ADB:Spazier, Karl

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Artikel „Spazier, Johann Gottlieb Karl“ von Friedrich Brandes in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 35 (1893), S. 74–75, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Spazier,_Karl&oldid=- (Version vom 17. Juli 2019, 16:56 Uhr UTC)
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Spazier: Johann Gottlieb Karl S., Schriftsteller und Liedercomponist, geb. am 20. April 1761 in Berlin, war daselbst in seiner Jugend als Kirchensänger (Diskantist) beliebt und hielt sich einige Zeit als Opernsänger am Hofe des Prinzen Heinrich von Preußen in Rheinsberg auf. Dann studirte er in Halle und Göttingen Philosophie und Theologie, erwarb die philosophische Doctorwürde und lebte als Lehrer und Hofmeister in Dessau. Kurze Zeit bekleidete S. eine Professur in Gießen, begleitete darauf einen westfälischen Grafen auf Reisen und ging als Professor nach Neuwied, wo er vom Fürsten den Hofrathstitel erhielt. 1791 wurde er Lehrer der deutschen Sprache und der Schönen Wissenschaften an einer Handelsschule in Berlin, gründete 1793 die „Berlinisch musikalische Zeitung“, die er bis 1794 herausgab, und verheirathete sich 1796 in Berlin mit der schöngeistigen Johanne Caroline Wilhelmine Meyer. Durch verschiedene Schriften theologisch-aufklärerischen Inhalts, wie „Freymüthige Gedanken über die Gottesverehrung der Protestanten“ (1788), „Versuch einer kurzen und faßlichen Darstellung der theologischen Principien“ (1791), „Etwas über die Gefahren religiöser Schwärmerey“ (1791), die zwar gewandt und geistvoll geschrieben sind, aber den Grundsätzen und Gemeinplätzen Basedow’s mit wenig selbständigen Gedanken etwas verspätet nachhinken, war S. als vorurtheilsfreier Schriftsteller bekannt geworden. Wahrscheinlich infolge dieser Schriften, sowie „Einiger Bemerkungen über deutsche Schulen, besonders über das Dessauer Erziehungsinstitut“ (1786) berief man ihn 1796 als Lehrer und Erzieher an das Dessauer Philanthropin, dessen Vorsteher Olivier war. 1797 wurde er Mitdirector dieser Anstalt, siedelte aber schon 1800 nach Leipzig über, wo er sich ausschließlich schriftstellerischen Arbeiten widmete und am 19. Januar 1805 starb.

S. veröffentlichte noch „Briefe über Hamburg und Lübeck,“ „Wanderungen durch die Schweiz“ (1790) und eine weitschweifige, in (Pädagogik, Musik und [75] Zeitgeschichte betr.) Einzelheiten interessante Selbstbiographie: „Karl Pilger’s Roman seines Lebens von ihm selbst geschrieben; ein Beitrag zur Erziehung und Cultur des Menschen“ (3 Thle. 1792–96); aber alle genannten Schriften können ihn ebensowenig über den Rang eines Tagesschriftstellers erheben, wie sein Versuch „Ueber Kants Kritik der Urtheilskraft“ (1798) und seine sämmtlichen musikhistorischen und kritischen Arbeiten. Ueber seine musikalischen Leistungen dachte S. selbst sehr bescheiden. In der Selbstbiographie, die er für Gerber’s Tonkünstler-Lexikon schrieb, bereut er seine früheren musikalischen Sünden und „wünscht als eifriger Dilettant wenigstens durch Raisonnement über Zweck und Wesen der Kunst und durch Kritik dem musikalischen Publikum zu nützen“. In der Composition beschränkte er sich fast ausschließlich auf Lieder, von denen mehrere (z. B. „Stimmt an mit hellem hohen Klang“ von Claudius, „Rosen pflücken, wenn sie blühn“ von Gleim) allgemeine Beliebtheit und weite Verbreitung errangen. Sie sind zum größten Theil in den „Melodien zu Hartung’s Liedersammlung u. s. w.“ (1798) und andern Sammlungen enthalten. Als Musikschriftsteller lieferte S. Aufsätze in der von ihm redigirten „Berlinisch musikalischen Zeitung“, Beiträge für die Leipziger „Allgemeine musikalische Zeitung“ („Rechtfertigung Marpurgs u. s. w.“, 1800; „Ueber Volksgesang“ u. a.), die kleine Schrift „Etwas über Gluckische Musik und die Oper Iphigenia auf Tauris auf dem Berlinischen Nationaltheater“ (Berlin 1795) u. a. Außerdem übernahm er im Interesse der verarmten Familie Dittersdorf’s die Herausgabe von dessen Selbstbiographie (Leipzig 1801), die der Componist seinem Sohne dictirt hatte, übersetzte ferner Gretry’s Memoiren im Auszuge und gab sie mit historisch-kritischen Zusätzen heraus: „Gretry’s Versuche über den Geist der Musik“ (Leipzig 1800). Eine wichtige Rolle spielte S. als Gründer und Herausgeber der „Zeitung für die elegante Welt“ (Leipzig 1801 ff.) Dieses Blatt, das später unter Mahlmann (1805–16) und Meth. Müller (bis 1831) bedeutungslos wurde, nahm als belletristisches Organ in der Vertheidigung Goethe’s und der Romantiker gegen deren Gegner die hervorragendste Stelle ein (dagegen Goedeke, Grdr. III¹, S. 245) und brachte unter andern Beiträge von Aug. Wilh. v. Schlegel, Bernhardi, Klingemann, vielleicht auch von Schelling (Koberstein IV5, 872, 1081), die meisten von S. selbst. Im Vergleich zu den Widersachern (vor allen „Der Freimüthige“, herausgegeben von A. v. Kotzebue und G. Merkel, Berlin 1803 ff.) ist die „Zeitung f. d. e. W.“ unter Spazier’s Redaction bestrebt gewesen, eine wenn auch oft scharfe, so doch immer gemäßigt sachliche Haltung zu bewahren und den gehässigen Ton zu vermeiden, der besonders Merkel eigen war.

E. L. Gerber, (Neues) Histor.-biogr. Lexikon der Tonkünstler. – Mendel-Reißmann, Musikal. Conversationes Lexikon. – Koberstein IV5, 238, 74¹; 872 ff. – Goedeke. Grdr. III¹, 246; – Zeitung für die elegante Welt, 1805, 15; auch Der Freimüthige, 1803, 11, S. 42.