ADB:Thrämer, Theodor von

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Artikel „Thrämer, Theodor von“ von Eduard Thraemer in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 38 (1894), S. 123–127, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Thr%C3%A4mer,_Theodor_von&oldid=- (Version vom 25. Juni 2019, 13:00 Uhr UTC)
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Thrämer: Theodor v. Th., hervorragender Pädagog, Sprachforscher und Streiter für evangelisches Deutschthum, geboren am 9. December 1809 auf der Landpfarre Eeks bei Dorpat als dritter Sohn des aus Sachsen-Weimar (Hayn) eingewanderten Pastors Johann Th. und der Deutschlivländerin Friederike geb. Oeding. Nach des Vaters frühem Tode († 1814) in Dorpat erzogen studirte er 1827–31 mit außergewöhnlichem Erfolge (drei Preismedaillen) an der baltischen Universität Theologie und zwar in engem Anschluß an den durch Lehrgabe und Glaubenswärme hervorragenden Prof. Kleinert. Nach bestandenem Examen stellte ihm der damalige russische Unterrichtsminister Fürst Lieven, der – selbst evangelisch – auf den jungen Theologen aufmerksam geworden war, [124] zur Fortsetzung seiner Studien aus eigenen Mitteln ein mehrjähriges Reisestipendium zur Verfügung. Th. besuchte nun 1832–35 eine Reihe deutscher Universitäten, wobei jedoch, wie aus dem mit Fürst Lieven lebhaft unterhaltenen Briefwechsel hervorgeht, weniger die theologischen Hörsäle als der Verkehr mit der akademischen Jugend, besonders den Theologen, ihn anzogen. Letztere kämen, schreibt er einmal, aus den Vorlesungen mit vollem Kopf und leerem Herzen ins Amt. Diese Wahrnehmung trieb ihn zu einer Art missionarischer Thätigkeit unter den Studenten und die während jener Jahre an mehreren Hochschulen entstandenen Vereinigungen für theologische Leseabende, Sonntagsschulen, Krankenpflege etc. sind direct und indirect ein Werk des jungen Balten gewesen. Längeren Aufenthalt nahm er in Berlin, Bonn und München. An letzterem Orte fesselte ihn besonders G. H. v. Schubert durch Vorlesungen und durch persönlichen Verkehr. Hier auch schloß er mit v. Usedom, dem späteren preuß. Gesandten, Freundschaft und gab im Bunde mit ihm den ersten Anstoß zu der 1837 erfolgten Uebersiedlung der Zillerthaler nach Schlesien. 1835 nach Dorpat zurückgekehrt sah Th. seinen Plan, sich an der Universität zu habilitiren, durch persönliche Einflüsse und die im allgemeinen der Zulassung von Inländern damals ungünstige Strömung so sehr erschwert, daß er sich dem praktischen Schulfach zuwandte. Die Art der Begabung wies ihn entschieden an die Universität, doch pädagogisches Talent und Liebe zur Jugend haben ihn auch in der Schule Erfolg und Befriedigung finden lassen. 1837 wurde er am Dorpater Gymnasium Oberlehrer der deutschen und lateinischen Sprache, 1846 ebendaselbst Oberlehrer der Religion. Die in diesen Stellungen vertretenen Grundsätze entwickeln zwei kleine Abhandlungen: „Der Unterricht in der Muttersprache“ (Dorpat 1839) und „Der sogen. höhere Religionsunterricht“ (Reval 1849). In beiden Schriften tritt der selbständige Geist des Verfassers deutlich hervor, verlangt doch die erstere im Sprachunterricht des Gymnasiums für die Muttersprache den Vorrang, nicht nur um ihrer selbst willen, sondern auch im Interesse der fremden Sprachen, insofern die befürwortete Methode des Sprachunterrichts „die Muttersprache zur Sprachmutter werden lasse“. Ebenso war ihrerzeit etwas neues die Forderung der zweiten Abhandlung, den höheren Religionsunterricht nicht auf der sogen. populären Dogmatik sondern auf geschichtlicher Grundlage aufzubauen. Und reformatorisch ist, wo sie immer einsetzte, Thrämer’s ganze Lebensarbeit geblieben. – 1841 vermählte er sich mit Mathilde Lossius, der Schwester von Eduard Lossius (s. A. D. B. XIX, 217); in seinem Amte durchlief er 1837–52 die Rangclassen bis zum Collegienrath. Die 15-jährige Thätigkeit in Dorpat war erfolgreich und weitreichend: als Lehrer übte Th. auf die Jugend, namentlich auf ernst angelegte Naturen einen großen, die Schulzeit weit überdauernden Einfluß; mit den Studirenden hielt er Fühlung durch vielbesuchte offene Abende; besonders aber unter den Berufsgenossen entwickelte er eine Thätigkeit, die in die baltische Pädagogik ein frisches, bald auch von Deutschland mit Genugthuung bemerktes Leben brachte: 1844 gründete er in Dorpat die Pädagogische Gesellschaft, welches Beispiel bald in andern Städten Nachfolge fand; 1846 gab er der Lehrerwelt der drei Ostseeprovinzen ein gemeinsames Organ in seinen mit den Waffen wissenschaftlicher Gründlichkeit, muthiger Initiative und, wo es noth that, beißenden Witzes kämpfenden „Blättern für Erziehung und Unterricht“ (als Beilagen zum „Inland“ 1846 bis 48). In diesen Blättern veröffentlichte er u. A. folgende Abhandlungen: 1846 einen temperamentvollen Angriff auf das Fremdwörterunwesen in der deutschen Sprache unter dem Titel „Ein Rechtshandel aber nicht für Rechtsgelehrte allein“ ; 1847 „Das öffentliche Schulwesen in Rußland seit Peter d. G.“ (ins Holländische übersetzt in den N. Bijdragen, Mastricht 1854); 1848 „Geschichte [125] des deutschen Sprachstudiums und insbesondere seiner Unterrichtsmethodik seit der Reformation“ (lebhaft anerkannt in Jahn’s Jahrbb. für Phil. u. Päd. Bd. LIV, 322–25, Nacke’s pädag. Jahresber. v. 1851, S. 47 ff. etc.). 1849 verwandelte Th. die pädag. Beilagen in die selbständige Zeitschrift „Das Erziehungs- und Unterrichtswesen in den russ. Ostseeprovinzen“ (3 Jahrgänge 1849–51). Hierin (und auch separat 1850 bei Hartmann in Leipzig) erschien sein „Entwurf einer deutschen Sprachlehre, Theil I Satzlehre“, in welchem das Verfahren der Vorgänger bis auf Becker und Götzinger kritisch behandelt und zugleich ein neues System der Satzlehre scharfsinnig entwickelt wird (vgl. die Besprechungen in Jahn’s Jahrbb. Bd. LXII, 329–31, in der sächs. Schulzeitung 1850 S. 621 etc.). Th. stellt dem deutschen Sprachunterricht als hohes Ziel eine nationalpatriotische Aufgabe. Die Satzlehre soll auf der Schule nicht als selbständiges Lehrfach sondern nur als Vorstufe neben und mit der Stillehre getrieben werden; Stillehre ist in allen Classen die Hauptsache, durch sie wird der jugendliche Geist in Zucht genommen, das Nationalbewußtsein und jenes edle Selbstgefühl geweckt, welches das Fremde, unserer Natur und Sprache zuwiderlaufende abwehrt. Die Bestrebungen Thrämer’s für Hebung und Vertiefung des deutschen Sprachunterrichts fanden die Zustimmung Jakob Grimm’s (vgl. des letzteren Bemerkungen bei Thrämer, Deutsche Stillehre 1857 S. III), in seiner Heimath bewirkten sie die Umgestaltung des Schulreglements von 1820, das einen systematischen Unterricht in der deutschen Grammatik untersagt hatte. Ueberhaupt bezeichnet die besprochene Wirksamkeit Thrämer’s einen Aufschwung des baltischen Sprachwesens[1]: weder vor noch nach ihm ist es einem anderen gelungen die erziehlichen Interessen der drei Ostseeprovinzen um einen Mittelpunkt zu sammeln, geschweige denn öffentlich vom Gesichtspunkt des Deutschthums aus zu vertreten. Aber gerade darum sollte sein Wirken in der Heimath ein jähes Ende finden. Er gerieth wegen eines an die in der russischen Diaspora lebenden Deutschen gerichteten Mahnwortes mit der russischen Censur in Conflict und die Folge war das von ihm selbst nachgesuchte Ausscheiden aus dem russischen Staatsdienste. –

Anfang 1853 siedelte er nach Preußen über um fortan auf günstigerem Boden seinem Ideal deutscher Volkserziehung zu dienen. Als gutes Wahrzeichen klang ihm des alten Freundes Usedom (dazumal preuß. Gesandten in Rom) Willkommgruß entgegen: „Du mußt bei uns bleiben und uns den Segen Deines aufrichtigen und aufopfernden Herzens bringen“. Den geeigneten Boden fand Th. in dem 1853 zu Berlin versammelten Kirchentage. Hier trat er mit einer Ansprache auf, deren Gedankengang, anknüpfend an die Mittheilungen zweier deutscher Geistlichen aus Paris und Lyon über die traurige Haltung der in der Diaspora lebenden Deutschen, den Nachweis führte, daß die nationale und sittliche Verkommenheit draußen lediglich die Folge der im Mutterlande selbst so wenig geübten Treue in Dingen des nationalen und göttlichen Berufs wäre und daß eine Besserung nur durch eine entschieden nationale und evangelische Erziehung der Jugend bewirkt werden könne. Seine Worte zündeten, ihr Ergebniß war der am 1. November 1853 gegründete „Allgemeine deutsche Schulverein für innere Mission“, zu dessen Stamm Mitglieder wie Ahlfeld, Kramer (Halle), Blochmann, Klix, Wangemann, Fürbringer, der conservative Kämpe Kleist-Retzow u. A. gehörten (vgl. Briefwechsel des ev. Schulver. von 1855, S. 13 ff., Hessisches Kirchenbl. 1866, 20. u. 27. Oct., Ev. Monatsbl. für die deutsche Schule 1881, S. 7 ff.). Diesem Verein hat Th. mit großem organisatorischem Geschick, rastloser Energie und nach allen Seiten eingreifender Anregung bis zu seinem Tode selbstlos als „Ordner“ gedient, ein Zeugniß dafür ist der „statt Handschrift gedruckte Briefwechsel des Vereins“ mit seinen vom Ordner [126] aufgestellten Thesen, darangeknüpften Circularcorrespondenzen und Voten (1853 bis 1859 drei Bände). Anfangs in locale Zweigvereine zerfallend erhielt der Verein 1857 eine nach Berathungsgegenständen in 9 Sectionen getheilte Gliederung. Aus der Arbeit für die erste Section ging ein eigenartiges Buch des Ordners hervor: „Des deutschen Volkes Art im Gegensatz zu romanischer und slavischer Volksthümlichkeit“ (Leipzig 1858). In den einleitenden Grundzügen einer schriftgemäßen Seelenlehre wird ein dualistisches Princip aufgestellt, insofern Th. die Seelenanlagen nach ihrer Richtung auf Innerlichkeit oder Aeußerlichkeit unterscheidet; dem entsprechend zerfallen ihm auch die Völker in solche mit vorwiegend innerlicher oder äußerlicher Beanlagung (lehrende oder waltende Völker); das deutsche Volk wird der ersteren Gruppe zugewiesen und demnach als sein weltgeschichtlicher Beruf im wesentlichen der lehrende erkannt. (Ueber den lebhaften durch diese Schrift hervorgerufenen Meinungsaustausch vgl. Briefw. des Schulver. 1859–61). – Ein anderes Werk, das kurz vorher erschienen war, setzt die bereits in Dorpat (vgl. o.) angelegte Sprachlehre fort; es ist dies der treffliche, gegen die überhandnehmende Verwilderung gerichtete „Grundriß der deutschen Stillehre in Beispielen. Gesammter Lehrgang der 5 oberen Gymnasialclassen“ (Rogasen 1857). Das parallel gehende ausführliche Buch „Deutsche Stillehre auf psycholog. Grundlage“ war bis zum 5. Bogen gedruckt, als der Tod den Verfasser abrief; das erschienene behandelt die beiden ersten Capitel des knappen Grundrisses. Letzterer war rasch vergriffen, eine 2. Auflage bereitete Fr. Bauer vor, starb aber vor der Ausführung, doch hat er in seine neuhochdeutsche Grammatik das eigenartige System der Thrämer’schen Satzlehre aufgenommen. Von letzterer handelt auch die kleine Schrift: „Anleitung zu einer fruchtbaren Behandlung der deutschen Satzlehre als Vorstufe der Stillehre – nach Thrämer’s Tode herausgeg. von J. S. Bürger“ (Militsch 1861). – Der äußere Lebensgang Thrämer’s seit der Uebersiedelung nach Deutschland eilte einer frühen Vollendung zu. 1855 trat er in den preußischen Schuldienst als Oberlehrer an den Francke’schen Stiftungen und der höheren Töchterschule in Halle; nebenher las er ebendaselbst vor jungen Lehrern über die Methodik des deutschen Unterrichts. 1856 folgte er einem Rufe nach Rogasen (Prov. Posen), wo kurz vorher eine höhere Lehranstalt specifisch lutherischer Richtung gegründet worden war. Als Leiter dieser Anstalt wirkte Th. zwei Jahre mit der gewohnten Hingebung und hob dieselbe während dieser Zeit zur Stufe eines Gymnasiums empor. Allein die unsicheren Grundlagen dieses Privatunternehmens, namentlich aber das Verhalten seines Gründers und Administrators, der auf die pädagogisch-didaktische Leitung der Schule einen Einfluß beanspruchte, den Th. als Director nicht zugestehen konnte, veranlaßten letzteren 1858 zum Rücktritt. Er rüstete sich eben Rogasen mit einem für die Leitung seines Schulvereins geeigneteren Wohnorte zu vertauschen, als plötzlich am 30. September 1859 den noch nicht fünfzigjährigen ein Herzschlag ereilte. In den schweren persönlichen Erfahrungen der beiden letzten Lebensjahre war der stetig aufblühende Schulverein sein Trost und seine Freude und diese Schöpfung hat ihren Urheber überdauert, sie blüht noch heute als der älteste, in seinen Zielen umfassendste aller evang. Schulvereine Deutschlands. Ein Mitarbeiter desselben faßt im evangel. Monatsbl. f. d. deutsche Schule 1881 S. 6 die Wirksamkeit des Gründers in den Satz zusammen: „Th. war ein wahrer Apostel des evangelischen Deutschthums“. L. Wiese wirft in seinen „Lebenserinnerungen und Amtserfahrungen“ II², 149, wegen ungenügender Information die einheitliche Grundlage seines Lebens und Strebens verkennend, Th. zwar Polypragmosyne vor, bricht aber diesem Vorwurf selbst die Spitze ab, indem er mit Wärme „die lebendige Kraft, die von ihm ausging“, hervorhebt.

[127] Dem entworfenen Lebensbild würde ein wesentlicher Zug fehlen, wenn man die künstlerische Seite dieser eigenartigen Natur überginge. In dem Gelehrten und Pädagogen schlug ein Dichterherz, das sowol in Worten wie in Tönen zu sprechen wußte. Doch hielt Th. mit den Erzeugnissen seines Gemüthslebens zurück: von Dichtungen veröffentlichte er nur einige Balladen im „Inland“ (hervorragend darunter „Der Hagmaier“, 1846), von zahlreichen musikalischen Compositionen nur „Sieben Lieder für eine Singstimme“ (Leipzig b. Whistling). Mit Recht rühmt an diesen Heinr. Löwe (in einem Brief v. 1847) „die seltene und erquickende Frische der Empfindung, die humanistisch hochgebildete Form und Auffassung“. In der kleinen Sammlung sind „Mitternacht“, W. Müller’s „Braut auf Rügen“, Reinick’s „Zwiegesang“ Perlen deutscher Tonkunst. Nach des Componisten Tode erschien „Der Wittwe Sohn“ von Chamisso für Bariton und Clavierbegleitung bei Trautwein in Berlin. In das Gebiet der musikalischen Unterrichtsmethodik hat Th. durch zwei Abhandlungen „Ueber die nothwendige Verbesserung des Musikunterrichts“ (1846 u. 48 in Reval bei Kluge), sowie durch „Thesen und Vorschläge“ (in der Neuen [Leipz.] Zeitschr. f. Musik XXIX, Nr. 5, 7 u. 27) eingegriffen und sich damit in der Geschichte der Musik neben Marx einen Platz erworben (vgl. Brendel, Gesch. d. Mus., 6. Aufl., S. 623).

[Zusätze und Berichtigungen]

  1. Band 38 S. 125 Zeile 23 von oben lies: Schulwesens (st. Sprachwesens). [Bd. 38, S. 793]