ADB:Cassander, Georg

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Artikel „Cassander, Georg“ von Leonhard Ennen in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 4 (1876), S. 59–61, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Cassander,_Georg&oldid=- (Version vom 20. April 2019, 17:09 Uhr UTC)
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Cassander: Georg C., geb. 1512 zu Cadsand bei Brügge, † am 3. Febr. 1566 zu Köln. Seine Eltern waren dürftig; er studirte in Löwen und erwarb daselbst 1532 den Grad eines Magisters der freien Künste. Mit tüchtigen humanistischen Kenntnissen ausgerüstet, übernahm er in seiner Vaterstadt eine Lehrerstelle. Bald verschaffte er durch Compendien der Rhetorik, Dialektik und Logik seinem Namen auch über den Bering seiner Vaterstadt hinaus einen guten Klang. Mit der Geistlichkeit lebte er in Spannung; dieses gereizte Verhältniß stieg, als er seine Studien der Theologie zuwandte und in manchen Punkten sich unumwunden für eine freiere Auffassung der theologischen Streitfragen aussprach. Bestärkt wurde er in seinen liberalen Anschauungen durch den regen Verkehr mit gleichgesinnten inländischen und auswärtigen Gelehrten. Ganz besonders schloß er sich dem Stiftsherrn von St. Donation in Brügge, Cornelius Wouters, an. Dieser war reich und von vornehmer Herkunft, und es drängte ihn, auf Reisen seinen Gesichtskreis zu erweitern und seine Kenntnisse zu vermehren. C., dem es ebenso wie Wouters in seinem Vaterlande zu enge wurde, schloß sich mit Freuden seinem Freunde als Reisegefährte an. Auf ihrer Reise traten sie in nähere Beziehung zu Bucer, Bullinger, Castalio, Hyperius, Johannes a Lasco und Philipp Melanchthon. Im Frühjahr 1544 kamen sie nach Köln, wo sie für längere Zeit Aufenthalt nahmen. Wouters ließ sich am 28. Juni und C. erst am 22. Sept. immatriculiren. C. nahm zuerst Wohnung im Hause des ihm befreundeten Grafen Hermann von Neuenar, später im Hause des clevischen Kanzlers Heinrich v. Baers genannt Oligschläger, eines ebenso unterrichteten Theologen wie Juristen. Wouters gab die Mittel für den bescheidenen Haushalt des anspruchslosen Gelehrten. C. besaß nur den Ehrgeiz, sich in Tugend und Wissen zu vervollkommnen und die Ergebnisse seiner ernsten, anhaltenden Studien zur geistlichen und sittlichen Hebung seiner Mitmenschen zu verwerthen. Die Wissenschaft, namentlich die theologische, war seine Freude, die Wahrheit sein Ziel, unablässiges Studium das Mittel. Vielfach wurde er in seiner rastlosen geistigen Thätigkeit durch körperliche Leiden, namentlich durch heftige Gichtanfälle gehindert. Den Sommer brachte er größtentheils in Bonn oder Duisburg zu. Wenn er in Bonn war, hatte er sich mancher Aufmerksamkeit von Seiten des Erzbischofs Friedrich, der seine kirchlichen Anschauungen theilte, zu erfreuen. Nach Duisburg zog ihn vorzüglich sein freundschaftliches Verhältniß zum clevischen Kanzler sowie zum clevischen Herzog selbst, dann die Liebe zu seinem nach dieser Stadt übergesiedelten Vater. Um die Gründung und Einrichtung der Schule zu Duisburg hatte er große Verdienste. Mitunter besuchte er auch den Kanzler in Xanten. Sein milder, versöhnlicher Charakter, seine tiefen, umfassenden Kenntnisse, seine freien, unbefangenen Anschauungen, seine klare Einsicht [60] in die Gebrechen und Bedürfnisse der Zeit verschafften ihm bald ein hohes, allgemeines Ansehen und brachten ihn in lebhaften, ausgedehnten Briefwechsel mit einer großen Reihe von Gelehrten und Staatsmännern aller Confessionen. Es sei hier, außer Wouters, Baers und Neuenar nur an Konrad Heresbach, Georg Wicelius, Heinrich Bullinger, Peter Ximenes, Dr. Heinrich Sudermann, den Abt Hermann v. Bauheim zu Brauweiler, den kaiserlichen Hofprediger Matthias Cithardus, den Canonicus und Professor Dr. Jacob Horst, Hilger Helmann und Dr. Bachoven von Echt erinnert. Im wesentlichen theilte C. in kirchlichen Dingen die Anschauungen des Erasmus von Rotterdam, den er in hohem Grade verehrte. Er war ein entschiedener Gegner der Jesuiten und aller derjenigen, die das Ideal der Kirche in einer möglichst hohen Entwicklung und Durchbildung des strengen Papalsystems erkannten. In den übertriebenen Ansprüchen der Päpste konnte er nur den Grund zur dauernden Trennung der Confessionen und zur allmählichen Erstarrung des ganzen kirchlichen Lebens erblicken. Er legte Gewicht darauf, zu erkennen zu geben, daß er nicht zu denjenigen gehöre, die da behaupteten, um die Einheit der Kirche nicht zu zerreißen, müsse man Mißbräuche und abergläubisches Herkommen dulden und sich in Dinge schicken, welche den innersten Ueberzeugungen widersprächen, vielmehr verlangte er, daß alles, was als verderblich und mißbräuchlich in der Kirche erkannt worden, abgestellt und durch wahrhaft Christliches ersetzt werde. Am klarsten sprach er seine Ansichten über das hierarchische System aus in einem von Bischof Wilhelm v. Ketteler von Münster verlangten Gutachten über die Frage, ob derselbe dem Papste den üblichen Eid zu leisten verpflichtet sei. In seiner „Defensio adversus Joannis Calvini criminationes“ erklärt er, „auch im Papstthum fehle es nicht an frommen Männern, die eine Reformation der Kirche wünschten und Verderbnisse und Aberglauben verabscheuten.“ In seiner „Responsio ad calumnias Bartholomaei Nervii“ entwickelte er seine Ansichten über die Art, auf welche er die Reform in der Kirche bewerkstelligt zu sehen wünschte. Zu denjenigen Punkten, in Betreff deren er mit den Reformatoren gleicher Ansicht war, gehört vor allen die Art und Weise, die Communion zu empfangen. Der Herzog von Jülich-Berg glaubte an C. den Mann gefunden zu haben, der ihm bei seinen irenischen Bestrebungen die beste Hülfe leisten könne. Durch seinen Kanzler ließ er ihn ersuchen, sich an dem 1559 in Düsseldorf zu haltenden Religionsgespräch zu betheiligen. C. konnte der Einladung keine Folge geben, weil sein Gesundheitszustand ihm die Reise nach Düsseldorf nicht gestattete. Bei der Ablehnung erklärte er, er sei gerne bereit, seine Rathschläge brieflich oder in privater Unterredung zu ertheilen; er getraue sich aber nicht, in einer feierlichen Versammlung aufzutreten und öffentlich zu sprechen. – Kaiser Ferdinand, der ebenso wie Herzog Albrecht von Baiern in der Zugestehung der Priesterehe und des Laienkelches das einzige Mittel erkannte, eine weitere Zersetzung der kathol. Kirche in Deutschland zu verhüten, und der in einer neuen Berathung über die einzelnen Artikel der Augsburger Confession den sichersten Weg zur Ausgleichung der religiösen Gegensätze zu finden glaubte, entschloß sich, C. um seinen Rath und seine Beihülfe zu diesem Versöhnungsversuch anzugehen. C. befand sich damals wieder in Duisburg. Das Schreiben des Kaisers erhielt er am 20. Juni 1564 durch einen Abgesandten des Erzbischofs von Köln. Wegen eines heftigen Gichtanfalls war er außer Stande, dem Ansuchen Ferdinands Folge zu geben. Der Kaiser bat ihn nun, die ihm zugedachte Aufgabe daheim zu lösen. Nach Ferdinands Tode bat dessen Nachfolger Maximilian II. durch ein Schreiben vom 26. August den C., die ihm von seinem Vater übertragene Arbeit fortzusetzen und zu vollenden. C. ging nun mit frischen Kräften ans Werk. Ende December kam er mit seiner Arbeit zu Ende. Am 27. stellte er dieselbe unter dem Titel: „Consultatio de [61] articulis religionis inter catholicos et protestantes controversis“ dem Erzbischof Friedrich zur Weiterbeförderung an den Kaiser zu. Dieser war mit der Arbeit in hohem Grade zufrieden. Außer dem ausbedungenen Honorar ließ er dem Verfasser noch eine Gratification von 200 Gulden anweisen. Zugleich richtete er an ihn das Ansuchen, sich zu mündlicher Besprechung über die Mittel „zur Beseitigung der Irrthümer und Abstellung der Mißbräuche“ nach Wien zu begeben. Die Vorkehrungen zur Reise, auf welcher Wouters seinen Freund begleiten wollte, waren bereits getroffen, als C. abermals von einem heftigen Gichtanfall heimgesucht wurde. Durch bedenkliche Kriegsereignisse wurde der Kaiser daran verhindert, die von C. angerathenen und angebahnten Reformen und Versöhnungsversuche weiter zu betreiben. Um dieselbe Zeit hatte das Wiedertäuferwesen am Niederrhein wieder eine bedenkliche Höhe erreicht. In Köln saß eine nicht unbeträchtliche Schar derselben im Kerker und wartete auf die Untersuchung der Inquisitoren und den Spruch des hohen weltlichen Gerichtes. C. erhielt den Auftrag, die Bekehrung dieser Irrgläubigen zu versuchen. In dem Berichte über die Erfolglosigkeit seiner Mission bat er den Erzbischof, mit Milde gegen diese Irrenden vorzugehen und statt des Schwertes Worte der Belehrung gegen sie anzuwenden. C. † 1566 bei dem ihm enge befreundeten Dechanten von St. Maria ad gradus, Georg Braun, dem bekannten Herausgeber des großen Städtebuches. Dem Pfarrer von St. Columba, Sebastian v. Novimola, scheint es gelungen zu sein, den todtkranken Mann in seinen letzten Augenblicken zu einer seine wissenschaftlichen Anschauungen und Ueberzeugungen verläugnenden Erklärung zu bestimmen. Cassander’s verwesliche Reste wurden unter Begleitung des ganzen Rathes und sämmtlicher Mitglieder der Universität in dem Familiengrabe der Familie Sudermann in der Minoritenkirche beigesetzt. In der von seinem Freunde Wouters verfaßten Grabschrift war besonders seine irenische Arbeit bezüglich der Aussöhnung der getrennten Bekenntnisse hervorgehoben. Die Grabschrift wurde, nachdem die von Wouters veröffentliche „Consultatio“ auf den Index gekommen, von dem Grabe entfernt. Daher ist es erklärlich, daß das Kalendarium des Minoritenklosters, welches von allen in der Minoritenkirche befindlichen Leichensteinen und Denkmalen Erwähnung thut, über die Ruhestätte Cassander’s gänzlich schweigt.

Opera Cassandri. – Hartzheim, Bibl. Colon.Crombach, Annales Metr. Col. (Mscr.) – Ennen, Gesch. der Stadt Köln, Bd. 4.[1][WS 1]

[Zusätze und Berichtigungen]

  1. S. 61. Z. 20 v. u.: Vergl. ferner M. Lossen im Theol. Litteraturblatt, her. von Reusch, 1876, Nr. 26, S. 603 ff. [Bd. 6, S. 794]

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: S. 623 ff.