Sieben Predigten in Nürnberg zu St. Aegydien (2. Auflage)/Vorwort

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Sieben Predigten in Nürnberg zu St. Aegydien (2. Auflage)
Von der seufzenden Creatur »
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Vorwort.




Die nachfolgenden Blätter erscheinen nach dem Wunsche der Verlagsbuchhandlung zum zweiten Male. Der Verfasser hat nur wenige, unbedeutende Veränderungen vorgenommen, weil bei einer gründlichen Verbesserung die ganze Arbeit eine veränderte Gestalt bekommen hätte und nicht mehr dieselbe gewesen wäre. – Was in der ersten Predigt über die seufzende Creatur gesagt ist, hat der Verf. nicht ändern wollen, weil es dem Glauben der Kirche ähnlich ist. Wer z. B. lesen will, was Dr. Martin Luther in der Kirchenpostille über denselben Text sagt, wird keinen Unterschied rücksichtlich der Lehre finden. So sagt auch schon, um irgend einen aus der alten Zeit anzuführen, Tertullian: Orat omnis creatura. Orant pecudes et ferae et genua declinant, et egredientes de stabulis et speluncis ad coelum non otiosi ore suspiciunt, vibrantes spiritu suo movere. Sed et aves nunc exsurgentes eriguntur ad coelum et alarum crucem pro manibus extendunt et dicunt aliquid, quod oratio videatur.“ etc. – –| Was rücksichtlich eines übermäßigen Hervortretens der Phantasie hie und da von dieser Arbeit gesagt wurde, will der Verf. gar nicht überall in Abrede stellen; doch hat für einige auch der Glaube die Gestalt der Phantasie. P. 70 der ersten Auflage ist Beweis, daß der Verf. den bemerkten Vorwurf schon zuvor geahnt hat.
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 Keine der nachfolgenden Predigten hat die von der jetzigen Homiletik gebotene Form; allein, falls es auch dem Verf. nicht schwer wäre, sich dieselbe anzueignen, so würde er doch, bescheidentlich zu reden, Bedenken tragen, es zu thun. Sie ist so gar verschieden von der Predigtweise des Herrn und Seiner ersten Kirche. Es ist bekannt, wie viele Mühe man sich gegeben hat, der Bergpredigt des HErrn eine moderne Disposition unterzulegen, aber mit welcher Frucht? Und was für ein Urtheil würde erst jene Predigt Apostgesch. 2., welche Tausende von Seelen dem HErrn gewonnen hat, vor dem Richtstuhl schulgerechter Tage finden! (1. Cor. 3, 3.) Aehnlich ginge es auch gerade denen, welche später den Beruf evangelischer Prediger am treusten, mit dem gesegnetsten Erfolge und größtem Nachruhm zu erfüllen suchten: einem Origenes, Macarius, Chrysostomus, – einem Augustinus, Leo M., Bernardus Clarivallensis, ja, dem ersten aller Prediger seit der Apostel Hingang, Dr. Martin Luther; sie alle trachteten mit ihren Predigten viel zu sehr nach dem Reiche Gottes und Seiner Gerechtigkeit, als daß sie auf die oft willkührlich ersonnenen Fesseln| und Gängelbande der Rede, welche die scholastische und neuere Zeit aufgestellt hat, hätten kommen können. Sie vertieften sich predigend in das göttliche Wort, vergaßen sich und den eitlen Ruhm der hinfälligen Welt über dem herrlichen Strahle des Reiches Gottes, das ihnen offenbaret ward, sahen dann auf die Nothdurft der armen Seelen, die ohne Gottes Wort verschmachten müssen, auf ihre Unmündigkeit, welche viel Herablassung und ein kindliches Herz von den Predigern verlangt, faßten sie bei der Hand und führten sie in den Text ein, nahmen den Text zum Thema, ihre Disposition war Gottes Disposition im Texte und die in demselben sich offenbarenden Gedanken und einzelnen Worte Gottes selbst, – und wenn sie es gewonnen, dem Texte den Dienst zu leisten, welchen die Nacht den Sternen thut, indem sie sich sammt der ganzen Welt verbirgt, damit nur diese recht hell und klar gesehen werden, dann war ihre Freude erfüllt. Deshalb aber vermißt man bei ihnen die Ordnung der Gedanken doch nicht: Gott ist ein Gott der Ordnung auch in Seinem Worte – und Sein Wort, also auch Seine Ordnung gaben sie ja nur als treue Knechte Gottes wieder; ja, gleichwie Gott die Sprache, ihre und des menschlichen Denkens Gesetze geschaffen hat, und sich derselben auch als ein Meister und wunderbarer Redner in Seinem Worte bedient; – so lernten jene Seine Diener eben erst aus Seinem Worte so klar und deutlich von himmlischen Dingen reden, als es nach Gottes Willen in menschlicher Sprache geschehen| kann. Daher sagt auch Luther, ein Prediger sey ein guter Dialecticus. Freilich aber ist die dialectische Kunst des HErrn und also auch Seiner Diener über weltlichen Verstand sehr oft erhaben, und die Werke Seiner Kunst laufen nicht einher, wie zugeschnittene Hecken und Gänge menschlicher Gärten, sondern wie die Gassen des gestirnten Himmels, die ihre heilige Ordnung und das Centrum der Herrlichkeit des Herrn, zu dem sie führt, nicht Jedermann verrathen. – – Summa: Gottes Wort macht Gottes Kinder und Prediger; wer seinen Dünkel ablegt und arm und klein sich in des Wortes Schule begibt, wird ihm verwandt und erbt zum Predigen eine Beweisung des Geistes und der Kraft, ohne welche die Worte nur vergänglicher Hall, nicht aber das Sausen des HErrn sind, in welchem Er selber kommt. Wer nicht im Worte Gottes lebt, dem fehlen Geist und Kraft, 1 Cor. 2, 4., und solche Leute wollen dann durch Aufwand von Worten, die menschliche Weisheit lehren kann, ihrer Predigt den Eingang schaffen, welchen ihr der Herr verweigert, und glauben lächerlicher Weise dem allmächtigen Worte Gottes zu dem verheißenen Segen zu helfen, während es ihnen längst entflohen und anderwärts der Kinder viele, wie Thau am Morgen, geboren hat, ohne auf Menschenhülfe zu warten. Ganz recht verfährt daher Augustinus in seiner Anweisung für Prediger (de doctrina christiana), wenn er zuvor in dreien Büchern die Prediger in Gottes Wort und dessen Verständniß einzuleiten sucht| und dann erst im vierten von Anwendung des gewonnenen Verständnisses für die Predigt redet. Ganz recht nannten die Alten ihre Predigten ἐξηγήσεις: denn eine unter Gebet und Flehen, Studiren und Erduldung der Anfechtung entstandene exegesis oder analysis des Textes, welche mit h. Ehrfurcht einer jeden Zeit nach ihren Verhältnissen erzählt, was Gott zu allen Menschen aller Zeiten geredet hat, ist, meine ich, die demüthigste und edelste, ärmste und reichste, verständlichste und mächtigste Form der Predigt.

 Sofern, was hier geäußert ist, wider die gewohnte und beliebte Rednerweise unsrer Tage anläuft, möchte es durch Vergleich folgenden Stücks aus Fenelons anderem Gespräch von der Beredsamkeit Nachdruck erhalten, – desto mehr, weil es die weltberühmten Redner der alten Heiden und ihre Weise gegenüber der neuen Weise zeigt:

„Was gab man denn vor Alters einer Rede für eine Form oder Gestalt? – – Ich will es euch bald sagen: man theilte eine Rede nicht ein, sondern man unterschied darin alle Dinge, welche nöthig hatten, unterschieden zu werden, mit gehöriger Sorgfalt. Man eignete einer jeden Sache ihre rechte Stelle zu, und man untersuchte gar fleißig, an welchen Ort man jegliche Sache setzen sollte, um sie zu kräftigem Eindruck desto geschickter zu machen. Oftmals würde eine Sache eben so viel, als Nichts geachtet worden seyn, wenn man sie bald anfangs gesagt hätte; allein sie bekommt die Kraft eines endlichen Ausspruchs, wenn sie auf| einen andern Ort verspart wird, wo der Zuhörer schon durch andere Dinge vorbereitet ist, ihre ganze Stärke und Nachdruck zu empfinden. Oftmals setzt ein einziges Wort, welches seinen Platz recht glücklich gefunden hat, die Wahrheit in ihr völliges Licht. Man muß zuweilen eine Wahrheit bis zum Ende der Rede gleichsam verhüllt lassen. Dieses versichert und lehrt uns Cicero. Es muß sich überall eine ganz genaue Verbindung der Beweisgründe finden: der erste muß den Zuhörer immer zu dem andern vorbereiten, und der andere den ersten gleichsam unterstützen. Man muß bald anfangs die ganze Materie überhaupt vorzeigen und den Zuhörer durch einen sittsamen und einnehmenden Eingang, wie auch durch eine fromme und aufrichtige Art, die sich in allen äußerlichen Manieren und Geberden zeigt, liebreich gewinnen. Hernach stellt man die Grundsätze fest, hierauf bringt man die Facta oder Thaten auf eine schlichte, deutliche und begreifliche Weise vor, indem man sie auf die Umstände gründet, deren man sich bald hernach wird bedienen müssen. Aus den Grundsätzen oder besondern Geschichten zieht man die Folgen heraus; und muß man die Beweisrede dergestalt ordnen, daß alle Gründe einander die Hand bieten und helfen, damit sie leichtlich behalten werden. Man muß die Sachen so einrichten, daß die Rede immerfort wächst und zunimmt, und der Zuhörer je mehr und mehr das Gewicht der Wahrheit fühlt. Alsdann muß man mit den lebhaften Abbildungen und Bewegungen, welche geschickt| sind, die Gemüthsleidenschaften zu erwecken, völlig herausrücken; zu dem Ende muß man die Verbindung, welche die Gemüthsleidenschaften untereinander haben, wohl verstehen, nämlich diejenigen, die man gar bald und viel leichter, als andere erwecken kann, und die zur Erregung der andern dienen können; endlich auch diejenigen, welche die größte Wirkung thun können, und mit welchen man die Rede schließen muß. Es ist oftmals gar bequem, zum Ende eine Recapitulation oder kurze Wiederholung des Inhalts zu machen, die da in wenig Worten die ganze Kraft des Redners zusammenfaßt, und das Allerbeweglichste, was er gesagt hat, wieder vor Augen stellt. Im übrigen muß man diese Ordnung nicht gar zu genau immer auf einerlei Art beobachten. Eine jegliche Materie hat ihre Ausnahme und auch ihre Eigenschaften. Hiezu kommt noch dieses, daß man auch selbst in der Ordnung eine fast unendliche Varietät oder Veränderung ausfinden kann. Diese Ordnung, die uns ungefähr so von Cicero ist angezeigt worden, kann nicht, wie ihr selbst sehet, in einer Rede, welche in drei Theile zerschnitten ist, richtig gehalten, noch in einem jeglichen Theil insonderheit beobachtet werden. So wird denn freilich eine Ordnung erfordert; aber eine solche Ordnung, die man nicht gleich beim Anfang der Rede den Zuhörern verheißt und entdeckt. Cicero sagt, es sey fast allezeit am besten, sie zu verstecken und den Zuhörer dahinzuführen, ohne daß er es gewahr werde. Ja, er sagt wohl gar mit ausdrücklichen| Worten (denn ich entsinne mich derselben gar wohl), daß ein Redner die Ordnung verstecken soll, auch sogar bis auf die Zahl seiner Beweisgründe, dergestalt, daß man sie nicht zählen könne, ob sie schon an und für sich unterschieden seyen, und daß man keine deutlich angemerkte Eintheilung der Rede solle sehen lassen. Allein die Plumpheit der letzten Zeiten ist so groß worden, daß man die Ordnung in einer Rede nicht erkennt, es sey denn, daß derjenige, der sie hält, bald bei dem Anfang den Zuhörern davon Nachricht gebe und sich bei einem jeglichen Punkte aufhalte.“




 Die oben geäußerten Gedanken über das Predigen werden es glaublich machen, daß der Verf. alleine dem Wunsche des Verlegers nachgab, wenn er die nachfolgenden, allerdings sehr geringen Arbeiten dem Drucke wieder überließ. Es steht indeß in der Hand des HErrn, auch das Geringste und Verächtlichste zu erwählen, um da oder dort an einer Seele im Verborgenen Barmherzigkeit zu üben und Ehre Seines Namens einzulegen.

 Friede mit dem Leser!


 B. 4. Junius 1836.


W. L. 






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