RE:Iulius 135

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Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft
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L.f. Caesar Strabo, C. Cur. aed. Anf. des 1. Jh. v. Chr.
Band X,1 (1918) Sp. 428431
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135) C. Iulius L. f. Caesar Strabo, so benannt in dem seit dem 16. Jhdt. verschollenen Elogium vom Augustusforum (CIL I 1² p. 198 = VI 1310. 31596 = Dessau 48), mit den weiteren Beinamen Vopiscus (Varro r. r. I 7, 10. Cic. Phil. 11, 11. Mar. Victorin. gramm. VI 8, 8) und Sesquiculus (Mar. Victorin. a. a. O.), gehörte als Sohn des L. Iulius und seiner Gattin Popillia, der ersten Frau des Q. Lutatius Catulus, und also Enkel des Sex. Iulius Caesar, der Consul war im J. 157 und ältester Bruder des Großvaters des Dictators, des Begründers der jüngeren Linie, dem älteren Zweige der Familie der Iulii Caesares an. Des C. Iulius älterer Bruder Lucius war nach Ausweis der Capitolinischen Fasten zum J. 664 d. St. Consul im J. 90 v. Chr., Q. Lutatius Catulus [429] pater war sein Stiefbruder (Cic. de orat. II 12). Auch C. Iulius widmete sich der höheren Beamtenlaufbahn, hat es aber bloß bis zur curulischen Ädilität gebracht (Cic. Brut. 305; Phil. 11, 11. Varro a. a. O. CIL I 1² p. 198. Ascon. in Scaur. p. 22 K.-Sch.), und zwar im J. 90 v. Chr. (Cic. Brut. 305. 306), er war somit geboren um das J. 130 v. Chr. Außer der Quästur und Ädilität hat C. Iulius bekleidet laut Elogium zweimal das Militärtribunat, er war Xvir agr(is) dand(is) adtr(ibuendis) iud(icandis) – s.Mommsen Röm. Staatsr. II³ 633. Kübler o. Bd. IV S. 2256 – sowie pontif(ex). Der Pontifex C. Iulius L. f., der in einem Senatus consultum aus dem J. 99 v. Chr. bei Gell. IV 6, 2 genannt wird, kann mit diesem C. Iulius identisch sein, der seine Laufbahn als Redner begonnen, und zwar ist er schon im J. 103 als Anwalt der Sarden gegen den Proprätor T. Albucius aufgetreten (s. u.). Als Ädil soll C. Iulius fast täglich auf dem Markte gesprochen haben (Cic. Brut. 305f.). Unter Umgehung der Prätur, in Mißachtung der lex annalis, bewarb er sich um das Consulat (Cic. Phil. XI 11), und zwar im J. 88. Dadurch geriet er in den schließlich in einen Bürgerkrieg ausartenden Konflikt mit den Volkstribunen P. Sulpicius Rufus und P. Antistius, welche beide seinem Antrag widersprachen, letzterer ausführlicher und schärfer als sein Kollege (Cic. Brut. 226), der sich durch die Volksgunst zu weit fortreißen ließ (de harusp. respons. 43) und schließlich zu den Waffen griff (Ascon. in Scaur. 22 K.-Sch.). Infolge dieses Konfliktes wurde C. Iulius in die politischen Wirren des J. 87 hineingezogen und durch Verrat eines Freundes Sextilius, dem er einst als Anwalt wirksam zur Seite gestanden hatte (s. u.), von den Marianern mit seinem Bruder Lucius sowie den Rednern Q. Lutatius Catulus und M. Antonius grausam getötet (Cic. Brut. 307; de orat. III 9. 10. Val. Mai. V 3, 3); s. auch W. Drumann Geschichte Roms III² 1906, 123.

Literarisch ist C. Iulius als Redner und Tragiker hervorgetreten. Von seinen Reden sind noch sechs nachweisbar, die älteste, gehalten im J. 103 v. Chr. gegen T. Albucius, den gewesenen Propraetor Sardiniens, wegen Erpressung, auf Bitten der Sarden (Cic. div. in Caec. 63; off. II 50). Suet. Iul. 55 betitelt die Rede pro Sardis, aus der der große Caesar, dem die Art seines älteren Geschlechtsgenossen behagte, einiges wörtlich in seine Rede gegen Dolabella übernommen haben soll. Erwähnt wird I.s Rede noch von Apul. de mag. 538 Oud. 2. Von den zahlreichen Reden des C. Iulius aus dem J. 90 v. Chr. (s. o.) kennen wir nur die gegen den Volkstribun C. Scribonius Curio, der die schlechte Gewohnheit hatte, beim Reden dauernd hin und her zu pendeln. An ihn stellte daher C. Iulius, wie Cic. Brut. 216 und nach Cic. Quint. inst. XI 3, 129 berichten, die witzige Frage: quis loquitur e luntre (in lintre)? 3. Als aedilicius und zwar eher im J. 89, als 88, in dem er sich ums Consulat bewarb, hielt I. seine Rede apud censores, aus der Varro r. r. I 7, 10 das Bonmot zitiert: campos Roseae Italiae dixit esse sumen, in quo relicta pertica postridie non appareret propter herbam. Vgl. Plin. n. h. XVII 32. 4. Aus einer Entgegnung des C. Iulius auf eine Rede des Volktribunen P. Sulpicius aus [430] Anlaß seiner vorzeitigen Bewerbung um das Consulat hat Prisc. gramm. II 170, 21 sowie 261, 6 die Worte ausgehoben: deinde propinquos nostros Messallas domo deflagrata penore volebamus privare. 5. In de orat. II 266 bezeichnet C. Iulius als eines der wirksamsten Mittel Gelächter zu erregen, wenn man einen körperlichen Fehler oder eine Mißbildung des Gegners an einem Bilde illustriert, welches den betreffenden Mangel in erhöhtem Grade aufweist: so sei er gegen Helvius Mancia (über ihn s. Münzer o. Bd. VIII S. 229, 15) vorgegangen, dem er erklärte: ostendam cuiusmodi sis und, auf dessen Antwort ostende quaeso, zeigte er mit dem Finger auf einen verrenkten Gallier, der zu Füßen der Tabernae novae auf einem Schild aus dem Cimbernkriege des Marius gemalt war, mit heraushängender Zunge und schlaffen Backen. Die frappante Ähnlichkeit habe eine Lachsalve ausgelöst; s. auch Quint. inst. VI 3, 38. Plin. n. h. XXXV 25 (letzterer nennt Helvius nicht und statt Caesar den Redner L. Crassus). 6. Als Verteidiger war C. Iulius in dem Kapitalprozeß eines gewissen Sextilius aufgetreten, dessen Freisprechung er erwirkt hat. Mit Entrüstung berichtet Val. Max. V 3, 3 über den Undank, mit dem Sextilius seinem Retter gelohnt hat. Als in den Schreckenstagen des J. 87 C. Caesar bei ihm auf seinem Landgut in Tarquinii Schutz suchte, scheute sich Sextilius nicht, seinen Wohltäter den Henkern auszuliefern.

Cicero, dem wir hauptsächlich unsere Kenntnis von den Reden des C. Iulius, den er in jungen Jahren fast täglich auf dem Markte gehört hat (Brut. 305), danken, lobt im Brut. 177 seinen Witz und feinen Humor, seine anziehende und gefällige Art, worin keiner der Vorgänger und zeitgenössischen Redner ihm gleich kam (festivitas, facetiae, urbanitas, lepos, suavitas), in den Tusc. V 55 erscheint ihm C. Caesar als das Ideal von humanitas, sal, suavitas, lepos, de orat. II 98 hebt Cicero dessen lepos et sal hervor, de offic. I 133 sal et facetiae. Diese Art zu sprechen hatte man bis dahin in Rom nicht gekannt (de orat. II 98. III 30); über sie äußert sich Cicero an letzterer Stelle also: nonne … dicendi genus induxit prope singulare? quis unquam res praeter hunc tragicas paene comice, tristes remisse, severas hilare, forenses scaenica prope venustate tractavit atque ita, ut neque iocus magnitudine rerum excluderetur nec gravitas facetiis minueretur? Dies uneingeschränkte Lob der Eigenart des Caesar Strabo, welche also der feierlichen Situation in keiner Weise Abbruch tat, erscheint keineswegs verklausuliert durch die Worte im Brut. 177 sunt eius aliquot orationes, ex quibus, sicut ex eiusdem tragoediis, lenitas eius sine nervis perspici potest. Und endlich charakterisiert ihn Cic. Phil. XI 11 als einen Mann summo ingenio, summa potentia, der sich auch einmal außerhalb des Gesetzes stellen dürfe. In Anbetracht der Verehrung, die Cicero dem Redner entgegenbrachte, erscheint es verständlich, daß er den C. Iulius auch am Gespräch de oratore partizipieren läßt: am zweiten Tage gesellen sich nach Ausscheiden Scaevolas Q. Lutatius Catulus und sein Stiefbruder C. Iulius als Nebenpersonen zu den Hauptrednern des Dialogs (de orat II 12), und II 216–289 (235ff.) legt Cicero dem C. Iulius das Exposé über [431] iocus und facetiae – auch dies in Hinblick auf die Eigenart des C. Iulius wohl zu rechtfertigen – in den Mund. Über die Quellen dieses Exkurses s. E. Arndt De ridiculi doctrina rhetorica, Bonn 1904, 25. Zu den bedeutendsten Rednern seiner Zeit rechneten den Caesar Strabo auch Velleius II 19. Ascon. in Scaur. p. 22 K.-Sch. Apul. de mag. 538 Oud.

C. Iulius dichtete, wie sein Kollege in der Advokatur T. Titius, Tragödien, denen in gleicher Weise wie den Reden lenitas sine nervis eignete (Cic. Brut. 177, s. o.). Nach Ascon. a. a. O. 22 gilt er als tragicus poeta bonus admodum, und es spricht für das Können des C. Iulius, was Val. Max. III 7, 11 über das Verhältnis von Roms größtem Tragiker Accius zu dem weit jüngeren C. Iulius berichtet: (Accius) Iulio Caesari, amplissimo ac florentissimo viro in conlegium poetarum venienti numquam adsurrexit, non maiestatis eius immemor, sed quod in comparatione communium studiorum aliquante se superiorem esse confideret: es scheint, als ob der ergraute Meister in dem jungen Dichter einen Rivalen erstehen sah. Überliefert sind die Titel von drei Tragödien: Adrastus (Fest. 229 M.), Teuthras (Macrob. VI 4, 19) und Tecmesa (Mar. Victorin. gramm. VI 8), und drei Verse, zwei iambische Senare aus dem Adrast, ein trochäischer Septenar aus dem Teuthras. Über die Argumenta der Stücke und Eigentümlichkeiten der spärlichen Fragmente handelte Ribbeck Römische Tragoedie 614ff.: mit Recht hebt Ribbeck zunächst die in beiden Fragmenten begegnenden Graezismen hervor, prophetae und aethra, sowie den Titel Tecmesa, die von Mar. Victorin. besonders hervorgehobene, von C. Iulius eingeführte und für die Bühnensprache geforderte griechische Rückbildung Tecmesa statt der lateinischen Tecumesa. Bemerkenswert ist fernerhin die altertümliche Verstechnik und die prononzierte Alliteration (flammeam per aethram late fervidam ferri facem). Der Titel Tecmesa beweist, daß in dem den Aiasmythos behandelnden Stück im Gegensatz zu Sophokles und anderen Griechen und Römern die Frauenrolle erheblich in den Vordergrund gerückt war. Auf eine Episode aus der Vorgeschichte des Epigonenzuges, die Befragung des Amphiaraosorakels von Seiten des Adrast, scheinen die Verse aus dem Adrastus bei Festus hinzudeuten. Teuthras gemahnt an den Telephosmythos, in dessen Bereich auch Pacuvius’ Atalanta gehört. Die Vorlage eines der Stücke vermögen wir auch nicht andeutungsweise zu nennen.

Literatur: Fragmente der Reden bei Meyer Oratorum Romanorum fragmenta², Zürich 1842, 330ff., der Tragödien bei Ribbeck Tragicorum Romanorum fragmenta³ 263. Vgl. Teuffel-Schwabe G. d. R. L. § 153, 3. Schanz G. d. R. L. I 1, 184ff.