BLKÖ:Raunicher, Matthäus

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Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 25 (1873), ab Seite: 43. (Quelle)
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Raunicher, in slavischen Werken Ravnikar, Matthäus (erster Bischof von Triest und Capodistria, geb. im Orte Vazhe im Bezirke Ponovizh im Laibacher Kreise in Krain am 20. September 1776, gest. zu Triest am 20. November 1845). Der einzige Sohn schlichter Landleute, der Vater Georg, der ein Häuschen und einen kleinen Grund besaß, übte das Schneiderhandwerk aus, mit dessen Erlös er seine Familie ernährte. Der kleine Matthäus erweckte durch seine Begabung und seine Lernbegierde die Aufmerksamkeit des Ortscaplans Georg Stendler und dieser bewog den Vater, den Knaben in die Schule zu schicken, wobei er versprach, da die Mittel des Vaters nicht ausreichten, seinerseits nach Thunlichkeit beizusteuern. Da die Mutter Agnes nicht zu bereden war, sich von ihrem einzigen Sohne zu trennen, nahm der energische Vater eines Tages seinen Sohn, ohne eine Abschiedsscene zuzulassen, bei der Hand und wanderte mit ihm nach Laibach. Dort besuchte er die Schule und zeichnete sich bald durch seinen Fleiß und musterhaftes Verhalten aus. Als er das Gymnasium bezog, war R. bereits in der Lage, sich selbst fortzuhelfen. Angesehene Familien bemühten sich, ihn als Correpetitor für ihre Söhne zu gewinnen. Als er die philosophischen Studien begann, erhielt er eine Hofmeisterstelle im Hause des damaligen Landeshauptmanns Georg Jacob Grafen von Hohenwarth. Nach vollendeten philosophischen Studien trat R., um Theologie zu studiren, in das Laibacher Seminar, wo er bald sich so hervorthat, daß ihm gestattet wurde, den dritten und vierten Jahrgang Theologie in einem Jahre zu beenden, damit er auf den Wunsch einiger einflußreicher Theologen, die R.’s Tüchtigkeit erkannten, um eine eben damals erledigte Lehrkanzel der Dogmatik concurrire. R. unterzog sich nun dem Concurse, machte denselben mit Auszeichnung und wurde, nachdem er am 31. Juli 1802 die Priesterweihe erlangt hatte, Professor der Dogmatik, welche Stelle er bis zum Jahre 1827 bekleidete. Im Jahre 1805 erhielt er überdieß das Lehramt der Religionswissenschaft an der Laibacher philosophischen Facultät und war zugleich akademischer Exhortator; auch leistete er unter Einem Dienste im theologischen Seminar, wurde dessen Director und versah dieses Amt bis zum Jahre 1823. Während der französischen Occupation Illyriens im Jahre 1809 übernahm R. die Chancelierstelle an der neu organisirten Centralschule, während Joseph Walland, der nachmalige Görzer Erzbischof, die Stelle eines [44] Regens an dieser Anstalt bekleidete. Nachdem das Land von den Franzosen erlöst worden, ernannte Kaiser Franz R. zum Director der philosophischen Studien, in welcher Stellung er bis zu seiner im Jahre 1827 erfolgten Abberufung nach Triest verblieb. In der Zwischenzeit wurde ihm im Jahre 1817 das gräflich Lamberg’sche Canonicat an der Kathedrale zu Laibach verliehen. Im Jahre 1827 ernannte Kaiser Franz den bereits im Lehramte hochbewährten und als Priester in allgemeiner Achtung stehenden R. zum Gubernialrath, geistlichen und Studienreferenten bei dem küstenländischen Gubernium zu Triest, und er begab sich, mit schwerem Herzen sich trennend von der ihm so liebgewordenen Stellung in Laibach, wo ihm bei seinem Abschiede von allen Seiten die herzlichsten Beweise der Theilnahme dargebracht wurden, auf seinen neuen Posten. Auch in diesem neuen Amte entfaltete R. eine segensvolle und einflußreiche Thätigkeit, und Kaiser Franz verlieh ihm am 18. September 1830 in Anerkennung der geleisteten ersprießlichen Dienste das durch den Tod des Bischofs Anton Leonardi’s erledigte Bisthum von Triest. Durch den Tod des Papstes Pius VIII. (1830) und die politischen Wirren jener Zeit verzog sich aber der Act der Präconisation bis zum 30. September 1831 und die Consecration fand am 18. October in der Laibacher Kathedrale Statt, am 15. Jänner 1832 erfolgte aber die bischöfliche Inthronisirung zu Triest und am 5. Februar d. J. zu Capodistria. Auf seinem neuen Posten hatte R. eine große und mühevolle Aufgabe zu lösen. Die genannten, vordem getrennten, nun aber vereinten Diöcesen befanden sich in Folge der stürmischen Zeitereignisse der letzten Jahrzehende im völlig verwahrlostem Zustande. Im Jahre 1803 war der Bischof von Triest, Ignaz von Buset, und im Jahre 1810 jener von Capodistria, Bonifaz da Ponte, gestorben. Seit dieser Zeit waren beide Bischofssitze unbesetzt geblieben. Der Clerus war unter solchen Umständen in intellectueller Hinsicht, mit wenig Ausnahmen, tief herabgekommen. Der einzelne Priester wußte über das formelle Messelesen und einige Gebetformeln hinaus geradezu nichts. Auch für die anständige Versorgung der Priester des Herrn, für eine ihrer priesterlichen Würde entsprechende Unterkunft war so gut wie nichts geschehen. Kurz, die nunmehr vereinte Diöcese befand sich im Zustande vollster Desorganisation. Hier hatte nun R. eine große und würdige Aufgabe vor sich. Sein Hauptaugenmerk richtete er zunächst auf den religiösen Unterricht der darin völlig vernachlässigten Jugend, dann auf die sittliche und intellectuelle Hebung des Priesterstandes. Eine in’s Einzelne gehende Schilderung der Wirksamkeit R.’s in den genannten Richtungen und der mit dem einem Worte väterlich am besten bezeichneten Art und Weise derselben entzieht sich dem Zwecke dieses Werkes; die in den Quellen bezeichneten biographischen Arbeiten über diesen Kirchenfürsten geben ein anschauliches Bild davon, daher auf dieselben hingewiesen wird. In seinen oberhirtlichen Functionen ließ er sich, obgleich in der letzten Zeit schwer leidend, nicht hindern und verrichtete dieselben oft mit Aufopferung aller Kräfte. Aber noch nach einer anderen Seite ist R.’s Thätigkeit bemerkenswerth. Einer seiner Biographen nennt ihn geradezu den Schöpfer einer neuen Aera der krainischen (slovenischen) Literatur. R., Dobrowsky, Kopitar und einige andere hervorragende [45] Männer des Slavenstammes hielten in Wien Berathungen hinsichtlich der Gestaltung eines neuen slavischen Alphabetes, stießen jedoch dabei an nicht zu bewältigende Hindernisse. So wendete sich denn R. nun der Veredlung und Reinigung der krainischen Sprache zu, welche deren mehr als ein anderes slavisches Idiom bedurfte. Nachdem er sich mit dem Geiste der Muttersprache vollkommen vertraut gemacht, übersetzte er vorerst Christoph Schmid’s biblische Geschichte in’s Krainische; dann unterzog er sich einer neuen Uebersetzung der fünf Bücher Mosis aus dem Originaltexte, zum Zwecke einer neuen Auflage, da die alte schon längst vergriffen und hinsichtlich der Textirung wesentliche Mängel zu beseitigen waren. Die bibliographischen Titel der von ihm herausgegebenen Schriften sind: „Abezédnik sa shole na kmétih“ u. s. w., d. i. Namenbüchlein zum Gebrauche der Landschulen in den k. k. Staaten (Laibach 1816, 8°.); – „Male povesti sa shole na kmetih ...“, d. i. Kleine Erzählungen für Landschulen (Laibach 1816, 8°.), dieses ursprünglich von Debeuz verfaßte Büchlein hat R. im Krainischen umgearbeitet; – „Kershanski katolshki návuk s’ vrashanji ino odgovori“, d. i. Christlich-katholischer Unterricht in Fragen und Antworten (Laibach 1822, 8°.), aus dem Deutschen des J. M. Leonhard übersetzt und von R. anonym herausgegeben; – „Sgodbe svetiga pisma sa mlade ljudi is nemshkiga ... Pervi, drugi trétji ino zheterti del“, d. i. Biblische Geschichten für die Jugend, 4 Theile (Laibach 1815 bis 1817, 8°.), Uebersetzung von Christoph Schmid’s biblischer Geschichte für Kinder; – „Perpomozhik bogá prav sposnati i zhastiti ino pot prave srezhe po Jesusovim vuku in shivlenju“, d. i. Anleitung zur Kenntniß und Verehrung Gottes nebst Anweisung zur Glückseligkeit nach dem Leben und der Lehre Jesu (Laibach 1813; 2. Aufl. 1816, 8°.), eine Uebersetzung des deutschen Andachtsbuches des Bischofs Anton Gall; – „Sveta masha ino kershansko premishlovanje is svetiga pisma na vsak dan mesza, tudi druge lepe molitve ...“, d. i. Die heilige Messe oder christliche Andacht aus der heiligen Schrift auf alle Tage des Jahres und andere schöne Gebete u. s. w. (12. Aufl. Laibach 1813; 16. Aufl. 1826, 12°.). dieses Andachtsbuch, eine Uebersetzung des französischen von Abbé F. P. Mezanguy: „Exercices de piété, tires de l’ecriture sainte etc.“, hat ursprünglich Georg Gollmayr bearbeitet; Raunicher besorgte aber von der 12. Ausgabe an die folgenden und hat die Uebersetzung wesentlich verbessert, der 13. Ausgabe auch Erläuterungen beigefügt, welche jedoch in den folgenden weggelassen wurden. Kein anderes Andachtsbuch erlebte so viele und so starke – nicht Geibel’sche – Auflagen, die 16. zum Beispiel war 8000 Exemplare stark. Endlich aber, da der Priester in Krain mit dem Landvolke zunächst in der Muttersprache verkehrt, die Predigten und Katechisation in derselben zu halten hat, erblickte R. in der Errichtung einer slovenischen Lehrkanzel das geeigneteste Mittel, um die Sprache zu heben, sie von den vielen, aus dem Deutschen, Wälschen und Magyarischen entlehnten, den Wohlklang und Charakter theils störenden, theils entstellenden Ausdrücken zu reinigen und ihr einen volksthümlichen Charakter zu verleihen. Er berieth sich in dieser Angelegenheit mit dem in Krains Andenken als Mäcen fortlebenden Sigmund Freiherrn von Zois und mit dem berühmten Slavisten [46] Bartholomäus Kopitar und seiner durch die Mitwirkung der Genannten unterstützten Bemühung gelang es, die Errichtung einer slavischen Lehrkanzel zu erwirken und den Besuch der slovenischen Vorlesungen für Theologen des 2. Jahrganges zum Obligatstudium zu machen. R. starb im Alter von 69 Jahren. Die Nachricht von seinem Tode wurde zunächst von der Triester Bevölkerung, aber auch im ganzen Lande mit den Zeichen allgemeiner, wahrempfundener Trauer aufgenommen. Als er auf dem Paradebette lag, wallfahrtete die Bevölkerung der Hafenstadt ungeachtet der äußerst ungünstigen Witterung nach der Stätte, um den geliebten Oberhirten noch einmal zu sehen, und außer den Würdenträgern aller Stände erwiesen ihm auch die Vorstände aller Confessionen die letzte Ehre. R. ruhet auf dem St. Anna-Friedhofe bei Triest begraben. Das kleine, von ihm hinterlassene Vermögen ging in frommen Stiftungen auf. Nach Punct 5 des Testamentes stiftete er 6000 Gulden auf jährlich unter die Diöcesanseelsorger zweckmäßig zu vertheilende, gute theologische oder sonst in die Seelsorge einschlagende Bücher mit Beseitigung aller auf Aberglauben, Obscurantismus u. s. w. hinauslaufenden, wieder sehr häufig (1845) auftauchenden Machwerke. Vorzüglich soll hiebei der junge, in die Seelsorge tretende und allenfalls der arme, noch studirende Clerus mit den nöthigen Schulbüchern bedacht werden. Nach Punct 6 stiftete er 4000 fl. auf gut gewählte religiöse Volksschriften u. s. f., welche das Ordinariat zweckmäßig an die Curatgeistlichkeit zur Vertheilung unter geeignete Individuen zu verabfolgen hat.

Shivljonje milosp. Gospoda Mateusha Ravnikaraja ..., d. i. Lebensbeschreibung des Herrn M. Raunicher u. s. w. Beilage zu Nr. 50 des Jahrgangs 1845 der von Dr. Bleiweis redigirten Zeitschrift „Novice“ [nach dieser wäre R. 94 Jahre alt geworden, das ist falsch, R. erreichte das 69. Jahr]. – L’Istria 1847, Nr. 12. – Drobtince za nove leto 1858. Na svetlo dal Mihael Stojan (Celovec, 8°.) p. 81–107: „Mateuž Ravnikar“. Zapisal Jož. Kovačić. – Časopis českého Muzeum, d. i. Böhmische Museal-Zeitschrift (Prag, 8°.) Jahrg. 1833, S. 166. – Paul Joseph Šafařík’s Geschichte der südslavischen Literatur. Aus dessen handschriftlichen Nachlasse herausgegeben von Jos. Jireček (Prag 1865, Friedr. Tempsky, 8°.) I. Slovenisches und glagolitisches Schriftthum, S. 37, 51, 90, 120, 128, 136, 145. – Narodne Noviny (Zaratiner Journal) 1863, Nr. 226, im Feuilleton: „Kratak pregled slovenske literature“.