Aufruf an die Slaven.

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Textdaten
Autor: Michail Alexandrowitsch Bakunin
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Titel: Aufruf an die Slaven.
Untertitel: Von einem russischen Patrioten Michael Bakunin. Mitglied des Slavencongresses in Prag.
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1848
Verlag: Selbstverlag des Verfassers
Drucker: Alexander Wiede
Erscheinungsort: Koethen
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Quelle: MDZ München und Commons
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[1]
Aufruf


an die Slaven.




Von
einem russischen Patrioten


Michael Bakunin.
Mitglied des Slavencongresses in Prag.


Koethen.
Selbstverlag des Verfassers.
1848.
[2]
Druckfehlerverzeichniß.




Seite 14. Zeile 16. muß vor „deutschen“ stehen „sogenannten.“
19. 13. statt „Vaterlande“ zu lesen „Verbande.“
An einigen Orten steht „Slawaken“ statt „Slavaken.“
[3]
Brüder!

Die Stunde der Entscheidung hat geschlagen. Es handelt sich darum, offen und mit Entschiedenheit Partei zu ergreifen, entweder für die Ruine der alten Welt, um diese noch für einen kurzen Augenblick zu stützen, oder für die neue Welt, deren Licht hereingebrochen, die den kommenden Geschlechtern gehört, und der die kommenden Jahrtausende gehören. Es handelt sich für Euch darum, ob Euer die junge Zukunft sein soll, oder ob Ihr noch einmal auf Jahrhunderte versinken wollt in das Grab der Ohnmacht, in die Nacht vereitelter Hoffnungen, in die Verdammniß der Sklaverei. Von der Wahl, die Ihr ergreifen werdet, hängt es ab, ob es den übrigen Völkern, die nach Befreiung streben, jetzt gelingen soll, raschen und ungehemmten Schrittes das Ziel zu erreichen, oder ob dieses Ziel, wenn es auch nie verschwinden kann, doch abermals in eine unabsehbare Ferne hinausgerückt sein soll. Auf Euch sind Aller Augen erwartungsvoll geheftet. In der Wahl, die Ihr treffen werdet, ruht die Entscheidung der nächsten und der ferneren Weltgeschicke. Entscheidet Euch, was Ihr zu wählen habet – Euer Heil oder Euer Verderben, und der Welt ein Segen oder ein Fluch zu sein. Diese Wahl liegt vor Euch – wählet!

[4] In zwei Heerlager ist die Welt getheilt. Kein Mittelweg führt zwischen diesen hindurch. Und nicht ungestraft entzieht ein einzelner Theil sich dem großen, unauflösbaren Verbande, in welchem Alle, welche das gleiche Ziel verfolgen, stehen und mit einander siegen oder unterliegen müssen.

In zwei Heerlager ist die Welt getheilt. Hier Revolution, dort Contrerevolution – das sind die Losungen. Für eine von Beiden muß sich ein Jeder, müssen auch wir uns, müsset Ihr Euch, Brüder, entscheiden.

Kein Mittelweg führt hindurch. Die, welche einen solchen vorgeben und anpreisen, sind entweder Betrogene oder Betrüger.

Betrogene, wenn sie die Lüge glauben, daß man am sichersten zum Ziele schleichen könne, indem man den beiden mit einander ringenden Parteien einer jeden ein Weniges zugesteht, um beide zu besänftigen und den vollen Ausbruch des nothwendigen offenen Kampfes zwischen ihnen zu verhindern.

Betrüger, wenn sie Euch einzubilden suchen, daß Ihr, nach pfiffiger Diplomaten Art, Euch außerhalb der beiden Lager stellen müßtet, um Euch zur gelegenen Zeit dem Stärksten anzuschließen und mit dessen Hülfe Eure eigene Sache glücklich durchzuführen.

Brüder! trauet nicht den diplomatischen Künsten. Polen haben sie ins Verderben gestürzt, sie werden auch Euch ins Verderben stürzen.

Was sagt Euch die diplomatische Pfiffigkeit? Sie sagt Euch, ihrer würdet Ihr Euch als eines Mittels bedienen, um Eure Feinde unterwerfen zu können. Aber sehet Ihr nicht, daß Ihr, anstatt Euch ihrer bedienen zu können, von ihr dazu gebraucht werdet, um ihren gegenwärtigen Feind aufs [5] Haupt schlagen zu helfen, und dann, nachdem sie mit diesem fertig geworden, auch Euch, die Ihr allein stehend ebenso schwach zum Widerstände seid, zu knechten? Sehet Ihr nicht, daß eben dieses die schändliche List der Contrerevolution ist, nach Anleitung der alten Regel aller Unterdrücker „Theile und herrsche“ die Vorkämpfer der jungen, neuen Zeit zu vereinzeln, um sie einzeln mit Leichtigkeit zu bezwingen und in Fesseln zu schlagen?

Was könntet Ihr Anderes von ihr erwarten? Kann die Diplomatie ihre Mutter verleugnen, welche keine andere ist, als die alte Despotie selbst? Kann sie anderen Interessen zum Siege verhelfen wollen, als denen, welchen sie ihren Ursprung verdankt? Kann sie arbeiten für die Geburt desjenigen neuen Daseins, welches ihre Verdammung und ihr Tod ist? Kann sie der Bundesgenosse jener dämonischen Kraft sein, welche die Welt verjüngt und welche uns den Weg bahnt, Brüder, unsere innere Fülle wie frische Frühlingssäfte in die Adern des erstarrten europäischen Völkerlebens mächtig zu ergießen? Nimmermehr! Blicket der treulosen Diplomatie nur fest und scharf in das boshaft verzerrte Angesicht, und Ihr werdet von Grauen und Ekel ergriffen werden vor ihrem kupplerischen Locken, und mit Entsetzen und mit Abscheu werdet Ihr sie weit von Euch zurückstoßen. Aus Lüge kann nie Wahrheit, aus Halbheit nie Großes entstehen und Freiheit kann nur durch die Freiheit errungen werden.

Mit Recht zürntet Ihr, mit Recht schnaubtet Ihr Rache gegen jene fluchwürdige deutsche Politik, die Nichts sann als Euer Verderben, die Jahrhunderte Euch geknechtet hat, die in Frankfurt Euern gerechten Hoffnungen und Forderungen Hohn sprach, die in Wien über die Niederlage unseres lebensvollen [6] Prager Congresses[1] jauchzte und jubelte! Aber lasset Euch nicht irren, sehet wohl zu! Diese Politik, die wir verdammen, die wir verfluchen, und an der wir furchtbare Rache nehmen werden, ist nicht die Politik des werdenden deutschen Volkes, ist nicht die Politik der deutschen Revolution, der deutschen Demokratie, sondern es ist die Politik des alten Staatsthums, die Politik der Fürstenrechte, der Aristokraten und Privilegirten aller Art, die Politik der Camarillen und der wie Maschinen von ihnen regierten Generäle, der Radetzki[2], der Windischgrätze[3], der Wrangel[4], es ist die Politik, zu deren Sturz wir Alle, die wir jugendfrisch und von dem Geiste der Gegenwart beseelt sind, die dargebotenen Hände der Demokraten aller Länder fest und freudig ergreifen, und, mit ihnen innig verbunden, für ihr und unser gemeinsames Heil, für ihre und unsere gemeinsame Zukunft kämpfen müssen.

Was die Reactionäre für eine schlechte Sache thun, wie, sollen nicht wir das Nämliche thun für unsere gute Sache? Wenn die Reaction in ganz Europa conspirirt, wenn sie mit Hülfe hergebrachter Organisation, in sich zusammenhängend, in einandergreifend wirkt, so muß die Revolution sich eine entsprechende Macht des Wirkens schaffen. Heilige Pflicht ist es für uns Alle, für alle Streiter der Revolution, für alle Demokraten aller Länder, daß wir unsere Kräfte vereinigen, daß wir sorgen uns unter einander zu verständigen und uns eng zusammenzuschaaren, damit wir verbunden die Feinde unserer gemeinsamen Freiheit bekämpfen und besiegen können.

Gleich das erste Lebenszeichen der Revolution – Ihr wisset es – war ein Schrei des Hasses gegen die alte Unterdrückungspolitik, ein Schrei des Mitgefühles und der Liebe [7] für alle unterdrückten Nationalitäten. Die Völker, so lange am Seile der heuchlerischen und verrätherischen Diplomatie herumgeschleppt, fühlten endlich die Schmach, mit welcher die alte Diplomatie die Menschheit beladen hat, und erkannten, daß nie die Wohlfahrt der Nationen gesichert ist, so lange noch irgendwo in Europa ein einziges Volk unter dem Drucke lebt, daß die Völkerfreiheit, um irgendwo heimisch zu sein, überall heimisch sein muß, und zum ersten Male forderten sie in der That wie aus Einem Munde die Freiheit für alle Menschen, alle Völker, die Freiheit wahr und ganz, die Freiheit ohne Vorbehalt, ohne Ausnahme, ohne Schranke. „Hinweg die Unterdrücker!“ erscholl es wie aus Einem Munde, „den Bedrückten Heil, den Polen, den Italienern und Allen! Keinen Eroberungskrieg mehr, aber noch den einen letzten Krieg, bis auf die Neige durchgekämpft den guten Kampf der Revolution zu endlicher Befreiung aller Völker! Nieder die künstlichen Schranken, welche von Despoten-Congressen nach sogenannten historischen, geographischen, commerciellen, strategischen Nothwendigkeiten gewaltsam aufgerichtet worden sind! Es soll keine anderen Scheidegränzen mehr geben zwischen den Nationen, als jene der Natur entsprechenden, von der Gerechtigkeit und im Sinne der Demokratie gezogenen Gränzen, welche der souveraine Wille der Völker selbst auf Grund ihrer nationalen Eigenheiten vorzeichnet!“ So erging der Ruf durch alle Völker.

Ihr vernehmet, Brüder, den hehren, ahnungsvollen Ruf. In Wien, erinnert Euch, vernahmet Ihr ihn damals, als, noch kämpfend mit den Anderen für das Heil Aller, Ihr mitten unter den deutschen Barrikaden jene große slavische aufgeführt hattet mit dem Banner unserer zukünftigen Freiheit.

[8] Groß und schön war diese Bewegung, welche über ganz Europa ging. Als, berührt vom Hauche der Revolution, Italiener, Polen, Slaven, Deutsche, Magyaren, Wallachen, Die in Oesterreich und Die in der Türkei, kurz Alle, welche bis dahin in heimischen Ketten oder unter fremden Joche geächzt hatten, sich freudebebend erhoben! Die kühnsten Träume gingen in Erfüllung. Die Völker sahen vom Grabe ihrer Unabhängigkeit den schweren Stein, der Jahrhunderte hindurch darauf gelastet hatte, wie von unsichtbarer Hand hinweggewälzt; das Zaubersiegel war gebrochen, und der Drache, welcher die schmerzliche Erstarrung so vieler lebendigtodter Nationen hütete, lag erschlagen und verröchelnd da. Ein Völkerfrühlingsmorgen brach blutroth an. Die alte Staatenpolitik versank in Nichts; eine neue Politik trat ins Leben, die Politik der Völker. Aufgelöst erklärte die Revolution aus ihrer Machtvollkommenheit die Despoten-Staaten – aufgelöst das preußische Reich, das sie die ihm zugefallenen polnischen Landestheile aus seinem Staatsverbande entlassen hieß, – aufgelöst Oesterreich, dieses aus den verschiedenartigsten Nationalitäten durch List, Gewalt und Verbrechen zusammengeknetete Ungethüm, – aufgelöst das türkische Reich, in welchem kaum siebenhunderttausend Osmanen eine Bevölkerung von zwölf Millionen Slaven, Wallachen und Griechen unter ihre Füße traten, – aufgelöst endlich den letzten Despotentrost, das letzte trügerische Bollwerk der aufs Haupt geschlagenen Diplomatie, das russische Reich, auf daß die drei in ihr geknechteten Nationen, Großrussen, Kleinrussen, Polen, sich selbst zurückgegeben, ihren übrigen slavischen Brüdern die freie Hand reichen könnten. Aufgelöst also, umgestürzt und neugestaltet den ganzen Norden und Osten Europas, Italien frei und als [9] Endziel von allem – die allgemeine Föderation der europäischen Republiken.

Wie Brüder traten wir damals in Prag zusammen, die Vertreter aller slavischen Völkerschaften, wie Brüder, die nach einer langen Trennung, endlich sich wiedersehen und entzückt einander sagen, daß hinfort ihre Wege nicht mehr auseinander gehen sollen. Die gemeinsamen Bande der Geschichte und des Blutes lebhaft fühlend, schworen wir, unsere Geschicke nicht wiederum von einander trennen zu lassen. Die Politik verfluchend, deren Opfer wir so lange gewesen waren, setzten wir uns selber ein in unser Recht auf eine vollkommene Unabhängigkeit und gelobten uns, daß diese hinfort allen slavischen Völkern gemeinsam sein sollte. Wir erkannten Böhmen und Mähren ihre Selbständigkeit zu. Die dummdreiste Anmaßung des Frankfurter Parlaments, dieser nun schon zum Spott von ganz Europa gewordenen Versammlung, uns zu Deutschen machen zu wollen, wiesen wir mit Entschiedenheit zurück, während wir dem deutschen Volke, dem demokratischen Deutschland unsere brüderliche Hand entgegenstreckten. Im Namen Derer von uns, die in Ungarn wohnen, boten wir den Magyaren, den wüthenden Feinden unserer Race, ihnen, die kaum vier Millionen zählend, sich vermaßen, acht Millionen Slaven ihr Joch auflegen zu wollen, ein brüderliches Bündniß an. Auch diejenigen unserer Brüder, die unter dem Drucke der Türken seufzen, vergaßen wir nicht in unserem Bunde der Befreiung. Wir verdammten feierlich jene verbrecherische Politik, welche Polen dreimal zerriß und seine traurigen Reste abermals zerreißen will, und drückten die lebhafte Hoffnung aus, daß die Auferstehung dieses edeln, heiligen Märtyrervolkes bald das Zeichen zur Erlösung unser Aller aus der [10] alten Knechtschaft geben würde. An das große Volk der Russen endlich, dieses Volk, das allein unter allen slavischen Völkern sich seine politisch-nationale Selbständigkeit in vollem Maße zu bewahren vermocht hat, ließen wir unsern brüderlichen Ruf ergehen, die Mahnung, dessen zu gedenken, was es selbst nur zu wohl weiß, daß alle diese Selbständigkeit und Größe Nichts ist, so lange nicht das Volk sich in sich selbst befreit hat und so lange es duldet, daß seine Gewalt zu einer Pest für das unglückliche Polen und zu einer stets drohenden Geißel für die ganze europäische Civilisation gemacht wird. Das alles sprachen wir aus, und forderten mit allen Demokraten aller Völker:

die Freiheit, die Gleichheit, die Brüderlichkeit
aller Nationen,

in deren Mitte, frei wie sie und mit allen in brüderlichem Vertrage, die slavischen Völker unter sich einen engeren Bruderbund zur Bildung eines einzigen großen, in sich zusammenhängenden Körpers bilden sollten.

Wir fühlten uns damals unserer Sache gewiß; an ihrem Triumphe war, wenn wir treu bei derselben ausharrten, nicht zu zweifeln; denn die Gerechtigkeit und Menschlichkeit waren ganz auf unserer Seite, und auf der Seite unserer Feinde Nichts als die Ungerechtigkeit und die Barbarei. Es waren keine leeren Traumgebilde, denen wir uns hingaben, es waren die Gedanken der einzig wahren und nothwendigen Politik, der Politik der Selbstbefreiung, der Revolution, des Handelns in Uebereinstimmung mit den Volkserhebungen aller Länder und in Verbrüderung mit den Demokraten aller Welt. Die entgegengesetzte Politik, die Euch angetragen wurde, verwarfen wir, die Politik der Heuchelei und des Verraths, die Politik [11] der Diplomaten, der Staatsklugen, welche Euch die Weisheit anempfehlen, daß Ihr in der Wiederherstellung der kaiserlichen Machtvollkommenheit und in der Errettung Oesterreichs, des Gesammtstaates, Euer Heil suchen müßtet; denn wenn Ihr den Kaiser wieder stark machtet, so würdet dann Ihr, die österreichischen Slaven, einen unabhängigen Slavenstaat bilden und frei sein mit Hülfe der von Euch aufrecht erhaltenen kaiserlichen Macht. Daß uns diese Politik verführen könnte, das war damals in Prag die einzige Gefahr, die wir liefen und vor der ich damals auf dem Congresse warnte. Damals entgingen wir der Gefahr und die Partei der Staatspolitiker zog den Kürzeren vor unserer Begeisterung für die gemeinsame Sache aller Slaven und aller freien Nationen.

Aber die Knechte der von uns verworfenen Staatspolitik was thaten sie nun? Hold unserem Congresse, so lange sie ihn für ihre diplomatischen Zwecke und zur Unterdrückung der deutschen und magyarischen Revolution in Oesterreich gebrauchen zu können dachten, begannen sie gegen ihn zu wüthen, sobald sie sahen, daß er sich wider ihre Pläne wandte, und nicht den Interessen der Staatspolitik, sondern den reinen Interessen der nationalen Freiheit und der Völkerverbrüderung dienen wollte. Jetzt gingen sie daran, unseren Congreß zu sprengen und ließen Prag durch Windischgrätz bombardiren. Vergeblich war der fünftägige heroische Widerstand des begeisterten Volkes; verrathen von Denen selbst, welche berufen waren, die Stadt zu vertheidigen, mußte dieselbe erliegen und der slavische Congreß war aufgelöst. Aber noch geben wir Nichts verloren. Die Herzen geschwellt vom Glauben an unsere heilige und gerechte Sache trennten wir uns und zerstreuten uns, um jeder an seinem Orte für sie zu arbeiten [12] und überall den Boden für unsere künftige Befreiung zuzubereiten; an dem großen Tage unserer gemeinsamen slavischen Erhebung wollten wir uns wieder treffen.

Die Despoten zitterten trotz ihres scheinbaren Sieges in Prag[5]. Sie zitterten, daß wir die Schwüre, welche wir unter dem Krachen der Bomben, womit der Henker unserer Freiheit, Windisch-Grätz die goldene Praga überschüttete, unter Trümmern und Leichenhaufen, im Blute unserer tapferen Brüder badend, racheglühend abgelegt hatten, furchtbar erfüllen würden. Sie zitterten vor dem Aufstande der slavischen Völker, die sie zuerst gewähnt hatten wie folgsame Kinder an ihrem Gängelbande leiten zu können.

Was thaten da die Despoten? Sie sprachen untereinander: Der Aufstand der Slaven droht unser Untergang zu werden; lasset uns Mittel finden, um den Aufstand der Slaven in einen Anker unserer Rettung umzuwandeln! Welche Mittel? Es sind diese: Lasset uns die Slaven wieder die Deutschen und die Deutschen wieder die Slaven hetzen! Lasset uns diese in der Politik noch unerfahrenen Kinder mit allerlei scheinbaren Gründen und bestechenden Vorspiegelungen dazu verleiden, daß sie sich weise dünken, wenn sie den Weg der nur uns zu unserem Ziele führt, gehen. Lasset uns zu diesem Ende allen alten tiefgewurzelten Haß, alle gerechten und ungerechten Vorurtheile, alle kaum erschütterten Ursachen wechselseitigen Argwohns und gegenseitiger Verkennung wieder hervorsuchen und ihnen in die Ohren flüstern, um die Herzen zu vergiften, um die Gemüther zu empören, um die Geister zu blenden und wider einander zu entflammen! Und lasset uns das Feuer, das wir so anzünden, mit schmeichelnden Verheißungen [13] unsererseits, welche wir nie erfüllen werden, zu unverlöschlichem Brande schüren!

So sprachen sie, so thaten sie. Und es ist den Feinden der Freiheit, den Feinden der Gerechtigkeit, den Handlangern der verrätherischen Staatspolitik gelungen, eure Köpfe einen Augenblick lang zu verwirren, Brüder! Ihr ließet euch einen Augenblick bestricken von der Erfindung jener schlauen Politiker, welche vorgab, daß die Sache der Revolution einerlei geworden sei mit der Sache jener deutschen Länderfresser in den Parlamenten, die Euer gerechter Zorn trifft, mit der Sache eurer Feinde und Unterdrücker, der herrschsüchtigen Magyaren, und nehmet so verleitet Partei gegen die Grundlage Eurer eigenen und unserer gemeinsamen slavischen Freiheit, gegen die Revolution und standet Eurem bittersten und gefährlichsten Feinde, der dynastischen Politik und dem Despotismus bei. Unseren natürlichen Freund und Bundesgenossen, die Demokratie, habet Ihr in Wien das büßen und entgelten lassen, Slaven! was an Euch die alte deutsche Staatspolitik, das in Frankfurt wieder aufgewärmte Despotensystem gesündigt hatte. Slaven rächten leider in Wien das wider sie verübte Verbrechen nicht an dem Verbrecher, sondern gerade an denen, die des Verbrechers geborene Richter und des Rächers natürliche Bundesgenossen sind. Und die Partei der Staatspolitiker, aus dem Reichstage zu Wien in der Stunde der Gefahr und der Entscheidung, wo einzig und allein das Interesse des Volkes gelten durfte und Alle Eins machen mußte, feig entwichen, suchte sodann in Prag Euch vorzuspiegeln, daß der letzte Wiener Aufstand keine Volksbewegung gewesen sei, sondern mit magyarischem Gelde gemacht. Aber, Brüder, wer unter uns wäre so elend, wer noch so [14] dumm, um das Ammenmährchen zu glauben, daß sich Revolutionen mit Gelde machen ließen? Nein, alles Geld der Welt bringt kein Volk zur Empörung, und die Jugend keines Volkes ist so schlecht, um sich erkaufen zu lassen. Die kaiserlich-österreichische Staatspolitik, sagte Euch jene Partei der Staatspolitiker weiter, sei der Feind Eurer Feinde, wie sie der Feind des räuberischen Magyarenthums sei, so sei sie der Feind des länderfressenden Deutschlands! Lüge! Sehet Ihr nicht, daß die österreichische Staatspolitik mit der Politik der Centralgewalt in Frankfurt, mit der Politik der Unterdrückung um jeden Preis und der Erwürgung aller Freiheit Hand in Hand geht? Freilich sitzen in der Frankfurter fälschlich sogenannten Volksvertretung der Mehrzahl nach solche arme kindische Narren, die, dem Willen der wirklichen sogenannten[6] deutschen Nation entgegen, nichts Anderes träumen als Erweiterung des deutschen Gebietes und Beherrschung aller auf dem deutschen Boden wohnenden nichtdeutschen Völker. Aber den Irrthum und die Thorheit dieser Menschen mißbraucht die Centralgewalt Deutschlands ebenso wie die österreichische Staatspolitik die Leichtgläubigkeit eines Theiles der Slaven mißbraucht hat, um dieses herrliche Volk mit seinem wahren deutschen Freunde, mit den Freunden der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit aller Nationen, mit dem freiheitbegierigen Volke, mit den Demokraten Deutschlands zu verfeinden, mit allen denen, welchen ihr die Bruderhand reichen müsset, weil sie nicht eure Feinde, sondern die Feinde eurer Feinde sind. – Ihr würdet frei sein, haben Euch endlich jene Staatspolitiker vorgespiegelt, Ihr würdet frei sein, nachdem Ihr der österreichischen Staatspolitik zur Besiegung ihres Feindes geholfen haben werdet. Aber welche Lüge! Wien ist gefallen, – wohlan, [15] Ihr sehet an der Sorte Freiheit[7], die Ihr nun nach dieser schrecklichen Katastrophe in Prag genießet, wie die Diplomatie ihre Verheißungen wahr macht; Ihr sehet, was für bittere Früchte ihre Bundesgenossenschaft einträgt. Wo ist die Freiheit Prags? Suchet sie mit der Laterne!

Ja, schon schwindet die Täuschung, schon seid Ihr Euch selbst wiedergegeben, Brüder, schon sehet Ihr wieder klar. Was Jellachich[8] gethan hat, liegt vor Euern Augen und die Zwecke, welche er verfolgt hat, sind keinem Menschen mehr ein Geheimniß. Seine ursprüngliche Aufgabe war, die slavische Freiheit gegen die unterdrückerische Politik der herrschenden Partei unter den Magyaren zu vertheidigen und die volksfeindliche Staatspolitik, der diese Partei unter Kossuth[9] fröhnte, besiegen zu helfen. Statt dessen ging er nach Wien und half dort den Volksaufstand, die Demokratie besiegen. Einen gerechten und heiligen Zweck, die gute demokratische Bewegung der Südslaven hat er verrathen und verkauft an eben jene heillose Politik, zu deren Sturz die empörten slavischen Volksstämme ihre junge üppige Kraft seiner Leitung anvertraut hatten. Es war sein Beruf, unserem hülfsbedürftigen Bruderstamm, den Slavaken mit den Kräften, die ihn der südslavische Aufstand zur Verfügung stellte, beizustehen. Diesen heiligen Beruf verachtend, zog er es vor, ein österreichischer Staatsdiener zu sein und sein Heer gegen die Hauptstadt des Kaiserreiches zu führen, um aus ihr einen Herd des Despotismus für ganz Oesterreich, für ganz Europa zu machen. Anstatt für die Freiheit aller Nationen zu arbeiten, arbeitete er für das in Inspruck und Wien geschmiedete, in Potsdam freudig aufgenommene und angefeuerte, und von der Frankfurter Centralgewalt wie in St. Petersburg sanctionirte [16] Complott der Volksunterdrücker, der Städteverwüster und Massenmörder der alten Despoten.

Oesterreichisch sollt ihr sein, will die Staatspolitik, will der Verräther Jellachich, der es gewagt hat, diese Politik offen und laut als das Heil der Slaven zu verkünden.

Oesterreichisch sollt ihr sein. Was heißt österreichisch sein? Es heißt: der Despotie dazu helfen, daß sie durch die Trennung und den Haß der verschiedenartigen in Oesterreich eingepferchten Völkerschaften, jede derselben schwach macht und durch die Schwäche der unter einander verfeindeten Einzelnen selber stark, Allen zusammen ihr Joch auflegt. Es heißt: der Despotie den Kunstgriff möglich zu machen, daß sie die Menschen, welche durch Blut, durch Sprache und Sitte, durch große Erinnerungen der Geschichte und größere Hoffnungen der Zukunft zusammengehören und mit einander ihre Geschicke erfüllen wollen, verhindert, frei in Nationen zusammenzutreten, daß sie Stücke von ihnen abreißt und die abgerissenen in ihrer Vereinzelung ohnmächtigen Stücke zu einem künstlichen, aller Natur hohnsprechenden Staatsganzen zusammenschmiedet, dessen Theile sich wohl beugen müssen unter dem Scepter der Despotie, weil sie einander zu fremd und feindlich sind um zusammenzuhalten und gemeinsam widerstehen zu können. Es heißt: die Despotie in Stand setzen, das alte Spiel zu erneuern, welches Polen in Stücke riß und das eine Stück an diesen, das andere an jenen Staat verschacherte und welches den Leib dieses herrlichen Volkes immer wieder zerreißt, um, wenn es möglich wäre, jede Hoffnung auf Polens Wiedergeburt zu ersticken. Es heißt: die Sache der Czechen, der Slavaken, der Serbier, der Croaten und wie die Völker unseres Stammes unter österreichischer Botmäßigkeit [17] alle heißen, von der gemeinsamen slavischen Sache losreißen.

Oesterreichisch sollt ihr sein. Was werdet ihr gewinnen, Brüder, wenn ihr österreichisch seid?

Entweder: der österreichische Staat bleibt was er ist, ein Gemisch von Völkerschaften, denen man aus Gnaden gleiche Rechte zugesteht, und ihr seid mitten in diesem Chaos fernerhin was Ihr gewesen seid, niedrige, ohnmächtige, verachtete Sklaven eines willkürlichen Regimentes, den Vorschriften, die Euch Wien macht, demüthig und gehorsam unterworfen, ohne Freiheit, ohne eigene Kraft, ohne Einfluß auf die Entwicklung der Zukunft aller Slaven insgesammt und der allgemeinen menschlichen Zukunft.

Oder: es gelingt dem österreichischen Staate nur dadurch sich als Staat zu behaupten, daß er wirklich, wie Euch jetzt gleißend verheißen wird, sich gänzlich in einen slavischen Staat umwandelt, und was habt Ihr dann? Werdet ihr frei und groß sein in diesem letzten, besten Falle? Nein, Ihr seid alsdann auf der einen Seite Unterdrücker Eurer Brüder von fremder Nationalität, Despoten der Italiener, der Magyaren, der Deutschen in Oesterreich. Ihr thut den Anderen was Ihr nicht wollt, das Euch von ihnen geschehe. Und Ihr macht Euch dadurch nur abermals zu Knechten, zu Knechten Eurer eigenen Despotie; weil Niemand knechten kann, ohne selber Sklav zu sein: ich, als Russe, sage Euch das. Ihr ziehet den Haß, nicht nur derer die Ihr unterdrücket, sondern der ganzen freiheitliebenden Welt auf Euch, den Haß, den Ingrimm, die Verachtung und den Fluch aller Völker, und als Verderber werdet Ihr zuletzt selber verderben[10] werden.

Auf was werdet Ihr Euch stützen, sage an, wenn endlich, [18] nachdem Ihr Euch mit der Schmach der Tyrannei lange genug besudelt, der Tag des Gerichtes über euch kommt, wenn dieselbe Gewalt, die jetzt Euch in den Kampf gegen Eure Dränger getrieben hat, die Revolution, sich wider Euch selbst erhebt und ihr dann nicht nur als die Feinde der von Euch Geknechteten, sondern als die Feinde Eurer eigenen Stammesbrüder, von denen Ihr euch, freventlich abgesondert, für deren Freiheit Ihr Nichts gethan habt, deren Elend Ihr vielmehr verlängern helfet, – wenn Ihr als die Feinde der großen Völkerfreiheit, als die Feinde des ganzen menschlichen Geschlechtes einsam und von aller Welt verabscheut dastehen werdet? – Saget an, wo ist Eure Stärke, wenn Ihr sie nicht da suchet, wo allein sie zu finden ist, nämlich in der heiligen Gemeinschaft mit der Gesammtheit aller slavischen Brüder auf Erden? Ist Eure Stärke der Kaiser Ferdinand[11], dieses armselige, schwachsinnige Geschöpf, daß sich durch Weiber und Hofleute von Ort zu Ort umherjagen und sich willenlos zum Mörder und Henker derer machen läßt, denen er doch ein gütiger Vater heißen will; dieser Kaiser, in dessen Brust, auch selbst dann, wenn es eine Mannesbrust wäre, doch kein Geschäft für Euer nationales Streben, Euer Heil und Eure Zukunft wohnen könnte, weil, was auch darin schlüge, immer doch kein Slavenherz sein würde? – Oder ist Eure Stärke diese intriguante, complottirende Camarilla, die von nichts Anderen lebt als von Eurer Verblendung und ihr Dasein zu fristen vermag nur auf Kosten des Hasses, den sie bei Allen, mit welchen zusammen sie Euch unter ihr Joch beugt, gegen Euch erweckt, die Euch gebraucht, um Jene zu demüthigen und dann wieder Jene gebrauchen wird, um Euch nicht übermüthig werden zu lassen, deren letzter Trost endlich, wenn alle ihre Listen [19] fehlschlügen, einzig die Armeen des Kaisers Nicolai, des Hauptes und Hüters aller volksverrätherischen Complotte in Europa? – Oder seid Ihr selbst allein Eure Stärke, Ihr zwölf Millionen Slaven gegenüber einer Welt von Hassern und Feinden und ohne die Sympathie und den Beistand Eurer von Euch verlassenen und zurückgestoßenen Stammesbrüder in Rußland und Polen, dieser Eurer natürlichen Bundesgenossenschaft von sechzig Millionen, – Ihr, die Ihr schon jetzt nicht auf Euch selbst stehen zu können, sondern Euch auf die schwarzgelbe Camarilla und ihre Staatsstreiche stützen zu müssen meint?

Was werdet Ihr sein in Eurer Vereinsamung und Verlassenheit? Nichts! Was könntet Ihr sein im Verbande[12] mit allen Euern Brüdern? Eine Riesenmacht von achtzig Millionen, ein gewaltiges Panier der Freiheit, die Freude und der Stolz der gesammten jugendlich erwachenden Menschheit.

Brüder! ich bin ein Russe, ich spreche zu Euch als Slave. Meine Gesinnungen, meine Gefühle, meine Gedanken habe ich Euch auf dem Congresse zu Prag offen dargelegt. Ihr wisset, daß ich, als Russe, das Heil meiner Landsleute nur in der Gemeinsamkeit mit allen übrigen Brüdern, nur in der Verbindung aller slavischen Völker als einer Föderation freier Stammgenossenschaften erblicke. Ihr wisset, daß ich mir die Beförderung dieses großen und heiligen Zwecks zur Aufgabe meines Lebens gemacht habe. Dies giebt mir ein Recht so zu Euch zu reden wie ich thue, denn in Euern Angelegenheiten bin ich bei meinen eigenen, Euere Sache ist die unsrige, Euer Heil unser Heil, Eure Ehre unsere Ehre, Eure Schmach unsre Schmach und Euer Verderben unser Verderben. Im [20] Namen von sechzig Millionen Slaven richte ich das Wort an Euch, im Namen von sechzig Millionen Eurer Brüder, welche einer langen harten Knechtschaft müde sind und welche, so weit ihnen Kunde geworden von dem Zusammentritte des slavischen Congresses, auf diesen als auf einen Erretter und Heiland blickten. Mitglied dieses Congresses gewesen zu sein und an dem was wir da zu unserem gemeinsamen Heile beriethen und beschlossen, Theil genommen zu haben, rechne ich mir, an meinem Theile, zu der größten und schönsten Ehre meines Lebens. Den mächtigen Volksstamm, den ich dort in unserem Gesammtrath vertreten habe und den ich hier in diesem Zuruf an Euch wiederum vertrete, erkennet andrerseits auch Ihr in seiner Kraft und Größe an, ich weiß es; ich weiß, daß Ihr auf ihn, dem allein unter den Slaven es vergönnt war, seine nationale Unabhängigkeit unangetastet zu bewahren, mit Stolz blicket und mit Vertrauen auf seine Zukunft, welche auch gewiß und wahrhaftig die Stütze und Stärke des Slaventhums sein wird.

Aber unterscheidet wohl, slavische Brüder! Nicht das beherrschte, nicht das geknechtete Rußland, nicht sein Unterdrücker und Tyrann darf der Gegenstand Eurer Zuversicht sein, wenn Ihr von Rußland Heil erwartet, sondern das empörte, das zur Freiheit aufgestandene Rußland, das gewaltige russische Volk.

Im Namen dieses Volkes sage ich euch, ich, der Russe: Unser Aller Heil ist in der Revolution und nirgend anders.

Nicht in Kaiser Nicolai, nicht in seinen Heeren, nicht in seiner Macht und Politik habet Ihr Rettung und Heil zu [21] suchen, sondern in demjenigen Rußland, welches eben jenes kaiserliche Rußland über ein Kurzes zu Boden stürzen und von der Erde vertilgen wird.

Glaubet mir, nicht die Ukasen des Czaren, des Despoten Rußlands, sind der Ausdruck unserer Gefühle, unserer Wünsche, unseres Willens. Nein, und abermals nein! Ein Zerrbild geben diese von dem was in den Gründen unserer russischen Herzen lebt. Unser Stamm empfindet tief die Schmach und Schande der Knechtschaft, in welcher sein Despot ihn erhält und ist der größte Feind Jenes, den noch Mancher unter Euch für den wahren Repräsentanten des russischen Volksthums hält, der größte Feind seines Büttels, seines Henkers und des Schänders seiner Ehre, Nicolai.

Denn wer ist dieser Nicolai? Ein Slave? Nein, ein holstein-gottorpscher Herr auf slavischem Throne, ein aus der Fremde stammender Tyrann! – Ein Freund seines Volkes? Nein, ein berechnender Despot, der kein Herz, der keinen Sinn hat für Alles was russisch, für Alles was slavisch ist, und auch keine Ahnung von dem was in seinem Volle still und heimlich kocht und brodelt. Ein Beschützer der slavischen Gesammt-Interessen? Nein, so wenig, daß er diese vielmehr tagtäglich verräth und das Schreckwort „Panslavismus“ nur als ein Drohungsmittel gebraucht, mit dessen Hülfe er seinen Einfluß in Deutschland, welchen die Deutschen verfluchen, und seine Herrschaft über die deutsche Politik, welche der Deutschen Verderben ist, zu sichern sucht. In Deutschland gewaltig zu sein, dessen einzelne Despoten, sämmtlich seine Lehrlinge und staunende, vor ihm im Staube kriechende Bewunderer und Anbeter seiner [22] Weisheit und Stärke sind, das ist sein ganzes Tichten und Trachten: Rußland, das Slaventhum, ist ihm nur gut dazu, daß es ihm als ein Werkzeug diene, womit er seine alte, durch und durch deutsche und auf Deutschland gemünzte Theilungs- und Beherrschungspolitik ausübt, eine Politik, welche darin besteht, daß er mit Hülfe des Deutschthums die Slaven verräth, um die Deutschen mit Hülfe des verrathenen Slaventhums verrathen zu können. Was ihm das Slaventhum gilt, das sehet daran, daß er den Mörder der slavisch gesinnten Slaven in Prag, Windisch-Grätz, zum Danke für dessen an den Vertheidigern der slavischen Sache verübten Schlächterei ein allerhöchstes Belobungsschreiben übersandte! Sehet es daran, daß er schon früher den Südslaven seine Unterstützung durch Geld, Waffen, Truppen für ihren Aufstand in Aussicht gestellt hatte, nicht etwa ihnen als Slaven, die für das Heil unser Aller sich erhoben, sondern weil ihr Aufstand seiner Rechnung nach der österreichischen Despotie, seinem Pflegekinde zu Gute kommen sollte, und nur unter der Bedingung, daß sie ihre Sache von der polnischen trennen würden! Sehet es daran, daß er seine Soldaten bereit gehalten hat, um in Galizien auf den ersten Wink der österreichischen Camarilla einzubrechen! Sehet es daran, daß er Alles thut was in seinen Kräften steht, um die Wiedergeburt Polens zu verhindern, weil die Auferstehung Polens das Ende seiner Macht sein würde.

Aber seine Stunde hat geschlagen.

Ich sage es noch einmal: Das russische Volk ist es endlich satt und müde, sich knechten und schänden zu lassen, sich zu einem jämmerlichen Werkzeuge der fluchwürdigsten Politik herzugeben. Lasset Euch nicht durch den Schein täuschen, [23] Brüder, als ob dieser Volksriese noch von eisernem Zauberschlaf an allen seinen Gliedern gebunden läge! ich sage Euch: er schläft nicht mehr tief, er schlummert nur noch leise, er ist schon im Erwachen. Lasset Euch nicht täuschen durch die Zuversicht Nicolai’s, durch das Vertrauen, welches er auf seine Despotenkünste, auf die Treue seiner Heere, auf die Unterthänigkeit der Massen und auf den Glauben auf seine Gewalt setzt.

Ich sage Euch: dieser Glaube wankt überall und Knutenhiebe, Degradationen, Confiscationen, sibirische Verbannung und Verbannung an den Kaukasus sind schlechte Mittel um ihn wieder zu beleben.

Ich sage Euch: Die Despotenkünste scheitern immer mehr und mehr an der Felsenbrust des revolutionären Geistes, zu dessen Abwehr von dem russischen Boden der Tyrann, im Innersten schon erzitternd, wenn auch äußerlich Ruhe und Festigkeit heuchelnd, vergeblich an seinen Gränzen fürchterliche Truppen-Cordons zieht und sich sogar bereit hält, ihm, dem Geiste der Revolution, auf österreichischem und preußischem Boden entgegen zu rücken; vergeblich, sage ich, denn der Geist schreitet unsichtbar fort, und spottet, wie die asiatische Cholera, aller Cordons und Sperren.

Ich sage Euch: Die Treue der russischen Heere ist angefressen von dem Mitgefühle des Slaven für den Slaven, von dem Zuge des russischen Herzens zum polnischen Bruderherzen hin. Ja, das russische Herz, es blutet vor Scham und Schmerz, daß die deutschen Inhaber des russischen Scepters ein slavisches Brudervolk so grausam an Deutschlands Tyrannen verrathen und ein slavisches Land so schimpflich mit den Tyrannen Deutschlands getheilt haben; es blutet, [24] das russische Herz, und empört sich über das furchtbare Geschick jenes heldenmüthigen slavischen Stammes, der uns Allen vorangegangen auf der Bahn der Freiheit und in langem Martyrthum für unser Aller Zukunft tropfenweis sein kostbares Blut verspritzt hat, der aber unter allen Verhöhnungen und Henkerqualen nie verzagt und nie ermüdet ist und dessen endliche Wiederaufrichtung unter den Völkern uns das Feuerzeichen geben wird, das, die Nacht unserer Knechtschaft durchleuchtend, alle Slaven auf den Weg der Befreiung und des Heiles leitet. Ja, Polen ist der Pfahl im russischen Fleische; an dem mißhandelten Polen verblutet die russische Despotie; das Kreuz, an welches sie den Märtyrer geschlagen hat, es wird ihr selber zu dem Sünderbalken, an welchem sie ihr scheußliches Leben endet. Das ahnt, das weiß Nicolai wohl, und darum krallt er seine blutigen Geierfänge fort und fort in die zuckenden Glieder des armen zerrissenen polnischen Leibes, von Angst gepeinigt und zitternd vor der Möglichkeit, daß diese unsterblichen Glieder sich endlich doch noch wieder zusammenfinden und auf’s neue in einen beseelten Körper vereinigt, an ihrem und aller Slaven Henker die lang aufgesparte, aber nicht geschenkte, schreckliche Rache vollziehen. Es peinigt ihn der verschlungene Bissen dieser Größe, die der Despotismus nie verdauen wird, tödtlich in den Eingeweiden seiner Macht und Herrlichkeit. Das fühlt und weiß er, aber was er nicht weiß noch glauben will, ist dies, daß das Gift ihm schon in allen Adern und Gefäßen des Leibes seiner Macht wüthet, daß sein Heer, Soldaten und Führer, wo es nur in Berührung kommt mit dem polnischen Volksthum, die magische Gewalt dieses durch maßlose Leiden eingeweihten Heiligthums unserer Nationalität empfindet, [25] dieser Stiftshütte unserer Erlösung, dieser Rauch- und Feuersäule, die uns Tag und Nacht den Weg durch die Wüste unserer Knechtschaft in das gelobte Land der Freiheit aller Slaven weist. Ja, sie fühlen mit Polen, sie sind begeistert für Polen, sie erkennen in der Rettung Polens ihre eigene Rettung, sie können nicht mehr wider Polen, sondern nur noch für Polens Sache streiten.

Und die Unterthänigkeit der Massen endlich, baust du auf diese, verblendeter Czar, der du klug und schlau bist im Kleinen und auf den gewundenen Stegen deiner niedrigen, nur im altersschwachen Europa Wunder wirkenden Listen, verblendetet Czar, du baust auf Sand! Der Bauernaufruhr in Galizien ist zwar schlimm, denn er kehrt sich, von dir begünstigt und genährt, gegen die demokratisch gesinnten, vom Geiste der Freiheit ergriffenen Edelherren; aber er birgt in seinem Schooße den Keim einer neuen, ungeahnten Kraft, ein vulkanisches Feuer, dessen Ausbruch die wohlangelegten Kunstgärten deiner Diplomatie und Herrschaft unter berghohen Lavamassen begraben und deine Macht, verblendeter Czar, verschütten und in einem Augenblick spurlos vernichten wird. Ein Bauernaufruhr in Galizien ist ein Nichts, aber sein Feuer frißt auf dem unterirdischen Heerde weiter und schon wirft es unter den Bauernmassen des ungeheuern russischen Reiches riesige Krater auf. Das ist die Demokratie Rußlands, deren aufschlagende Flammen das Reich verzehren und mit ihrem blutigen Schein über ganz Europa leuchten werden. Wunder der Revolution werden aus den Tiefen dieses Flammen-Oceans emporsteigen, Rußland ist das Ziel der Revolution, ihre höchste Kraft wird sich da entfalten und sie wird ihre Vollendung da erreichen. Mit jener urgewaltigen [26] Festigkeit einer ehernen Ausdauer, womit das Russenvolk unter allen Stürmen, welche die slavische Welt durchtobten, seine äußere Unabhängigkeit bewahrt hat, wird es sich nun der Revolution bemächtigen und seine innere Freiheit sich erzwingen und erhalten. In Moskau wird die Knechtschaft der unter russischem Scepter jetzt vereinigten und aller slavischen Völker und mit ihr alle europäische Knechtschaft zerbrochen und auf ewig unter ihrem eigenen Schutt und unter ihren eigenen Trümmern begraben werden; in Moskau wird aus einem Meer von Blut und Feuer hoch und herrlich das Gestirn der Revolution emporsteigen, und zum Leitstern werden für das Heil der ganzen befreiten Menschheit.

Auf denn, slavische Brüder! Ihr, deren Beruf es ist, im Vordertreffen zu kämpfen, auf! Im Namen der Millionen, welche die Hauptschlacht zu schlagen haben werden, im Namen der Nordslaven, die von Euch dereinst strenge Rechenschaft fordern werden, was Ihr aus unserer heiligen Sache gemacht habt, im Namen dieses Volkes rufe ich jetzt abermals und abermals Euch zu: Brechet mit der Reaction ein Mal für alle Male, brechet mit der Diplomatie, brechet mit jeder halben und Eurer unwürdigen Politik, und werfet Euch muthig und ganz in die Arme der Revolution!

Sie ist Alles, Euer Wiedererwachen, Euer Auferstehen, Euere Hoffnung, Euere Errettung, Euere Zukunft. Sie und nur sie! Ihr vertrauet! Ihr dürfet Ihr vertrauen, denn fürwahr, sie ist kein schlechter Bundesgenosse. Man sagt Euch: sie sei unter den Schlägen der Contrerevolution schon wieder erlegen. Es ist nicht wahr. Schauet um Euch, sehet ihr Werk an! Ist nicht Alles umgewandelt in der europäischen [27] Welt? ist diese nicht urplötzlich zu einem Chaos worden, in welches Diejenigen, welche die Ordnung der alten Welt wieder herzustellen vorgeben, durch ihre Truppenaufgebote, durch ihre Bombardements und Belagerungszustände, durch ihre laut um Rache schreienden Gewaltthaten, durch ihre Metzeleien und Verheerungen nur innere größere Verwirrung bringen? Ist nicht die Anarchie permanent geworden und jeder Versuch der gemacht wird, sie zu bändigen, selber noch anarchischer als die erste Anarchie? Schauet um Euch! die Revolution ist überall. Sie allein herrscht, sie allein ist gewaltig. Der neue Geist mit seiner auflösenden, zersetzenden Kraft ist unwiderruflich eingedrungen in die Menschheit und durchwühlt die Gesellschaft bis in ihre tiefsten dunkelsten Schichten. Und nicht ruhen wird die Revolution, bis sie die alte vermorschte Welt völlig zerstört und eine neue herrliche Welt daraus geschaffen hat. In ihr also und nur in ihr ist alle Kraft und Stärke, alle Siegesgewißheit. Nur in ihr ist das Leben, außer ihr der Tod. Nur wer mit ihr geht und ihre Sache führt, der wird sein Werk gekrönt sehen, denn sie allein theilt alle herrlichen Kampfpreise aus; wer wider sie ist, der muß über Lang oder Kurz verderben und wird den Tag des Heils nicht sehen. Sie duldet keine Halbheit, kein Zwitterthum, kein Buhlen ein wenig mit ihr und ein wenig mit ihrem Feinde, kein schwankendes, Vertrauensloses, heuchelndes Entgegenkommen; rückhaltslos und vorbehaltlos, fordert sie, soll man sich ihr hingeben, ihr ganz vertrauen und ihr ganz angehören. Sie ist die Macht, sie ist das Recht, sie ist die Wahrheit, sie ist das Heil dieser Zeit, sie ist die einzige Praxis welche zum Guten und zum Gelingen führt; es giebt keine Klugheit, keine Weisheit, keine [28] Politik außer ihr, sie ist die einzige Klugheit, Weisheit, Politik und Alles was zum Ziele führt. Sie allein kann Lebensfülle schaffen, sie allein unerschütterliche Zuversicht schenken, sie allein stark machen, sie allein Wunder wirken, sie allein eine Welt von achtzig Millionen durch die Despotie in tausendjährigem Schlaf erhaltener Menschen zu einer lebendigen und Leben verbreitenden Masse machen. Trauet der Revolution! Gebet Euch voll und ganz ihr hin! Ohne sie kein Slaventhum!

Der Revolution sollt Ihr Euch hingeben, ganz und unbedingt[13].

Wodurch geschieht das?

Dadurch, daß Ihr nach außen und im Innern eine rein revolutionäre Politik verfolget.

Welches muß Eure Politik nach außen sein?

Ihr müsset Freunde und Verbündete sein aller für die Revolution kämpfenden Völker und Parteien.

Welche Völker und Parteien kämpfen für die Revolution?

Alle die, welche für ihre eigne Unabhängigkeit und damit zugleich für die Freiheit Aller, und deshalb in Gemeinschaft gegen noch einen gemeinsamen Feind, gegen die Conspiration der Despoten kämpfen.

Was hat sich die Conspiration der Despoten zunächst zu ihrer Aufgabe gemacht?

Die Erhaltung Oesterreichs. Oesterreich ist der Mittelpunkt des Kampfs.

Was müssen wir demnach wollen?

Das Gegentheil von dem, was Jene wollen: die vollständige Auflösung des Kaiserthums Oesterreich. Die Despoten haben in ihrem Interesse vollkommen Recht, [29] daß sie Oesterreich zum Mittelpunkte des Kampfes gemacht haben; denn wie das Kaiserreich Rußland äußerlich die Stütze des Despotismus, so ist Oesterreich dessen systematische Durchführung im Herzen Europa’s; Oesterreich, dieses versteinerte Unrecht, der Damm, an welchem sich so lange Zeit die Wellen des Freiheitsdranges in Europa ohnmächtig brachen. Darum haben auch wir Recht, im Interesse der Freiheit die Vernichtung, die Auflösung des österreichischen Kaiserstaates zu wollen; denn die Auflösung dieses Oesterreich ist die Erlösung und Erhebung aller der vielen in der österreichischen Einheit geknechteten Völker und die Befreiung des Herzens von Europa. Wer für Oesterreich ist, der ist gegen die Freiheit. Wir also, die wir für die Freiheit sind, wir müssen wider Oesterreich sein. Wir müssen die Zerstörung dieses Kaiserstaates beschleunigen.

Wie geschieht das?

Dadurch, daß wir die jetzigen weit angelegten Pläne des österreichischen Kaiserhofes zu Schanden machen.

Wie erkennen wir diese Pläne?

Wir sehen was die Diener Oesterreichs thun.

Wer ist der Hauptdiener?

Windisch-Grätz.

Wohin geht jetzt Windisch-Grätz?

Nach Ungarn. Nachdem er Prag bombardirt hat und in Prag die Freiheit getödtet, nachdem er Wien bombardirt hat und in Wien die Freiheit getödtet hat, geht er nach Ungarn, um auch dort die Freiheit zu tödten.

Was haben wir demnach jetzt zu thun?

Es ist klar, wir müssen jetzt in Ungarn uns gegen Windisch-Grätz und für die Magyaren erklären.

[30] Brüder! ich weiß, was für ein schweres Wort ich hiermit ausgesprochen habe. Was die Magyaren wider unsre slavischen Brüder gethan, was sie gegen unsre Nationalität verbrochen, wie sie unsere Sprache, und unsere Unabhängigkeit mit Füßen getreten haben – das weiß ich Alles; ich weiß, daß sie sogar jetzt noch, obwohl belehrt durch die Erfahrung, die sie den Wienern zu Hilfe zu eilen antrieb, dennoch die Freiheit der Slaven noch immer nicht achten und anerkennen. Aber trotz dem allen, Brüder, ist die Politik, welche wir schon auf dem Congresse zu Prag beschlossen hatten, nämlich den Magyaren, unter der Bedingung gegenseitiger Achtung der Rechte und einer beiderseitigen vollkommenen Unabhängigkeit, eine Föderation beider Völkerschaften anzubieten, diese Politik ist auch jetzt noch diejenige, für welche wir uns entscheiden müssen. Es ist die Politik der Hochherzigkeit und Großmuth; einem Volke das jetzt in solcher Gefahr schwebt, wie das magyarische, das Anerbieten eines Bündnisses zu machen, das ist Nichts, was Euch herabwürdigen könnte, im Gegentheil, Ihr ehrt Euch dadurch selber. – Es ist eine Politik, die nicht erfolglos bleiben wird. Sicher giebt es unter den Magyaren Männer, welche den ganzen Werth eines solchen Antrages begreifen und um des Wohles von Ungarn willen die Bedingungen, die sich daran knüpfen, nicht zurückweisen; und der Geist, welcher diese Bedingungen vorschreibt, wird ja auch unter den Magyaren seine Macht immer mehr bewähren, es wird auch unter ihnen schon jetzt eine demokratische Partei geben, welche nur in der Freiheit aller Völker die Freiheit jenes einzelnen Volkes gesichert sieht, und welche in dieser Zeit der allgemeinen Noth unzweifelhaft leichter als jemals die allgemeine Stimme für sich gewinnen [31] wird. Wenn aber auch nicht, wenn selbst Eure dargebotene Hand zurückgewiesen würde, so wäret doch dann Ihr von aller Verantwortung frei, und auf das Haupt derer allein, welche das edelste Anerbieten trotzig und mit Verachtung des gemeinsamen Heiles von sich gestoßen hätten, fiele die Schmach und ein Vorwurf, welcher, niemals sterben wird. – Denn die Politik, die ich hier anrathe, ist nicht nur die Politik der Großmuth und der Klugheit zugleich, sondern auch der wahren, für die Zukunft sorgenden Weisheit. Denn durch den Act Eurer Hochherzigkeit werdet Ihr für die Grundsätze der Freiheit aller Völker die gewaltigste Propaganda machen: es ist ein Act, durch welchen Ihr nicht allein den Kampf in Ungarn, sondern dem allgemeinen Kampfe der Revolution gegen die Despoten eine entscheidende Wendung geben, durch welchen Ihr an die Spitze der revolutionären Bewegung treten und mit der Fackel der Völkerbefreiung den europäischen Völkern stolz und kühn, wie es Euch geziemt, voranleuchten würdet.

Wird aber der Slave nicht sich selbst Nachtheil bereiten, wenn er seinem natürlichen Feinde die Hand bietet?

Wahrlich nein! Denn wir sind stark genug, um edel sein zu können. O wahrlich, nichts einbüßen soll der Slave, sondern gewinnen soll er. Wahrlich, leben soll er! Und wir werden leben. So lange uns nur der kleinste Theil unserer Rechte bestritten wird, so lange ein einziges Glied von unserm gesammten Leibe losgerissen ober abgetrennt gehalten wird, werden wir bis aufs Blut, werden wir unerbittlich auf Tod und Leben kämpfen, bis das Slaventhum endlich groß und ganz frei und unabhängig in der Welt dasteht. Aber eben darum müssen wir über das Kleine hinweg, [32] auf das Große, über das Einzelne hinweg, auf das Ganze sehen und die volle Kraft unseres Widerstandes gegen den hartnäckigen Feind der Gesammtheit richten, und wo ein Volk ist, das, wenn auch zuvor ein Theil von ihm der Feind eines Theiles von uns war, endlich unser Recht anerkennen und vereint mit uns gegen den großen gemeinsamen Feind kämpfen will, dem müssen wir die Hand willig entgegenstrecken.

Dem deutschen Volke sollt Ihr die Hand bieten. Nicht den Despoten Deutschlands, mit denen Ihr jetzt im Bunde steht, und das gerade sollt Ihr nicht thun. Nicht jenen deutschen Pedanten und Professoren in Frankfurt, jenen schlechten, engherzigen Literaten, welche, beschränkten Verstandes oder bestochen, die meisten deutschen Zeitschriften mit Schmähungen gegen Euch und Eure Rechte, gegen Polen und Czechen angefüllt haben, jenen deutschen Spießbürgern, welche sich über jedes Unglück der Slaven freuen. Aber dem deutschen Volke, das aus der Revolution hervorgeht, das erst zur freien, deutschen Nation wird, dem Deutschland, das noch nicht ist und das daher auch an Euch noch nicht hat freveln können, dessen noch einzelne und in ganz Deutschland verstreute Glieder, zersprengt wie unsere slavischen Völkerschaften und verfolgt und bedrückt wie wir, unserer Freundschaft würdig und uns Freunde zu sein mit offenen Armen bereit[14] sind.

Vor Allem sollt Ihr die militairische Macht Oesterreichs brechen; diese Macht, durch welche Oesterreich der österreichische Staat ist; diese Macht, durch welche die freie Erhebung der Völker niedergehalten und gehemmt und welche dem Siege einer allgemeinen Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit aller [33] Völker sich entgegenstemmt. In Prag habt Ihr gesehen, was diese Militairmacht ist, wie abscheulich sie ist. Was für Leute haben unter Windischgrätz das slavische Prag bombardirt? Waren es Magyaren? Waren es Deutsche? Waren es Italiener? Nein, es waren Slaven und nichts als Slaven, Czechen, Polen, Slovaken waren es. Und was ein österreichischer General ist, das habet Ihr neulich an Jellachich gesehen. Es ist ein Jesuit an der Spitze disciplinirter Banden, die ohne eigenen Willen und ihres eigenen Zwecks vergessen seinen Befehlen folgen, ein Mensch, dem nichts heilig ist, den keine Vaterlandsliebe, kein Gefühl für seine Nation beseelt, sondern nur der Eifer im Dienst einer verderblichen österreichischen Camarilla, und der dieser Camarilla zu Gefallen fähig ist, jedes Verbrechen zu begehen. Dieses Unwesen also, das Brüder gegen Brüder zu wüthen zwingt, das jede menschliche Regung in der menschlichen Brust erstickt und tödtet, diese militairische Organisation, welche die Menschen zu Maschinen der Despotie macht, müsset ihr zerbrechen, wenn ihr das Slaventhum frei machen wollet.

Euere Soldaten sollt ihr aus Italien zurückrufen, aus diesem schönen, von Oesterreich durch Knechtschaft verderbten Italien; denn ist es nicht eine Schmach, daß Slaven, welche selbst um ihre Unabhängigkeit kämpfen, ihre Hand dazu bieten, um ein edles Volk, das ihnen nie die geringste Beleidigung zugefügt, nie das mindeste Unrecht gethan hat, zu knechten? Ihr solltet alle slavischen Soldaten überall aus dem österreichischen Dienste, der sie schändet, zurückrufen, damit sie nicht länger als Henkersknechte gebraucht werden und so Andern ein Recht geben, zu Henkersknechten an Euch zu werden, sondern daß ihr aus ihnen ein reines slavisches Heer [34] machen könnet, ein Heer im Dienste der Revolution, ein Heer das für Euere, für aller slavischen Völker und für Europas Freiheit ficht.

Eure äußere Politik könnet Ihr aber nicht umwandeln, ehe nicht Euere innere Politik umgewandelt ist.

Nicht mehr jene Administration durch die alten östereichischen Beamten!

Nichts mehr von jenen politischen Führern, die das Volk halb aufreizen, halb besänftigen. Lasset diese schlechten Leute fallen, welche Euch ewig sagen: agitiret, aber agitiret nicht zu sehr, denn es sei gefährlich, das Volk aufzuregen, es würde sich schon mit anderen gelinderen, parlamentarischen, diplomatischen Mitteln der Zweck erreichen lassen. Diesen Menschen trauet nicht. Nur aus einer Bewegung, einer sturmartigen Bewegung unserer Völker kann die Befreiung dieser Völker werden. Der Geist der neuen Zeit spricht und handelt nur im Sturme. Unsere slavische Natur ist nicht die des abgelebten Greisenalters, dem nur das Abgeschwächte und Verdünnte zusagt, sie ist nicht verdorben und verfault, sondern einfach und groß, und nur das Aufrichtige und Ganze wirkt auf sie. Die Slaven müssen Feuer werden, um Wunder zu thun. Agitiret ohne Rücksicht und ohne Vorbehalt die slavischen Massen. Zündet in ihnen das heilige Feuer an. Gehet aus als Apostel des erwachenden Slaventhums! Vereiniget Euch, ihr slavischen Völker in Oesterreich! Vereiniget Euch allesammt und schließet mit einander einen heiligen Bund zu Schutz und Trutz! Einen Bund nicht unter dem Schirm der österreichischen Dynastie! sondern einen Bund wider dieselbe, einen Bund zur Auflösung Oesterreichs! Einen [35] Bund zur Begründung der Föderation, welche bald alle slavischen Völker unter einander vereinigen soll. Werdet wieder, wie schon einmal in der goldenen Praga, für uns, für alle Slaven des Nordens und der Türkei ein Vorbote, eine blitzende Wetterwolke der uns Alle befreienden Revolution.

Dann wird das Slaventhum auferstehen.

Michael Bakunin. 


[36]
Druck von Alexander Wiede in Leipzig.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Slawenkongress
  2. Josef Wenzel Radetzky von Radetz und in der ADB
  3. Alfred I. Fürst zu Windisch-Graetz und in der ADB
  4. Josef Wenzel Radetzky von Radetz und in der ADB
  5. Prager Pfingstaufstand
  6. sogenannten eingefügt, nach Druckfehlerverzeichniß Seite 2
  7. Vorlage: Feiheit
  8. Joseph Jelačić von Bužim, Joseph Jelačić von Bužim in der WS
  9. Lajos Kossuth
  10. Vorlage: verderen
  11. Ferdinand I. und in der ADB
  12. Vorlage: Vaterlande, korrigiert nach Druckfehlerverzeichniß Seite 2
  13. Vorlage: unbedigt
  14. Vorlage: breit