RE:Aglauros, Agraulos 2

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band I,1 (1893), Sp. 826830
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2) Tochter des Kekrops und der Aglauros I., von Ares Mutter der Alkippe, Apollod. III 14, 2. Es finden sich über sie verschiedene Sagenversionen im Altertume. Nach Paus. I 18, 2 und Hygin. fab. 166 wurde ihr nebst ihren Schwestern Herse und Pandrosos von Athene in einer Kiste Erichthonios (s. d.) mit dem Befehle übergeben, die Kiste nicht zu öffnen. Als aber Aglauros und Herse – Pandrosos blieb dem Gebote der Göttin gehorsam – es dennoch thaten und den Erichthonios erblickten, wurden sie wahnsinnig und stürzten sich nach Hygin ins Meer, nach Pausanias von der Akropolis hinab. Vgl. Apoll. III 14, 6. Eurip. Ion 270f. Antig. Karyst. 12. Ovid. metam. II 749. Hermann Gottesdienstl. Altert. 421f. Mommsen Heortol. 435. Ovid (metam. II 708–832) erzählt, dass Hermes, als er beim Feste der Athene nach Athen kam, sich in Herse verliebte. Athene aber, auf Aglauros erzürnt, weil sie hauptsächlich Veranlassung zur Eröffnung der Kiste, in der Erichthonios lag, gewesen war, pflanzt heftige Eifersucht in ihr Herz, so dass sie dem Hermes den Eingang zu Herse verschliessen will, wofür dieser sie in Stein verwandelt. Im Schol. zu Hom. Il. I 334 wird im Gegensatz zu dieser Fassung der Sage Pandrosos als Braut des Hermes bezeichnet. Die Tochter der Aglauros, Alkippe, wurde von Halirrhothios, dem Sohn des Poseidon, vergewaltigt, der wegen dieses Frevels von Ares, dem Vater der Jungfrau, getötet wurde. Hellanikos bei Suid. s. Ἄρειος πάγος. Paus. I 21, 4. Apollod. III 14, 2. Nach der von Pausanias wiedergegebenen Geschlechtstradition der athenischen Keryken war ihr Eponymos Keryx ein Sohn des Hermes und der Aglauros: Paus. I 38, 3 Κήρυξ, ὃν αὐτοὶ Κήρυκες θυγατρὸς Κέκροπος Ἀγλαύρου καὶ Ἑρμοῦ παῖδα εἶναι λέγουσιν. Statt Aglauros wird von Pollux VIII 103. Schol. Hom. Il. I 334 und Schol. Aeschin. I 20 Pandrosos als Mutter des Keryx bezeichnet. Vgl. Hesych. Suid. Harpokr. Et. M. s. Κήρυκες. Dagegen finden wir auf dem Weihgeschenk, das Herodes Atticus, ein Angehöriger des Kerykengeschlechts, seiner Gemahlin gestiftet hatte, die dritte Kekropstochter Herse als Gattin des Hermes und Stammmutter des Geschlechtes verzeichnet. Kaibel Epigr. 1046; vgl. Dittenberger Hermes XX 2. Dieses wird der ursprünglichen Fassung der Geschlechtssage entsprochen haben. Vielleicht sind die [827] Kekropstöchter in Athen an die Stelle der in Eleusis mit Hermes verbundenen Chariten getreten (CIA I 5). Dadurch erklären sich wohl auch die Schwankungen des Namens. Toepffer Att. Geneal. 81ff. Aglauros hatte in Athen am Nordabhange der Akropolis ein Heiligtum (Herod. VIII 53), in welchem die jungen Männer Attikas, wenn sie Schild und Speer empfangen hatten, den Eid schwören mussten, durch den sie sich der Verteidigung des Vaterlandes weihten (Eur. Ion 495. Paus. I 18, 2. Hesysch. s. Ἄγλαυρος. Demosth. XIX 303. Lykurg. Leokr. 76. Pollux VIII 106. Stob. Flor. 43, 48. Plut. Alk. 15.; vgl. Aristoph. Thesmoph. 533, wonach auch Frauen bei ihr schwören). Ausser Aglauros waren Enyalios, Ares, Zeus, Thallo, Auxo und Hegemone in die Schwurformel der Epheben verwoben. Vgl. Preller-Robert Gr. M. I 201. Dittenberger de ephebis atticis 9. G. Gilbert Griech. Staatsaltert. I 296. Toepffer Att. Geneal. 135. Nach Steph. Byz. s. Ἀγραυλή soll der attische Demos dieses Namens nach Agraulos benannt worden sein, doch heisst die zur Erechtheis gehörige Gemeinde auf Inschriften durchweg Ἀγρυλή (s. d.). In der athenischen Kultlegende erscheint Aglauros als heldenmütige Jungfrau, die sich während eines langwierigen Krieges infolge Orakelspruchs freiwillig für das Heil der Vaterstadt opfert, indem sie sich vom Burgfelsen hinabstürzt. Philochoros fr. 14 bei Schol. Demosth. XIX 303. Diese Sage erinnert an die verwandte von den drei Töchtern des Erechtheus, die sich während eines Krieges freiwillig von ihrem Vater zur Rettung der Stadt töten liessen, worauf sie zu Hyaden wurden. Eurip. Ion 273; vgl. fr. 359. Philochoros fr. 31 bei Schol. Soph. O. C. 100. Nahe verwandt den Kekropstöchtern sind auch die Ἰωνίδες νύμφαι (Paus. VI 22, 7. Strab. VIII 356), sowie die ländlichen Ammen und Wärterinnen des Epimenides Buzyges, dessen Kultstätte gleichfalls am Fusse des Burgfelsens lag. Vgl. Toepffer Att. Geneal. 144. Euripides schildert im Ion die Reigentänze der παρθένοι Ἀγλαυρίδες (23) am Nordabhange der Burg und lässt Pan die Syrinx dazu blasen, ein anmutvolles Bild, das auf zahlreichen attischen Votivtafeln dargestellt ist. Furtwängler Athen. Mitt. III 200. Diese auf dem Acker als Gottheiten ländlicher Fruchtbarkeit hausenden Jungfrauen stehen in engem Zusammenhange mit dem Kultus der Athene als uralter Ackergöttin und sind auf dem Wege mythologischer Vervielfältigung aus ihrem Wesen hervorgegangen. Nach Harpokration s. v. war Ἄγλαυρος ein Beiname der Athene selbst wie auch Πάνδροσος. Schol. Aristoph. Lys. 439. Toepffer Att. Geneal. 134. Preller-Robert Gr. M. I 201. Dagegen wird man Ἕρση mit dem Apollon Ἕρσος zusammenbringen dürfen, der zugleich mit Pan und den Nymphen in der merkwürdigen Felsgrotte von Vari einen privaten Kultus genoss. CIA I 430.

Wie sich Aglauros einmal von der Athene zu einem selbständigen Sagenwesen mit selbständigem Kultus losgerungen hat, so ist sie auf dem Wege eines durchaus analogen mythologischen Vorganges nebenbei zur ersten Priesterin und Dienerin der Göttin geworden, der gemeinsam mit der Athene das Plynterienfest gefeiert [828] wurde, jenes grosse Reinigungsfest, dessen kathartischer Charakter sich sowohl in der Festlegende als auch in den Kultceremonien deutlich ausspricht (Hesych. s. Πλυντήρια· ἑορτὴ Ἀθήνησιν, ἣν ἐπὶ τῇ Ἀγραύλου, τῆς Κέκροπος θυγατρὸς τιμῇ ἄγουσιν. Bekker An. I 270 Ἄγραυλος γὰρ ἱέρεια πρώτη γενομένη τοὺς θεοὺς ἐκόσμησε. Πλυντήρια δὲ καλεῖται διὰ τὸ μετὰ τὸν θάνατον τῆς Ἀγραύλου ἐντὸς ἐνιαυτοῦ μὴ πλυνθῆναι τὰς ἱερὰς ἐσθῆτας; vgl. Hesych. s. Ἄγραυλος. Phot. s. Καλυντήρια). Athenagoras (leg. pro christ. 1) sagt, dass die Athener καὶ Ἀγραύλῳ μυστήρια καὶ τελετὰς ἄγουσιν. Wir wissen, dass mit der Reinigung und Pflege des alten Schnitzbildes der Polias, die alljährlich am Plynterienfeste ihres Peplos beraubt und mit neuem Schmuck bekleidet wurde, ein athenisches Priestergeschlecht, die Praxiergiden, betraut war. Toepffer Att. Geneal. 133. Es ist beachtenswert, dass mit dieser sacralen Thätigkeit eine Geheimfeier verbunden war. Plut. Alk. 34: δρῶσι δὲ τὰ ὄργια Πραξιεργίδαι Θαργηλιῶνος ἕκτῃ φθίνοντος ἀπόρρητα τόν τε κόσμον καθελόντες καὶ τὸ ἕδος κατακαλύψαντες. Wir werden daraus schliessen dürfen, dass die ἀπόρρητα ὄργια der Praxiergiden mit den μυστήρια καὶ τελεταί des Athenagoras identisch waren, und dass der Kultus der Aglauros ein erbliches Ehrenamt des Praxiergidengeschlechtes bildete. Die CIA II 1369 erwähnte Ἀγλαύρου ἱέρεια Φειδοστράτη Ἐτεοκλέους Αἰθαλίδου θυγάτηρ wird eine Angehörige dieses Geschlechtes gewesen sein; vgl. CIA II 948 und U. Köhler Athen. Mitt. IX 53. Auf die enge Verschmelzung der Athene mit Aglauros und den Praxiergiden weist auch die Inschrift Ἐφ. ἀρχ. 1883, 141: ἱέρειαν Πολιάδος Ἀθηνᾶς καθ’ ὑπομνηματισμὸν τῆς ἐξ Ἀρείου πάγου βουλῆς καὶ ἐπερώτημα τῆς βουλῆς τῶν φ καὶ τοῦ δήμου τὸ γένος τὸ Πραξιεργιδῶν; vgl. CIA IV p. 5. II 374. 481. Auch Demeter steht mit ihr in Beziehung: CIA III 372 κουροτρόφου ἐξ Ἀγλαύρου Δήμητρος. Toepffer Att. Geneal. 144. Das Herumtragen der παλάθη ἡγητηρία und die am Meeresufer vollzogene Waschung des heiligen Kultbildes der Athene lassen die Plynterien deutlich als Reinigungs- und Sühnfest erscheinen. Dazu stimmt der Charakter der Aglauros und ihr Schicksal in der Sage. Sie unterscheidet sich von ihren beiden Schwestern durch ein rauheres, heftigeres und wilderes Wesen, welches mit der furchterweckenden, sühneheischenden Seite der Athene eng zusammenhängt. In Salamis auf Kypros, wo Aglauros mit Athene und Diomedes einen heiligen Bezirk hatte, wurde zu bestimmten Zeiten der Aglauros ein Menschenopfer dargebracht, indem der Priester einen Jüngling mit der Lanze durchbohrte. Porphyr. de abstin. II 54. Euseb. praep. evang. IV 16. Auch die Sage von dem Felsensturz der Aglauros hängt wohl mit einer alten Opfersitte zusammen. Vgl. Welcker Trilogie S. 285ff. Toepffer Rh. M. XLIII 144 und die auf analogen Anschauungen basierenden Thargeliengebräuche der Athener und Ionier. Im attischen Kultus ist noch der Zusammenhang der Epheben mit Aglauros und dem Plynterienfeste bemerkenswert. In den Inschriften werden neben den Epheben noch die Genneten genannt, unter denen wohl die Angehörigen [829] des Praxiergidengeschlechtes zu verstehen sind; vgl. CIA II 469. 470. 471. Dittenberger (de ephebis atticis S. 63) bezieht diese Ephebenprocession auf das Oschophorienfest, wie ich glaube mit Unrecht. Der Zusammenhang der Epheben mit Aglauros spricht sich auch in der Eidesformel aus, die im Aglaurion alljährlich beschworen wurde; vgl. Starker de nomophylacibus, Breslau 1880, S. 18ff. Toepffer Att. Geneal. 135. Nach dem Zeugnis in Bekkers An. I 239 wurden den drei Töchtern des Kekrops auch Deipnophorien dargebracht: δειπνοφορία γάρ ἐστι τὸ φέρειν δεῖπνα ταῖς Κέκροπος θυγατράσιν Ἕρσῃ καὶ Πανδρόσῳ καὶ Ἀγραύλῳ. ἐφέρετο δὲ πολυτελῶς κατά τινα μυστικὸν λόγον· καὶ τοῦτο ἐποίουν οἱ πολλοί· φιλοτιμίας γὰρ εἴχετο. Preller-Robert Gr. M. I 201. Dieser Usus steht offenbar mit den Errhephorien im Zusammenhang. Toepffer Att. Geneal. 121ff. Bildliche Darstellungen der Aglauros und ihrer Schwestern sind nicht selten. Über Aglauros im östlichen Parthenongiebel: Welcker Alte Denkm. I 77ff.; auf Vasenbildern beim Raub der Oreithyia: Welcker a. a. O. III 145ff. Stark Ann. d. Inst. 1860; auf attischen Votivreliefs: Kekulé Thes. S. 80 nr. 192. Furtwängler Athen. Mitt. III 200.

[829.28] A. besass ein Heiligtum unmittelbar unter dem Nordabhang der Akropolis in Athen (der jetzt üblich gewordene Name ‚Aglaurion‘ ist im Altertum nicht nachweisbar): es war ein ausgedehnter Hain (τέμενος Paus. I 18, 2), in dem sich alljährlich die herangewachsenen Epheben versammelten, um den Fahneneid zu leisten (Demosth. XIX 303 mit Schol. Poll. VIII 105f. Plut. Alcib. 15. Philostrat. Apollon. IV 7) und ist in unmittelbarem Zusammenhang zu denken mit den reich bewässerten und in üppiger Vegetation prangenden Gefilden, die sich hier längs der Frontseite der Burg erstreckten, jenen στάδια χλοερὰ πρὸ Παλλάδος ναῶν, deren Schönheit Euripides (Ion 494ff.) preist. Vgl. Wachsmuth Stadt Athen I 222. 301f. Nach Herodot VIII 53, der erzählt, wie die Perser hier auf die Burg heraufkletterten, muss das ‚Aglaurion‘ unfern (östlich) des vorpersischen Burgaufgangs gelegen haben; doch hat man seine Worte (ἀποκρήμνου ἐόντος τοῦ χώρου), die nur den steilen Absturz dieser nordwestlichen Partie des Burgfelsens schildern, fälschlich auf eine Grotte (oberhalb der Kapelle der Seraphim nr. 57 auf dem Burgplan von Michaelis in der 2. Ausgabe von Jahns Pausan. arc. descr.) und einen hier bis zur Burghöhe heraufgehenden Felsspalt bezogen. Dagegen ist ein unmittelbarer Zusammenhang wie gottesdienstlich so auch örtlich mit den Kultstätten der Athena auf der Burg mit Sicherheit anzunehmen und jetzt durch die Aufräumungen auf der Akropolis aufs völligste erwiesen. Schon bei der ersten Herrichtung der Burg nach den Perserkriegen ist oberhalb der Grotte 56 (auf Michaelis Plan) in der hier scharf nach NW vorspringenden Ecke eine Treppenverbindung mit dem Aglaurion hergestellt, wie sie auf Kaweraus Skizze von der Burgfläche (im Märzheft des Δελτίον ἀρχαιολογικόν 1889), auch schon auf dem Lollingschen Grundriss der Burg (in Müllers Handb. d. Altw. III) angegeben ist. Übrigens [830] hatte nach der Theaterplatzinschrift CIA III 372 auch die Ge Kurotrophos im Aglaurion Altar und Priesterin.