ADB:Wessenberg, Johann Freiherr von

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Artikel „Wessenberg, Johann Freiherr von“ von Alfred Ritter von Arneth in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 42 (1897), S. 157–173, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: https://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Wessenberg,_Johann_Freiherr_von&oldid=- (Version vom 19. September 2019, 02:54 Uhr UTC)
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Wessenberg: Johann Freiherr von W., am 20. November 1773 in Dresden geboren und am 1. August 1858 zu Freiburg im Großherzogthum Baden gestorben, gehörte einer dem Breisgau entstammten, katholischen Familie an, von welcher drei Generationen hindurch Großvater, Vater und Sohn am kurfürstlich sächsischen Hofe mit der Erziehung dortiger Prinzen betraut waren. Der Großvater August Florian v. W. zog sich 1761 aus dieser Stellung nach seiner Heimath, dem Breisgau zurück, wohin ihm fünfzehn Jahre später, 1776 auch der Sohn, Karl Philipp, folgte, nachdem ihm noch in Dresden von seiner Gemahlin, einer geborenen Gräfin Thurn-Valsassina aus dem Hause Wartegg, außer einer Tochter drei Söhne, und zwar zuerst Johann Philipp, dann Ignaz Heinrich und endlich Alois geboren worden waren. Während der Aelteste sich nach Studien, die er in Freiburg und in Straßburg zurücklegte, der staatsmännischen Laufbahn widmete, traten die beiden Jüngeren in den geistlichen Stand. Heinrich wurde schon frühzeitig Bisthumsverweser von Constanz und erwarb sich als solcher einen zwar viel angefeindeten, aber wol mit noch [158] größerem Rechte vielverehrten Namen. Alois wurde im J. 1803 mit der Erziehung der damals noch im Kindesalter stehenden Prinzen Friedrich August und Johann betraut.

Nachdem die Brüder W. im J. 1794 ihren Vater verloren hatten, trat der Aelteste von ihnen, Johann, bei der vorderösterreichischen Regierung zu Freiburg in den österreichischen Staatsdienst. In der untergeordneten Stellung, in der er sich dort befand, war ihm kein Anlaß gegeben, sich in irgend einer Weise hervorzuthun, bis er im Frühjahr 1799 den Auftrag erhielt, sich nach dem Hauptquartier der französischen Armee in der Schweiz zu begeben, um dort im Interesse österreichischer Staatsangehöriger thätig zu sein. Nicht ohne persönliche Gefahr und mit Erduldung nicht geringer Beschwerden erfüllte er die ihm gestellte Aufgabe. Hiedurch gab er wol selbst die Veranlassung, daß man auf ihn das Auge warf, als man dem als Armeeminister im Hauptquartiere des Erzherzogs Karl befindlichen Grafen Lehrbach nicht nur einen tüchtigen Hülfsarbeiter, sondern auch einen Mann beigesellen wollte, welcher geeignet wäre, im Nothfalle dessen Stelle zu vertreten. Wirklich finden wir W. in der zweiten Hälfte des October 1799 beim Erzherzoge zu Stockach, von wo aus er nach Lehrbach’s Abreise seinen ersten selbständigen Bericht nach Wien schrieb. Unermüdlich zeigte er sich in der Einholung von Nachrichten über die Absichten und Unternehmungen des Feindes, und freimüthig spricht er über die tadelnswerthen Zustände im eigenen Feldlager sich aus. In erhöhtem Maße geschah dies, als der Erzherzog im März 1800 infolge schwerer Erkrankung und mannichfacher Hemmungen, die er von Wien aus erfuhr, sich von der Armee zu trennen veranlaßt wurde und den Feldzeugmeister Freiherrn v. Kray zum Nachfolger erhielt. Ungescheut erklärt W. in seinen Berichten nach Wien Kray’s Verfügungen für unpassend, bitter tadelt er die zwischen ihm und seinen Generalen herrschende Zwietracht und mit recht trüben Farben schildert er den Zustand der Armee. Nichts Wesentliches änderte sich hierin, als Kray in Ungnade entlassen und der Oberbefehl wenigstens dem Namen nach dem erst achtzehnjährigen, also zu einer so schwierigen Aufgabe noch viel zu unreifen Erzherzog Johann übertragen wurde. Der ihm beigegebene Feldzeugmeister Freiherr von Lauer war gleichfalls nicht der geeignete Mann, den Dingen eine günstigere Wendung zu geben. Furchtbar war die Niederlage, welche die kaiserliche Armee am 3. December 1800 bei Hohenlinden erlitt. Hinter den Inn, ja hinter die Traun mußte sie zurück, bis der auf die drückendsten Bedingungen hin zu Steyr abgeschlossene Waffenstillstand dem ferneren Vordringen des Feindes Einhalt that. An dem Tage, an welchem diese Uebereinkunft zu Stande kam, verließ W. das Hauptquartier und begab sich, einem Befehle des Erzherzogs Karl folgend, der das Obercommando neuerdings übernommen hatte, nach Wien.

Wenige Monate später, im April 1801, wurde W. förmlich in den diplomatischen Dienst aufgenommen und ging als Gesandtschaftssecretär nach Berlin, wo er sich die volle Zuneigung seines Vorgesetzten, des Grafen Philipp Stadion, erwarb. Aber trotz des reichlichen Lobes, welches dieser seiner Dienstleistung spendete, erklärte er doch, daß W. nicht jenes leichte, gesellige Wesen, jene Schmiegsamkeit im Umgange besitze, welche als für einen diplomatischen Beamten besonders wichtige Eigenschaften schon damals galten und wol auch noch heut zu Tage gelten. Vielleicht lag hierin die Ursache, daß W., im J. 1802 aus Berlin nach Wien zurückgekehrt, einige Zeit ohne Beschäftigung blieb. Er benutzte sie zu einer Reise nach Paris sowie zu einem längeren Aufenthalte daselbst, und ungemein anziehend sind seine Aufzeichnungen über das damalige Wiederaufblühen der französischen Hauptstadt nach den überstandenen Schrecken der [159] Revolution, und über den Aufschwung, den sie und mit ihr ganz Frankreich unter der kraftvollen und selbstbewußten Herrschaft des ersten Consuls nahm. Nach seiner Rückkehr aus Paris sehnlich eine Wiederanstellung wünschend, wurde W. im August 1803 zum kaiserlichen Ministerresidenten in Frankfurt ernannt. Noch in demselben Jahr vermählte er sich mit Marie Gertrude, der bildschönen Tochter des Frankfurter Bankiers und kurfürstlich Trierschen geheimen Finanzrathes Heinrich Mülhens, eine Verbindung, durch welche seine Vermögensverhältnisse sich in sehr günstiger Weise gestalteten.

War Wessenberg’s Stellung in Frankfurt eigentlich nicht viel anderes als ein Beobachtungsposten ohne eigentliche actuelle Bedeutung, so erhielt er im J. 1805 einen solchen von größerer Wichtigkeit, und zwar den eines kaiserlichen Gesandten in Kassel, als der er sich das volle Vertrauen des Kurfürsten Wilhelm I. erwarb. Aber freilich vermochte er ihn und sein Land nicht vor der Katastrophe zu bewahren, welche nach der Besiegung Preußens bei Jena über sie hereinbrach. Am 31. October 1806 wurden plötzlich die hessischen Truppen von den Streitkräften des französischen Marschalls Mortier entwaffnet. Nur als preußische und somit als feindliche Generale könne er, sagte der Marschall zu W., den Kurfürsten und dessen Sohn behandeln. Daß hiedurch nur ein Vorwand geschaffen werden solle, um den Kurfürsten zu verjagen und sein Land einem Mitgliede der Familie Bonaparte zuzuwenden, darüber befand sich W. keinen Augenblick im Zweifel. Er bat seine Regierung, sich nach Frankfurt zurückziehen zu dürfen, um nicht länger Zeuge der Gewaltthaten sein zu müssen, deren Verübung nunmehr in Kurhessen begann. Aber bevor er noch eine Antwort hierauf erhielt, mußte er an sich selbst erfahren, welcher Art dieselben waren. Um die Möglichkeit seiner Abreise zu sichern, hatte W. schon vorläufig den General Lagrange, welcher einstweilen die Verwaltung des Kurfürstenthums führte, um Pässe zur Reise nach Frankfurt ersucht. Diesem Wunsche willfahrend, erklärte ihm Lagrange, er wisse mit Bestimmtheit, daß sich in seinem Hause zwei ihm von der kurfürstlichen Kriegsverwaltung anvertraute Kisten mit Gegenständen befänden, welche dem gef1üchteten Kurfürsten gehörten. Er müsse auf ihrer Herausgabe bestehen.

Thatsächlich war, aber freilich ohne daß Lagrange mit voller Bestimmtheit darum wußte, hinreichende Ursache vorhanden zu dem von ihm gehegten Verdachte. Denn ganz abgesehen von den durch Lagrange erwähnten Kisten hatte der Kurfürst vor seiner fluchtähnlichen Abreise aus Mangel an Vertrauen zu seinen gewöhnlichen Geschäftsleuten durch einen verläßlichen Lakai fünf große Brieftaschen mit anderthalb Millionen in guten Papieren, eine Menge Juwelen und den wichtigsten Theil seiner politischen Correspondenz mit der dringenden Bitte an W. gesendet, darüber so zu verfügen, wie dies ein Ehrenmann für seinen Freund thun würde. Schon am folgenden Tage konnte W. den größten Theil des ihm anvertrauten Geldes nach Hannover in Sicherheit bringen. Aber während er noch damit beschäftigt war, auch hinsichtlich des Uebrigen ein Gleiches zu thun, ließ ihn Lagrange, ehe noch W. dem an ihn gerichteten Begehren nach Ablieferung der zwei in seiner Verwahrung befindlichen Kisten zu willfahren vermocht hatte, in der Nacht verhaften und in seinem Hause durch fünf Mann bewachen. Er selbst zeigte sich gegen W. äußerst erbittert, erklärte sich von ihm betrogen und versicherte, daß er sich gezwungen sehe, ihn ins Gefängniß werfen zu lassen.

W. setzte diesen Wuthausbrüchen die äußerste Ruhe entgegen. Lagrange gegenüber blieb er bei der Behauptung, daß dessen Verdacht ein völlig grundloser sei und er verlangte von ihm jene rücksichtsvolle Behandlung, auf die er nach seiner diplomatischen Stellung berechtigten Anspruch erheben dürfe. Er [160] erreichte hiedurch, daß Lagrange, dem ja der eigentliche Stand der Dinge unbekannt war, sein vermeintliches Unrecht einsah und W. um gütliche Beilegung der ganzen Streitsache bat, wozu denn dieser unter den einmal obwaltenden Umständen bereitwillig die Hand bot. War es ihm ja doch noch während seiner Verhaftung gelungen, auch noch den Rest des Geldes zu retten. Die ihm übergebenen Correspondenzen mußte er verbrennen, die Juwelen aber vertraute er der Kurfürstin mit der Bitte an, sie in ihren Kleidern zu verbergen.

Nachdem Wessenberg’s Beglaubigung bei dem Kurfürsten durch dessen Vertreibung aus seinem Lande ihr Ende erreicht hatte, verweilte er mit Zustimmung seiner Regierung in Frankfurt, bis ihm zu Anfang des Jahres 1809 ein noch weit bedeutenderer als sein bisheriger Posten, der eines kaiserlichen Gesandten in Berlin, zu theil wurde. Sein Gönner Stadion, damals mit dem Portefeuille der auswärtigen Angelegenheiten betraut und mit dem Gedanken umgehend, noch einmal den Entscheidungskampf gegen die Napoleonische Uebermacht zu wagen, sah W. als den geeignetsten an, den zaghaften König Friedrich Wilhelm III. zur Mitwirkung an dem bevorstehenden Kriege gegen Napoleon zu vermögen. Vom Könige selbst war durch die Entsendung des Majors Grafen Goltz nach Wien und durch die Zusagen, welche derselbe in seinem Auftrage dorthin überbracht hatte, gegründete Aussicht hierauf eröffnet worden. Inzwischen hatte jedoch der König sich während eines Besuches bei dem Kaiser Alexander in St. Petersburg durch diesen damaligen Verbündeten Frankreichs auf andere Gedanken und zu der ihn von nun an völlig beherrschenden Furcht bringen lassen, ohne Rußlands active Beihülfe oder wenigstens dessen stricte Neutralität würde der Kampf gegen Napoleon ein Wagestück sein, zu dessen Durchführung die Allianz mit Oesterreich und England allein nicht genüge. Dagegen vermochten auch die muthvolleren Anschauungen, welche die tüchtigsten Männer in seiner Umgebung, ein Scharnhorst, ein Tauentzien hegten und für welche die Königin selbst leidenschaftlich Partei nahm, nicht aufzukommen. W. bekam den König gar nicht zu Gesicht, denn derselbe hielt sich nicht in Berlin, sondern in Königsberg auf und gab W. ausdrücklich seinen Wunsch zu erkennen, daß derselbe sich von dort fernhalte, um ihm nicht Frankreich gegenüber Verlegenheiten zu bereiten. Aber was auch W. von Berlin aus zu unternehmen und wen er für die von ihm vertretene Sache, für welche Alles in Preußen Partei nahm, was dort berechtigten Anspruch auf Geltung zu erheben berufen war, zu gewinnen vermochte, an dem Kleinmuthe und der Unentschlossenheit des Königs scheiterte schließlich doch Alles. Selbst der glänzende Erfolg, den die Oesterreicher bei Aspern über Napoleon errangen, brachte hierin keine nachhaltige Veränderung hervor. Der König schwankte und schwankte, bis endlich der Unglückstag von Wagram den Feldzug zu Oesterreichs Ungunsten entschied. W. selbst war es, der seine Regierung darauf aufmerksam machte, daß nun sein längeres Verbleiben in Berlin nicht mehr passend sei. Im Juli 1810 verließ er die preußische Hauptstadt, im Spätherbst dieses Jahres wurde er zum kaiserlichen Gesandten in München ernannt und im März 1811 trat er diesen Posten an.

Die Spannung, die infolge der activen Theilnahme Baierns an dem vor kurzem beendigten Kriege Frankreichs gegen Oesterreich zwischen den Höfen von München und Wien herrschte, und mehr noch der Ruf, welcher W. von seinem Wirken in Berlin voranging, konnte ihm in Baiern nur einen kühlen Empfang bereiten. Aber die unumwundene Art, mit der er den König Max Joseph der Freundschaft des Kaisers versicherte, und die gewinnende Geradheit, die er im Verkehre mit dem Minister Montgelas an den Tag legte, erwarben ihm dort bald ungetheilte Achtung. Bis zum Beginn des Jahres 1813 verweilte er daselbst, im Februar dieses Jahres aber wurde er, ohne eigentlich von München [161] abberufen zu werden, nach London geschickt, um zu ergründen, ob England gesonnen sei, die Hand zu einem allgemeinen Frieden zu bieten, durch welchen die Wiedereinsetzung der europäischen Staaten in eine ihren früheren Machtverhältnissen entsprechende Stellung und dadurch dauernde Ruhe herbeigeführt werden könnte. Bezeichnend für die damals auf dem europäischen Festlande herrschenden Verhältnisse ist es, daß W. die Reise nach England unter einem angenommenen Namen und auf dem weiten Umwege über Dänemark und Schweden zurücklegen mußte. So geschah es, daß er, am 9. Februar in Wien abgereist, erst am 29. März, also nicht viel weniger als zwei Monate später in London eintraf. Dort aber fand er Alles leidenschaftlich eingenommen für möglichst nachdrückliche Fortsetzung des Krieges. Von einer erfolgreichen Durchführung seiner Mission konnte dieser Stimmung gegenüber um so weniger die Rede sein, als ja auch die Verhältnisse auf dem Continent infolge der fortgesetzten Kriegführung gegen Napoleon, der sich auch Oesterreich mit entscheidendem Erfolge anschloß, unaufhaltsam eine ganz veränderte Gestalt annahmen. Wessenberg’s längerer Aufenthalt in London wurde daher gegenstandslos und er erhielt nach der Ernennnung des Grafen Merveldt zum österreichischen Botschafter in London den Befehl, sich von dort aus nach dem kaiserlichen Hauptquartier zu begeben, welches sich damals schon auf französischem Boden befand.

Auf dem Wege dorthin, bei Neufchateau, einige Posten hinter Nancy, geschah es, daß W. am 28. März 1814 sammt seiner ziemlich zahlreichen Begleitung von den insurgirten Bauern gefangen wurde. Insgesammt wurden sie nach Chaumont und dort vor den französischen General Piré geschleppt, welcher vorerst W. des größeren Theiles seiner Baarschaft sowie seiner sonstigen Werthsachen beraubte und ihn dann noch am selben Abende nach Saint-Dizier weiterführen ließ, wo Napoleon, in seinen letzten Kämpfen gegen die übermächtigen Alliirten begriffen, sich vorübergehend aufhielt. Alsbald zu ihm berufen, wurde W. mit vieler Zuvorkommenheit empfangen. Damals schon aufs äußerste gebracht, schien Napoleon das zufällige Zusammentreffen mit einem österreichischen Diplomaten zu einem letzten Versuch benützen zu wollen, um vielleicht durch Vermittlung seines Schwiegervaters, des Kaisers Franz, noch zu einem Ausgleich mit den Verbündeten zu gelangen. Er zählte einerseits all die Verzichtleistungen, zu denen er bereit sei, und andererseits auch die Machtmittel auf, von welchen er behauptete, daß sie ihm noch zur Verfügung stünden. Und wenn man schon ihn selbst durchaus nicht mehr auf dem Kaiserthron zu dulden sich entschlösse, so möge man doch der Kaiserin als Regentin mit dem Senate an ihrer Seite die Regierung Frankreichs anvertrauen. Einer solchen würde das französische Volk unbedingt lieber gehorchen als den Bourbonen. Nicht nur auf die politische, auch auf die militärische Seite seiner Lage ging Napoleon in dem langandauernden Gespräche mit W. ein. Wie mit einem Kriegskundigen erörterte er mit ihm die soeben ausgeführten und die noch bevorstehenden Operationen. Bitter beklagte er sich über Marmont und mit Schärfe tadelte er, daß derselbe, statt sich auf Mortier zurückzuziehen und ihre vereinigten Kräfte für die Vertheidigung von Paris aufzusparen, sich von den Verbündeten bei Ferè-Champenoise habe schlagen lassen. Ihm selbst bleibe nichts übrig, sagte Napoleon, der zwar keine Entmuthigung zeigte, aber sich über sein Schicksal kaum mehr zu täuschen schien, als den Weg nach Fontainebleau einzuschlagen, um dort die ihm noch bleibenden Streitkräfte zusammenzuziehen und Alles vorzubereiten zu dem letzten und entscheidenden Kampfe. Er lud W. ein, ihn bis zu dem Punkte zu begleiten, von welchem aus er am leichtesten das Hauptquartier des Kaisers [162] von Oesterreich zu erreichen vermöchte. – In Napoleon’s Wagen folgte ihm W. auf der Straße gegen Troyes bis Doulevant, wo Nachtquartier gehalten wurde. General Bertrand, welcher als Napoleon’s Hofmarschall fungirte, lud W. zum Abendessen ein, bevor sie sich jedoch zu Tisch setzten, öffnete Bertrand die Thüre des Nebengemaches und W. erblickte Napoleon, auf einer einfachen Matratze liegend, in den tiefsten Schlaf versunken, gleichsam unbekümmert um das, was ihm bevorstand. Nachts um zwei Uhr kam ein Courier mit der Nachricht, die Capitulation von Paris sei dem Abschlusse nahe. Allsogleich wurde der Befehl zum Aufbruche nach Fontainebleau gegeben. Napoleon verabschiedete sich von W., stellte ihm Pferde zur Verfügung und ließ ihn durch einen Oberst des Generalstabes und einen Trompeter zu den österreichischen Vorposten geleiten.

Nachdem er als Mitarbeiter an den Verhandlungen theilgenommen, welche zum ersten Pariser Frieden führten, wurde W. nach der Lombardie, welche soeben erst von den österreichischen Truppen wiederbesetzt worden war, mit dem Auftrage gesendet, sich über den Zustand der dortigen Finanzen und insbesondere über den des Monte Napoleone genau zu unterrichten. Nicht lang blieb W. in Mailand, schon Anfangs August war er in Wien zurück, wo ihn der Kaiser bereits am 31. Juli zum Vicepräsidenten der Hofcommission ernannt hatte, welche zur Organisirung der neugewonnenen illyrischen und italienischen Provinzen niedergesetzt wurde. Aber es scheint fast, daß W. dieses Amt niemals wirklich antrat, wenigstens wurde er binnen kürzester Frist zu einer noch wichtigeren Function berufen, indem ihn der Kaiser zu seinem zweiten Bevollmächtigten bei dem im September zu Wien sich versammelnden Congresse ernannte.

Während der Dauer dieser Verhandlungen, wol der glanzvollsten Zeit, welche die alte Kaiserstadt an der Donau jemals sah, spielte W. als eines der am seltensten genannten und doch gleichzeitig als eines der am meisten beschäftigten Mitglieder des Congresses eine ganz eigenthümliche Rolle. Als eines der am seltensten genannten, weil der kleine, unscheinbare, unelegante und wenig gesellige Mann, welcher trotz seiner adeligen Geburt doch einen unverkennbar demokratischen Zug an sich trug, an dem prunkvollen Schaugepränge aller Art, an den rauschenden Vergnügungen, an dem rastlosen Jagen nach Freude und Genuß, wodurch die übrigen fast durchwegs hocharistokratischen Mitglieder vielleicht noch mehr in Anspruch genommen wurden als durch die von ihnen zu verrichtende Arbeit, sich nur wenig betheiligte. Eines der am meisten beschäftigten aber war W., denn nicht nur zahlreichen Sitzungen hatte er beizuwohnen, sondern es wurde ihm auch eine Menge der schwierigsten Ausarbeitungen übertragen. So war fast Alles, was, als von Oesterreich ausgehend, sich auf die zukünftige Gestaltung Deutschlands bezog, ausschließlich sein Werk. Und obgleich man heut zu Tage ihm das nicht eben zum Verdienste wird anrechnen wollen, so dürften leidenschaftslose Beurtheiler doch zugeben, daß unter den einmal obwaltenden Umständen sich damals kaum besseres als die Gründung des deutschen Bundes erreichen ließ. Jedenfalls war sie der Wiederübertragung der Kaiserwürde an das Haupt der österreichischen Monarchie – denn irgend eine Unterordnung Preußens unter dasselbe war ja ganz undenkbar geworden – oder der von Preußen eifrig betriebenen Zweitheilung Deutschlands in den Norden und den Süden bei weitem vorzuziehen. Die von W. vollzogene Ausarbeitung der Bundesacte muß also wie ein Verdienst, das er sich erwarb, und nicht wie ein Makel, der an ihm haftet, angesehen werden. Er selbst wenigstens war sogar in der Zeit, in welcher sein Werk am heftigsten angefeindet wurde, noch immer der Ueberzeugung, daß Deutschland nicht so sehr an dessen Bestimmungen als an der wahrhaft erbärmlichen Art kranke, in der man sie ausführte.

Für die ganz außergewöhnlichen Verdienste, die er sich während der Verhandlungen [163] des Congresses erworben, durch die höchste Ordensauszeichnung belohnt, welche ein Kaiser von Oesterreich überhaupt zu verleihen vermag, wurde W., obgleich noch fortdauernd in München beglaubigt, nach Frankfurt gesendet, um Oesterreich bei den Verhandlungen zu vertreten, welche dort zur Ausgleichung der auf dem Wiener Congresse noch nicht völlig geregelten Territorialabgrenzungen gepflogen wurden und in dem Generalrecesse vom 20. Juli 1819 ihren Abschluß fanden.

Hiemit erreichte aber auch, und zwar ohne daß wir über die eigentliche Ursache hievon hinlänglich und verläßlich unterrichtet wären, die dienstliche Verwendung Wessenberg’s für lange Zeit ein Ende. Die erste Veranlassung hiezu gab allerdings ein von ihm selbst ausgehendes Ansuchen, ihm seiner zerrütteten Gesundheit wegen eine zeitweilige Entfernung von den Dienstgeschäften zu gestatten. Und die Wärme, mit welcher Fürst Metternich bei diesem Anlasse „die ausgezeichneten, wichtigen und zum Theil sehr angestrengten Dienste“, welche W. seit mehr als zwanzig Jahren geleistet, dem Kaiser gegenüber hervorhebt, läßt mit ziemlicher Bestimmtheit darauf schließen, daß wenigstens bis dahin nichts vorgekommen war, was einer baldigen Wiederanstellung Wessenberg’s im Wege stand. Wie willkommen ihm dieselbe jedoch schon nach einigen Jahren gewesen wäre, geht aus einem Briefe hervor, den er im Januar 1825 an Metternich schrieb und in welchem er ihm in recht angelegentlicher Weise seinen Wunsch nahelegte, wieder im Dienste verwendet zu werden. Insbesondere sei es die Gestaltung seiner häuslichen Verhältnisse, welche ihn hierauf gebieterisch hinweise. Aber noch länger als fünf, somit im ganzen mehr als zehn Jahre mußte er warten, bis ihn endlich die Ereignisse, welche im J. 1830 ganz Europa erschütterten, aus einer Zurückgezogenheit befreiten, die ihm trotz der rastlosen geistigen Thätigkeit, mit der er seine Zeit auszufüllen wußte, doch allmählich zu einer recht unerfreulichen geworden war. Im Monate September wurde er zum österreichischen Gesandten im Haag ernannt, und er erhielt hiedurch einen Posten, der infolge der soeben geschehenen Losreißung der belgischen Provinzen von dem Königreiche der Niederlande sehr große Bedeutung besaß. „Er ist“, schreibt Metternich am 20. September zur Unterstützung des für W. gestellten Antrages an den Kaiser, „ganz für diese Stelle in einem so wichtigen Augenblicke geschaffen“. Bald darauf erhielt jedoch W. die fernere und noch schwerer in die Wagschale fallende Bestimmung, sich nach London zu begeben und in der dort niedergesetzten Conferenz neben dem Fürsten Paul Esterhazy als zweiter Bevollmächtigter Oesterreichs an den Verhandlungen theilzunehmen, welche die vollständige Beilegung der belgisch-holländischen Streitsache zum Gegenstande hatten.

In London verweilte nun W. etwas länger als drei Jahre, eine Zeit, die er nicht gerade zu den glücklicheren seines Lebens zu rechnen hinreichende Ursache besaß. Denn einerseits fiel es ihm schwer, sich in die verkehrte englische Lebensweise zu finden, welche, und vielleicht damals noch mehr als jetzt, den Tag zur Nacht und die Nacht zum Tage macht und den Menschen, der in und mit der vornehmen Gesellschaft lebt, dazu nöthigt, den Winter auf dem Lande und den Frühling bis tief in den Sommer hinein in der Stadt zu verbringen. Und daß diese Stadt noch überdies das während des größten Theiles des Jahres in dichte, übel riechende Nebel begrabene London war, brachte den Sohn des sonnigen Rheinlandes manchmal fast in Verzweiflung. Dessen düstere Stimmung aber wurde durch die für seine Jahre und seine angegriffene Gesundheit ganz übermäßige Arbeitslast, endlich durch den schleppenden Gang der durch ihn zu führenden Verhandlungen nur noch gesteigert. Denn wie es dereinst beim Wiener Congresse geschehen war, so wurde W. auch jetzt wieder die eigentliche Arbeitsbiene der Conferenz, und mit der Thätigkeit, die er bei ihren Verhandlungen [164] entwickelte, läßt sich nur noch die des preußischen Bevollmächtigten H. v. Bülow (A. D. B. III, 529) annähernd vergleichen. Nicht nur daß ihm Esterhazy, der ihm übrigens ungemein freundschaftlich gesinnt war, die zu verrichtende Arbeit fast vollständig überließ, auch für seine übrigen Collegen in der Conferenz, selbst für Lord Palmerston nahm er vieles auf sich. So weit kam es, daß Metternich in der Zeit, in welcher die von den drei Ostmächten verfolgten Bahnen immer entschiedener abwichen von denen Englands und Frankreichs, es W. förmlich zum Vorwurfe machte, daß er sich „zum Redacteur, zum Rechenmeister, ja zum Lastträger der Herren Talleyrand und Palmerston hergegeben habe“. „Was ihm aber“, sagt Metternich weiter, „unter seiner ungeheuren Geschäftsthätigkeit abhanden kam, das ist die Wahrung des Standpunktes seiner Regierung“.

Der Vorwurf, welchen Metternich in diesen Worten gegen W. ausspricht, ist ohne Zweifel einer der schwersten, die gegen einen Diplomaten überhaupt erhoben werden können. Als vollkommen gerecht wird er jedoch vielleicht aus dem Grunde nicht erscheinen, weil W. es nie unterließ, seine amtlichen Schritte den Weisungen anzupassen, die von seiner Regierung ihm zukamen. Aber das läßt sich freilich nicht in Abrede stellen, daß er in eine Lage gerathen war, die für einen Diplomaten insbesondere dann, wenn er ein Mann von Verstand und Charakter ist, zu den allerpeinlichsten gehört: nach seiner innersten Ueberzeugung konnte er die Haltung der eigenen Regierung nicht für die richtige ansehen. Während er selbst die jahrelange Fruchtlosigkeit der Verhandlungen der Londoner Conferenz zunächst dem eigensinnigen Beharren des Königs der Niederlande auf unerfüllbaren Begehren zuschrieb und daher fortwährend zu energischem Auftreten gegen ihn rieth, nahmen die Ostmächte, und zwar zunächst auf Antrieb des Kaisers Nikolaus entschieden für ihn Partei. Durch ihr nach Wessenberg’s Meinung allzustarres Beharren auf dem Grundsatze der Legitimität, durch die hartnäckige Negirung so mancher Anforderung der Neuzeit zogen sie sich wie bei so vielen ähnlichen Conflicten auf anderen Gebieten auch in der holländisch-belgischen Streitsache eine Niederlage zu, welche durch unparteiische Erwägung und schließliche Befolgung der Rathschläge Wessenberg’s wahrscheinlich hätte vermieden werden können.

Noch war jedoch diese Angelegenheit bei weitem nicht in ihr letztes Stadium getreten, als W., durch körperliche und geistige Ueberanstrengung und im Gefolge derselben durch wiederholte Erkrankung gar sehr herabgestimmt, vielleicht noch mehr aber durch den steten Tadel, den er von seiner Regierung erfuhr, äußerst entmuthigt, im Januar 1834 um die Erlaubniß bat, sich zu seiner Erholung für einige Zeit nach dem Festlande begeben zu dürfen. Sie wurde ihm bereitwilligst, jedoch nur unter der ausdrücklichen Bedingung gewährt, stündlich des Rufes zur Rückkehr nach England gewärtig zu sein. Eine solche Aufforderung kam ihm jedoch nie mehr zu, ja W. wurde vielmehr im J. 1835 nach dem Tode des Kaisers Franz durch seine ohne sein Vorwissen erfolgte Versetzung in den Ruhestand in recht peinlicher Weise überrascht, wobei es ihn besonders schmerzlich berührte, daß man ihn bei diesem Anlasse nicht eines einzigen Wortes der Anerkennung für seine aufopfernde Dienstleistung theilhaft werden ließ. Ohne hierüber je ein Wort der Klage zu verlieren, verweilte nun W. noch durch dreizehn Jahre in Freiburg und auf seiner benachbarten Besitzung Feldkirch, freilich nicht ohne diesen Aufenthalt durch häufige Reisen zu unterbrechen. Von ihnen sei hier nur die eine erwähnt, welche er im J. 1845 nach Steiermark unternahm, um den Erzherzog Johann in dem ihm gehörigen Brandhofe zu besuchen. Die Bande der Freundschaft, welche ihn schon seit fast einem halben Jahrhundert an den Erzherzog knüpften, wurden während dieses gemeinsamen Aufenthaltes im steierischen Hochgebirg noch verstärkt, und die Zeit [165] war nicht mehr fern, in der ihnen reichlicher Anlaß dargeboten wurde, deren Festigkeit zu erproben.

Wer immer in Oesterreich vor 1848 mit den daselbst herrschenden öffentlichen Zuständen unzufrieden war und nicht etwa im Interesse gewaltsamen Umsturzes, sondern von dem Standpunkte eines ruhig und besonnen Urtheilenden aus die Einführung heilsamer Reformen herbeisehnte, der faßte hiebei vorzugsweise zwei Persönlichkeiten ins Auge, auf die er seine Hoffnungen baute, den Erzherzog Johann und W. Gründeten sich solche Erwartungen, was den Erzherzog betraf, nebst seiner volksthümlichen Persönlichkeit vornehmlich auf das, was er in der Steiermark für das Emporblühen dieses Landes und für dessen Aufschwung auf den verschiedenen Gebieten des öffentlichen Lebens gethan hatte, so fußten sie bei W. eigentlich nur in dem Gegensatze, von dem man voraussetzte, daß er zu Metternich stehe. Und wirklich wurden schon bald nach dem Ausbruche der Märzbewegung beide Männer, der Erzherzog und W., fast widerwillig in den Vordergrund des politischen Lebens gedrängt, der Erzherzog, indem er, zunächst dazu berufen, als Stellvertreter des Kaisers Ferdinand zu fungiren, bald darauf zum deutschen Reichsverweser gewählt wurde. W. aber sollte vorerst den Posten eines österreichischen Präsidialgesandten in der deutschen Bundesversammlung einnehmen, aber er konnte sich nicht dazu entschließen, diesem an ihn ergehenden Begehren zu willfahren. Der höchst unbefriedigende Zustand seiner Gesundheit und der Gedanke, in seinem vorgerückten Alter und nach einem langen, zurückgezogenen Leben plötzlich Repräsentationspflichten ausüben zu müssen, hielten ihn davon ab. Als aber binnen kurzem der noch weit bedeutungsvollere Ruf an ihn erging, als Leiter der auswärtigen Angelegenheiten an die Spitze des österreichischen Ministeriums zu treten, da trug die in W. allzeit so rege Vaterlandsliebe schließlich doch den Sieg davon über jedes wenn auch noch so gegründete Bedenken. Er erklärte sich zur Annahme des ihm zugedachten Amtes bereit und brach ungesäumt nach Wien auf. „Dort erst werde ich“, schrieb er an den Erzherzog Johann, „zu beurtheilen vermögen, inwieweit meine schwachen Kräfte noch von einigem Nutzen sein können. Es kommt mir vor, als gehe ich einer großen Schlacht entgegen, ohne zu ahnen, wie ich mich aus derselben herausziehen werde“.

Und in der That, der Anblick, welchen Wien in dem Augenblicke der Ankunft Wessenberg’s darbot, war nicht viel weniger trostlos als der eines Schlachtfeldes. Lang schon war der Freudenrausch der Begeisterung verflogen, welcher während der Märztage und in der allerersten Zeit, die ihnen folgte, der gebildete und für ideale Bestrebungen empfängliche Theil der Bevölkerung Wiens sich hingegeben hatte. Mit immer zunehmendem Ungestüm und immer ungehinderter drängten sich diejenigen in den Vordergrund, deren Einflußnahme auf die öffentlichen Angelegenheiten sich noch allezeit und überall als unheilvoll erwies, rohe, zungengewandte, aber aller tieferen Bildung entbehrende Schreier und unreife, sich selbst überschätzende Jünglinge, welche zwei Classen von Menschen das zwar gutmüthige, aber geistig recht weit zurückgebliebene niedere Volk so sehr an sich zu fesseln verstanden, daß es schließlich zu jeder auch noch so tollen Verirrung zu haben war. Dem gegenüber blieb den schon an und für sich minder zahlreichen Gemäßigten und Verständigen nicht viel anderes übrig, als sich scheu zurückzuziehen, denn es fehlte ihnen an einem Vereinigungspunkte, an den sie sich anzuschließen und um welchen sie ihre Kräfte zu concentriren vermocht hätten. Wer vor allem berufen gewesen wäre, ihnen einen solchen zu bieten, das war die Regierung. Sie aber befand sich unter der Leitung eines zwar wohlmeinenden, kenntnißreichen und geschäftserfahrenen, aber so schwachen und willenlosen Mannes, daß er schließlich nichts als ein Spielball war in den [166] Händen derer, welche darauf abzielten oder wenigstens dazu mitwirkten, die allgemeine Verwirrung immer höher zu steigern. Zuletzt kam es soweit, daß, als am 15. Mai trotz aller bisher gewährten Zugeständnisse die bewaffneten Studenten und Arbeiter, von zahlreichen Gesinnungsgenossen in der Nationalgarde begleitet und unterstützt, in hellen Haufen heranzogen gegen die Kaiserburg, um dort neuerdings in herausforderndstem Tone die ungereimtesten Forderungen zu stellen, der Hof, in leicht begreiflichen Schrecken versetzt und mit Recht für seine persönliche Sicherheit ernstlich besorgt, sich am Abende des 17. Mai unauffällig aus Wien entfernte und die Straße nach Innsbruck einschlug, um dort in dem treuen Tirol eine sichere Zufluchtsstätte zu suchen und zu finden.

Die Alles überraschende Flucht des Hofes brachte zwar einen merkbaren Umschwung der öffentlichen Stimmung hervor, aber derselbe hielt doch nur kurze Zeit an. Sehr bald gewannen die verwerflichen Elemente, welche die aufständische Bewegung vom 15. Mai herbeigeführt hatten, neuerdings die Oberhand, und ein Decret der sich für einen Augenblick ermannenden Regierung, welches die Schließung der Universität und die Auflösung der Studentenlegion verfügte, wurde mit der Errichtung von Barrikaden beantwortet, die bald in ungeahnter Anzahl und Stärke die Straßen der Hauptstadt bedeckten und die Regierung neuerdings zur Nachgiebigkeit zwangen.

In diesem Augenblicke traf W., nachdem er ein paar Tage zu Regensburg krankgelegen war, in Wien ein. „Der gestrige Tag und die letzte Nacht waren“, schreibt er von dort aus an den Erzherzog Johann, „die schrecklichsten, die ich jemals erlebt habe“. Die Zustände, die er in Wien fand, schienen ihm so heillos, daß er es nicht über sich brachte, das ihm übertragene Amt auch officiell anzutreten. Den definitiven Entschluß hierüber behielt er sich für seinen Aufenthalt in Innsbruck vor, wohin er sich so rasch als möglich begab. Aber er war selbst der Meinung, daß der völlig zerrüttete Zustand seiner Gesundheit, der ihn wieder zu längerem Verweilen in Linz nöthigte, es ihm unmöglich machen werde, eine so schwere Geschäftslast auf sich zu nehmen. Dennoch mußte er sich, einmal in Innsbruck eingetroffen, dem ihm in dringendster Weise kundgegebenen Wunsche der kaiserlichen Familie fügen und in das Ministerium Pillersdorff treten, womit denn auch, und zwar als seine Hauptaufgabe, die Leitung der auswärtigen Angelegenheiten an ihn überging. Die wichtigste derselben war damals unstreitig die, welche durch den schon im März vorgefallenen Einbruch des Königs Karl Albert von Sardinien in die Lombardie, die Vertreibung der österreichischen Truppen aus Mailand und ihr Zurückweichen bis Verona, endlich durch den fast gleichzeitigen und anfangs erfolgreichen Aufstand von Venedig herbeigeführt worden war. So dringend nothwendig erschien der österreichischen Regierung die möglichst rasche Beseitigung der ihr hieraus erwachsenden Bedrängniß, daß schon Wessenberg’s Vorgänger Graf Ficquelmont die Absendung des Staatsministers Grafen Hartig nach Italien mit Vergleichsvorschlägen veranlaßte, welche jedoch ganz ohne Erfolg blieben. Die provisorische Regierung in Mailand, den Grafen Casati an der Spitze, erklärte sich zwar zu Unterhandlungen bereit, welche jedoch, wie sie versicherte, nur auf der Grundlage einer vorausgehenden Anerkennung der vollständigen Unabhängigkeit sämmtlicher unter Oesterreichs Scepter stehenden italienischen Landestheile gepflogen werden könnten. Da man sonach die Hoffnung aufgeben mußte, im Wege unmittelbarer Verhandlung die Ruhe in Italien ohne den völligen Verlust der dortigen österreichischen Länder herbeiführen zu können, entschloß man sich zur Entsendung eines höheren Angestellten im auswärtigen Amte, Karl v. Hummelauer, nach London. Durch Palmerston’s Vermittlung sollte er die Wiederherstellung des Friedens in Italien auf Grundlage des Zugeständnisses erwirken, daß das bisherige [167] lombardisch-venetianische Königreich einen eigenen Staat unter einem erblichen Vicekönige aus dem österreichischen Kaiserhause bilde. Die englische Regierung aber gab ziemlich unverblümt ihre Sympathieen für die Gründung eines starken norditalienischen Reiches unter Karl Albert zu erkennen, da sie in einem solchen ein kräftiges Bollwerk gegen etwaige Uebergriffe Frankreichs erblickte. Und als, hiedurch um einen Schritt weiter gelockt, Hummelauer auf eigene Faust mit dem Vorschlage hervortrat, die venetianischen Provinzen sollten mit eigener Volksvertretung und eigener nationaler Verwaltung unter einem, dem Kaiserhause entnommenen Vicekönig mit Oesterreich verbunden bleiben, während die Lombardie gegen Uebernahme eines Theiles der österreichischen Staatsschuld ihre Unabhängigkeit erhielte, da zeigte sich zwar Palmerston persönlich einem solchen Plane nicht abgeneigt, die englische Regierung aber lehnte es ab, auf dieser Basis als Vermittlerin aufzutreten. Sie könnte dies nur dann thun, erklärte sie, wenn die von Hummelauer für die Lombardie angebotenen Zugeständnisse auch auf diejenigen Theile der venetianischen Provinzen ausgedehnt würden, welche man deren in gemeinschaftlichem Einverständnisse theilhaft machen werde.

Inzwischen eröffnete jedoch der französische Geschäftsträger in Wien dem Minister Pillersdorff in vertraulicher Weise, daß seine Regierung das baldige Zustandekommen einer Uebereinkunft über das Schicksal der Lombardie dringend wünsche, denn sie möchte hiedurch der Nothwendigkeit eines eigenen Einschreitens überhoben werden. Eine hiebei eintretende Machtvergrößerung des Königs von Sardinien werde ihr jedoch, gab Herr de la Cour zu verstehen, nicht gerade willkommen sein. Hieraus meinte man in Wien darauf schließen zu können, Frankreich ziehe es vor, daß die Lombardie nicht dem Könige Karl Albert zu theil werde, sondern einen abgesonderten Staat bilde. In der Erwartung, sich bei einer auf dieser Grundlage geführten Separatverhandlung der Unterstützung der französischen Regierung zu erfreuen, wurde daher am 13. Juni – und es war dies der erste wichtige Schritt, welchen Oesterreich seit dem Eintritte Wessenberg’s in das auswärtige Amt that – der Legationsrath Schnitzer von Innsbruck aus nach Mailand gesendet, um direct mit Casati neue Verhandlungen zu eröffnen, welche zunächst den Abschluß eines Waffenstillstandes herbeiführen sollten. Aber auch diese Verfügung blieb fruchtlos, denn Casati begehrte neuerdings die Ausdehnung der für die Lombardie angebotenen Unabhängigkeit auf sämmtliche italienische Gebietstheile Oesterreichs, worunter er auch Welschtirol verstand. Er fügte außerdem hinzu, daß die Mailänder provisorische Regierung nur im Einverständnisse mit Karl Albert zu unterhandeln vermöge, der nun und nimmer in einen Waffenstillstand willigen werde. Endlich traf Monsignor Morichini als Delegat des Papstes in Innsbruck ein, wo er ebenfalls die Loslösung aller italienischen Provinzen Oesterreichs von dem Kaiserstaate als unerläßliche Vorbedingung des Friedens verlangte. Da aber inzwischen der Feldmarschall Graf Radetzky, durch die ihm zugegangenen ansehnlichen Verstärkungen in den Stand gesetzt, die Offensive zu ergreifen, durch den nach Innsbruck abgesendeten Fürsten Felix Schwarzenberg dringende Einsprache gegen die beabsichtigten Gebietsabtretungen erheben ließ, fand man auch in Innsbruck, und zwar nicht ohne Zuthun Wessenberg’s den Muth, die früher hierauf gerichteten Projecte fallen zu lassen. Die französische und die englische Regierung wurden durch W. von dem Scheitern der angebahnten Friedensverhandlungen mit dem Zusatze verständigt, daß Oesterreich keine Wahl übrig bleibe, als mit den Waffen in der Hand den Frieden zu erkämpfen, welchen im Wege der Versöhnung herbeizuführen von italienischer Seite verweigert werde. Durch die Siege Radetzky’s und die Wiedereroberung Mailands gingen diese Hoffnungen [168] glänzend in Erfüllung und gedemüthigt mußte nun Karl Albert den früher so hartnäckig verweigerten Waffenstillstand eingehen.

Trat infolge dieser Ereignisse die Beschäftigung Wessenberg’s mit der italienischen Frage für den Augenblick wenigstens in den Hintergrund zurück, so wurde von nun an seine Aufmerksamkeit durch die deutschen Angelegenheiten in erhöhtem Maße in Anspruch genommen. Nicht als ob damals schon die später so viel Staub aufwirbelnde Frage der zukünftigen Stellung Oesterreichs zu Deutschland in Fluß gerathen wäre. In entschiedenem Gegensatze hiezu hatte gerade zu jener Zeit die von der Frankfurter Nationalversammlung mit großer Mehrheit der Stimmen vollzogene Wahl des Erzherzogs Johann zum deutschen Reichsverweser die Bestrebungen derer nicht wenig gehemmt, welche darauf ausgingen, Preußen unter gleichzeitiger Verdrängung Oesterreichs aus Deutschland an die Spitze des neu zu bildenden Bundesstaates zu bringen. Vor der Hand hegte man in Frankfurt vor allem den sehnlichen Wunsch, den Erzherzog baldigst den Platz eines wenngleich nur provisorischen Reichsoberhauptes einnehmen zu sehen. Und nachdem die nicht leicht zu überwindenden Schwierigkeiten, welche sich dem entgegenstellten, hinweggeräumt waren, machte sich der Erzherzog in persönlicher Begleitung Wessenberg’s auf den Weg nach Frankfurt, um dort sein Amt anzutreten.

So zahlreiche schriftliche Mittheilungen Wessenberg’s aus jener Zeit auch vorhanden sind, so findet sich doch in keiner einzigen eine Andeutung der Ursachen, welche ihn zu dem Entschlusse bewogen, den Erzherzog nach Frankfurt zu begleiten. Ohne eine derartige Aufklärung aber muß dieser Schritt wol als ein kaum hinreichend begründeter, und Wessenberg’s Anwesenheit in der Umgebung des Erzherzogs, in der er, da sich die allgemeine Aufmerksamkeit ausschließlich der Person des Reichsverwesers zuwandte, fast ganz verschwand, es nicht gerade nothwendig erscheinen. Aber freilich kann es sein, daß W. selbst wegen seiner eigenen Unbekanntschaft mit den Verhältnissen und den Persönlichkeiten in Wien, wohin er Anfangs Juli aus Innsbruck zurückgekehrt war, sein dortiges Verweilen wenigstens für die Zeit der Abwesenheit des Hofes nicht als unerläßlich betrachtete. Von einer Reise nach Frankfurt und einem längeren Aufenthalte daselbst mochte er vielleicht auch einige Erholung für seine einer solchen dringend bedürftige, weil fortwährend in kläglichstem Zustande befindliche Gesundheit erwarten. Aber diese Hoffnung, wenn er sie wirklich hegte, ging nicht in Erfüllung. Gleich nach seiner Ankunft in Frankfurt schrieb W. von dort, indem er der Ausdauer des Erzherzogs die bewunderndste Anerkennung zollte, nach Wien, er selbst sei aufs äußerste erschöpft und werde sich durch einige Zeit ausruhen müssen, um nicht zu jedem ferneren Geschäfte „total unfähig“ zu werden. Und als nach der Auflösung des Ministeriums Pillersdorff die Aufforderung an W. erging, an die Spitze der neu zu bildenden Regierung als deren Präsident zu treten, da erklärte er sich hiezu nur unter der Bedingung bereit, daß er kein eigentliches Portefeuille zu übernehmen brauche, denn hiezu reiche seine Gesundheit offenbar nicht mehr aus. Aber freilich mußte er sich dem Zwange der damaligen Umstände fügen und auch als Ministerpräsident nach wie vor an der Spitze des auswärtigen Amtes bleiben.

Immer drängender ergingen jedoch von Wien aus die Bitten, ja die Beschwörungen an W., baldmöglichst dorthin zurückzukehren, und auch der Kaiser sprach ihm in dem Augenblicke, in welchem er selbst sich von Innsbruck aus wieder nach seiner Residenzstadt begab, in den huldvollsten Ausdrücken den Wunsch aus, ihn dort baldigst wiederzusehen. Dieser Aufforderung nachkommend traf W. am 21. August in Wien ein, wo er Alles in wildester Gährung fand. „Kein Galeerensclave“, schrieb er am 24. an den Reichsverweser nach Frankfurt, [169] „kann ein härteres Leben haben als ein verantwortlicher Minister inmitten des Aufruhrs. Von sechs Uhr früh bis elf Uhr Abends keine Minute Ruhe, dabei soll man Couriere expediren und hundert langweiligen Menschen Rede und Antwort geben“.

Ueberhaupt gewährt die Reihenfolge von Briefen, welche W. um diese Zeit an den Erzherzog schrieb, ein klares Bild der heillosen Verwirrung, welche damals in Wien herrschte. „Wir leben hier“, heißt es in einem Schreiben vom 3. September, „von beständigen Stürmen umlagert und es ist wahrlich schwer, seinen Verstand in dem Gewirr von Unsinn nicht zu verlieren. Mit einer Reichsversammlung, wie die jetzige zusammengesetzt, ist es beinahe unmöglich zu etwas gutem zu gelangen“. Und eine Woche später schreibt W.: „Die letzten Tage dahier waren sehr stürmisch, zumal wegen der ungarischen Deputation, die mir auch auf den Hals kam, weil man sich auf der einen wie auf der andern Seite nicht mehr zu helfen wußte. Ich wurde ganz krank davon und von überhäufter Arbeit, so daß ich mich für zwei Tage ins Bett legen mußte, allein auch da hatte ich keine Ruhe“.

In solcher Weise und unter fortwährend sich steigernder Aufregung vergingen der September und die ersten Tage des October, bis endlich am 6. dieses Monats jener Aufstand losbrach, dessen gewaltsame Niederwerfung auch die vollständige Besiegung der revolutionären Bewegung nach sich zog. Auf die erste Nachricht von der Weigerung eines Grenadierbataillons, dem ihm ertheilten Befehle zufolge den Marsch nach der ungarischen Grenze anzutreten, wurde W. von dem Kriegsminister Grafen Latour ersucht, den Ministerrath in dem Gebäude abzuhalten, in welchem das Kriegsministerium seinen Sitz hat, da er sich von demselben nicht zu entfernen vermöge. Unter fruchtlosem Hin- und Herreden, matten Beschwichtigungsversuchen, Befehlen zu energischem Widerstande und muthlosem Widerrufen derselben vergingen die Stunden, während eine zu Tausenden anschwellende wüthende Menge das Haus umdrängte und es in sinnlosem Fanatismus zu erstürmen versuchte. Ein kühner Entschluß hätte vielleicht noch zu retten vermocht, aber er wurde nicht gefaßt, denn Latour wollte nicht das Leben so vieler Menschen gefährden, um das seinige zu sichern. Er wurde in der Verkleidung, in die er sich geworfen, erkannt, ergriffen und bestialisch ermordet. W. aber wurde durch die Unscheinbarkeit seiner Gestalt, durch die Einfachheit seiner Kleidung, durch den Umstand, daß man ihn in Wien fast gar nicht kannte, und wol auch durch die Anhänglichkeit eines ihm treu ergebenen Mannes, des Legationssecretärs v. Isfordink gerettet. Dieser riß ihn aus dem Gedränge, irrte mit ihm durch längere Zeit in dem weitläufigen Gebäude umher und bestärkte ihn schließlich in dem Entschlusse, sich beim Hauptthore hinaus mitten durch den rasenden Pöbel zu schleichen und so, über eine Barrikade hinweg, durch Seitenstraßen nach seiner Wohnung in der Staatskanzlei zu gelangen. Dort häuften sich die Meldungen, daß der Pöbel auch nach ihm fahnde, um ihn gleichfalls zu tödten. Um sich dieser Gefahr zu entziehen, wanderte W. gegen Abend zu Fuß nach einem der Wiener Vororte, nach Döbling, wo er bei einer befreundeten Familie bis zum 8. blieb. Um die Mittagsstunde dieses Tages schiffte er, stets von dem treuen Isfordink begleitet, über die Donau, fand dort zufällig einen Bauernwagen, der ihn an die Eisenbahn brachte, und fuhr mit ihr nach Prag. Dort setzte er sich vorerst mit dem Fürsten Windischgrätz in Verbindung und eilte dann, nachdem er erfahren hatte, der Kaiser habe den Weg nach Olmütz eingeschlagen, gleichfalls dorthin. Da die Minister des Innern, der Justiz und des Handels ihre Entlassung begehrt hatten, Latour ermordet und der Finanzminister Krauß in Wien zurückgeblieben war, befand sich W. als einziger verantwortlicher Rathgeber in der Nähe des Kaisers. Seine [170] an und für sich schon peinliche Stellung wurde durch den Zwiespalt zwischen seinen Anschauungen und denen des Fürsten Windischgrätz noch aufs äußerste erschwert. W. war anfangs der Meinung, daß die Beschwichtigung des Aufstandes von Wien noch ohne Blutvergießen geschehen könne. Sollte es aber durchaus zur Anwendung von Waffengewalt kommen müssen, so dürfe hieraus nicht etwa die Zurücknahme der den Völkern Oesterreichs gewährten Freiheiten hervorgehen. In der am 19. October trotz des Widerspruches des Fürsten Windischgrätz erlassenen, von W. gegengezeichneten Proclamation verpfändete der Kaiser hiefür sein Wort und versicherte gleichzeitig, daß in den gegen Wien ergriffenen Maßregeln nur so weit werde gegangen werden, als es zur Herstellung der Ruhe und Sicherheit, zum Schutze der treuen Staatsbürger und zur Aufrechterhaltung der Würde des constitutionellen Thrones nöthig erscheine.

Der Kernpunkt des Streites lag schon damals, wie man sieht, in der Beantwortung der Frage, ob Oesterreich von nun an constitutionell oder absolutistisch regiert werden solle; das erstere hielt W. für ganz unerläßlich, während Windischgrätz nur auf das letztere hinarbeiten zu wollen schien. Er besitze den Fehler, sagt W. in einem seiner Briefe aus dieser Zeit von sich selbst, rein constitutionell sein und bleiben zu wollen, weil Oesterreich einmal durch die Macht der Zeit in diese Bahn geworfen wurde und ihm kein anderer Weg möglich zu sein scheine, die ihm so theure Monarchie zu retten. Er habe sich daher, heißt es in einem anderen Briefe, nur noch für kurze Zeit zum Bleiben verpflichtet. „Ich sehe voraus“, sagt er weiter, „daß bei der Divergenz unserer Ansichten ich neben dem Fürsten Windischgrätz unmöglich dem Staate nützlich sein kann; er schaut zurück und ich schaue vorwärts, wir können uns daher nicht vereinigen“. Und daß dies wirklich ein Ding der Unmöglichkeit sei, wurde von W. täglich klarer erkannt. Er bat daher den Kaiser dringend, nicht ihn, sondern einen Anderen mit der Bildung eines neuen Ministeriums zu betrauen. Um so lebhafter wünschte W. dies selbst, weil er fühlte, in seinem vorgerückten Alter und bei dem wahrhaft kläglichen Zustande seiner Gesundheit die übergroße Last aufreibender Geschäfte nicht länger tragen zu können. Und außerdem täuschte er sich nicht darüber, daß während er dem Namen nach noch als Ministerpräsident an der Spitze der Regierung stand, eine „Nebenmacht“ wie er sie nannte, sich ihm zur Seite erhob, welche alle Regierungsgewalt allmählich an sich zog und die seinige nur noch zu einem Schattenbilde machte. In welch hohem Maße dies der Fall war, zeigte sich, um hier nur wenige Beispiele anzuführen, bei der Hinrichtung Robert Blum’s; sie wurde auf Anstiften des damals noch nicht mit dem Amte eines Ministers betrauten Fürsten Felix Schwarzenberg vollzogen, ohne daß W. hierüber auch nur befragt worden wäre. Ebenso wurde der Commandant der Wiener Nationalgarde, Messenhauser, erschossen, obgleich W. dessen Begnadigung bereits erwirkt zu haben glaubte und sich über das Scheitern seiner menschenfreundlichen Bemühungen gar nicht zu trösten wußte. Noch viel wichtiger aber war es, daß man auch die Vorbereitungen zur Abdankung des Kaisers Ferdinand und zur Thronbesteigung seines Neffen, des Kaisers Franz Joseph, ohne Wessenberg’s Vorwissen traf. Erst nachdem er, nach Annahme seiner Demission und vor seiner Abreise von Olmütz durch den persönlichen Besuch des Kaisers Ferdinand aufs höchste geehrt, am letzten November in Wien eingetroffen war, erhielt er hier durch die Patente vom 2. December von dem geschehenen Thronwechsel Kunde. „Es sieht aus, schrieb er an den Erzherzog Johann nach Frankfurt, „als habe man meine Abreise abgewartet, um diesen Staatsact zu vollziehen. Ist ein solcher zeitgemäß, so wird dies der Erfolg lehren. Ich bin darüber sehr ergriffen“.

Auch wer dieses Ende der langen staatsmännischen Laufbahn Wessenberg’s [171] bedauert, wird doch zugeben müssen, daß sein hohes Alter und seine stete Kränklichkeit ihn nicht mehr fähig erscheinen ließen, seinem in jener erschütterungsreichen Zeit doppelt mühevollen Amte auch noch ferner vorzustehen. Eine jüngere und kräftigere Persönlichkeit war hiezu ohne Zweifel nöthig, aber freilich wäre es auch wünschenswerth gewesen, daß sie etwas von dem milden und versöhnlichen Sinne Wessenberg’s mit in eine Stellung gebracht hätte, in welcher maßvollere und dem fortschreitenden Geiste der Zeit größeres Verständniß entgegenbringende Ansichten für Oesterreich gewiß nur von Nutzen gewesen wären. An diesen hielt W. auch nach der Rückkehr in sein Asyl zu Freiburg und zu Feldkirch unverbrüchlich fest, und fortwährend erfüllt von jenem Triebe zu rastloser Thätigkeit, der schon zwei Jahrzehnte früher während seines Aufenthaltes in London als ein so charakteristisches Merkmal seines Wesens betrachtet, ja manchmal sogar getadelt worden war, ermüdete er nicht in unausgesetzten Bestrebungen, sie auch bei seinen Nachfolgern zur Geltung zu bringen. Allerdings war er nicht gerade glücklich darin, und in einem seiner vertraulichen Briefe spricht er es geradezu und nicht ohne Wehmuth aus, man scheine sich das Wort gegeben zu haben, keinen Verkehr mit ihm unterhalten zu wollen. Von keinem der Minister habe er jemals eine Antwort empfangen.

Je schweigsamer das Wiener Ministerium sich gegen W. verhielt, um so mittheilsamer erwiesen sich ihm gegenüber seine beiden eifrigen Correspondenten, der Erzherzog Johann, anfangs aus Frankfurt, und später aus Graz, wohin er nach der Niederlegung seiner Würde eines Reichsverwesers sich zurückgezogen hatte, und der Legationsrath Isfordink aus den verschiedenen Ländern, in welche die Verfolgung seiner diplomatischen Laufbahn ihn führte. In dem Briefwechsel mit dem Erzherzoge, insbesondere in dem aus der ersteren Zeit, tritt natürlich die deutsche Frage, aber freilich in einer Auffassung in den Vordergrund, welche den heutigen Anschauungen hierüber keineswegs entspricht. Ganz unzugänglich für den Gedanken einer Ausscheidung Oesterreichs aus Deutschland und denselben von vornherein als etwas eifrigst zu bekämpfendes ansehend, war W. allzeit der Ansicht, nicht die Bildung eines Bundesstaates, sondern nur das Festhalten an dem früheren Staatenbunde sei es, was Deutschland fromme. Die Grundlinien dieses Staatenbundes schienen ihm aber durch die Bundesacte in einer Weise gegeben zu sein, daß sie wol Verbesserungen zulasse und ihrer auch bedürftig sei, daß aber ihre gänzliche Verwerfung nur von üblen Folgen für Deutschland begleitet sein könne. Niemand aber hätte eine solche schmerzlicher empfunden als W., welcher durch und durch ein Deutscher, an diesem seinem Vaterlande mit allen Fasern seines Herzens hing. Und wenn er auch die Bundesacte für gut hielt, so billigte er doch das wiedererwachte schale Treiben am Bundestage in gar keiner Weise. „Die Chinesen“, so schreibt er einmal, „würden mich vielleicht besser verstehen, als meine europäischen Confratres oder die Bundestags-Excellenzen, welche für gute Küchenzettel mehr eingenommen zu sein scheinen als für Constitutionen. Das menschliche Wurmgeschlecht weiß nur noch im Moraste zu wühlen. Es versteckt sich vor den klaren Sonnenstrahlen. Ich tröste mich und sage ihm vielleicht bald Lebewohl“.

Es kann nicht gesagt werden, daß diese düstere Vorahnung rasch in Erfüllung gegangen wäre. In ungeschwächter geistiger Kraft verlebte W. seine Tage, und es scheint auch daß er, seitdem die Ueberlastung mit Arbeiten vorüber war, die ihm durch eine amtliche Stellung aufgenöthigt worden waren, es auch um seine Gesundheit besser bestellt gewesen wäre als früher, wenigstens finden sich in seinen zahlreichen Briefen ungleich seltener Klagen über sie als zuvor. Mehr noch als diese Briefe geben die Arbeiten Wessenberg’s über wichtige Fragen des öffentlichen Lebens Zeugniß für seine in so hohem Alter ganz ungewöhnliche [172] geistige Frische. Insbesondere sind es die finanziellen Zustände Oesterreichs, denen er eine gespannte Aufmerksamkeit zuwendet, und ganz unermüdlich ist er in der Ausarbeitung von Vorschlägen zu ihrer Verbesserung. Aber freilich laufen sie allezeit wieder auf das hinaus, was er selbst in die Worte zusammenfaßt: „Man mag es anfangen, wie man will, ohne Verfassung kein Staatscredit, ohne Staatscredit fortwährendes Deficit, nach und nach Ohnmacht und finaliter Unmacht. Ohne Geld vermögen heutzutage auch die größten Armeen nichts“.

Von den fremden Ländern war es vorzugsweise das benachbarte Frankreich, und in diesem das Auftreten Louis Napoleon’s, welches sein höchstes Interesse erregte. Hatte er vor dem überwältigenden Genius des ersten Napoleon allzeit eine Art scheuer Bewunderung empfunden, so erfüllte ihn dem Neffen gegenüber kein anderes Gefühl als das der Mißachtung. Einen „heillosen Gesellen“ nennt er ihn einmal, in welchem „ein fürchterlicher Ehrgeiz gleich einem Vulcan wüthe“. Und bis an das Ende seines Lebens blieb W. sich in seiner tiefen Abneigung gegen den französischen Kaiser gleich, den er fast immer nur mit dem Ausdrucke „der Usurpator“ bezeichnete.

Bis in das Jahr 1855 hinein bildet Wessenberg’s Correspondenz mit dem Erzherzog Johann und mit Isfordink eine reichhaltige Quelle zur Beurtheilung seiner Ansichten über die Tagesereignisse und die öffentlichen Verhältnisse nicht nur in Oesterreich und in Deutschland, sondern man kann sagen, in ganz Europa. Da aber wurde er, in der zweiten Hälfte des Juni, schon in seinem dreiundachtzigsten Lebensjahre stehend, von einem schweren Unfall betroffen, indem er durch einen Fall in seiner Stube sich den rechten Oberschenkel brach. Mit stoischer Geduld ertrug er die argen Schmerzen, die ihm hiedurch verursacht wurden, und mit Ergebung fand er sich in die vielfachen Entbehrungen, welche die nur äußerst langsam erfolgende Heilung ihm auferlegte. Und wenn sie auch allmählich wenigstens insofern vor sich ging, daß er nach langem Krankenlager anfangs auf Krücken und endlich am Stocke sich fortzubewegen vermochte, wenn er auch hie und da wieder zum Briefschreiben kam, so war er doch von nun an nur mehr ein hinfälliger Greis. Hiezu gesellte sich noch eine Reihe häuslicher Unglücksfälle, die ihn aufs schwerste trafen. Nachdem ihm sein einziger Sohn und seine zweitgeborene Tochter, an einen Grafen Blankensee verheirathet, schon seit langer Zeit durch den Tod entrissen worden waren, verlor er am 4. November 1855 nach mehr als fünfzigjähriger glücklicher Ehe seine Gemahlin, und am 7. April 1856 seine ältere Tochter, Gräfin Henriette Boos-Waldeck, die in seinem Hause zu Freiburg starb. Seine verwittwete Schwiegertochter und seine Enkelin, die sich später mit Jules Favre vermählte, bildeten fast seine einzige Gesellschaft. Zwar war es ihm noch vergönnt, im Juni 1856 die Heilquellen zu Baden in der Schweiz zu besuchen und auch im folgenden Jahre noch einmal dahin zurückzukehren, aber er war mit der Wirkung, die sie auf den Zustand seiner Gesundheit hervorbrachten, keineswegs zufrieden. So schleppte er sich, „fortwährend leidend und sehr herabgekommen“, wie er sich ausdrückt, durch den Rest seines Lebens, aber ohne daß sein allzeit so reges Interesse an den öffentlichen Angelegenheiten sich wesentlich verringert hätte. Trotz des leidenden Zustandes seiner Augen beschäftigte er sich lebhaft mit neu erschienenen Büchern, insbesondere auf dem Gebiete der französischen Memoirenlitteratur. Aber schließlich wurde er auch dieser Zerstreuung beraubt, und am 14. Juni 1858 dictirte er wenige Zeilen an Isfordink, in denen er ihm mittheilte, er leide namenlose Schmerzen und seine Kräfte seien „beinahe am Ende“. Erst nach sechs Wochen, am 1. August 1858 trat dieses wirklich ein. Acht Jahre später erlosch mit Wessenberg’s Enkel sein altes Geschlecht in wahrhaft tragischer [173] Weise, indem sich derselbe am Tage der Königgrätzer Schlacht, jedoch aus Ursachen, die mit diesem Ereignisse in gar keinem Zusammenhange standen, erschoß.

Nekrolog in der Wiener Zeitung vom 10. August 1858. – Briefe des Johann Philipp Freiherrn von Wessenberg aus den Jahren 1848–1858 an Isfordink-Kostnitz, österr. Legationsrath a. D. Leipzig 1877. – Reiches handschriftliches Material im k. und k. Staatsarchive zu Wien und in dem Archive des Grafen Meran zu Graz.