ADB:Heinrich (Prinz von Preußen)

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Artikel „Heinrich Prinz von Preußen“ von Ernst Graf zur Lippe-Weißenfeld in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 11 (1880), S. 561–568, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Heinrich_(Prinz_von_Preu%C3%9Fen)&oldid=- (Version vom 19. Mai 2019, 21:29 Uhr UTC)
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Wikipedia-logo-v2.svg Heinrich von Preußen (1726–1802) in der Wikipedia
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Heinrich: Friedr. Heinrich Ludw. Prinz von Preußen, das 13. Kind König Friedr. Wilhelms I., geb. am 18. Jan. 1726 zu Berlin, † am 3. Aug. 1802 in Rheinsberg. Er lebt fort in der Geschichte des Preußenheeres mit dem Prädicat „Der fehlerlose Feldherr“, welches ihm nach dem siebenjährigen Kriege zuerkannt wurde von seinem königlichen Bruder in Gegenwart vieler Generale (präsumtiv im Mai 1764 nach einer großen Berliner Revue, bei welcher Prinz H. die Truppen befehligte). Prinz Heinrichs Diplomatengeschicklichkeit leistete bei der Erwerbung „Westpreußens“ sehr dankenswerthe Dienste. König Friedrich schreibt, zurückgekehrt von der Besichtigung dieser neuen Provinz, am 12. Juni 1772 dem Prinzen: „J’ai vu cette Prusse que je tiens en quelque façon de vos mains; c’est une très-bonne acquisition …“ und den 23. Octbr. dess. Jahres: „… cette acquisition que l’État vous doit.“ Kein Wunder also, wenn Friedrich im Februar 1776 – durch langwierige Gichtanfälle geschwächt und an sein Lebensende gemahnt – dem Bruder H. diejenigen Staatsangelegenheiten mitzutheilen wünscht, von welchen er weder einem Minister, noch sonst Jemand Kenntniß gegeben. „Je vous envisage comme le seul qui puissiez soutenir la gloire de la maison et devenir en tout genre le soutien et le pilier de notre commune patrie.“ (Brief v. 10. Febr. 1776.)

So viel vorweg über Prinz H., als militärische und staatsmännische Größe allerersten Ranges. Klingt sein Name nicht fort im deutschen Volk unter den Höchstgefeierten, so beruht dies zumeist auf dem Umstand, daß Friedrich, der „anstaunenswertheste unter allen der Geschichte angehörenden Männern“, nicht nur ein Zeitgenosse sondern auch der Gebieter war des Prinzen H.; und seit dieser königliche Gigant aus dem Kreise der Lebenden geschieden, entzog sich dem Prinzen H. die Möglichkeit, so mitzuthaten und mitzurathen wie ehedem.

Wenn wir auf die „häuslichen Zwistigkeiten“ des Prinzen H. mit seinem Bruder Friedrich hier nicht näher eingehen, so glauben wir im Sinn des königlichen Historiographen des Hauses Brandenburg zu handeln (vgl. dessen Biographie seines Vaters; Oeuvres I, 174). Welchen Nutzen hätte eine Schilderung jener jugendlichen Sturm- und Drangperiode des Prinzen in Potsdam 1746 etc., in welcher er mit Friedrich „muckschte“, oder ein Nachweis späterer kurzer Conflicte? Man hat genau darzulegen versucht, wie verschiedengeartet dieses Brüderpaar; leicht reizbar waren Friedrich und H. dagegen ganz gleichmäßig; mithin konnte bei ihnen überall und immer ein völliges Uebereinstimmen, ein Nimmererkalten nicht stattfinden. Weitaus wichtiger als die Bekanntschaft mit diesen Differenzen ist doch wol die Würdigung der Thatsache: Friedrich und H. sind festgeeint, wenn das beiderseits heißgeliebte Vaterland den echten – hingebungsvollen – Patriotismus beansprucht. Da ergänzt Einer den Andern; freudig die volle Kraft einsetzend für Preußens Waffenehre und Machtstellung. Unvergeßbar sei, wie willensstark diese Hohenzollernbrüder ankämpften gegen eine zarte Gesundheit, welche ihnen mehrmals während der Feldzugsstrapazen das Aufrechtbleiben gefährdete. So z. B. Ende Januar 1762; da schreibt Friedrich [562] in Breslau an den zur Zeit in Hof erkrankten Prinzen H.: „Ma fièvre salue la vôtre.“ Auch ist unter diesem Gesichtspunkt zu deuten eine Mittheilung des Königs, d. d. Meißen 3. Mai 1761, an seine Schwester Amalie: „Mon frère Henri fait au delà de ce qu’il peut.“ – „Arbeit ist die Mutter der Tugenden“; dieses Fridericianische Philosophenwort (Lettres sur l’amour de la patrie) kennzeichnet die Anleitung, welche der zum Thron gelangte Rheinsberger Autodidakt seinem 14 Jahre jüngeren Bruder „Henrich“ gab, um ihm Klarheit des Denkens und militärische Berufskenntniß zu Hauptpflichten zu machen. Am 1. Septbr. 1740 der Obhut des ebenso gelehrten wie biedern Oberst v. Stille überwiesen (Oeuvres VII, 29), trat der geistig reichbegabte prinzliche Knabe in eine neue Phase seiner intellectuellen Entwickelung. Die ihm bereits von seinem Vater anerzogene Neigung für den Soldatenstand steigerte sich unter den Victoriaschüssen für die Erstürmung von Glogau und den Sieg bei Molwitz. Prinz H. adjutantirte im Rang eines Oberst seinem Kriegsherrn während der Czaslauer Schlacht und empfahl sich ihm jetzt schon durch Heldensinn und militärisch sicheren Blick. In der Friedensperiode 1742–44 begann Prinz H. seine Thätigkeit in der ihm am 27. Juni 1740 ertheilten Infanterieregimentschefs-Würde. Für seine desfallsige „Application“ erntete er Rheinsberg; die Schenkungsurkunde datirt vom 29.Juni 1744. Wenige Wochen später begleitete H. den König ins Feld und fand bald Gelegenheit zu zeigen, wie hoch er dachte vom preußischen Waffenruhm im Allgemeinen und von preußischer Infanterie-Widerstandskraft im Besonderen (s. Oeuvres III, 61). Prinz H. kehrte im Decbr. 1744 mit dem König zurück nach Berlin. Der König reiste im März 1745 nach dem Kriegsschauplatz; der Prinz erhielt erst am 24. April die schmerzlich entbehrte Erlaubniß, seinem Bruder zu folgen. „Un pauvre absent“ nannte er sich in einem Schreiben vom 30. März an den König. Die jegliche Gefahr verachtende Dienstbeflissenheit, als königlicher Generaladjutant in der Schlacht bei Hohenfriedberg, verschaffte H. den Generalmajorsrang (15. Juli 1745). Am Tage von Sohr befehligte H. eine Infanteriebrigade; und in der „kleinen Bataille“ beim Marsch von Trautenau nach Schatzlar, den 16. Octbr., rettete er durch rechtzeitige Hülfe mehrere Geschütze, welche man schon preisgegeben. Der König, hoch erfreut über eine so schöne Rückzugswaffenthat, erwähnt dieselbe in einem Schreiben, d. d. Rohnstock 24. Octbr., an den bei Sohr schwer verwundeten Generalmajor Graf Rothenburg und fügt hinzu: „In der Armee fängt man an, meines Bruders Heinrich Fähigkeiten, von denen ich Ihnen so oft gesprochen, kennen zu lernen.“ An dem letzten Theil des Feldzugs 1745 – auf dem sächsischen Kriegsgefilde – konnte unser Prinz nicht theilnehmen, weil er an den Pocken erkrankte. Tröstend für ihn, während eines doppelt fatalen Stubenhockens in Crossen, war der Empfang eines „sehr lieben Sendschreibens“ von der Hand Fouqué’s, des Großmeisters der Bayardordens-Genossenschaft, nebst einer „überaus schönen und prachtvollen Urkunde“, welche den Prinzen förmlich einreihete in diesen durch ihre Sonderaufgaben, der Pour le mérite-Institution naheverwandten Ritterbund, dessen fruchtbringende Bedeutsamkeit (vgl. Milit.-Wochenblatt 1874, Nr. 8) hervorleuchtet, wie ein rother Faden in Prinz Heinrichs militärischem Lebenslauf. Der König, welcher – wie wir aus seinem Briefe an Graf Rothenburg ersahen – sehr bald in seinem jüngsten Bruder einen künftigen Feldherrn entdeckte, ließ es sich sehr angelegen sein, diesen (die Brüder Wilhelm und Ferdinand geistig überragenden) Prinzen stufenweis „ins Große des Krieges entriren“ zu sehen. Als Friedrich seine erste Potsdamer „Kriegsübung“ inscenirte, 1743, befehligte er 5 Bataillons gegen Prinz H., der – mit gleicher Bataillonszahl fechtend – sich zurückzuziehen die Aufgabe hatte. Nach dem zweiten schlesischen Kriege veranlaßte der König seine Brüder Wilhelm [563] und H., einander als Heerführer schriftlich zu bekämpfen, unter Zugrundelegung von Specialkarten. „Je vous envoie les plans que vous me demandez“, heißt es in einem königlichen Briefe an Prinz H. 1746. Das gute Beispiel und die Strenge des „Philosophen von Sanssouci“ bewahrten damals in Potsdam den Prinzen H. vor den Gefahren der Genialität, spornten ihn an zum Erwerb einer gediegenen universellen Bildung und gaben ihm die zweckgemäßeste Basis für künftige Leistungen im höheren Vaterlandsvertheidigungsdienste.

Die Verheirathung mit der gleichalterigen Prinzeß Wilhelmine von Hessen-Cassel, den 25. Juni 1752, erlöste den Prinzen aus der Potsdamer Einförmigkeit und Gebundenheit. Er konnte zeitweis in Rheinsberg und in Berlin (Wilhelmsstraße 73) residiren. Baron Bielfeld liefert uns in seinen Lettres familières anmuthige Beschreibungen von Prinz Heinrichs heiteren Festen. Das Berliner „Palais“, welches der König diesem Bruder erbauen ließ – die jetzige Universität – sollte am 1. Januar 1757 bezogen werden. Die Kaiserin Maria Theresia behinderte dies. Prinz H. marschirte 1756 als Infanteriebrigadier in den Krieg; die Ernennung zum Generallieutenant erfolgte am 21. Febr. 1757. Bei Eröffnung des Feldzugs 1757, im April, bevorzugte der König den Prinzen H. vor dem „Prinzen von Preußen“ (Wilhelm, Thronfolger), indem er ihn mit selbständiger Führung eines kleinen Recognoscirungscorps beauftragte. Freilich währte diese Herrlichkeit nur einige Tage. Die Schlacht von Prag aber brachte dem Prinzen neue Ehren. Das Infanterieregiment Itzenplitz, mit welchem Prinz H., vom rechten Armeeflügel aus, die feindliche Linie durchbrochen, stieß auf einen breiten Graben ohne Brücken; nur einzelne Balken für Fußgänger lagen auf den sumpfigen Ufern. Als der Prinz sah, daß durch einige seiner Leute, welche nach diesen Uebergangsstellen vorauseilten, die geschlossene Ordnung des Regiments gefährdet wurde, stieg er vom Pferde, ließ es laufen, sprang zuerst in den Graben und rief: „Burschen, folgt mir!“ Ohne Zaudern gehorsamte die Truppe, drang aufs Neue in den Feind und brachte ihn zum Weichen. Bemerkenswerth ist, daß manche (langgewachsene) „Burschen“ nur bis zum Gürtel durchnäßt wurden, während dem kleingestalteten Prinzen das Wasser beinah bis zum Kragen reichte. In der Schlacht bei Kollin war Prinz H. nicht anwesend. Er befand sich bei den Belagerern Prags. Zu diesen eilte der König zurück, tiefgebeugt von Schmerz und Kummer. Prinz Heinrichs brüderliche Theilnahme tröstete ihn und mahnte zu rechtzeitigen Rückzugsanordnungen. Glücklicherweise begnügten sich die Oesterreicher mit Beunruhigungen, anstatt nachdrücklich zu verfolgen. Der Prinz erhielt den Befehl über 13 Bataillons und 20 Schwadronen, um das große Magazin und das Hauptlazareth in Leitmeritz zu schützen. Er that dies „wundervoll“ (Oeuvres XXVII, 3. partie p. 275) und folgte ohne Verlust dem nach Sachsen abziehenden Hauptheere. – Die Schlacht von Roßbach (5. Novbr.) mehrte den Ruhm des Prinzen H. Der Seydlitz’sche Reitersturm, 7 Infanteriebataillone unter Prinz H. und eine Batterie auf einem Hügel jagten die Gegner in die Flucht. Feldmarschall Keith schrieb 4 Tage nach diesem Siege seinem Bruder Lord Marischall:„[WS 1]Prinz H. erhielt eine Schulterschußwunde, welche aber ungefährlich, weil kein Knochen zersplittert ist. Seien Sie versichert, daß diese Familie nicht lange leben kann, wenn der Krieg fortdauert; denn sie (der König und seine Brüder) exponiren sich zu sehr.“ Am 18. Novbr. berichtet Prinz H. dem König u. A., daß seine Wunde noch offen sei. Die Heilung hielt ihn bis zum Februar 1758 in Leipzig zurück. In diesem Monat übernahm er die Vertreibung der im Halberstädtischen brandschatzenden Franzosen, ermöglichte dem regierenden Herzog von Braunschweig die Rückkehr in seine Residenz und erleichterte die Vorwärtsbewegungen des „alliirten“ Heeres. Prinz H. erwarb sich [564] hierbei das schmeichelhafteste Lob des Königs; und wir sehen ihn demgemäß am 11. März 1758 bekleidet werden mit dem Feldherrnamt auf dem sächsischen Kriegsschauplatze. Die desfallsige „Instruktion“ und der von jetzt ab sehr inhaltreiche Kriegszeit-Briefwechsel zwischen Friedrich und H. sind – mit Ausnahme einzelner verloren gegangener und einzelner datumloser Schriftstücke – abgedruckt in K. W. v. Schöning’s 3 Bänden: „Der siebenjährige Krieg, Berlin 1859.“ Das Milit.-Wochenblatt 1839 Nr. 23 und 24 enthält eine Uebersetzung der eigenhändigen französischen Aufzeichnungen des Prinzen über den Feldzug 1761, und die Blesson-Decker-Ciriacy’sche milit. Zeitschr. Bd. II, 351 u. ff., eine Abhandlung über Prinz H. 1759 in Schlesien. Wir können also, und aus Raumrücksichten müssen wir hier abstehen, von einem Verfolg der mit Neujahr 1763 abschließenden Nebenfeldherrnthätigkeit des Prinzen H. Berenhorst skizzirt dieselbe in seinen „Betrachtungen“, Leipzig 1798, 2. Aufl.; 1. Abth. S. 234, 274, 276. Sehr zutreffend nennt der französische Oberst Graf Grimoard (Tableau de la vie et du règne de Fréd. le Grand, Paris 1788; p. 119) den Prinzen H.: „die Zuflucht des Königs in schlimmen Lagen“. Der Schlachtenkaiser Napoleon räumte ein, daß der Feldzug 1761 derjenige sei, wo Prinz H. die Erhabenheit seiner Talente dargethan. Adam Heinr. Dietrich v. Bülow betont in seiner kritischen Geschichte der Feldzüge des Prinzen H. (Berlin 1805), daß derselbe beim Entwurf seiner Operationen keinen Beirath von seinen Untergebenen beanspruchte. Wir wissen, daß der König einen Driesen, Finck, Hülsen, Kleist, Belling, Seydlitz und andere sehr werthvolle Truppenführer gern als Thatenmänner dem Heere seines Bruders überwies. Die Angabe des Marquis Bouillé („Vie privée, polit. et milit. du Prince Henri de Prusse, Paris 1809; p. 133): der Prinz sei seitens des Königs benachtheiligt gewesen durch die „schlechtesten“ Truppen – erachten wir für irrthümlich. Geschlagene oder neue Heeresbestandtheile, und namentlich in den letzten Feldzügen eine verschlechterte Infanterie, zu befehligen – dies gehörte zu den bei einem so hartnäckigen Kriege unvermeidlichen Uebelständen, mit denen der König und Prinz H. gleichmäßig belastet waren. Vorsichtig und ein schneidiger Denker, vorzugsweis für die Defensive beanlagt, schuf Prinz H. sich ein eigenartiges Kriegsführungssystem, welches der feindlichen Ueberzahl erfolgreich Rechnung trug. Der Siegestag von Freiberg (29. Octbr. 1762) vollendete Heinrichs Heerführerruhm. Der preußische Angriff hier geschah nicht nach der Schablone der schrägen Schlachtordnung. Mit sichtlicher Bewunderung gedenkt Friedrich in seinen historischen Aufzeichnungen der Freiberger Leistung seines Bruders und schildert ihn der Nachwelt als einen „großen Kriegsmann“ (Oeuvres V, 212). Blieb der Feldmarschallsstab unserm, am 20. Octbr. 1758 zum General der Infanterie beförderten Prinzen vorenthalten, so lag dies an einem usus im Hohenzollernhause, von welchem erst in allerneuester Zeit abgewichen worden ist. Jedoch Friedrich ernannte, aus Rücksicht gegen seinen Bruder H., weder Zieten und Seydlitz, noch Fouqué und den Herzog von Bevern zu Feldmarschällen. Als eine Feldmarschalls-Ehrenbezeigung können wir gelten lassen die Husarenleibwache (1 Offizier, 24 Mann), welche der König beim Prinzen H. in Rheinsberg stationirte. Uebrigens ist uns bekannt, daß Friedrich, als er im August 1758 den Russen entgegenmarschirte, „résolu de vaincre ou de perir“, letztwillig seinen Bruder H. zum Generalissimus einsetzte, „dessen Befehle die ganze Armee so respectiren soll, als die von einem regierenden Herrn“ (Oeuvres XXVI, 533 und IV, 261).

Friedrich hat nach dem Hubertusburger Frieden den Palast des Prinzen H. in Berlin aufs Freigebigste hergerichtet. Am 24. Januar, „Königs Geburtstag“, 1764, weihte Prinz H. denselben festlich ein. Friedrich dagegen ließ alljährlich den „Heinrichstag“ (18. Januar) im großen Schloß zu Berlin mit [565] größester Pracht feiern. (Ein desfallsiges Schreiben d. d. 10. Januar 1784 s. Oeuvres XXVI, 58). Auch erhielt Prinz H. in jedem Jahr ein königliches Geschenk im Werth von 12 000 Thlr.; so z. B. zu Weihnachten 1768 einen Schwarzen-Adlerordens-Stern mit Brillanten; außerdem sorgte der König mehrfach für die Verbesserung der Finanzen dieses Bruders und bevorzugte ihn in seinem Testament (d. d. 8. Januar 1769) vor den andern Verwandten.

Prinz H., wie sein Vater und sein Bruder Friedrich ein Freund des Landlebens, wählte nach der Rückkehr aus dem großen Kriege Rheinsberg zu seinem ständigen Aufenthaltsort; in Berlin weilte er nur während zwei oder drei Wintermonaten. Seine genau geregelte Tageseintheilung galt zunächst den Studien, dem Briefwechsel und der dramatischen Kunst. Aus einem ungedruckten Briefe des Prinzen an den König, d. d. Berlin 5. Februar 1764, ist ersichtlich, daß der Prinz nach achtwöchentlicher Anwesenheit Berlin verläßt, weil es dort nichts Anziehendes mehr gäbe für ihn „seit der Abreise des Königs“, und weil die Rheinsberger Beschäftigungen erquicklicher als „diese Zerstreuung, zu welcher der Aufenthalt hier mich verpflichtet“ (der Prinz schließt diesen Brief: „Les bontés que vous m’avez témoigné ne s’effacent jamais de mon esprit et me feront désirer de vous donner des preuves de l’attachement inviolable avec lequel …“). In diese Rheinsberger „tranquillité philosophique“ brachten einige Reisen Abwechslung, die zum Theil der Geschichte der preußischen Politik angehören (1770, 1776). Die Czarin Katharina äußerte in einem d. d. Szarskojeselo 11. Juli 1776 an Prinz H. gerichteten Schreiben: „Votre Altesse Royale est assurement un négociateur unique.“

Der englische Reisende William Wraxall, welcher im J. 1777 den Berliner Hof studirte, berichtet über Prinz H.: „Er ist von Person unscheinbar und ohne alle äußerliche Anmuth. Von Natur kalt und von schweigsamem Wesen, kann er nichtsdestoweniger gelegentlich durch die Lebendigkeit seines Gesprächs einen gewinnenden Eindruck machen. Er verbindet mit hoher Begabung eine ungewöhnliche Ausbildung des Geistes. Es gibt hier unabhängige Personen, die dafür halten, daß der Prinz an Fähigkeit dem Könige überlegen sei.“

Die Mémoires d’un gentilhomme suédois – deren Verfasser, Graf Hordt, 1770 als preußischer Generalmajor à la suite den Prinzen H. nach Stockholm und Petersburg begleitete und sodann ihn mehrmals in Rheinsberg besuchte – enthalten kurze Mittheilungen (S. 324) über den durch Natur und Kunst, namentlich aber durch des Prinzen Liebenswürdigkeit sehr behaglichen Aufenthalt in Rheinsberg. Von den Gesprächen des Prinzen wird berichtet: „Sie sind so anziehend, daß man nicht müde wird zu hören. Sie umfassen die verschiedensten Angelegenheiten der Politik und Staatsverwaltung, die Beziehungen der europäischen Mächte zu einander, den Charakter der großen Männer der Vergangenheit und Jetztzeit, die Ursachen und die wichtigsten Begebenheiten der letzten Kriege; Sitten und Gebräuche, Handel und Gewerbfleiß, Kräfte und Finanzen der großen Staaten; sowie auch die Kunst und Wissenschaft, altes und neues Schriftenthum. Man findet nicht nur, daß dieser Prinz viel gelesen, viel beobachtet und viel nachgedacht hat, sondern auch daß es schwer sein möchte, über Alles mit mehr Einsicht und Unparteilichkeit zu urtheilen.“

Als Oesterreich 1778 die Karte Deutschlands verändern wollte und der greise Preußenkönig sich genöthigt sah, „das Schild zu erheben für die Vertheidigung des deutschen Reichskörpers“ (Brief Friedrichs an seinem jüngsten Bruder Ferdinand den 9. Februar 1778) übernahm Prinz H. den Befehl der einen Armeehälfte (80 000 Mann); obgleich er, wie schon 1756, abgeneigt gegen eine Kriegserklärung ohne sichere Aussicht auf das Mitkämpfen eines mächtigen Verbündeten, und obwol er seinen hohen persönlichen Kriegsruhm einsetzte in die [566] Wechselfälle des Waffenglücks. Am 2. Juli 1778 marschirte der Prinz von Berlin ab, aus dem Halle’schen Thor; schnell vorwärts nach Dresden. Sein weiteres Vorrücken sicherte er, durch 18 000 Sachsen verstärkt, mittelst zweckmäßig entsendeter Abtheilungen, und überschritt Ende Juli das für eine Armee als unwegsam geltende Waldgebirge östlich der Elbe; ein Unternehmen, welches so kühn daß der Prinz meinte, für 3 Königreiche dergleichen nicht wieder zu versuchen; denn 1000 Mann und 2 Geschütze hätten sein ganzes Heer aufhalten können. Der Prinz erlitt bei diesem Durchbruch nicht nur keinen Verlust, sondern verursachte sogar den feindlichen Postirungen scheinbar eine „fabelhafte“ Einbuße. Ein Bataillon und eine Compagnie österreichische Linieninfanterie nebst 3 Compagnien Kroaten mußten nämlich im Wald und Gebirg die Waffen strecken vor einem preußischen Husarenregiment; 2 Fahnen und 2 Geschütze waren die Trophäen dieses seltsamen „Coups“. – Ein Vorstoß auf Prag erzeugte dort große Bestürzung. Nach einem wegen Pferdefuttermangel und Ausbruch der Ruhrkrankheit angetretenen „meisterhaft“ angeordneten Abmarsch aus Böhmen (vgl. Cogniazzo IV, 347 u. ff.) im September, bei schlechtem Wetter und auf übeln Wegen, Angesichts eines überlegenen Feindes – schloß Prinz H. in den üblichen Winterquartieren, auf sächsischem Boden, seinen letzten Feldzug. Eine im Januar 1779 von ihm geplante und vom Generallieutenant v. Möllendorf siegreich durchgeführte kleine Excursion störte die österreichische Winterruhe. Am 10. März trat für den Heerestheil des Prinzen Waffenstillstand ein. Der Friede von Teschen, den 13. Mai, gestattete die Rückkehr in die märkische Oase Rheinsberg. (Man findet das Journal des Prinz Heinrich’schen Kriegszugs 1778/79 als Actenstück gedruckt in der Berliner „Zeitschrift für Kunst, Geschichte und Wissenschaft des Krieges“, Bd. 64 und 65.)

Im Sommer 1784 unternahm Prinz H. eine längere Reise. Sehr bezeichnend für seine ernste scientivische Neigung ist, daß er bei kurzem Aufenthalt in Basel, nach Besichtigung der dortigen Sehenswürdigkeiten, noch Abends in die Bibliothek ging und hier bis 1 Uhr Morgens blieb. Der Prinz eilte durch die Schweiz nach Südfrankreich; hier erhielt er eine Einladung Ludwigs XVI. nach Paris und erledigte nun seinen Potsdamer Auftrag: sich mit dem französischen Monarchen zu verständigen betreffs eines eventuellen Auftretens gegen die Unternehmungslust des „jungen Cäsar“, welcher in Holland uralte Abmachungen umstoßen wollte. Dieser Auftrag war um so heikler, als Königin Marie Antoinette, die Oesterreicherin, in Prinz H. den hassenswerthen „Prussien“ erblickte. „On envoie chasser Louis XVI. pour le soustraire à votre pénétration et par ménagement pour la cour de Vienne“; so sagt König Friedrich seinem Bruder in einer Zuschrift den 27. Septbr. 1784. Prinz H. operirte am Versailler Hofe mit großer Geschicklichkeit; jedoch die Wankelmüthigkeit des französischen Gouvernements behinderte die Erreichung des preußischerseits angestrebten Zieles. Für Prinz H. persönlich gestaltete sich sein bis Anfang November 1784 dauernder Aufenthalt in Paris zu einem Triumph. König Ludwig beehrte ihn mit besonderer Aufmerksamkeit; und die Franzosen allseitig brachten ihm enthusiastische Huldigungen dar – zum Theil infolge der sich bereits regenden Opposition gegen ihre Königin, jedenfalls aber auch als Bewunderer der Einfachheit, Bescheidenheit und Liebenswürdigkeit eines mit der französischen Geistesaristokratie befreundeten, soldatisch-hervorragenden deutschen Prinzen, welcher obendrein manche dankbare Erinnerung wach rief an die den französischen Gefangenen und Verwundeten erwiesene menschenfreundliche Behandlung. Prinz H. nahm einen so tiefen Eindruck mit sich von der ihm äußerst erfreulichen Anwesenheit in Paris, daß er beim Abschied dem Herzog von Nivernois (geb. 1716, † 1798; Mitglied der Akademie, Schriftsteller und Diplomat) [567] äußerte: „Während der einen Lebenshälfte wünschte ich Paris zu sehen, während der andern werde ich mich dorthin zurücksehnen.“

Die Ausführung eines von Friedrich dem Großen lange gehegten Gedankens: „der deutsche Fürstenbund“ ist ein positives Ergebniß jener politischen „Recognoscirungspatrouille“, welche H. für seinen königlichen Bruder übernommen. „Friedrich entsendete ihn mit gleichem Vertrauen zu seinen Feinden wie zu seinen Freunden“ (Bouillé). Schließlich sei hier erwähnt: Die vortreffliche broncene Porträtbüste des Prinzen H., welche, in Paris durch Houdon’s Meisterhand entstanden, 1784 als Weihnachtsgabe von H. seinem Bruder Friedrich geschenkt wurde, ist übergegangen in den Besitz Sr. kaiserl. und königl. Hoheit des Kronprinzen. Ein königlicher Brief vom 15. Decbr. 1785 an Prinz H. legt uns die Vermuthung nahe, daß letzterem von dem tödtlich erkrankten Staatsoberhaupt während eines Zusammenseins vom 30. Decbr. 1785 bis 2. Jan. 1786 in Potsdam wichtige Staatsangelegenheiten anvertraut wurden. Die späteren Briefe des Königs an Prinz H. enthalten, in dankbarer Erwiderung einer brüderlichen Theilnahme, autobiographische Aufzeichnungen über eine fortschreitende körperliche Auflösung. H. war der Einzige in der Familie, welcher diese directen Nachrichten erhielt. Wenn Friedrich während seiner letzten Lebensmomente keine Anverwandten um sich hatte, so entsprach dies seinem Wunsch, so zu sterben, wie er gelebt: einsam.

Der Artikel „Herzberg“ wird ein Streiflicht gleiten lassen auf das politische Orakel des Thronerben Friedrichs des Großen. Die Ernennung des Erbprinzen von Braunschweig zum Feldmarschall am 1. Jan. 1787 war ganz darnach angethan, Prinz H. als militärische Persönlichkeit zu verstimmen. Prinz H. stand, abgesehen von seiner Feldherrnbedeutsamkeit, obenan im Heere seit langen Jahren als Rangsältester. Er demonstrirte am 6. Mai 1787 mit einem Fest, welches er in Berlin den Veteranen des Regiments „Itzenplitz“ gab, zur Erinnerung an die Prager Schlacht. Der dem neubackenen „Feldmarschall“ übertragene Oberbefehl in dem von König Friedrich Wilhelm II. aus Galanterie unternommenen, kriegerisch geringwerthigen, aber den Fridericianischen Staatsschatz um 6 Millionen Thlr. schmälernden, holländischen Feldzug wird den Prinzen nicht gegrämt haben; denn wir kennen des „großen“ Königs Rücksicht und Heinrichs Klage wegen geschwächter Gesundheit in, bezw. nach dem Feldzuge 1778. Des Prinzen Reise im Decbr. 1788 nach Paris ist wol lediglich ein Symptom seiner gesammten Mißstimmung. Die Rede bei Einweihung eines im Rheinsberger Park – hauptsächlich dem 1758 gestorbenen Bruder Wilhelm – errichteten Heldendenkmals (4. Juli 1791), welche unter dem Gesichtspunkt des Rheinsberg’schen Bayard-Ritterbundes unsern deutschen Kriegern beachtenswerth bleiben möge, und sodann des Prinzen H. Mitwirkung am Baseler Friedensschluß sind die letzten öffentlichen Zeugnisse für den regen Soldaten- und Patriotensinn dieses vielfach bekrittelten und verläumdeten Königsohnes. – Die obscönen Klatschereien eines Mirabeau oder Trenck und neuerdings eines Theodor Fontane bedürfen keiner Erörterung. Wol aber verdient hier angemerkt zu werden, daß die vielverbreitete Erzählung von der Unzufriedenheit Heinrichs wegen des durch Friedrich ihm (1764) vorenthaltenen Polenthrones (?) wahrscheinlich nur ein Phantasiegebild des Rheinsberger Hofjunkers Guyton de Morveau („Vie privée d’un célèbre prince …“; Veropolis 1784). Der amerikanische General v. Steuben ist uns Gewährsmann, daß Prinz H. so geartet, daß eine polnische Königskrone ihm nicht begehrenswerth (vgl. Kapp, „Steuben’s Leben“, S. 575). Entschieden unglaublich klingt die Notiz, Friedrich habe seinem Bruder H. nach der Erwerbung Westpreußens eine Statue errichten wollen. Friedrich hat nie einem Lebenden öffentliche monumentale Ehren erwiesen; er selbst verhielt sich [568] ablehnend, als seine Officiere ihm durch Tassaert ein Colossalstandbild fertigen lassen wollten (1781). Bezüglich der Verketzerung des Prinzen H. wegen Mißachtung „deutscher“ Verse sei entgegnet, daß er ein Gönner Gellert’s und Ramler’s.

Friedrich Wilhelm III. bezeigte seinem greisen Großohm ehrerbietige Achtung und zarte Aufmerksamkeit. An die Zurückgezogenheit gewöhnt, lag es dem Prinzen H. fern, in seinen alten Tagen noch eine Rolle im Staatsleben zu wünschen. Wenn er dem gesunden Urtheil des jungen Monarchen in seltenen Fällen einen Wink oder Rath unterbreitete, so geschah dies meist auf besonderes Befragen. – Nur infolge regelmäßiger und einfacher Lebensweise erreichte der Prinz das 77. Jahr. Ein Bad, welches er wegen eines Schnupfens nahm, zog ihm Ende Juli 1802 ein heftiges Fieber zu. Auf Arzneimittel verzichtend, erlitt er am 1. August einen Schlaganfall, behielt aber das volle Bewußtsein und den ihm in hohem Grade eigenthümlichen heiteren Sinn. Er richtete, mit gewöhnter Liebenswürdigkeit, Worte des Trostes an seine schmerzlich bewegten Diener und Freunde. Prinz H. starb am 3. August, 5 Uhr Morgens, mit „philosophischer“ Ergebung. Seine Gebeine ruhen, wunschgemäß, in einer Pyramide seitwärts des Rheinberger Schlosses. Der Degen des „fehlerlosen Feldherrn“ ist der historischen Abtheilung des königlichen Museums („Kunstkammer“) zu Berlin überwiesen zur Aufbewahrung. Hat der ins königliche Staatsarchiv eingelieferte 50 Foliobände umfassende Briefwechsel zwischen Friedrich dem Großen und Prinz H. erst 1838 eine historiographische Beachtung erlebt, so kennzeichnet dies ein durch die gewaltigen Kriegsereignisse 1806–1815 einigermaßen sich erläuterndes Säumniß in der Geschichtsschreibung der Friedrich-Heinrich’schen Geistesriesen- und Helden-Aera. Weder die 351 Octavseiten des Bouille’schen „Heinrichsbuchs“, noch die 1803 in Göttingen erschienenen „Anekdoten, Kriegsfahrten und Charakterzüge aus dem Leben des Prinzen Heinrich von Preußen“ genügen, um klar und wahr diesen „großen Todten“ uns zu vergegenwärtigen. Immerhin findet man in diesen Schriften, ebenso wie in den militärischen Abhandlungen des Grafen de la Roche-Aymon, einige Heinrich’sche „Gedankenspähne“. Die Franzosen 1784 und der „österreichische Veteran“ Cogniazzo, 1794, bezeugen uns den ritterlichen Schutz, welchen Prinz H. dem wehrlosen Besiegten zuwendete. Fr. Förster’s „Preußens Helden“, Bd. II, Berlin 1848, enthält S. 436 u. ff. zwei Briefe von des Prinzen Hand, als Beläge seiner Bemühungen, den Bewohnern des feindlichen Landes die Kriegslast zu erleichtern. – Von dem auch bei Friedrichs Lebzeiten cursirenden dunkeln Gerücht: der König sei nach dem Hubertusburger Frieden eifersüchtig gewesen auf H., sagte schon Garve (1798), der Geschichtsschreiber würde Unrecht thun, Notiz zu nehmen von dergleichen „geheimen, unverbürgten Nachrichten“. Ebenmäßig wollen wir Mitchel’s Aeußerung über Prinz H. in einer Depesche vom 19. Decbr. 1757: „He is vain and hates his brother, of whose greatness he is jealous“, nicht als apodiktisch gelten lassen. Sagt uns Bouillé (S. 143), der Prinz habe seinen königlichen Bruder brieflich nie „mon très-cher frère“ titulirt, so ist dies ganz unrichtig. Wenn uns Preuß in seinem Auszuge aus der Correspondenz zwischen Friedrich und H. beiläufig Blicke thun läßt in Randglossen des Prinzen über seinen königlichen Bruder, so erinnern wir uns, daß Kant (1784) schrieb, es gäbe in dieser Welt nur einen Herrn – Friedrich, – der es Jeglichem überlasse, zu „räsonniren“ so viel er wolle; hiergegen fordere dieser Herr blos: von Allen das gleiche Maß des Gehorsams. Machte H. von dieser Räsonnir-Freiheit dann und wann privatim Gebrauch, so hat er andererseits, in Amt und Würden treu und fest, sich allezeit „dem ersten Diener des Staats“ ebenbürtig erwiesen; gehorsam dem gemeinsamen obersten Gesetz des vaterländischen Wohles.


Anmerkungen (Wikisource)

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