BLKÖ:Nagy, Alexander

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Nagy, Anton
Band: 20 (1869), ab Seite: 41. (Quelle)
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Nagy, Alexander, gewöhnlich magyarisirt: Nagy Sándor (ungarischer Revolutions-General, geb. zu Großwardein im Biharer Comitate Ungarns im Jahre 1804, hingerichtet durch den Strang zu Arad 6. October 1849). In [42] jungen Jahren war N. in die kaiserliche Armee getreten, welche er später als pensionirter Rittmeister wieder verließ. Die Bewegung des Jahres 1848 riß ihn jedoch bald aus seiner Unthätigkeit. Das ungarische Ministerium ernannte ihn nämlich anfänglich zum Major und Commandanten der berittenen Nationalgarde des Pesther Comitates. In dieser Eigenschaft führte er eine Abtheilung seiner Reiter gegen die Raitzen, als am 13. October 1848 plötzlich die Nachricht eintraf, daß ein etwa anderthalb Tausend Mann starker raitziger Heerhaufen gegen Großkikinda im Anmarsche sei – denn im Süden hatte der die ungarische Revolution besudelnde Racenkampf bereits begonnen. Nagy hatte ganz trefflich seine Dispositionen getroffen, nur es unterlassen, den Commandanten jener Truppen, welche eben Nagy’s Verstärkung sehnsüchtig erwarteten, seinen Angriffsplan, der aber in einer Umgehung der Raitzen bestand, wissen zu lassen. So geschah es, daß die Ungarn, als sie die Verstärkung von einer Seite kommen sahen, von welcher nach gewöhnlicher Berechnung nur der Feind anrücken konnte, Nagy’s Leute mit Gewehr- und Geschützfeuer empfingen. – Kurze Zeit darnach rückte Nagy zum Oberstlieutenant vor. Am 6. November führte er mit siegreichem Erfolge den Ueberfall bei Großtacsa aus, wo er eine Abtheilung Schwarzenberg-Uhlanen und ein Detachement Infanterie, welche gerade im genannten Orte die Entwaffnung vornahmen, angriff und aus dem Orte jagte. Nun wurde er Oberst und bewährte sich in allen Kämpfen, die zwischen der Revolutionsarmee und den Kaiserlichen statthatten, als ein ungemein tapferer Soldat. Am 6. April 1849 wurde er zum General ernannt und commandirte selbstständig ein Armeecorps. Mit demselben schlug er sich zwischen dem Mocsonok- und Waagflusse hartnäckig und meist mit Glück gegen überlegene feindliche Streitkräfte. Nun wohnte er der Belagerung und Einnahme Ofens bei, an welch letzterer ein wesentlicher Antheil ihm gebührt. Während der ganzen Belagerung war N. unausgesetzt thätig, und betheiligte sich am 16. Mai bei der versuchten und am 21. Mai bei der erfolgten Erstürmung der Festung. Beide Male leitete er den Sturm persönlich und war am 21. Mai auch der Erste in der Festung, was ihn und seine Untercommandanten zu Helden des Tages machte. Während der Belagerung Ofens soll sich zwischen Görgey und Nagy ein feindseliges Verhältniß entwickelt haben, in welchem von einigen Geschichtsschreibern dieser unheilvollen Zeit die Ursache von Nagy’s nachmaligem tragischen Ende gefunden wird. Noch ist es nicht an der Zeit, noch sind nicht alle Fäden des Intriguengewebes, welche jene unheilvollen Kämpfe herbeigeführt, aufgewickelt, noch gibt es zu viele Parteistimmen, welche eine unbefangene Prüfung des Für und Wider geradezu unmöglich machen, es muß also auch hier von Ursache und Wirkung abgesehen und nur die einfache. wenngleich traurige Thatsache erzählt werden. Nach der Einnahme von Ofen operirte Nagy noch einige Zeit an der Waag, bis er am 16. Juni bei Sempte von den Oesterreichern angegriffen wurde und nach einer tapferen Gegenwehr eine entschiedene Niederlage erlitt. Mit namhaftem Verluste, wobei ihm vier Geschütze abgenommen wurden, mußte er den Rückzug antreten. Görgey stand indessen mit dem Gros der Armee in Komorn, immer noch mit dem Abmarsche zögernd, als er aber endlich denselben am 13. Juli antrat, schloß sich [43] ihm auch Nagy mit seinen Truppen an, welche auf dem ganzen beschwerlichen Marsche immer, sobald es zum Angriffe kam, die Avantgarde, und wenn im Rücken Gefahr drohte, die Arrièregarde bildeten. So erlitt Nagy’s Corps schon in der Schlacht bei Waitzen am 15. und 16. Juli bedeutenden Verlust, ebenso am 18. Juli, als es, die Nachhut bildend, bei Felsö-Szügy von den Russen angegriffen wurde und es diese unaufhörlich verfolgten. Aber Nagy’s Muth und der seines Corps blieb ungebrochen, und als in Rima-Szombath die Russen durch Görgey die Aufforderung an die ungarischen Truppen ergehen ließen, sich zu ergeben, war es Nagy, welcher, der Erste, den Antrag auf Unterwerfung entschieden zurückwies, worauf dann auch die übrigen Truppencorps ihre Zustimmung verweigerten. Nachdem die ungarische Armee die Theiß überschritten hatte, erhielt Nagy Befehl, mit seinem Corps nach Debreczin zu ziehen. Am 1. August langte N. in Debreczin an, dort vereinigte er sich mit dem Obersten Korponai, und ungeachtet dessen bestand das vereinigte Truppencorps aus nicht mehr den 7000 Mann mit 41 Geschützen. Am 2. August erhielt Nagy von Görgey den Befehl, seine Stellung bei Debreczin um jeden Preis zu halten. Nun aber war bei Debreczin das Gros der russischen Armee aufgestellt, Nagy also einem sechsfach und mehr überlegenen Corps gegenüber. In einem Kriegsrathe, den Nagy mit seinen Officieren hielt, machten ihn diese auf diese Ueberlegenheit des Gegners aufmerksam, wiesen ihm die Unmöglichkeit, sich in einen Kampf einzulassen, nach und forderten ihn auf, den Feind wohl zu erwarten, aber keinen eigentlichen Kampf anzunehmen, sondern nur kämpfend sich zurückzuziehen. Aber ehe der kampflustige N. zu einem Entschlusse gelangt war, hatten ihn bereits die sechsfach stärkeren Russen angegriffen und auf der endlosen Debrecziner Ebene die ganze Ueberlegenheit ihrer Streitkräfte entwickelt. Fünf Stunden lang hatte sich N. gegen diese Uebermacht mit Löwenmuth gewehrt, aber mit dem Einbruche des Abends mußte er mit seinem erschöpften und furchtbar decimirten Corps das Schlachtfeld dem Gegner überlassen und den Rückzug antreten, der überdieß unter diesen Umständen auch nicht in bester Ordnung erfolgte. Die Schlacht bei Debreczin war eine der blutigsten des ganzen ungarischen Feldzuges, überdieß die blutigste, welche die Russen in Ungarn bestanden. Diese wurden von Paskiewitsch commandirt, unter dem nebst dem Großfürsten Constantin die Generale Bebutow und Rüdiger fochten. Nagy trat nun mit dem Reste seines Corps den Rückzug an und langte am 9. August in Arad an, wo inzwischen auch Görgey eingetroffen war. Die vereinten Truppen hatten am 10. bereits die Maros überschritten und sich in Schlachtordnung gegen Schlik aufgestellt, als Görgey plötzlich und zum Staunen Aller Ordre zum Rückmarsche über die Maros und zum Rückzuge auf Neuarad ertheilte. Die Sache erschien so auffallend und bedenklich zugleich, daß sich die Officiere sofort bei Nagy versammelten und dort den Beschluß faßten, gegen Radna aufzubrechen, um bei Lugos sich mit Bem zu vereinigen. Da erschienen die Proclamationen von Kossuth und Görgey, zu Folge welcher Görgey die Dictatur übernahm, und Nagy, nunmehr des sicheren Glaubens, Görgey als Dictator werde sofort mit allem Nachdrucke den Kampf wieder aufnehmen, gab seinen [44] Entschluß, gegen Radna aufzubrechen, auf und blieb bei Görgey. So hatte er sich selbst den Todeswürfel geworfen, denn das erste, was geschah, war, daß ihn Görgey zur Waffenstreckung nöthigte. Nagy wurde mit seinen übrigen Leidensgefährten schon in wenigen Tagen von den Russen an die Oesterreicher ausgeliefert. Vor das Kriegsgericht gestellt, war er „bei gesetzlich erhobenem Thatbestande geständig, uneingedenk seines bei seinem Eintritte in die k. k. Armee geleisteten Eides, gegen das Allerh. Kaiserhaus nie die Waffen zu führen, der gegen die kaiserliche Autorität in Ungarn ausgebrochenen Empörung sich angeschlossen und in dem Rebellenheer gegen die k. k. Truppen, und zwar als General und Commandant eines Armeecorps gekämpft und für die Sache der Rebellen, die von der revolutionären Regierung errichtete militärische Decoration angenommen zu haben“. Er wurde in Folge dessen zum Tode – durch den Strang – verurtheilt und dieses Urtheil an ihm und noch zwölf Anderen – Pöltenberg, Vecsey, Aulich, Török, Damianich, Lanner, Leiningen und Knezich durch den Strang – an Dessewffy, Lazár, Schweidl und Kiß durch Pulver und Blei – am 6. October 1849 zu Arad vollzogen. Muthig und festen Blickes wie auf dem Schlachtfelde, blickte Nagy auch jetzt dem Tode in’s Angesicht. Seine letzten Worte waren: „hodie mihi cras tibi“; jedoch werden diese Worte von Einigen Aulich in den Mund gelegt. Levitschnigg, der in seinem Werkchen: „Kossuth und seine Bannerschaft“ mitunter treffende Charakteristiken und Schilderungen der Matadore jener denkwürdigen Epoche liefert, gibt von Nagy folgende Charakteristik: „Schlemihl im Waffenrock, Unglücksvogel im Dolmany, eigensinnig, gewandt in Ausflüchten, militärischer Irrthum in allen Ecken, General gewordenes Mißverständniß. Seine Rolle: Hiob in Uniform. Sein Wahlspruch: „Schweigt dir die Stimme des Prophetengeistes? Sie redet laut aus meiner tiefsten Brust, daß mir das Unheil an der Seite stehe“. Diese Charakteristik erleidet freilich eine starke Abschwächung, wenn man das Vorgehen Görgey’s in Betracht zieht, wie dasselbe von einer Partei dargestellt wird und wornach Nagy nur als ein Opfer des Verrathes und Hasses Görgey’s anzusehen wäre. Den letzten Ausspruch in so wichtiger Sache wird in späten Tagen erst die von allen Schlacken der Parteianschauung und Leidenschaftlichkeit gereinigte Geschichte thun können.

Die Gegenwart (Brockhaus, Lex. 8°.) Bd. IX (1854), S. 35–112. – Lapinski (Theophil), Feldzug der ungarischen Hauptarmee im Jahre 1849. Selbsterlebtes (Hamburg 1850, Hoffmann u. Campe, 8°.) S. 109, 118, 120, 125, 126, 145, 155, 172. – Levitschnigg (Heinrich Ritter von), Kossuth und seine Bannerschaft. Silhouetten aus dem Nachmärz in Ungarn (Pesth 1850, Heckenast, 8°.) Bd. I, S. 106. – Mayláth (Johann Graf), Geschichte des österreichischen Kaiserstaates u. s. w. Bd. V, S. 446. – Meyer (J.), Das große Conversations-Lexikon für die gebildeten Stände (Hildburghausen, Bibliogr. Institut, gr. 8°.) IV. Suppl. Bd. S. 770. – Constitutionelle Vorstadt-Zeitung (Wien) 1867, Nr. 589: „Märtyrer der Freiheit“.