RE:Aristarchos 22

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band II,1 (1895), Sp. 862873
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22) Aus Samothrake, Sohn des A., der berühmte alexandrinische Grammatiker. Über die äusseren Lebensumstände dieses bedeutenden Mannes sind wir in der Hauptsache auf einen mageren Artikel bei Suidas angewiesen. Suidas setzt ihn in Ol. 156 (um 156 v. Chr.) unter Ptolemaios Philometor (reg. 181–147), dessen Sohn Ptolemaios Eupator er auch unterrichtet habe. Dieser wurde bekanntlich nach dem Tode seines Vaters von seinem Oheim Ptolemaios Physkon (Ptolemaios Euergetes II.) ermordet, der übrigens selbst zu den Schülern des A. gehörte (Athen. II 71 b). Weiter berichtet Suidas, er sei Schüler des Aristophanes von Byzanz gewesen und heftiger Gegner des pergamenischen Grammatikers Krates; er habe gegen 40 Schüler gehabt und sei auf Kypros im Alter von 72 Jahren von der Wassersucht geplagt den freiwilligen Hungertod gestorben. Er hinterliess zwei Söhne, A. und Aristagoras, auf die jedoch von der geistigen Grösse des Vaters nichts übergegangen war (ἄμφω δὲ ἐγένοντο εὐήθεις); der ältere wurde in die Sclaverei verkauft und kam nach Athen, wurde aber von den Athenern ausgelöst. Für das Äussere des A. haben wir eine Notiz bei Athen. I 21 c, wonach sein Mitschüler, der Aristophaneer Kallistratos, ihn in einer Schrift wegen der unschönen Art sich zu kleiden (ἐπὶ τῷ μὴ εὐρύθμως ἀμπέχεσθαι) verspottet haben soll.

Die chronologische Notiz bei Suidas kann nicht gut die Blütezeit, sondern eher das Lebensende des A. bezeichnen. Nach wahrscheinlicher Berechnung fällt seine Lebenszeit ungefähr zwischen Ol. 141 und 159 (ca. 216–144 v. Chr.); vgl. G. Busch De bibliothecariis Alexandrinis qui feruntur primis 51ff. Dass A. nach dem Tode des Aristophanes von Byzanz Vorsteher der Alexandrinischen Bibliothek wurde, darf als ausgemacht gelten, denn wer wäre würdiger gewesen, Nachfolger des Aristophanes in diesem Amte zu werden, als sein grosser Schüler? Weshalb A. am Ende seines Lebens Alexandreia verlassen hat und nach Kypros gegangen ist, erfahren wir nicht. Vermutlich geschah es bald nach dem Regierungsantritt des Ptolemaios Physkon (145), als dieser alle Freunde des ermordeten Ptolemaios Eupator umzubringen befahl (Iust. XXXVIII 8, 3. Athen. IV 184 c), weshalb auch A. als dessen Lehrer sich in Alexandreia nicht sicher fühlen mochte.

A. gelangte in Alexandreia zu einer grossartigen Autorität, die sich traditionell das ganze Altertum hindurch erhielt. Sein Name bezeichnet den Höhepunkt philologischer Kritik und Gelehrsamkeit im Altertum. Die Späteren konnten [863] Verdienstliches nur leisten, wenn sie auf seinen und seines Lehrers Aristophanes Schultern standen. Alle Versuche auf dem Gebiete der Grammatik und der Kritik und Exegese der Schriftsteller, die sich von seiner Methode und seinen Grundsätzen entfernten, waren wissenschaftliche Rückschritte. Er stiftete die berühmte Schule der Aristarcheer in Alexandreia, die sich in ununterbrochener Tradition bis in die römische Kaiserzeit erhielt. Unter seinen Schülern, deren Zahl auf 40 angegeben wird, treten uns zum Teil bedeutende Namen entgegen, wie Ammonios, Apollodor, Dionysios Thrax, Ptolemaios von Askalon, Ptolemaios Pindarion. Welche Geltung sein Wort noch in späterer Zeit hatte, zeigen die charakteristischen Äusserungen Schol. A zu Il. II 316 πτερύγος παροξυτόνως · καὶ ὁ μὲν κανὼν θέλει προπαροξυτόνως, ὡς δοίδυκος · ἀλλ’ ἐπειδὴ οὕτως δοκεῖ τονίζειν τῷ Ἀριστάρχῳ, πειθόμεθα αὐτῷ ὡς πάνυ ἀρίστῳ γραμματικῷ und zu Il. IV 235 … καὶ μᾶλλον πειστέον Ἀριστάρχῳ ἢ τῷ Ἑρμαππίᾳ, εἰ καὶ δοκεῖ ἀληθεύειν. Seine litterarische Thätigkeit war eine sehr fruchtbare. Nach Suidas soll A. über 800 Bücher ὑπομνημάτων μόνων verfasst haben. Wolf Proleg. 229 meinte, A. habe blos Commentare geschrieben, sonst nichts. Lehrs Arist.³ 21 erklärte richtiger ,800 Schriften, blos die Commentare gerechnet‘, so dass also noch andere Schriften anzunehmen sind. In der That werden συγγράμματα des A. von den ὑπομνήματα bestimmt unterschieden von Didymos zu Il. II 111. Es werden uns auch die Titel einzelner dieser Specialschriften genannt: περὶ Ἰλιάδος καὶ Ὀδυσσείας (Didym. zu Il. IX 349), πρὸς Φιλητᾶν (Didym. zu Il. I 524. II 111), πρὸς Κωμανόν (Didym. zu Il. I 97. II 798. XXIV 110), πρὸς τὸ Ξένωνος παράδοξον (Didym. zu Il. XII 435, gegen die Chorizonten gerichtet), περὶ τοῦ ναυστάθμου (Ariston. zu Il. X 53. XII 258. XV 449: diese Schrift enthielt zugleich einen Situationsplan des griechischen Schiffslagers, τὸ περὶ τοῦ ναυστάθμου διάγραμμα oder τὸ τοῦ στρατοπέδου διάγραμμα, Ariston. zu Il. XI 166. 807; vgl. Lehrs Arist.³ 221ff.). Was die grosse Zahl der ὑπομνήματα betrifft, so erklärt sie sich einerseits aus dem Umstande, dass die Commentare zu den einzelnen homerischen Gesängen als besondere Werke citiert und gerechnet wurden, so dass also auf Homer allein 48 Commentare kommen, und ebenso wohl auch auf die einzelnen Stücke der Dramatiker je ein Commentar, andererseits daraus, dass ein grosser Teil dieser Commentare nicht von A. selbst herausgegeben, sondern nach seinen Vorträgen von den Schülern aufgezeichnet und unter seinem Namen verbreitet wurden. Daher waren auch diese Commentare sehr ungleicher Art, man unterschied sorgfältigere von minder sorgfältigen (Didym. zu Il. II 111 ἔν τινι τῶν ἠκριβωμένων ὑπομνημάτων, zu Il. VII 130 ἐν τοῖς ἐξητασμένοις Ἀριστάρχου; vgl. Schol. Ar. Plut. 385), und Didymos legte den συγγράμματα grösseren Wert bei als den ὑπομνήματα.

Die Berechtigung des grossen Ruhmes und der fast einzigen Stellung A.s unter der grossen Zahl der alexandrinischen Grammatiker, die man früher auf Treu und Glauben annehmen musste, zeigte sich in vollem Umfange, nachdem durch Herausgabe der Venetianer Scholien zur Ilias die [864] Möglichkeit geboten war, ein genaueres Bild von seiner Thätigkeit für Homer zu entwerfen. Ein solches und zwar in den Hauptzügen erschöpfendes Bild verdanken wir auf Grund dieses Materials der meisterhaften Darstellung von K. Lehrs in seinem Buche De Aristarchi studiis Homericis, Regimontii 1833 (2. Aufl. 1865, 3. Aufl. 1882). Danach können wir es einigermassen begreifen, dass der Philosoph Panaitios, obwohl ein Schüler seines Gegners Krates, A. wegen der Leichtigkeit, mit der er divinatorisch in den Geist der Dichter einzudringen wusste, einen μάντις nannte (Athen. XIV 634 c … Ἀρίσταρχος ὁ γραμματικός, ὃν μάντιν ἐκάλει Παναίτιος ὁ Ῥόδιος φιλόσοφος διὰ τὸ ῥᾳδίως καταμαντεύεσθαι τῆς τῶν ποιημάτων διανοίας). – Bekanntlich enthalten die Scholien des Venetus 456 (A) Auszüge aus den Schriften des Aristonikos περὶ σημείων Ἰλιάδος καὶ Ὀδυοσείας und des Didymos περὶ τῆς Ἀρισταρχείου διορθώσεως, aus der Ἰλιακὴ Προσῳδία des Herodian und der Schrift des Nikanor περὶ στιγμῆς. Von diesen Werken befassten sich die beiden ersten ausschliesslich mit den Homerarbeiten des A.: Aristonikos (s. d.) hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die Bedeutung der kritischen Zeichen, die A. am Rande seiner Homerausgaben gesetzt hatte, aus den vorhandenen Commentaren und der Tradition der Schule zu erklären. Sein Buch war eine ganz objective Arbeit über A., daher auch von ihm meist ohne Nennung des Namens blos in der dritten Person gesprochen wird. Alle Zeichen, welche Aristonikos in den erhaltenen Bruchstücken seines Werkes behandelt, rühren von A. her, abgesehen von einigen wenigen, welche A.s Schüler im Geiste ihres Lehrers hinzugefügt hatten, sei es, dass A. an einzelnen Stellen vergessen hatte, ein Zeichen beizufügen, während es klar war, dass sich die Stellen in nichts von anderen unterschieden, an denen er das Zeichen gesetzt hatte, sei es, dass bei der Vervielfältigung der aristarchischen Ausgaben durch die Abschreiber hier und da ein Zeichen weggefallen war, was dann von der kundigen Hand eines Schülers wiederhergestellt wurde, sei es endlich, dass A. auch nach Veröffentlichung seiner zweiten Ausgabe noch allerlei nachträglich bemerkte, was dann in den entsprechenden Zeichen ausgedrückt in den späteren Exemplaren nachgetragen wurde. Einiges konnte auch Aristonikos selbst aus der mündlichen Tradition hinzufügen. Wenn man nun bei der Vervielfältigung der aristarchischen Ausgaben durch Abschriften auch noch so sorgfältig verfuhr, so konnte es doch im Laufe der Zeit nicht ausbleiben, dass sich allerlei Fehler einschlichen, so dass die verschiedenen Exemplare nicht mehr übereinstimmten und über die wirkliche Lesart des A. an vielen Stellen Zweifel entstanden. Dazu kam, dass A. zwei Ausgaben des Homer besorgt hatte, so dass man also zu den einzelnen Versen seine verschiedenen Lesarten kennen musste. Endlich hatte wohl A. auch nach seiner zweiten Ausgabe sein Urteil über einzelne Stellen modificiert, es waren also auch die späteren Commentare und Specialschriften zu berücksichtigen. Eine Gewissheit war um so schwerer zu erlangen, als die Originale der Ausgaben A.s zur Zeit des Didymos und des Aristonikos nicht mehr vorhanden waren. Bei dieser Unsicherheit [865] der Überlieferung war es denn ein höchst verdienstliches und eines Aristarcheers wahrhaft würdiges Unternehmen, dem sich Didymos in seinem Werke περὶ τῆς Ἀρισταρχείου διορθώσεως unterzog, auf Grund der vorhandenen Quellen Vers für Vers die wirkliche Lesart des A. authentisch festzustellen. Ein charakteristisches Beispiel seiner gelehrten Forschung bietet das Scholion zu Il. II 111 (vgl. Lehrs Arist.³ 17ff.). Ausserdem gab Didymos in diesem Werke noch Auskunft über die Quellen der aristarchischen Diorthose, über die Lesarten verschiedener Ausgaben, der Vorgänger und einzelner Gegner des A., und fügte endlich an verschiedenen Stellen kurz sein eigenes Urteil hinzu, das allerdings in vielen Fällen fehl geht. Trotz der reichen Hülfsmittel, die ihm zu Gebote standen, gelang es auch ihm nicht, überall die Lesart des A. festzustellen, was er dann nicht versäumte, gewissenhaft anzugeben (z. B. zu Il. VI 76. X 124. XIII 2. XVI 467). Bisweilen hat er sich auch durch spätere Commentare täuschen lassen und A. manche Lesart zugeschrieben, die wir dem grossen Kritiker nicht zutrauen dürfen. Die Fragmente der Schrift des Didymos sind gesammelt und kritisch bearbeitet von A. Ludwich in seinem Buche Aristarchs homer. Textkritik Bd. I 175ff.; vgl. A. Roemer Blätter f. bayer. Gymnas. XXI 273ff. L. Cohn Philol. Anz. XVII 87ff. Wenngleich uns nun beide Werke nur auszugsweise und in lückenhafter und vielfach verdorbener Gestalt überliefert sind, so sind wir doch dadurch im Besitz vorzüglicher Quellen, um über A.s homerische Leistungen urteilen zu können. Dazu kommen noch die Excerpte aus dem Werke des Herodian, in dem durchgehends auf A. und die aristarchische Schultradition Bezug genommen ist und A.s Ansichten über Betonung und Orthographie mitgeteilt und meist zustimmend erörtert werden. Alle diese Auszüge übrigens scheinen nicht lange nach Herodian angefertigt zu sein und zwar für die Odyssee ebenso wie für die Ilias; doch sind uns für die Odyssee in keiner Hs. so reichhaltige Scholien erhalten wie im Venetus A für die Ilias. Einige Mitteilungen über A.s Kritik und Exegese erhalten wir auch aus dem leider auch nur im Auszuge erhaltenen Homerlexikon das Apollonios Sophistes (s. d. Nr. 80).

A. verdankte seinen Ruhm hauptsächlich seinen Homerdiorthosen. Er lieferte in ihnen eine auf diplomatischer Grundlage und auf gründlichen Studien über Stil und Sprache Homers beruhende kritische Bearbeitung der Ilias und Odyssee, die heute noch das Fundament aller Homerkritik bilden muss. Sein hsl. Apparat war ein ziemlich umfangreicher; ausser den kritischen Ausgaben des Zenodot, Aristophanes von Byzanz, Rhianos und anderer Grammatiker benutzte er eine Anzahl Hss., die teils nach Städten (αἱ κατὰ πόλεις ἐκδόσεις) teils nach einzelnen Männern αἱ κατ’ ἄνδρας ἐκδόσεις) benannt waren und deren Lesarten von Didymos, vermutlich nach den Commentaren A.s und seiner Schüler, häufig erwähnt werden. Die ältere Einteilung in je 24 Bücher behielt er bei, den letzten Teil der Odyssee von XXIII 297 an bezeichnete er mit seinem Lehrer Aristophanes als unecht, ohne ihn deshalb ganz wegzulassen. Am Rande waren die Ausgaben mit kritischen [866] Zeichen versehen, deren Gestalt und Bedeutung wir nicht blos aus dem Text des Venetus A mit den begleitenden Scholien kennen lernen (vgl. J. La Roche Text, Zeichen und Scholien des berühmten Codex Venetus zur Ilias, Wiesbaden 1862. C. Wachsmuth Rh. Mus. XVIII 178ff.), sondern auch aus mehreren besonderen kleinen Abhandlungen, die man vereinigt findet bei Fr. Osann Anecdotum Romanum, Giessen 1851, und bei A. Reifferscheid Sueton. Reliqu. p. 137–144. Die von A. angewandten Zeichen waren die folgenden: 1. Verse, die A. athetierte d. h. für unecht hielt, wurden mit einem ὀβελός (–) bezeichnet. 2. Überall wo A. in der Lesart von Zenodot abwich, versah er den betreffenden Vers mit einer διπλῆ περιεστιγμένη (>:). 3. Am häufigsten wurde von A. die einfache διπλῆ καθαρά (>) angewandt, nämlich bei allen Versen, auf welchen irgend eine aristarchische Beobachtung ruhte; so hatten die διπλῆ die Verse, in denen A. eine Worterklärung der γλωσσογράφοι bekämpfte, ferner alle, über deren Bedeutung die νεώτεροι, d. h. zunächst die nachhomerischen Dichter, dann aber die späteren Schriftsteller überhaupt irgendwie geirrt oder falsche Vorstellungen gehegt hatten, was sich bei den Dichtern zunächst aus der Art ihrer Nachahmung ergab; Verse ohne genügende hsl. Autorität waren von Zenodot und Aristophanes ganz weggelassen worden; A. folgte ihnen darin bisweilen und bezeichnete dann den vorhergehenden Vers mit der διπλῆ, z. B. Il. VIII 168. IX 140; A. liess aber auch einige Verse aus, die in Zenodots Ausgabe standen, auch in diesem Falle wurde der vorhergehende Vers mit der διπλῆ bezeichnet, z. B. Il. V 807. XIII 808. XIV 136. 4. Verse, die an einer Stelle am Platze waren, an einer andern aber nach A.s Ansicht von einem Diaskeuasten wiederholt waren, wurden an der richtigen Stelle mit einem ἀστερίσκος (※), an der unrichtigen Stelle mit einem ἀστερίσκος und einem ὀβελός (※–) bezeichnet, so finden sich beide Zeichen zu Il. I 195f. (vgl. 208f.). II 160–162 (vgl. 176–178). II 164 (vgl. 180). XV 265–268 (vgl. VI 508–511). XVI 237 (vgl. I 454). XX 195–198 (vgl. XVII 29–32). 5. Wo zusammengehörende Verse durch ungehörige Einschiebsel getrennt sind und eine Umstellung nötig erschien, wurde das ἀντίσιγμα •Ɔ zu dem Vers gesetzt, auf den Ungehöriges folgt, die dazu gehörigen Verse dagegen mit der στιγμή (.) versehen; dies ist z. B. der Fall Il. II 192, wo das ἀντίσιγμα steht, während die dazu gehörigen Verse 203–205 nach der Angabe des Aristonikos mit der στιγμή bezeichnet waren (sie haben im Venetus A das Zeichen Ϲ•, was wohl auf einem Irrtum beruht). – Ein Teil dieser Zeichen war schon vor A. im Gebrauch. So wird uns überliefert, dass ein gewisser Leogoras von Syrakus zuerst die διπλῆ angewandt habe zur Bezeichnung derjenigen Stellen, aus denen hervorgeht, dass der Himmel bei Homer durch οὐρανός bezeichnet werde und Ὄλυμπος nur als Berg vorkomme (Anecd. Paris bei Reifferscheid Sueton. p. 139; vgl. Lehrs Arist.³ 332 Anm. H. Usener Rh. Mus. XX 131). Den ὀβελός hatte bereits Zenodot angewandt. Aristophanes von Byzanz (s. d.) gebrauchte σίγμα und ἀντίσιγμα da, wo A. ἀντίσιγμα und στιγμή anwandte; [867] ebenso bediente er sich des ἀστερίσκος, aber wie es scheint in anderem Sinne als A. (vgl. An. Paris, a. a. O.). Alle diese Zeichen erläuterte A. in seinen Commentaren zu den einzelnen Büchern und in Specialschriften. Didymos zu Il. II 133 erwähnt τὰ κατ’ Ἀριστοφάνην ὑπομνήματα Ἀριστάρχου. Lehrs vermutete sehr wahrscheinlich, dass dies Commentare des A. waren, die sich noch an die Ausgabe des Aristophanes von Byzanz anlehnten, also in die Zeit vor seiner eigenen ersten Ausgabe fielen. An die Erläuterung der Zeichen knüpfte A. alle seine kritischen und exegetischen Bemerkungen. Die Commentare folgten den Gedichten Vers für Vers und enthielten ganze Paraphrasen und Übersetzungen dunkler Ausdrücke in die Sprache der κοινή. Daher finden wir bisweilen λέξεις Ἀριστάρχου citiert, die in Wahrheit aus den Commentaren stammen (vgl. Didym. zu Il. I 97. 424. II 420. 435).

Über das Wesen und den Wert der aristarchischen Textkritik hat sich in jüngster Zeit ein heftiger Streit erhoben, der hauptsächlich von A. Nauck auf der einen und der sog. Königsberger Schule auf der andern Seite geführt wurde. Eine eingehende Rechtfertigung der textkritischen Grundsätze A.s enthält das Buch von A. Ludwich Aristarchs homerische Textkritik nach den Fragmenten des Didymos dargestellt und beurteilt, II. Teil (Leipzig 1885); vgl. L. Cohn Philol. Anz. XVII 93ff. Naucks Ansicht, dass A. regellose und willkürliche Conjecturalkritik getrieben und mit seinen auf verkehrten Anschauungen und falschen Analogieschlüssen ruhenden Conjecturen den Homertext verschlechtert habe, wird durch unsere Quellen widerlegt. A. ging bei der Gestaltung des Textes zunächst von der hsl. Überlieferung aus; dass er eigenen Conjecturen in seinen Ausgaben einen Platz einräumte, lässt sich in keinem einzigen Falle mit Sicherheit beweisen. Allerdings dürfen wir A. nicht eine systematische und methodische Handhabung der diplomatischen Kritik zuschreiben (vgl. H. Steinthal Gesch. d. Sprachw. II² 82ff.). Diplomatische Kritik im modernen Sinne hat A. nicht geübt, die äussere Kritik trat bei ihm hinter der inneren zurück. Keine der früheren Ausgaben oder Hss., die ihm vorlagen, war ihm massgebende Autorität. Auf Grund rationeller Erwägungen constituierte er den Text in jedem einzelnen Falle, wenn die Überlieferung eine schwankende war. In der Polemik gegen die Lesarten Zenodots beruft sich A., soviel wir aus den Fragmenten des Aristonikos ersehen können, niemals auf Hss., er bekämpft sie stets mit Gründen. Aber massgebend war für ihn doch in erster Reihe die παράδοσις d. h. die übereinstimmende hsl. Überlieferung, ihr ordnete er selbst seine ratio unter. Insofern kann der aristarchische Text als der diplomatisch am besten beglaubigte bezeichnet werden, als A. vor gewaltsamen Änderungen, wie sie frühere Kritiker, namentlich Zenodot, vorgenommen hatten, sich scheute und an vielen Stellen der Überlieferung wieder zu ihrem Rechte verhalf. Einzelne Widersprüche, die seine Vorgänger teils durch Conjectur, teils durch Athetese beseitigen wollten, löste er durch exegetische Hülfsmittel wie das der Homonymie, z. B. die bekannte Stelle über Pylaimenes Il. XIII 658. Vgl. A. Schimberg Analecta Aristarchea, [868] Diss. Gryphisw. 1878, 23ff. (der auch zu beweisen sucht, dass A. über solche Homonymien ein eigenes σύγγραμμα περὶ Πυλαιμένους geschrieben habe, was schwerlich richtig ist). Selbst da, wo er die Vulgata nicht für richtig hielt und an einer überlieferten Lesart Anstoss nahm, wagte er keine Änderung im Text, sondern griff in solchen Fällen lieber zur Athetese (Lehrs Arist.³ 354. Ludwich II 78ff.). Diese Athetesen und ihre scharfsinnige Begründung waren es hauptsächlich, die A. den Namen des grössten Kritikers des Altertums verschafften, obwohl ihm Zenodot und Aristophanes von Byzanz in dieser Art von Kritik vorangegangen waren. Schon Zenodot hatte es sich zur Aufgabe gestellt, den Homertext von Interpolationen (διασκευαί) zu reinigen und die der Interpolation verdächtigen Verse als solche zu bezeichnen. Für unecht wurden Verse erklärt, wenn sie den Zusammenhang störten, wenn sie hinsichtlich der poetischen Kunst oder in der Charakteristik von Göttern und Menschen irgendwie anstössig waren, wenn sie in Bezug auf Altertümer Auffallendes enthielten, wenn sie in der Sprache von der sonstigen Gewohnheit des Dichters abwichen. Wenn Zenodot vorzugsweise die beiden ersten Gesichtspunkte angewandt hatte und namentlich viele Verse διὰ τὸ ἀπρεπές verwarf, nicht ohne sich im einzelnen vielfach zu übereilen, wie A. an zahlreichen Stellen nachwies, so war A. nach dem Beispiel seines Lehrers Aristophanes darin vorsichtiger und berücksichtigte in seinen Athetesen mehr die beiden andern Gesichtspunkte. Zenodot hatte vielfach, wo ihm etwas nicht gefiel, entweder ganze Verse fortgelassen oder unpassende Ausdrücke und Verse eigenmächtig geändert. A. liess alle hsl. beglaubigten Verse in der Gestalt, in der sie überliefert waren, im Text und deutete es nur durch den Obelos an, wenn er einen Vers aus bestimmten Gründen für unecht hielt. Zwar hat auch er in der Verdächtigung von Versen manche Irrtümer begangen, aber im ganzen muss sein Scharfsinn in der Beobachtung der homerischen Sprache und Kunst und in der Auffindung von Discrepanzen und unhomerischen Ausdrücken bewundert werden. Vgl. Lehrs Arist.³ 328ff. L. Schwidop De versibus quos Aristarchus in Homeri Iliade obelo signavit, Diss. Regim. 1862.

Gehen wir nun zu den exegetischen Leistungen A.s über, so haben wir hier zunächst seine Verdienste um die Feststellung der Bedeutung homerischer Worte und Wendungen ins Auge zu fassen. A. ging hier überall von dem Bekannten und Feststehenden aus und ermittelte den homerischen Sprachgebrauch durch sorgfältige Beobachtung und Vergleichung aller Parallelstellen. Besonders hütete er sich, die veränderte Wortbedeutung, die sich aus der späteren Litteratur ergab, auf Homer zu übertragen, daher wir häufig bei ihm eine negative Abwehr falscher Bedeutungen finden. Er war in diesem Punkte wie in anderen der Ansicht, dass Homer nur aus sich selbst erklärt werden müsse. Bei seltenen und nur einmal vorkommenden Wörtern ging er vorsichtig zu Werke und beachtete sorgsam, was die Rücksicht auf Deutlichkeit und Einfachheit der homerischen Sprache zunächst verlangt. Dabei standen ihm so gut wie keine Vorarbeiten zu Gebote, abgesehen von dem, was sein [869] Lehrer Aristophanes in den Γλῶσσαι gelegentlich über homerische Ausdrücke bemerkt hatte. Die älteren γλωσσογράφοι, gegen die sich seine Polemik oft richtete, hatten ganz unsinnige Worterklärungen gegeben, indem sie einfach das, was auf den ersten Blick der Sinn zu fordern schien, als Bedeutung des Wortes hinstellten und auf eine Vergleichung der anderen Stellen, an denen das Wort vorkam, sich gar nicht einliessen. Noch Philetas, gegen den sich A. in einer besondern Schrift wandte, hatte in der Worterklärung unglaubliche Missverständnisse begangen. Um so höher sind darum A.s Verdienste auf diesem Gebiete anzuschlagen. Die meisten seiner semasiologischen Beobachtungen, gerade auch in Betreff bekannter Wörter, sind überraschend richtig und genau und zeigen einen feinen Takt und Scharfsinn für Auffindung der richtigen Interpretation. Unter seinen Worterklärungen finden sich wenige, die als verfehlt bezeichnet werden müssen (wie die Erklärung des dunklen διερός Odyss. VI 201 durch ζῶν); vgl. Ed. Kammer Jahrb. f. Philol. CXXIX 1ff. M. Hecht Philol. XLVI 434ff. Auch in der Etymologie finden wir bei A. nicht so krasse Irrtümer wie bei andern Grammatikern. So durch die sorgfältigsten Studien in den Besitz einer genauen Kenntnis des homerischen Sprachschatzes gelangt, schritt er von diesem sichern Fundament aus weiter zur sachlichen Erklärung, zur Erläuterung der homerischen Altertümer. Auch hier hütete er sich vor allem, in die homerischen Gedichte mehr hineinzutragen als wirklich in ihnen zu finden war; im Gegensatz zu den Stoikern und dem Haupt der Pergamener Krates von Mallos zeigte er sich als erklärten Feind aller allegorischen Erklärungsversuche. Überhaupt war der wissenschaftliche Gegensatz zwischen A. und Krates ein durchgreifender. Krates suchte und fand in den homerischen Gedichten die tiefste und allseitigste Gelehrsamkeit, er schrieb Homer die genaueste Kenntnis aller wissenswerten Dinge zu und hielt ihn für den grössten Astronomen, Geographen etc., während A. den verständigen Standpunkt des Eratosthenes teilte, ὅτι ποιητὴς πᾶς στοχάζεται ψυχαγωγίας. οὐ διδασκαλίας χάριν (Strab. I 7). Das müssige Spiel der ἐνστατικοί und λυτικοί, die nicht müde wurden, immer neue Fragen aufzuwerfen, weshalb der Dichter dies und jenes gesagt, und mit der Lösung solcher ζητήματα sich abmühten, widerstrebte seinem gesunden Sinn; wie er darüber dachte, zeigt das charakteristische Scholion zum Anfang des Schiffskatalogs, wo seine Antwort auf die Frage, weshalb Homer mit den Boiotern beginne, mitgeteilt wird: εἰ γὰρ καὶ ἀπ’ ἄλλου ἔθνους ἤρξατο, ἐζητοῦμεν ἂν τὴν αἰτίαν τῆς ἀρχῆς. – Auf mythologischem Gebiet unterschied er äusserst genau die wirklich homerischen Vorstellungen von den erweiternden Umbildungen und anderweitigen Gestaltungen der jüngeren Sage. Dasselbe that er in der Erläuterung der homerischen Geographie, wo er mit der grössten Vorsicht zu Werke ging und grundsätzlich darauf verzichtete, die homerischen Gedichte mit den geographischen Anschauungen der späteren Zeit in Einklang zu bringen. Er trat auch hier auf die Seite des Eratosthenes und sprach dem Dichter eine exacte geographische Kenntnis aller ausserhalb Griechenlands gelegenen Orte ab. Einen [870] Streitpunkt zwischen A. und Krates bildeten unter anderem die Irrfahrten des Odysseus, die A. in die ἔσω θάλασσα, Krates in die ἔξω θάλασσα verlegte (Gell. XIV 6, 3). Sehr sorgfältig unterschied und notierte A. die zahlreichen Homonymien in geographischen Namen bei Homer (vgl. A. Schimberg Analecta Aristarchea 1ff.).

Neben der Wort- und Sacherklärung war die Orthographie und Orthoepie ein wichtiger Gegenstand seiner Homerstudien. Seine Ausgaben waren mit Accenten und anderen prosodischen Zeichen versehen, die dann gleichfalls in den Commentaren erläutert wurden. Aus den betreffenden Angaben der Scholien, die zum grössten Teil aus Herodian stammen, ergiebt sich ein vollständiges System von Regeln über Orthographie, Accentuation, Aspiration, Quantität etc., das die Grundlage aller späteren Forschungen auf diesem Gebiete wurde. Die Analogie spielte bei der Aufstellung der Regeln eine wichtige Rolle, doch war sie nicht ausschliesslich für A. massgebend. Die Tradition (ἡ παράδοσις) und die lebendige Sprache (ἡ συνήθεια oder ἡ χρῆσις), für die er ein sehr feines Gefühl hatte, waren Schranken, über die er einer Analogie zu Liebe sich nicht leicht hinwegsetzte, ein Fehler, in den spätere Grammatiker (wie Ptolemaios von Askalon und Tyrannion) häufig verfielen, da sie diesen richtigen Takt nicht besassen und daher alles streng nach der Analogie regeln wollten; vgl. H. Steinthal Gesch. d. Sprachw. II² 90. 94ff. Dieses Princip der Verbindung von Analogie und lebendigem Sprachgebrauch verfocht A. überhaupt auf grammatischem Gebiet, und nur mit dieser Einschränkung ist A. als Verteidiger der Analogie anzusehen in dem bekannten Streit, den Aristarcheer und Krateteer um Analogie oder Anomalie in der Flexion geführt haben, wie auch Varro ausdrücklich bezeugt (de l. l. IX 1 et Aristarchus, de aequabilitate cum scribit verborum, similitudinem quandam in inclinatione sequi iubet, quoad patiatur consuetudo). A. warnte auch davor, auf scheinbar analoge Bildungen zu viel zu geben und nach solchen bestimmte Regeln aufzustellen. So stellte er den Grundsatz auf, dass man bei der Annahme von Analogien in der Bildung und Declination der Nomina ausser dem Nominativ auch den Vocativ beachten müsse (Varro de l. l. IX 43 Quod dicunt, simile sit necne nomen nomini imprudenter Aristarchum praecipere oportere spectare non solum ex recto, sed etiam ex eorum vocandi casu). Wenn also Krates von der analogen Nominativbildung in den Wörtern Φιλομήδης Ἡρακλείδης Μελικέρτης ausging und wegen der Verschiedenheit ihrer Declination das Vorhandensein einer Analogie überhaupt leugnete, so erwiderte A., diese Wörter seien gar nicht analog gebildet, da sie im Vocativ die ganz verschiedenen Formen Φιλόμηδες Ἡρακλείδη Μελικέρτα zeigen; darauf erwiderten die Gegner, bei dieser Lösung habe A. gar nicht eingesehen, um was es sich handle: quom quaeratur duo inter se similia sint necne, non debere extrinsecus adsumi cur similia sint (Varro de l. l. VIII 68f.). – Grossen Einfluss hatte A. auf die Ausbildung der formalen Grammatik; vgl. H. Steinthal Gesch. d. Sprachw. II² 100ff. Ribbach De Aristarchi Samothracis arte grammatica, Progr. Naumburg 1883. Dass A.s Forschungen, wiewohl sie [871] nur in Einzelbeobachtungen bestanden, die elementare Grammatik zu einem gewissen Abschlusse brachten und die Grundlage für das grammatische Compendium des Dionysios Thrax und die Arbeiten des Herodian bildeten, darf als wahrscheinlich gelten. Das System der acht Redeteile kam durch A. zu allgemeiner, wenn auch nicht ausschliesslicher Geltung (Quintil. I 4, 20; vgl. Schoemann Die Lehre von den Redeteilen 12). Dagegen sind auf syntaktischem Gebiet fast nur Irrtümer von A. zu verzeichnen. Zwar sehen wir auch hier, ein wie feiner Beobachter er war, wenn er lehrte, dass Homer im allgemeinen den Gebrauch des Artikels nicht kenne, dieser bei ihm vielmehr Demonstrativpronomen sei. So leugnete er auch nachdrücklich, dass Dual und Plural, wie Krates behauptete, bei Homer ohne Unterschied gebraucht werden. Allein er räumte in der Syntax dem Pleonasmus, der Ellipse und vor allem der Enallage zu viel Spielraum ein. Er glaubte, dass Genera, Tempora (namentlich Praesens und Praeteritum) und selbst Modi des Verbums mit einander vertauscht werden können. Noch weiter ging er in der Annahme von Vertauschungen der Casus unter einander. An Stellen, wo der sog. aeolische Nominativ sich findet (wie Θυέστα Il. II 107, αἰχμητά Il. V 197, κυανοχαῖτα Il. XIII 563), lehrte er eine Vertauschung des Vocativ mit dem Nominativ. Auch wo das sog. σχῆμα καθ’ ὅλον καὶ μέρος stattfindet (wie Il. XIII 575 τὸν δὲ σκότος ὄσσε κάλυψεν), sah er eine Vertauschung und lehrte, τὸν stehe für τοῦ. Mangelnde Einsicht in den syntaktischen Gebrauch der Casus verleitete ihn auch, häufig Ellipsen der Praepositionen anzunehmen, ebenso glaubte er, dass die Praepositionen willkürlich mit einander vertauscht werden können. Vgl. darüber L. Friedländer in den Fragmenta schematologiae Aristarcheae vor seiner Ausgabe der Überreste des Aristonikos περὶ σημείων Ἰλιάδος. Es konnte nicht ausbleiben, dass A. infolge derartiger Ansichten an einzelnen Stellen falsche Lesarten aufnahm (wie ὀρώρει Il. XVI 633). Dass er sich aber dadurch verleiten liess, den Homertext zu ändern, und dass er sich dies gegen die hsl. Überlieferung erlaubte, lässt sich an keiner Stelle nachweisen. Auch in metrischen Dingen fehlte es A. an genügender Einsicht. Dass Verlängerungen und Verkürzungen des Metrums halber bei Homer vorkommen, bezweifelte er ebensowenig wie die anderen Grammatiker des Altertums. Er glaubte sogar, dass Homer Einschaltungen von Buchstaben διὰ τὸ μέτρον vorgenommen habe (z. B. das γ in ἐγδούπησεν Il. XI 45). Von den feineren Gesetzen des homerischen Versbaues besass er eine sehr geringe Kenntnis (vgl. M. Schmidt Philol. IX 426ff.; Jahrb. f. Philol. LXXI 220ff. A. Ludwich Arist. hom. Textkr. II 126ff.).

Was die allgemeinen Fragen über Homer betrifft, so zweifelte A. nicht an der Existenz eines Dichters Homer, den er für den Verfasser der Ilias und Odyssee ansah. Dass sich in den homerischen Gedichten keine Spur der Schreibkunst finde, bemerkte er ausdrücklich, dass er aber geglaubt, Homer habe selbst nicht geschrieben, lässt sich nicht annehmen (Lehrs Arist.³ 328. A. Roemer Blätter f. bayer. Gynm. XXI 290). Für das Vaterland Homers hielt er Athen (Vit. Hom. [872] II 2. 5. Epiphan. adv. haer. I p. 326 A ed. Col.). Hiermit hängt es zusammen, dass er mit Vorliebe auf angeblich attische Eigentümlichkeiten in der homerischen Sprache hinwies; vgl. L. Friedländer Ariston. 15 Anm. Die Lebenszeit Homers setzte er in das Zeitalter der ionischen Wanderung (Clem. Alex. Strom. I 388 P. Tatian. or. ad Gr. 31). Nach A. brachten also die Griechen die homerischen Gesänge aus dem Mutterlande nach Kleinasien.

A.s Thätigkeit erstreckte sich überwiegend auf Homer, doch zog er auch andere Dichter in den Kreis seiner gelehrten Arbeiten. Von Hesiods Theogonie und Erga veranstaltete er eine kritische Ausgabe und schrieb dazu ὑπομνήματα. Von seinen kritischen Bemerkungen und Erklärungen finden sich einige Bruchstücke in den erhaltenen Scholien und Commentaren zu Hesiod (Schol. Theog. 76. 114. 138. 253. Procl. Proleg. ad Hes. Op. p. 3; ad Op. v. 97. 200. 740. Tzetzes ad Op. 378). Er athetierte in der Theogonie v. 115, in den Ἔργα das Prooemium v. 1–10, ferner v. 210f. 373. 740f.; vgl. H. Waeschke De Aristarchi studiis Hesiodiis in den Comment. philol. semin. philol. Lips. (1874) 151–173. H. Flach Jahrb. f. Philol. CIX 815ff. CXV 433ff. Aristonikos erläuterte A.s Zeichen in einer besonderen Schrift. Wir hören ferner von Commentaren zu Archilochos (Ἀρίσταρχος ἐν τοῖς Ἀρχιλοχείοις ὑπομνήμασι Clem. Alex. Strom. I 388 P.) und zu Anakreon (Athen. XV 671f.) sowie von einer Ausgabe der Gedichte des Alkaios (Hephaest. p. 138 Gaisf.²). Auch von Pindar lieferte er gleich seinem Lehrer Aristophanes eine Ausgabe (vgl. Schol. Pind. Isth. V 47) und schrieb dazu Commentare, aus denen – wohl durch Vermittlung von Didymos – in den alten Pindarscholien ungefähr an 70 Stellen seine Erklärungen angeführt werden. A. war der erste, der eine vollständige Interpretation des schwierigen Dichters versuchte. Er hat auch hier seine Verdienste: wo es sich um einfache grammatische Exegese handelt, verdanken wir ihm manche treffende Erklärung. Wo es aber auf sachliche Interpretation, auf Erläuterung der Mythen und der historischen Verhältnisse in den pindarischen Gedichten ankommt, sind seine Erklärungen zum grössten Teil verfehlt, und wir vermissen hier oft den gesunden Sinn und den Scharfblick, den wir in seiner Homerexegese so sehr bewundern müssen. Er glaubte bei Pindar dieselbe Interpretationsmethode anwenden zu können wie bei Homer, nahm zu viel Rücksicht auf seine homerischen Beobachtungen und tadelte Pindar, weil er von der Darstellungsweise und Sprache Homers abwich. Die historische, geographische und mythologische Erläuterung, die bei Pindar sorgfältige und eingehende Studien erforderte, wurde von A. nicht mit der nötigen Sachkenntnis geübt und daher wenig gefördert; so konnte Didymos, der andere Hülfsmittel und namentlich historische Quellen heranzog, nicht selten den Meister berichtigen. Es muss aber hervorgehoben werden, dass wir über A.s Thätigkeit für Pindar nicht mit derselben Sicherheit urteilen können wie über seine Homerarbeiten, da die Erklärungen grösstenteils in abgerissener und lückenhafter Gestalt überliefert sind und Didymos ihn wohl im allgemeinen nur nannte, wo er seine Ansicht nicht teilte oder ihm Irrtümer [873] nachweisen zu können glaubte, während er manche richtige Erklärung A.s sich vielleicht stillschweigend angeeignet hat. Vgl. E. Horn De Aristarchi studiis Pindaricis, Diss. Gryphisw. 1883. P. Feine De Aristarcho Pindari interprete in Comment. philol. Jenens. II (1883) 253–327. Von seinen Studien im Bereich der Tragiker sind nur geringe Spuren erhalten. Seine Beschäftigung mit Aischylos bezeugt das Citat Ἀρίσταρχος ἐν ὑπομνήματι Λυκούργου Schol. Theokr. X 18. Auf seine Commentare zu Sophokles nimmt Didymos Bezug in Stellen wie Hesych. s. λυκοκτόνου θεοῦ (= Schol. Soph. El. 6) und s. ἐλαιοῦται und Harpokr. s. δερμηστής; vgl. M. Schmidt Didym. 262ff. In den Scholien zu Euripides erscheint sein Name nur einmal (Schol. Rhes. 540). Einen Commentar zur Omphale des Tragikers Ion erwähnt Athen. XIV 634 c. Etwas besser sind wir über seine Aristophanesstudien unterrichtet. Dass er auch im Aristophanes Textkritik geübt hat, ersehen wir aus Schol. Ran. 1437, wo berichtet wird, dass A. die Verse Ran. 1437–1442 athetierte ὅτι φορτικώτεροί εἰσι καὶ εὐτελεῖς. Häufiger werden exegetische Bemerkungen von ihm angeführt, namentlich in den gelehrten und reichhaltigen Scholien zu den Fröschen (vgl. Schol. Eq. 487. 755. 1279; Nub. 109; Vesp. 220; Pac. 1159. 1210; Av. 76; Thesm. 31; Ran. 134. 191. 308. 320. 354. 357. 372. 970. 990. 1124. 1144. 1149. 1206. 1270. 1400. 1413. 1422; Plut. 3). Im allgemeinen gilt von ihnen dasselbe, was von A.s Pindarexegese gesagt ist. Seine Worterklärungen und grammatischen Beobachtungen sind meistens zutreffend; weniger glücklich dagegen war er in der Erläuterung der Realien, namentlich hatte er auf die genaue Erforschung der historischen Verhältnisse, auf welche Aristophanes anspielt, zu wenig Sorgfalt verwendet (Schol. Thesm. 31; Ran. 320. 1422). Vgl. O. Gerhard De Aristarchi Aristophanis interprete, Diss. Bonn. 1850. Über den sog. Kanon der Alexandriner s. u. Aristophanes von Byzanz. – Die Nachricht bei Galen. Lex. Hippocr. 404, Aristarch habe dem Arzt und Lexikographen Bakcheios Beispiele und Belegstellen aus den dramatischen Dichtern für sein Wörterbuch zu Hippokrates gesammelt, ist wohl eher auf Aristophanes von Byzanz zu beziehen, da Bakcheios bedeutend älter als A. gewesen zu sein scheint.

[Cohn.]

Nachträge und Berichtigungen

Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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Band S I (1903), Sp. 132
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S. 860ff. zum Art. Aristarchos:

22) Von einem Commentar des A. zu Herodot erhielten wir vor kurzem Kenntnis durch ein Papyrusbruchstück bei Grenfell and Hunt The Amherst Papyri II (London 1901) p. 3f., das einige Noten zu Herod. I 194–215 enthält mit der Subscription Ἀριστάρχου Ἡροδότου α ὑπόμνημα. Unter anderem lernen wir aus dem Bruchstück die Variante ἅμιπποι statt ἄνιπποι (Herod. I 215) und ein neues Citat aus Sophokles Ποιμένες kennen.

[Cohn.]