II p. 268.

Ein begründetes Gesamturteil über die Dichtung des A. zu geben, ist uns nicht möglich; ein verurteilendes oder geringschätzendes ist um so unbegründeter, als A. dem Aristoteles so hoch stand und von ihm neben den drei grossen Tragikern aus jener Zeit allein und so oft angeführt wird. Er war jedenfalls neben jenen der originellste, angesehenste, einflussreichste Vertreter der tragischen Kunst des 5. Jhdts.

Litteratur: Ritschl Opusc. I 411ff. Nauck Fragm. Trag.² p. 763–769. Welcker Griech. Tragödien 981ff. Bernhardy Grundriss II 2, 55ff.

Nachträge und Berichtigungen

Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
Band S IX (1962), Sp. [S_IX 1895]
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S. 760 zum Art. Agathon:

13) Ein oben noch nicht bekanntes Fragment bei Photios (der Anfang des Lexikons des Photios hrsg. v. R. Reitzenstein 1907, 87, 26) etc. etc.