Der 2. Glaubensartikel/Unter Pontio Pilato

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« Jesus Christus ist mein Herr Hermann von Bezzel
Der 2. Glaubensartikel
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1. Tim. 6, 12–14. 
Unter Pontio Pilato!


 Daß in dem Glaubensbekenntnis kein Glaubenszeuge aufgeführt wird, der durch Beispiel und Vorbild andere in ihrem Glauben stärken und vor dem Scheinglauben bewahren könnte, ist ein Wunder. Ich weiß nicht, ob ihr euch schon darüber besonnen habt, wie eigenartig das ist: kein Johannes und sein Zeugnis von Christo, kein Paulus und seine Weisheit vom Kreuz, kein Petrus mit seiner Rede von dem, der uns nicht mit Gold oder Silber, sondern mit seinem heiligen teuren Blut erlöst hat, (1. Petr. 1, 18 u. 19), kommt im Glaubensartikel vor, sondern der Vertreter des Unglaubens. Das ist eben die Weisheit der Kirche, daß sie den Glauben durch seine Feinde erweist; daß sie nicht von überall her Anleihen macht, um den Glauben zu stärken, sondern die Gegensätze und die Feinde des Glaubens heranführt, damit man wisse, was es um den Glauben sei, nämlich um den Sieg sowohl über die Beweise, als über die Widersprüche.

 Wenn moderne Menschen, auch Menschen, die noch glauben wollen, einander den Glauben stärken, so bringen sie eine Menge von Zeugen herbei: dieser Feldherr hat geglaubt, dieser Dichter hat gehofft, dieser Künstler hat an Jesum sich gehalten und dieser Geschichtsschreiber fällt ein günstiges Urteil über ihn, also darf und kann auch ich es. Es gibt nichts Geringeres, ich möchte sagen, nichts Kindlicheres, als diese Art, den Glauben zu stützen. Wenn mein Glaube nicht durch das gehalten wird, woran er glaubt, so wird er nicht durch die gehalten, die ihn teilen; und wenn mein Glaube nicht durch die Gegnerschaft erwiesen wird, so wird er durch die Freundschaft nicht gestärkt.

|  Darum preise ich meinesteils die Kirche und ihre Weisheit, daß sie in das große Geheimnis unbegreiflicher Art, in das Geheimnis von dem Gotte, der Mensch ward, und von dem Menschen, der Gott blieb, keinen anderen Namen hereingeschrieben hat, als den Namen seines Feindes. So beweist man seinen Glauben.

 Unter Pontio Pilato angefochten, verfolgt, verhöhnt, verdammt, verdächtigt, unter Pontio Pilato gekreuzigt, gestorben und begraben – und dennoch der Christ Gottes! Unter Pontio Pilato als ein Nichts erwiesen und dennoch meiner Seele ihr Alles! Unter jenem Namenlosen, einem Manne, den das ärmste Schulkind kennt, den der gelehrteste Forscher nicht kennen würde, wenn er nicht im Glaubensartikel stünde, unter diesem Namenlosen und doch viel Genannten lischt das Licht der ewigen Allmacht aus, aber nicht um im Dunkel zu bleiben, sondern um wieder zu leuchten und das Licht der Welt zu sein.

 Vier Worte möchte ich euch an diesem einen: „unter Pontio Pilato“ darlegen. –


I.
 Pilatus heißt nach neuerer Forschung: der Freigelassene, der Mann mit dem Hute, den bei den Römern die freigelassenen Sklaven trugen. Hier der Freigelassene, der Mann des Knechtssinnes und der Sklavenlaune, der Mensch, von dem zeitgenössische Schriftsteller sagen, er wäre unbeugsam in seinem Haß, abhängig von allen Menschenlaunen, der mehr auf die Qual des jüdischen Volkes als auf seinen eigenen Vorteil bedacht gewesen. Hier der Mann, der alles was er ist und was er hat, der Gunst des römischen Kaisers verdankte. Dort der, der von sich sagt: „So euch der Sohn frei macht, so seid ihr recht frei!“ (Joh. 8, 36.) Das nennt man in meinen Augen Pragmatik der Geschichtsschreibung, wenn man die Gegensätze so ungesucht und ungekünstelt und darum so wirksam aufeinander treten läßt:| hier der Freigelassene, der Mann ohne innere Freiheit, dort der Gebundene, der Hort alles Freien! Hier der Mann, dem die Laune die Stimmung, dem die Stimmung die Neigung, dem die Neigung den Willen regiert; dort der, der da spricht: „Das ist meine Speise, daß ich den Willen tue meines Vaters und vollende sein Werk!“ (Joh. 4, 34.) Dort der Mann, der die ewige Freiheit im Gehorsam findet, hier der Sklave, der den Gehorsam leugnet, weil er abhängig ist! Jesus, der Inbegriff aller Freiheit: wenn ein Gedanke dich von dir selber losmacht, dich über dein Wesen und dein Leben, über deine Umgebung, über deine Angst und deine Sünde, deine Sorge und deinen Stand hinaushebt, so kommt er von ihm. Wenn ein Gedanke durch deine Seele zieht, der dich eine kleine Weile in ewiger Freiheit, all deine Wünsche nur in deinem Heiland leben läßt, so rührt er von ihm. Und wenn du einmal mit dem sehnlichen Erwachen dich findest, wie es sein müsse, von Sünde und Sorge ewig frei zu sein, wie man da in der Luft der Freiheit sich baden und erquicken könne, so war er es, der dir diesen Gedanken schenkte, Vorschmack einer ewigen Wirklichkeit, Angeld einer seligen Wahrheit.
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 So euch der Sohn frei macht, der gebundene, geknechtete, unterjochte und verworfene Sohn, so euch der frei macht, den die Weisheit der Welt mit ihren Trugschlüssen, den der Unglaube der Welt mit seinen Leugnungen, den die Gewalttat der Menschen mit ihrer Grausamkeit gebunden hat, so euch der frei macht, der mit einer einzigen Bewegung auch die schwersten, ehernen Fesseln von sich streift, so seid ihr recht frei. Denn es gibt keine Fessel – sei es, daß sie deinem Leben sich anschmiegte und es umtoste, sei es, daß sie in dein Leben einschnitte und es bände – die er nicht selbst erfahren und erlitten hat. Es gibt keine Gebundenheit – sei sie so angenehm, daß man sie nahe an sich herannimmt, um ja unter ihr zu leiden, sei sie so schwer, daß man sie immer von sich abstößt, um ja nicht mehr unter ihr zu schmachten –, die er nicht| persönlich getragen hätte. Wen er frei macht, der soll wissen: ich bin frei geworden durch die Gebundenheit eines Freien. Frei werden durch einen Freien, das ist menschlich; befreit und erlöst werden durch einen, der aller Bande los und ledig ist, das ist begreiflich. Aber frei werden dadurch, daß ein anderer sich bindet und sich binden läßt mit allen Fäden an die Welt, mit allen Fesseln an die Hölle, mit allen Schrecken an den Tod – das ist Gottes!

 Wie sinkt die Gestalt des freigelassenen Römlings, des armseligen Pilatus, des Mannes, den eine vornehme Familie in ihren Umkreis aufnahm, vor der Gestalt und der Gewalt des Nazareners in ein Nichts zusammen! Und neben Pilatus stehen alle die geschichtlichen Größen, die Befreier der Völker, die Erlöser von Irrtum und Täuschung, die Entdecker, die Erfinder, die Eroberer – wie verklingen und verblassen auch ihre Namen vor dem, der über alle Namen ist, der da eine ewige Erlösung erfunden, der durch die Flucht und den Fluch der Sünde das Paradies uns entdeckte, der uns die Heimat vererbt hat, da er die Niederlage am Kreuze erlitt, der uns aus unserer Knechtschaft durch seine Gefangenschaft befreite. Alle geschichtlichen Größen, die ihr mit Goldbuchstaben in den Büchern der Geschichte ausgezeichnet findet, sinken zusammen, wie nur je ein leiser, loser Gedanke vor der ewigen Wahrheit zerstiebt. Hier ist der, der euch recht frei macht. Denn alle Eroberer, Entdecker und Erfinder haben eine kleine Freiheit aufgetan und hinter ihr gähnte schon neue Knechtschaft.

So hoch war nie ein Mensch gefürstet,
So auserkoren war kein Mann,
Daß, wenn die Welt nach Freiheit dürstet,
Er ihr die Freiheit geben kann.

 Nur einer erhebt sich mit gebundenen Händen am Kreuzesstamme und ruft: „Kommt her zu mir alle, die ihr gebunden,| mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“ (Matth. 11, 28.) Und wie ein Hohn klingt es durch die Welt und wie ein Sieg klingt es denen, die es glaubend empfinden: „Er macht uns durch seine Bande frei!“


II.
 Und nun das zweite Wort: unter Pontio Pilato. Die Gemeinde lauscht dem höhnenden Worte dieses Skeptikers, vor dem der große, heilige Mann der seligen Gewißheit steht und spricht: „Wer aus der Wahrheit ist, der höret meine Stimme!“ (Joh. 18, 37), worauf menschliche Verneinung, leerer Zweifel hohläugige Gedankenschwäche spricht: „Was ist Wahrheit?“ (Joh. 18, 38.) Viele Priester haben im Laufe der Jahrhunderte gesagt: Wir sind die Besitzer der Wahrheit und dann war es doch Täuscherei. Und viele Philosophen haben sich in ihre großen Forschungen und Systeme eingehüllt und stolz und selbstzufrieden gesagt: Das ist Wahrheit! Und schon rauschten die Füße derer, die sie begruben, vor der Türe und nach wenigen Jahren war ihre ganze Philosophie verlacht und verfallen. So viele haben im Namen der Wahrheit gelogen, so viele die Wahrheit zur feilen Dirne erniedrigt. Mengen von Forschern, Scharen von Denkern, große Chöre der Priester haben die Wahrheit gepredigt. Und als man näher zusah, war es eine mit etlichen von der Wahrheit geborgten Fetzen bekleidete Puppe oder Larve, die in sich zerfiel. Am Ende einer großen Forschungszeit, am Ende einer großen Philosophie, die über Griechenland hinüber nach Rom zog, am Ende der großen Gräberstraße, über die einst neben dem Philosophen Seneca der arme Teppichweber Paulus ging, steht höhnend, gähnend, trotzend die Frage: „Was ist Wahrheit?“ Und wenn ihr jetzt in die Zirkel der sogenannten Gottsucher, in die heimlichen Kreise der sogenannten Theosophen, die weder von Gott noch von der Weisheit sind, geht, und wenn ihr die moderne| Aufklärung mit ihrem aufjauchzenden Bekenntnis vom selbsterwählten, selbsterzeugten Lichte hört, so rufen sie euch: Kommt, kommt her zu uns, nicht etwas von Wahrheit, nicht ein Stück der Wahrheit, nein, die Wahrheit voll und ganz wohnt bei uns. Und dann kehrt ihr heim und merkt, daß dieses Gold in Trübsalsnöten, in Herzensfinsternis, am Lebensabend sich in Kohle verwandelt, und ihr seid so leer und so hohl. Was ihr hattet, das habt ihr verloren und was ihr gewonnen, das hat euch nichts genützt!
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 Was ist Wahrheit? so fragt der zweifelnde, höhnende Römer den, der da spricht: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ Ist denn das Menschenherz fähig, die Wahrheit aufzunehmen? So gewiß draußen das dürre Feld in allen seinen Schollen und Krumen und in den entlegensten Orten und Winkeln nach Regen dürstet und den Regen lebens- und freudenvoll in sich aufnimmt, daß die Gräslein wieder lebendig werden und die Erde wieder nachgibt und dem Regen sich auftut, so gewiß ist die Menschenseele zur Wahrheit angelegt. Denn, spricht die alte Weisheit, er hat uns die verborgene Ewigkeit ins Herz gesenkt. Es ist in deiner Seele ein Raum, den nur eines wirklich füllen kann, ein Verlangen, das nur Einer wirklich stillen kann, eine Frage, die nur Einer wirklich lösen darf. Und dieses Verlangen heißt: Wo finde ich Wahrheit? Müde von den Enttäuschungen, die ich erlitt, matt durch das, was ich als Wahrheit ansprach und was Irrtum war, viel gequält durch all das Verlangen, das meine Seele erregte, aber nicht stillte, frage ich hinaus in die Weite, gehe ich hinein in die Enge, steige ich hinab in die Tiefe, fahre ich über mich hinaus in die Höhe, immer mit einer Frage: Was ist Wahrheit? Lehre es mich, so du es weißt, gib sie mir! Gib mir die Wahrheit, daß ich an ihr genese. Ich bin von der Lüge innerlich ausgebrannt und ausgedörrt. Mein ganzes Leben war Lüge, und ich belog mein Leben. Von dem| ersten Tage an, da ich ins bewußte Leben eintrat bis zur gegenwärtigen Stunde habe ich Rollen gespielt. Mein ganzes Leben war ein Verlangen mehr zu scheinen, als ich bin. Meine ganze Arbeit ging dahin, zu verbergen, was an mir ist und darzustellen, was nicht in mir ist. Und so habe ich mich in eine Summe von Täuschungen hineingesteigert und habe meine Umgebung getäuscht und schließlich wußte ich nicht mehr, ob ich es wirklich bin, oder ob ich ein Schatten sei. So wird der Mensch, der von seinem Gott zum Original geschaffen, allmählich zur elenden Karikatur und sinkt als solche ins Grab. So wird der Mensch, der sein Leben lang Rollen spielt, Schauspieler ist und nicht den Mut hat, sein Selbst zu sein! Ach, in stillen Stunden, da nicht das scharfe Urteil der Welt uns quält, sondern das zu gute – denn wir werden immer zu gut beurteilt, nie zu schlecht – in einfachen Gnadenaugenblicken, da unser Herr zu uns spricht: „Mensch, wie lange willst du noch Komödie spielen? Tue Rechenschaft von deinem Haushalt!“ (Luc. 16, 2.) – da geht es durch unsere Seele wie ein Verlangen nach verlorener Kindheit und ihrer Unschuld: Gib mir die Wahrheit! Und wenn sie mich tötet – in ihr werde ich lebendig. Und wenn sie mich entseelt – in ihr finde ich Frieden. Gib mir die Wahrheit! Zeige sie mir in einer Persönlichkeit, daß ich genese. Ich will keine leere, in Lehrsätze gefaßte, an Systeme gebundene Wahrheit. Ich will einen Menschen, der die Wahrheit ist. Was ist Wahrheit? Ich bin die Wahrheit. „Kein Betrug ist in seinem Munde erfunden,“ sagt Petrus, (1. Petr. 2, 22.) Das ist noch zu wenig. Das wäre etwas Starres, Unnahbares, Unnatürliches. Nein, daß er in jedem Blick echt, in jedem Gedanken rein, in jedem Worte lauter, in seinem Werk und Wesen ganz er selber ist. Das läßt uns an ihm genesen. Heilige uns, betet nun eine arme, verlorene, verdammte Gemeinde, heilige uns in deiner Wahrheit! (Joh. 17, 17.) Nimm uns das letzte, auch das, woran ich mich gewöhnt, weil ich meinte,| es wäre echt; zertrümmere mich, verwirf mich, zerbrich, zerstöre mich, aber heilige mich in deiner Wahrheit. Seht, Systeme haben wir gerade genug, und unsere Kirche ist an den Systemen verarmt. Die Theologie macht die Kirche nicht frei, sondern der Glaube. Unsere Kirche hat sich durch ihre Systeme der Einfalt des Blickes beraubt. Nun werfen wir, weil wir sonst in Systemen erstarren, alles weg und bitten nur um das eine: „Richte meinen Weg zur Wahrheit!“ „Ich bin die Wahrheit, nicht: ich biete Wahres; nicht, ich sage Wahres, das ist viel zu wenig. Sondern alles, was wahr ist, muß in mir seinen Ursprung und an mir sein Maß haben. Was in mir besteht, und wenn es unmöglich erschiene, das ist wahr; was vor mir nicht besteht und wenn es durch tausend Eide erhärtet würde, das ist Lüge.“ Was in Christo sich bewährt – und wenn es das größte widerspruchsvollste Bild wäre –, das ist echt. Gibt es eine größere Unwahrheit, als am Grabe zu sagen: der Tote lebt! und doch ist es Wahrheit. Und von dieser Wahrheit lebst du mit den Deinen. Gibt es eine größere Unwahrheit, als zu sagen: „Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark!“ (2. Kor. 12, 10.) Und es ist doch so. So gewiß das Kreuz das Zeichen des Sieges ist, so gewiß ist es auch: „Wenn ich schwach bin, so bin ich stark.“

 Seht, das ist das zweite Wort, das in der Gegenüberstellung von Christo und Pilato uns entgegentritt. Alles ist Täuschung außer ihm. Wer ihn sieht, der sieht die Wahrheit, nicht in dem starken Glanze, vor dem die Augen brechen und das Herz erschauert, sondern in dem milden Lichte, das da den Armen den Frieden gibt. Wahrheit, die dich entseelt, ohne dich lebendig zu machen, ist vom Teufel; denn er hat auch Wahrheit. Wahrheit, die dich beugt, ohne dich aufzurichten, ist aus der Hölle. Seine Wahrheit ist Schirm und Schild; sie vernichtet und erhält, sie entseelt und macht lebendig, sie nimmt dir alles und gibt sich dir selbst.


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III.
 Und das dritte Wort: „Ich finde keine Schuld an diesem Menschen.“ (Joh. 19, 6.) Wie hat Israel Jesum verklagt! Wie hat das Priestertum des heiligen Volkes seinen Hohenpriester verstoßen! Alle Schmach haben sie auf ihn geladen, alle Laster ihm angedichtet, alle Vorwürfe auf ihn gehäuft. Hilflos steht der Heide da und spricht: „Ich finde keine Schuld an diesem Menschen!“ Und sein Weib läßt ihm sagen: „Habe du kein Teil an diesem Gerechten! (Matth. 27, 19.) Daß das Heidentum aufstehen muß, und der Unglaube sich zum Schutze Jesu erheben, und der Zweifel ihn verteidigen muß, das ist der Triumph Jesu Christi. „Ich finde keine Schuld an diesem Menschen!“ Und als ob der Gemeinde eine neue Offenbarung würde, rauscht es durch ihre Saiten, geht es zu tiefst durch ihr Herz und Gemüte, klingt es durch ihre Lieder, dringt es durch ihre Weisen, geht es über sie selbst hinaus: O Lamm Gottes, unschuldig! „Keine Schuld“ – ob auch die Lüge, die die Jahrhunderte mit ihrer Kritik auf ihn richten, noch schärfer wäre als sie ist, ob alle Dichter, Denker, Forscher, Kritiker und Skeptiker mit erneutem Scharfsinn gegen ihn sich wenden – eher müßten sie das ganze Bild leugnen, ehe sie einen Flecken an ihm fänden; eher müßten sie mit dem Scheidewasser ihrer Kritik das ganze Bild, das die Wahrheit mit der Farbe der Keuschheit gemalt hat, auflösen und zerfließen lassen, ehe sich ein Schatten auf dem allerheiligsten Antlitz erwiese. „Keine Schuld!“ Achtzehn Jahrhunderte haben einander die Arbeit übergeben: suche und finde Schuld an diesem Nazarener! Forsche so lange in seinen Worten, grabe so lange in seinen Werken, spüre so lange in seinen Taten, in seiner Nachfolge, bis du seine Schmach entdeckst! – Und ein Jahrhundert hat zum andern sagen müssen: ja, er ward zur Sünde gemacht und zum Fluch mißgestaltet, aber in ihm war keine Schuld. Das ist die Apologie und Verteidigung Christi,| wie wir sie erwarten, daß die Feinde, die Gleichgültigen, die ihm Abgewandten, daß die uninteressierte Heidenwelt sagt: an diesem Menschen ist Schuld zu suchen vergeblich! Und solange der Zweifel und die Bedenken und die Gleichgültigkeit dieses Bild anschauen, bald mit Mitleid, bald mit schneidendem Hohn, bald mit innerlichster Gleichgültigkeit, immer wieder ringt sich das Bekenntnis los: „Ich finde keine Schuld an diesem Menschen!“ In dieses uninteressierte, vorurteilsfreie Wort wollen wir unser Wort hineinlegen, so warm wir es können und so innerlich wir es vermögen, und sagen: „Welcher keine Sünde getan hat, ist auch kein Betrug in seinem Munde erfunden.“ (1. Petr. 2, 22.)

 O, mein Christ, ein sündloser Sünder – welch eine Lüge, welch eine Wahrheit! Ein fleckenloser, tausendfach Befleckter – welch ein Widerspruch, welch eine Größe! Ein tausendfach Belasteter, Geschmähter und Gelästerter, an dem der Welt Sünde im Zerrbild zu erkennen, – und doch, durch die fürchterliche Karikatur, die die Sünde auf ihn häufte, leuchtet die reine und ungeschminkte Schönheit des Gottmenschen: „Er ist rein.“ Sie haben ihn angeklagt, und er hat geschwiegen, sie haben ihn verlästert, und er sprach nichts dagegen, sie haben ihm die Ehre tausendmal abgesprochen, und er hat das Gericht dem befohlen, der recht richtet, (1. Petr. 2, 23.) Keine Schuld an diesem Menschen!


IV.
 Und das letzte Wort ist doch das größte. Als Pilatus, der Mann, der so viele Eindrücke in sich aufgenommen hatte, vom Kaiser Tiberius an in Rom bis hinein in die Burg Antonias in Cäsarea, als Pilatus Jesum sah mit dem schlechten Soldatenrock angetan, mit dem Szepter in der Hand und der Dornenkrone auf blutiger Stirne, von Blut überströmt und mit Schmach überhäuft, da hat es den Mann übermannt und er hat das Wort| gesprochen, das die Seele nicht vergessen kann, bis sie ihn zum ersten Male von Angesicht zu Angesicht erblicken darf: „Sehet, welch ein Mensch!“ (Joh. 19, 5.) Pilatus hat den Menschen wohl in allen Phasen des Lebens gesehen: in seiner Ärmlichkeit, in seiner Erbärmlichkeit, Käuflichkeit, Schande, Hochmut, Torheit, in all der Unlauterkeit, deren nur ein Mensch fähig ist, in aller Armseligkeit, deren ein Mensch sich schämt, in allen Rollen, die der Mensch sich bis zu dem Augenblick zurechtlegt, da der Tod ihm die Maske von Auge und Antlitz reißt; er hat die ganze Komödie der Menschen um ihn her angesehen mit verschränkten Armen, selbst ein Komödiant. Und er hat die Komödianten hinabsteigen sehen von der Weltbühne, nicht unter dem Beifall der Menge, sondern unter dem Hohngelächter der Hölle. Das hat er alles gesehen. Aber solch einen Menschen, dem der Schmerz die Menschenwürde zerriß, dem die Sünde das heilige Antlitz durchfurchte und der Hohn die letzten Gaben und Kräfte zerschlug und zerpflügte, solch einen Menschen sah er nie. Das war nicht der verklärte Schmerz, wie ihn die Antike in Dichtkunst und Kunstwerk darstellte, das war nicht des Schmerzes höchster Adel und heilige Würde, das war Schmerz aus tiefster Schmach und Ungebühr; und überwältigt von dem schweigenden Tragen von Schmerz und Schmach, in die Sünde und Tränen der Menschen Farbe und Form fügten, ruft Pilatus aus: „Sehet, welch ein Mensch!“

 Wenn wir von der ganzen großen Passion unseres Heilandes kein anderes Wort wüßten, als dieses eine: „Sehet, welch ein Mensch!“ so würden wir sagen: „Wahrlich, dieser ist ein frommer Mensch und Gottes Sohn gewesen.“ (Luc. 23, 47.)

 Das alles ist enthalten in dem einfachen Wort: unter Pontio Pilato.

 Wer das recht ins Herz faßt, wie sich die ewige Freiheit einem armen Sklaven zu eigen gibt, wie die ewige Wahrheit sich der| Lüge zum Knechte stellt, wie die ewige Heiligkeit in der ungerechten Hand verröchelt und wie der Einzige, der das Gottesbild der Menschheit in sich erfüllt, in allen Mißzeichnungen und Mißstellungen langsam verblutet, der kann sprechen: „Durch deine Wunden bin ich geheilet.“ (Jes. 53, 5.) Denn wenn einer solche Gegensätze in sich aufnimmt, tödlicher Art, die sein Leben vernichten müssen und dabei sein Leben bewahrt, so ist er über Menschenmaß und Menschenart nach seiner Größe, unter Menschenmaß und Menschenart nach seinem Dienste, in Menschenmaß und in Menschenart nach seinem Leiden und für Menschenmaß und für Menschenart nach seiner Liebe. Sehet, welch ein Mensch!

Mein Lebetage will ich dich
Aus meinem Sinn nicht lassen,
Ich will dich stets, gleich wie du mich,
Mit Liebesarmen fassen.
Du sollst sein meines Herzens Licht,
Und wenn mein Herz in Stücke bricht,
Sollst du mein Herze bleiben.
Ich will mich dir, mein höchster Ruhm,
Hiermit zu deinem Eigentum
Beständiglich verschreiben.

Amen.



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